Alle Arten auf der Welt
Sind im Wesen gleich,
Wie der Ozean so weit!
Tausendfältige Gedanken
Sind doch letzten Endes nichtig;
Vielfalt strömt in Einigkeit!
Einst, wenn dieser Weg vollbracht
Und das Werk getan nach Jahren,
Wird vollkommene Transzendenz
Rund und hell sich offenbaren.
Lasse nicht Urteile irren
Zwischen West und Ost;
Halte deine Sinne fest im Zaum!
Sammle sie und lass sie ruhen
In des Elixieres Herd;
Bis sie rein geläutert sind
Wie der Goldne Rabe rot.317
Alsdann schwebst du klar und heiter
Wunderbar gelind dahin,
Fliegst auf Drachen ein und aus,
Ganz nach deinem freien Sinn!318
Wie berichtet wurde, hatte Tripitaka die Anweisungen von Guanyin befolgt und Pilger wieder bei sich aufgenommen, und so löste er sich gemeinsam mit Bajie und Sandmönch von der Zweiheit des Herzens. Alle schlossen sie nun Pferd und Affe in sich ein und strebten wie ein Herz und eine Seele mit vereinten Kräften dem Westen entgegen. Es lässt sich kaum erzählen, wie rasch die Zeit verging; Sonne und Mond fuhren am Himmel dahin wie Weberschiffchen, bald legte sich die Sommerhitze, und von neuem überzog der kühle Herbst die Felder mit Raureif. Während Meister und Schüler ihres Weges gingen, kam es ihnen vor, als würde es allmählich heiß. Schließlich zügelte Tripitaka sein Pferd und fragte: »Wir haben doch Herbst, woher kommt auf einmal diese Hitze?«
Bajie antwortete: »Ich habe mal gehört, auf dem Weg in den Westen soll es ein Land namens Surya geben, das dort liegt, wo die Sonne untergeht. Im Volksmund heißt es das ›Ende des Himmels‹. Der König dieses Landes schickt jeweils zu den Stunden Shen und You am späten Nachmittag Leute auf die Stadtmauer, die Trommeln zu rühren und das Horn zu blasen. Denn wenn die Sonne, das Wahre Feuer der höchsten Yang-Kraft, im Westlichen Ozean versinkt, ist das nicht anders, als wenn man einen glühenden Gegenstand ins Wasser hält; das zischt und spritzt wie wild. Wenn man das Ohr nicht mit dem Lärm von Trommel und Horn unempfindlich machen würde, könnte das Getöse die kleinen Kinder jener Stadt schlicht umbringen. Bei dieser sengenden Hitze müssen wir wohl da angekommen sein, wo die Sonne untergeht.«
Als Pilger das hörte, konnte er ein Kichern nicht unterdrücken und meinte: »Ach Tölpel, schwatz doch keinen Unsinn! Im Lande Surya sind wir noch lange nicht! So wie uns der Meister mit immer neuen Gedanken aufhält, könnten wir gut und gerne von klein auf wandern, bis wir alt sind, und von neuem wandern, bis wir wieder klein sind; ganze drei Leben lang könnten wir reisen und wären noch immer nicht da.«
»Aber Bruder«, warf Bajie ein, »falls es stimmt, dass wir noch nicht beim Sonnenuntergang sind, wie erklärt sich dann diese schreckliche Hitze?«
Sandmönch meinte: »Wahrscheinlich ist das Klima durcheinandergeraten, dass im Herbst noch mal der Sommer herrscht.«
Während die drei hin und her berieten, gewahrten sie an der Landstraße ein Gehöft. Das Haus war mit roten Ziegeln überdacht und von einer roten Backsteinmauer umgeben, hatte rotgestrichene Torflügel und rotlackierte Holzbänke. Alles war rot. Tripitaka stieg aus dem Sattel und sprach: »Wukong, geh mal hin und frag die Leute, warum es so heiß ist!«
Der Große Heilige steckte seine Eisenstange zurück und lief von der Landstraße zum Eingang des Hauses. Dort trat ein alter Mann heraus, der gewaltig erschrak, als er plötzlich Pilger vor sich sah. Auf einen Bambusstock gestützt rief er: »Wo kommst du her, du komischer Kauz, was hast du vor meiner Tür zu suchen?«
Pilger grüßte höflich und sprach: »Werter Spender, fürchtet Euch nicht, ich bin kein komischer Kauz, sondern ein einfacher Mönch aus dem großen chinesischen Kaiserreich im
Osten. Ich pilgere mit meinem Meister und zwei Ordensbrüdern auf Geheiß des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Hier an Eurem werten Orte dünkt uns das Wetter gar heiß. Nun können wir zum einen nicht verstehen, wie diese Hitze kommt, und zum anderen wissen wir auch nicht, wie dieser Ort heißt. Daher bin ich nun gekommen, um von Euch das eine oder das andere zu erfahren.«
Da beruhigte sich der Alte und sprach lächelnd: »Verzeiht, werter Priester! Mir altem Manne war wohl gerade der Blick getrübt, dass ich Euer wertes Antlitz nicht erkannt habe. Wo ist denn Euer Meister? Lasst ihn nur kommen, herein, herein!«
Pilger winkte den anderen; Tripitaka kam mit Bajie, Sandmönch, Pferd und Gepäck herbei und begrüßte den Alten. Wie der Alte die ebenmäßigen Züge Tripitakas und die bizarren Gesichter Bajies und Sandmönchs sah, empfand er Freude und Schrecken zugleich. Er bat alle ins Haus, hieß sie Platz nehmen und beauftragte sein Gesinde, Tee anzubieten und Reis aufzusetzen. Tripitaka stand auf, bedankte sich und sprach: »Werter Herr, wir haben doch schon Herbst; warum ist es an Eurem geschätzten Orte immer noch so brennend heiß?«
Da erklärte der Alte: »Unsre öde Gegend gehört zum Flammengebirge, hier gibt es weder Herbst noch Frühling; jede Jahreszeit ist heiß.«
»Wo liegt denn das Flammengebirge?« fragte Tripitaka, »doch nicht etwa auf dem Weg nach Westen?«
»Nun, gen Westen kommt ihr nicht weiter«, meinte der Alte entschieden. »Das Gebirge liegt sechzig Meilen weit von hier genau auf dem Weg nach Westen. Sein Flammenmeer erstreckt sich über achthundert Meilen, und ringsum wächst kein Grashalm. Selbst wenn da einer mit Kupferschädel und ehernem Leibe hinüber wollte, müsste er schlicht in der Hitze zergehen.«
Tripitaka erblasste vor Schrecken und wagte nicht weiter nachzufragen. Beim Tor tauchte nun ein Mann auf, der einen roten Wagen vor sich hin schob; er blieb stehen und rief: »Backwerk zu verkaufen!«
Der Große Heilige zupfte sich ein Pelzhaar aus, machte es zu einer Kupfermünze und bat den Mann um ein Stück. Dieser nahm das Geld entgegen, hob die Decke an, die über den Wagen gebreitet war, und zog darunter ein dampfend heißes Stück Kuchen hervor. Als er es Pilger in die Hand legte, war es, als hätte er ein Stück glühende Kohle aus dem Feuer genommen.
»Heiß, heiß!« schrie Pilger auf, »das kann ich doch nicht essen!«
»Wenn Ihr diese Hitze nicht vertragt, dann kommt lieber nicht in unsere Gegend. Hier ist alles so heiß«, lachte der Verkäufer.
»Aber guter Mann«, warf Pilger ein, »Ihr scheint mir nicht recht klug. Es heißt doch ›ohne Kälte und Hitze wird das Korn nicht reif‹; woher also kommt das Mehl für Euer Gebäck, wenn es hier derart heiß ist?«
»Wenn’s um Mehl für Kuchen geht, so fragt die Unsterbliche mit dem Eisenfächer«, gab der Mann zur Antwort.
»Was hat es mit dieser Unsterblichen auf sich?« interessierte sich Pilger.
»Die Unsterbliche mit dem Eisenfächer besitzt einen Fächer aus dem Blatt einer Bananenpalme«, berichtete der Mann, »wenn man den kriegt, kann man mit einem Fächerschlag das Feuer löschen, beim zweiten Schlag kommt Wind, und beim dritten fällt Regen. So können wir die Saat auswerfen, beizeiten ernten und haben genügend Korn, uns zu ernähren. Ansonsten würde hier wahrhaftig kein Gräslein wachsen.«
Nachdem er dies vernommen hatte, eilte Pilger hinein, hielt Tripitaka den Kuchen hin und sagte: »Meister, Ihr könnt beruhigt sein, macht Euch keine unnötigen Sorgen. Esst erst mal den Kuchen, dann will ich es Euch sagen.«
Nachdem der Priester den Kuchen genommen hatte, fragte Pilger den Alten: »Darf ich fragen, wo die Unsterbliche mit dem Eisenfächer wohnt?«
»Wozu wollt Ihr das wissen?« fragte der Alte.
»Eben hat der Kuchenverkäufer gesagt, diese Unsterbliche hätte einen Palmfächer, und wenn man den bekäme, ließe sich mit einem Fächerschlag das Feuer löschen, mit dem zweiten würde Wind aufkommen und mit dem dritten Regen. Ich
möchte diesen Fächer erbitten, damit wir dieses Flammengebirge löschen und überqueren können. Dann könnt Ihr hier auch den Jahreszeiten gemäß säen und ernten und Euch eines angenehmeren Lebens erfreuen.«
Da sprach der Alte: »Es ist zwar so, wie Ihr sagt, doch habt Ihr ja keine Gaben dabei, so könnt Ihr die Heilige kaum dazu bewegen, Euch zu helfen.«
»Was für Gaben will sie denn?« fragte Tripitaka.
»Wir bitten sie alle zehn Jahre einmal«, erklärte der Alte, »dafür bereiten wir rote Umschläge mit viel Geld vor, opfern Schweine, Schafe, Gänse und Wein, nehmen reinigende Bäder und gehen betend zum Berg der Unsterblichen. Dort bitten wir sie, aus der Grotte zu kommen und bei uns ihre Tat zu vollbringen.«
»Wo liegt denn dieser Berg, wie heißt er und wie weit ist es bis dorthin?« wollte Pilger wissen.
»Er liegt im Südwesten und heißt Berg der Smaragdenen Wolken. Es gibt dort eine Palmgrotte. Von hier aus sind es tausendundvier-, fünfhundert Meilen.«
»Kein Problem«, meinte Pilger lachend, »ich gehe.«
Schon war er verschwunden.
»Oh, mein Herr!« stammelte der Alte. »Das ist ja ein Gott, der auf Wolken schweben kann!«
Doch verlassen wir an dieser Stelle das Haus des Alten, wo man Tripitaka nun mit allen Ehren betreute, und berichten wir von Pilger, der in wenigen Augenblicken beim Berg der Smaragdenen Wolken ankam, sein heiles Licht senkte und sich auf den Weg machte, die Grotte zu suchen. Plötzlich drang ein metallenes Geräusch an sein Ohr. Es war ein Holzfäller, der gerade im Walde einen Baum fällte. Pilger trat auf ihn zu, legte die Hände zur Begrüßung aneinander und sprach: »Seid gegrüßt, Bruder Holzfäller!«
Dieser erwiderte die Geste und fragte: »Wohin des Wegs, Priester?«
»Darf ich fragen, werter Bruder, ist das der Berg der Smaragdenen Wolken?«
»Ja, so ist es.«
»Wo liegt denn die Palmgrotte der Unsterblichen mit dem Eisenfächer?«
»Eine Palmgrotte gibt es hier wohl, nur keine Unsterbliche mit dem Eisenfächer«, lachte der Holzfäller. »Hier wohnt nur eine Prinzessin mit dem Eisenfächer. Sie nennt sich auch Rakshasi; es ist die Frau des Rinderdämons.«
Pilger erschrak nicht wenig, als er dies hörte. »Schon wieder ein Erzfeind!« dachte er im Stillen. »Damals, als ich Rotkindchen besiegt habe, hieß es doch, er sei der Sohn von diesem Weib. Auf dem Berg der Yang-Auflösung bei der Grotte des Schwangerschaftsabbruchs habe ich auch noch seinen Onkel getroffen, der mir nicht mal sein Wasser geben und sich gar rächen wollte. Und jetzt muss ich auch noch seinen Eltern begegnen! Wie kann ich so bloß diesen Fächer ausleihen?«
Doch da er nun mal hier war, blieb ihm nichts übrig, als sich vom Holzfäller zu verabschieden und zur Palmgrotte zu schreiten. Er fand beide Torflügel fest verschlossen. Ringsum aber war es wunderschön, ein richtig angenehmer Ort. Schließlich trat Pilger vor und rief: »Bruder Rinderkönig, mach auf!«
Quietschend öffnete sich das Tor, und ein Mädchen mit langem Haar trat mit einem Blumenkorb in der Hand und einer Hacke auf der Schulter hervor. Wahrhaftig, sie war
Ohne jegliches Geschmeide
In ein schlichtes Blau gehüllt,
Klar und heiter im Gesicht
Und vom Dao ganz erfüllt.
Pilger trat zur Begrüßung vor und fragte mit gefalteten Händen: »Junge Maid, bitte melde mich bei der Prinzessin. Ich bin ein Schriftenholer aus dem Osten und bin auf dem Weg in den Westen ans Flammengebirge gelangt, das ich nicht überqueren kann. Daher möchte ich sie nun fragen, ob ich den Palmfächer ausleihen darf.«
»Wie ist Euer Name?«
»Ich heiße Sun Wukong.«
Da wandte sich das Mädchen ab, ging in die Grotte und sprach zur Rakshasi: »Mütterchen, draußen vor dem Tore steht ein Mönch aus dem Osten namens Sun Wukong. Er möchte Euch sprechen und den Palmfächer ausleihen, um das Flammengebirge zu überqueren.«
Wie die Rakshasi die drei Silben »Sun Wukong« hörte, war es, als würde man Öl ins Feuer gießen. Eine ungeheure Wut stieg in ihr auf.
»Nun kommt er also, dieser verruchte Affe!« rief sie.
Schon befahl sie ihren Zofen, die Rüstung zu bringen, packte zwei Schwerter mit blanker Klinge, band sich die Rüstung um, trat nach draußen und schrie: »Wo ist dieser Sun Wukong?«
Pilger trat vor, verbeugte sich höflich und sprach: »Werte Schwägerin, der alte Sun begrüßt Euch.«
»Wer soll da deine Schwägerin sein!« schnaubte die Rakshasi, »wer will von dir begrüßt werden!«
»Euer werter Gemahl, der Rinderdämon, war vor Zeiten mit mir in einer Gemeinschaft von sieben Brüdern vereint. Da Ihr, wie ich vernommen habe, seine Gemahlin seid, ist es doch nur angemessen, wenn ich Euch als Schwägerin anspreche?«
»Du elender Affe«, schrie die Rakshasi, »wenn es dir um brüderliche Bande geht, warum hast du dann meinen Sohn in die Falle gelockt?«
»Wer ist Euer werter Sohn?« fragte Pilger, Unwissen vortäuschend.
»Der Große König des Heiligen Embryos, Rotkindchen! Du hast ihn gestürzt! An dir wollten wir uns schon lange rächen, wussten nur nicht, wo du bist. Und jetzt suchst du tatsächlich hier den Tod! Glaube ja nicht, ich würde dir vergeben!«
Da setzte Pilger ein entgegenkommendes Lächeln auf und sprach: »Werte Schwägerin, Ihr seht die Sache nicht im rechten Lichte und beschuldigt mich zu Unrecht. Euer werter Sohn hat damals meinen Meister gefangen und war drauf und dran, ihn zu kochen und zu braten; glücklicherweise ist er dann von der Bodhisattva Guanyin aufgenommen worden, und mein Meister wurde gerettet. Darum weilt er heute als Knabe Sudhana bei der Bodhisattva, so hat er die Rechte Frucht erlangt, und sein Leben ist dem von Himmel und Erde, Mond und Sternen ebenbürtig. Und statt dem alten Sun dafür zu danken, seid Ihr mir böse. Wie soll das aufgehen?«
»Da willst du dich noch herausreden, du Drecksaffe!« schimpfte die Rakshasi, »auch wenn mein Sohn nicht umgekommen ist, kann ich ihn so nie wieder sehen!«
»Euren werten Sohn zu sehen ist doch nicht schwierig«, meinte Pilger mit einem Lächeln. »Ihr braucht mir bloß den Fächer zu geben, und sobald das Feuer gelöscht und mein Meister über den Berg ist, gehe ich zur Bodhisattva vom Südmeer und bitte ihn, Euch zu besuchen. Und Euch gebe ich den Fächer zurück. Was soll daran schwierig sein? Dann könnt Ihr auch gleich sehen, dass ich ihm nie ein Härchen gekrümmt habe. Sollte auch nur die geringste Verletzung bestehen, könnt Ihr mich zu Recht beschuldigen. Falls er aber noch hübscher ist als früher, könntet Ihr mir auch danken!«
»Schluss mit dem Geschwätz, du Drecksaffe!« fuhr ihn die Rakshasi an. »Halt deinen Schädel her und lass dir ein paar Schwerthiebe verpassen; hältst du durch, will ich dir den Fächer ausleihen; wenn nicht, dann fahr zur Hölle!«
Pilger legte die Hände vor der Brust übereinander und meinte lächelnd: »Wie Ihr wollt, Schwägerin. Ich alter Sun halte meinen Kopf her, und Ihr haut so lange drauf, bis Ihr keine Kraft mehr habt. Dann aber müsst Ihr mir den Fächer ausleihen.«
Ohne ein weiteres Wort schwang die Rakshasi ihre Schwerter in beiden Händen und ließ sie wohl ein Dutzend Mal auf seinen Kopf niederprasseln. Pilger aber blieb unberührt stehen. Da bekam es die Rakshasi mit der Angst zu tun, wandte sich um und wollte davonlaufen, doch Pilger rief: »Wo wollt Ihr hin, Schwägerin? Leiht mir jetzt den Fächer aus!«
»Das ist mein Schatz, den gebe ich nicht ohne weiteres her!«
»Wenn nicht, dann lass dir eins mit der Stange überziehen!« rief Pilger.
Während er mit der einen Hand die Rakshasi festhielt, zog er mit der anderen seine Stange hervor. Sie aber entwand sich seinem Griff und trat ihm mit erhobenen Schwertern entgegen, worauf Pilger seine Stange schwang und zuschlug. Nun entspann sich auf dem Berg der Smaragdenen Wolken ein Kampf, der bis zum Abend andauerte. Ahnend, dass sie der schweren Stange nicht gewachsen war, zog die Rakshasi schließlich ihren Palmfächer hervor und entfachte einen kalten Windstoß, der Pilger davonwehte, dass keine Spur mehr von ihm zu sehen war. Es war ihm unmöglich, irgendwo anzuhalten. Siegreich kehrte die Rakshasi zurück.
Der Große Heilige aber wirbelte mit dem Wind dahin und konnte weder festen Boden gewinnen noch irgendwo stillstehen. So trieb er fort wie ein Blatt im Wind, wie ein Blütenblatt auf dem Wasser. Erst als die Morgendämmerung anbrach, gelangte er an einen Berggipfel, wo er sich an einem Felsblock festklammern konnte. Allmählich kam er wieder zur Ruhe. Dann betrachtete er die Gegend und merkte, dass er auf dem Kleinen Sumeru gelandet sein musste. Da stieß der Große Heilige einen langen Seufzer aus und rief: »Verdammt heftig, diese Frau! Wie kann sie mich alten Sun einfach so hierherbefördern? Hier habe ich doch mal Bodhisattva Lingji gebeten, mir bei der Unterwerfung des Gelbwinddämons zu helfen. Vom Gelbwindhügel bis hier waren es dreitausend Meilen, dann müsste ich jetzt vom Westweg aus im Südosten sein, wer weiß wie viele zehntausend Meilen weit! Nun, dann will ich doch mal nach unten gehen und nachfragen, damit ich den Weg wieder finde.«
Während er noch zögerte, drang Glockengeläut an sein Ohr. Schnell sprang er den Berg hinab und kam geradewegs zum Kloster. Der Klosterbruder am Eingang kannte Pilger noch und meldete sogleich: »Der Große Heilige mit dem haarigen Gesicht, der Euch damals aufgesucht hat, um einen Dämon zu bändigen, ist wieder da!«
Der Bodhisattva stieg von seinem Thron, eilte Pilger zur Begrüßung entgegen und fragte: »Darf ich Euch zur Rückkehr mit den Heiligen Schriften beglückwünschen?«
»Ach, noch lange nicht!« entgegnete Pilger, »wir sind noch nicht mal angekommen.«
»Was treibt Euch dann auf unseren öden Berg zurück, wenn Ihr noch nicht beim Tempel des Donnergrollens gewesen seid?«
Da erzählte Pilger: »Seit wir dank Eurer Hilfe den Gelbwinddämon bändigen konnten, haben wir auf der Weiterreise zahllose Schwierigkeiten überwunden. Jetzt aber sind wir an ein Flammengebirge gelangt und kommen nicht mehr weiter. Da ich alter Sun gehört habe, man könne das Feuer mit dem Fächer der Eisenfächer-Unsterblichen löschen, habe ich sie aufgesucht, doch da hat sich herausgestellt, dass es die Frau des Rinderdämons und die Mutter vom Rotkindchen ist. Weil ich ihren Sohn zum Knaben Sudhana bei Bodhisattva Guanyin gemacht habe und sie ihn darum nicht mehr leicht zu sehen kriegt, betrachtet sie mich als Feind und will mir ihren Fächer nicht ausleihen. Eben habe ich mit ihr gekämpft, da hat sie mich auf einmal mit dem Fächer angefächelt, dass es mich durch die Lüfte gewirbelt hat, bis ich hier endlich zu Boden kam. Aus diesem Grunde habe ich mich erdreistet, leichtfertig Euer Kloster aufzusuchen. Wie viele Meilen sind es von hier bis zum Flammengebirge?«
Lingji lachte und sprach: »Die Frau heißt Rakshasi; sie wird auch die Prinzessin mit dem Eisenfächer genannt. Ihr Palmfächer stammt ursprünglich aus dem Kunlun-Gebirge; es ist ein Zauberschatz aus dem Urchaos, bevor Himmel und Erde sich getrennt haben. Es handelt sich um ein Blatt der Essenz der Höchsten Yin-Kraft. Darum lässt sich damit das Feuer löschen. Wenn ein Mensch damit angefächelt wird, würde er 84 000 Meilen weit wegwirbeln, bevor dieser Wind der Yin-Kraft sich legt. Von hier bis zum Flammengebirge sind es bloß etwas mehr als 50 000 Meilen, und das verdankt Ihr Eurer Fähigkeit, Wolken aufzuhalten; ein Normalsterblicher hätte es nie geschafft, hier anzuhalten.«
»Heftig, heftig!« rief Pilger, »wie kommt mein Meister je über diesen Berg?«
»Macht Euch keine Sorgen, Großer Heiliger«, sprach Lingji. »Dass Ihr heute hierhergekommen seid, steht in Tripitakas Schicksal festgeschrieben, darum werdet Ihr auch Erfolg haben. Von Buddha habe ich einst eine Windstill-Pille und den Stab des Fliegenden Drachen bekommen. Mit dem Stab habe ich schon den Gelbwinddämon gebändigt; die Pille hingegen hat noch keine Verwendung gefunden. Darum will ich sie Euch heute schenken. Ich kann Euch versichern, dass dieses Weib Euch nicht mehr von der Stelle bewegen wird. Dann könnt Ihr den Fächer mitnehmen, und der Erfolg ist gewiss!«
Pilger dankte ein ums andere Mal, derweil der Bodhisattva ein brokatenes Täschchen aus dem Ärmel holte, die darin liegende Pille Pilger in den Kragen steckte und mit Nadel und Faden fest einnähte. Dann begleitete er Pilger hinaus und sprach: »Leider reicht die Zeit nicht, Euch zu bewirten. Haltet gen Nordwesten, dann kommt Ihr wieder zum Berg der Rakshasi.«
Pilger verabschiedete sich, machte einen Wolkenüberschlag und war in Kürze wieder auf dem Berg der Smaragdenen Wolken. Dort pochte er mit der Stange ans Grottentor und rief: »Der alte Sun ist da, den Fächer auszuleihen!«
Bestürzt eilte das Mädchen hinein und überbrachte die Meldung. Da zuckte die Rakshasi zusammen und murmelte: »Der verdammte Affe hat was in sich! Wenn ich mit meinem Schatz Menschen anfächle, schwirren sie an die 84 000 Meilen weit weg. Wie geht es zu, dass er schon wieder da ist, wo ich ihn doch eben erst weggefächelt habe? Warte nur, diesmal werde ich zwei, drei Mal hintereinander fächeln, dass er nie mehr zurückfindet!«
Sie sprang auf, legte die Rüstung um, trat mit den Schwertern in beiden Händen aus dem Tor und schrie: »Pilger Sun! Du fürchtest dich also nicht vor mir und suchst schon wieder den Tod?«
»Werte Schwägerin«, gab dieser lächelnd zurück, »seid doch nicht so knickerig. Ihr werdet eh nicht umhinkommen, mir Euren Fächer auszuleihen. Sobald der Priester aus China heil über den Berg ist, kriegt Ihr ihn wieder. Ich bin ein Edler mit aufrechtem Sinn, nicht ein Gemeiner, der Ausgeliehenes am Ende nicht zurückgibt!«
»Du verdammter Rhesusaffe«, schimpfte die Rakshasi, »gemein bist du! Glaubst du etwa, ich würde dir den Fächer geben, wenn ich mich noch nicht mal für meinen Sohn gerächt habe? Stillgestanden, jetzt kriegst du von der alten Mutter eins mit dem Schwert!«
Der Große Heilige trat ihr mit der Eisenstange entgegen, und schon gingen die beiden aufeinander los und fochten fünf bis sieben Runden lang hin und her, bis der Rakshasi die Kräfte schwanden, dass sie die Schwerter nicht mehr zu führen vermochte. Rasch zog sie nun den Fächer heraus und fächelte gegen Pilger. Der aber blieb ungerührt stehen, brachte seinen Stab im Ohr unter und meinte lachend: »Diesmal ist es anders als beim letzten Mal! Du kannst fächeln, wie du willst; wenn ich mich auch nur ein bisschen von der Stelle rühre, will ich kein rechter Mann heißen!«
Die Rakshasi ließ zwei weitere Fächerschläge folgen, doch Pilger war wirklich nicht von der Stelle zu bewegen. Entsetzt steckte die Rakshasi ihren Schatz ein, rannte in die Grotte und verriegelte das Tor, so fest sie konnte.
Als Pilger sah, dass das Tor verschlossen wurde, griff er zu einem Trick: Er riss die Naht am Kragen auf, steckte die Windstill-Pille in den Mund und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Mücke. So schwirrte er durch eine Ritze ins Innere, wo er die Rakshasi sah, die gerade keuchte: »Durst, Durst! Schnell, bringt Tee!«
Schon kam eine Zofe mit einer Kanne voll duftendem Tee und goss eine Schale voll, dass es sprudelte. Pilger schwirrte hin und versteckte sich unter einer Blase, die Rakshasi aber nahm den Tee und spülte ihn in zwei, drei Schlucken hinunter. Pilger war nun bereits in ihrem Bauch. Da nahm er wieder seine eigene Gestalt an und rief: »Schwägerin, gebt mir den Fächer!«
Bestürzt fragte die Rakshasi, ob die Zofen das Tor auch wirklich verriegelt hätten? Alle bejahten. »Wenn es zu ist, wie kann denn Pilger Sun im Hause rufen?«
»Er ruft aus Eurem Leib«, sagten die Zofen.
»Pilger Sun!« rief die Rakshasi, »wo treibst du deine falschen Tricks?«
»Ich alter Sun habe mein Leben lang keine falschen Tricks gespielt«, gab Pilger zurück. »Alles, was ich mache, ist echtes Handwerk; das sind meine wahren Fähigkeiten. Zur Zeit vergnüge ich mich im werten Bauch der werten Schwägerin; da kann ich auch schon die Lunge und die Leber sehen! Und da Ihr ja gerade so hungrig und durstig seid, gebe ich Euch erst mal eine Schale im Sitzen!« Heftig stampfte er mit dem Fuß nach unten; die Rakshasi fühlte einen stechenden Schmerz im Unterleib, sackte zusammen und blieb heulend am Boden sitzen.
»Hört doch endlich auf, Euch aufzulehnen!« rief Pilger, »und jetzt gibt’s noch ein Häppchen fürs Herz!« Er ruckte kräftig mit dem Kopf nach oben, dass sich die Rakshasi unter qualvollen Schmerzen am Boden wälzte, bis sie mit fahlem Gesicht und blassen Lippen wimmerte: »Onkel Sun, lasst mich am Leben!«
Da hielt Pilger still und rief: »Endlich anerkennt Ihr Euren Onkel! Dem Rinderdämon zuliebe will ich Euch am Leben lassen, doch gebt mir jetzt sofort den Fächer!«
»Onkel«, ächzte die Rakshasi, »den Fächer könnt Ihr haben, kommt heraus und holt ihn.«
»Nehmt erst den Fächer, dann komme ich raus!«
Die Rakshasi bedeutete ihren Zofen, einen Palmfächer zu holen und bereitzuhalten. Pilger streckte den Kopf aus ihrem Hals, sah den Fächer und rief: »Schwägerin, da ich Euch das Leben schenke, will ich davon absehen, zwischen den Rippen einen Ausgang freizuschlagen. Ich komme wieder aus dem Mund raus; macht ihn ein bisschen auf!«
Tatsächlich öffnete die Rakshasi ihren Mund, während Pilger, wieder in eine Mücke verwandelt, nach draußen surrte und auf dem Palmfächer landete. Die Rakshasi, die gar nichts bemerkt hatte, sperrte drei Mal hintereinander den Mund auf und rief: »Onkel, kommt doch heraus!«
Da zeigte sich Pilger wieder in seiner eigenen Gestalt, packte den Fächer und rief: »Hier bin ich! Danke für den Fächer, danke schön!«
Mit ausholenden Schritten lief er zum Ausgang, wo ihm die Zofen eilfertig das Tor aufschlossen und ihn ins Freie ließen.
Der Große Heilige wandte seine Wolke gen Osten und kam in kürzester Zeit beim roten Ziegelhof an, wo er Tripitaka berichtete, was geschehen war. Dann zeigte er dem Alten den Palmfächer und fragte: »Ist es dieser Fächer?«
»Ja, er ist es!« gab der Alte zur Antwort.
Tripitaka freute sich sehr. Nun verabschiedeten sich Meister und Schüler von dem Alten und eilten gen Westen. Sie waren etwa vierzig Meilen gegangen, und die Hitze wurde immer unerträglicher. Sandmönch rief, seine Fußsohlen würden brennen; Bajie sagte, seine Klauen schmerzten vor Hitze. Auch das Pferd trabte schneller als gewöhnlich, weil der Boden so heiß war, dass es ihn mit den Hufen kaum mehr berühren mochte.
Schließlich meinte Pilger: »Meister, steigt ab, ich will jetzt das Feuer ausfächern. Sobald es Wind und Regen gibt und der Boden etwas kühler ist, können wir weitergehen.«
Pilger rannte geradewegs vor die Flammen und schwenkte den Fächer kräftig dagegen. Da loderte der brennende Berg hell auf. Als er den Fächer ein zweites Mal schwenkte, lohten die Flammen noch hundertmal höher, und beim dritten Mal stachen sie an die tausend Klafter hoch in den Himmel und drohten Pilger zu verbrennen. Als er jäh davonrannte, waren schon die Pelzhaare an den Beinen versengt. Er rannte zu Tripitaka und schrie: »Schnell, zurück, zurück! Das Feuer kommt!«
Der Meister kletterte in den Sattel und ritt mit Bajie und Sandmönch etwa zwanzig Meilen weit gen Osten, wo sie endlich anhielten und Tripitaka rief: »Wukong! Wie kommt das?«
Pilger schmiss den Fächer zu Boden und rief: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Das Weib hat mich betrogen!«
»Wie meinst du das?« fragte Bajie.
»Beim ersten Fächerschlag ist das Feuer noch stärker geworden, beim zweiten Mal noch höher, und beim dritten Mal haben die Flammen tausend Klafter hoch gelodert! Wenn ich nicht schnell genug gelaufen wäre, hätte es mir den ganzen Pelz versengt!«
»Was tun wir bloß, wenn das Feuer so heftig ist und kein Weg in den Westen führt?« fragte Sandmönch.
»Wir brauchen doch nur einen Ort zu suchen, wo es kein Feuer gibt, dann können wir von dort aus weitergehen«, meinte Bajie.
»Und wo ist kein Feuer?« fragte Tripitaka.
»Im Osten, im Süden und im Norden ist nirgendwo Feuer«, erwiderte Bajie.
»Und wo sind die Heiligen Schriften?«
»Die sind im Westen.«
»Ich gehe nur dorthin, wo die Heilige Schriften sind«, versetzte Tripitaka.
»Wo die Heiligen Schriften sind, ist Feuer; wo kein Feuer ist, gibt es auch keine Heiligen Schriften«, sprach Sandmönch. »Nun stecken wir wirklich in der Klemme.«
Während Meister und Schüler sich berieten, hörten sie auf einmal eine Stimme, die rief: »Großer Heiliger, grämt Euch nicht! Nehmt erst eine Mahlzeit, dann könnt Ihr Euch weiter besprechen.«
Die vier drehten sich um und gewahrten einen alten Mann mit schwarzer Daoistenkappe, der sich auf einen Stock mit Drachenkopf stützte. Hinter ihm folgte ein Kobold mit spitzem Mund und eingefallenen Wangen, der auf dem Kopf einen Kupferkessel trug, in dem Gebäck und gekochter Reis lagen. Die beiden knieten am Wegesrand nieder, und der Alte sprach: »Ich bin der Erdgeist des Flammengebirges und bringe Euch hiermit eine Mahlzeit.«
»Das Essen ist nicht das Problem«, versetzte Pilger. »Aber wann geht endlich dieses Feuer aus, damit mein Meister hinüber kann?«
»Wenn Ihr das Feuer löschen wollt, braucht Ihr den Palmfächer der Rakshasi«, gab der Erdgeist zur Antwort.
Pilger wies auf den Fächer, der am Boden lag, und sagte: »Da ist er doch! Warum sind die Flammen denn noch höher geworden, als ich gefächert habe?«
Der Erdgeist warf einen Blick darauf, lachte und meinte: »Das ist nicht der richtige. Ihr seid betrogen worden.«
»Wie kriege ich aber den richtigen?«
Lächelnd sprach der Erdgeist: »Wenn Ihr den echten Fächer noch immer haben wollt, müsst Ihr den König der Großen Kraft um Hilfe bitten.«
Und da wir nicht wissen, was es mit diesem König der Großen Kraft auf sich hatte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.