Verlassen wir vorerst die belagernden Himmelsgötter und den friedlich ruhenden Großen Heiligen. Stattdessen wollen wir uns der Bodhisattva Guanyin zuwenden, die im Südmeer auf ihrer Insel Potalaka weilte. Diese hatte sich nämlich, nachdem sie die Einladung der Königinmutter erhalten hatte, mit ihrem Jünger Hui’an zur Kostbaren Pagode des
Jaspisteichs begeben, um am Großen Pfirsichbankett teilzunehmen. Nun traf sie die Festtafel in wüster Unordnung an. Ein paar Besucher waren zwar schon da, doch keiner saß beim Festmahl; alle standen beisammen und redeten wild durcheinander. Nachdem Guanyin die Unsterblichen begrüßt hatte, wurde ihr der Vorfall ausführlich geschildert.
»Nun, da kein Bankett stattfindet, kommt doch mit mir zum Jadekaiser«, forderte Guanyin die Himmlischen auf. Also gingen sie alle zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo sie von den Vier Großen Himmelsmeistern und dem Barfüßigen Unsterblichen in Empfang genommen wurden.
»Bitte richtet dem Jadekaiser aus, dass ich ihn sprechen möchte«, sagte Guanyin. Himmelsmeister Qiu Hongji verschwand in der Halle der Himmelshöhen, um gleich darauf zu verkünden, man möge eintreten. Drinnen saß bereits der Höchste Alte Meister Laozi auf dem Ehrensitz neben dem Jadekaiser, und die Königinmutter saß dahinter. Guanyin führte die Gesellschaft in die Halle, wo alle erst dem Jadekaiser, dann dem Alten Meister und der Königinmutter ihre Huldigung erwiesen. Schließlich setzte man sich, und Guanyin erkundigte sich nach dem Pfirsichfest.
»Alle Jahre waren wir zu diesem Fest geladen«, hub der Jadekaiser an, »und immer war es eine große Freude. Dass es diesmal durch jenen Affen verdorben worden ist, verdrießt uns sehr. Deshalb haben wir Truppen von hunderttausend Himmelskriegern nach den irdischen Gefilden entsandt, um den Übeltäter festzunehmen. Bis zu diesem Moment ist noch keine Rückmeldung eingetroffen. Wie mag der Kampf wohl ausgegangen sein?«
Umgehend wandte sich Guanyin an ihren Jünger und sprach: »Geh geschwind hinunter zum Blumen-Früchte-Berg und schau, wie die Lage steht. Falls sie noch am Kämpfen sind, kannst du ihnen gleich beistehen.«
Hui’an brachte Gewand und Rock in Ordnung, wappnete sich mit einer ehernen Stange und verließ auf einer Wolke den Himmelspalast. Als er vor dem Berg ankam, sah er das enge, vielschichtige Weltennetz, blieb stehen und rief den himmlischen Torwächtern zu: »Ich bin Prinz Moksa, der zweite Sohn des Himmelskönigs Li und Jünger der Bodhisattva Guanyin vom Südmeer. Ich bin gekommen, mich nach der Kampflage zu erkundigen.«
Per Befehlsbanner gebot Himmelskönig Li Einlass. Hui’an verbeugte sich vor den Vier Himmelskönigen und vor Himmelskönig Li, der sich gleich erkundigte: »Aus welchen Landen kommst du her, mein Kind?«
»Euer törichter Sohn war mit Bodhisattva Guanyin am Pfirsichfest. Dort haben wir die Verwüstung gesehen. Sie hat deshalb alle Gäste zum Jadekaiser geführt, und der hat uns berichtet, dass er Euch, Vater König, mit Truppen in die irdischen Gefilde entsandt habe, um den dämonischen Affen zu bezwingen. Der Ausgang sei noch ungewiss, sagte er, darum hat mich die Bodhisattva zur Erkundung in die niederen Gefilde geschickt.«
Der Himmelskönig schilderte ihm, was sich am Vortag ereignet hatte, doch noch bevor er mit seinem Bericht zu Ende war, kam vom Tor des Feldquartiers die Meldung: »Der Große Heilige steht mit einer Schar Affengeister vor den Toren und ruft zum Kampf auf.«
Der Himmelskönig wollte schon seine Truppen ausschicken, als Moksa rief: »Vater König, die Bodhisattva Guanyin hat Eurem törichten Sohn befohlen, die Lage auszukundschaften und falls nötig auch zu kämpfen. Meine Wenigkeit möchte darum hingehen und diesen Großen Heiligen einmal in Augenschein nehmen.«
»Nimm dich in Acht, mein Kind!« mahnte der Himmelskönig.
Mit erhobener Stange stürmte der Prinz aus dem Feldquartier und schrie: »Welcher ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige?«
»Ich, der alte Sun«, gab der Große Heilige zurück. »Und wer bist du, dass du mich zu fragen wagst?«
»Prinz Moksa, Sohn des Himmelskönigs Li, Jünger Hui’an der Bodhisattva Guanyin vom Südmeer.«
»Was suchst du denn hier, dass du nicht im Südmeer dein Mönchsleben führst?«
»Ich komme auf Geheiß meiner Meisterin, dich deiner Tollkühnheit wegen zu unterwerfen.«
»Kühn schwingst du große Worte«, rief der Große Heilige, »los, krieg meine Stange zu spüren!«
Furchtlos trat ihm Moksa mit erhobener Eisenstange entgegen. Nun fochten die beiden am Hang vor dem Feldquartier an die sechzig Kampfrunden aus, bis Hui’an schließlich nicht mehr standhalten konnte und das Feld räumen musste. Der Große Heilige aber zog seine Affenarmee ein und versammelte sie vor der Grotte. Außer Atem erreichte Moksa das Feldquartier der Himmelskönige, wandte sich an seinen Vater und keuchte: »Was für ein wackerer Großer Heiliger! Er hat wahrhaftig phänomenale Kräfte! Euer Kind konnte ihm nicht standhalten, wir müssen wieder eine Niederlage einstecken.«
Der Himmelskönig erschrak. Auf der Stelle ließ er ein Hilfegesuch schreiben und hieß den Kraftvollen Geisterkönig, es mit Prinz Moksa zusammen dem Jadekaiser zu überbringen.
Nachdem der Jadekaiser das Schreiben geöffnet hatte und sah, dass es ein Hilfegesuch war, lachte er auf und rief: »Dieser Affengeist ist ja unmöglich! Was für Kräfte hat der
eigentlich, dass er hunderttausend Himmelskriegern standhalten kann? Jetzt ersucht sogar Himmelskönig Li um Hilfe. Woher sollen wir noch Krieger nehmen?«
Er hatte kaum geendet, als Guanyin mit gefalteten Händen ihr Wort an den Thron richtete: »Mögen Eure Majestät unbesorgt bleiben, ich kann einen Göttlichen empfehlen, der imstande sein wird, den Affen zu überwältigen.«
»Wer denn?«
»Euer Neffe Erlang, der Wahre Meister Offenbarter Heiligkeit, der zur Zeit in Guanzhou an der Mündung des Guanjiang-Flusses lebt. Er tötete einst aus eigener Kraft sechs Ungeheuer. Unter seinem Kommando stehen außerdem die sechs Gebrüder vom Pflaumenberg und ein Gefolge von 1200 Graskopfgeistern. Er verfügt über enorme Zauberkräfte. Allein, er wird sich nur einer Bittschrift fügen, keinem Befehl. Eure Majestät können eine kaiserliche Bittschrift erstellen und ihn darin ersuchen, mit seinen Kriegern zu Hilfe zu kommen. So wird der Fang gelingen.«
Unverzüglich verfasste der Jadekaiser die Bittschrift und schickte den Kraftvollen Geisterkönig damit auf den Weg.
Wie geheißen schwebte der Geisterkönig durch die Lüfte, der Mündung des Guanjiang-Flusses entgegen. Nach weniger als einer Stunde hatte er den Tempel des Wahren Meisters erreicht. Schon meldete der Geist, der am Portal Wache hielt, seine Ankunft, worauf Erlang mit den Gebrüdern zum Empfang vor das Tor trat, das Edikt in Empfang nahm, Weihrauch entzündete und zu lesen begann. Darin stand:
»Ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, Affenunhold
vom Blumen-Früchte-Berg, stiftet Aufruhr und verwüstete
das Pfirsichfest. Zur Zeit wird besagter Berg von
hunderttausend Himmelskriegern belagert, doch konnte der
Unhold bislang nicht überwältigt werden. Darum sei der
geschätzte Neffe ersucht, sich mit seinen Gebrüdern zum
Blumen-Früchte-Berg zu begeben und bei der Ausmerzung
beizustehen. Verdienste werden bei Erfolg mit Beförderung
und reichen Geschenken belohnt.«
»Der Himmelsbote kann abtreten«, sprach Erlang, »ich komme sofort zu Hilfe.« Wie der Geisterkönig nun die Botschaft dem Jadekaiser überbrachte, sei hier nicht weiter erwähnt.
Der Wahre Meister aber rief seine Gebrüder – die Offiziere Kang, Zhang, Yao und Li sowie General Guo Shen und General Zhi Jian – herbei, die sich alle freudig bereit erklärten, mitzugehen. Aus ihren Truppen erhoben sie göttliche Krieger und stürmten dann alle zusammen mit Adlern und Hunden, Armbrust und Pfeilbogen wie ein brausender Orkan über das Ostmeer hinweg, bis zum Blumen-Früchte-Berg. Vor dem engen, vielschichtigen Weltennetz kündigte sich der Wahre Meister mit lauter Stimme an: »Ich bin Erlang, der Wahre Meister Offenbarter Heiligkeit. Wir sind hier auf Geheiß des Jadekaisers, um den dämonischen Affen festzunehmen. Macht auf, schnell!«
Sogleich wurde die Nachricht von einer Netzschicht zur anderen weitergerufen. Die Vier Großen Himmelskönige und der Himmelskönig Li traten zum Empfang vor das Tor ihres Feldquartiers, und nach dem Begrüßungsritual erkundigte sich Erlang nach der Kampflage. Die Himmelskönige berichteten, was sich ereignet hatte. Erlang lachte: »Ich geringer Heiliger werde mich mit ihm in der Kunst der Verwandlung messen. Mögen die werten Herren das Weltennetz zuoberst nicht ganz verschließen, nach den Seiten hin jedoch ganz dicht machen. Dann werde ich den Kampf beginnen. Weiter bitte ich Himmelskönig Li, in der Höhe seinen Geisterspiegel bereitzuhalten, denn falls der Unhold unterliegen sollte, steht zu befürchten, dass er an einen fernen Ort flieht. Er muss unter allen Umständen klar auf dem Spiegel zu sehen sein und darf uns auf keinen Fall entwischen.« Die Himmelskönige taten wie geheißen.
Der Wahre Meister aber schritt nun zusammen mit seinen vier Offizieren und zwei Generälen aus dem Feldquartier, und während die sieben Gebrüder zum Kampf aufriefen, bewachten die anderen Krieger das Lager und hielten Falken und Hunde fest. Vor der Wasservorhang-Grotte erspähte Erlang die ganze Affenmiliz, die nach der Schlachtordnung eines gewundenen Drachens in Reih und Glied parierte. Aus dem mittleren Teil ragte eine Fahne mit der Aufschrift »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger«.
»Dieser lausige Affe«, schimpfte Erlang, »wie kommt denn der zum Titel eines Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen!«
Eilends meldeten die kleinen Affen Erlangs Ankunft, worauf der Affenkönig seinen Goldreifstab packte, in vollem Harnisch aus seinem Lager schritt und Erlang mit großen Augen anstarrte. Dieser nämlich war von äußerst anmutiger Erscheinung und auch sehr hübsch ausstaffiert. Kichernd schwang der Große Heilige seine Stange und rief mit lauter Stimme: »Wo kommst du denn her, Generälchen, dass du dich erkühnst, mich zum Kampf aufzufordern?«
»Du Lump hast wohl keine Augen im Kopf, dass du mich nicht erkennst!« schrie der Wahre Meister zurück. »Ich bin des
Jadekaisers Neffe Erlang, vom Kaiser ernannt zum Machtvollen König Erhabener Gunst. Heute komme ich auf Geheiß der Obrigkeit, um dich festzunehmen, du aber weißt noch immer nicht, was dir blüht!«
»Dann bist du wohl jener Sprössling der jüngeren Schwester des Jadekaisers, die sich einst nach dem Erdenleben sehnte, sich dort mit einem gewissen Herrn Yang vermählte und einen Sohn gebar, der sie später mit der Axt aus dem Pfirsichberg befreit hat? Ach, du bist mir zu jung, dich schlage ich nicht. Geh nach Hause und ruf mir deine Vier Großen Himmelskönige.«
Wütend schrie der Wahre Meister: »Schluss mit diesen Frechheiten, krieg meinen Säbel zu spüren, du Affenlump!«
Da ließ der Große Heilige seinen Goldreifstab wirbeln, und die beiden gingen aufeinander los. Ganze dreihundert Kampfrunden fochten sie aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich ballte der Wahre Meister seine göttlichen Kräfte, schüttelte sich und wurde zu einem zehntausend Fuß hohen Monstrum. Mit beiden Händen schwang er eine dreizackige, doppelschneidige Götterlanze, dass es aussah, als wären es Felsklippen auf dem Gipfel des Huashan. Mit grünblauer Fratze, furchterregenden Zähnen, feuerrotem Haar und grimmigem Blick holte er zum Schlag gegen den Großen Heiligen aus. Doch da ließ auch dieser seine Künste spielen und erschien in derselben Verwandlung wie Erlang, mit
derselben schrecklichen Fratze, so dass sein Wunscherfüllender Goldreifstab nun so kolossal war wie die Säule, die auf dem Kunlun-Berg den Himmel stützt. Oberst Ma und Liu fuhr derart der Schrecken in die Knochen, dass sie ihre Banner nicht mehr hochhalten konnten, und den Generälen Beng und Ba wären vor Entsetzen beinah Säbel und Schwert aus der Hand gefallen. Auf Seiten von Erlang befahlen jetzt seine Gebrüder Kang, Zhang, Yao, Li, Guo Shen und Zhi Jian, die Graskopfgeister loszulassen. Da preschten diese in wilder Attacke mit Adlern und Hunden, Armbrust und Bogen zur Wasservorhang-Grotte vor, dass die armen Affen nur noch Lanzen und Panzer hinter sich warfen, Schwerter und Speere fallen ließen, huschten und rannten, schrien und brüllten; die einen liefen den Berg hinan, andere flüchteten sich in die Grotte.
Als der Große Heilige mitten im Kampf auf einmal gewahrte, wie die Affen panikartig auseinanderstoben, verspürte er plötzlich Angst. Da machte er die Verwandlung rückgängig, packte seinen Stab und nahm Reißaus. Doch Erlang holte ihn mit ausholenden Schritten ein und schrie: »Halt! Ergib dich, sonst bist du des Todes!«
Dem Großen Heiligen war nicht länger zum Kämpfen zumute, sein einziger Gedanke war die Flucht. Als er schon fast bei der Grotte war, stieß er mit den Gebrüdern Kang, Zhang, Yao, Li, Guo Shen und Zhi Jian zusammen, die sich
ihm geschlossen in den Weg stellten und riefen: »Stehengeblieben, du lausiger Affe!«
Hals über Kopf zwirbelte der Große Heilige seinen Goldreifstab zu einem Nädelchen, verbarg ihn im Ohr, schüttelte sich und flatterte in einen Sperling verwandelt auf einen Baumwipfel. In höchster Spannung spähten die sechs Gebrüder nach allen Richtungen, doch konnten sie ihn nirgendwo entdecken.
»Der Affe ist entkommen«, schrien sie lauthals, »der Affe ist entkommen!«
Da trat Erlang heran und fragte, wohin der Affe geflohen sei. »Genau hier haben wir ihn eben noch umzingelt; jetzt ist er plötzlich weg!« riefen die Götter.
Erlang riss seine Phönixaugen weit auf, und da gewahrte er den Großen Heiligen, der als Sperling auf einem Ast hockte. Blitzartig nahm Erlang seine eigene Gestalt an, warf Götterlanze und Steinschleuder hin, schüttelte sich und stürzte sich als Habicht mit ausladendem Flügelschlag auf den Sperling. Doch schon hatte ihn der Große Heilige bemerkt, schwirrte auf und stach als Kormoran zum Himmel. Da schüttelte Erlang sein Gefieder, verwandelte sich in einen großen Seekranich und schoss zu den Wolken empor, um ihn zu erschnappen. Der Große Heilige aber verringerte seine Höhe, segelte auf einen Bergbach zu und tauchte ins Wasser, wo er sich in einen Fisch verwandelte. Als Erlang am Ufer ankam, hatte sich die Spur verloren. »Bestimmt ist der Affe im Bach verschwunden und hat sich in etwas wie Fisch oder Garnele verwandelt«, sann er. »Warte nur, noch eine Verwandlung, und ich habe dich!«
Diesmal nahm er die Gestalt eines Fischadlers an, setzte auf dem Wasser ab und ließ sich eine Weile von den Wellen tragen. Der Große Heilige, der als Fisch in der Strömung dahintrieb, gewahrte plötzlich ein Tier, das aussah wie eine Grünweihe, doch ohne grünes Federkleid; es hätte auch ein Seidenreiher sein können, doch fehlte der Schopf; es sah einem Storch ähnlich, doch waren die Beine nicht rot.
»Das muss Erlang sein, der meiner harrt«, dachte er, machte rechtsum kehrt, dass das Wasser aufspritzte, und suchte das Weite.
Erlang war das nicht entgangen, und er überlegte fieberhaft: »Der Fisch, der da eben das Wasser aufgespritzt hat, hat ausgesehen wie ein Karpfen, aber er hatte keine rote Schwanzflosse. Es hätte auch ein Mandarinfisch sein können, nur ohne bunte Schuppen, oder ein Schlangenkopffisch, aber ohne Flecken am Kopf. Und für eine Brasse hätten ihm die Barteln an den Kiemen gefehlt. Warum er wohl geflohen ist? Das muss dieser Affe sein!«
Er holte ihn ein und stach mit dem Schnabel ins Wasser. Da schnellte der Große Heilige heraus, verwandelte sich in eine Wasserschlange und war im Ufergras verschwunden. Erlang, der ihn verfehlt hatte, sah die Schlange, und kaum hatte er in ihr den Großen Heiligen erkannt, verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen grauen Kranich mit rotem Schopf und stach den langen Schnabel einer Zange gleich gegen seine Beute. Die Schlange schnellte hoch und nahm die Gestalt einer Trappe an, die nun steif und dumm im seichten Uferwasser stand. Als Erlang diese Verwandlung in eine derart vulgäre Tierart gewahrte – Trappen sind die gemeinsten und lüsternsten aller Vögel und paaren sich wahllos mit Paradiesvögeln, Phönixen, Adlern oder Raben –, verfolgte er sie nicht weiter. Stattdessen trat er jetzt in eigener Gestalt vor, spannte seine Schleuder und traf. Die Trappe verlor das Gleichgewicht und stürzte.
Doch der Große Heilige nahm die Gelegenheit wahr, ließ sich den steilen Hang hinunterkollern und verwandelte sich von neuem, diesmal in einen kleinen Erdgeisttempel. Sein aufgesperrtes Maul war das Portal, aus den Zähnen machte er Torflügel, die Zunge verwandelte er in eine Buddhastatue und die Augen in Fenster. Nur mit dem Schwanz wusste er nichts anzufangen. Schließlich richtete er ihn auf und machte daraus eine Fahnenstange. Als Erlang unten ankam, konnte er keine gefallene Trappe finden; nur der kleine Tempel war zu sehen. Mit scharfem Blick beobachtete er die Anlage. Da bemerkte er den Fahnenmast und lachte laut auf: »Ha, dieser Affe! Schon wieder versucht er mich zu übertölpeln. Viele Tempel habe ich gesehen, aber keiner hatte je einen Fahnenmast dahinter stehen. Das ist bestimmt ein Trick von diesem Biest. Ließe ich mich da hineinlocken, hätte er mich zwischen den Zähnen; das lasse ich mir nicht gefallen! Warte nur, jetzt hau ich dir erst mit der Faust die Fenster ein, und dann trete ich die Torflügel nieder.«
Der Große Heilige erschrak. »Wie grausam!« dachte er, »die Torflügel sind meine Zähne und die Fenster meine Augen. Was tun, wenn er mir die Zähne einschlägt und die Augen aussticht?«
Jäh schnellte er in die Lüfte und war fort. Vergeblich jagte der Wahre Meister kreuz und quer umher, bis die vier Offiziere und zwei Generäle herantraten und fragten: »Bruder, hast du den Großen Heiligen?«
»Eben hat mich der Affe in einen Tempel verwandelt hinters Licht führen wollen«, gab Erlang lachend zurück, »als ich ihm dann gedroht habe, Fenster und Torflügel einzuschlagen, ist er plötzlich aufgesprungen und spurlos verschwunden. Merkwürdig, äußerst merkwürdig.«
Bestürzt blickten alle suchend ringsum, doch nichts regte sich. Schließlich wies Erlang sie an: »Haltet hier Wache. Ich will mal nach oben gehen und Ausschau halten.«
Flugs erhob er sich in die Lüfte und sah Himmelskönig Li, den Geisterspiegel hochhaltend, mit Prinz Nata über den Wolken schweben.
»Habt Ihr den Affenkönig gesehen, Himmelskönig?« rief er ihm zu.
»Nein, hier oben ist er nicht erschienen«, antwortete dieser, »ich habe ihn hier gespiegelt.«
Erlang schilderte ihm den Verwandlungskampf und die Festnahme der Affenhorde, anschließend erzählte er, wie der Affe sich in einen Tempel verwandelt und zuletzt Reißaus genommen hatte. Himmelskönig Li drehte seinen Spiegel nach allen Seiten. Schließlich lachte er auf und rief: »Eilt, eilt! Der Affe hat sich unsichtbar gemacht und die Absperrung überwunden; jetzt geht er geradewegs zur Mündung des Guanjiang!«
Erlang fasste seine dreizackige, doppelschneidige Götterlanze fest in beiden Händen und eilte ihm nach. Der Große Heilige aber war bereits bei der Guanjiang-Mündung angelangt und trat nun in Erlangs Gestalt in dessen Tempel ein. Die Wächtergeister, die ihn nicht erkannten, huldigten ihm einer nach dem andern mit einem Kotau. Er setzte sich im Tempel nieder und überprüfte die Liste der Opfergaben: Li der Tiger hatte sein versprochenes Opfer von drei Stück Vieh eingelöst, Zhang der Drache um Glück und Segen gebetet und Weihgaben dargebracht, Zhao der Erste hatte für die Geburt eines Sohns und Qian der Zweite für Heilung seiner Krankheit gebetet. Während er noch las, traf die Meldung ein, ein weiterer Herr sei da. Als die Geister nach draußen drängten und Erlang erblickten, waren sie fassungslos.
»Ist etwa ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger hier vorbeigekommen?« fragte Erlang.
»Einen Großen Heiligen haben wir nicht gesehen«, antworteten die Geister, »doch drinnen sitzt ein Herr, der die Liste der Opfergaben überprüft …«
Erlang stieß das Tor auf. Kaum hatte der Große Heilige ihn erblickt, nahm er seine eigene Gestalt an und rief: »Ihr braucht gar keine Einwände zu machen, dieser Tempel trägt bereits den Namen Sun!«
Da erhob Erlang seine Götterlanze und zielte ihm ins Gesicht, doch der Affenkönig wich zur Seite, zog seine nadelfeine Stange aus dem Ohr, schwang sie in den Wind, bis sie den Durchmesser einer Reisschale hatte, und stürmte voran. Alsbald stürmten die beiden ringend aus dem Tempel, erhoben sich über Wolken und Nebel und bewegten sich in fortwährendem Kampf bis zum Blumen-Früchte-Berg, wo die Vier Großen Himmelskönige mit ihren Kriegern fieberhaft die Belagerung verstärkten. Wie der Große Heilige schließlich dank der vereinten Kräfte der Offiziere Kang und Zhang umzingelt wurde, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wie berichtet wird, war der Kraftvolle Geisterkönig, nachdem er Erlang und dessen Gebrüdern jene Bittschrift überbracht hatte, in die himmlischen Gefilde zurückgekehrt und hatte dort Bericht erstattet. Da meinte der Jadekaiser, der sich gerade mit Bodhisattva Guanyin, der Königinmutter und allen himmlischen Ministern in der Halle der Himmelshöhen unterhielt: »Inzwischen müsste Erlang eigentlich am Kämpfen sein. Warum haben wir noch keine Nachricht?«
Guanyin faltete die Hände und sprach: »Möge Eure Majestät gestatten, zu einem Ausflug vor das Südliche Himmelstor zu laden, um die Lage mit eigenen Augen zu beschauen. Was haltet Ihr davon?«
»Diese Worte sind vernünftig«, stimmte der Jadekaiser zu. Umgehend ließ er Sänften bereitstellen und begab sich mit allen anderen zum Himmelstor. Man öffnete, und sie spähten in die Ferne. Da sahen sie die himmlischen Krieger, die das Weltennetz von allen Seiten bewachten, Himmelskönig Li, der mit Nata den Geisterspiegel hochhielt, und Erlang, der mit dem Großen Heiligen rang, der gerade in der Mitte umzingelt wurde.
Da wandte sich die Bodhisattva an den Alten Meister Laozi und meinte: »Was haltet Ihr vom Gott Erlang, den ich empfohlen habe? Er hat doch wahrhaftig gewaltige Kräfte, dass er den Großen Heiligen bereits umzingeln konnte! Nur gefangen hat er ihn noch nicht. Wenn ich ihm jetzt eine kleine Beihilfe leiste, wird er ihn mit Sicherheit fassen können.«
»Womit wollen Bodhisattva ihm beistehen?« fragte der Alte Meister.
»Ich kann meine Vase mit den Weidenzweigen nach dem Affen schleudern«, sprach Guanyin. »Auch wenn er dabei nicht ums Leben kommt, wird er gewiss stürzen, so dass ihn der Kleine Heilige Erlang besser festnehmen kann.«
»Eure Vase ist aus Porzellan«, hielt Laozi entgegen, »wenn sie ihn am Kopf trifft, ist es ja in Ordnung, doch falls sie das Ziel verfehlt oder gar an seine Eisenstange prallt, könnte es umsonst Scherben geben. Lasst ab, ich alter Daoist werde ihm Beistand leisten.«
»Habt Ihr denn eine Waffe?«
»Freilich, freilich«, antwortete der Alte, lüftete seinen linken Ärmel und zog einen Reif vom Arm. »Dieser Reif ist aus Kunwu-Erz geschmiedet; ich habe ihn mit geläutertem Elixier bereichert. Er ist verwandelbar, feuer- und wasserfest und kann jeden beliebigen Gegenstand umschließen. Man nennt ihn auch Diamantreif oder diamantene Schlinge. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich einst jenseits des Hanguan- Passes die Barbaren zum Buddhismus bekehren konnte. Wartet, ich werfe den Reif nach ihm.«
Kaum hatte er ausgesprochen, ließ er den Ring vom Himmelstor durch die Lüfte schwirren, exakt auf den Kopf des Affenkönigs zu. Dieser war von seinem erbitterten Kampf gegen die sieben Gebrüder so eingenommen, dass er nichts von der Waffe merkte, die vom Himmel niedersauste. Schon prallte sie auf seinen Schädel, er verlor das Gleichgewicht und strauchelte, dann stemmte er sich wieder hoch und rannte davon. Doch Erlangs kleiner Hund holte ihn ein und biss ihm in die Waden. Abermals stolperte er, blieb längelang am Boden liegen und schimpfte: »Verfluchtes Biest! Statt deinen Herrn zu beschützen, kommst du hierher und beißt den alten Sun!«
Er wälzte sich herum, doch konnte er nicht mehr aufstehen. Da wurde er von den sieben Gebrüdern niedergedrückt, man fesselte ihn und zog einen spitzen Haken durch sein Schlüsselbein, dass er sich nicht mehr verwandeln konnte.
Der Alte Meister aber zog seinen Ring wieder ein und bat den Jadekaiser, zusammen mit Guanyin, der Königinmutter und allen Himmlischen zurück in die Halle der Himmelshöhen zu gehen. Unten auf der Erde zogen derweil die Vier Großen Himmelskönige, Himmelskönig Li und alle Götter ihre Krieger ein, ließen das Feldlager abbrechen und kamen zu Erlang, ihm zu gratulieren.
»Das ist Euer Verdienst, Kleiner Heiliger!« waren sich alle einig.
»Dank sei dem Segen des Himmelsherrschers und der Macht aller Himmelsgötter«, sprach Erlang bescheiden, »was soll mir für ein Verdienst zustehen?«
»Werter Bruder, haltet Euch nicht länger auf«, meinten da die Gebrüder Kang, Zhang, Yao und Li. »Bringen wir den Kerl lieber gleich in die oberen Gefilde und bitten den Jadekaiser, ein Urteil zu fällen.«
»Liebe Brüder«, antwortete Erlang, »da ihr im Himmel noch nicht als Unsterbliche eingetragen seid, ist es euch versagt, den Jadekaiser zu sehen. Mögen die sechs Jia- Götterkrieger den Affen in Gewahrsam nehmen, während ich mit den Himmelskönigen zur Berichterstattung nach oben gehe. Ihr aber sollt hier den Berg durchkämmen, und wenn alles gesäubert ist, könnt ihr zur Guanjiang-Mündung zurückkehren. Sobald ich den Sold erhalten habe, werden wir zusammen feiern.«
Die Götterkrieger zeigten sich einverstanden. Nun erhoben sich Erlang und die anderen auf Wolken und entschwebten Siegeshymnen singend zum Himmel. Binnen kürzester Zeit waren sie vor der Halle der Durchdringenden Klarheit, wo einer der Himmelsmeister dem Jadekaiser meldete: »Die Vier Großen Himmelskönige und andere mehr haben den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen gefangengenommen.
Nun sind sie gekommen, Eure Anweisungen entgegenzunehmen.«
Der Jadekaiser erteilte dem Kraftvollen Geisterkönig den Befehl, den Affen mit Hilfe himmlischer Krieger auf den Geister-Richtplatz zur Enthauptung zu führen und seine Leiche in Stücke zu hacken. Und da wir nicht wissen, wie es um das Schicksal des Affenkönigs stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.