»Der König der Großen Kraft ist der Rinderdämon«, erklärte der Erdgeist.
»Hat also der Rinderdämon hier Feuer gelegt und es dann Flammengebirge genannt?« fragte Pilger.
»Nein, so ist es nicht«, sprach der Erdgeist und fügte hinzu: »Nur wenn Ihr, Großer Heiliger, geringem Geist verzeihen könnt, wage ich offen zu sprechen.«
»Weshalb sollte ich dir verzeihen müssen? Sprich nur offen, ohne Furcht!«
Da sagte der Erdgeist: »Das Feuer stammt von Euch, Großer Heiliger.«
»Was für ein Unsinn!« empörte sich Pilger. »Ich soll Feuer gelegt haben?«
»Ihr erkennt mich halt nicht mehr«, entgegnete der Erdgeist. »Früher stand hier kein Berg. Doch vor fünfhundert Jahren habt Ihr ja im Himmel einen Aufruhr veranstaltet und seid von Laozi im Ofen der Acht Trigramme geläutert worden, und da sind, als Ihr beim Öffnen rausgesprungen seid und den
Ofen umgestoßen habt, ein paar Ziegel zur Erde niedergefallen, die innen noch glühten. Diese wurden hier zum Flammengebirge. Damals weilte ich noch als daoistischer Klosterbruder im Tusita-Palast und hatte die Aufgabe, den Ofen zu warten. Weil der Alte Meister fand, ich hätte den Ofen nicht gut gewartet, schickte er mich zur Strafe hinunter auf Erden, wo ich seither als Erdgeist des Flammengebirges walte.«
»Kein Wunder siehst du so aus«, bemerkte Bajie, »ein Erdgeist, der aus einem Daoisten entstanden ist!«
Immer noch etwas ungläubig, fragte Pilger: »Doch sag, wozu sollen wir jetzt diesen König der Großen Kraft aufsuchen?«
»Der König der Großen Kraft ist der Mann der Rakshasi. Er hat sie verlassen und wohnt jetzt auf dem Donnerhort-Berg in der Grotte der Wolkenhöhe. Da lebte einst ein uralter Fuchskönig, und als dieser starb, hinterließ er eine Tochter, die ›Prinzessin Jadeschön‹ genannt wird. Außerdem ist ein millionenschweres Guthaben zurückgeblieben, das von niemandem mehr verwaltet wurde. Als nun vor zwei Jahren die Prinzessin erfuhr, dass der Rinderdämon so große übernatürliche Fähigkeiten besitzt, hat sie ihn mit einer reichen Mitgift aus dem Familienvermögen zum Mann genommen. Daraufhin hat dieser Rinderkönig die Rakshasi verlassen und hat schon lange nicht mehr dort vorbeigeschaut. Nur wenn Ihr, Großer Heiliger, den Rinderkönig dazu bewegen könnt, hierherzukommen, werdet Ihr den echten Fächer erhalten. Dann könnt Ihr zum einen das Feuer löschen und Euren Meister wohlbehalten über den Berg führen, zum anderen diesen Brand für immer beseitigen und den Menschen hier helfen; nicht zuletzt werde dann auch ich Begnadigung finden, dass ich in den Himmel zurückkehren und mich der Lehre des Laozi widmen kann.«
»Wo liegt denn der Donnerhort-Berg? Wie weit ist es bis dorthin?« wollte Pilger wissen, und der Erdgeist antwortete: »Er liegt genau im Süden. Von hier aus sind es etwa dreitausend Meilen.«
Nachdem er dies vernommen hatte, wies Pilger Bajie und Sandmönch an, gut auf den Meister aufzupassen, und befahl dem Erdgeist, bei ihnen zu bleiben. Dann schoss er mit einem Pfiff in die Höhe und schwebte auf einer Wolke davon.
In weniger als einer Stunde erblickte er bereits einen hohen Berg, landete alsbald auf dem Gipfel und hielt eine Weile Ausschau. Dann schritt er ins Gebirge und suchte einen Weg. Während er gerade ratlos um sich schaute, fiel sein Blick plötzlich auf eine wunderschöne Frau, die mit einer frisch gepflückten Orchidee in der Hand anmutig durch die Gegend trippelte. Der Große Heilige schlüpfte schnell hinter einen bizarr geformten Felsblock und wartete, bis die Frau näher kam. Dann trat er vor, grüßte mit einer leichten Verneigung und sprach: »Wohin des Wegs, werte Dame?«
Jäh hob die Frau den Kopf und gewahrte die hässliche Gestalt des Großen Heiligen. Ein Schrecken fuhr ihr in die Glieder; am liebsten wäre sie zurückgewichen oder davongelaufen, doch kam sie nicht vom Fleck. Schließlich hauchte sie zitternd vor Angst: »Wo kommt Ihr her? Wie könnt Ihr es wagen, mich hier anzusprechen?«
Da schwindelte der Große Heilige: »Ich komme vom Berg der Smaragdenen Wolken. Da ich heute Eure werte Gegend zum ersten Mal besuche, kenne ich den Weg noch nicht. Darf ich fragen, werte Dame, ist das hier der Donnerhort-Berg?«
»Ja.«
»Es soll hier eine Grotte der Wolkenhöhe geben; wo liegt die?«
»Was wollt Ihr in der Grotte?«
»Ich komme von der Prinzessin mit dem Eisenfächer aus der Palmgrotte auf dem Berg der Smaragdenen Wolken mit dem Auftrag, den Rinderdämon um Hilfe zu bitten.«
Als die Frau das hörte, schimpfte sie wütend: »Das gemeine Luder! Die hat ja keine Ahnung! In den knapp zwei Jahren, seit der Rinderdämon bei mir wohnt, hat er ihr wer weiß wie viele Juwelen, Gold und Silberschmuck geschenkt, ballenweise Brokatseide, dazu schickt er jährlich Brennholz, jeden Monat Reis! Und sie? Sie braucht gemütlich alles auf und hat keine Scham, ihn auch noch um Hilfe zu bitten!«
Auf diese Worte wusste der Große Heilige natürlich, dass er Prinzessin Jadeschön vor sich hatte. Darum packte er nun seine Eisenstange und fuhr sie an: »Du schändliches Weib, mit deinem Besitztum hast du dir den Rinderdämon gekauft! Das heißt wahrhaftig, sich einen zum Mann nehmen und auch noch draufzahlen! Du aber schämst dich nicht und wagst auch noch, eine andere zu beschimpfen!«
Zu Tode erschrocken hastete die Frau auf ihren kleinen Lotosfüßchen zitternd von dannen, der Große Heilige laut johlend hinter ihr her. Es stellte sich heraus, dass die Grotte der Wolkenhöhe gleich hinter dem Kiefernwäldchen lag. Die Frau eilte hinein und schloss hinter sich die Tür. Da steckte der Große Heilige seine Stange zurück, blieb stehen und schaute umher.
Die Prinzessin aber stürzte schweißgebadet, mit wild pochendem Herzen ins Studierzimmer. Hier vertiefte sich der Rinderkönig gerade in aller Ruhe in die Schriften der Inneren Alchemie. Aufgewühlt warf sie sich ihm an die Brust, vergrub verzweifelt das Gesicht in den Händen und schluchzte laut. Gutmütig lächelnd sprach der Rinderkönig: »Beruhige dich, mein Liebchen. Was ist denn passiert?«
Die Frau aber stampfte vor Wut und schrie: »Du verfluchter Dämon bringst mich noch um!«
»Warum beschimpfst du mich?« fragte der Rinderkönig lächelnd.
»Nachdem meine Eltern gestorben sind, habe ich dich zu mir geholt, damit ich einen Beschützer habe. In allen Landen hieß es damals, du seist ein wackerer Kerl, und dabei bist du bloß ein gemeiner Pantoffelheld!«
Der Rinderkönig drückte sie an sich und sprach: »Liebchen, sag mir in aller Ruhe, was ich falsch gemacht habe. Dann will ich mich bei dir entschuldigen.«
»Eben bin ich draußen vor der Grotte spazierengegangen und habe Orchideen gepflückt. Da stand auf einmal so ein haariger Mönch mit einer Schnauze wie der Donnergott vor mir und hat mich so unvermittelt gegrüßt, dass ich beinah vor Schreck umgefallen wäre. Dann habe ich mich gefasst und gefragt, wer er sei, und er hat erklärt, er käme von der Prinzessin mit dem Eisenfächer, die den Rinderdämon um Hilfe bitten wollte. Als ich ihn dann mit ein paar Worten zurechtgewiesen habe, hat er mich plötzlich beschimpft und ist mir mit einem Stecken nachgerannt. Wenn ich nicht schnell genug geflohen wäre, hätte er mich erschlagen! Ach, dass ich dich nur zum Mann nehmen musste! Du bringst mich noch um!«
Der Rinderkönig strich ihr die Haare aus dem Gesicht und hielt sie lange in den Armen, bis sie sich endlich etwas beruhigte. Da sprach er entschieden: »Liebchen, ich will dir nichts verheimlichen. Die Palmgrotte ist zwar recht abgelegen, doch ist es ein stiller, beschaulicher Ort. Meine Frau hat sich dort von klein auf in der Vervollkommnung geübt und ist immerhin eine Unsterbliche, die das Dao erlangt hat. Sie hält ihre Tore immer streng verschlossen und würde nicht mal einen Buben hineinlassen. Wie kann es möglich sein, dass plötzlich ein Kerl mit der Schnauze eines Donnergotts in ihrem Auftrag erscheint? Ich denke eher, dass es sich um irgendeinen üblen Geist handelt oder um einen, der mich unter falschem Namen aufsuchen will. Warte, ich will mal nachschauen!«
Er trat von seiner Studierstube in die Halle, schnürte sich die Rüstung um, packte eine Stange aus Roherz, trat vor das Tor und brüllte: »Wer ist es, der sich hier so unverschämt aufführt?«
Pilger betrachtete den Rinderkönig, der sich nach fünfhundert Jahren ziemlich verändert hatte.
Der Große Heilige strich sich das Gewand glatt, trat mit einer tiefen Verbeugung vor und sprach: »Werter Bruder! Kennt Ihr Euren jüngeren Bruder noch?«
Der Rinderdämon grüßte zurück und meinte: »Du bist doch der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong?«
»Ja, der bin ich!« rief Pilger. »Lange haben wir uns nicht gesehen. Als ich eben hier angekommen bin, habe ich eine Frau nach Euch gefragt, so habe ich Euch jetzt gefunden. Was für eine außerordentliche Freude!«
»Schluss mit dieser Heuchelei!« fuhr ihn der Rinderkönig an. »Nach dem, was ich gehört habe, bist du nach deinem Aufruhr im Himmelspalast von Buddha unter den Berg der Wandlungsphasen gesteckt worden, und seit du kürzlich befreit wurdest, sollst du den Priester aus China auf seiner Schriftensuche in den Westen begleiten. Doch warum hast du in der Feuergrotte meinen Sohn, des Rindes Heiligen Embryo, ins Unheil gestoßen? Ich bin schon lange wütend auf dich; warum musst du mich auch noch aufsuchen?«
»Werter Bruder«, erwiderte Pilger, »beschuldigt Euren jüngeren Bruder nicht zu Unrecht! Damals hat Euer werter Sohn meinen Meister gefangen und wollte dessen Fleisch verzehren. Ich habe nichts gegen ihn ausrichten können, doch zum Glück hat ihn dann die Bodhisattva Guanyin dazu bewogen, auf den rechten Weg zurückzukehren. Darum steht er heute als Knabe Sudhana an ihrer Seite, das ist rangmäßig noch höher als Ihr, mein werter Bruder. So hat er Zutritt gefunden zur Höchsten Glückseligkeit und erfreut sich der Freiheit des ewigen Lebens – das ist doch nichts als gut, wie könnt Ihr mir dies übelnehmen?«
»Du scheinheiliger Rhesusaffe!« rief der Rinderkönig. »Meinetwegen betrachten wir die Sache mit meinem Sohn so, wie du es darstellst. Doch was war da eben los, als du meine Konkubine bedroht und bis zum Tor verfolgt hast?«
»Ich konnte Euch ja nicht auffinden, älterer Bruder«, lachte Pilger, »darum habe ich mich bei der Frau erkundigt. Ich habe doch nicht wissen können, dass es meine zweite Schwägerin war. Nachdem sie mir Schimpfworte an den Kopf geworfen hat, bin ich etwas grob geworden und muss die Schwägerin erschreckt haben. Ich bitte den älteren Bruder um Verzeihung!«
»Nun gut«, lenkte der Rinderdämon ein, »angesichts unserer alten Freundschaft will ich dich laufenlassen.«
»Da bin ich Euch unendlich dankbar«, sprach Pilger. »Allerdings habe ich da noch eine Sache, mit der ich Euch bemühen muss. Ich hoffe sehr, dass Ihr mich dabei unterstützen könnt.«
»Du Affenkerl kennst wirklich keine Grenzen!« schimpfte der Rinderkönig, »ich lasse dich laufen, und statt dass du dich aus dem Staub machst, verlangst du auch noch, dass ich dir helfen soll!«
»Ich will es Euch offen sagen, werter Bruder«, sprach Pilger. »Weil ich ja diesen Priester aus China in den Westen begleite, bin ich nun an das Flammengebirge gelangt, das uns den Weg versperrt. Nun soll, wie ich hörte, meine werte Schwägerin, die Rakshasi, einen Palmfächer besitzen, und den möchte ich mir mal ausleihen. Gestern habe ich an Eurem vormaligen Wohnort vorgesprochen, doch sie hat sich geweigert, mir den Fächer auszuleihen. Darum wende ich mich mit dieser Bitte an Euch und hoffe, dass Ihr Euren Edelmut an den Tag legt und mit mir der Schwägerin einen Besuch abstattet. Ich muss diesen Fächer unter allen Umständen ausleihen können, damit ich die Flammen löschen kann, den Priester über den Berg bringe und das Werk so bald als möglich zu Ende führen kann.«
Als der Rinderkönig dies hörte, stieg ihm die Wut ins Herz, und er rief: »Sieh an, wie unverfroren du bist! In Tat und Wahrheit bist du also bloß des Fächers wegen hier! Sicher hast du meine Frau hintergangen, dass sie dir den Fächer nicht geben will! Und nun, da du mich aufsuchst, verfolgst du auch noch meine geliebte Konkubine! So geht doch das Wort: ›Betrüge nie des Freundes Frau; schände nie des Freundes Liebe.‹ Du aber hast meine Frau hintergangen und meine Konkubine belästigt – was für eine unverschämte Frechheit! Krieg eins mit meiner Stange!«
»Ich habe keine Angst, wenn Ihr kämpfen wollt«, gab Pilger zurück, »nur den Fächer muss ich unter allen Umständen haben.«
»Wenn du mich in drei Runden besiegst, dann will ich zu meiner Frau gehen und den Fächer für dich ausleihen. Andernfalls hau ich dich tot, um mir Genugtuung zu verschaffen!«
Kaum hatte er ausgesprochen, schwang er seine Stange aus Roherz gegen Pilger, der seinerseits mit dem Goldreifstab auf ihn zutrat. So rangen die beiden über hundert Runden aus, ohne dass eine Entscheidung fiel.
Mitten in der aussichtslosen Lage ertönte vom Gipfel her eine Stimme: »Verehrter Rinderherr, unser großer König sendet Euch eine herzliche Einladung mit der Bitte, baldmöglichst zu erscheinen, damit das Bankett beginnen kann.«
Da hielt der Rinderkönig seine Stange über Pilgers Goldreifstab und sprach: »Affe! Lass erst mal ab und warte, bis ich von meinem Freund zurück bin.«
Dann senkte er seine Wolke, betrat die Grotte und sagte zur Prinzessin: »Liebchen, der Mann mit der Donnergottschnauze war der Rhesusaffe Sun Wukong; ich habe ihn mit einem Stockhieb in die Flucht geschlagen. Er wird nicht wiederkommen, du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich gehe jetzt zu einem Freund was trinken.«
Er entledigte sich seiner Rüstung, schritt aus dem Grottentor und bestieg sein Goldäugiges Wasserwehrtier. Nachdem er dem Gesinde befohlen hatte, das Tor gut zu bewachen, erhob er sich auf seinem Reittier in die Lüfte und
entschwebte durch Wolken und Nebelschleier nach Nordwesten.
Pilger blickte ihm von einem hohen Felsen nach und sann: »Was für Freunde mag der alte Ochse nun haben? Wohin geht er wohl zu einem Bankett? Da geh ich alter Sun doch gleich mal mit!«
Er schüttelte sich, verwandelte sich in einen klaren Windstoß und stob ihm hinterher. Bald kam er zu einem Berg, da war der Rinderkönig plötzlich verschwunden. Also ballte sich der Große Heilige wieder zu seiner körperlichen Gestalt und streifte suchend durch die bergige Landschaft. Auf einmal sah er einen klaren tiefen Teich und daneben eine Steinstele, auf der in sechs großen Schriftzeichen geschrieben stand: »亂石 山碧波潭 – Teich der Smaragdenen Wellen, Berg der Wirren Felsen«.
»Sicher ist der alte Ochse hier ins Wasser gestiegen«, sann der Große Heilige. »Da unten muss irgend so ein Geist leben, ein Lindwurm, ein Drache, eine Wasserschildkröte oder ein Alligator. Da geh ich alter Sun gleich mal runter!«
Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch verwandelte er sich in einen Krebs, ließ sich ins Wasser plumpsen und sank auf den Grund. Auf einmal erblickte er einen prächtigen, mit feinstem Schnitzwerk verzierten Torbogen, und darunter war das Goldäugige Wasserwehrtier angebunden. Er passierte den Torbogen; drinnen war nun kein Wasser mehr. Der Große Heilige kroch voran und blickte sich um. Da sah er weiter drüben, wo Musik zu hören war, den Rinderkönig auf dem Ehrensitz thronen, links und rechts von ihm saßen drei, vier Drachengeister, und auf der gegenüberliegenden Seite ein alter Drachenkönig. An den Tischen zu beiden Seiten saßen die vielen Drachensöhne und Drachenenkel, Drachengemahlinnen und Drachentöchter. Während alle fröhlich becherten und sich mit Zechspielen vergnügten, kroch der Große Heilige stetig voran. Da erblickte ihn der alte Drache und befahl, ihn festzunehmen. Als die Drachensöhne und Drachenenkel herbeidrängten, ihn zu packen, rief der Große Heilige plötzlich mit menschlicher Stimme: »Erbarmen! Lasst mich am Leben!«
Auf einmal erblickte er einen prächtigen, mit feinstem Schnitzwerk verzierten
Torbogen, und darunter war das Goldäugige Wasserwehrtier angebunden.
»Wo kommst du wilder Krebs her?« fragte der alte Drache streng. »Wie kannst du dir erlauben, vor meinem geehrten Gast quer herumzukriechen? Erklär dich, aber schnell, sonst bist du des Todes!«
»Geringer Krebs heißt Kämpe Querkopf«, erfand Pilger. »Leider habe ich mich nie im Hofzeremoniell geübt. Sollte ich durch Unkenntnis der anzuwendenden Regeln Eure Majestät beleidigt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung!«
Auf diese Worte meinten die Anwesenden zum alten Drachen: »Dieser Krebskämpe scheint zum ersten Mal in Eurem Palast zu sein und kennt sich mit den Palastriten nicht aus. Lassen Eure Majestät ihn doch laufen!«
Da rief der alte Drache: »Lasst den Kerl frei. Aber er kriegt noch Schläge; soll draußen warten!«
Der Große Heilige nickte und suchte das Weite. Als er unter dem schmucken Torbogen ankam, hatte er plötzlich eine Idee: Erst nahm er wieder seine eigene Gestalt an, dann band er das Goldäugige Wasserwehrtier los, schwang sich auf den prachtvoll verzierten Sattel und ritt nach oben. Als er aus dem Teich herauskam, nahm er die Gestalt des Rinderdämons an, gab dem Tier einen Klaps und stieg auf einer Wolke in die Höhe, so dass er in kürzester Zeit vor der Palmgrotte auf dem Berg der Smaragdenen Wolken ankam.
»Aufmachen!« rief er.
Eine Zofe öffnete das Tor, erblickte den Rinderdämon und meldete ihrer Herrin: »Der Herr ist da!«
Wie die Rakshasi dies hörte, ordnete sie in aller Eile ihren Haarputz und eilte auf ihren Lotosfüßchen mit zierlichen Schritten dem Eingang zu. Der Große Heilige aber stieg vom prächtigen Sattel und zog das Wassertier am Strick hinein. Ohne ihn zu erkennen, nahm die Rakshasi ihn bei der Hand und hieß die Zofen Tee auftragen. Alle eilten heran, den Hausherrn ehrerbietig zu begrüßen. Bald hatten sie ein paar höfliche Worte ausgetauscht, und der Rinderkönig sprach: »Lange haben wir uns nicht mehr gesehen, meine Gattin.«
»Glückwunsch dem Großen König«, lächelte die Rakshasi und fügte hinzu: »Welcher Wind hat dich hierhergetrieben, da du nun glücklich in neuer Ehe lebst und deine Frau im Stich lässt?«
»Wie könnte ich es wagen, dich im Stich zu lassen«, lächelte der Große Heilige. »Allein, seit Prinzessin Jadeschön mich bei ihr aufgenommen hat, gab es im Haus eine Menge zu regeln; außerdem bin ich durch Besuche bei Freunden aufgehalten worden, und darum war ich öfter unterwegs und musste mich ja gleichzeitig noch um den Haushalt kümmern.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe gehört, dass Sun Wukong, dieser Schurke, mit seinem Priester aus China bald zum Flammengebirge kommen soll. Darum fürchte ich, er könnte deinen Fächer leihen wollen, und ich kann es nicht ertragen, dass wir den Schaden an unserem Sohn noch nicht gerächt haben! Falls er kommt, dann schicke mir sofort einen Boten; ich werde ihn in tausend Stücke hauen, damit wir beide endlich Genugtuung kriegen!«
»Großer König«, sprach die Rakshasi mit Tränen in den Augen, »um ein Haar hätte mich dieser Affe das Leben gekostet!«
Da gab sich der Große Heilige wütend und schrie: »Der verdammte Affe! Wann ist er gegangen?«
»Er ist noch nicht gegangen«, entgegnete die Rakshasi. »Gestern war er hier und hat den Fächer verlangt; er nannte mich Schwägerin und behauptete, einst mit dir Brüderschaft geschlossen zu haben.«
»Ja, vor fünfhundert Jahren waren wir sieben Brüder.«
»Ich habe ihn zurechtgewiesen, bis er kein Wort mehr sagte, und habe ihn verhauen, dass er nicht zu kämpfen wagte. Am Ende hab ich ihn mit dem Fächer weggefächert. Doch irgendwo muss er eine Windstill-Magie erhalten haben, jedenfalls war er schon heute früh wieder vor dem Tor, und als ich den Fächer wieder benutzen wollte, hab ich ihn nicht von der Stelle bewegen können. Dann habe ich meine Schwerter gezückt und auf ihn niedergehauen, doch diesmal hat er sich nicht mehr zurückgehalten. Ich bin dann in die Grotte gerannt und habe das Tor verschlossen. Irgendwie ist er trotzdem reingekommen und in meinen Bauch geschlüpft, und da hätte er mich beinahe umgebracht! Zuletzt hab ich ihn am Ende ein paarmal Onkel gerufen und ihm den Fächer gegeben.«
Da schlug sich der Große Heilige an die Brust und rief: »Ach, wie jammerschade! Das ist ein Fehler, meine Gattin! Wie kannst du bloß deinen Schatz diesem Affen geben? Das macht mich wild vor Wut!«
Da sagte die Rakshasi lächelnd: »Großer König, der Fächer, den ich ihm gegeben habe, war doch nicht der echte! Ich wollte ihn nur loswerden!«
Wo denn der echte Fächer sei, wollte der Große Heilige wissen, und die Rakshasi antwortete: »Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen; er ist bei mir!« Und sie winkte den Zofen, Wein zu bringen, um dem Rinderkönig einen Empfang zu geben. Dann erhob sie ihren Kelch und sprach: »Großer König, vergiss in deinem neuen Eheglück auf keinen Fall deine richtige Ehe. Trink einen Becher auf deine Heimat!«
Der Große Heilige nahm den Kelch, hielt ihn lächelnd in beiden Händen und sprach: »Trink du zuerst, meine Gattin. Weil ich mit der Führung des anderen Haushaltes so beschäftigt war, blieb ich dir lange fern. Dafür, dass du hier tagtäglich den Haushalt besorgst, will ich dir meinen Dank aussprechen!«
Da leerte die Rakshasi den Kelch, füllte ihn von neuem und reichte ihn dem Großen Heiligen mit den Worten: »So heißt es doch seit alten Zeiten: Die Gattin ist diejenige, die das Haus besorgt; der Gatte ist gleich dem Vater, der für den Unterhalt sorgt. Da gibt es nichts zu danken.«
So tauschten sie respektvolle Aufmerksamkeiten aus, bis sie sich schließlich setzten, um Speis und Trank einzunehmen. Um das Gebot der fleischlosen Kost nicht zu brechen, nahm der Große Heilige nur ein wenig Obst.
Nach mehreren Bechern war die Rakshasi schon leicht angetrunken, ihre Lust regte sich, und sie begann den Großen Heiligen zu streicheln und zu liebkosen. Hand in Hand bezirzte sie ihn mit zärtlichem Liebesgeflüster; Schulter an Schulter hauchte sie ihm leise Koseworte zu. Du ein Schlückchen, ich ein Schlückchen, so nippten sie am selben Kelch und kosteten zwischendurch eine Frucht. Auch der Große Heilige spielte ihr Zuneigung vor, indem er sich an sie schmiegte und sie streichelte. Als er sah, dass sie betrunken war, versuchte er ihr Worte zu entlocken und sagte: »Wo hast du denn deinen echten Fächer, meine Gattin? Du musst Tag und Nacht drauf achtgeben! Es könnte sein, dass dieser Pilger Sun plötzlich wieder in irgendeiner Verwandlung auftaucht und dir den Fächer abluchsen will.«
Kichernd spuckte nun die Rakshasi etwas aus dem Mund, das nicht größer war als eine Mandel, reichte es dem Großen Heiligen und sagte: »Da ist er doch, mein Zauberschatz!«
Pilger legte das Kleinod in die Hand und fragte sich, wie ein derart kleiner Gegenstand das Feuer löschen sollte. Vermutlich war es wieder etwas Falsches. Die Rakshasi bemerkte sein Sinnen, sie schmiegte ihre gepuderte Wange an Pilgers Gesicht und rief: »Ach mein Herzblatt, steck es doch ein und trink. Was sinnierst du denn die ganze Zeit?«
»So ein kleines Ding«, meinte nun der Große Heilige, »wie soll das einen Brand von achthundert Meilen löschen?«
Da ließ die Rakshasi im Rausch der Wahrheit freien Lauf und verriet den Trick: »Ach, Großer König, du musst in den zwei Jahren unserer Trennung allzu sehr im Liebesleben geschwelgt haben; hat dir denn diese Prinzessin Jadeschön den Verstand genommen, dass du vergessen hast, wie der Schatz deines Hauses wirkt? Du brauchst doch nur mit dem linken Daumen auf den siebten roten Faden am Stiel zu drücken, dazu sagst du einmal den Spruch: ›Si xu he xi, xi chui hu!‹319 So wird er einen Klafter und zwei Fuß groß. Dieser Schatz hat doch unendliche Verwandlungskraft; einen Brand von achthundert Meilen löscht er mit einem Schlag!«
Der Große Heilige prägte sich die Worte tief im Herzen ein. Gleichzeitig steckte er sich den Fächer in den Mund, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und nahm seine eigene Gestalt an.
»Rakshasi!« rief er, »schau her! Bin ich etwa dein Gatte, dass du mich die ganze Zeit so geschmacklos umgarnst? Schäme dich!«
Als die Rakshasi sah, dass sie Pilger vor sich hatte, stieß sie den Tisch von sich, wankte in den Staub und schrie: »Das bringt mich um! Das bringt mich um!«
Ohne sich weiter um sie zu kümmern, stob der Große Heilige mit ausholenden Schritten aus der Palmgrotte und sprang mit einem Satz auf eine glückverheißende Wolke, mit der er auf einen hohen Gipfel stieg, den Fächer ausspuckte und den Trick ausprobierte. Mit dem Daumen der linken Hand drückte er auf den siebten roten Faden am Stiel und murmelte dazu: »Si xu he xi, xi chui hu!« Tatsächlich wurde der Fächer mit einem Schlag einen Klafter und zwei Fuß lang. Er besah ihn von allen Seiten. In der Tat, er sah anders aus als der letzte; glückverheißendes Licht ging davon aus, als würde eine
heilvolle Aura darüberliegen. Insgesamt hatte er sechsunddreißig rote Fäden, die ineinander verwoben waren. Nun hatte Pilger allerdings nur die Methode erfahren, wie man den Fächer vergrößern konnte, nicht aber, wie man ihn wieder klein machen konnte. Er blieb groß, wie er war, es war nichts zu machen. Schließlich legte er sich den Fächer über die Schulter und schwebte auf demselben Weg zurück, den er gekommen war.
Doch lasst uns nun von dem Rinderdämon berichten, der nach dem Bankett unten im Teich aus dem Palast kam und sein Goldäugiges Wasserwehrtier nicht wiederfand.
»Wer hat das Goldäugige Tier des Ochsenherrn gestohlen?« fragte der alte Drachenkönig streng. Alle Geister knieten nieder und beteuerten: »Nie würde jemand von uns es zu stehlen wagen! Wir haben doch alle zusammen in der Halle bei Wein und Musik gesessen; keiner war draußen.«
»Angehörige meiner Familie würden sich nie zu so etwas versteigen«, sprach der alte Drache, »war denn irgendein Fremder da?«
Da riefen die Drachensöhne und Drachenenkel: »Als wir zu Tische saßen, ist doch ein Krebsgeist gekommen; das war ein Fremder!«
Als der Rinderkönig dies hörte, ging ihm plötzlich ein Licht auf. »Kein Wort!« rief er, »heute früh, als Ihr, mein werter Freund, mir die Einladung geschickt habt, war jener Sun Wukong dabei, der den Priester aus China auf Schriftensuche in den Westen begleitet. Weil sie beim Flammengebirge nicht weiterkommen, hat er bei mir den Palmfächer ausleihen wollen, doch ich habe ihn ihm nicht gegeben. Während er mit mir kämpfte, habe ich ihn stehengelassen und bin zum Bankett gekommen. Dieser Affe ist enorm gewieft; sicher hat er sich in einen Krebs verwandelt, um sich hier schlau zu machen, hat dann mein Tier gestohlen und ist zu meiner Frau gegangen, um den Fächer zu ergaunern!«
Entsetzt fragten die Wassergeister: »Meint Ihr jenen Sun Wukong, der einst den Aufruhr im Himmelspalast gemacht hat?«
»Genau der«, bestätigte der Rinderkönig. »Falls jemand unter den Herren am Weg nach Westen zu Hause ist, rate ich, einen Bogen um ihn zu machen. Nun, auf Wiedersehen, meine Herren, ich gehe ihm auf die Spur!«
Er schoss durchs Wasser hoch, sprang aus dem Teich und sauste auf einer gelben Wolke schnurstracks zur Palmgrotte. Dort hörte er die Rakshasi verzweifelt mit den Füßen aufstampfen, sich an die Brust schlagen und heulen. Als er das
Tor aufstieß, sah er, dass drinnen das Goldäugige Wasserwehrtier angebunden lag.
Laut rief der Rinderkönig: »Frau, wo ist Sun Wukong hin?«
Die Zofen knieten nieder und riefen: »Der Herr ist da!«
Die Rakshasi krallte sich am Rinderkönig fest, schlug die Stirn auf den Boden und schrie: »Du vom Himmel Verdammter! Wie kannst du nur so fahrlässig sein, diesen Affen dein Goldäugiges Tier klauen zu lassen, dass er mich in deiner Gestalt betrügt!«
Zähneknirschend fragte der Rinderkönig: »Wohin ist der Affe gegangen?«
Da schlug sich die Rakshasi verzweifelt an die Brust und rief: »Der elende Affe hat mich um den Schatz betrogen, dann hat er sich zu erkennen gegeben und ist davongelaufen. Eine bodenlose Gemeinheit!«
»Ruhig, meine Gattin«, sprach der Rinderkönig, »zürne nicht zu sehr. Warte, bis ich den Affen eingeholt habe; ich werde ihm den Schatz abnehmen und ihn dingfest machen. Und dann werde ich ihm die Haut von den Knochen reißen und ihm Herz und Leber ausstechen, um dir Genugtuung zu verschaffen!« Er rief nach seinen Waffen. »Herr, Eure Waffen sind nicht hier«, sprachen die Zofen.
»Dann bringt mir eben die Waffen meiner Frau!«
Die Zofen reichten ihm die zwei Schwerter. Der Rinderkönig packte sie mit beiden Händen, schritt hinaus und eilte direkt zum Flammengebirge. Und da wir nicht wissen, wie es in der Folge um Heil und Unheil stand, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.