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061 Eber Bajie hilft den Dämon überwinden / Pilger sucht zum dritten Mal den Fächer

Wie berichtet wird, konnte der Rinderdämon den Großen Heiligen Sun schließlich einholen und sah, wie er mit dem Palmfächer auf der Schulter wohlgemut seines Weges ging. Da überlegte der Dämonenkönig: »Wenn ich ihm jetzt den Fächer abverlange, wird er ihn mir gewiss nicht geben. Und würde er mich dabei anfächern, flöge ich ja 84 000 Meilen weit weg, das wäre nichts als in seinem Sinne. Doch wie ich weiß, hat dieser Priester aus China ja noch zwei andere Schüler, der zweite ist ein Ebergeist, der dritte ein Geist vom Treibsandfluss; die beiden hab ich schon mal gesehen. Da will ich mich doch mal in diesen Eber verwandeln und den Affen hinters Licht führen. In seiner Selbstzufriedenheit wird er sicher nicht darauf gefasst sein.«

Der gute Rinderdämon! Auch er beherrschte nämlich die zweiundsiebzig Verwandlungen, nur war er seines massigen Leibes wegen nicht ganz so flink. Nun steckte er also seine Schwerter ein, murmelte einen Zauberspruch und schüttelte sich, und schon sah er genau gleich aus wie Bajie. Von unten her holte er sich einen Vorsprung, kam dem Großen Heiligen von vorn entgegen und rief: »Ich komme, Bruder! Der Meister macht sich Sorgen, weil du so lange nicht zurückgekommen

bist. Er fürchtet, bei den großen Fähigkeiten des Rinderdämons könnte der Fächer vielleicht nicht so leicht zu gewinnen sein, darum schickt er mich, dir zu helfen.«

»Der Meister schickt mich, dir zu helfen.«

»Ihr braucht euch nicht zu sorgen«, lachte Pilger, »ich habe ihn ja schon!«

»Wie hast du das geschafft?« fragte der Rinderkönig, und Pilger erzählte: »Der alte Ochse hat mit mir an die hundert Runden ausgefochten, doch wir blieben einander ebenbürtig. Mitten im Kampf hat er mich dann plötzlich stehenlassen und ist auf ein Bankett gegangen, zu Drachengeistern im Teich der Smaragdenen Wellen. Ich bin ihm heimlich gefolgt, habe sein Reittier gestohlen, die Gestalt des alten Ochsen angenommen, und dann bin in die Palmgrotte gegangen, die Rakshasi zu überlisten. Ich alter Sun habe mit ihr ein bisschen unbefleckte Ehe gespielt und den Fächer erschmeichelt.«

»Da hast du dir aber Mühe gemacht«, meinte der Rinderkönig und fügte hinzu: »Bruder, du hast eine Menge Arbeit gehabt, den Fächer kann ich für dich tragen.«

Nichtsahnend reichte ihm der Große Heilige den Fächer. Der Rinderkönig aber wusste natürlich, wie man ihn groß und klein machen konnte. Er nahm ihn zur Hand, und mit irgendeiner unbekannten magischen Fingerbewegung ließ er

den Fächer sofort auf die Größe einer Mandel zurückschrumpfen. Er aber nahm seine eigene Gestalt an und wetterte: »Erkennst du mich, du lausiger Affe?«

Als Pilger dies sah, dachte er in bitterer Reue: »Das war mein Fehler!« Schnaubend und rasend vor Wut packte er seine Eisenstange und schlug los. Der Rinderkönig aber machte einen Fächerschlag gegen ihn; er wusste ja nichts davon, dass der Große Heilige damals, als er sich als Mücke in den Bauch der Rakshasi begeben hatte, sich die Windstillpille in den Mund gesteckt und sie, ohne es zu merken, verschluckt hatte, daher waren nun all seine Eingeweide samt Knochen und Haut derart standhaft, dass man fächeln mochte, wie man wollte; er war nicht von der Stelle zu bewegen. Der Rinderkönig bekam es mit der Angst zu tun, steckte den Fächer in den Mund, packte die beiden Schwerter und hieb los. Nun lieferten sich die beiden in der Höhe ein wildes Gefecht.

Derweil saß der Priester unter der drückenden Hitze dürstend und niedergeschlagen am Weg und sprach zum Erdgeist: »Werter Geist, wie steht es um die Zauberkräfte des Rinderdämons?«

»Dieser Rinderkönig hat nicht geringe Fähigkeiten«, antwortete dieser, »er verfügt über grenzenlose Zauberkräfte. Dem Großen Heiligen Sun ist er ein ebenbürtiger Gegner.«

»Wukong kann sich sehr schnell fortbewegen«, fuhr Tripitaka fort, »normalerweise hat er zweitausend Meilen in einem Augenblick zurückgelegt. Wie kommt es wohl, dass er jetzt schon einen ganzen Tag weg ist? Sicher kämpft er gegen den Rinderdämon.« Und er rief: »Wuneng, Wujing! Wer von euch beiden geht eurem Ordensbruder entgegen? Falls er an Feinde geraten ist, könnt ihr ihm beistehen und den Fächer mitbringen, damit wir so bald als möglich über diesen Berg kommen!«

»Ich möchte schon hin, nur weiß ich nicht, wo es langgeht zum Donnerhort-Berg«, meinte Bajie.

Da sprach der Erdgeist: »Ich unbedeutender Geist kenne den Weg. Lasst General Gardinenroller mit Eurem Meister hier warten; ich will Euch begleiten.«

Tripitaka war sehr erleichtert.

Bajie aber ballte seine Kräfte, packte den Rechen, stieg mit dem Erdgeist auf Wolken, und sie verschwanden alsbald in Richtung Süden. Während sie dahinschwebten, vernahmen sie auf einmal ein lärmendes Kampfgeschrei inmitten tosender Sturmböen. Bajie hielt seine Wolke an und sah genauer hin, da bemerkte er, dass Pilger hier mit dem Rinderkönig kämpfte.

»Worauf wartet Ihr noch, Marschall Tianpeng«, drängte der Erdgeist, »geht hin und steht ihm bei!«

Da schwang der Tölpel seinen Rechen und schrie: »Bruder, ich komme!«

»Du Trottel!« schnaubte ihn Pilger an, »alles hast du mir verdorben!«

»Was denn?«

»Dieser verdammte Ochse ist unverschämt!« schrie Pilger, »ich hatte der Rakshasi den Fächer schon abgelistet und war gerade auf dem Rückweg, da kommt dieser Kerl in deiner Gestalt und luchst mir den Fächer wieder ab! Und jetzt kämpft er wieder mit mir. Das hat die ganze Sache verdorben.«

Rasend vor Wut schwang Bajie seinen Rechen hoch und brüllte: »Sieh dich vor, du blutige Pestbeule! Du wagst es, die Gestalt deines Ahnen anzunehmen! Täuschst meinen Bruder und säst Zwietracht zwischen mir und ihm!«

Seht, wie er nun Hals über Kopf seinen Rechen gegen den Rinderkönig schleudert! Der aber kämpfte so lange, bis seine Kräfte nachließen und er merkte, dass er den wilden Hieben von Bajies Rechen nicht länger würde standhalten können. Da gab er auf und wollte die Flucht ergreifen. Doch schon trat ihm der Erdgeist vom Flammengebirge mit einer Truppe unsichtbarer Krieger in den Weg und rief: »Halt, König der Großen Kraft! Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich ist auf dem Weg in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Es gibt keinen Gott, der ihm nicht beistehen würde, keinen Himmel, der nicht segnend über ihm weilte. In allen Drei Welten ist er bekannt, im ganzen Weltenraum wird er beschützt. Nimm sofort den Fächer und lösche die Flammen, damit er baldmöglichst über den Berg gelangt. Ansonsten wird dich der Himmel bestrafen, und du wirst mit Sicherheit entweder getötet oder verbannt.«

»Erdgeist«, versetzte der Rinderkönig, »du siehst die Sache nicht im rechten Licht! Der lumpige Affe hat mir meinen Sohn weggenommen, meine Konkubine bedroht und meine Frau betrogen; eine Anmaßung nach der anderen! Vor Wut würde ich ihn am liebsten mit Haut und Haar verschlingen; wie könnte ich ihm so den Fächer ausleihen wollen!«

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Bajie vor ihn trat und schimpfte: »Weh dir, du galliger Ochse! Gib den Fächer, oder du bist des Todes!«

Dem Rinderkönig blieb nichts übrig, als von neuem mit seinen Säbeln gegen Bajie zu kämpfen, während der Große Heilige zu Hilfe kam. In diesem Gefecht maßen sich alle drei bis aufs Äußerste. Ringend zogen sie durch die Lüfte und fochten die ganze Nacht hindurch, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schon wurde es wieder hell. Vor ihnen lag nun die Grotte der Wolkenhöhe auf dem Donnerhort-Berg, wo

ihr Kampfgeschrei längst die Prinzessin Jadeschön aufgeschreckt hatte. Diese beorderte nun alle Krieger der Grotte, dem Rinderkönig mit Speeren und Säbeln beizustehen. Hocherfreut rief dieser: »Ihr kommt genau richtig!«

Schon raste die Horde Ungeheuer auf Bajie zu. Der war nicht schnell genug, ließ den Rechen sinken und rannte davon. Der Große Heilige rettete sich mit einem Sprung zu den Wolken aus der Umzingelung, und die unsichtbaren Krieger stoben in alle Himmelsrichtungen davon. Der alte Ochse aber versammelte triumphierend alle Ungeheuer, kehrte mit ihnen in die Grotte zurück und verriegelte das Tor.

»Dieser tolldreiste Kerl!« schrie Pilger, »seit gestern kämpft er mit mir, und das ohne Unterlass bis heute Nacht, und immer ist noch kein Entscheid gefallen, obwohl ihr beide mir zu Hilfe gekommen seid. So haben wir eine ganze Nacht lang bitter gekämpft, doch der Kerl scheint nicht mal erschöpft zu sein. Und dann hat er auch noch Unterstützung gekriegt von dieser Horde Ungeheuer. Jetzt hat er das Tor verriegelt. Was tun wir bloß?«

»So kriegen wir den Fächer kaum mehr«, meinte Bajie. »Wie sollen wir den Meister je über den Berg bringen? Kehren wir doch einfach um, und jeder geht seinen verdammten Weg!«

Da sprach der Erdgeist: »Großer Heiliger, ärgert Euch nicht! Marschall Tianpeng, lasst nicht nach! Wenn ihr umkehrt, kommt ihr auf den falschen Weg, so werdet ihr die Vervollkommnung nie erreichen. Euer Meister sitzt hilflos auf dem rechten Weg und kann nur noch auf euren Erfolg hoffen!«

Da riss sich Pilger zusammen und rief: »Ja, so ist es! Recht gesprochen! Jetzt müssen wir mit diesem Kerl

Kämpfen und ringen,

Zauber vollbringen!

So kann ich handeln,

Den Unstern wandeln,

Uns Kühle gewinnen,

Das Feuer bezwingen!

Starre Leerheit überwinden,

Auf dass wir zu Buddha finden.

Und, wenn einst der Weg vollendet,

In Glückseligkeit eingehen,

Auf dass wir einander alle

An Maitreyas Feier sehen!«320

Als Bajie diese Worte hörte, raffte auch er sich auf und rief:

»Ja, ja, ja!

Hin, hin, hin!

Ob der alte Ochse

Ja sagt oder nein!

›Holz‹ entsteht im Zeichen Hai,

Das dem Eber angehört,

Der den Ochsen wieder heim

In die Phase ›Erde‹ führt.

Unter Shen entsteht ›Metall‹,

Dies entspricht dem Affen;

So mehrt sich die Harmonie,

Ohne Kampf und Strafen.321

Mit dem Palmenfächer,

Der für Wasser steht,

Werden wir die Flammen löschen,

Dass ›Vollendung‹ hier einkehrt.322

Darum lasst uns Tag und Nacht

Unermüdlich bitter ringen,

Dass wir nach getanem Werk

Zum Ullambana-Fest uns schwingen!«323

Nun rannten die beiden mit dem Erdgeist und den unsichtbaren Kriegern voran, schwangen Rechen und Stange und zerschmetterten das Eingangstor zur Grotte der Wolkenhöhen rumpelnd und polternd in tausend Stücke. Die Torwächter rannten bestürzt ins Innere und riefen: »Großer König! Sun Wukong hat mit seinen Truppen das Tor eingeschlagen!«

Der Rinderkönig, der gerade seiner Prinzessin Jadeschön alles berichtet hatte, glühte immer noch vor Wut auf den Pilger Sun. Wie er nun hörte, dass dieser sein Tor eingeschlagen habe, warf er sich, rasend vor Zorn, die Rüstung über, packte seine Eisenstange, rannte heraus und brüllte: »Du elender Rhesusaffe! Für wen hältst du dich eigentlich, dass du ohne jede Rücksicht hier zu wüten wagst?«

»Du alter Halsabschneider!« fuhr ihn Bajie an, »für wen hältst du dich denn, dass du dir anmaßt, über andere zu urteilen? Halt still, jetzt kriegst du eins mit meinem Rechen!«

»Du verfressener Trottel siehst nicht eben tüchtig aus«, höhnte der Rinderdämon, »lass erst mal den Affen antreten!«

»Du unbelehrbarer Grasfresser!« schrie Pilger, »gestern habe ich dich noch als Bruder angesehen, doch jetzt sind wir Feinde. Pass auf, du kriegst eins mit meiner Stange!«

Furchtlos schritt ihm der Rinderkönig entgegen. Das Gefecht, das nun folgte, war noch heftiger als zuvor. Alle drei prügelten ohne Rücksicht auf Leben oder Tod aufeinander los, und es dauerte abermals über hundert Kampfrunden. Gestützt auf Pilgers magische Fähigkeiten, hämmerte Bajie mit seinem ganzen Trotz so lange drauflos, bis der Rinderkönig nicht mehr standhalten konnte und die Flucht ergriff. Doch als er zu seiner Grotte rannte, wurde er vom Erdgeist und den unsichtbaren Kriegern aufgehalten, die ihm zuriefen: »Wohin, König der Großen Kraft? Wir passen dich ab!«

Wie der alte Ochse den Zugang zur Grotte verwehrt sah, wandte er sich um und sah nun von der anderen Seite Pilger und Bajie heranstürmen. Da riss er sich die Rüstung vom Leib, warf die Eisenstange nieder, schüttelte sich und stieg als Schwan zum Himmel hoch.

Da riss er sich die Rüstung vom Leib, warf die Eisenstange nieder, schüttelte sich und stieg als Schwan zum Himmel hoch.

Pilger sah es und rief lachend: »Bajie, der alte Ochse ist weg!«

Der Tölpel aber hatte nichts davon mitbekommen, auch der Erdgeist nicht; alle blickten noch immer verwundert umher. Da wies Pilger nach oben und sagte: »Dort fliegt er!«

»Das ist ein Schwan«, erwiderte Bajie.

»Eben, der alte Ochse hat sich gerade in diesen Schwan verwandelt!« erklärte Pilger, dann befahl er: »Schlagt ihr beide euch den Weg in die Grotte frei, vernichtet sämtliche Ungeheuer und macht das Nest dem Erdboden gleich; dann ist ihm der Rückweg abgeschnitten. Ich alter Sun werde mich derweil mit diesem Ochsen in der Kunst der Verwandlung messen.«

Wie geheißen drang Bajie mit dem Erdgeist in die Grotte ein, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Der Große Heilige aber steckte seine Stange ein, murmelte einen Zauberspruch und schüttelte sich, da hatte er die Gestalt eines Falken angenommen. Er breitete die Schwingen aus und stach durch ein Loch in der Wolkendecke in den Himmel, um sich dann pfeilschnell auf den Schwan zu stürzen, dessen Hals zu umklammern und nach seinen Augen zu picken. Der Rinderkönig wusste natürlich, dass es Pilger war, schlug hastig mit den Flügeln und erschien als Habicht, der nun seinerseits nach dem Falken pickte. Da verwandelte sich Pilger in einen schwarzen Phönix und jagte dem Habicht nach, doch der Rinderkönig erkannte ihn, wurde zu einem weißen Kranich und flog mit einem lauten Schrei gen Süden. Da hielt Pilger an, plusterte seine Federn auf und verwandelte sich mit lautem Krächzen in einen roten Phönix. Wie der weiße Kranich nun merkte, dass er den König aller Vögel vor sich hatte, hielt er inne, denn kein Vogel wagt sich einem roten Phönix gegenüber ungebührlich zu verhalten. Dann aber spreizte er die Flügel und glitt den Hang hinunter, um bald als Moschustier am Fuß des Berges ungelenk herumzugrasen. Pilger erkannte ihn, flog ebenfalls nach unten und sprang nun als hungriger Tiger mit schlagendem Schweif auf das Moschustier zu, um es zu verschlingen. Da geriet der Rinderkönig in Panik, verwandelte sich rasch in einen großen Leoparden und stürzte sich auf den Tiger. Pilger aber bemerkte ihn rechtzeitig, schwenkte den Kopf gegen den Wind und erschien auf einmal als löwenartiges Fabeltier mit goldenen Augen, das mit Donnergebrüll und ehernem Schädel auf den Leoparden zuraste, um ihn zu fressen. Fieberhaft verwandelte sich der Rinderkönig in einen Bären im aufrechten Gang, um sich mit seinen Pranken auf das Fabeltier zu stürzen. Pilger aber wälzte sich über den Boden und stand plötzlich behäbig als Elefant da, mit einem Rüssel wie eine Schlange und mit Stoßzähnen wie Bambussprossen. So schwenkte er seinen Rüssel nach dem Bären aus, um ihn zu ergreifen. Da lachte der Rinderkönig auf und nahm nun seine ursprüngliche Gestalt an, nämlich die eines riesigen weißen Ochsen. Wie ein Berg ragte sein Haupt empor, die Augen funkelten wie Blitze, die Hörner stachen wie eherne Pagoden von der Stirn, und die Zähne waren wie scharfe Klingen. Vom Kopf bis zum Schwanz war er über tausend Klafter lang, von den Hufen bis zum Rücken ragte er an die achthundert Klafter in die Höhe. So brüllte er Pilger zu: »Ha, du lausiger Affe, was willst du mir noch anhaben?«

Jetzt zeigte sich auch Pilger in seiner eigenen Gestalt, zückte den Goldreifstab, bückte sich und schrie: »Wachsen!«

Schon wuchs er auf zehntausend Klafter an, dass sein Kopf sich ausmachte wie der Taishan und seine Augen aussahen wie Sonne und Mond. Sein Rachen war ein blutiger Schlund mit Zähnen so groß wie Torflügel. So schwang er seine Stange gegen den Rinderkönig, der mit Mühe und Not seine Hörner zur Wehr benutzte. Ihr Kampf ließ das ganze Gebirge erzittern und versetzte Himmel und Erde in Schrecken. Ein Gedicht besagt:

Steigt Vervollkommnung um eine Elle,

Wächst der Dämon um zehntausend an;

Gut, dass der geschickte Herzensaffe

Ihn nach Kräften doch bezwingen kann!

Soll nun dieses feurige Gebirge

Fortan frei von Brand und Flammen sein,

Braucht man einen edlen Palmenfächer,

Nur so wird es letztlich kühl und rein.

Fest entschlossen ist das Gelbe Weib,

Seinen Herrn und Meister aufzurichten;

Gütig hilft auch die Holzmutter mit

Diesen Dämon endlich zu vernichten.324

Also kehren die Fünf Wandlungsphasen

Nun in Eintracht heim zur Wahren Frucht,

Von Dämonischem und Schmutz sich läuternd,

Wird der Weg zum Westhimmel vollbracht.

Inzwischen hatte das Gefecht am Berghang, bei dem die beiden ihre enormen magischen Fähigkeiten zum Besten gaben, die in den Lüften umherschwebenden Götter aufgeschreckt, die nun mit dem Goldhäuptigen Genius, den sechs Ding- und den sechs Jia-Götterkriegern sowie den Achtzehn Schutzgöttern der Klöster zu Hilfe kamen und den Dämonenkönig umzingelten. Der aber zuckte mit keiner Wimper. Doch als ihn der Große Heilige Sun frontal angriff und sämtliche Götter von allen Seiten auf ihn einhieben, bekam es der Rinderkönig mit der Angst zu tun. Er wälzte sich über den Boden, nahm seine eigene Gestalt an und eilte der

Palmgrotte entgegen. Da legte auch Pilger seinen transzendenten Körper ab und folgte ihm mit den Göttern hinterher. Der Dämonenkönig jagte in seine Grotte, riegelte das Tor ab und ließ sich nicht mehr blicken. Die Götter aber umstellten den Berg der Smaragdenen Wolken nahtlos.

Gerade als alle zusammen das Tor stürmen wollten, bemerkten sie, wie Bajie mit dem Erdgeist und den unsichtbaren Kriegern angerauscht kam. Pilger erkundigte sich, wie es mit der Grotte der Wolkenhöhe stehe, und Bajie berichtete: »Die Mätresse dieses Ochsen hab ich alter Eber mit einem Hieb umgelegt; es war der Geist einer Zibetkatze. Alle anderen Untiere hab ich umgebracht und die Grotte ausgebrannt. Wie der Erdgeist sagt, soll er auf diesem Berg noch eine andere Familie haben; darum bin ich jetzt hierher gekommen. Ist das hier die Palmgrotte?«

»Ja«, sagte Pilger, »da drinnen ist die Rakshasi.«

Da rief Bajie aufbrausend: »Warum schlagen wir nicht gleich das Tor ein und verlangen den Fächer, statt ihnen Zeit zu lassen, sich zu beraten?«

Schon ballte der Tölpel seine Kräfte und schmetterte den Rechen mit solcher Wucht gegen das Tor, dass es mitsamt dem Felsen krachend in sich zusammenfiel. Entsetzt stürzte die Zofe zu ihrem Hausherrn und rief: »Jemand hat das ganze Eingangstor zertrümmert!«

Der Rinderdämon war eben erst hereingerannt und berichtete gerade keuchend der Rakshasi vom Kampf gegen Pilger. Wie ihn die Meldung erreichte, fuhr er wütend auf, spuckte den Fächer aus und reichte ihn der Rakshasi. Diese nahm ihn in die Hand und sprach mit Tränen in den Augen: »Ach, Großer König! Gebt ihn doch dem Affen und sagt, er solle mit seinen Kriegern abziehen!«

Doch der Rinderkönig erwiderte: »Meine Gattin! Auch wenn der Gegenstand klein ist, so ist doch der Hass zu tief! Bleibe nur hier, ich will mich noch einmal mit ihm messen.«

Schon brachte der Rinderdämon seine Rüstung in Ordnung, wählte zwei Schwerter aus und trat ins Freie, wo er just mit Bajie zusammenstieß, dem er gleich seine Schwerter über den Schädel hieb. Bajie wehrte sie mit dem Rechen ab und wich vom Eingang zurück, da kam der Große Heilige und schwang seine Stange über ihn. Der Rinderkönig aber fuhr auf einem mächtigen Orkan von der Grotte weg, doch schon führten sie ihr Gefecht auf dem Berg der Smaragdenen Wolken weiter. Von allen Seiten drängten nun die Götter heran, während der Erdgeist und die unsichtbaren Krieger von links und rechts angriffen. Auf Gedeih und Verderb focht der Rinderkönig über fünfzig Kampfrunden aus, bis er nicht mehr standzuhalten vermochte und gen Norden davonjagte. Dort aber stand längst

der Dharmakräfte verbreitende Diamantwächter mit überragender Zauberkraft vom Smaragdenen Dämonenfels des Wutai-Gebirges bereit, trat ihm in den Weg und rief: »Rinderdämon! Wo willst du hin? Ich bin auf Geheiß des

Buddha hier, das Weltennetz auszulegen und dich festzunehmen!«

Während er sprach, waren auch schon der Große Heilige, Bajie und die Götter zur Stelle. Erschrocken wandte sich der Dämonenkönig ab und raste gen Süden, doch dort stieß er auf den Diamantwächter der Siegeshöhe mit grenzenloser Dharmakraft aus der Grotte der Reinen Kühle vom Emei- Gebirge, der ihn aufhielt. Rasch fuhr er zurück und jagte nach Osten, wo er auf den Diamantwächter der Großen Kraft des Vairocana-Mönchs vom Ohrfels des Sumeru traf, und als er entsetzt zurückwich und nach Westen raste, lief er dem

Ewigbestehenden Diamantwächter, dem Unzerstörbaren Erhabenen König vom Bergzug der Goldenen Abendröte des Kunlun-Gebirges, in die Arme. Der alte Ochse sah sich von

allen Seiten umzingelt, überall waren Buddhas Himmelskrieger; wahrhaftig, er war im Weltennetz gefangen und kam nicht mehr los. Als er nun in seiner Verzweiflung gewahrte, wie Pilger mit einer Truppe Krieger heraneilte, schnellte er auf eine Wolke und schoss in der Höhe davon. Zum Glück weilten oben bereits der Pagodentragende Himmelskönig und Prinz Nata, zusammen mit General Fischbauch, den Yaksas und dem Mächtigen Seelengott, und riefen ihm zu: »Nur mit der Ruhe! Wir sind auf Geheiß des Jadekaisers hier, dir den Garaus zu machen!«

In panischer Angst verwandelte sich der Rinderkönig abermals in einen großen weißen Ochsen und stürmte mit seinen Hörnern gegen den Himmelskönig. Dieser schlug mit seinem Säbel zu, während hinter ihm auch schon Pilger herbeieilte. Laut rief Prinz Nata Pilger zu: »Großer Heiliger, verzeiht, dass ich mich in Rüstung nicht gebührend vor Euch verneigen kann! Gestern haben mein Vater und ich gesehen, wie Buddha dem Jadekaiser eine Throneingabe vorbrachte, in der er ihm mitteilt, dass der Priester aus China am Flammengebirge verhindert werde und der Große Heilige Sun den Rinderdämon nicht überwinden könne. Darum hat der Jadekaiser mich und meinen Vater beauftragt, Euch hier mit unseren Truppen beizustehen.«

»Der Kerl hat enorme Zauberkräfte«, gab Pilger zurück. »Und jetzt hat er schon wieder eine derart ungeheuerliche Gestalt angenommen. Was sollen wir bloß tun?«

Der Prinz lachte: »Lasst das meine Sorge sein, Großer Heiliger! Ich werde ihn gleich unterkriegen.« Mit dem Ruf »Verwandlung!« wuchs er auf der Stelle zu einem Ungetüm mit drei Köpfen und sechs Armen heran, schwang sich dem Rinderkönig auf den Rücken und ließ sein Dämonenschwert über dessen Hals niedersausen. Ehe man sich’s versah, war der Ochsenkopf abgeschlagen.

Der Himmelskönig steckte seinen Säbel ein und trat Pilger zur Begrüßung entgegen. Doch da wuchs aus dem Hals des Rinderkönigs ein neuer Kopf hervor, schwarzer Rauch stob aus den Nüstern, und gleißende Strahlen schossen aus den Augen. Nata hieb ihn wieder mit einem Schwerthieb vom Rumpf, doch schon wuchs abermals ein neuer Kopf heraus. Mehr als zehn Mal köpfte Nata den Stier, und ebenso oft wuchs von neuem ein Kopf hervor. Schließlich packte Nata seine Feuerräder, steckte sie dem Ochsen an die Hörner und fachte das Wahre Feuer an. Wild brüllte der Rinderkönig unter den Flammen auf, schwenkte Kopf und Schwanz hin und her und versuchte sich zu befreien. Inzwischen aber hatte ihn der Pagodentragende Himmelskönig mit seinem Dämonenspiegel gebannt, so dass er sich nicht mehr regen konnte. Nun blieb kein Ausweg mehr, und er schrie: »Lasst mich am Leben! Ich werde mich der buddhistischen Lehre anschließen!«

»Dann gib sofort den Fächer her«, entgegnete Nata, doch der Rinderkönig antwortete: »Der Fächer ist bei meiner Frau!«

Da löste Nata das Dämonenseil, führte es dem Ochsen durch die Nüstern und zog ihn hinter sich her. Pilger aber versammelte die Diamantwächter, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Schutzgötter der Klöster, die Himmelskönige und Göttergeneräle sowie Bajie, den Erdgeist und die unsichtbaren Krieger um den weißen Ochsen herum, und alle begaben sich zur Palmgrotte zurück. Dort brüllte der alte Ochse: »Frau, bring den Fächer, rette mich!«

Als die Rakshasi dies hörte, löste sie Schmuck und Geschmeide, zog ihr buntes Kleid aus, band ihre schwarzen Haare hoch und warf sich ein weißes Trauergewand über. Dann trat sie, den zwei Klafter langen Fächer in beiden Händen tragend, wie eine daoistische Nonne nach draußen, kniete nieder und sprach unter Stirnaufschlägen: »Mögen die werten Götter uns den Tod ersparen! Ich bin gewillt, diesen Fächer dem werten Onkel Sun zu überreichen!«

Pilger trat vor und nahm den Fächer, dann stieg er mit allen gemeinsam auf glückverheißenden Wolken in die Lüfte, zurück in den Osten.

Doch lasst uns hier berichten, wie Tripitaka und Sandmönch gerade sorgenvoll auf den lange ferngebliebenen Pilger warteten, als sie gewahrten, wie sich auf einmal glückverheißende Wolken am Himmel ausbreiteten. Ein heilvolles Licht strahlte zur Erde, und die Gottheiten schwebten durch die Lüfte hernieder. Ängstlich fragte der Priester: »Wujing, was sind das dort für Götterkrieger?«

Sandmönch erkannte sie und rief: »Meister, das sind die Vier Großen Diamantwächter, der Goldhäuptige Genius, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Schutzgötter der Klöster und viele andere mehr. Derjenige, der den Ochsen führt, ist Prinz Nata, und der mit dem Spiegel ist der Pagodentragende Himmelskönig. Der erste Ordensbruder hält den Palmfächer, und hinter ihm kommt der zweite

Ordensbruder mit dem Erdgeist! Alle anderen sind beschützende Himmelskrieger.«

Auf diese Worte setzte sich Tripitaka seinen Priesterhut auf, legte die kostbare Robe um und ging mit Sandmönch den Ankömmlingen entgegen. Nachdem er sich verneigt hatte, sprach er: »Wie habe ich einfacher Jünger die Ehre verdient, Euch alle in die niederen Sphären zu bemühen!«

»Glückwunsch, heiliger Mönch!« sprachen die Vier Großen Diamantwächter, »Euer Werk wird bald vollendet sein. Wir sind auf Geheiß Buddhas gekommen, Euch zu unterstützen. Ihr aber sollt Euch weiterhin nach besten Kräften dem Weg der

Vervollkommnung widmen und keinen Augenblick nachlassen.«

Mit Stirnaufschlägen nahm Tripitaka die Ermahnung an. Der Große Heilige aber schritt mit dem Fächer vor den Berg und schwenkte ihn mit aller Kraft einmal auf und ab. Sachte erloschen die Flammen, und das Leuchten versiegte. Freudig schwenkte Pilger den Fächer ein zweites Mal, da säuselte ein kühler Wind herbei, und beim dritten Mal ballten sich am Himmel Wolken zusammen, aus denen alsbald feiner Sprühregen herniederrieselte. Ein Gedicht besagt:

Der Flammenberg erstreckte sich

Achthundert Meilen weit;

Sein Feuerschein auf Erden

War weitherum bekannt.

Brennt das Feuer die Fünf Sinne,326

Kann das Elixier nicht reifen;

Lodert es zu den Drei Pässen,327

Ist der Weg nicht klar zu greifen.

Leihe drum den Palmenfächer,

Der den kühlen Regen bringt;

Dank sei allen Himmelskriegern,

Dass die Göttergarde kommt!

Zieh den Ochsen nun zu Buddha,

Dass er nicht mehr störrisch tut;

Denn sind Wasser und Feuer geeint,

Kommt das Wesen von selbst ins Lot.

Alsbald wich Tripitakas brennende Unruhe einer klaren Gelassenheit. In frommer Zuwendung bedankten sich die vier

Pilgernden bei allen. Anschließend kehrten die Diamantwächter auf ihre Berge zurück, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger stiegen in die Lüfte, um weiterhin schützend über ihnen zu wachen, und die in den Lüften schwebenden Gottheiten verteilten sich. Nun zogen der Himmelskönig und sein Prinz den Ochsen hinter sich her, um ihn Buddha zu bringen. Am Ende war nur noch der Erdgeist des Flammengebirges da, der die Rakshasi in Gewahrsam genommen hatte. Da rief Pilger: »Rakshasi, worauf wartest du noch? Warum machst du dich nicht aus dem Staub?«

Da kniete die Rakshasi nieder und sprach mit gefalteten Händen: »Großer Heiliger! Ihr habt versprochen, mir den Fächer zurückzugeben, sobald Ihr ihn nicht mehr braucht. Allein weil ich nicht aufgeschlossen war, ist es zu diesem Kampf gekommen, so viele Götter mussten einspringen. Wahrhaftig, meine Reue kommt zu spät! Immerhin haben der Rinderdämon und ich uns ja bereits so weit in der Vervollkommnung geübt, dass wir menschliche Gestalt annehmen konnten, nur haben wir noch nicht die Rechte Frucht erlangt. Nun hoffe ich, dass Ihr, Großer Heiliger, mir den Fächer zurückgeben könnt; anschließend will ich mich ganz der körperlichen und geistigen Vervollkommnung widmen.«

Da sprach der Erdgeist: »Großer Heiliger! Nehmt die Gelegenheit wahr, dass diese Frau das Feuer zu löschen weiß, und löscht es im Kern! Gebt ihr den Fächer zurück und seht zu, dass Ihr die Bewohner dieser Gegend erlöst, das wird Eure gute Tat vollenden!«

Da meinte Pilger: »Wie ich gehört habe, reicht die Wirkung des Fächers jeweils nur so lange, dass man Getreide säen und ernten kann, doch dann lodern die Flammen von neuem. Wie lässt sich das Übel an der Wurzel beseitigen?«

»Um das Feuer im Keim zu löschen, braucht Ihr nur neunundvierzig Mal hintereinander zu fächern«, sprach die Rakshasi. »So wird das Feuer nie mehr ausbrechen.«

Auf diese Worte packte Pilger den Fächer und schwenkte ihn mit aller Kraft neunundvierzig Mal gegen den Berg, bis über dem Berg ein Sturzregen niederprasselte. Es war wirklich ein Zauberschatz, denn der Regen fiel nur dort, wo noch Feuer brannte, überall sonst blieb der Himmel klar. So wurden auch Meister und Schüler, die ja nicht im Feuer standen, vom Regen nicht benetzt. Nachdem sie die Nacht über abgewartet hatten, machten sie am Morgen ihr Gepäck und das Pferd reisefertig und gaben der Rakshasi ihren Fächer zurück. Diese verneigte sich dankend und begab sich von da an in Abgeschiedenheit, wo sie sich ganz der Vervollkommnung widmete. Später sollte auch sie die Rechte Frucht erlangen und ihr Name in den Heiligen Schriften verewigt werden.

Der Erdgeist aber dankte gerührt und begleitete sie noch zum Abschied. Dann schritten Pilger, Bajie und Sandmönch mit Tripitaka voran; alle fühlten sich erquickt, und der Boden unter ihren Füßen war angenehm frisch. In der Tat:

Kan und Li sind in Vollendung,

Der wahre Ursprung ist geeint;

Wasser und Feuer sind im Lot,

Dass der Große Weg gedeiht!328

Und da wir nicht wissen, wohin sie als Nächstes gelangen sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.