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062 Zur innerlichen Reinigung wird die Pagode ausgekehrt / Vervollkommnung bedeutet Überwinden von Dämonen

Rund um alle Tagesstunden

Soll dies nie vergessen sein:

Übe dich zu jedem Zeitpunkt

Im Weg der Vervollkommnung,

Über hundertundachttausend

Zyklen in fünf Jahren hin!

Lass das göttliche Wasser

Niemals trocken werden,

Folge nicht dem Feuerglanz,

Denn er bringt nur Sorgen!

Wenn das Wasser und das Feuer

Ausgewogen und schadlos sind,

Weilen die Fünf Wandlungsphasen

Gut verkettet dicht im Bund.

Im Einklang von Yin und Yang

Schwebe auf zum Wolkenland!

Auf dem Phönix reite nun

Zum Purpurnen Kaiserhof;

Mache dich mit einem Kranich

Zu der Insel Yingzhou auf!

Dieses Gedicht geht nach der Melodie Linjiang Xian, »Der Unsterbliche am Fluss«, und es spricht davon, wie Tripitaka und seine Schüler im Gleichgewicht der polaren Gegensätze von Wasser und Feuer den Zustand der Vollendung erreichten und somit tief im Innern rein und lauter wurden.

Nachdem sie mit dem wundersamen Fächer der reinen Yin- Kraft den Brand des Flammengebirges gelöscht hatten, legten sie in einem einzigen Tage achthundert Meilen hinter sich. Frei und heiter strebten Meister und Schüler dem Westen entgegen, während der Herbst sich allmählich dem Winter zuneigte.

Nachdem sie lange gereist waren, erspähten sie in der Ferne wiederum eine umwallte Stadt. Tripitaka brachte sein Ross zum Stehen, wandte sich zu Wukong und fragte: »Schau dort, diese aufragenden Bauten; was mag das wohl für ein Ort sein?«

Pilger ließ seinen Blick in die Ferne schweifen und antwortete: »Meister, das ist die Festung eines Königreichs.«

Da gab der Priester seinem Ross die Sporen, so dass er binnen kurzem vor dem Stadttor ankam und abstieg. Nachdem sie das Tor passiert hatten, bot sich ihnen ein reger Anblick: Es war eine große Stadt mit vielen Straßen und Märkten, einem reichen Angebot an Waren, der Handel blühte, und die Leute waren schön gekleidet. Doch während sie durch die Stadt zogen, gewahrten sie auf einmal etwa ein Dutzend buddhistische Mönche auf Bettelgang, deren Hände in hölzernen Halskragen gefesselt waren. Es war in der Tat ein erbärmlicher Anblick.

»Ach«, seufzte Tripitaka, »es trauert der Fuchs um den toten Hasen; es schmerzt das Leid von Mitgenossen!« Und er rief Wukong zu: »Geh und frage, warum ihnen solches Leid geschehen ist!«

Wukong tat wie geheißen und rief den Mönchen zu: »Aus welchem Kloster seid ihr? Wie kommt es, dass ihr Halskragen tragen müsst?«

Da knieten die Mönche nieder und riefen: »Werter Herr, wir sind Mönche vom Goldglanz-Kloster, die zu Unrecht verurteilt worden sind!«

»Wo liegt denn euer Kloster?« wollte Pilger wissen.

»Gleich um die Ecke.«

Da führte Pilger die Mönche vor Tripitaka und sprach: »Erzählt! Warum seid ihr zu Unrecht verurteilt worden?«

»Werte Herren«, sprachen die Mönche, »zwar wissen wir nicht, woher ihr kommt, doch scheint ihr uns irgendwie vertraut. Hier wagen wir eure Frage nicht zu beantworten. Bitte kommt in unser Kloster, dann wollen wir euch unser Leid kundtun.«

»Ihr habt recht«, meinte der Priester, und so begaben sie sich zum Kloster, über dessen Portal sieben große Schriftzeichen prangten, die lauteten: » 敕建護國金光寺 – Königliches Klosterstift Zum Goldglanz«. Meister und Schüler traten ein und blickten sich um. Sie sahen:

Welke Blütenblätter liegen,

Gäste kommen keine mehr.

Drinnen hört man Vögel singen;

Mönche gehen kaum umher.

Tripitaka zog sich unwillkürlich das Herz zusammen, und Tränen rannen über sein Gesicht. Mit ihren hölzernen Halskragen stießen die Mönche das Tor zur Haupthalle auf und baten den Priester hinein, um Buddha zu huldigen. Als sie durch die Halle nach hinten gingen, sahen sie neben der Abtei, an eine Säule gekettet, weitere sechs, sieben junge Mönche. Tripitaka konnte diesen Anblick kaum ertragen.

Als sie schließlich die Abtei betraten, warfen sich die Mönche vor ihnen zu Füßen, schlugen die Stirn auf den Boden und riefen: »Die werten Herren sehen so anders aus; kommt ihr etwa aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten?«

»Ihr versteht euch wohl auf Wahrsagerei«, lachte Pilger, »woher wisst ihr denn das?«

Da erwiderten die Mönche: »Nein, mit Wahrsagerei hat es nichts zu tun. Es ist, weil wir uns mit diesem Unrecht an niemanden wenden konnten und Tag für Tag Himmel und Erde unser Leid klagten, bis uns wohl die Götter erhört haben müssen, denn vergangene Nacht ist jedem von uns derselbe Traum erschienen. Wir träumten, es käme ein heiliger Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und würde uns erlösen. Und da wir nun die werten Herren von fremdartigem Aussehen erblickten, wussten wir sogleich, dass Ihr es sein müsst.«

Da fragte Tripitaka: »Was ist denn das hier für ein Ort? Warum ist euch dieses Unrecht widerfahren?«

»Ihr seid hier im Lande der Dankopfer, einem der großen Reiche im Westen. Früher haben uns alle umliegenden Länder Tribute dargebracht: im Süden das Reich Yuetuo, im Norden Gaochang, im Osten Xiliang und im Westen Benbo. Jahr für Jahr kamen aus diesen Ländern herrliche Perlen und Edelsteine, anmutige Konkubinen und prachtvolle Pferde an unseren Hof. Ohne dass wir Waffengewalt anwandten oder Feldzüge unternahmen, haben uns diese Länder als führenden Staat betrachtet.«

»Ihr müsst einen besonders weisen König haben und tüchtige Minister«, meinte Tripitaka.

»Ach, werter Herr«, seufzten die Mönche, »eben haben wir keine tüchtigen Minister und keinen weisen König! Es war unser Goldglanz-Kloster, dessen Pagode seit jeher von glückverheißenden Wolken umgeben war. Von hier entstieg ein heilvoller Glanz, nachts leuchtete es wie Morgenröte, tagsüber wie bunte Funken, so dass man überall nah und fern bewundernd darauf blickte. Aus diesem Grunde wurde unser Land als ein Sitz der Götter betrachtet, und darum brachten uns die umliegenden Länder auch Tribute dar. Dann aber ging vor drei Jahren, an einem Neumond im Herbst zur Mitternachtsstunde, ein Blutregen nieder, der die Goldpagode unseres Klosters verunreinigte. Seither haben uns die umliegenden Länder keine Tribute mehr gebracht, und unser König hatte bereits die Absicht, Straffeldzüge zu unternehmen. Seine Minister aber argwöhnten, dass die Pagode vielleicht deshalb keine heilvolle Aura mehr habe, weil Mönche unseres Klosters den Schatz aus der Pagode gestohlen hätten. Dies brachten sie vor den König. Dieser verblendete Herrscher hat die Sache nicht einmal überprüfen lassen. Seine korrupten Schergen haben uns aus dem Kloster geholt und uns auf jede erdenkliche Weise gefoltert und geschlagen, um irgendein Geständnis zu erpressen. Zuvor waren drei Generationen von Mönchen hier im Kloster; die älteren sind alle schon unter der Folter gestorben. Jetzt haben sie auch uns den Halskragen auferlegt. Aber denkt doch, mein Herr, wie könnten wir uns je dazu versteigen, den Schatz unserer Pagode zu stehlen? Bitte, habt Erbarmen und helft uns kraft der buddhistischen Lehre, dass wir am Leben bleiben!«

Tripitaka nickte und sprach seufzend: »Dieser Fall wird nicht leicht aufzuklären sein! Wukong, welche Stunde haben wir?«

»Etwa die Zeit Shen«, gab dieser zur Antwort.329

»Eigentlich wollte ich bei Hofe vorsprechen, um den Reisepass begutachten zu lassen. Doch nun ist da die Sache dieser Mönche, die noch ungeklärt ist. Als ich einst die Hauptstadt Chang’an verließ, habe ich geschworen, unterwegs in jedem Tempel Buddha zu huldigen und jede Pagode auszukehren. Und jetzt sind wir hierhergekommen, wo diesen Mönchen aufgrund einer Pagode Unrecht geschieht. Besorge mir einen neuen Besen; ich will ein reinigendes Bad nehmen und dann die Pagode auskehren. So kann ich sie auch gleich selbst in Augenschein nehmen. Dann erst kann ich vor den Herrscher treten und mich für die Befreiung der Mönche einsetzen.«

Als die in Halskragen gefangenen Mönche Tripitakas Worte hörten, holten sie eilends ein Hackbeil aus der Küche und reichten es Bajie, er möge die hölzernen Kragen der jungen Mönche zerschlagen, damit diese ihnen eine Klostermahlzeit zubereiten könnten.

»Das Beil brauch ich nicht«, meinte Bajie lachend, »der Herr dort mit dem haarigen Gesicht hat langjährige Erfahrung mit dem Knacken von Schlössern!«

Tatsächlich trat Pilger vor und strich mit der Hand über die Holzkragen, dass sofort alle Schlösser abfielen. Die jungen Mönche rannten in die Küche und bereiteten das Essen zu. Als Meister und Schüler sich gesättigt hatten, nahte bereits der Abend. Da kam ein Mönch mit einem Besen herein, und einer der jungen Mönche leuchtete Tripitaka mit einer Laterne auf dem Weg zum Bad. Zu dieser Zeit

Strahlten Mond und Sterne hell am Himmel,

Tönte schon vom Stadttor her die Trommel.330

Nachdem er sich gewaschen hatte, zog Tripitaka eine einfache Mönchsrobe an, deren Ärmel nicht zu weit waren, nahm den neuen Besen zur Hand und sprach zu den Mönchen: »Legt euch zur Ruhe; ich werde nun die Pagode auskehren.«

Da meinte Pilger: »Da die Pagode von Blutregen verunreinigt worden ist und seit langem keinen Glanz mehr verstrahlt, steht zu befürchten, dass sich dort üble Wesen angesiedelt haben. Wie wäre es, wenn ich alter Sun Euch begleiten würde?«

»Da die Pagode von Blutregen verunreinigt worden ist und seit langem keinen

Glanz mehr verstrahlt, steht zu befürchten, dass sich dort üble Wesen angesiedelt haben.«

»Sehr gut, bestens!« freute sich Tripitaka.

Beide nahmen einen Besen zur Hand und begaben sich erst zur Haupthalle, wo Tripitaka Weihrauch verbrannte und sprach: »Ich, Jünger Chen Xuanzang, komme aus dem Kaiserreich China im Osten und pilgere zum Seelenberg, um Heilige Schriften zu holen. Nun bin ich im Goldglanz-Kloster im Lande der Dankopfer auf eine verunreinigte Pagode gestoßen und auf eine Schar zu Unrecht angeklagter Mönche. Darum will ich nun aufrichtigen Sinnes die Pagode auskehren. Euer Jünger bittet Euch, unseren Buddha, mit beseelter Macht den Grund des Übels zu offenbaren, damit dieses Unrecht bereinigt werde!«

Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, öffnete er gemeinsam mit Pilger das Tor zur Pagode und begann sie von unten nach oben auszukehren.

Der Priester säuberte ein Stockwerk und stieg ins nächste hinauf, und so ging es weiter, bis er das siebte Stockwerk erreicht hatte und man bereits die zweite Nachtwache zählte. Den Priester überkam die Müdigkeit. »Wenn Ihr müde seid, dann setzt Euch doch ein Weilchen«, schlug Pilger vor, »ich alter Sun werde für Euch weitermachen.«

»Wie viele Stockwerke hat diese Pagode eigentlich?« fragte Tripitaka.

»Möglicherweise gar dreizehn!«

»Ich muss weitermachen, nur so kann ich mein Gelübde einhalten.«

Tripitaka kehrte weitere drei Stockwerke aus, bis ihm der Rücken schmerzte und seine Beine ihn kaum mehr tragen wollten. Im zehnten Stockwerk setzte er sich auf den Boden und sprach: »Wukong, bitte mach für mich noch die letzten drei Stockwerke!«

Pilger gab sich einen tatkräftigen Ruck, stieg in den elften Stock hinauf und anschließend in den zwölften. Während er hier den Boden kehrte, drangen plötzlich menschliche Stimmen an sein Ohr.

»Seltsam, seltsam!« sann Pilger, »nun geht es auf die dritte Nachtwache zu, und da oben reden noch Leute? Das müssen ungute Gestalten sein. Da will ich doch gleich mal nachschauen!«

Sachte klemmte er den Besen unter den Arm, krempelte die Ärmel hoch und schlüpfte aus dem Eingangstor, um gleich auf einer Wolke aufzusteigen und Ausschau zu halten. Da sah er, dass in der Mitte des dreizehnten Stockwerks zwei Ungeheuer saßen; vor ihnen lagen ein Teller mit einfachen Gerichten, eine Trinkschale und ein Weinkrug. Die beiden vergnügten sich gerade mit Zechspielen. Da warf Pilger den Besen hin, packte seinen Goldreifstab, stellte sich in den Ausgang und schrie: »Ihr seid mir schöne Ungeheuer! Ihr also habt den Schatz dieser Pagode gestohlen!«

Bestürzt sprangen die Ungeheuer auf und warfen mit Krug und Schale nach ihm. Pilger aber hielt sie mit der Stange auf und sprach: »Würde ich euch jetzt töten, wäre keiner da, der ein Geständnis ablegt.«

Darum richtete er nur die Stange drohend gegen sie, während sich die Ungeheuer starr vor Schrecken an die Wand drückten und riefen: »Erbarmen, Erbarmen! Das hat nichts mit uns zu tun. Derjenige, der den Schatz gestohlen hat, ist woanders.«

Da machte Pilger die beiden mit einer Fangmagie unschädlich, brachte sie ins zehnte Stockwerk hinunter und rief: »Meister, ich habe die Schatzdiebe!«

Tripitaka war bereits eingeschlummert. Als ihn die Worte aufweckten, fragte er erschrocken und erfreut zugleich: »Wo hast du sie gefunden?«

Pilger schleifte die beiden vor ihn, ließ sie niederknien und sagte: »Die sind zuoberst unter dem Dach gewesen, haben dort gezecht und gespielt. Ich alter Sun habe sie ganz leicht fassen können. Nehmt ihnen doch ein Geständnis ab, Meister, fragt sie, woher sie kommen und wo der Schatz jetzt ist!«

Die Ungeheuer zitterten vor Angst und riefen in einem fort: »Erbarmen, lasst uns am Leben!« Am Ende gestanden sie

wahrheitsgemäß: »Wir beide sind vom Allerheiligen Drachenkönig aus dem Teich der Smaragdenen Wellen vom Berg der Wirren Felsen hierhergeschickt worden, um auf der Pagode Wache zu halten. Er heißt Benborba, ich Baborben. Er

ist der Geist von einem Wels, und ich bin ein Schwarzfischgeist. Diese Sache hat damit begonnen, dass dem Allerheiligen Drachenkönig eine Tochter geboren wurde, die

Allerheilige Prinzessin. Sie ist wunderschön und außerordentlich begabt. Ihr Gemahl wird Neunhäuptiger Königlicher Schwiegersohn genannt und besitzt große magische Kräfte. Dieser ist nun im vorletzten Jahr mit dem Drachenkönig hierhergekommen und hat mit seiner Magie einen Blutregen verursacht und die Pagode verunreinigt, dann hat er die Reliquien Buddhas aus der Pagode gestohlen. Die Prinzessin selbst ist dann auch noch in die höchste Himmelssphäre gegangen, wo sie vor der Halle der Seelenleere den Neunblättrigen Unsterblichkeitspilz der Königinmutter des Westens gestohlen und auf den Grund des Teiches verpflanzt hat. Dort verbreitet er seither ein golden schimmerndes Licht, dass es Tag und Nacht hell ist. Neulich hieß es, ein gewisser Sun Wukong, der in den Westen pilgere, um Heilige Schriften zu holen, habe immense magische Fähigkeiten und tue nichts anderes, als unterwegs bei den Leuten Fehler aufzuspüren. Darum hat er uns jetzt öfter hierher auf Inspektion geschickt. Damit wir vorbereitet sind, falls dieser Sun Wukong wirklich kommen sollte.«

»Diese dreisten Biester«, grinste Pilger. »Kein Wunder ist der Rinderdämon vor ein paar Tagen dort eingeladen worden! Mit solch lausigen Dämonen pflegt dieser Drache Umgang und macht nichts als schräge Geschäfte.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als er sah, wie Bajie und ein paar junge Mönche mit zwei Laternen hochkamen.

»Meister!« rief Bajie, »warum geht Ihr nicht schlafen, was redet Ihr noch?«

»Du kommst genau richtig«, versetzte Pilger. »Der Schatz dieser Pagode ist von einem Allerheiligen Drachenkönig

gestohlen worden. Der hat heute zwei Ungeheuer hierhergeschickt, uns aufzuspüren, die habe ich eben festgenommen.«

Bajie schwang seinen Rechen und rief: »Hauen wir sie doch tot, wenn es Ungeheuer sind!«

»Vorerst brauchen wir sie lebend«, entgegnete Pilger, »dann können wir beim Kaiser vorsprechen. Außerdem können sie uns verraten, wie wir den Dieb aufspüren und den Schatz wiederfinden.«

Da steckte Bajie seinen Rechen ein und schleppte mit Pilger je einen der beiden die Pagodentreppe hinunter. Die jungen Mönche führten den Priester fröhlich mit erhobenen Laternen nach unten, wo einer von ihnen sofort zu den anderen Mönchen lief und berichtete, was geschehen war: »Alles wird gut! Wir werden wieder den klaren Himmel sehen! Die Herren haben die Schatzdiebe festgenommen!«

Pilger ließ Ketten heranschaffen, band die Ungeheuer am Schlüsselbein fest und rief den Mönchen zu: »Haltet hier Wache. Wir gehen jetzt schlafen und besprechen das Weitere morgen.«

Die Mönche scharten sich eng um die Ungeheuer und ließen Tripitaka und seine Schüler ruhen. Unvermerkt wurde es wieder Tag, und der Priester sprach: »Ich werde jetzt mit Wukong in den Palast gehen und den Reisepass einreichen.«

Er warf sich seine kostbare Robe über, setzte den Priesterhut auf, und Pilger holte den Reisepass.

»Warum nehmt Ihr die Ungeheuer nicht gleich mit?« fragte Bajie.

»Sobald wir vorgesprochen haben, werden die per Strafverfügung geholt«, gab Pilger zur Antwort.

Nun begaben sie sich zum Palast, wo Tripitaka sich vor der Palastwache verneigte und sprach: »Bitte meldet Eurem König, dass geringer Mönch als Schriftenholer in den Westen reise und um Audienz beim König bitte, um den Reisepass abstempeln zu lassen.«

Der Torwächter rief die Meldung weiter. Nachdem des Königs Einlassbefehl verkündet worden war, betrat Tripitaka mit Pilger den Palast. Pilgers Anblick jagte den versammelten zivilen und militärischen Beamten einen gehörigen Schrecken ein. Während Tripitaka vor der Treppe zur Audienzhalle nun die tiefen Verneigungen des Hofzeremoniells vollführte, blieb Pilger lediglich mit respektvoll übereinandergelegten Händen

daneben stehen, ohne das leiseste Anzeichen einer Verbeugung. Nachdem der Priester seinen Antrag vorgebracht hatte, ließ der König verkünden, der heilige Mönch aus China möge die Audienzhalle betreten und auf einem der geschmückten Hocker Platz nehmen. Zuerst händigte der Priester dem König den Reisepass aus, dann nahm er dankend Platz.

Der König besah das Dokument und sprach erfreut: »Euer Kaiser von China scheint sich darauf zu verstehen, hohe Priester auszuwählen, dass Ihr einen derart weiten Weg auf Euch nehmt, um Heilige Schriften zu holen! Bei uns haben die Mönche nichts anderes im Sinn als Diebstahl und Umsturz.«

Tripitaka faltete die Hände und fragte: »Wie meint Ihr das?«

»Unser Reich ist eines der größten Länder im Westen, und

früher haben uns alle umliegenden Länder Tribute dargebracht. Dies geschah allein deshalb, weil wir hier ein Goldglanz-Kloster mit einer Goldpagode haben, von der ein farbenfroher Glanz emporsteigt. Doch seit die Mönche vom Kloster vor drei Jahren den Schatz der Pagode entwendet haben, ist ihr Glanz erloschen, und seither sind auch keine Gesandten der umliegenden Staaten mehr an den Hof gekommen. Dies verdrießt uns außerordentlich.«

Da faltete Tripitaka die Hände und sprach lächelnd: »Majestät, es liegt ein Irrtum vor. Geringer Mönch traf gestern in der Hauptstadt ein und begegnete gleich beim Eintreten den zu Unrecht angeklagten Mönchen des Goldglanz-Klosters. Anschließend habe ich bis spät in der Nacht die Pagode ausgekehrt und konnte dabei die Schatzdiebe dingfest machen.«

Erfreut horchte der König auf und fragte: »Und wo sind sie jetzt?«

»Mein Schüler hat sie im Kloster angekettet.«

Umgehend sandte der König einen Eilboten mit dem goldenen Befehlsstab aus, um zu melden: »Die Palastgarde soll sofort im Goldglanz-Kloster die Diebe festnehmen. Wir werden sie persönlich befragen.«

Da meldete sich Tripitaka und sprach: »Majestät, auch wenn die Palastgarde ausrückt, geht es leider nur, wenn mein Schüler dabei ist.«

»Wo ist denn Euer werter Schüler?«

Tripitaka wies nach draußen und sprach: »Dort, neben der Jadetreppe.«

Als der König ihn gewahrte, fragte er erschrocken: »Wie kommt es, dass ein so anmutiger Mann wir Ihr einen derart ungestalten Schüler hat?«

Da schrie Pilger, der die Frage mitbekommen hatte: »Majestät, man soll die Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen; das Meer lässt sich nicht mit dem Litermaß ausschöpfen! Gäbe es nur die Hübschen, wer sollte dann die dämonischen Räuber festnehmen?«

Da fasste sich der König und sprach: »Der heilige Mönch hat recht gesprochen. Wir wollen hier auch gar nicht bestimmen, wer geeignet sei, Hauptsache ist, dass wir die Diebe fassen und den Schatz wiederfinden können.«

Dann ließ er die amtierenden Hofdiener Sänfte und Baldachin bereitstellen und befahl der Palastgarde, dem heiligen Mönch bei der Festnahme der Räuber zur Seite zu stehen. Die Hofdiener stellten eine große Sänfte mit einem gelben Baldachin bereit, die Palastgarde kommandierte ihre Offiziere ab, dann wurde Pilger in einer von acht Trägern geschulterten Sänfte zum Goldglanz-Kloster getragen; vor ihm vier Beamte, die mit lauten Rufen den Weg freimachten.

Im Glauben, der König hätte einen hohen Minister gesandt, traten Bajie und Sandmönch sogleich zum Empfang heraus, da sahen sie Pilger auf der Sänfte thronen.

»Bruder«, rief Bajie grinsend, »da sieht man dich ja ganz in deinem Element!«

Pilger stieg aus der Sänfte und fragte: »Warum in meinem Element?«

»Von acht Leuten in einer Sänfte mit gelbem Baldachin getragen zu werden, das ist doch genau, was ein Affenkönig braucht! Darum sage ich, du seist in deinem Element!«

»Bindet schnell die Ungeheuer los und bringt sie vor den König!« wies Pilger an.

Also zerrten Bajie und Sandmönch je eines der Ungeheuer hinter sich her, während der Große Heilige wiederum die Sänfte bestieg. Abermals wurde vor der Sänfte mit lauten Rufen der Weg freigemacht und die beiden Ungeheuer in den Palast geführt.

Bald war man vor der Weißen Jadetreppe angelangt. Der König stieg vom Thron und sah sich zusammen mit Tripitaka und seinen Ministern die Unholde genauer an. Der eine hatte kiemenartige Wangen, einen schwarzen Schuppenpanzer, scharfe Zähne und ein spitzes Maul, der andere war großbauchig, mit glitschiger Haut und einem großen Maul mit langen Barteln. Dennoch hatten sie Beine, auf denen sie sich fortbewegen konnten, so dass sie im Großen und Ganzen Menschen ähnlich sahen.

»Wo kommt ihr Ungeheuer her?« fragte der König, »wann habt ihr den Schatz gestohlen, wie viele seid ihr, und wie lauten die Namen aller Täter? Bekennt alles der Wahrheit gemäß!«

Da legten die Ungeheuer kniend ihr Geständnis ab:

»Es war vor drei Jahren, am ersten Tag des siebten

Mondmonats: Da war ein Allerheiliger Drachenkönig, über

hundert Meilen weit von hier. Sein Wohnort heißt ›Teich

der Smaragdenen Wellen‹, sein Berg heißt ›Berg der Wirren

Felsen‹. Der Drachenkönig hat eine Tochter, und die ist von

wunderprächtiger Schönheit; ihr Ehemann ist der

Neunhäuptige, und der besitzt unübertroffenen Zauber. Der

aber wusste um den kostbaren Schatz Eurer Pagode und

wollte ihn zusammen mit dem Drachenkönig entwenden.

So machten sie erst einen blutigen Regen und stahlen dann

die heilige Reliquie. Diese strahlt jetzt im Drachenpalast,

dass die Nacht so hell ist wie der Tag. Die Prinzessin

entwendete außerdem der Königinmutter einen

Unsterblichkeitspilz, diesen hegt und pflegt sie nun im

Teich wie einen Schatz. Wir zwei sind aber nicht Diebe,

sondern des Drachenkönigs Soldaten. So wurden wir heut

Nacht gefangen; unser Geständnis ist die Wahrheit.«

»Warum sagt ihr dann nicht auch offen eure Namen?« fragte der König, und das Ungeheuer antwortete: »Ich heiße Benborba und bin der Geist von einem Wels; er heißt Baborben und ist der Geist von einem Schwarzfisch.«

Da gab der König der Palastgarde den Befehl, die beiden in Gewahrsam zu nehmen, und erließ eine Amnestie für die Mönche des Goldglanz-Klosters. Außerdem beauftragte er umgehend das Hofamt für Festlichkeiten mit der Zubereitung eines Festmahls, um den heiligen Mönchen für die Festnahme der Übeltäter zu danken und sie gleichzeitig auch zu bitten, die Haupttäter dingfest zu machen. Rechtzeitig stellte das Hofamt für Festlichkeiten die Festtafel, getrennt in fleischhaltige und vegetarische Speisen, bereit, der König bat Tripitaka und seine Schüler, in der Einhornhalle Platz zu nehmen, und fragte jeden nach seinem Namen. Dann spielte Musik auf, und alle nahmen ihre Plätze ein. Dieses Gastmahl dauerte bis über die Mittagszeit hinaus.

Nachdem sich Tripitaka beim König bedankt hatte, lud dieser die Pilgernden in den Palastgarten ein, wo sie die nächste Mahlzeit einnahmen. Da hielt der König seine Weinschale in die Höhe und sprach: »Darf ich die heiligen Mönche bitten, Truppen anzuführen, um den dämonischen Dieb zu fangen?«

»Mein ältester Schüler Sun Wukong kann das machen«, antwortete Tripitaka, und Pilger legte zur Zustimmung die Hände vor der Brust übereinander.

»Wie viele Streiter und Rosse braucht Ihr, Priester Sun?« fragte der König.

Da konnte sich Bajie nicht halten und rief: »Wir brauchen doch keine Streitkräfte! Wir haben ja reichlich gespeist, da kann ich mit meinem Ordensbruder gleich losgehen; wir fangen die Räuber im Handumdrehen!«

Da ließ der König einen großen Weinkrug bringen, um den beiden zum Abschied zuzutrinken. Der Große Heilige Sun bat, ihm die beiden Ungeheuer mitzugeben, damit sie ihnen den Weg weisen konnten. Umgehend erteilte der König den Befehl, sie ihnen auszuhändigen. Jeder der beiden klemmte sich eines der Ungeheuer unter den Arm, und so stiegen sie auf einem Windstoß empor, in Richtung Südosten. Und da wir nicht wissen, was dieser Gang mit sich bringen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.