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065 Ein Dämon zaubert einen Kleinen Donnertempel / Die vier Schriftenholer geraten in große Not

Wie wir erzählt haben, wurde Tripitaka, obschon von aufrichtiger Frömmigkeit, von Pflanzengeistern heimgesucht und eine Nacht lang in deren Gesellschaft gehalten, bis er sich endlich aus den Fängen des Dorngestrüpps lösen konnte.

Lange wanderten Meister und Schüler weiter voran; es kam die Zeit des dritten Mondmonats, und der Frühling blühte in vollen Zügen. Auf einmal gewahrten sie ein steil aufragendes Gebirge, das von weitem aussah, als würde es den Himmel berühren.

Nachdem sie den Grat überquert hatten, erreichten sie auf der Westseite eine Ebene, und dort erblickten sie nun inmitten

von heilvoll schimmerndem Licht und farbenfrohen Nebelschleiern eine Tempelanlage, aus der die sachten Klänge von Glocken und Klangsteinen zu ihnen drangen.

»Schüler«, rief Tripitaka, »schau doch, um was für einen Ort es sich handelt!«

Pilger blickte genauer hin und meldete dann: »Meister, es ist zwar tatsächlich ein Tempel, nur verstehe ich nicht, warum mitten in seiner heilvollen Aura irgendetwas Ungutes schwelt. Wenn ich diese Gegend betrachte, so scheint es mir fast wie der Tempel des Donnergrollens, doch der Weg stimmt nicht. Nie habe ich einfach so eintreten können, wenn ich dort war. Ich fürchte, da will uns jemand eine Falle legen.«

»Wenn es aussieht wie der Tempel des Donnergrollens, sind wir doch auf dem Seelenberg!« rief Tripitaka. »Lass uns bloß nichts verpassen!«

»Wenn es aussieht wie der Tempel des Donnergrollens, sind wir doch auf dem

Seelenberg!« rief Tripitaka.

»Nein, nein«, entgegnete Pilger, »zum Seelenberg bin ich schon mehrmals gegangen, das geht doch nicht hier lang!«

»Haltet euch nicht länger auf«, fiel Sandmönch ein, »der Weg führt bestimmt an dem Tempel vorbei, dann werden wir sehen, ob er es ist oder nicht.«

»Du hast recht«, lenkte Pilger ein.

Da gab der Priester dem Ross die Sporen und hatte alsbald den Eingang erreicht, wo er über dem Portal drei große Schriftzeichen sah: » 雷音寺 – Tempel des Donnergrollens«. Aufgeregt sprang er aus dem Sattel und schimpfte: »Du lausiger Affe! Da sind wir nun am Tempel des Donnergrollens, und du willst mich noch hinters Licht führen!«

Pilger aber lächelte und sprach: »Beruhigt Euch, Meister, schaut doch mal genauer hin, über dem Portal stehen vier Zeichen, nicht drei! Warum lest Ihr nur drei und tadelt mich noch dafür?«

Da blickte der Priester noch einmal hoch; tatsächlich, es waren vier Schriftzeichen, die lauteten: » 小雷音寺 – Kleiner Tempel des Donnergrollens«.

»Selbst wenn es nur der Kleine Tempel ist, muss es auch hier einen Buddha geben. Die Heiligen Schriften sprechen von dreitausend Buddhas; die werden sich wohl nicht alle an ein und demselben Ort aufhalten. Wer weiß, welchem Buddha dieser Klostertempel geweiht ist? So hieß es doch schon im Altertum: ›Wo Buddhas und Heilige Schriften sind, ist nirgendwo kein Schatz.‹ Lass uns hineingehen!«

»Nein«, versetzte Pilger. »Hier können wir nicht rein; dieser Ort verheißt gar nichts Gutes. Falls Euch ein Unglück zustößt, braucht Ihr mir keine Vorwürfe zu machen!«

»Es ist mein Wunsch, Buddha zu huldigen, wo immer ich ihm begegne. Wie sollte ich dir also Vorwürfe machen?« gab Tripitaka zurück. Er befahl Bajie, die kostbare Mönchsrobe aus dem Gepäck zu holen, setzte sich den Priesterhut auf, warf sich die Robe um und schritt auf den Eingang zu.

Da hörte man von drinnen eine laute Stimme: »Priester aus China, der du aus dem Osten zu Buddha pilgerst; wie kannst du so nachlässig sein?«

Als Tripitaka dies hörte, fiel er sofort auf die Knie und verneigte sich tief. Auch Bajie machte einen Stirnaufschlag, und Sandmönch kniete ebenfalls nieder. Allein der Große Heilige führte erst das Pferd am Halfter und brachte die Reisebündel in Ordnung, ehe er eintrat. Nachdem sie das zweite Portal durchschritten hatten, erblickten sie bereits die Halle des Buddha Tathagata. Unterhalb der Empore vor den Toren der Halle standen alle fünfhundert Arhats, dreitausend

Genien, vier Diamantwächter und acht Bodhisattvas, zahlreiche Nonnen und Laienbrüder, heilige Mönche und hohe Geistliche; das Ganze war wie von Blumenduft durchtränkt und von einer wundersamen Aura umspielt. Betroffen näherte sich der Priester mit Bajie und Sandmönch, ehrfürchtig nach jedem Schritt eine Verbeugung vollziehend, dem hohen Thron. Pilger hingegen blieb aufrecht stehen und machte keine Verbeugung. Da tönte es vom Lotosthron laut und in strengem Ton: »Sun Wukong! Wie kannst du dich erdreisten, ohne Verbeugung vor Buddha zu treten?«

Pilger schaute genauer hin und sah nun, dass alles nur Schein war. Da ließ er Pferd und Gepäck stehen, zückte seine Stange und fauchte: »Ihr Sündenbiester! Was für eine bodenlose Frechheit, dass ihr euch Buddhas Namen zulegt und dessen reine Lauterkeit beschmutzt!«

Die Stange in beiden Händen schwingend trat er vor und schlug los. Da hörte man in der Luft ein metallenes Klimpern, eine Zimbel kam geflogen und schloss Pilger von Kopf bis Fuß zwischen den zwei Becken ein. Erschrocken versuchten Bajie und Sandmönch mit Rechen und Stab zu Hilfe zu kommen, doch schon waren sie von vielen Arhats, Genien, heiligen Mönchen und Geistlichen umringt. In der Eile konnten sich die beiden nicht wehren, wurden samt Tripitaka gepackt und mit Stricken und Ketten gefesselt.

Derjenige, der in Gestalt eines Buddhas auf dem Lotossockel thronte, war nämlich ein Dämonenkönig, die Arhats und all die anderen waren seine kleinen Ungeheuer. Nun stellte er seine Erscheinung als Buddha ein und zeigte sich wieder in Dämonengestalt. Die drei Pilgernden aber wurden nach hinten in Verwahrung gebracht, während man den in der Zimbel eingeschlossenen Pilger auf den Lotossockel stellte, wo er sich innerhalb von drei Tagen und Nächten in Eiter auflösen sollte; anschließend würde man die drei anderen verspeisen. So war es in der Tat:

Der Knabe mit den blauen Augen365

Weiß, was Trug ist und was Wahr;

Holzmutter und Gelbes Weib

Sind im Geiste nicht mehr klar.

In der Tat, das Dao ist klein,

Der Dämonenkönig groß;

Auf dem Irrweg sind sie nun,

Alle Mühen sind fruchtlos!

Inzwischen hatten die Ungeheuer das Pferd hinten angebunden und Tripitakas Robe und den Priesterhut im Gepäck verstaut, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Doch wenden wir uns nun Pilger zu, der in der goldenen Zimbel steckte, wo es stockfinster war und so heiß, dass ihm der Schweiß aus allen Poren drang. Er stieß und drückte gegen die Wände, doch gelang es ihm nicht, herauszukommen. Dann packte er die Eisenstange und schlug wild drauflos, doch es half nicht im Geringsten. Schließlich überlegte er, dass er die beiden Zimbelschalen auseinandersprengen könnte, wenn er sich mit aller Kraft dagegenstemmte. Also machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und wuchs mehr als tausend Klafter in die Höhe. Die Zimbel aber wuchs nahtlos mit und blieb unversehrt. Da machte er sich wieder kleiner, so klein wie ein Senfkorn gar, die Zimbel aber verkleinerte sich mit ihm, so dass er nicht die kleinste Spalte finden konnte. Schließlich behauchte er seine Eisenstange mit göttlichem Odem und stellte sie wie einen Fahnenmast zwischen die beiden Hälften, zupfte sich dann zwei Pelzhaare aus, die er in einen fünfzackigen Bohrkopf verwandelte, und begann dicht neben der Stange zu bohren. Der Bohrer drehte sich wohl über tausend Mal, doch hörte man nichts als ein hartes Rattern auf der Oberfläche. Da verlor Pilger die Geduld. Mit einem magischen Fingerzeichen sprach er nun den Zauberspruch, der die Schutzgötter herbeizwang. Sogleich scharten sich die Genien der Fünf Himmelsrichtungen, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger sowie die Achtzehn Schutzgötter der Klöster um die Zimbel und riefen: »Großer Heiliger, wir beschützen doch alle Euren Meister, warum ruft Ihr uns hierher?«

»Mein Meister hört einfach nicht auf meinen guten Rat!« rief Pilger, »es geschähe ihm bloß recht, wenn er umkommen würde! Doch macht so schnell wie möglich irgendwas, damit diese Zimbel aufgeht und ich hier rauskomme, dann können wir das Weitere anpacken. Hier drinnen ist es stockdunkel, und mich brennt es am ganzen Körper; ich ersticke noch da drin!«

Wirklich versuchten nun die Götter, die Zimbel aufzustemmen. Doch es war, als wäre sie aus einem Stück gegossen; kein Haarbreit war sie zu bewegen. Da sagte der Goldhäuptige Genius: »Großer Heiliger, bei dieser Zimbel muss es sich um irgendeinen besonderen Schatz handeln; die zwei Hälften sind zu einem Stück geworden. Uns geringen Göttern fehlt die Kraft, sie aufzustemmen.«

Da schickte der Genius die sechs Ding-Götterkrieger zu Tripitaka zurück, hieß die sechs Jia-Götterkrieger die Zimbel bewachen und die Schutzgötter der Klöster dazwischen hin und her gehen. Er aber sprang auf eine glückverheißende Wolke und schnellte zum Südlichen Himmelstor, wo er, ohne auch nur einen Einlassbefehl abzuwarten, vor den Jadekaiser trat und meldete: »Majestät! Untergebener ist der Genius der Fünf Himmelsrichtungen. Heute hat es sich zugetragen, dass der Himmelsebenbürtige Große Heilige, der den Priester aus China auf Schriftensuche beschützt, zu einem Berg kam, wo es einen Kleinen Tempel des Donnergrollens gibt. Nun sind Meister und Schüler in Gefangenschaft eines Ungeheuers geraten, der Große Heilige steckt zwischen den zwei Hälften einer Zimbel fest und kann keinen Ausweg finden; wenn wir nichts tun, wird er darin umkommen. Dies zu melden bin ich eigens gekommen.«

Der Jadekaiser erteilte umgehend den Befehl, alle Achtundzwanzig Himmelshäuser zu entsenden, um die Pilgernden aus dem Leid zu erlösen und die Dämonen zu unterwerfen.

Ohne zu zögern, folgten die Sterngötter dem Genius, verließen den Himmel und kamen in den Tempel. Es war zur Zeit der zweiten Nachtwache, als alle großen und kleinen Ungeheuer bereits schliefen. Die Sterngötter gingen zur Zimbel hin und sprachen: »Großer Heiliger, wir sind die Achtundzwanzig Himmelshäuser, entsandt vom Jadekaiser, Euch zu befreien!«

Als Pilger dies vernommen hatte, hieß er sie mit den Waffen die Zimbel zertrümmern, doch die Sterngötter meinten: »Wir trauen uns nicht zu schlagen. Dies ist ein Schatz aus reinem Gold; darauf zu schlagen würde bestimmt Lärm machen, davon würden die Ungeheuer erwachen, und wir könnten Euch kaum noch befreien. Wir wollen es erst einmal mit den Waffen aufzukeilen versuchen. Sobald Ihr drinnen ein bisschen Licht seht, könnt Ihr herauskommen.«

»In Ordnung«, gab Pilger zurück.

Seht, wie sie nun Speere und Schwerter, Säbel und Äxte ansetzen!

Sie stemmten und zerrten, hoben und keilten, mühten sich ab bis zur dritten Nachtwache, doch die Zimbel blieb unverändert, als wäre alles aus einem Guss. Drinnen spähte Pilger in alle Richtungen, kletterte hoch, rollte herab, doch nirgendwo schien auch nur der geringste Lichtstrahl herein.

Schließlich rief Golddrache Kang: »Großer Heiliger! Mir scheint, dass es sich hier um einen Zauberschatz handelt, der sich verwandeln kann. Fühlt einmal dort, wo die beiden Hälften zusammenkommen, mit der Hand alles ab, derweil werde ich mein Horn hineinstoßen. Dann könnt Ihr Euch verkleinern und rauskommen, wo es einen Zwischenraum gibt.«

Wie geheißen tastete Pilger nun drinnen mit den Händen über die Wand. Der Sterngott aber machte sich so klein, dass sein Horn spitz wurde wie eine Nadel, dann versuchte er es zwischen die Teile der Zimbel zu keilen. Der Arme mühte sich mit aller Kraft, bis es ihm endlich gelang, ins Innere zu dringen. Da machte er sich mit einer Magie und dem Ruf: »Wachsen! Wachsen! Wachsen!« immer größer, bis das Horn so dick war wie eine Reisschale. Die Zimbel aber schien nun gar nicht aus Gold, sondern vielmehr aus Fleisch und Haut gemacht zu sein, denn sie schloss sich eng um das Horn des Golddrachens, ohne die geringste Spalte freizulassen. Pilger befühlte das Horn und rief: »Es hilft nichts, es gibt keinen einzigen Zwischenraum! Nun, es geht nicht anders, als dass Ihr ein bisschen Schmerz aushaltet, dann kann ich herauskommen.«

Schon machte er den Goldreifstab zu einem Stahlbohrer, mit dem er dem Drachen ein kleines Loch ins Horn bohrte. Dann machte er sich klein wie ein Senfkorn, duckte sich in die

Höhlung und hieß Golddrachen Kang, das Horn herauszuziehen. Der gute Sterngott riss und zerrte von neuem mit aller Kraft, bis er endlich sein Horn wieder draußen hatte und erschöpft zu Boden fiel.

Pilger aber sprang aus dem Bohrloch an der Spitze des Horns heraus, nahm wieder seine eigene Gestalt an, packte die Eisenstange und schmetterte sie gegen die Zimbel, dass es dröhnte, als würde ein ganzer Kupferberg zertrümmert. Der schöne buddhistische Ritualgegenstand zersprang in tausend

Stücke. Vor Schreck standen den Achtundzwanzig Himmelshäusern und den Genien der Fünf Himmelsrichtungen die Haare zu Berge, während der alte Dämon aus seinem Traum schreckte und aus dem Bett sprang, sich ein Gewand umwarf und die Trommel rührte, dass sämtliche Ungeheuer mit ihren Waffen heranstürmten. Zu dieser Zeit dämmerte bereits der Morgen. Als sie alle zum großen Sockel drängten, fanden sie den Großen Heiligen und die Sterngötter neben der zersplitterten Zimbel. Der alte Dämon erschrak nicht wenig, und er erteilte den Befehl: »Riegelt alle Tore ab, es darf keiner hinausgelassen werden!«

Pilger aber nahm die Sterngötter an der Hand und schoss auf einer Wolke geradewegs zum neunten Himmel hoch.

Nachdem der Dämon die Splitter der Zimbel zusammengekehrt hatte, stellte er seine Soldaten vor dem Eingang auf, während er selbst sich die Rüstung umlegte, eine kurze, biegsame Wolfszahnkeule packte, nach draußen trat und schrie: »Pilger Sun! Ein rechter Mann fliegt nicht einfach so davon. Komm her und miss dich drei Runden im Kampf!«

Da führte Pilger die Sterngötter auf der Wolke nach unten, stellte seine Eisenstange aufrecht vor sich hin und brüllte: »Was für ein Ungeheuer bist du eigentlich, dass du es wagst, dich als Buddha zu verkleiden und aus dem Nichts einen Kleinen Tempel des Donnergrollens hinzustellen!«

»Du Affe, du weißt also tatsächlich nicht, wer ich bin«, sprach der Dämon, »sonst hättest du dich nicht erkühnt, in mein göttliches Gebiet einzudringen! Die Gegend hier wird der Kleine Westhimmel genannt. Weil ich mich mit Erfolg vervollkommnet habe, hat mir der Himmel diesen Tempel verliehen. Ich bin der alte Buddha mit den Gelben Brauen! Die Leute hier wissen das leider nicht, darum nennt man mich nur den Großen König mit den Gelben Brauen. Ich weiß schon lange, dass du in den Westen pilgerst und auch so gewisse Fähigkeiten hast. Darum habe ich hier diese Gebilde hingezaubert, um deinen Meister hereinzulocken und mit dir um die Wette zu fechten. Hältst du mir stand, so will ich euch laufenlassen, dann sollt ihr eure Rechte Frucht erlangen. Wenn du es aber nicht schaffst, dann schlag ich euch alle tot, hole bei Buddha die Schriften und ernte den Erfolg in China!«

»Nimm bloß den Mund nicht zu voll, du Ungeheuer!« lachte Pilger. »Wenn du kämpfen willst, dann komm und lass dir eins überziehen!«

Frohlockend trat ihm der Dämonenkönig mit seiner Wolfszahnkeule entgegen, und nun kämpften die beiden ganze fünfzig Runden aus, ohne dass auszumachen war, wer den Sieg davontragen sollte. Gleichzeitig rührten die Ungeheuer vor dem Portal Gongs und Trommeln und schwenkten mit Kriegsgebrüll ihre Standarten, während auf der anderen Seite die Götter der Achtundzwanzig Himmelshäuser und die Genien der Fünf Himmelsrichtungen sich mit schlagbereiten Waffen schreiend auf den Dämon stürzten und ihn in ihre Mitte schlossen. Furchtlos schwang der Dämon mit der einen Hand seine Wolfszahnkeule, um die Krieger abzuwehren, löste gleichzeitig mit der anderen Hand ein abgenutztes Täschchen aus weißem Stoff vom Gürtel, warf es in die Luft, und schon

schwirrten der Große Heilige, die Achtundzwanzig Himmelshäuser und die Genien der Fünf Himmelsrichtungen brausend in seine Tasche. Da hängte sie der Dämon um die Schulter, machte kehrt und schritt unter dem Freudengeschrei seiner Ungeheuer siegreich zurück. Nun ließ sich der alte Dämon an die fünfzig Hanfseile bringen, machte die Tasche auf und legte einen nach dem anderen in Stricke. Dann trug er sie nach hinten und warf sie ohne jede Rücksicht auf einen Haufen. Anschließend veranstaltete der Dämonenkönig ein großes Festessen, und alle zechten, bis der Morgen graute. Wie sie dann schlafen gingen, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Erzählen wir stattdessen vom Großen Heiligen, der bis Mitternacht gefesselt dagelegen hatte, sich dann mit einem Zauber verkleinerte, aus den Stricken schlüpfte, zu Tripitaka ging und flüsterte: »Meister!«

Der Priester erkannte seine Stimme und sagte: »Rette mich, mein Schüler! Von jetzt an will ich mich ganz an dich halten und nie mehr auf etwas beharren!«

Pilger befreite erst den Meister, dann Bajie und

Sandmönch, und schließlich löste er auch den Himmelshäusern und Genien die Fesseln. Dann holte er das Pferd und hieß alle rasch hinauslaufen. Als alle draußen waren, ging er zurück und suchte das Gepäck.

»Es reicht doch, dass Ihr Euren Meister gerettet habt«, warf Golddrache Kang ein, »wozu nach dem Gepäck suchen?«

»Natürlich ist der Meister am wichtigsten«, erwiderte Pilger, »aber Robe und Almosenschale sind auch wichtig. Im Gepäck sind unser Reisepass, ein kostbares Priestergewand und eine Almosenschale aus Purpurgold. Es sind dies wertvolle buddhistische Schätze; wie könnte ich sie einfach so aufgeben!«

»Geh hin und suche, Bruder«, meinte Bajie, »wir gehen mit dem Meister auf die Landstraße und warten dort auf dich.«

Seht, wie nun alle Sterngötter Tripitaka umringen und ihn mit vereinten Kräften in einem Windstoß über die Mauern des Tempels heben!

Dann eilten sie auf der Landstraße den Hang hinunter und warteten.

Um die dritte Nachtwache schlich Pilger leise ins Innere, wo alle Tore fest verschlossen waren. Da murmelte er einen Zauberspruch, schüttelte sich und wurde zu einer göttlichen Maus, oder, wie sie der Volksmund nennt, einer Fledermaus. So zwängte er sich durch die Ritzen zwischen den Ziegeln hinein. Hinter einem Fenster im zweiten Stockwerk gewahrte er nun ein schwaches Licht, und wie er näher kam, merkte er, dass das Licht den Reisebündeln entstieg. Der Dämon hatte nämlich die kostbare Robe, nachdem er sie Tripitaka vom Leib gerissen hatte, achtlos ins Gepäck gestopft. Da aber die Robe mit vielen Perlen und Kostbarkeiten versehen war, leuchtete sie in der Nacht. Vor lauter Freude über diesen Anblick nahm Pilger seine eigene Gestalt an und warf sich das Gepäck an der Tragstange über die Schulter. Doch da löste sich plötzlich ein Bündel von der Stange und fiel polternd zu Boden. Genau darunter aber schlief der alte Dämon. Der schreckte aus dem Schlaf, sprang auf und rief nach seinen Ungeheuern; Fackeln und Lampions wurden angezündet und laut johlend alles von hinten bis vorn durchsucht. Aus Angst, in ihre Fänge zu geraten, ließ Pilger die Bündel liegen und floh aus dem Fenster davon.

Der Dämon aber durchsuchte nun den ganzen Tempel und konnte Tripitaka und die anderen nirgends finden. Wie er bemerkte, dass bereits der Morgen dämmerte, nahm er seine Keule und machte sich mit allen seinen Ungeheuern auf Verfolgungsjagd. Schon entdeckte er die Achtundzwanzig Himmelshäuser und die Genien der Fünf Himmelsrichtungen, die am Berghang in dichten Wolkenschleiern ihr Lager aufgeschlagen hatten und Rast hielten.

»Halt!« schrie der Dämonenkönig, »hier bin ich!«

Eilends weckte Holzdrache vom Horn seine Gebrüder auf und rief auch die Genien, die sechs Ding- und die sechs Jia- Götterkrieger, die Schutzgötter der Klöster sowie Bajie und Sandmönch wach, worauf sie Tripitaka und das Pferd stehenließen und mit gezückten Waffen gegen den Dämon anstürmten. Der aber gab nur ein kaltes Lachen von sich, stieß einen Pfiff aus, und schon erschienen vier- oder fünftausend Ungeheuer, ein jedes strotzend vor Kraft, die nun am westlichen Berghang ein wildes Gefecht begannen. Mitten im Kampfgetümmel hörte man auf einmal, wie Pilger brüllte: »Der alte Sun ist wieder da!«

Während die Himmelshäuser, die Genien, die Ding- und Jia-Götterkrieger und andere Krieger auf dem Schlachtfeld von den Ungeheuern in Schach gehalten wurden, rannte nun der alte Dämon mit seiner Keule auf Pilger, Bajie und Sandmönch los, die sich nach Kräften mit Stange und Stab und Rechen wehrten. Himmel und Erde schienen wahrhaftig in heillosem Chaos zu versinken, und das Gefecht dauerte an, bis die Sonne im Westen hinter den Bergen versank und im Osten der Mond aus dem Meer stieg. Als der Dämon sah, dass es spät war, stieß er einen schrillen Pfiff aus, löste sein Täschchen vom Gürtel und hielt es hoch. Pilger, der ihn beobachtet hatte, konnte gerade noch schreien: »Hilfe, nichts wie weg!« Dann schoss er, ohne sich um die anderen zu kümmern, in einer Reihe von Wolkenüberschlägen stracks zum neunten Himmel hoch. Bevor die anderen verstanden hatten, was er meinte, fanden sie sich, von ihm verlassen, in der Tasche wieder. Der Dämon aber holte seine Krieger ein und kehrte in seinen Tempel zurück, wo er abermals Stricke bringen ließ und die drei Pilgernden wie zuvor aufhängte. Die Götter aber warf er gefesselt in ein Kerkerloch und setzte einen Deckel darauf, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Pilger aber, der vom neunten Himmel aus zusah, wie die Dämonenkrieger in den Tempel zurückkehrten, war bereits klar, dass alle anderen gefangen worden waren. Da senkte er sein glückverheißendes Licht und landete auf dem östlichen Berggipfel. Zähneknirschend grollte er dem Dämon; unter Tränen gedachte er des Priesters.

»Ach Meister!« rief er, »in welcher Existenz habt Ihr nur all dieses schlechte Karma angehäuft, dass Ihr in diesem Leben auf Schritt und Tritt Dämonen begegnen müsst! Was tun wir bloß in dieser Not, der wir einfach nicht entkommen?«

Lange saß er einsam da und seufzte. Endlich kam er innerlich zur Ruhe, festigte seinen Sinn und dachte, still in sich gekehrt: »Was für ein Taschenspieler mag dieser Dämon wohl sein, dass er eine solche Menge einsacken kann? Jetzt hat er gar die ganze Heerschar von himmlischen Göttern und Kriegern eingesteckt! Am liebsten möchte ich gleich beim Jadekaiser um Hilfe bitten, nur fürchte ich, dass der es mir übelnimmt. Doch da fällt mir ein, es gibt ja einen Wahren Krieger des Nordens, der wird auch der Himmlische Ehrwürdige Dämonenzerstörer genannt und weilt heutzutage

auf dem Wudang-Gebirge im südlichen Kontinent Jambudvipa. Den will ich doch mal bitten, meinem Meister aus der Not zu helfen!«

So war es in der Tat:

Bevor Unsterblichkeit erlangt,

Sind Pferd und Affe außer Haus;

Fehlt dem Herzensgeist der Meister,

Trocknen die Fünf Phasen aus!

Da wir aber nicht wissen, was aus diesem Gang werden sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.