Wie berichtet wurde, hatte sich der Große Heilige nicht anders zu helfen gewusst, als im Wolkenüberschlag zum Kontinent Jambudvipa zu eilen, um den Himmlischen Ehrwürdigen Dämonenzerstörer aus dem Wudang-Gebirge zu bitten, Tripitaka und die anderen zu retten. Schon nach kurzer Zeit erblickte er aus der Luft die paradiesischen Gefilde des Ehrwürdigen.
Dieser göttliche Ehrwürdige entstammte dem König der Reinen Freude und der Königin des Guten Sieges, welche einst im Traume die Sonne verschlungen hatte und dann gewahrte, dass sie schwanger war. Vierzehn Monate später wurde der Ehrwürdige im Jahr der Kalenderzeichen Jia-Chen, dem ersten Jahr der Ära Kaihuang, am ersten Tag des dritten Mondmonats zur Mittagszeit im Kaiserpalast geboren. Und so war dieser ehrwürdige Herr:
In der Kindheit forsch und kühn,
Göttlich weise wuchs er an,
Lehnte ab den Königsthron,
Ihm galt nur Vervollkommnung.
Machtlos waren seine Eltern,
Als er dem Palast entlief,
Fortan weilt’ er in den Bergen,
Übte innere Sammlung tief.
Als sein Werk vollendet war,
Schwebte er am hellen Tag
Auf zum Himmel, wo der Kaiser
Ihn zum »Wahren Krieger« erhob.
Sein Mysterium ward erhört,
Schildkröte vereint mit Schlange;
Seither und zu allen Zeiten
Macht er den Dämonen Bange.
Frohgemut betrachtete der Große Heilige die paradiesische Gegend und gelangte alsbald zum Palast der Höchsten Harmonie, der sich hinter drei Torbogen befand, und gewahrte
inmitten heilvoller Dünste die fünfhundert beseelten Schutzgötter. Ihm entgegentretend fragten sie: »Wer ist dieser Ankömmling?«
»Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong und möchte bei eurem Meister vorsprechen«, gab er zur Antwort.
Kaum hatten ihn die Schutzgötter gemeldet, trat der Ehrwürdige aus der Halle und geleitete den Gast in seinen Tempel. Pilger verbeugte sich und sprach: »Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten.«
Der Ehrwürdige fragte nach dem Anliegen. Pilger berichtete, was sich ereignet hatte, und schloss mit den Worten: »Nun weiß ich nicht mehr, was ich tun kann, darum möchte ich Euch, werter Meister, um Hilfe bitten.«
Da sprach der Ehrwürdige: »Als ich vormals den Norden eroberte, dort den Thron des Wahren Kriegers einnahm und alle Dämonen unter dem Himmel vertrieb, geschah dies auf
Geheiß des Jadekaisers. Später, als ich mit fünf
Donnerkriegern, Bestien und Giftdrachen auszog, im Nordosten die dämonische Aura einer finsteren Energie auszutreiben, tat ich dies auf Befehl des Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs. Doch nun weile ich in der Stille geistiger Übung hier im Wudang-Gebirge; weder hier in Jambudvipa noch im nördlichen Kontinent Uttarakuru lassen sich noch Dämonen blicken. Nun habe ich die Ehre, von Euch, Großer Heiliger, um Hilfe gebeten zu werden, doch fehlt mir dazu leider ein entsprechendes Dekret aus den oberen Sphären, weshalb ich nicht eigenmächtig zu den Waffen zu greifen wage. Eure Bitte nun aber rundweg abzuschlagen wäre meiner Verbundenheit zu Euch doch sehr abträglich. So, wie ich das sehe, können die Dämonen auf dem Westweg gar so schlimm nicht sein. Darum will ich Euch vorerst meine Krieger Schildkröte und Schlange zur Verfügung stellen, und dazu noch die fünf großen Götterdrachen. Mit ihnen werdet Ihr das Ungeheuer gewiss besiegen und Euren Meister befreien können.«
Dankend verneigte sich Pilger und begab sich mit Schildkröte, Schlange und Götterdrachen, alle mit Truppen ausgestattet, zum Kleinen Tempel des Donnergrollens, wo sie sogleich zum Kampf aufriefen.
Drinnen aber weilte der Dämonenkönig gerade im Kreise seiner Ungeheuer und sprach: »Dieser Tage ist der Pilger Sun nicht wieder aufgetaucht; wer weiß, wo er sich wohl Beistand holt?«
Seine Worte waren noch nicht verklungen, als ein kleines Ungeheuer meldete: »Pilger steht mit Drachen, Schlange und Schildkröte draußen vor dem Tor und ruft zum Kampf auf!«
Der Dämon warf sich unverzüglich in seine Rüstung, trat hinaus und rief: »Was für Drachengeister wagen es, in meinen göttlichen Bereich einzudringen?«
»Lausiges Ungeheuer!« fauchten die fünf Drachen und die zwei Krieger zurück. »Wir sind die fünf Drachengötter und die Krieger Schildkröte und Krieger Schlange, abgesandt von
Seiner Hoheit, dem Himmlischen Ehrwürdigen Dämonenzerstörer, Erzvater des Uranfangs vom Palast der Höchsten Harmonie im Wudang-Gebirge! Auf Antrag des Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen und auf Geheiß unseres Himmlischen Ehrwürdigen sind wir gekommen, dich festzunehmen. Gib uns den Priester aus China und die Sterne des Himmels zurück, du Ungeheuer, sonst bist du des Todes! Wenn du dich nicht fügst, so werden wir deine Leiche in Stücke hacken und all deine Hallen in Schutt und Asche legen!«
Wütend schrie der Dämon: »Was für Fähigkeiten habt ihr überhaupt, dass ihr Biester so großspurig daherkommt? Los, dann kriegt meinen Stock zu spüren!«
Unverzüglich ließen die fünf Drachen Wolken und Regen wogen, die zwei Krieger wirbelten Sand und Staub empor, und alle stürmten mit Speeren, Säbeln, Schwertern und Lanzen heran, der Große Heilige mit seiner Eisenstange hinter ihnen her. Nachdem das Ringen schon eine gute Stunde gedauert hatte, löste der Dämon seine Tasche vom Gürtel; Pilger sah es und schrie: »Passt auf!«
Doch Götterdrachen, Schlange und Schildkröte wussten ja nicht, worauf sie aufpassen sollten, und nahmen kampfbereite Abwehrstellung ein. Schon stülpte der Dämon seine Tasche über die Krieger, und nur der Große Heilige vermochte sich abermals mit einem Wolkenüberschlag in den neunten Himmel zu retten. Götterdrachen, Schlange und Schildkröte jedoch waren in der Tasche gefangen. Siegreich kehrte der Dämon in seinen Tempel zurück, legte die Beute in Fesseln, warf sie in den Kerker und schob den Deckel darüber.
Der Große Heilige aber landete und lehnte sich erschöpft an den Gipfel. Die Augen fielen ihm zu, und es sah aus, als ob er schliefe. Auf einmal aber klang eine Stimme an sein Ohr: »Schlaft nicht, Großer Heiliger! Ihr müsst Hilfe suchen; das Leben Eures Meisters steht auf dem Spiel!«
Pilger riss die Augen auf, sprang auf die Füße und gewahrte vor sich den Gott der Tageszeiten.
»Lausiger Geist!« wetterte er, »keiner weiß, wo du bist, nie meldest du dich, und jetzt kommst du bloß, mich zu erschrecken!«
Der Tagesgott machte eine eilfertige Verbeugung und sprach: »Auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin stehen wir Eurem Meister stets im Verborgenen bei und dürfen ihn niemals alleine lassen; darum ist es uns nicht möglich, öfter bei Euch vorzusprechen. Dieser Tage sind wir ohne Nachricht von Euch geblieben, und da wir nun sahen, wie der Dämon gar Götterdrachen, Schlange und Schildkröte einfing, und gleichzeitig erfuhren, dass sie von Euch, Großer Heiliger, zu Hilfe geholt worden waren, habe ich geringer Gott mich auf den Weg gemacht, Euch zu suchen. Großer Heiliger, Ihr dürft jetzt nicht Erschöpfung vorschieben; Ihr müsst um alles in der Welt so rasch wie möglich Hilfe holen!«
Da brach Pilger vor dem Tagesgott in Tränen aus. »Ich schäme mich bis zum Himmel hoch«, schluchzte er, »bis in den tiefsten Ozean herab! Ich fürchte mich, die Bodhisattva nach den Ursachen zu fragen, wage auch nicht, vor die jadereine Gestalt Buddhas zu treten! Die eben festgenommen worden sind, waren Schildkröte, Schlange und Götterdrachen des Wahren Kriegers. Was soll ich bloß tun; ich weiß doch nicht, wen ich noch um Hilfe bitten kann!«
»Grämt Euch nicht, Großer Heiliger«, versuchte ihn der Tagesgott zu beruhigen, »ich kenne einen Ort, wo Ihr Verstärkung holen könnt, dann werdet Ihr den Dämon gewiss besiegen. Eben wart Ihr doch im Wudang-Gebirge, auf dem Kontinent Jambudvipa. Die Krieger, von denen ich spreche, befinden sich ebenfalls auf Jambudvipa, nämlich beim Berg Xuyi in der Stadt Bincheng, die heute Sizhou genannt wird. Dort lebt ein Bodhisattva mit Namen Großer Heiliger König Staatsmeister, und der verfügt über enorme Zauberkraft. Er hat einen Schüler mit Namen Prinz Zhang und vier große Götterkrieger. Früher hat er einst gar die Wassermutter unterworfen. Wenn er sich bereit erklärt, Euch zu helfen, werdet Ihr den Dämon garantiert überwinden und Euren Meister retten können.«
Erleichtert rief Pilger: »Dann geh jetzt meinen Meister schützen; ich alter Sun hole gleich Hilfe!«
Mit einem Wolkenüberschlag sauste Pilger dem Berg Xuyi entgegen und kam über den Fluss Huaihe nach Bincheng, geradewegs zum Eingang des »Tempels des Großen Heiligen«. Hier erhoben sich prächtige Tempelhallen mit schmucken Korridoren und einer steil aufragenden Pagode. Pilger trat ein und schaute sich um, dann schritt er weiter zum zweiten Toreingang. Der Bodhisattva wusste längst, dass Pilger kommen würde. Darum kam er ihm zusammen mit dem jungen Prinzen Zhang entgegen, man begrüßte sich, und Pilger erklärte den Grund seines Kommens. Zuletzt sprach er: »Nun habe ich keinen Halt und keine Stütze mehr, darum wende ich mich an Euch, Bodhisattva. Bitte, lasst Eure große Macht walten und helft mit der Kraft, die einst die Wassermutter bezwang, meinen Meister zu retten, auf dass wir die Heiligen Schriften nach China bringen und sie dort auf ewig Verbreitung finden!«
»Euer Anliegen ist wahrhaftig eng mit dem Los der buddhistischen Lehre verbunden«, sprach König Staatsmeister, »daher müsste ich eigentlich persönlich zu Hilfe kommen. Doch jetzt ist leider gerade Frühsommer, wenn die Wasser des Huaihe über die Dämme fluten, und da wir kürzlich einen Großen Heiligen Wasseraffen eingefangen haben, der bei jeder Berührung mit Wasser rasend wird, fürchte ich, dass er in meiner Abwesenheit sein Unwesen treiben könnte, und dann würde ihn kein Gott mehr je zu bändigen vermögen. Darum will ich Euch vorerst meinen Schüler mitgeben, dass er Euch mit meinen vier Generälen den Dämon besiegen helfe.«
Pilger dankte und entschwebte mit dem jungen Prinzen Zhang und den vier Generälen auf einer Wolke bis zum Kleinen Westhimmel, wo sie vor dem Kleinen Tempel des Donnergrollens niedergingen. Prinz Zhang führte einen Speer aus weißem Maulbeerholz, die vier Generäle schwangen Schwerter aus edlem Kunwu-Stahl, so traten sie mit dem Großen Heiligen Sun vor und riefen zum Kampf auf.
Kaum hatten die kleinen Ungeheuer ihr Kommen gemeldet, kommandierte der Dämon abermals seine Truppen und schritt unter ohrenbetäubendem Trommelwirbel nach draußen.
»Übler Zankaffe!« schrie er. »Wen hast du jetzt wieder geholt?«
Doch bevor Pilger zu Wort kam, trat Prinz Zhang mit den vier Generälen vor und schrie: »Du tollkühner Teufel! Ich bin der Schüler des Bodhisattva Großer Heiliger König Staatsmeister aus Sizhou und bin auf Geheiß des Meisters mit vier großen Götterkriegern hier, dich festzunehmen!«
»Ach, mein Kind«, spottete der Dämon, »deine Künste mögen gerade mal reichen, die Flussgeister des Huaihe in Schach zu halten. Doch wozu schenkst du bloß diesem Pilger Sun Vertrauen und folgst ihm über tausend Berge und Täler, nur um hier dein Leben zu lassen?«
Prinz Zhang hörte diese Worte mit wachsendem Zorn; schließlich packte er seinen Speer und stürmte mit den vier Generälen zum Angriff; auch der Große Heilige griff mit wirbelnder Eisenstange an. Der Dämon aber wehrte sich mit seiner Wolfszahnkeule und versetzte seinerseits gezielte Hiebe. Lange hielt der Kampf an, ohne dass eine Entscheidung fiel, bis der Dämon abermals seine Tasche vom Gürtel löste, worauf Pilger wiederum schrie: »Aufpassen!« Doch der Prinz und seine Krieger wussten ja nicht, worauf sie aufpassen sollten, und schon steckten sie allesamt in der Tasche dieses Scheusals; einzig Pilger hatte sich auf eine Wolke retten können. Triumphierend kehrte der Dämon in den Tempel zurück, ließ abermals Stricke bringen und alle in den Kerker werfen, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Pilger aber blieb alleine am westlichen Berghang stehen. Er war verzweifelt. Doch nun gewahrte er auf einmal, wie von Südwesten her eine farbenschillernde Wolke zur Erde niederschwebte, der ganze Berg in heiteren Blütenregen gehüllt wurde, und eine Stimme erklang, die rief: »Sun Wukong! Erkennst du mich?«
Pilger schaute genauer hin und sah, dass es der höchste Ehrwürdige des Paradieses war: der erhabene Buddha Maitreya! Eilends verneigte er sich und fragte: »Wohin des Weges, Buddha aus dem Osten? Verzeiht Eurem Jünger, Euch nicht gebührend empfangen zu haben!«
»Ich bin eigens wegen dem Dämon des Kleinen Donnergrollens hier«, gab der Buddha zur Antwort.
»Habt besten Dank!« rief Pilger. »Doch sagt, was ist das für ein Ungeheuer, und was hat es mit seiner Tasche auf sich? Ich bitte den verehrten Buddha um Aufklärung.«
»Es ist der Knabe mit den gelben Brauen, der schlägt bei mir die Klangsteine. Am dritten Tag des dritten Mondmonats,
als ich auf einer Versammlung beim Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs weilte, habe ich ihn den Tempel bewachen lassen; er aber hat meinen Zauberschatz gestohlen und sich in einen falschen Buddha verwandelt. Seine Tasche ist der Beutel meines irdischen Lebens; im Volksmund nennt man ihn den Beutel der Menschensamen. Die Wolfszahnkeule aber ist der Schlagstock für die Klangsteine.«
»Ihr seid mir ein schöner lachender Mönch«, rief Pilger. »Da entläuft Euch Euer Knabe, und Ihr lasst zu, dass er hier als falscher Buddha sein Unwesen treibt und mich alten Sun in die Falle lockt! Das kommt einer groben Vernachlässigung häuslicher Disziplin gleich!«
»Zum einen mag es mein Fehler sein, dass er mir entlaufen ist«, räumte Maitreya ein, »doch zum anderen ist es einfach so, dass Ihr, Meister wie Schüler, noch nicht alle dämonischen Hindernisse durchlebt habt. Darum kommen all die Geistwesen hinunter auf Erden, denn diese Widerstände sind notwendig. Jetzt aber bin ich gekommen, ihn zu holen.«
»Dieser Dämon hat unglaubliche Fähigkeiten«, versetzte Pilger, »wie wollt Ihr ihn ohne Waffen bezwingen?«
Maitreya lächelte und sprach: »Ich werde hier am Hang eine Strohhütte hervorzaubern und Wassermelonen säen. Anschließend kannst du ihn zum Kampf aufrufen, doch darfst du nicht gewinnen, sondern musst ihn auf mein Feld locken. Die Melonen werden noch nicht ganz reif sein, du aber sollst dich in eine große, reife Wassermelone verwandeln. Sobald er da ist, will er gewiss eine kosten, dann werde ich ihm dich überreichen, damit er dich verschlingt. In seinem Bauch kannst du dann treiben, was du willst, während ich die Gelegenheit nutze, ihm die Tasche abzunehmen und ihn selbst darin einzupacken.«
»Ein großartiger Plan«, meinte Pilger. »Allein, was soll ich tun, wenn der Dämon mir nicht folgt?«
Lachend sprach Maitreya: »Streck deine Hand aus!«
Pilger hielt ihm seine Linke entgegen. Maitreya befeuchtete seinen rechten Zeigefinger mit dem göttlichen Nass aus seinem Munde und schrieb damit das Schriftzeichen für »Verbot« in Pilgers Handfläche: 禁. Dann hieß er ihn die Faust ballen und erst wieder öffnen, wenn er das Ungeheuer sähe. Dann würde es ihm willig folgen.
Freudig versprach Pilger, zu tun wie geheißen. Seine Eisenstange einhändig wirbelnd ging er auf den Tempel zu und schrie: »Dämon! Dein Ahnherr Sun ist da, komm und miss dich noch mal mit ihm!«
Als der Dämon dies vernahm, warf er sich abermals in seine Rüstung, packte seinen Zauberschatz und trat, die Wolfszahnkeule schwingend, aus dem Tor.
»Sun Wukong!« brüllte er, »diesmal entkommst du mir nicht!«
»Zankteufel«, rief Pilger, »warum etwa nicht?«
»Mir scheint, du bist am Ende deiner Künste!« gab der Dämon zurück, »nirgendwo gibt’s mehr Verstärkung, und nun stürzt du dich alleine in den Tod. Wer soll dir denn zu Hilfe kommen, wenn ich dich zu packen kriege?«
»Du Ungeheuer hast keinen blassen Schimmer. Keine Rede mehr, jetzt kriegst du eins mit meiner Stange!«
Der Unhold schritt mit seiner Wolfszahnkeule in den Kampf, doch gleichzeitig hielt ihm Pilger die Handfläche entgegen, wirbelte den Goldreifstab mit beiden Händen und rannte nach wenigen Runden davon. Durch das Zeichen gebannt, kam es dem Dämon nicht in den Sinn, sich zurückzuziehen, ja er griff auch nicht zur Tasche, sondern war nur noch auf Verfolgung aus. So jagte er Pilger bis zuunterst an den westlichen Berghang. Pilger aber hatte das Melonenfeld bereits gefunden, kugelte sich hinein und nahm sogleich die Gestalt einer großen, reifen Wassermelone an. Der Dämon hielt inne und spähte umher. Als er nicht ausmachen konnte, wo Pilger sein mochte, lief er auf die Strohhütte zu und schrie: »Wer baut hier Melonen an?«
In Gestalt eines alten Bauern trat Maitreya aus der Hütte und antwortete: »Großer König, geringer Diener hat die Melonen angebaut.«
»Gibt es reife? Her damit, ich will meinen Durst löschen!«
Maitreya nahm diejenige, in die sich Pilger verwandelt hatte, und brachte sie dem Dämonenkönig mit beiden Händen dar. Dieser packte die Melone und sperrte sein Maul auf, um einen Bissen zu nehmen, doch schon packte Pilger die Gelegenheit, kollerte seinen Hals hinunter und begann im Bauch zu rumoren. Er zerrte an den Därmen, kickte an die Bauchwand, schlug Purzelbäume und machte den Handstand, bis sich der Dämon mit qualvoller Miene und Tränen in den Augen auf dem Boden wälzte, bis das Melonenfeld aussah wie ein Dreschplatz.
»Aufhören!« schrie er, »aufhören! Wer hilft mir bloß?«
Da offenbarte sich Maitreya in seiner wahren Gestalt, lachte und sprach: »Sündenbiest! Siehst du jetzt, wer ich bin?«
Der Dämon hob den Kopf und gewahrte Maitreya. Unverzüglich fiel er auf die Knie, presste die Hände auf den Bauch, schlug die Stirn zu Boden und rief: »O mein Herr, lasst mich am Leben, ich werde das nie wieder tun!«
Maitreya trat vor und packte ihn mit einem Griff. Sogleich nahm er ihm die Tasche vom Gürtel, entwand ihm den Schlagstock und rief: »Sun Wukong, lass ihn am Leben, mir zuliebe!«
Pilger aber war so wütend, dass er im Bauch gleich noch mehr Fausthiebe und Fußtritte folgen ließ, bis der Dämon von Schmerzen gepeinigt zu Boden sackte.
»Wukong!« rief Maitreya von neuem, »jetzt hat er genug abbekommen; lass ihn am Leben.«
Da hieß ihn Pilger den Mund aufmachen und rief: »Dann lass mich alten Sun raus!«
Gequält sperrte der Unhold seinen Rachen auf; Pilger sprang heraus, nahm seine eigene Gestalt an und wollte gerade seine Stange packen, um den Dämon zu verprügeln, doch Maitreya hatte ihn bereits in den Sack gesteckt, warf ihn schräg über die Schulter, nahm den Schlagstock und schimpfte: »Sündenbiest! Und wo ist die Zimbel, die du gestohlen hast?«
Pilger wollte gerade seine Stange packen, um den Dämon zu verprügeln, doch
Maitreya hatte ihn bereits in den Sack gesteckt.
»Die hat Sun Wukong zerschlagen«, ächzte der Dämon im Beutel.
»Dann gib mir das Gold zurück!«
»Die Scherben sind in der Tempelhalle!« stöhnte der Dämon.
Da sprach der Buddha lachend zu Pilger: »Wukong, dann komm du mit und gib mir die Goldscherben zurück.«
Pilger ging mit ihm zum Tempel. Das Portal war verschlossen, doch als der Buddha es mit seinem Schlagstock berührte, öffnete es sich von selbst. Drinnen waren die kleinen Ungeheuer, die bereits erfahren hatten, dass der alte Dämon gefangen worden war. Wie sie nun nach allen Seiten auseinanderstoben, wurden sie von Pilger restlos erschlagen. Der Buddha aber sammelte die Goldscherben auf, behauchte sie mit seinem göttlichen Odem, murmelte dazu einen Zauberspruch, und schon erschien die goldene Zimbel wieder in ihrer ursprünglichen Form. Nun verabschiedete sich
Maitreya von Pilger und schwebte auf einer glückverheißenden Wolke den Gefilden der Glückseligkeit entgegen.
Der Große Heilige aber konnte nun endlich Tripitaka, Bajie und Sandmönch befreien. Anschließend ging er nach hinten, wo er das Kerkerloch öffnete, allen Göttern heraushalf und sie vor die Tempelhallen führte, wo Tripitaka schon in seiner kostbaren Robe bereitstand und sich nun vor jedem dankend verneigte. Danach verabschiedete Pilger die Götter, und diese kehrten in ihre Paläste zurück.
Meister und Schüler aber ließen sich einen halben Tag Zeit, sich zu sättigen, bevor die Reise weiterging. Kurz vor Aufbruch entfachten sie noch ein Feuer und legten die prunkvolle Anlage in Schutt und Asche.
So war es in der Tat:
Ohne Leiden, ohne Dämon
Streben sie zu Buddha hin;
Überwunden sind die Hürden,
Freien Mutes sind sie nun!
Und da wir nicht wissen, wann sie endlich den Großen Tempel des Donnergrollens erreichen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.