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067 Die Rettung von Dhara macht die innere Sammlung fest / Frei von Unreinheiten wird das Dao- Herz rein und klar

Wie berichtet, waren Tripitaka und seine Schüler dem Kleinen Westhimmel entronnen und machten sich nun frohen Mutes auf die Weiterreise. Einen ganzen Monat lang wanderten sie dahin, und ringsum grünte der Frühling.

Tripitaka brachte sein Pferd zum Stehen und sprach: »Meine Schüler, bald wird es dunkel; wo sollen wir bloß übernachten?«

»Macht Euch keine Sorgen, Meister«, lachte Pilger, »wir werden schon was finden!«

Noch während sie sprachen, erblickten sie in nicht weiter Ferne ein Haus.

»Nun«, meinte Pilger, »zwischen jenen Bäumen wohnt doch jemand? Lasst uns dort um Aufnahme bitten.«

Der Priester hielt auf das Haus zu und stieg frohgemut aus dem Sattel. Das hölzerne Gatter war zu. Erst als der Priester daran pochte, öffnete ein alter Mann mit Gehstock in der Hand und erkundigte sich, wer da sei. Tripitaka faltete die Hände vor der Brust, neigte sich grüßend und sprach: »Geringer Mönch kommt aus dem Osten und pilgert in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da wir nun Eure werte Wohnstätte passieren, ist schon bald Abend, und darum möchten wir gern um ein Lager in dem geschätzten Hause bitten. Wir hoffen sehr auf Euer Entgegenkommen.«

»Werter Mönch«, entgegnete der Alte, »nach Westen geht es hier nicht weiter. Ihr seid hier im Kleinen Westhimmel, doch bis zum Großen Westhimmel ist es noch weit. Und auch abgesehen von allen weiteren Schwierigkeiten ist allein dieser Ort schon nahezu unpassierbar.«

Tripitaka wollte wissen, was damit gemeint sei. Der Alte wies in die Ferne und erklärte: »Etwas mehr als dreißig Meilen westlich von hier führt eine Khakigasse über ein Gebirge, das ›Gebirge der Sieben Extreme‹ genannt wird.«

»Was bedeutet denn ›Sieben Extreme‹?« fragte Tripitaka, und der Mann sprach: »Der Pfad, der über dieses Gebirge führt, ist achthundert Meilen lang und geht durch lauter Khakiwälder. Alte Schriften besagen, dass der Khakibaum sieben außerordentliche Eigenschaften besitze: Er erreicht ein hohes Alter, spendet reichlich Schatten, ist frei von Vogelnestern und Ungeziefer, hat schönen Raureif, herrliche Früchte und großflächige Blätter. Darum nennt man es das Gebirge der Sieben Extreme. Dieser Landstrich ist weit, aber nahezu unbewohnt, und das Gebirge ist seit Urzeiten von keinem Menschen begangen worden. Jedes Jahr, wenn die Khakis reif sind, fallen sie von den Bäumen und faulen; der von Steinmauern gesäumte Weg ist dann voll bis obenauf. Sobald Regen, Schnee und Frost darübergehen, wird das Ganze zwischen Regenzeit und Sommer zu einem schmierigen Matsch, dass die Leute es nur noch ›Kackegasse‹ nennen. Wenn der Westwind geht, weht ein furchtbarer Gestank hierher, schlimmer, als wenn man die übelste Latrine auskehrt! Jetzt im Frühling geht der Südostwind, darum merkt man nichts davon.«

Tripitaka verfiel in bedrücktes Schweigen. Da konnte sich Pilger nicht halten und rief laut: »Wie seid Ihr doch borniert, mein werter Herr! Da kommen wir von weit her gereist und bitten Euch um Nachtquartier; Ihr aber wisst nichts Besseres, als uns abzuschrecken. Falls es in Eurem Hause wirklich keinen Ort zum Schlafen gibt, hocken wir uns eben die Nacht über unter den Baum; wozu die lange Rede?«

Wie der Alte Pilgers hässliches Gesicht erblickte, verstummte er ängstlich. Doch bald fasste er Mut, wies mit seinem Stock auf Pilger und rief: »Du ausgemergeltes Ding, du! Ohne jegliche Achtung vor dem Alter wagst du mich alten Mann mit deinem spitzen Maul zu verunglimpfen!«

»Werter Alter«, meinte Pilger und lachte versöhnlich, »Euch fehlt der Blick für das, was wichtig ist. Ihr habt keinen Schimmer, wer in diesem ausgemergelten Ding vor Euch steht. ›In bizarren Formen stecken die schönsten Juwelen‹ – so sagen doch die Wahrsager, die aus der Hand und aus dem Gesicht zu lesen vermögen! Wenn Ihr die Leute nur nach dem Äußeren und nach ihrer Rede beurteilt, liegt Ihr falsch. Ich mag zwar unschön aussehen, doch besitze ich dafür besondere Fähigkeiten und verstehe mich hervorragend aufs Austreiben von Dämonen.«

Kaum hatte der Alte diese Worte vernommen, war sein Zorn verflogen. Mit einer Verbeugung hieß er sie willkommen, und alsbald traten alle vier mit Pferd und Gepäck in den Innenhof, wo der Alte Stühle bereitstellte, Tee aufgoss und eine fleischlose Mahlzeit zubereiten ließ. Bald wurden auch schon Tische herangerückt und allerlei leckere Gerichte aufgetragen. Meister und Schüler konnten sich ausgiebig sättigen. Nach dem Essen nahm Bajie Pilger beiseite und fragte: »Wie geht es bloß zu, dass der Alte uns so reich bewirtet, nachdem er uns erst gar nicht haben wollte?«

»Das hat sicher einen Grund«, meinte Pilger, »ich werde gleich fragen.«

Als die Dämmerung anbrach und der Alte Laternen aufhängen ließ, fragte Pilger: »Wie ist Euer geschätzter Name, mein Herr?«

»Ich heiße Li.«

»Dann wird die werte Ortschaft ›Dorf der Sippe Li‹ heißen?«

»Nein, unser Dorf heißt Dhara«, gab der Alte zurück. »Wir haben hier an die fünfhundert Haushalte, die meisten aber sind aus anderen Sippen; ich bin der Einzige mit Sippennamen Li.«

»Wie kommt es aber, werter Herr Li, dass Ihr uns so köstlich bewirtet habt?«

Der Alte erhob sich und sprach: »Eben habe ich erfahren dürfen, dass Ihr Euch darauf versteht, Ungeheuer auszutreiben. Bei uns gibt es tatsächlich ein Ungeheuer, und darum möchte ich Euch bitten, es zu bezwingen. Wir werden uns mit reichen Gaben erkenntlich zeigen.«

»Besten Dank für Euer Entgegenkommen!« rief Pilger und verbeugte sich mit vor der Brust gewölbten Händen.

»Seht euch an, wie der wieder Unheil vom Zaun reißt!« empörte sich Bajie. »Er tut ja herzlicher, als wenn er für seinen eigenen Großvater Dämonen austreiben sollte! Verneigt sich gar im Voraus!«

»Werter Bruder«, warf Pilger ein, »das kapierst du eben nicht. Meine Verneigung steht als Garantie, damit er weiß, dass niemand sonst um Hilfe gebeten zu werden braucht.« An den Alten gewandt fragte er: »Welches Ungeheuer kann es nur wagen, in dieses geschätzte Dorf einzudringen, so friedlich gelegen und so zahlreich bewohnt?«

»Nun«, hub der Alte an, »ich will Euch sagen, wie sich alles zugetragen hat. Lange Zeit haben wir hier in Frieden leben können. Doch vor drei Jahren, im sechsten Mondmonat, brauste plötzlich ein Orkan heran, gerade als wir massenhaft Arbeit hatten: Die einen waren beim Dreschen, die anderen steckten Setzlinge im Reisfeld. In der Eile achtete keiner auf den Wind; man hat bloß gedacht, das Wetter wechselt. Wie hätten wir auch ahnen können, dass in diesem Wind ein Ungeheuer war! Es verschlang alles, was ihm in die Fänge kam. Auf den Weiden hat es Kühe, Pferde, Schweine und Schafe gerissen, ganze Hühner und Gänse verschluckt und Männer und Frauen bei lebendigem Leibe verschlungen – und seit jenem Tag ist das immer wieder vorgekommen. Ach Priester, wenn Ihr wirklich die Macht habt, so ein Ungeheuer auszutreiben, werden wir uns mit den größten Gaben erkenntlich zeigen; es soll Euch an nichts fehlen!«

Da meinte Pilger: »So gesehen sieht die Sache allerdings schwierig aus.«

»Ja, wirklich«, fiel Bajie ein, »schließlich sind wir bloß Wandermönche und wollten doch nur hier übernachten, morgen früh ziehen wir gleich weiter. Was sollen wir da noch Ungeheuer austreiben?«

»Also habt ihr nur groß angegeben, um ein Essen zu ergattern, ihr elenden Bonzen!« rief der Alte. »Erst behauptet ihr, Dämonen austreiben zu können, und wenn die Sache konkret wird, heißt es, es sei zu schwierig!«

»Werter Alter«, entgegnete Pilger, »das Ungeheuer auszutreiben ist keine Sache. Nur scheint es mir, als wären die Leute hier im Dorf nicht einig.«

»Wie meint Ihr das?« fragte der Alte.

»Wenn Euch das Ungeheuer seit drei Jahren heimsucht, muss es doch schon etlichen Menschen Schaden zugefügt haben. Hätten die fünfhundert Familien auch nur je einen Silberling gegeben, wären längst stattliche fünfhundert Silberlinge beisammen, damit hättet Ihr an jedem beliebigen Ort daoistische Magier anheuern können, die Euch den Dämon austreiben. Wie kommt es, dass Ihr Euch ganze drei Jahre quälen lasst?«

»Ach, das mit dem Geld ist eine peinliche Angelegenheit«, seufzte der Alte. »Wer wäre nicht bereit, sogar drei bis fünf Silberlinge beizusteuern! Im vorletzten Jahr haben wir einen Mönch südlich dieser Berge gebeten, diesen Dämon auszutreiben, doch der hat es nicht geschafft.«

»Wie hat er’s denn angestellt?« wollte Pilger wissen.

Da sprach der Alte:

»Es kam dieser Sangha

In der langen Kasaya,368

Las vorab das Pfauen-,

Dann das Lotos-Sutra.

Hat Weihrauch gebrannt,

Ein Glöcklein zur Hand,

Was er rezitiert’,

Hat den Geist alarmiert,

In einem Orkan

Kam er im Dorf an.

Der beiden Gefecht

War auch gar nicht schlecht:

Mit einer Faust gerammt,

Mit einem Griff gebannt!

Noch hat der Mönch reagiert,

Doch war sein Kopf rasiert.

Der Geist hat ihn bezwungen

Und ist im Nebel gegangen.

Wir gingen hin und sahen

Den Prediger von nahem:

Es war sein Schädel so zerschmettert,

Wie ’ne Wassermelone rottet!«

»Der hat aber Pech gehabt!« lachte Pilger.

»Er hat doch bloß sein Leben verloren«, ereiferte sich nun der Alte, »richtig Pech hatten wir! Für Sarg und Bestattung mussten wir aufkommen und auch seinen Jüngern ein paar Silberlinge geben; die aber wollten sich nicht abfinden und führten Anklage gegen uns, so dass die Sache bis heute nicht ins Reine gekommen ist!«

»Habt Ihr denn noch sonst jemanden gebeten, den Dämon auszutreiben?« fragte Pilger.

»Letztes Jahr haben wir noch einen Daoisten kommen lassen.«

»Und wie stellte der sich an?«

Da sprach der Alte: »Dieser Daoist

Hatte ’nen goldenen Hut,

Steckte in langem Ornat,

Hat mit dem Stab hantiert,

Mit Zauberwasser agiert,

Die Götter zu bezwingen,

Den Dämon herzubringen.

Da brauste plötzlich ein Orkan

In schwarzem Rauch heran,

Der Dämon und der Daoist

Gerieten beide gleich in Zwist,

Sie rangen fast bis in die Nacht,

Doch schließlich hat er kehrtgemacht.

Als die Sonne wieder schien,

Gingen wir zusammen hin,

Wollten ihn zu finden hoffen,

Doch er war im Bach ersoffen!

Wir haben ihn herausgeholt

Und ihn bei Tage angeschaut;

Da hat er bereits ausgesehn

Wie ein nasses Suppenhuhn!«

»So, wie das klingt, hat der auch Pech gehabt«, lachte Pilger.

»Der hat auch bloß sein Leben verloren«, versetzte der Alte, »während wir schon wieder den ganzen Aufwand mit den Bestattungskosten hatten!«

»Macht Euch keine Sorgen«, meinte Pilger, »ich werde Euch den Dämon austreiben!«

»Wenn Ihr das wirklich schafft, werde ich unsere Dorfältesten bitten, einen Vertrag auszustellen. Wenn Ihr Erfolg habt, kriegt Ihr so viel Geld, wie Ihr nur wollt; es soll an keinem Groschen fehlen. Doch wenn die Sache misslingt, macht uns bitte keinen Ärger. Dann soll jeder sein Schicksal nehmen, wie es ist.«

»Ihr habt schlechte Erfahrungen gemacht, Alter«, kicherte Pilger. »Doch wir gehören nicht zu diesem Schlag. Holt rasch die Dorfältesten!«

Frohen Mutes schickte der Alte seine Diener aus, acht oder neun Dorfälteste zu holen. Bald waren alle eingetroffen; man besprach die Sache mit dem Ungeheuer, und es war keiner, der sich nicht freute.

»Welcher von euch Priestern will das Ungeheuer bezwingen?« wollten nun die Dorfältesten wissen. Pilger verneigte sich mit gewölbten Händen und sprach: »Ich geringer Mönch.«

Die Ältesten zuckten zusammen und riefen: »Unmöglich! Dieser Dämon hat gewaltige Zauberkräfte; er ist ein richtiger Koloss. Ihr aber seid ja ganz klein und mager, werter Priester, Ihr füllt keine Zahnlücke von diesem Ungeheuer!«

»Die werten Herren irren sich«, versetzte Pilger. »Ich bin zwar klein von Wuchs, doch ganz schön fest. Ich habe halt, wie das Sprichwort sagt, Wetzsteinwasser getrunken: Der Schneid liegt im Innern!«

Den Dorfältesten blieb nichts übrig, als ihm Glauben zu schenken, und sie sprachen: »Wie viel Dankesgeld möchtet Ihr fürs Austreiben, Priester?«

»Ach was, kommt mir nicht mit Dankesgeld!« rief Pilger, »uns Mönchen geht es nur darum, gute Taten auszuüben, wir kümmern uns nicht um Geld.«

»Aber es geht doch nicht, dass Ihr umsonst arbeitet!« riefen die Ältesten und meinten schließlich: »Wir leben hier von Fischzucht; falls es Euch tatsächlich gelingen sollte, das Ungeheuer zu überwinden, soll Euch jede Familie zwei Mu gutes Land abtreten, insgesamt gibt das 1000 Mu. Darauf könnt Ihr einen schönen Tempel bauen und Euch in aller Ruhe der Meditation und dem Buddhismus widmen; das ist doch viel besser, als durch die weite Welt zu ziehen.«

Pilger lachte und sprach: »Das passt erst recht nicht. Wer Land hat, braucht Pferde und Diener, muss ernten und heuen, kommt abends nicht zur Ruhe und morgens nicht zu Schlaf; das ist doch schlicht tödlich!«

»Wie können wir uns denn bedanken, wenn Ihr alles ablehnt?«

»Uns Mönchen genügen Speis und Trank vollauf zum Dank!«

»Nun, dann ist es ja ein Leichtes«, freuten sich die Dorfältesten. »Doch sagt, wie wollt Ihr den Dämon bezwingen?«

»Ganz einfach«, versetzte Pilger, »wenn er kommt, fange ich ihn eben!«

»Aber er ist riesengroß! Er reicht vom Himmel bis zur Erde, kommt im Sturm und geht im Dunst. Wie wollt Ihr überhaupt an ihn herankommen?«

»Ach, solche Ungeheuer mit Sturm und Dunst sind für mich ein Kinderspiel. Außerdem ist es für mich auch keine Sache, groß zu werden.«

Mitten in diesen Worten hörte man auf einmal einen Sturm heranbrausen. Zitternd riefen die Dorfältesten: »Dieser Mönch malt den Teufel an die Wand! Kaum spricht er vom Ungeheuer, kommt es auch schon!«

Rasch machte der alte Herr Li eine Seitentür auf und rief den Alten und Tripitaka zu: »Schnell, hier hinein, das Ungeheuer kommt!«

Vor lauter Schrecken wollten sich auch Bajie und Sandmönch in die Nebenkammer drängen, doch Pilger hielt sie fest und rief: »Was stellt ihr euch denn vor? Es geht doch nicht an, dass wir Mönche in private Kammern eindringen! Bleibt hier bei mir, damit wir sehen, um was für ein Ungeheuer es sich handelt.«

Schon zerrte er die beiden in den Hof. Draußen tobte der Sturmwind so wild, dass Bajie sich vor Angst platt auf den Boden warf, die Schnauze in die Erde wühlte und wie ein eingeschlagener Nagel liegen blieb. Auch Sandmönch verbarg sein Gesicht und konnte kaum mehr die Augen öffnen. Pilger aber schnupperte im Wind nach dem Dämon. Bald legte sich der Sturm, und es waren nur noch zwei verschwommene Lichter auszumachen, die langsam auf sie zukamen.

»Aufstehen, Brüder, der Wind ist vorbei!« rief Pilger.

Der Tölpel hob seine Schnauze hoch und schüttelte den Staub ab. Da gewahrte er die beiden Lichter am Himmel. Plötzlich lachte er laut und rief: »Oh, wunderbar! Das ist doch ein ganz artiger Dämon, lasst uns mit ihm Freundschaft schließen!«

»Wie willst du in dieser Finsternis wissen, ob er gut oder schlecht ist?« wunderte sich Sandmönch.

»So sagten es doch die alten Weisen: ›Nachts bewege man sich mit Fackeln, ohne bleibe man zu Haus.‹ Du siehst ja, er führt zwei Laternen mit sich. Dann ist er gewiss nicht böse.«

»Du irrst dich«, warf Sandmönch ein, »das sind keine Laternen. Das Monster hat leuchtende Augen!«

Da fuhr der Tölpel zusammen, schrumpfte um drei Zoll und brummte: »Ach du lieber Himmel! Wenn der schon solche Augen hat, wie ist dann erst sein Maul?«

»Keine Angst, guter Bruder«, warf Pilger ein. »Kümmert euch um den Meister; ich alter Sun will mal nach oben gehen und schauen, was das für ein Ungeheuer ist und was der Kerl im Schilde führt.«

Mit einem Satz schoss er pfeifend durch die Luft, packte seine Eisenstange und schrie: »Stillgestanden! Ich bin hier!«

Als der Dämon ihn sah, richtete er sich auf und fuchtelte mit einem Speer.

»Wo kommst du her, du Ungeheuer?« schrie Pilger.

Der Dämon aber gab keine Antwort. Auch als Pilger ein zweites Mal fragte, kam nichts zurück als das Zucken des Speeres.

»Der ist wohl taub und stumm«, meinte Pilger und rief schließlich: »Halt, gib auf meine Stange acht!«

Der Dämon zeigte keinerlei Furcht und wehrte sich, indem er seinen Speer wild um sich wirbelte. So fuhren die beiden hoch in den Lüften ein ums andere Mal aufeinander los, und ihr Kampf dauerte bis Mitternacht. Bajie und Sandmönch schauten vom Hof aus zu und merkten bald, dass das Ungeheuer sich mit seinem Speer nur verteidigen konnte; es kam überhaupt nicht zum Angriff. Pilgers Stange hingegen schwirrte immer über seinem Kopf.

Schließlich meinte Bajie lachend: »Sandmönch, halte mal hier Wache, ich alter Eber will auch ein bisschen mitmachen, damit nicht dieser Affe schon wieder das ganze Verdienst ergattert und den ersten Weinkelch kriegt.«

Schon fuhr der Tölpel zu den Wolken auf, schwang seinen Rechen und hieb zu. Da wehrte sich der Dämon mit einem zweiten Speer, und seine Waffen blitzten wie fliegende Schlangen. Bewundernd rief Bajie: »Dieses Monster hat eine großartige Speerkunst! Es ist weder die Kunst mit dem ›Speer hinterm Berg‹ noch die des ›Seidenwicklers‹ und auch nicht die Speerkunst von Meister Ma. Es muss sich um ›Speere mit biegsamem Schaft‹ handeln!«

»Unsinn«, versetzte Pilger, »es gibt doch keine Speere mit biegsamem Schaft!«

»Schau doch, immer wenn die Spitze gegen uns gerichtet ist, kann man den Speerschaft nicht sehen. Ich frage mich nur, wo er den hat?«

»Mag ja sein, dass die einen biegsamen Schaft haben«, meinte Pilger. »Aber dieses Monster kann ja nicht mal sprechen. Wahrscheinlich ist es noch nicht auf der Stufe einer menschlichen Existenz, noch zu sehr in der trüben Yin-Kraft verhaftet. In diesem Falle wäre bloß zu befürchten, dass es sich verdrückt, sobald am Morgen die lichte Yang-Kraft steigt. Wenn es flieht, müssen wir es unbedingt verfolgen; es darf uns nicht entwischen!«

»Ja, auf keinen Fall«, versetzte Bajie.

Von neuem warfen sie sich ins Gefecht und rangen so lange mit dem Ungeheuer, bis sich im Osten der Horizont aufhellte. Tatsächlich war dem Dämon nun nicht mehr zum Kämpfen zumute; er wandte sich ab und flitzte davon, Pilger und Bajie dicht hinter ihm her. Auf einmal wehte ihnen ein übler Geruch entgegen: die Khakigasse auf dem Berg der Sieben Extreme!

»Pah, wer fegt denn da Latrinen aus«, prustete Bajie, »das stinkt ja jämmerlich!«

Auch Pilger hielt die Hand vor die Nase und rief: »Schnell, dem Monster nach!«

Wie nun das Ungeheuer über den Berg schoss, nahm es seine eigene Gestalt an und war eine rote Riesenschlange.

»Was für eine gewaltige Schlange!« rief Bajie, »wenn die sich von Menschen ernährt, sind dafür mindestens fünfhundert Stück pro Mahlzeit nötig. Und satt wäre sie wohl dann noch immer nicht.«

»Was für eine gewaltige Schlange!« rief Bajie, »wenn die sich von Menschen

ernährt, sind mindestens fünfhundert Stück pro Mahlzeit nötig.«

»Dann waren diese Speere mit biegsamem Schaft ihre gespaltene Zunge«, stellte Pilger fest. »Doch muss sie erschöpft sein, weil wir sie gejagt haben. Schlagen wir von hinten zu!«

Mit einem Satz war Bajie bei der Schlange und wollte gerade mit dem Rechen zuschlagen, als das Monster sich bereits in eine Höhle gezwängt hatte. Nur das Schwanzende lugte an die acht Fuß heraus. Bajie warf den Rechen nieder, packte die Schlange am Schwanz und schrie: »Ich hab sie! Ich hab sie!«

Mit aller Kraft zerrte er an der Schlange, doch sie war um kein Haarbreit zu bewegen.

»Ach Tölpel«, lachte Pilger, »lass sie doch rein, es wird sich schon was machen lassen. Wozu die Schlange rückwärtsziehen!«369

Da ließ Bajie los, und das Biest schlüpfte in die Höhle.

»Wenn ich sie nicht losgelassen hätte, wäre wenigstens ein Teil in unserer Hand gewesen!« ereiferte sich Bajie. »Wie sollen wir sie jetzt wieder kriegen, wenn sie sich verzogen hat? Jetzt haben wir buchstäblich ›keine Schlange mehr zur Hand‹!«370

»Dieses Viech ist doch viel zu plump und die Höhle viel zu eng, als dass es sich drinnen umwenden könnte. Sicher kann es nur geradeaus; irgendwo muss ein Ausgang sein. Geh du mal gleich zur Öffnung gegenüber, ich halte hier beim Eingang Wache!«

Blitzschnell setzte der Tölpel über den Berg und fand dort tatsächlich einen Ausgang. Doch bevor er richtig gelandet war, hatte Pilger bereits mit seiner Stange in die Höhle gestochert, worauf das Monster vor Schmerz aus dem Ausgang hervorschoss und den überraschten Bajie mit dem Schwanz zu Boden schleuderte. Nachdem er vergeblich versucht hatte, wieder auf die Beine zu kommen, blieb Bajie schmerzgeplagt liegen. Pilger aber, der bemerkt hatte, dass die Höhle leer war, kam mit seiner Stange angerannt und rief: »Dem Monster nach!«

Da schämte sich Bajie, verbiss die Schmerzen und rappelte sich hoch, um mit dem Rechen wild um sich zu hauen. Pilger sah ihn an und lachte: »Das Monster ist weg, was fuchtelst du da rum?«

»Ich haue eben ins Gras, um Schlangen aufzuscheuchen!« gab dieser zurück.371

»Du bist ein echter Tölpel«, versetzte Pilger, »los, ihm nach!«

Die beiden überquerten einen Fluss und fanden nun das Monster zusammengerollt am Boden. Doch plötzlich erhob es sein Haupt und schnappte mit weit aufgerissenem Maul nach Bajie, der sofort in panischer Angst davonrannte. Pilger hingegen ging auf das Untier zu und wurde verschlungen. Schmerzlich trommelte sich Bajie mit beiden Fäusten an die Brust und begann laut zu schreien. Pilger aber keilte seine Stange in den Bauch des Ungeheuers und rief: »Schrei nicht so, Bajie! Schau her, jetzt lass ich dieses Viech die Brücke machen!«

Schon wölbte sich das Ungeheuer, dass es aussah wie eine Bogenbrücke.

»Das sieht schon aus wie ’ne Brücke, aber da würde sich keiner trauen, drüberzugehen«, meinte Bajie.

»Jetzt mache ich ein Boot draus, schau her!« rief Pilger und stieß drinnen mit der Eisenstange in den Bauch des Monsters, dass es sich zu Boden presste und den Kopf hochreckte wie die Segelboote auf dem Gan-Fluss.

»Sieht schon aus wie ein Boot, nur fehlt ein Segel, damit man den Wind nutzen kann«, versetze Bajie.

»Geh zur Seite«, gab Pilger zurück, »jetzt mach ich dem Monster Wind, schau her!« Mit aller Kraft stach er die Eisenstange durch den Rücken des Ungeheuers, dass sie an die sieben Klafter herausschaute wie ein richtiger Segelmast. Das Monster aber wand sich vor Schmerz und schoss voran, schneller als jeder Wind es hätte treiben können. Schließlich machte es kehrt und flitzte den Berg hinunter, bis es nach etwa zwanzig Meilen erschöpft im Staub sein Leben aushauchte. Bajie lief hinzu und hieb mit seinem Rechen los. Pilger schlitzte den Bauch auf, schlüpfte hinaus und rief: »Tölpel! Das Biest ist tot, was haust du noch?«

»Bruder«, gab Bajie zurück, »weißt du nicht, dass ich zeitlebens gern tote Schlangen verhaue?«

Schließlich steckte er den Rechen ein, packte die Schlange beim Schwanz und schleppte sie hinter sich her.

Doch wenden wir uns wieder dem Dorfe Dhara zu, wo der alte Herr Li und die anderen gerade zum Priester sprachen: »Euer Schüler ist die ganze Nacht nicht zurückgekommen, sicher ist um ihn geschehen.«

»Ausgeschlossen«, entgegnete Tripitaka. »Lasst uns draußen nachschauen.«

Nach kurzer Zeit sahen sie Pilger und Bajie mit einer

Riesenschlange im Schlepptau unter lautem Gejohle heranbrausen. Alle waren hocherfreut; Alte und Junge, Männer und Frauen aus dem Dorfe knieten vor ihnen nieder und riefen: »Oh, werte Herren! Genau dieses Ungeheuer war es, das so viele von uns das Leben kostete. Endlich haben wir das große Glück, es ausgemerzt zu wissen, dass wir wieder in Frieden leben können!«

Aus lauter Dankbarkeit wollten sämtliche Familien die Wohltäter zum Essen einladen und mit Geschenken überhäufen, wodurch der Priester und seine Schüler gute fünf bis sieben Tage aufgehalten wurden, bevor die Dorfbewohner

ihren dringlichen Bitten endlich nachgaben und sie weiterziehen ließen. Da man schließlich auch verstanden hatte, dass die Mönche keine Geschenke annahmen, wurde jede Menge Gebäck und Obst zubereitet und ein reiches Abschiedsmahl gegeben. Zuletzt gaben ihnen von den fünfhundert Familien des Dorfes an die achthundert Menschen mit roten Girlanden und bunten Flaggen ein feierliches Abschiedsgeleit.

Frohgemut gingen die Pilgernden ihres Weges, bis sie zur Khakigasse am Berg der Sieben Extreme gelangten. Als Tripitaka den Gestank gewahrte und den schmierigen Pfad sah, rief er verzweifelt: »Wukong! Wie sollen wir da bloß durch?«

Mit vorgehaltener Hand meinte Pilger: »Das wird allerdings schwierig.«

Als Tripitaka das Wort »schwierig« hörte, kamen ihm die Tränen. Doch da traten der alte Li und andere Dorfbewohner zu ihm und sprachen: »Priester, macht Euch keine Sorgen. Wir haben bereits besprochen, was wir für Euch tun können. Da Euer werter Schüler uns den Dämon ausgetrieben und die ganze Gegend vom Leid erlöst hat, sind wir mit frommen Sinnen dazu bereit, Euch einen anderen Weg zu schlagen, um den werten Herren über den Berg zu helfen.«

»Guter Alter«, warf Pilger ein, »was Ihr da sagt, geht nicht auf. Anfangs habt Ihr noch behauptet, dieses Gebirge sei achthundert Meilen breit. Ihr seid doch nicht die göttlichen Krieger des Großen Yu; wie wollt Ihr dieses Gebirge neu begehbar machen! Um unseren Meister hinüberzuführen, bedarf es unserer Kräfte. Das einzige Problem ist, dass keiner sich ums Essen kümmert.«

»Wo denkt Ihr hin, Priester!« rief der alte Li, »natürlich können wir Essen besorgen, ganz gleich, wie lange Ihr Euch hier aufhaltet! Wie könnt Ihr bloß glauben, keiner würde sich ums Essen kümmern?«

»Nun, wenn dem so ist«, meinte Pilger, »dann bringt zwei große Eimer Reis und eine rechte Menge Dampfbrötchen. Sobald der Priester mit der langen Schnauze satt ist, kann er sich in einen riesigen Eber verwandeln und uns diesen Pfad freiwühlen. Danach setzt sich unser Meister aufs Pferd, und wir gehen an seiner Seite; so werden wir gewiss gut rüberkommen.«

Als Bajie dies hörte, rief er: »Aber Bruder, ich alter Eber soll wieder allein die schmutzige Arbeit machen, und ihr bleibt alle schön rein?«

»Wuneng«, sprach Tripitaka, »wenn du wirklich das Zeug dazu hast, diese Gasse freizumachen, dann hilf mir bitte hinüber, das werde ich dir hoch anrechnen!«

»Werter Meister«, versetzte Bajie, »ich alter Eber verfüge über sechsunddreißig Verwandlungen; mich in einen großen Eber zu verwandeln ist keine Sache. Bloß wächst mit der Größe auch der Hunger, und erst wenn ich wirklich satt bin, kann ich diese Sache anpacken.«

»Es gibt genug von allem«, riefen die Dorfleute. »Wir haben reichlich Proviant und Backwerk dabei, das wollten wir eigentlich zum Bau des neuen Pfades austeilen. Doch jetzt können wir ja alles hervornehmen, damit Ihr Euch nach Lust und Laune sättigen könnt. Bevor Ihr loslegt, können wir noch mal im Dorf nach Reis schicken.«

Erfreut zog Bajie seine schwarze Mönchskutte aus, warf den Rechen hin und rief den Dorfleuten zu: »Keine Scherze bitte. Schaut her, wie der alte Eber diese Drecksarbeit macht!«

Der gute Tölpel! Schon machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und stand als riesiger Eber da. So war es in der Tat:

Ein Eber mit harten Borsten,

Ragt hundert Klafter empor;

Die Schenkel wohl tausend Ellen,

Dies macht kein Götterhund vor!

Die Mönche und die Profanen

Stimmen ein Loblied an;

Groß sind die Zauberkräfte

Des himmlischen Tianpeng!

Als Pilger ihn in dieser Verwandlung erblickte, befahl er den Dorfleuten, allen Proviant auf einen Haufen zu legen, und bedeutete Bajie, sich zu bedienen. Schon fraß der Tölpel alles ratzekahl und machte sich an die Arbeit. Pilger hieß Sandmönch, Schuhe und Socken auszuziehen, und sah zu, dass Tripitaka fest im Sattel saß. Auch er zog seine groben Stoffschuhe aus, bat die Dörfler heimzukehren und sprach: »Wenn ihr wollt, könnt ihr so schnell wie möglich noch mal Reis bringen, damit mein Ordensbruder bei Kräften bleibt!«

Mehr als die Hälfte der achthundert Dorfleute hatte Maulesel dabei, und so sprengten sie sogleich ins Dorf und setzten Reis auf. Doch wie sie schließlich mit dem Reis zurückkehrten, waren Meister und Schüler längst weit weg. Die Dorfleute wollten aber die Mönche nicht einfach ziehen lassen, sondern trieben ihre Maulesel an und folgten ihnen die ganze Nacht über, bis sie am Morgen Meister und Schüler endlich einholten.

»Halt, ihr werten Schriftenholer!« riefen sie. »Wir bringen euren Reis!«

Der Priester dankte in einem fort und hieß Bajie rasten. Der Tölpel, der schon zwei Tage lang gewühlt hatte, verspürte auch schon einen Riesenhunger. Er fraß sich so satt wie möglich und machte sich sogleich wieder an die Arbeit. Tripitaka, Pilger und Sandmönch aber bedankten sich bei allen und verabschiedeten sich.

Und da wir nicht wissen, an welchen Ort sie kommen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.