Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel68

068 In Purpurien spricht Tripitaka über die Vergangenheit / Pilger Sun setzt seine Kräfte als begabter Heiler ein

Wie berichtet, hatten Tripitaka und seine Schüler die schmutzige Gasse gereinigt, und nun machten sie sich frei und leicht auf den Weg. Im Nu war die Zeit vergangen, und schon brach wieder der Sommer an. Wie sie so dahinwanderten, erblickten sie in der Ferne eine umwallte Stadt. Tripitaka zügelte sein Pferd und rief den Schülern zu: »Schaut, was mag das wohl für eine Ortschaft sein?«

»Könnt Ihr denn nicht lesen, Meister?« fragte Pilger.

»Als Mönch habe ich von klein auf Tausende von Heiligen Schriften gelesen; wie sollte ich nicht lesen können?« entgegnete Tripitaka.

»Dann lest doch die drei großen Zeichen auf der aprikosengelben Flagge über dem Stadttor!«

»Wie soll ich aus dieser Entfernung Schriftzeichen ausmachen können, wo man noch nicht mal die Stadt richtig sieht?«

»Aber da steht es doch geschrieben: Purpurien!«372

»Purpurien«, sann Tripitaka, »das ist gewiss eines jener Königreiche im Westen. Dann müssten wir dort unseren Reisepass abstempeln lassen.«

Binnen kurzem hatten sie das Stadttor erreicht. Tripitaka stieg ab und überquerte die Torbrücke zu Fuß, worauf sie durch drei große Torbogen in die Stadt gelangten. Was für eine herrliche Kaiserstadt! Auf der breiten Marktstraße sahen Meister und Schüler lauter wohlgekleidete Bürger, die sich in klaren Lauten verständigten und den Bewohnern des chinesischen Kaiserreichs in nichts nachzustehen schienen. Alsbald hatten die Kaufleute, die zu beiden Straßenseiten ihre Ware feilboten, die vier Pilgernden entdeckt und strömten herbei, sie anzuschauen.

»Keine Dummheiten!« mahnte Tripitaka seine Schüler, »haltet den Kopf gesenkt.«

Gehorsam steckte Bajie seine Schnauze in den Kragen, und auch Sandmönch wagte sich nicht länger umzuschauen. Allein Pilger spähte unverwandt hierhin und dorthin, während er dicht neben dem Priester einherging. Derweil drängten sich die Leute unter lautem Gelächter um sie. Als sie nach einiger Zeit um eine Ecke bogen, fanden sie eine Residenz, auf deren hochstrebender Außenmauer drei Schriftzeichen zu lesen waren: »會同館 – Amt für auswärtige Gesandtschaften«.

»Meine Schüler«, sprach der Priester, »lasst uns vorerst in

diesem Amtshaus rasten. Sobald ich beim König vorgesprochen habe und der Reisepass abgestempelt ist, wollen wir schnell wieder zur Stadt hinaus.«

Da riss Bajie seine Schnauze aus dem Kragen, dass etliche der Umstehenden vor Schreck ins Stolpern kamen, dann gingen sie ins Haus hinein. Drinnen waren zwei Staatsdiener, ein Vorsteher mit einem Gehilfen, die gerade in der Haupthalle ihre Untergebenen anwiesen, irgendeinen hohen Beamten abzuholen. Als sie den eintretenden Priester gewahrten, erschraken sie nicht wenig und riefen: »Wer ist denn das? Wo will der hin?«

Tripitaka faltete die Hände und sprach: »Geringer Mönch kommt aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgert auf Geheiß des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich in euer geschätztes Reich gekommen bin, möchte ich den Reisepass vorlegen, damit ich weiterziehen kann. Um eine kurze Rast zu halten, habe ich vorerst eure hohe Residenz betreten.«

Die Beamten strichen ihre Gewänder zurecht und schritten Tripitaka zur Begrüßung entgegen. Dann gaben sie den Auftrag, eine Gästekammer herzurichten und vegetarische Speisen aufzutragen. Tripitaka dankte, und die beiden Staatsdiener verließen mit ihrer Belegschaft die Halle. Nun stand Tripitaka das Hauspersonal zu Diensten und wies dem werten Herrn eine Gästekammer zu. Weitere Diener brachten Reis, Nudeln und frisches Gemüse und sprachen: »In der Westkammer gibt es einen Herd und Feuerholz, bitte kocht selbst.«

»Könnt ihr mir vielleicht sagen, ob der König zur Zeit in der Audienzhalle weilt?« erkundigte sich Tripitaka.

»Unsere Majestät hat den Thron seit langem nicht mehr bestiegen«, kam die Antwort. »Nur heute, weil wir ein glückbringendes Datum haben, weilt er im Audienzsaal, um im Kreise der Hofbeamten ein Edikt zu verfassen. Wenn ihr euren Reisepass besiegeln wollt, dann geht am besten sofort hin; die Zeit müsste gerade noch reichen. Morgen wäre es zu spät, und niemand weiß, wie lange ihr dann warten müsstet.«

»Wukong!« rief Tripitaka, »macht hier was zu essen bereit, ich will jetzt gleich den Pass einreichen. Danach können wir essen und uns wieder auf den Weg machen.«

Rasch holte Bajie Tripitakas Priesterrobe und den Reisepass aus dem Gepäck; Tripitaka machte sich bereit und ging zum Palast. Nach kurzer Zeit kam er vor ein prächtiges

Palastportal. Unbeschreiblich, wie majestätisch hier prachtvolle Türme und Hallen in die Höhe strebten! Tripitaka schritt voran bis zum zweite Palasttor, wo er der Torwache sein Anliegen vorbrachte: Man möge bitte im Palast kundtun, dass er einen Reisepass vorlegen möchte. Tatsächlich begab sich der Wächter unverzüglich zur Audienzhalle und meldete das Anliegen. Als der König dies vernahm, sprach er freudig: »So lange habe ich wegen meiner Krankheit den Thron nicht mehr bestiegen, und gerade jetzt, da ich in die Audienzhalle

gekommen bin, um per Edikt erfahrene Mediziner einzubestellen, kommt ein hoher Geistlicher in unser Land!«

Er wies an, den Priester aus China umgehend vorzuladen. Da schritt Tripitaka vor die Jadestufen und vollführte die höfischen Verbeugungen. Der König ließ verkünden, man möge ihm einen Platz in der Halle anbieten, und beauftragte gleichzeitig das Hofamt für Festliche Angelegenheiten, vegetarische Gerichte aufzutischen. Tripitaka dankte für die königliche Gunst und überreichte sein Reisedokument. Als der König alles durchgelesen hatte, sprach er erfreut: »Verehrter Priester, wie ist es denn in Eurem chinesischen Kaiserreich? Wie viele Herrscher sind sich schon auf dem Throne gefolgt? Wie viele Generationen begabter Staatsdiener walten bereits am Hofe? Und was den Kaiser von China betrifft: Was war der Grund, dass er erkrankte und danach aus dem Tode wiederauferstand, dass er Euch auf die weite Reise sandte, um Heilige Schriften zu holen?«

Der Priester verneigte sich, faltete die Hände und sprach: »Dort, wo ich geringer Mönch herkomme,

Ordneten einst Drei Kaiser die Welt,

Fünf Könige schufen die Sittlichkeit;

Yao und Shun bestimmten die Ränge,

Yu und Tang brachten Friedenszeit.373

Doch teilten die Nachfahrn der großen Zhou374

Das Reich in Stücke und herrschten getrennt.

Bald rangen gar sieben Helden um Macht,

Sechs Länder wurden den Qin zuerkannt.375

Nicht lange danach kam die Han-Dynastie,

Man schuf das Gesetz und hielt es in Ehren.

Doch kam sie unter die Macht der Sima,376

Dass während Jin wieder Unruhen waren.

Da herrschten zwölf Länder in Nord und Süd,

Song, Qi und Liang, darunter auch Chen;

Es folgten einander die Fünf Dynastien,377

Bis mit den Sui die Einheit kam.

Ihr Herrscher jedoch war ohne Maß,

Er stürzte die Völker in Agonie;

Doch unsere Kaiser der Sippschaft Li

Walten nun über die Tang-Dynastie.

Seit unser erster Kaiser verschied,

Waltet Shimin nun über das Land.

Heute herrscht Friede weit und breit,

Tugend und Güte sind allseits bekannt.

Eines Tages jedoch, da kam

Nördlich von der Hauptstadt Chang’an

Aus dem Wasser ein Ungetüm,

Nämlich ein Drachengott heran.

Der hatte die Regenmenge verringert

Und sollte deshalb enthauptet werden;

Da kam er nachts im Traume zum Kaiser

Und flehte, er möge ihm Hilfe besorgen.

Der Kaiser sprach ihm die Hilfe zu,

Bestellte den besten Minister ein;

Den ließ er in seinen Hallen weilen

Und spielte Schach mit ihm allein.

Als aber schließlich der Mittag nahte,

Da hatte auf einmal der gute Minister

Dem Drachen im Traume den Kopf abgeschlagen!«

Als der König diese Worte vernommen hatte, fragte er: »Werter Priester, aus welchen Landen stammt denn jener hohe Minister?«

»Es ist der Kanzler unseres Kaisers; sein Sippenname lautet Wei, sein Vorname Zheng. Er ist äußerst bewandert in den Gebieten der Astronomie und Geographie und steht dem Kaiser als ein Minister zur Seite, der es versteht, den Frieden zu erhalten und das Reich zu festigen. Doch weil er im Schlaf den Drachenkönig vom Jing-Fluss enthauptet hatte, worauf dieser in der Unterwelt Anklage erhob, wurde unser Kaiser von einer tödlichen Krankheit befallen. Daher überreichte Wei Zheng dem Kaiser für die Reise ins Jenseits ein Empfehlungsschreiben an den Richter Cui Jue von der Höllenstadt Fengdu. Dank dieser Beihilfe fand unser Kaiser nach drei Tagen wieder ins Leben zurück. Da er nun eine große Zeremonie für die unerlösten Seelen veranstalten will, hat er geringen Mönch auf diesen weiten Weg gesandt, mit dem Auftrag, bei Buddha vorzusprechen und drei Körbe von Heiligen Mahayana-Schriften zu holen, auf dass die Seelen im Reiche der Finsternis Erlösung finden und zum Himmel aufsteigen werden.«

Da tat der König einen tiefen Seufzer und sprach: »Wahrhaftig, ein Imperium mit einem rechtschaffenen Herrscher und achtbaren Ministern! Wir hingegen liegen seit langer Zeit krank darnieder, ohne dass auch nur ein einziger Minister helfen könnte!«

Der Priester wagte einen verstohlenen Blick zum König und gewahrte nun dessen blasses und hageres Antlitz. Des Königs ganze Erscheinung wirkte abgespannt und hinfällig. Gerade als sich der Priester nach dem Grund dieses Befindens erkundigen wollte, trat ein Hofdiener vom Palastamt für Festliche Angelegenheiten hinzu und bat den Priester zur Tafel.

»Seine Speisen sollen im Duftumhüllten Palast neben den meinen aufgetragen werden«, ließ da der König verlauten, »ich will mit dem Priester gemeinsam speisen.«

Tripitaka bedankte sich für die königliche Gunst. Wie er anschließend mit dem König tafelte, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen wieder Pilger zu, der gerade im Gästehaus Sandmönch gebeten hatte, Tee, Reis und Gemüse anzurichten. Doch dieser entgegnete: »Tee und Reis ist keine Sache, doch für die Beilagen fehlen Öl, Salz, Sojasoße und Essig.«

»Ich habe da noch ein paar Kupfermünzen von Spendern«, meinte Pilger, »Bajie soll was einkaufen gehen.«

Der Tölpel aber versuchte sich zu drücken und wandte ein: »Ich traue mich nicht, bei meinem Aussehen könnte das Ärger bringen.«

»Es geht doch bloß um fairen Handel, das bringt doch keinen Ärger!«

»Hast du nicht mitbekommen, wie ich vorhin die Schnauze hochgereckt und die Meute zu Tode erschreckt habe! Wenn ich mich jetzt auf den vollen Marktplatz dränge, kriegen die doch Panik!«

»Du denkst nur an den vollen Marktplatz! Hast du überhaupt gesehen, was da alles feilgeboten wird?«

»Der Meister hat ja gesagt, ich soll zu Boden gucken, damit nichts passiert. Ich hab wirklich nichts gesehen.«

»Es gibt da lauter Tavernen, Reishandlungen, Müllereien, Seidengeschäfte, außerdem richtig gute Teehäuser und Nudelbuden, die große Fladenbrote und Dampfkuchen feilhalten. In den Gasthöfen gibt’s reichlich Speis und Trank, die haben gute Gewürze und frisches Gemüse, und dann gibt es auch noch allerlei fremdländisches Backwerk, gedämpft, frittiert, in Honig eingelegt, massenhaft leckere Sachen! Ich kaufe was und lade dich ein, einverstanden?«

Dem Tölpel lief natürlich längst das Wasser im Munde zusammen. Schon sprang er auf und rief: »Diesmal gerne, Bruder. Wenn ich nächstens etwas Geld verdiene, werde ich dich auch mal einladen!«

Pilger verkniff sich ein Lachen und rief: »Sandmönch, setz schon mal den Reis auf; wir gehen einkaufen!«

Der Tölpel fasste eine Schale, trat mit Pilger auf die Straße und fragte einen Passanten: »Wo gibt’s Gewürze zu kaufen?«

»Geht da lang gen Westen; weiter vorn, an der Ecke beim Trommelturm, findet ihr die Gemischtwarenhandlung der Zhengs. Dort kriegt ihr alles: Öl, Salz, Sojasoße, Essig, Ingwer, Pfeffer, Tee, so viel ihr wollt!«

Die beiden folgten der Straße gen Westen, und Pilger schritt an mehreren Teebuden und Wirtshäusern vorbei, ohne etwas zu kaufen. Doch während sie plaudernd ihres Weges gingen, zogen sie abermals Blicke auf sich, und alsbald waren sie wieder von einer Schar Neugieriger umringt. Als sie zum

Trommelturm gelangten, stießen sie auf eine große Menschenmenge, die sich lärmend durch die Straße drängte.

»Bruder, da geh ich nicht hin!« rief Bajie. »Da ist ein solches Gerangel, die wollen sicher Mönche festnehmen.«

»Unsinn!« versetzte Pilger, »Mönch sein ist doch nicht rechtswidrig, warum sollten sie uns festnehmen? Lass uns rübergehen und beim Laden der Zhengs einkaufen.«

»Nein, nein und nochmals nein!« beharrte Bajie. »Ich will keinen Ärger. Wenn ich mich jetzt in die Menge dränge und einige vor Schreck tot umfallen, werden sie an mir Rache nehmen!«

»Dann bleibst du halt hier an der Mauer stehen, bis ich wieder da bin«, entschied Pilger. »Ich kaufe dir etwas Nudeln und Fladenbrote.«

Der Tölpel reichte ihm die Schale, und Pilger schritt zum Turm und drängte sich in die Menge. Nun bemerkte er, dass sich die Leute um eine königliche Bekanntmachung scharten. Pilger ging hin und las, was darauf geschrieben stand:

»Bekanntmachung des Königs von Purpurien: Seit Unserer

Thronbesteigung herrscht Friede im Königreich wie im

Umland, und alle Sippen leben in Eintracht. Doch da zur

Zeit die Staatsangelegenheiten unter einem schlechten Stern

stehen, liegen Wir in schwerer Krankheit darnieder.

Dieselbige zieht sich schon lange dahin und erweist sich als

schwer heilbar, denn die vom Hofamt für Medizin

ausgestellten Rezepte zeitigen keinerlei Wirkung. Gegebene

Bekanntmachung dient daher der Suche vorzüglicher

Fachleute im In- und Ausland. Wer immer die Medizin und

Kräuterlehre meisterhaft beherrscht, möge sich in den

Palast begeben, um Unser Leiden zu kurieren. Bei erfolgter

Heilung wird dem Retter die Hälfte des Reiches abgetreten.

Dies ist mitnichten leeres Versprechen. Vorliegende

Bekanntmachung dient dem obengenannten Zwecke; die

Aushängung derselbigen ist vorgeschrieben.«

Freudig dachte Pilger: »So sagten es doch die alten Weisen: ›Wer sich regt, hat halb gewonnen.‹ Ein Glück, dass wir nicht im Gästehaus geblieben sind! Nun, dann brauch ich ja erst mal

nichts einzukaufen. Lassen wir die Sache mit der Schriftensuche einen Tag ruhen; ich alter Sun will mal ein bisschen Arzt spielen.«

Schon stieß er in Richtung des Trigramms Xun seinen Odem aus, worauf sich ein heftiger Windstoß erhob, der das ganze Volk auseinandertrieb. Dann machte er sich unsichtbar, löste die Bekanntmachung ab und ging dorthin zurück, wo er Bajie verlassen hatte. Er fand den Tölpel mit der Schnauze an die Mauer gelehnt, als wäre er eingeschlafen. Ohne ihn zu wecken, faltete Pilger das Papier zusammen und steckte es Bajie sachte in den Kragen. Anschließend machte er kehrt und ging ins Gästehaus zurück.

Derweil hatten die Leute beim Trommelturm bemerkt, dass

nach dem Windstoß die königliche Bekanntmachung verschwunden war, und erschraken nicht wenig. Denn das Schreiben war erst kurz nach der Morgenaudienz von zwölf Eunuchen und der Palastwache ausgehängt worden, seither waren gerade erst drei Doppelstunden vergangen. Fieberhaft wurde überall nach dem fortgewehten Papier gesucht. Auf einmal bemerkte jemand das Papier, das aus Bajies Kragen lugte. Da traten die Leute heran und riefen: »Habt Ihr die Bekanntmachung abgenommen?«

Verwundert blickte Bajie auf, bedeckte aber gleich mit beiden Händen seine Schnauze. Doch schon waren die Soldaten der Palastwache so erschrocken, dass sie zu Boden strauchelten. Bajie wandte sich ab und wollte weglaufen, doch ein paar besonders Mutige hielten ihn fest und riefen: »Was wartet Ihr denn noch; geht doch in den Palast, wenn Ihr das königliche Aufgebot für Mediziner abgenommen habt!«

»Was für ein königliches Aufgebot! Selber Mediziner!« schrie Bajie aufgebracht.

»Was habt Ihr denn da im Kragen?« insistierte ein Soldat der Palastwache.

Erst jetzt blickte der Tölpel an sich herab und sah, dass tatsächlich ein beschriftetes Papier in seinem Kragen steckte. Er zog es heraus und las, dann stieß er zähneknirschend hervor: »Dieser Affenschädel bringt mich um!«

Er fauchte und hätte um ein Haar das Papier zerrissen, wenn ihm nicht die Umstehenden in den Arm gefallen wären mit den Rufen: »Seid Ihr denn lebensmüde? Das ist ein Edikt des regierenden Königs! Wer könnte ein solches je zu zerreißen wagen? Wenn Ihr es eingesteckt habt, müsst Ihr das Zeug dazu haben, unseren Herrscher zu heilen. Kommt sofort mit uns!«

»Ihr wisst doch gar nicht, wie sich die Sache zugetragen hat«, versuchte sich Bajie zu rechtfertigen, »ich habe es gar nicht genommen, das war mein Ordensbruder, Sun Wukong, der hat es mir heimlich in den Kragen gesteckt. Wenn ihr die Sache klären wollt, können wir ihn gleich aufsuchen.«

»So ein Unsinn«, riefen die Umstehenden, »als wollte einer, statt die Glocke zu schlagen, erst noch eine Glocke schmieden gehen! Ihr habt den Erlass genommen und behauptet nun, wir sollten einen anderen aufsuchen? Keine Widerrede, Ihr kommt mit in den Palast!«

Rücksichtslos packten die Leute zu und begannen an dem Tölpel zu schieben und zu zerren. Der aber verankerte seine Füße am Boden und stand wie angewurzelt, so dass selbst ein ganzes Dutzend Männer ihn nicht von der Stelle zu rücken vermochten.

»Euch fehlt jeglicher Respekt!« schrie Bajie. »Wenn ihr weiter an mir rumzerrt, kommt meine Unart zum Ausbruch, dann braucht ihr euch aber nicht zu beklagen!«

Bald war die ganze Umgebung auf das Gemenge aufmerksam geworden, und noch mehr Leute versammelten sich ringsum. Darunter befanden sich zwei ältere Eunuchen, die Bajie nun zuriefen: »Ihr seht fremd aus, und Eure Stimme klingt ungewohnt. Wo kommt Ihr denn her, dass Ihr Euch so grobschlächtig anstellt?«

»Ich bin aus dem Osten, abgesandt, im Westen Heilige Schriften zu holen«, gab Bajie zur Antwort. »Mein Meister ist mit dem Kaiser von China verbrüdert; eben ist er in den Palast gegangen, um den Reisepass vorzuweisen. Derweil bin ich mit meinem Ordensbruder hierhergekommen, um einzukaufen, doch dann hat er mich hier warten lassen. Sicher hat er den Erlass abgenommen und ihn mir heimlich in den Kragen gesteckt!«

Da meinte einer der Eunuchen: »Eben sah ich einen

rundlichen Priester mit hellem Gesicht dem Palast entgegengehen. War das wohl Euer Meister?«

»Ja, das war er«, bestätigte Bajie.

»Und wo ist nun Euer Ordensbruder?«

»Wir sind zu viert und logieren zur Zeit im Haus für

Auswärtige Gesandtschaften«, erklärte Bajie. »Mein Ordensbruder muss dorthin zurückgekehrt sein, nachdem er mir diesen Streich gespielt hat.«

»Dann lasst von ihm ab, Palastsoldaten«, rief der Eunuch, »wir wollen mit ihm zum Gästehaus gehen, dann sehen wir, wie die Sache steht.«

»Ihr beiden Omas seid immerhin verständig«, versetzte Bajie.

»Dieser Mönch kann nicht mal die Leute unterscheiden«, meinten die Offiziere, »wie kann er bloß die Herren ›Omas‹ heißen?«

»Schämt euch doch«, grinste Bajie, »ihr bringt Yin und Yang durcheinander! Wie soll man die alten Damen denn nennen, wenn nicht Omas? Ihr hingegen nennt sie immer noch ›Herren‹!«

Die lärmende Menge zählte inzwischen wohl über fünfhundert Menschen, die nun allesamt mit ihm zum Gästehaus drängten.

»Augenblick, meine Herrschaften!« rief Bajie. »Mit meinem Ordensbruder könnt ihr nicht so umgehen. Er ist ein reizbarer Herr und nimmt die Sache ernst. Sobald ihr ihn seht, müsst ihr eine tiefe Verneigung machen und ihn mit ›ehrenwerter Herr Sun‹ ansprechen. Sonst stellt er sich quer, und dann könnt ihr die Sache gleich vergessen.«

»Falls Euer Ordensbruder tatsächlich die Fähigkeit hat, unseren König zu heilen, wird ihm ja ohnehin das halbe Königreich zufallen; in diesem Sinne ist eine Verneigung angebracht«, meinten die Eunuchen und Offiziere.

Während sich die Neugierigen vor dem Eingang drängten, führte Bajie die Eunuchen und die Offiziere hinein. Drinnen konnte man gerade hören, wie Pilger und Sandmönch in ihrer Kammer über den gelungenen Streich lachten. Bajie trat zu ihnen, packte Pilger am Arm und rief: »Was fällt dir eigentlich ein, mir weiszumachen, du wollest Nudeln und Fladenbrote kaufen? Am Ende ist alles nur Schwindel! Und da steckst du mir gar noch den königlichen Aushang in den Kragen und tust dich groß damit. Geht man so mit seinem Bruder um?!«

»Ach Tölpel«, lachte Pilger, »du bist wohl in eine falsche Richtung gelaufen. Ich habe doch bloß die Sachen besorgt und war gleich wieder da, doch dann hab ich dich nicht mehr gefunden. Dann bin ich halt zurückgekommen. Wo soll denn ein Aushang herkommen?«

»Die Beamten, die ihn bewacht haben, sind da!« gab Bajie zurück.

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, traten mehrere Eunuchen und Palastsoldaten heran, verneigten sich und sprachen: »Werter Herr Sun, welch ein Glück für unseren König, dass der Himmel Euch hohen Herrn zu uns sendet! Gewiss werdet Ihr zur Rettung des Königs all Eure Kräfte einsetzen und Eure hohen Kenntnisse der Medizin entfalten. Wer unseren König heilen kann, der bekommt das halbe Königreich.«

Da setzte Pilger eine ernste Miene auf, nahm das königliche Schreiben und fragte die Eunuchen: »Seid ihr die Amtsdiener, die das Edikt bewachten?«

Diese warfen sich nieder und riefen: »Wir sind vom Hofamt für Palastangelegenheiten; die hier sind Offiziere der Palastwache.«

Da sprach Pilger: »Es stimmt, ich habe den Aushang abgenommen. Darum habe ich meinen Ordensbruder euch hierherführen lassen. Da euer Herrscher erkrankt ist, gilt das Sprichwort: ›Gute Arznei kommt nicht leicht in den Handel; schwere Krankheiten sind nicht leicht zu heilen.‹ Geht also zu eurem König und gebt ihm Bescheid, er möge sich persönlich hierherbequemen; dann werde ich ihn umgehend kurieren.«

Die Eunuchen waren fassungslos. Schließlich äußerte sich einer der Palastsoldaten und meinte: »Wenn er so große Worte spricht, sollte es an seiner Kunst nicht fehlen. Am besten teilen wir uns auf; die einen bleiben hier, die anderen erstatten im Palast Bericht.«

Umgehend wurden vier Eunuchen und sechs Palastsoldaten losgeschickt. Diese gingen zum Palast und riefen vor der Treppe zur Audienzhalle: »Majestät, ein unerhörtes Glück!«

Der König, der nach beendeter Mahlzeit gerade ein erbauliches Gespräch mit Tripitaka führte, fragte überrascht: »Was für ein Glück?«

»Kurz nachdem Eure Diener am Morgen Euer Edikt beim Trommelturm ausgehängt hatten, kam ein heiliger Mönch namens Priester Sun aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten und hat das Schreiben abgelöst. Zur Zeit befindet er sich im Haus für Auswärtige Gesandtschaften und verlangt, dass ihn der König persönlich aufsuche, denn er habe die Macht, Eure Krankheit sogleich zu heilen. Nun sind wir eigens gekommen, dies zu melden.«

Diese Worte erfüllten den König mit großer Freude. Zu Tripitaka gewandt fragte er: »Wie viele hohe Schüler habt Ihr im Gefolge, werter Priester?«

Tripitaka faltete die Hände und sprach: »Geringer Mönch hat drei unwerte Schüler.«

»Und welcher von ihnen versteht sich auf die Heilkunst?«

»Offen gesagt, Majestät«, sprach Tripitaka, »meine unwerten Schüler stammen aus der Wildnis und besitzen keinerlei besondere Fähigkeiten. Sie sind zwar gut beim Wandern im Gebirge, und wenn es gefährlich wird, können sie auch mal Geister austreiben oder Tiger und Drachen bändigen, das ist alles. Auf die Medizin versteht sich keiner von ihnen.«

»Wozu diese große Bescheidenheit, werter Priester!« versetzte der König. »Es ist doch wahrlich eine Fügung des Himmels, dass mir heute, da ich erstmals wieder den Thron bestiegen habe, das Glück beschert ist, Euch hier im Palast empfangen zu dürfen! Euer ehrenwerter Schüler würde doch niemals das Edikt an sich nehmen und Uns persönlich zu sich bitten, wenn er sich nicht auf die Medizin verstünde? Sicherlich weiß er Unser Reich zu retten!« Dann ließ er verlauten: »Werte Minister: Wegen Krankheit und Entkräftung wagen Wir die königliche Sänfte nicht zu besteigen. Geht an meiner Statt ins Gästehaus und bittet Priester Sun ergebenst, meine Krankheit zu diagnostizieren. Redet ihn an mit ›Göttlicher Priester Sun‹ und behandelt ihn in aller Form wie einen König!«

Die Hofminister gelobten, zu tun wie geheißen, und begaben sich mit den Eunuchen und Offizieren zum Gästehaus, wo sie sich in geordneten Reihen aufstellten, um Pilger ihre Aufwartung zu machen. Ängstlich verzog sich Bajie in eine Kammer, und Sandmönch wich bescheiden zur Wand. Der Große Heilige hingegen blieb aufrecht in der Mitte

sitzen und regte sich nicht. Nachdem das

Begrüßungszeremoniell beendet war, sprachen die spalierstehenden Minister: »Dem Göttlichen Priester Sun sei Folgendes kundgetan: Wir sind Hofminister des Königs von Purpurien. Auf Gebot unserer Majestät sei Göttlicher Priester ergebenst in den Palast gegeben, des Königs Krankheit zu diagnostizieren.«

Pilger erhob sich und fragte: »Warum ist euer König nicht da?«

»Wegen Krankheit und Entkräftung wagte unsere Majestät die königliche Sänfte nicht zu besteigen. Darum hat er uns eigens beauftragt, Euch, Göttlicher Priester, in aller Form mit der Staatsfürsten gebührenden Etikette ergebenst in den Palast zu bitten.«

»Wenn dem so ist«, meinte Pilger, »dann mögen sich die Herrschaften auf den Rückweg machen; ich werde gleich folgen.«

Nach Ranghöhe geordnet begaben sich die Minister zum Palast zurück, während Pilger aufstand und sein Gewand glattstrich. Als binnen kurzem alle im Palast waren, sprachen erst die Minister beim König vor. Dieser ließ den Perlvorhang lichten, tat einen königlichen Blick in den Raum, öffnete seinen goldenen Königsmund und sprach: »Welcher ist der Göttliche Priester Sun?«

Pilger trat vor und schrie: »Hier ist der alte Sun!«

Als der König Pilgers schrille Stimme und sein verschmitztes Gesicht gewahrte, sank er zitternd in die Kissen zurück, und die entsetzten Konkubinen und Eunuchen eilten herbei, ihn zu stützen.

»Das erschreckt uns zu Tode!« hauchte der König.

Der ganze Hofstaat war entrüstet, und allseits raunte es: »Dass dieser Mönch sich dermaßen unfein benimmt! Wie konnte er nur wagen, das königliche Schreiben an sich zu nehmen?«

Pilger aber rief lachend: »Die Herren zürnen mir zu Unrecht. Wenn hier die Leute so herablassend behandelt werden, wird Euer König noch tausend Jahre krank bleiben.«

»Wie lange soll ein Mensch denn leben, wenn seine Krankheit tausend Jahre währen soll?« fragte ein Minister.

»Nun, zur Zeit ist er ein kranker König, und falls er in diesem Zustand stirbt, wird er ein krankes Gespenst, und dann ist er eben auch im nächsten Leben krank. Das heißt doch nichts anderes, als tausend Jahre krank zu bleiben?«

Empört riefen die Minister: »Mönch, Euch fehlt jeglicher Anstand! Wie könnt Ihr nur solch anmaßende Reden führen!«

»Das ist doch nicht anmaßend«, lachte Pilger. »Hört zu, was ich euch sage:

Es stimmt die Kunst der Medizin

Mit der des Dao überein;

Schauen, Horchen, Fragen, Fühlen,

All dies muss vollständig sein.378

Wenn ein Mediziner nicht

Schaut und horcht und fragt und fühlt,

Dann glaubt bloß nicht, euer Leiden

Würd’ zeitlebens noch geheilt!«

Da trat ein Beamter der Hofakademie für Medizin aus den Reihen und sprach: »Dieser Mönch hat nicht unrecht. Auch ein Heiliger käme bei der Diagnose nicht umhin, sich an die Grundprinzipien Schauen, Horchen, Fragen und Fühlen zu halten. Nur so kann die göttliche Wirkung auch zur Geltung kommen.«

Nun wurde ein Leibdiener zum König geschickt, der meldete: »Der Priester muss die medizinischen Prinzipien des Schauens, Horchens, Fragens und Fühlens anwenden, um die Krankheit zu erkennen und die rechte Medizin verschreiben zu können.«

Ohne sich aus den Kissen zu erheben, ließ der König den Leibdiener wieder abtreten, und dieser meldete: »Mönch, unsere Majestät lässt ausrichten, dass Ihr gehen sollt. Er kann den Anblick fremder Menschen nicht ertragen.«

»Wenn nicht, dann könnte ich seinen Puls mit Hilfe von Seidenfäden ertasten«, schlug Pilger vor.

Da meinten die Hofbeamten erfreut: »Den Puls über Seidenfäden ertasten? Davon haben wir schon gehört, doch gesehen haben wir diese Methode noch nie. Lasst dem König noch einmal Bericht zukommen.«

Der Leibdiener ging abermals zum König und meldete, was er eben erfahren hatte. »Drei Jahre liege ich nun schon krank darnieder«, sann der König, »dies jedoch habe ich noch nie ausprobiert.« Und so ließ er verlauten: »Lasst ihn kommen!«

Eilends ließ der Leibdiener Pilger in den Palast bitten. Dieser trat in die Audienzhalle, wo ihm Tripitaka tadelnd zuraunte: »Du dreister Affe ziehst mich ins Unglück!«

Lachend gab Pilger zurück: »Ach, mein guter Meister! Da verschaffe ich Euch Ansehen, und Ihr behauptet, ich brächte Euch Unglück!«

Da rief Tripitaka unwirsch: »Wann hast du in den Jahren, seit du bei mir bist, jemals irgendwen kuriert? Du hast doch keine Ahnung von der Wirkung der Kräuter! Du hast doch keine einzige medizinische Schrift gelesen! Wie kannst du nur ein solches Unheil heraufbeschwören?«

»Ihr müsst wissen, Meister, dass ich sehr wohl ein paar Rezepturen kenne, mit denen man schwere Krankheiten heilen kann. Ich kann Euch versichern, dass ich ihn gesund kriege. Und falls er denn sterben sollte, würde ich doch bloß der Tötung durch Quacksalberei angeklagt, darauf steht nicht die Todesstrafe; was habt Ihr also zu fürchten! Keine Sorge, setzt Euch doch einfach hin und seht zu, wie ich den Puls nehme.«

Doch der Priester ließ nicht locker und fuhr fort: »Hast du denn jemals die Einfachen Fragen studiert? Kennst du überhaupt den Klassiker der Schwierigkeiten? Hast du jemals den Klassiker der Heilkräuter oder das Geheimnis des Pulstastens gelesen? Du hast doch keine Ahnung von der Pulsfühlung mit Seidenfäden! Wie kannst es nur wagen, mit solchem Unsinn anzugeben?«

»Ich habe eben goldene Fäden am Leib«, lachte Pilger, »die habt Ihr bloß noch nicht gesehen!«

Schon zupfte er sich drei Pelzhaare aus und verwandelte sie in drei Fäden von je zwei Klafter und vier Ellen Länge, in Entsprechung mit den vierundzwanzig Jahreseinteilungen. Dann hielt er sie Tripitaka auf der flachen Hand hin und sagte: »Da sind sie, meine Goldfäden!«

Dann verließ er Tripitaka und folgte dem Leibdiener in die inneren Gemächer. So war es in der Tat:

Das Herz kennt ein Geheimrezept,

Mit dem das Reich gerettet wird;

Tief im Innern liegt der Schlüssel,

Der Langlebigkeit gewährt!

Und da wir nicht wissen, was für eine Krankheit er wohl diagnostizieren würde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.