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069 Es braut der Herr des Herzens über Nacht Arznei / Beim Festmahl spricht der König über Ungeheuer

Wie berichtet, war der Große Heilige den Leibdienern und Eunuchen in die inneren Bereiche des Palastes gefolgt, bis vor das Schlafgemach des Königs. Dort blieb er am Eingang stehen und reichte einem der Eunuchen die Enden der drei goldenen Seidenfäden, und dieser führte sie ins Schlafgemach und befestigte sie am linken Handgelenk des Königs, genau auf den drei Taststellen unter dem Daumenansatz. Anschließend wurden die Fäden durch das Ziergitter des Fensters zu Pilger gezogen, der nun die Enden auf seine rechte Hand legte und jedes einzeln mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger befühlte. Mit ruhigen Atemzügen ergründete er so die vier Arten der Körperenergie, die fünf verschiedenen Stagnationen, achtete auf die sieben äußeren Pulse ebenso wie auf die acht inneren Pulse, befühlte gleichzeitig alle neun Pulsformen an den drei Teilen des Leibes382 und ertastete auch die Tiefe in oberflächlichen Pulsen und die Oberfläche in tiefen Pulsen. Auf diese Weise klärte er die Mangel- und Füllezustände der leiblichen Verfassung des Monarchen. Schließlich hieß er die Fäden vom linken Handgelenk auf das rechte Handgelenk übertragen. Nachdem Pilger mit den Fingern seiner rechten Hand auch hier alles aufs gründlichste ertastet hatte, sprang er auf, verwandelte die Fäden wieder in Pelzhaare und rief: »An der linken Hand Eurer Majestät ist der Puls an der ersten Taststelle stark und straff, an der zweiten rau und träge, an der dritten hohl und tief. Rechts ist der Puls an der ersten Stelle oberflächlich und glatt, an der zweiten langsam und stockend, an der dritten schnell und haftend. Dass der erste Puls links stark und straff ist, deutet auf eine geschwächte Mitte mit Herzschmerz; der raue und träge Puls

an der zweiten Stelle deutet auf Schwitzen und Taubheitsgefühle; der hohle, tiefe Puls an der dritten Stelle verweist auf Blut in Urin und Stuhlgang. Rechts deutet der oberflächlich-glatte Puls auf innere Stagnation im Fluss der Meridiane, der langsame und stockende Puls zeigt eine Retention von Trank und Speise an, der schnelle, haftende Puls an der dritten Taststelle weist auf innere Depression mit gestauter Hitze und Mangel-Kälte hin. Daraus ergibt sich folgende Diagnose für die ehrenwerte Krankheit: Es handelt sich um ein Leiden an schreckhafter Angst und quälenden Sorgen; es wird dieses Leiden auch bezeichnet als ›Getrenntes Vogelpaar‹.«

Mit ruhigen Atemzügen ergründete er die vier Arten der Körperenergie, die fünf verschiedenen Stagnationen, achtete auf die sieben äußeren Pulse ebenso wie auf die acht inneren Pulse.

Als der König in seiner Schlafkammer dies vernahm, erfüllte ihn eine tiefe Erleichterung. Er nahm all seine Kräfte zusammen und rief laut: »Ihr habt es erfühlt, genau das ist es! Bitte besorgt die Heilkräuter.«

Gemessenen Schrittes verließ der Große Heilige den Wohnbereich des Palastes. Längst hatten die umstehenden Eunuchen die Neuigkeit allseits verkündet. Als er wenig später vom Wohnbereich zurückkam, fragte ihn Tripitaka sogleich, wie es gewesen sei, und Pilger erklärte: »Ich habe die Pulsdiagnose gemacht, jetzt muss nur noch die passende Kräutermedizin hergestellt werden.«

Da traten die Hofbeamten vor und sprachen: »Werter heiliger Priester! Eben habt Ihr den Begriff ›Getrenntes Vogelpaar‹ benutzt; was hat es damit auf sich?«

»Nun«, lachte Pilger, »es gibt da zwei Vögel, ein Männchen und ein Weibchen; die flogen einst zusammen, doch in Sturm und Regen sind sie auseinandergeraten. Nun können sie sich nicht mehr finden und sehnen sich nacheinander. Das ist doch ein ›Getrenntes Vogelpaar‹, oder?«

Als die Hofbeamten das hörten, riefen alle anerkennend: »Fürwahr, ein heiliger Mönch! Fürwahr, ein göttlicher Arzt!« Und ihr Lob wollte kein Ende nehmen.

Auch der Hofarzt stand dabei und fragte nun: »Das Krankheitsbild ist nun erkannt, doch darf ich fragen, mit welchen Kräutern Ihr es zu heilen gedenkt?«

»Ach, wir brauchen uns nicht auf Rezepte zu fixieren«, meinte Pilger, »wir nehmen einfach alle Heilkräuter, die wir finden können.«

»In den alten Klassikern heißt es: ›Heilkräuter gibt es in achthundertachtzig verschiedenen Sorten; der Mensch hat vierhundertvierzig verschiedene Krankheiten‹«, gab der Hofarzt zu bedenken. »Wie lässt sich begründen, dass man alle Heilkräuter benutzen könnte, wo doch nicht alle Krankheiten in einem Körper vorhanden sind?«

Pilger entgegnete: »So sagten es doch die alten Weisen: ›Heilkräuter sollen nicht streng nach Rezepten verwendet, sondern gemäß den Erfordernissen verschrieben werden.‹ Darum müssen jetzt sämtliche Kräuter gebracht werden, und wir bestimmen dann, von welchem ungefähr wie viel verwendet werden muss.«

Der Hofarzt versagte sich weitere Einwände und trat ab, um die Ingredienzen zusammen mit Gefäßen und Instrumenten zur Arzneiherstellung ins Gästehaus schaffen zu lassen. Pilger bat seinen Meister, zurückzukehren, doch gerade als dieser sich erhob, erschien ein Hofbeamter aus den inneren Gemächern mit der Anweisung, der Meister des werten Herrn möge vorläufig im Palast verweilen und die Nacht in der Halle der Kulturblüte383 zubringen. Sobald der König am folgenden Tage die Medizin eingenommen habe und sein Leiden geheilt sei, werde man ein Dankesmahl veranstalten, den Reisepass abstempeln und den Pilgernden ein Abschiedsgeleit geben.

Erschrocken flüsterte Tripitaka Pilger zu: »Oh, mein Schüler, das bedeutet nichts Gutes. Sie wollen mich als Geisel im Palast behalten! Wenn die Medizin wirkt, werden sie mich ziehen lassen, andernfalls ist es um mein Leben geschehen! Du musst mit äußerster Vorsicht handeln!«

»Macht Euch keine Sorgen, Meister!« lachte Pilger, »ich alter Sun habe von Natur aus das Zeug dazu, ein ganzes Königreich zu kurieren.«

Er verabschiedete sich von Tripitaka und kehrte ins Gästehaus zurück. Bajie empfing ihn mit einem Grinsen und meinte: »Bruder, ich hab dich doch längst durchschaut. Weil aus der Sache mit dem Schriftenholen nichts wird, willst du es mit Handel versuchen, bloß fehlt dir noch das nötige Kapital. Jetzt hast du hier einen Ort gefunden, wo es reichlich Waren gibt, und da hast du nun einen Plan ausgeheckt, wie du eine Apotheke eröffnen kannst.«

»Sobald der König geheilt ist, verabschieden wir uns und ziehen weiter«, versetzte Pilger, »was soll da eine Apotheke!«

»Aber«, warf Bajie ein, »jetzt haben wir hier achthundertachtzig verschiedene Kräuter und nur einen einzigen Patienten; so viel können wir doch gar nicht brauchen!«

»Wer sagt, dass wir nicht so viel brauchen?« gab Pilger zurück. »Diese Hofärzte sind doch einfältige Trottel; ich habe sie doch bloß so viele Sorten bringen lassen, damit sie keinen Beleg für unser Rezept haben. So wissen sie nicht, welche Heilkräuter ich verwende, und können mein Geheimrezept nicht durchschauen.«

Während ihrer Unterhaltung tauchten zwei Diener der Gaststätte auf, knieten vor ihnen nieder und sprachen: »Die Herren Göttlichen Priester werden zur Tafel gebeten.«

Freudig schritt Pilger in die Speisehalle und nahm seinen Platz ein, und als die Speisen aufgetragen wurden, bedienten sich die Ordensbrüder nach Lust und Laune. Als es dunkelte, bat Pilger die Diener, möglichst viele Kerzen zu bringen. Es ging schon gegen Mitternacht, die Straßen waren leer, und ringsum lag alles in nächtlicher Stille, als Bajie schließlich meinte: »Bruder, was willst du eigentlich für eine Arznei herstellen? Machen wir uns doch an die Arbeit, ich werde langsam müde.«

»Nimm mal fünfzig Gramm Rhabarberwurzel und zermahle sie ganz fein«, ordnete Pilger an.

Sandmönch aber wandte ein: »Rhabarberwurzel ist bitter von Geschmack und im Wesen kalt, aber ungiftig; sie wirkt senkend und steigt nicht an die Oberfläche. Durch die abführende Wirkung kann sie Depressionen und gestaute Energien beseitigen, so werden Unruhen gelöst, und damit kommt Friede ins Reich. Darum wird sie auch als ›General‹ bezeichnet. Es ist ein gebräuchliches Heilkraut, doch steht zu befürchten, dass es dem König, der von langer Krankheit geschwächt ist, unzuträglich sein könnte.«384

Pilger aber meinte lächelnd: »Werter Bruder, dann hast du nicht daran gedacht, dass diese Ingredienz auch Schleim löst und die Energie in Fluss bringt, außerdem bewegt sie auch im Bauch gestaute Kälte oder Hitze. Kümmere dich nicht darum, nimm mal fünfzig Gramm Krotonbohnen, entferne Schale und Häutchen, dann musst du sie mörsern, damit das giftige Öl ausfließt, und sie am Ende zu Pulver zermahlen.«

»Krotonbohnen sind scharf im Geschmack und wirken erhitzend, außerdem enthalten sie Gift«, gab Bajie zu bedenken. »Sie lösen verhärtete Stauungen, bewegen tiefsitzende Kälte in der Lunge und machen den Nahrungsweg

durchlässig. Diese Ingredienz entspricht einem draufgängerischen General und darf nicht unbesonnen verwendet werden.«

»Werter Bruder«, gab Pilger zurück, »dir fehlt es eben auch an tieferer Erkenntnis: Diese Bohnen sind auch gut gegen Tumore und machen den Darm durchlässig, außerdem helfen sie bei Ödemen aufgrund von Herzschwellungen. Leg schon mal los, ich brauche dann noch Zutaten, die als Assistenten wirken.«385

Da machten sich die beiden daran, die Heilkräuter zu zermahlen. Als sie fertig waren, fragten sie: »Was brauchst du noch, Bruder?«

»Nichts«, gab Pilger zurück.

»Von achthundertachtzig verschiedenen Heilkräutern hast du ja nicht mehr als zweimal fünfzig Gramm genommen«, empörte sich Bajie, »du willst dich wohl über uns lustig machen!«

Pilger aber nahm eine schmucke Porzellanschale und sprach: »Halte dich nicht länger damit auf, werter Bruder. Nimm diese Schale und mach sie mal halb voll mit Wokasche.«

»Wozu denn das?«

»Wokasche wird auch ›Raureif der hundert Kräuter‹ genannt«, erklärte Pilger, »damit lassen sich gut hundert Krankheiten regulieren, weißt du das denn nicht?«

Also begann der Tölpel die unten am Wok haftende Asche abzuschaben, bis eine halbe Schale voll war, und zerrieb sie dann zu Pulver. Nun reichte ihm Pilger eine weitere Schale und sagte: »Und nun bring mir eine halbe Schale Urin von unserem Pferd.«

»Was willst du denn damit?«

»Pillen kneten!«

Sandmönch lachte: »Aber Bruder, wer hat je gesehen, dass man Pillen mit Pferdeurin macht? Das stinkt doch grässlich; wenn ein Patient mit geschwächter Milz das riecht, wird er sich übergeben müssen. Zusammen mit Krotonbohnen und Rhabarberwurzel kriegt er auch noch Durchfall. Soll das ein Scherz sein?«

»Du verstehst eben nicht, worum es wirklich geht«, versetzte Pilger. »Unser Pferd ist doch gar kein gewöhnliches Pferd; es ist ein Drache vom Westmeer. Wenn du es hinkriegst, dass es Wasser lässt, kannst du damit jede beliebige Krankheit heilen!«

Als Bajie das hörte, eilte er schnurstracks zum Pferd, doch das lag am Boden und schlief. Der Tölpel weckte es mit ein paar Fußtritten, und als es aufstand, hielt er die Schale hin und wartete. Das Tier machte aber durchaus keine Anstalten, sich zu erleichtern. Nach einiger Zeit rannte er zu Pilger zurück und rief: »Bruder! Bevor du den Kaiser heilst, kurier mir bitte mal dieses Pferd! Das blöde Viech ist wie ausgetrocknet, es kriegt nichts raus.«

Der Tölpel weckte das Pferd mit ein paar Fußtritten, und als es aufstand, hielt er die Schale hin und wartete.

»Dann geh ich mal mit«, lachte Pilger, folgte Bajie zum Pferd und gewann eine halbe Schale Urin.

Zurück in der Halle, mengten sie die vorbereiteten Kräuterpulver zu einer Masse und kneteten daraus drei große Pillen, die in eine Dose gelegt wurden. Anschließend legten sich die Brüder unausgekleidet schlafen.

Tags darauf bestieg der König trotz seiner Krankheit den Thron, lud Tripitaka zur Audienz und schickte seine Hofbeamten zum Gästehaus, um bei dem Göttlichen Priester Sun die Arznei zu holen. Also gingen die Hofbeamten hin und baten ergebenst um die Medizin. Pilger hieß Bajie die Dose überreichen.

»Wie heißt denn diese Arznei?« wollten die Hofleute wissen.

»Schwarzgold-Elixier«, gab Pilger zur Antwort.

»Wie muss sie eingenommen werden, damit die Wirkung sich entfaltet?«

»Mit unverwurzeltem Wasser.«

Da lachten sie erleichtert und meinten: »Das ist ein Leichtes!«

»Warum ein Leichtes?« fragte Pilger.

»Bei uns herrscht im Volk der Glaube, dass man ›unverwurzeltes Wasser‹ erhält, wenn man es mit einer Schale aus einem Brunnen oder einem Fluss schöpft und dann rasch, ohne etwas zu verschütten und ohne sich umzublicken, nach Hause trägt.«

Doch Pilger entgegnete: »Wasser in Brunnen und Flüssen ist bereits verwurzelt. Mein ›unverwurzeltes Wasser‹ ist nicht so gemeint. Es muss Wasser vom Himmel sein, das getrunken wird, bevor es mit dem Boden in Berührung gekommen ist. Nur so ist es wirklich unverwurzelt.«

»Das ist auch nicht weiter schwierig«, meinten die Hofleute, »dann warten wir eben ab, bis sich der Himmel bedeckt und Regen fällt.«

Also verabschiedeten sie sich von Pilger und begaben sich mit der Arznei zum König. Dieser hieß seinen Leibdiener, die Dose entgegenzunehmen, dann besah er sich die Arznei und fragte: »Was sind das für Pillen?«

»Der Göttliche Priester nennt es Schwarzgold-Elixier«, antworteten die Beamten, »er sagt, sie müssten mit unverwurzeltem Wasser eingenommen werden.«

Der König wollte gerade seine Palastdiener rufen, um solches Wasser zu beschaffen, doch die Hofbeamten erklärten: »Der Göttliche Priester sagt, ›unverwurzeltes Wasser‹ dürfe nicht aus Brunnen oder Flüssen geschöpft werden; es müsse vom Himmel kommen und dürfe den Boden nicht berühren.«

Da befahl der König den zuständigen Beamten, daoistische Hofmeister zu einer Regenzeremonie einzubestellen. Wie die Hofbeamten nun botmäßig den gewünschten Erlass erstellten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen Pilger zu, der in der Haupthalle des Gästehauses zu Bajie und Sandmönch sagte: »Eben habe ich ihm gesagt, er müsse die Medizin mit Wasser einnehmen, das vom Himmel fällt. Doch wie sollen wir auf die Schnelle Regen kriegen? Mir scheint dieser König im Grunde ein rechtschaffener Herr zu sein, da könnten wir ihm doch zu etwas Regen verhelfen, was meint ihr?«

»Wie willst du dies anstellen?« fragte Bajie.

Pilger bat die beiden, ihm links und rechts zu assistieren,

und begann Gebete murmelnd das Siebengestirn abzuschreiten. Schon bald konnte man beobachten, wie sich von Osten her eine dunkle Wolke heranschob, bis sie über ihren Köpfen schwebte. Daraus tönte eine Stimme, die sprach: »Großer Heiliger! Drachenkönig Ao Guang vom Ostmeer steht Euch zu Diensten!«

»Ohne einen ernsten Anlass hätte ich mich nicht erdreistet, Euch zu bemühen«, erklärte Pilger. »Ich möchte Euch nur bitten, mir etwas unverwurzeltes Wasser zu spenden, damit der König seine Medizin einnehmen kann.«

»Als Ihr mich gerufen habt, Großer Heiliger, habt Ihr nicht

erwähnt, dass Ihr Wasser braucht«, erwiderte der Drachenkönig, »daher habe ich geringer Drache gar keine Regengeräte dabei; wie soll ich so Regen machen?«

»Im Moment brauchen wir nicht viel, es reicht ein kleiner Regenguss, nur damit die Arznei zur Wirkung kommt.«

»Nun denn«, meinte der Drachenkönig, »lasst mich ein paar Mal niesen und spucken, dann hat er etwas für seine Medizin.«

Freudig rief Pilger: »Genau so ist’s am besten, wunderbar! Dann wollen wir nicht säumen, fangt gleich an!«

Da ließ der Drache seine dunkle Wolke niedersteigen, bis sie über dem Palast schwebte, und spuckte aus. Sein Mundwasser verwandelte sich sofort in erquickenden Regen. Der ganze Hofstaat brach in Freudenrufe aus, überall tönte es: »Unserem Herrscher ist ein unerhörtes Glück beschieden! Der Himmel segnet uns mit köstlichem Regen!«

Sogleich befahl der König, den Regen in Gefäßen zu sammeln.

Seht nur, wie all die zivilen und militärischen Amtsträger des Palastes, all die Konkubinen und Palastdamen aus den Frauengemächern sich nun mit Schalen und Bechern, Schüsseln und Platten hinstellen und warten, dass sich die Gefäße mit dem wunderbaren Regenwasser füllen!

Etwa nach einer Doppelstunde verabschiedete sich der Drachenkönig vom Großen Heiligen und kehrte in sein Meer zurück. Die Hofleute aber gossen das Wasser ihrer Gefäße zusammen und erhielten gut drei Schalen, die man auf die königliche Tafel stellte.

Da ließ sich der König das Schwarzgold-Elixier und das kostbare Nass in den Wohnpalast bringen und nahm die drei Pillen mit drei Schlucken Regenwasser ein. Es dauerte nicht lange, da begann es in seinen Eingeweiden zu rumoren und wollte nicht wieder aufhören; schließlich musste er sich den Nachttopf bringen lassen, und erleichterte sich drei bis fünf Mal hintereinander. Anschließend nahm er etwas Reissuppe zu sich und sank in die Kissen seines Himmelbettes. Zwei Konkubinen hoben gemeinsam den Nachttopf hoch und besahen diese unglaubliche Ansammlung von Dreck und Schleim; sogar ein ganzes Stück Klebreis war darin. Da traten die Konkubinen ans königliche Lager und meldeten: »Die Wurzel des Übels ist ausgeflossen!«

Das freute den König sehr, und er nahm abermals etwas Reis zu sich. Es dauerte nicht lange, da begann sich seine Brust zu weiten, und seine Energie und sein Blut kamen in harmonische Bewegung. Der König fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten, auch seine Beine konnten ihn wieder tragen. Da erhob er sich von der Bettstatt, zog sein Palastgewand an und bestieg den Thron. Als Tripitaka vortrat, fiel ihm der König zu Füßen und vollzog einen Stirnaufschlag, den der Priester eilends erwiderte. Nach diesen Ehrenbezeugungen reichte der König dem Priester persönlich die Hand zum Aufstehen und rief seinen Hofbeamten zu: »Man beschrifte auf der Stelle ein Papier mit den Worten: ›Wir werfen Uns im Kotau vor Euch nieder‹! Dann sende man Hofbeamte zu den drei erhabenen Schülern des Priesters, öffne die Tore der Gasthalle im Ostflügel und beauftrage das Hofamt für Festlichkeiten, ein Dankesmahl herzurichten.«

Die Hofbeamten taten wie geheißen, und binnen kurzem war alles vorbereitet, und der König ließ die drei Schüler in den Palast bitten. Die Hofbeamten geleiteten sie in die östliche Halle, wo Tripitaka und der König bereits warteten. Pilger und die anderen begrüßten ihren Meister mit vor der Brust gewölbten Händen; hinter ihnen folgten die höfischen Amtsträger. In der Halle standen etliche Tafeln mit fleischlosen und fleischhaltigen Speisen in ordentlichen Reihen bereit.

Der König nahm einen Weinkelch und wollte ihn dem Priester darbringen, doch Tripitaka wehrte ab mit den Worten: »Abstinenz vom Alkohol ist für uns Mönche oberstes Gebot. Ich habe mein Leben lang nie Alkohol getrunken; möge einer meiner unwerten Schüler an meiner Statt trinken.«

Da bot der König den goldenen Kelch Pilger an. Dieser trank ihn gleich aus, worauf ihm der König einen zweiten Kelch kredenzte, den er abermals leerte. Da lachte der König und sprach: »Noch einen auf die drei Schätze!«

Pilger lehnte nicht ab und trank ein drittes Mal. Da ließ der König aufs Neue nachgießen: »Auf die vier Jahreszeiten!«

Doch nun konnte Bajie, der neben ihm wartete, dass auch er endlich an die Reihe kommen würde, sich nicht länger halten und rief: »Majestät, Eure Arznei habt Ihr auch mir zu verdanken, darin ist nämlich Pferde…«

Als Pilger das hörte, streckte er ihm geschwind den Weinkelch entgegen, den er gerade in der Hand hielt, damit der Tölpel bloß nichts ausplauderte. Bajie verstummte und leerte den Kelch in einem Zug.

»Jener Göttliche Priester sagte eben, die Arznei enthalte Pferde; um was für Pferde handelt es sich?« interessierte sich nun der König.

Eilig erklärte Pilger: »Ach, mein Ordensbruder ist immer so redselig, kaum kennt er irgendein bewährtes Rezept, will er es gleich ausplaudern. Die Medizin, die Ihr heute früh eingenommen habt, enthielt Pferdewurz.«387

Da wandte sich der König an die Hofbeamten und fragte: »Für welche Krankheitsbilder wird Pferdewurz verwendet?«

»Werter Herrscher«, ergriff der Hofarzt das Wort,

»Pferdewurz ist bitter im Geschmack,

In der Wirkung kalt und ohne Gifte,

Sehr gut kann er gegen Asthma sein,

Löst auch wirkungsvoll den Schleim.

Zudem bringt er Energie in Fluss,

Treibt auch Blutvergiftung aus,

Stärkt bei Mangel, stillt den Husten,

Weitet die bedrückte Brust.«

»In der Tat, das passt sehr gut«, meinte der König lächelnd. »Trinkt noch einen Becher, Priester Eber!«

So kam auch Bajie schließlich zu einem dritten Becher. Zuletzt bot der König Sandmönch drei Becher an, dann setzte man sich zur Unterhaltung. Nachdem lange getafelt worden war, goss der König abermals aus einem großen, schmucken Weinkrug einen Kelch voll und hielt ihn Pilger hin.

»Setzt Euch, Majestät«, sprach Pilger, »ich alter Sun werde mit Freuden so viel trinken, wie es sich schickt, und Eure Gabe keinesfalls ablehnen.«

»Ich habe Euch ein Verdienst zu danken, das nicht geringer wiegt als wohl ein ganzer Berg«, sprach der König. »Ich bin Euch unsäglich dankbar. Diesen Krug wollen wir nun gemeinsam leeren, denn ich habe Euch noch etwas mitzuteilen.«

»Worum handelt es sich denn?« fragte Pilger, »sprecht frei von der Leber weg, damit ich alter Sun drauf trinken kann.«

»Viele Jahre lang war ich von Kummer und Sorgen geplagt«, sprach der König, »und Ihr, Göttlicher Mönch, habt diesem Leiden mit einer einzigen Dosis Eurer Arznei ein Ende gesetzt. Darum geht es mir jetzt wieder gut.«

»Gestern, als ich Eure Majestät erblickte, wusste ich bereits, dass es sich um ein Leiden mit Kummer und Sorgen handelte. Doch darf ich fragen, was es war, das Euch solchen Kummer bereitete?«

»Nun, zwar sagen die alten Weisen, man sollte Mängel der eigenen Sippe nicht nach draußen tragen«, hub der König an, »doch da Ihr, Göttlicher Priester, mein Retter seid, will ich Euch dennoch davon berichten.«

»Bitte, sprecht nur ohne Bedenken«, forderte ihn Pilger auf.

Der König sprach: »Darf ich fragen, wie viele Königreiche Ihr auf Eurer Reise aus dem Osten bis hierher durchwandert habt?«

»Fünf oder sechs.«

»Und wie nennt man in jenen Ländern die Gemahlinnen der Könige?«

»Sie werden ihrem Rang gemäß nach der jeweiligen Palasthalle benannt, die sie bewohnen: Die Königin mit ›Halle der Mitte‹, die Nebenfrauen mit ›Osthalle‹ und ›Westhalle‹.«

»Bei uns heißen sie anders«, sprach der König. »Wir nennen die Halle der Mitte ›Palast der Goldenen Heiligkeit‹, die Osthalle heißt ›Palast der Jadenen Heiligkeit‹ und die Westhalle ›Palast der Silbernen Heiligkeit‹. Zur Zeit sind nur die Königinnen vom Palast der Silbernen und der Jadenen Heiligkeit hier am Hofe.«

»Und warum ist der Palast der Goldenen Heiligkeit unbewohnt?« wollte Pilger wissen.

Da rollten dem König Tränen über die Wangen, und er sprach: »Schon drei Jahre weilt die Königin nicht mehr hier!«

»Wo ist sie denn hingegangen?«

»Es war vor drei Jahren, am Tag des Drachenbootfestes, als ich zusammen mit der Königin und den Konkubinen im Granatblütenpavillon im Palastgarten weilte, wo wir die Klebreisklöße aus den Bambusblättern wickelten, sie zum Wein verzehrten und dabei dem Wettstreit der Drachenboote zusahen. Plötzlich aber brauste ein Windstoß heran, und in der Höhe kam ein Dämon zum Vorschein. Der nannte sich Sai Taisui, ›Mächtiger Unglücksstern‹, und gab an, auf dem Berg Kirin in der Chimärengrotte389 zu wohnen. Da ihm dort eine Gattin fehle und er erfahren habe, dass meine Gemahlin vom Palast der Goldenen Heiligkeit so wunderschön sei, verlangte er, sie ihm sofort auszuliefern, andernfalls würde er mich und alle Hofbeamten verschlingen, ja gar sämtliche Bewohner der Kaiserstadt! Da habe ich aus Sorge um unser Königreich und unser Volk meine Gemahlin aus dem Granatblütenpavillon gestoßen, der Dämon schoss mit einem Pfiff auf sie zu und riss sie fort. Im Schrecken ist mir der Klebreiskloß im Magen steckengeblieben, und zusammen mit dem Kummer, der mich in der Folge Tag und Nacht plagte, kam es schließlich so weit, dass ich drei Jahre lang krank darniederlag. Doch heute, nachdem mir vergönnt war, Eure Wundermedizin einzunehmen, konnte ich mich mehrmals

erleichtern, und so ist das, was vor drei Jahren steckengeblieben ist, endlich herausgekommen. Darum bin ich jetzt wieder wohlauf. Ihr habt mir ein neues Leben geschenkt, Göttlicher Mönch!«

Als Pilger das hörte, freute er sich von Herzen. Er leerte den großen Weinkrug in wenigen Schlucken und sprach dann lachend zum König: »Das war es also, was Eurer Majestät solchen Kummer bereitete! Nun seid Ihr ja zum Glück genesen. Nur weiß ich nun nicht, ob Ihr wohl möchtet, dass Eure Gemahlin vom Palast der Goldenen Heiligkeit wieder in Euer Land zurückkehrt, oder nicht?«

Unter Tränen sprach der König: »Tag und Nacht sehne ich mich inniglich nach ihr! Nur gibt es hier niemanden, der einen Dämon zu unterwerfen vermöchte. Wie könnte ich nicht wünschen, sie wieder im Land zu haben?«

»Was meint Ihr dazu, wenn ich alter Sun den Dämon unterwerfen würde?«

Da kniete der König vor ihm nieder und rief: »Falls Ihr mir wirklich helfen könnt, bin ich sogar bereit, mit den Damen aller drei Paläste die Kaiserstadt zu verlassen und als einfacher Bürger im Volke zu leben! Ich würde Euch mein ganzes Reich abtreten, o göttlicher Mönch; Ihr sollt König werden!«

Bajie, der zugesehen hatte, wie der König seine Worte mit solch gewichtigem Ritus untermauerte, prustete: »Dieser König verliert ja ganz die Haltung! Es kann doch nicht sein, dass ein Monarch das Reich für sein Weib hingibt und vor einem Mönch niederkniet?«

Pilger beeilte sich, dem König beim Aufstehen behilflich zu sein, und sprach: »Sagt, Majestät, ist denn der Dämon wieder aufgetaucht, seitdem er Eure Gemahlin aus dem Palast der Goldenen Heiligkeit geraubt hat?«

»Nachdem er vorletztes Jahr im fünften Mondmonat die Königin geraubt hatte, kam er im zehnten Mondmonat wieder und verlangte nach zwei Palastdamen, als Zofen für die Herrin. Da habe ich ihm zwei mitgegeben. Doch letztes Jahr im dritten Monat ist er wieder gekommen und hat abermals zwei Palastdamen verlangt, und so auch im siebten Monat. Und in diesem Jahr wollte er im zweiten Monat abermals zwei Damen haben. Wir wissen nie, wann er wieder auftaucht!«

»Habt Ihr denn Angst, wenn er so oft kommt?« fragte Pilger.

»Das machte mir nicht nur Angst, es lässt mich um mein Leben zittern! Letztes Jahr habe ich deswegen eigens den Bau einer Schutzburg veranlasst. Sobald wir den Sturm brausen hören, wenn der Dämon kommt, bringe ich mich dort mit den beiden Nebenfrauen und den Konkubinen in Sicherheit.«

»Könntet Ihr mir diese Schutzburg vielleicht zeigen?« fragte Pilger.

Der König führte Pilger hinaus, und auch die Hofbeamten erhoben sich.

»Aber Bruder!« protestierte Bajie, »wie taktlos von dir, die Festtafel einfach so zu verlassen, statt den königlichen Wein auszutrinken. Bloß um schnell mal was anzusehen!«

Wohl wissend, dass es Bajie um die Gaumenfreuden leidtat, wies der König seine Diener an, zwei Tische mit vegetarischen Gerichten und Wein zum Kastell zu tragen. Da hörte der Tölpel auf zu murren und folgte mit seinem Meister und Sandmönch. Zuvorderst schritten in geordneten Reihen alle zivilen und militärischen Hofbeamten, dahinter Arm in Arm der König mit Pilger. So durchquerten sie den königlichen Wohnbezirk und gelangten in den Palastgarten, wo allerdings nichts zu sehen war, das an eine Burg erinnert hätte.

»Wo ist denn Eure Schutzburg?« wunderte sich Pilger.

Doch bevor er zu Ende gesprochen hatte, bemerkte er, wie zwei Eunuchen mit rotlackierten Tragstangen auf den Schultern am Boden eine Steinplatte aufstemmten.

»Hier ist es«, sprach der König. »Wir haben hier eine drei Klafter tiefe und neun Kammern breite Palasthalle graben lassen. Da unten gibt es vier große Steinguttöpfe mit Pflanzenöl für die Lampions, damit wir Tag und Nacht Licht haben. Sobald wir den Sturmwind kommen hören, verstecken wir uns dort unten und lassen draußen die Steinplatte darüberschieben.«

»Das zeigt doch bloß, dass Euch der Dämon nicht übelgesinnt ist«, lachte Pilger. »Was würde das nützen, wenn er Euch wirklich was antun wollte?«

Doch mitten in seinen Worten hörte man auf einmal ein Brausen; ein Sturm zog von Süden her auf, der Staub und ganze Kiesel mit sich riss.

»Dieser Mönch hat uns den Teufel an die Wand gemalt!« riefen die Hofbeamten erschrocken, »kaum spricht er vom Dämon, kommt er daher!«

Erschrocken ließ der König Pilger stehen und schlüpfte in die unterirdische Halle. Tripitaka folgte ihm, und von den Hofbeamten war auf einmal keiner mehr zu sehen. Auch Bajie und Sandmönch drängten ins Versteck, doch Pilger packte sie und rief: »Ihr braucht doch nichts zu fürchten, Brüder! Lasst uns schauen, was das für ein Ungeheuer sein soll.«

Der Tölpel versuchte sich aus Pilgers Griff zu befreien, doch dieser hielt so lange fest, bis man in der Höhe ein Ungeheuer ausmachen konnte.

»Könnt ihr ihn erkennen?« fragte Pilger.

»Nein«, gaben Bajie und Sandmönch gleichzeitig zurück.

»Er sieht aus wie jener Geist mit schwarzem Gesicht und goldenen Augen, der beim Gott des Taishan den Eingang bewacht«, meinte Pilger.

»Nein«, widersprach Bajie, »Geister sind Wesen der Yin- Sphäre; sie erscheinen, wenn es dunkel wird, im Übergang der Doppelstunden Shen und You. Jetzt ist doch erst die Doppelstunde Si, noch nicht mal Mittag; wie könnte so ein Geist sich trauen, da zu erscheinen! Und wenn, so würde ein Geist niemals einen Sturmwind wie diesen zustande bringen, höchstens einen kleinen Wirbelwind! Ich glaube eher, dass es wirklich der Mächtige Unglücksstern ist.«

»Na dann«, lachte Pilger, »bleibt mal hier; ich alter Sun geh ihn mal fragen.«

Schon schoss er auf einem heilvollen Lichtstrahl in die Höhe. So war es in der Tat:

Soll ein Staat zum Frieden finden,

Werde des Königs Leiden geheilt;

Wer sich dem Dao widmen will,

Sich von Lieb’ und Hass befreit!392

Und da wir nicht wissen, wie es droben weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.