Lasst uns berichten, wie Pilger nun seine göttlichen Kräfte ballte, mit der Eisenstange in die Höhe schoss und schrie: »Wo kommst du her, du übler Dämon? Wo willst du dein Unwesen treiben?«
Das Ungeheuer schrie zurück: »Ich bin kein anderer als der Vorkämpfer unseres Königs, dem Mächtigen Unglücksstern, aus der Chimärengrotte auf dem Kirin-Berg! Auf Geheiß des Großen Königs bin ich gekommen, zwei Palastdamen zu holen für die Dame der Goldenen Heiligkeit. Wer bist du eigentlich, dass du es wagst, mich zu befragen?«
»Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong«, antwortete Pilger. »Und ich begleite den Priester aus China auf seiner Reise in den Westen zu Buddha. Darum bin ich in dieses Land gelangt und habe erfahren, dass der Herrscher von einer Horde Dämonen drangsaliert wird. Eben habe ich mich gefragt, wo ich euch wohl aufstöbern könnte; da kommst du schon her und suchst den Tod!«
Da schwang der Dämon, ohne sich weiter zu besinnen, den Speer und richtete ihn gegen Pilger, der ihm seinerseits mit der Eisenstange entgegenkam. Die beiden hatten in den Lüften noch keine zwei Kampfrunden ausgefochten, als der Speer unter Pilgers Stange in zwei Teile zerbrach, der Unhold entsetzt kehrtmachte und gen Westen um sein Leben floh. Pilger ließ von einer Verfolgung ab, senkte seine Wolke und landete vor der Schutzburg.
»Meister!« rief er, »Ihr könnt mit Seiner Majestät herauskommen, das Monster ist geflohen!«
Tripitaka reichte dem König die Hand, um ihm aus dem Verlies zu helfen. Draußen strahlte der blaue Himmel, und nichts erinnerte an Ungeheuer. Da trat der König an den Tisch, ergriff mit eigener Hand den Weinkrug, füllte einen goldenen Kelch und reichte ihn Pilger mit den Worten: »Göttlicher Priester, nehmt dies als erstes kleines Zeichen meiner Dankbarkeit!«
Pilger ergriff den Becher, doch noch bevor er etwas erwidern konnte, trat ein Hofbeamter vom Palasttor heran und meldete: »Das Westtor steht in Flammen!«
Als Pilger dies hörte, warf er den goldenen Weinkelch hoch, der gleich darauf zu Boden klirrte. Erschrocken sprach der König mit einer höflichen Verneigung: »Göttlicher Priester, bitte verzeiht! Wir müssen Euch beleidigt haben!«
»So war das nicht gemeint«, lachte Pilger. Schon kam eine weitere Meldung: »Ein fabelhafter Regen! Das Feuer am Westtor ist eben von einem Regenguss gelöscht worden; das Wasser riecht nach Alkohol!«
»Majestät«, wandte sich Pilger an den König, »der Dämon ist nach Westen entflohen, und weil ich ihn nicht verfolgte, muss er das Tor in Brand gesteckt haben. Doch mit diesem Becher Wein konnte ich das dämonische Feuer löschen und die Menschen zu beiden Seiten des Tores retten. Nichts anderes war damit gemeint!«
Das freute den König umso mehr, und er begegnete Pilger mit noch größerer Achtung. Anschließend bat er Tripitaka mit den Schülern in die Audienzhalle und machte Anstalten, ihnen den Thron abzutreten.
»Majestät«, erklärte Pilger lachend, »das Ungeheuer von
vorhin nannte sich ›Vorkämpfer des Mächtigen Unglückssterns‹ und wollte hier Palastdamen holen. Nun, da es eine Niederlage eingesteckt hat, wird es bestimmt zurückkehren und Bericht erstatten, und dann wird jener Lump zweifellos einen Kampf ausfechten wollen. Doch fürchte ich, dass er hier Eurem Volke Schaden zufügen und Euch erschrecken könnte, darum möchte ich ihn lieber unterwegs in der Luft abfangen, auch damit ich Euch am Ende die heilige Königin zurückbringen kann. Dazu müsste ich aber wissen, in welcher Richtung seine Grotte liegt und wie groß die Entfernung ist.«
»Einst haben wir Späher ausgesandt, die Lage auszukundschaften«, antwortete der König, »diese sind Tag und Nacht durchgeritten, und dennoch brauchten sie mehr als fünfzig Tage, hin und zurück. Die Grotte liegt über dreitausend Wegmeilen südlich von hier.«
Als Pilger dies vernommen hatte, hieß er Bajie und Sandmönch gut achtgeben und rief: »Ich bin gleich wieder da!«
Da König hielt ihn zurück und sprach: »Aber göttlicher Mönch, lasst Euch doch wenigstens einen Tag Zeit bis zur Abfahrt, dann könnten wir Euch ausreichend Proviant mitgeben. Außerdem braucht Ihr unbedingt ein schnelles Pferd, sonst kommt Ihr nicht weit!«
Pilger lachte: »Eure Majestät stellen sich eine Reise über Berg und Tal vor. Dann will ich alter Sun Euch verraten, dass ich für dreitausend Wegmeilen hin und zurück nicht länger brauche, als der Wein im Kruge warm bleibt.«
Da sprach der König: »Göttlicher Mönch, bitte nehmt mir meine Worte nicht übel: Euer wertes Antlitz sieht doch eher dem eines Affen ähnlich; wie kommt es denn, dass Ihr über solche Zauberkräfte verfügt?«
Da gab Pilger zur Antwort:
»Wenn es auch den Anschein hat,
Dass ich ein Menschenaffe sei,
Mach ich doch den Überschlag,
Als stünden mir die Götter bei!
Hin und her zum hohen Himmel
Kann ich ohne Schranken eilen,
Denn ich schaff’ in einem Sprunge
Hundertundachttausend Meilen!«
Über diese Worte war der König erschrocken und beglückt zugleich. Lächelnd hielt er Pilger den Becher hin und sprach: »Göttlicher Priester, also nehmt diesen Becher zum Dank für Eure Mühen in weiter Ferne!«
Der Große Heilige aber mochte sich nicht länger mit Wein abgeben; er hatte nichts anderes mehr im Sinn als die Bändigung des Ungeheuers. Und so gab er zurück: »Lasst den Wein erst mal stehen, ich trinke, wenn ich wieder da bin!« Dann hörte man nur noch sein »Ich gehe!« und schon war er mit einem Pfiff verschwunden. Verdutzt blieben der Herrscher und sein Hofstaat stehen, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Pilger aber sauste voran und erblickte schon bald einen hoch aufragenden Berg, mitten auf seinem Weg. Da senkte er die Wolke, landete auf dem Gipfel und besah sich die Gegend. Als er sich schließlich anschickte, nach einer Grotte zu suchen, fiel ihm in einer Senke ein Feuerschein ins Auge, der wenig später wie ein rotes Flammenmeer den ganzen Himmel überzog. Bald entwich den Flammen ein übler Rauch, schlimmer noch als das Feuer selbst. Während der Große Heilige wie gebannt zusah, spritzte auf einmal Sand aus dem Berg, bedeckte buchstäblich den ganzen Himmel, und die Sonne verfinsterte sich. Pilger beobachtete das Geschehen lange, ohne zu begreifen, was da vor sich ging. Schließlich gab er sich einen Ruck, verwandelte sich in einen feuerfesten Habicht und stürzte sich mitten in Rauch und Flammen. Er tat ein paar kräftige Flügelschläge, und plötzlich waren Sand und Asche verflogen, Rauch und Flammen dahin. Rasch nahm Pilger seine eigene Gestalt an und hielt Ausschau. Auf einmal drangen Klänge eines Kupfergongs an sein Ohr.
Bald entwich den Flammen ein übler Rauch, schlimmer noch als das Feuer selbst. »Ich muss mich verirrt haben«, sann er. »Das kann doch nicht der Ort sein, wo dieser Dämon haust. Der Gong klingt allerdings, als wäre ein Kriegsbote unterwegs. Dann müsste es hier eine Straße geben, die zu einem Königreich führt, zu dem jemand mit einer offiziellen Botschaft unterwegs ist. Da will ich alter Sun mich gleich mal schlau machen!«
Wie er nun ausschritt, entdeckte er ein kleines Ungeheuer, das mit einer gelben Flagge auf der Schulter und einer Ladung Schriften auf dem Rücken einherschritt und den Gong schlug.
»Der ist es also«, lachte Pilger. »Was hat er wohl für Schriften bei sich? Den will ich doch gleich ein bisschen aushorchen!«
Mit einem leichten Dreh verwandelte er sich in eine Heuschrecke, schwirrte empor und landete auf dem Tornister mit den Schriften. Nun hörte er, wie das Ungeheuer zum Takt seiner Gongschläge Selbstgespräche führte: »Unser Großer König ist doch einfach zu brutal! Nun hat er vor drei Jahren in Purpurien die Königin entführt, doch bislang nie vermocht, an sie heranzukommen. Stattdessen mussten all die armen Damen vom Palast herhalten. Zwei von ihnen hat er umgebracht, dann kamen noch mal vier, die hat er auch erlegt. Vorletztes Jahr hat er wieder zwei geholt, im letzten Jahr noch mal, und dieses Jahr von neuem. Bloß ist er jetzt auf einen Feind gestoßen; sein Kämpfer, der die Damen holen sollte, ist von einem in die Flucht geschlagen worden, der sich ›Pilger Sun‹ oder so ähnlich nennt, und auch die Damen hat er nicht gekriegt. Da ist nun unser Großer König so in Wut geraten, dass er das Königreich erstürmen will, und drum hat er mich jetzt hingeschickt, mit diesem Fehdebrief, oder wie das auch immer heißt. Wenn ich den abgegeben habe, soll sich jener König bloß nicht auf den Kampf einlassen. Ansonsten hat er nämlich Pech gehabt. Wenn unser Großer König erst mit Rauch und Feuer und dem Sand anrückt, dann wird im ganzen Reiche keine Menschenseele überleben, weder der Herrscher noch sein Hofstaat und das Volk. Danach wird dieses Land von uns besetzt, und unser König wird sich selbst zum Kaiser machen; wir alle werden dann die Hofminister. So kämen wir zwar wohl zu Adelsrängen, doch würde dies der Himmel schwerlich dulden.«
Pilger, der alles mitangehört hatte, freute sich im Stillen und sann: »Da gibt es sogar Ungeheuer mit rechtem Sinn; was er da im letzten Satz vom Himmel gesagt hat, ist ja ganz in Ordnung. Doch was er gesagt hat von der Königin, an die der Dämon nicht herankomme, versteh ich noch nicht ganz. Ich will mich doch mal näher erkundigen.«
Surrend flog er davon, bis er ein paar Wegmeilen Vorsprung hatte, dann verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen daoistischen Knaben:
Das Haar in Knoten aufgesteckt,
Von Flicken das Gewand besetzt,
Summt zur Bambustrommel leise
Eine Daoistenweise.
An einer Wegbiegung trat er auf das Ungeheuer zu, hielt nach daoistischem Brauch die Hände übereinandergelegt vor die Brust und sprach: »Wohin des Weges, mein Herr? Was für Schriften tragt Ihr da?«
Das Ungeheuer blieb stehen, hielt mit dem Anschlagen inne und erwiderte lächelnd den Gruß, dann sprach es wie zu einem alten Bekannten: »Unser Großer König sendet mich mit einer Kriegserklärung nach Purpurien.«
Da fragte Pilger gleich: »Hat sich denn die Dingsda von Purpurien schon mit dem Großen König vereinigt?«
»Vor zwei Jahren, als er sie geholt hat«, erklärte das Ungeheuer, »kam ein Unsterblicher und hat ihr ein regenbogenfarbenes Göttergewand geschenkt, und wie sie es angezogen hat, sind ihr am ganzen Leib Stacheln gewachsen. Unser Großer König wagt sie nicht mal zu streicheln, schon wenn er nur leicht mit den Stacheln in Berührung kommt, schmerzt ihn gleich die Hand. Keine Ahnung, warum. Drum hat er sie nie befleckt. Heute früh hat er seinen Vorkämpfer geschickt, ihm zwei Palastdamen zu holen, doch der ist von einem Pilger Sun, oder wie der hieß, in die Flucht geschlagen worden. Das hat unseren König so wütend gemacht, dass er mich mit dieser Kriegserklärung ausgeschickt hat und die angreifen will.«
»Warum ist denn der König so wütend?« fragte Pilger.
»Er tobt immer noch, dort drüben ist er! Geh am besten mal hin und muntere ihn mit ein ein paar daoistischen Liedern auf.«
Da legte Pilger zum Abschied die Hände übereinander und verschwand, während das Ungeheuer, seinen Gong schlagend, den Weg fortsetzte. Pilger aber schwang seine Eisenstange, wandte sich um und schmetterte sie dem Ungeheuer über den Schädel, dass es sofort den Geist aufgab. Gleich darauf meinte er reuig: »War ein bisschen voreilig, hab ja noch gar nicht nach seinem Namen gefragt.«
Als er sich die Schriftrolle mit der Kriegserklärung in die Ärmeltasche steckte und die gelbe Flagge und den Gong ins Gras am Wegrand legte, hörte er am Gürtel des Ungeheuers etwas klingeln. Zum Vorschein kam ein Elfenbeintäfelchen, auf dem in goldenen Schriftzeichen geschrieben stand: »Fußsoldat, enger Vertrauter des Königs, mit Beinamen ›Komm-und-Geh‹. Gedrungener Wuchs, pickliges Gesicht, bartlos. Vorliegende Plakette muss getragen werden, ansonsten gilt die Nachricht als gefälscht.«
»Der Kerl nannte sich also ›Komm-und-Geh‹!« lachte Pilger. »Nun denn, dann hab ich ihn halt zum ›Geh und Nimmerwiederkomm‹ gemacht!«
Er löste das Elfenbeintäfelchen und befestigte es am eigenen Gürtel. Eigentlich hätte er die Leiche am liebsten beiseitegeworfen, doch als ihm der schlimme Rauch und das Feuer einfielen, wagte er nicht gleich die Grotte aufzusuchen, sondern bohrte stattdessen seine Eisenstange durch die Brust des Ungeheuers, buckelte es auf und kehrte ins Königreich zurück, um die Leiche als erste Siegesbeute abzuliefern.
Seht, wie er mit einem Pfiff davonsaust!
Gleich darauf landete er vor der Audienzhalle, warf das Ungeheuer vor die Jadetreppe und bat Bajie, den Meister kommen zu lassen. Er schob die Kriegserklärung Tripitaka in den Ärmel mit den Worten: »Behaltet das bei Euch, Meister. Lasst es den König vorerst nicht sehen!«
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, kam auch schon der König aus der Audienzhalle, begrüßte Pilger und sprach: »Werter Priester, Göttlicher Mönch, da seid Ihr wieder! Wie steht es mit dem Dämon?«
Pilger wies auf das Ungeheuer und meinte: »Da liegt er doch, vor der Treppe! Ich alter Sun hab ihn erschlagen.«
Da erblickte der König die Leiche und sagte: »Das mag wohl die Leiche eines Ungeheuers sein, doch nicht die des Großen Unglückssterns. Den Unglücksstern haben unsere Wenigkeit zwei Mal mit eigenen Augen gesehen: Er ist acht Klafter hoch, und seine Arme sind fünfmal so dick wie unsere; sein Gesicht glänzt wie Gold, und seine Stimme klingt wie Donner. So klein und garstig kann er gar nicht sein.«
»Ihr habt es erkannt, Majestät! Er ist es tatsächlich nicht«, erwiderte Pilger. »Das hier ist eines seiner Ungeheuer, das auf Botendienst war. Ich alter Sun habe es erschlagen, damit ich Euch eine Beute bringen kann.«
Da freute sich der König, und er rief: »Das ist ja
wundervoll! Das wird Euch als höchstes Verdienst angerechnet! Unsere Wenigkeit haben schon öfter Leute gesandt, die Lage auszukundschaften, doch keiner hat je etwas Handfestes mitgebracht. Ihr aber, Göttlicher Priester, bringt schon beim ersten Mal ein Ungeheuer. Was für göttliche Kräfte!« Und er rief: »Bringt warmen Wein, damit ich mit dem Priester auf seinen Erfolg trinken kann!«
»Auf den Wein kommt’s nicht an«, versetzte Pilger. »Doch sagt, Majestät: Hat Eure Gemahlin damals vielleicht irgendein Andenken hinterlassen?«
Beim Wort »Andenken« fuhr der König zusammen, als ob ihm ein Messer ins Herz fahren würde. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten und sprach schluchzend:
»Ehedem in jenem Jahre
Zu dem Fest im Sommer,
Stürzte dieser Unglücksstern
Uns in Angst und Kummer.
Die Königin entriss er mir
Unerwartet jäh und hart;
Wer wohl gäbe solcherart
Noch ein Angedenken zart!«
»Nun, wenn es kein Andenken gibt, wird die Gehuldigte doch vielleicht einen Gegenstand im Palast zurückgelassen haben, der ihr besonders am Herzen liegt? So was könntet Ihr mir auch mitgeben.«
»Was wollt Ihr denn damit?« fragte der König, und Pilger erklärte: »Dieser Dämonenkönig verfügt in der Tat über sehr große Zauberkraft. Ich habe gesehen, wie er Feuer, Rauch und Sandstürme entfachte; leicht ist er gewiss nicht zu kriegen. Und wenn er denn überwunden ist, bleibt fraglich, ob die Königin bereit wäre, mit mir, einem Fremden, ins Königreich zu kommen. Darum brauche ich einen Gegenstand, der ihr im täglichen Leben wichtig war, damit sie mir vertraut.«
»In ihrem Palastgemach sind zwei goldene Armreife auf dem Schminktisch. Diese hat die Königin immer getragen; nur weil man zum Drachenbootfest ein Armband aus fünffarbenen Fäden zu tragen pflegt, hat sie sie an jenem Abend abgelegt. Die Reife liegen ihr sehr am Herzen. Sie sind zur Zeit in der Schatulle für schlichten Alltagsschmuck. Unsere Wenigkeit wagen sie gar nicht anzuschauen; es wäre, als ob ich ihr Antlitz erblicken würde, da könnte die Krankheit wieder ausbrechen!«
»Sprecht erst mal nicht davon und lasst die Armreife holen«, beschied Pilger. Der König wies seine Nebenfrau der Jadenen Heiligkeit an, die Schmuckstücke zu bringen. Sowie er sie gewahrte, stöhnte er auf und rief klagend: »Ach, meine inniglich Geliebte!«
Dann händigte er sie Pilger aus. Dieser streifte sich die Reife um den Arm, und ohne sich weiter um Wein und Verdienst zu kümmern, schoss er auf einer Wolke zum Kirin- Berg, wo er sogleich die Grotte aufsuchte. Wie er seines Weges ging, drang ein Stimmengewirr an sein Ohr. Er blieb stehen und spähte umher. Die Stimmen kamen von der Chimärengrotte, wo sich mehrere hundert Kriegsleute aller Ränge versammelt hatten. Als Pilger dies sah, wagte er nicht weiter vorzudringen, sondern machte kehrt und ging den Weg zurück, den er gekommen war.
Er ging bis hin zur Stelle, wo er das Ungeheuer erschlagen hatte, nahm die gelbe Flagge und den Gong an sich, hielt ein magisches Fingerzeichen in den Wind und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in die Gestalt jenes Boten mit Namen »Komm-und-Geh«. Schallend schlug er den Gong und ging mit ausholenden Schritten voran, bis er zur Grotte kam. Dort rief ihm ein Gorilla in menschlicher Sprache entgegen: »Komm-und-Geh, da bist du ja!«
»Da bin ich«, gab Pilger zurück.
»Beeil dich«, meinte der Gorilla, »unser Großer König wartet auf deine Nachricht, drüben im Häutungs-Pavillon!«
Pilger marschierte, immer noch den Gong schlagend, durch den zweiten Toreingang. Dort erblickte er einen geräumigen, hellen Pavillon, in dem auf einem Klappstuhl mit goldenen Ornamenten ein Dämonenkönig thronte, der wahrlich einen grausigen Anblick bot. Pilger aber wandte sich ohne jegliche Furcht ab und fuhr fort, mit Blick nach außen den Gong zu schlagen.
»Da bist du wieder«, meinte der Dämon.
Pilger gab keine Antwort.
»Komm-und-Geh! Du bist zurück?« rief der Dämon. Die Antwort blieb abermals aus. Da kam der Dämon heraus, packte ihn und schrie: »Warum schlägst du zu Hause den Gong und antwortest nicht, wenn man dich fragt? Was soll das?«
Da knallte Pilger den Gong auf den Boden und rief: »Was soll das? Was soll das? Ich habe doch gesagt, dass ich nicht gehen will, Ihr aber habt darauf bestanden! Als ich angekommen bin, standen schon zahllose Ritter in langen Reihen, und kaum haben sie mich erblickt, haben alle geschrien: ›Packt ihn! Haltet das Ungeheuer!‹ Dann haben sie mich in ihre Stadt geschleppt und vor den König geführt, und der hat Befehl gegeben, mich zu köpfen. Zum Glück waren da noch seine Berater, die haben gesagt: ›Wenn zwei in Fehde liegen, töte man nicht deren Boten.‹ Am Ende haben sie mich freigesprochen, mir den Fehdebrief abgenommen, mich aus der Stadt geführt und nach dreißig Stockhieben endlich laufenlassen, damit ich Euch Bericht erstatten kann. Schon bald wollen sie gegen Euch in den Krieg ziehen!«
»Nach dem, was du sagst, hast du allerdings Pech gehabt«, meinte der Dämonenkönig, »kein Wunder, dass du keine Antwort gegeben hast.«
»Ja, wirklich!« versetzte Pilger.
»Wie viele Ritter waren es denn?« fragte der Dämonenkönig.
»Ich bin vor Schrecken fast in Ohnmacht gefallen«, rief Pilger, »wie soll ich da noch Ritter zählen! Ich habe bloß gesehen, wie sie ihre Waffen kampfbereit hielten, das sah aus wie ein ganzer Speerwald!«
Der Dämonenkönig lachte verächtlich: »Keine Sache! Das krieg ich mit einer Feuersalve weg. Geh du erst mal zu meiner Braut der Goldenen Heiligkeit und sag ihr, sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Heute früh, als sie hörte, dass ich wütend war und in den Krieg ziehen wollte, ist sie gleich in Tränen ausgebrochen und war für nichts mehr zu haben. Wenn du ihr nun sagst, dass drüben eine Menge Ritter bereitstehen, wird sie das fürs Erste beruhigen.«
Das kam Pilger höchst gelegen. Seht, wie er ohne weiteres den Weg findet!
Durch eine Seitentür kam er in die Empfangshalle, und weiter drinnen in geräumige hohe Hallen, die ganz anders aussahen als der Eingangsbereich. So gelangte er auf direktem Wege zu den Wohngemächern, wo er schon von weitem ein schmuckes Portal sehen konnte. Dort war die Residenz der Königin. Als er eintrat, sah er eine Dienerschaft von lauter dämonischen Füchsinnen und Rehen, die sich zu hübschen Damen zurechtgemacht hatten und dienstbereit auf beiden Seiten standen. In der Mitte aber saß die besagte Königin, ihre parfümierten Wangen in die Hände gestützt, die Augen tränennass. Es war in der Tat wie in diesem Gedicht:
Einsamkeit im Angesicht,
Das Wangenrot erstarrt;
Verworren ist das volle Haar,
Der schöne Blick entleert.
Selten war den schönen Frauen
Je das Schicksal wohlgesinnt,
Und so blickt sie trüben Sinnes
Sprachlos in den Frühlingswind.393
Pilger trat vor und rief: »Tag!«
»Unverschämt!« empörte sich die Königin, »wenn ich nur daran denke, wie in Purpurien sich sogar Staatsminister und Kanzler tief vor mir verneigten und nicht einmal die Augen zu mir aufzuheben wagten – und hier kommt so ein Flegel und ruft einfach ›Tag!‹ Was ist das für ein Rüpel, wo kommt der denn her?«
Eine der Dienerinnen trat vor und sprach: »Zürnt nicht, werte Königin. Das ist ein enger Vertrauter unseres Großen Königs, er heißt ›Komm-und-Geh‹. Er war es, der heute früh mit dem Fehdebrief gesandt worden ist.«
Als die Königin dies vernommen hatte, schluckte sie ihren Ärger und fragte: »Bist du mit dem Fehdebrief bis nach Purpurien gekommen?«
»Ich bin bis zur Audienzhalle gekommen und habe beim König persönlich vorgesprochen. Jetzt bin ich schon mit seiner Antwort zurück.«
»Du hast den König persönlich gesehen? Was lässt er ausrichten?«
»Was die Sache mit dem Fehdebrief angeht, habe ich alles bereits dem Großen König erzählt. Nur war da noch ein Satz dabei, den mir der König im Angedenken an Euch mitgegeben hat, darum ich bin eigens gekommen, ihn Euch zu überbringen. Allein, hier ist nicht der Ort zu sprechen; da sind zu viele Leute.«
Auf diese Worte schickte die Königin ihre Füchsinnen und Rehe mit einem barschen Ruf nach draußen. Pilger aber machte die Tür zu, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und zeigte sich in eigener Gestalt. Dann sprach er zur Königin: »Fürchtet Euch nicht. Ich bin ein Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten und pilgere in den Westen, um Heilige Schriften zu holen; mein Name ist Sun Wukong. Weil ich mit meinem Meister in Euer Königreich kam, wo wir unser Passdokument vorweisen mussten, habe ich einen öffentlichen Aushang gesehen, mit dem der König Mediziner anwarb. Anschließend habe ich seine Krankheit heilen können, und während des Festmahls, das der König mir zum Dank gegeben hat, erzählte er, dass Ihr von einem Dämon entrissen wurdet. Und da ich mich äußerst gut aufs Bezwingen von Drachen und Tigern verstehe, hat er mich gebeten, diesen Dämon dingfest zu machen und Euch ins Königreich zurückzuführen. Ich war es, der den Vorkämpfer besiegte, und auch das kleine Ungeheuer habe ich erschlagen. Weil draußen vor dem Tor so viele Krieger standen, habe ich mich in die Gestalt von ›Komm-und-Geh‹ verwandelt und mich auf Gedeih und Verderb der Gefahr ausgeliefert, hierherzukommen, um Euch Kunde zu bringen.«
Nachdem die Königin alles vernommen hatte, versank sie in nachdenkliches Schweigen. Da zog Pilger die Armreife hervor, brachte sie der Königin mit beiden Händen dar und sprach: »Falls Ihr es nicht glauben mögt, dann schaut her: Woher sind diese Reife?«
Wie die Königin den Schmuck erblickte, brach sie in Tränen aus, kniete vor Pilger nieder und rief: »Priester! Ihr wollt mich also wirklich retten und in den Palast zurückbringen! Eure Gunst werde ich bis zum Lebensende nicht vergessen!«
Pilger aber fragte: »Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was für ein Schatz das ist, mit dem er Feuer, Rauch und Sand machen kann?«
»Das ist doch kein Schatz«, erwiderte die Königin, »es sind bloß drei kleine goldene Schellen. Wenn er die erste schüttelt, verbreitet sich Feuer im Ausmaß von dreihundert Klaftern; wenn er die zweite schüttelt, steigt beißender Qualm über dreihundert Klafter auf, und wenn er die dritte schüttelt, dann weht ein Sandsturm, ebenfalls über dreihundert Klafter hinweg. Rauch und Feuer sind nicht allzu schlimm, am gefährlichsten ist dieser gelbe Sand, schon wenn nur wenig davon in die Nase dringt, kann es tödlich enden.«
»Das klingt allerdings gefährlich«, meinte Pilger. »Wo verwahrt er diese Glöckchen denn?«
»Er würde sie niemals niederlegen!« rief die Königin, »immer trägt er sie am Gürtel; wo er geht und steht, wacht und schläft; nie legt er sie ab.«
Da meinte Pilger: »Falls Ihr gewillt seid, den König wiederzusehen und Eurem Leid ein Ende zu setzen, dann müsst Ihr nun vor dem Dämon ein fröhliches Gesicht aufsetzen und so tun, als würdet Ihr ihn begehren. Unter dem Vorwand ehelicher Bande müsst Ihr ihn dazu bewegen, Euch die Glöckchen in Verwahrung zu geben. Sobald ich sie habe, kann ich das Ungeheuer bändigen. Und dann werde ich Euch nach Hause führen, damit Ihr wieder wie ein glückliches Phönixpaar zusammenleben könnt.«
Die Königin versprach zu tun wie geheißen, Pilger aber verwandelte sich abermals in den Botengänger, öffnete die Tür und hieß die Zofen zurückkommen.
»Komm-und-Geh!« rief die Königin, »geh sofort zum Pavillon und bitte den Großen König hierher, ich möchte mit ihm sprechen.«
Pilger bejahte, kehrte zum Häutungs-Pavillon zurück und sprach zum Dämon: »Großer König, die Königin bittet Euch in ihr Gemach!«
Da meinte der Dämon erfreut: »Normalerweise schimpft sie nur auf mich, wie kommt es, dass sie mich heute rufen lässt?«
»Als sie nach dem König von Purpurien gefragt hat, habe ich ihr gesagt: ›Er hat sich eine andere zur Königin genommen und will Euch nicht mehr haben.‹ Da war all ihre Hoffnung dahin, und darum bittet sie Euch nun, zu ihr zu kommen.«
»Du bist wirklich zu was nütze«, meinte der Dämon erheitert, »sobald ich jenes Reich vernichtet habe, mache ich dich zum Hofminister für Personale Angelegenheiten.«
Pilger bedankte sich und folgte dem Dämonenkönig zu den hinteren Gemächern. Dort empfing die Königin den Dämon mit freudiger Miene und machte Anstalten, ihn beim Arm zu fassen. Furchtsam wich der Dämon aus und sprach: »Ich danke sehr für deine Zuneigung, doch fürchte ich die Schmerzen, drum will ich dir lieber nicht zu nahe kommen.«
»Setzt Euch bitte, großer König«, sprach die Königin, »ich möchte Euch etwas sagen.«
»Sprich nur frei und unbefangen!«
»Drei Jahre sind es nun, dass ich Eure geschätzte Liebe erfahren darf, Großer König. Obschon es uns bislang nicht vergönnt war, auf demselben Kissen unter einer Decke zu weilen, zeugt doch unsere Ehe davon, dass uns sicherlich ein vergangenes Leben schicksalhaft verbindet. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass Ihr, Großer König, etwas gegen mich haben würdet und mich nicht wirklich als Eure Gemahlin betrachtet. Wenn ich nur daran denke, wie es damals in
Purpurien war: Immer wenn ausländische Gesandte Tributgeschenke brachten, gab mir der König, nachdem er alles gesichtet hatte, die Schätze in Verwahrung. Ihr hingegen habt gar keine Kostbarkeiten, und wenn, so lasst Ihr sie mich weder sehen, noch wollt mir etwas davon geben. Zum Beispiel habe ich gehört, dass Ihr drei Schellen besitzen sollt, das scheint so eine Art Schatz zu sein. Doch warum tragt Ihr diese stets an Euch, wo immer Ihr steht und geht? Gebt sie mir doch in Verwahrung, und nehmt sie dann, wenn Ihr sie braucht. Das ist doch kein Ding der Unmöglichkeit; schließlich leben wir in trauter Ehe beisammen. Eine solche Geste würde Eure Verbundenheit mit mir bezeugen. Wenn Ihr aber immer alles für Euch behaltet, kann das doch nichts anderes bedeuten, als dass Ihr irgendetwas gegen mich habt?«
Da lachte der Dämonenkönig entgegenkommend und sprach: »Ihr tadelt mich zu Recht, meine Königin! Hier ist mein Schatz, ab sofort sei er bei Euch in Verwahrung!«
Schon lüftete er sein Gewand, und Pilger, der danebenstand, heftete seinen Blick darauf, während der
Dämon unter zwei, drei Schichten seine Schellen hervorklaubte, die er zuinnerst auf der Haut trug. Er löste sie vom Strick, stopfte die Öffnungen mit Watte zu, wickelte ein Pantherfell darum und reichte es der Königin mit den Worten: »Zwar ist das nichts Großes, doch verwahrt es mit Acht. Keinesfalls dürft Ihr die Schellen schütteln!«
Die Königin nahm das Päckchen und sprach: »Verstehe. Ich lege sie hier auf meinen Schminktisch, da wird niemand etwas nehmen.« Und sie rief: »Wein auftragen, Zofen! Ich will mit dem Großen König auf das frohe Ereignis trinken!«
Alsbald wurden Wein und Fleischhäppchen aufgetischt. Da kehrte die Königin all ihren Charme hervor, tändelte mit dem Dämonenkönig und verdrehte ihm die Augen, während Pilger geschäftig hin und her schlich, sich endlich dem Schminktisch näherte und die Schellen sachte aufhob und einsteckte. Dann huschte er durchs Palasttor zum Häutungs-Pavillon, wo niemand zu sehen war, rollte das Pantherfell auf und besah sich die Schellen. Die mittlere hatte die Größe einer Teeschale, die beiden anderen waren etwa faustgroß. Ohne zu wissen, worauf er sich einließ, zupfte er die Wattebäusche heraus. Da zischte es, und aus den Schellen sprühten Rauch, Feuer und Sand, was er in der Eile nicht mehr aufzuhalten wusste. Schon stand der ganze Pavillon in Flammen. Hals über Kopf stoben die Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, zum Wohngemach und schrien dem Dämonenkönig zu: »Hilfe, Feuer!« Und wie alle herbeieilten, sahen sie »Komm-und-Geh« mit den Schellen dastehen!
Der Dämonenkönig schritt auf ihn zu und brüllte: »Du schändlicher Sklave! Wie kannst du dich an meinem Schatz vergreifen und solchen Unfug treiben!« Und er schrie: »Festnehmen!«
Schon stürzten sich alle Ungeheuer auf ihn; Pilger bekam es mit der Angst zu tun, ließ die Schellen fallen, nahm seine eigene Gestalt an und begann mit dem Goldreifstab blind um sich zu schlagen. Der Dämon aber nahm seine Schellen und befahl, alle Tore zu verriegeln. Wie Pilger nun gewahrte, dass er nicht entweichen konnte, steckte er die Stange ein, machte einen leichten Dreh und flog in Gestalt einer wirren Schmeißfliege auf eine Felswand, wo kein Feuer brannte. Die Ungeheuer konnten ihn nicht mehr finden und meldeten: »Großer König, der Dieb ist entkommen!«
»Ist er etwa zum Tor hinaus?« fragte der Dämon, doch die Ungeheuer beteuerten: »Das vordere Tor ist verriegelt, da konnte er nicht durch.«
Der Dämon befahl, alles aufs gründlichste zu durchsuchen, doch man fand keine Spur. Da brüllte er wutentbrannt: »Welcher Schuft hat sich da in ›Komm-und-Geh‹ verwandelt? Wer hat sich erdreistet, reinzukommen und mit mir zu sprechen, mir am Ende gar zu folgen und meine Schellen zu stehlen! Ein Glück, dass er sie nicht ins Freie mitgenommen hat; nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er sie draußen in den Wind gehalten hätte!«
Da trat ein Tigergeneral vor und sprach: »Großer König, der Dieb war kein anderer als jener Sun Wukong, der den Vorkämpfer besiegt hat! Er muss unterwegs ›Komm-und-Geh‹ begegnet sein, ihn erschlagen und und sich mit Gong und Flagge in seine Gestalt verwandelt haben, um Euch hinters Licht zu führen.«
»Wahrhaftig, so muss es sein«, sprach der Dämonenkönig, »das ergibt Sinn.« Und er befahl dem Gesinde: »Haltet sorgfältig Wache und lasst ihn auf keinen Fall zum Tor hinaus!«
So war es in der Tat:
Ein kluger Plan kommt unbedacht zu Fall;
Aus einem Spiel wird unerwartet Ernst.
Und da wir nicht wissen, wie Pilger schließlich zu entkommen vermochte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.