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071 Unter falschem Namen bekämpft Pilger den Dämon / Guanyin offenbart sich und bezwingt das Ungeheuer

Wie wir berichtet haben, hatte der Mächtige Unglücksstern seine Tore verriegelt und suchte nun überall nach Pilger, doch man fand keine Spur. Schließlich setzte er sich in den Häutungs-Pavillon, versammelte all seine Ungeheuer und schärfte ihnen ein, mit höchster Aufmerksamkeit Nachtwache zu halten. Der Große Heilige aber saß weiterhin in Gestalt einer wirren Schmeißfliege an der Wand beim Eingangstor. Als er sah, dass der vordere Teil der Grotte so stark überwacht wurde, schwirrte er nach hinten, wo er schon am Eingang zu den Wohngemächern sehen konnte, wie die Königin der Goldenen Heiligkeit einsam über einen Tisch gebeugt saß und verhalten vor sich hin schluchzte. Pilger surrte hinein und landete sachte auf dem tiefschwarzen losen Haar. Da hörte er, wie sie vor sich hin redete und sprach: »Ach, mein Gemahl! Brachten wir denn, ich und du,

Einst in einem früheren Leben

Wohl zerbrochenen Weihrauch dar,394

Dass wir einsam trauern müssen

Als getrenntes Phönixpaar!

Noch ist unklar, ob der Priester

Sündhaft oder heilsam war,

Doch ist meine Sehnsucht nun

Brennender als je zuvor!«

Als er dies vernommen hatte, schwirrte er hinter ihr Ohr und wisperte: »Königin der Goldenen Heiligkeit, fürchtet Euch nicht! Ich bin wiederum der von Eurem Königreich gesandte göttliche Priester Sun. Ich bin unversehrt, nur habe ich leider im Übereifer die Schellen gleich zum Pavillon mitgenommen und es dort nicht lassen können, das Päckchen aufzumachen. Und wie dann plötzlich Rauch und Feuer sprühten, sind mir die Schellen vor Schreck aus der Hand gefallen, und ich habe mich nach einem bitteren Kampf, weil es mir nicht gelungen ist zu fliehen, in eine Fliege verwandelt. So habe ich mich eine Zeitlang beim Eingangstor versteckt, aus Furcht vor den Gegnern. Doch jetzt lässt der Dämonenkönig alles streng bewachen und hält die Tore verriegelt. Am besten wäre, Ihr würdet ihn noch einmal hierherlocken und ihm das Bett bereitmachen, dann komme ich hier weg und kann das weitere Vorgehen überdenken!«

Die Königin hatte diese Worte mit pochendem Herzen und wachsender Beklemmung vernommen. Endlich fragte sie schluchzend: »Seid Ihr denn ein Mensch oder ein Gespenst?«

»Weder Mensch noch Gespenst«, gab Pilger zur Antwort, »ich bin in Gestalt einer Fliege hier. Macht Euch keine Sorgen, lasst einfach gleich den Dämonenkönig kommen!«

»Dass Ihr mich bloß nicht zum Narren haltet!« hauchte die Königin.

»Wie könnte ich Euch zum Narren halten?« gab Pilger zurück. »Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann haltet mal Eure Hand hin; ich werde darauf landen, damit Ihr mich sehen könnt.«

Die Königin streckte tatsächlich ihre linke Handfläche aus, und Pilger ließ sich sachte darauf nieder. Da erhob die Königin ihre edle Hand und hauchte: »Göttlicher Priester!«

»Ich bin die Verwandlung des Göttlichen Priesters«, wisperte Pilger.

Da glaubte ihm die Königin und flüsterte: »Wie wollt Ihr vorgehen, wenn ich jetzt den Dämon kommen lasse?«

»Es sagten doch schon die alten Weisen: ›Nichts ist besser als der Wein, um Dinge aufzubrechen.‹ Lasst ihn einfach trinken. Ruft mal Eure vertrauteste Zofe, damit ich sie sehen kann. Ich werde dann in ihrer Gestalt Euch zu Diensten stehen, so kann ich am besten Hand anlegen.«

Da rief die Königin: »Lenzfreude, wo bist du?«

Hinter einem Paravent trat eine Füchsin mit hellem Gesicht hervor, kniete nieder und fragte: »Welchen Befehl darf Lenzfreude entgegennehmen?«

»Rufe die anderen herein. Sie sollen Lampions anzünden und die Kammer mit Moschus parfümieren. Dann führt mich in den vorderen Palast, damit ich den Großen König zu Bett bitte.«

Rasch rief Lenzfreude acht Reh- und Fuchsgeister, die

alsbald mit vier Lampions und zwei aufhängbaren Weihrauchgefäßen erschienen und dieselben zu beiden Seiten anbrachten, derweil sich die Königin zum Gehen erhob. Pilger aber klaubte ein Schlafkäferchen vom Gürtel und setzte es Lenzfreude sachte ins Gesicht. Schon wurde sie von so großer Müdigkeit übermannt, dass sie sich nicht mehr aufrecht halten konnte; eilig suchte sie einen stillen Winkel und nickte auf der Stelle ein. Da sprang Pilger herab, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in die Gestalt von Lenzfreude und folgte der Königin in die vorderen Hallen, wo dem Dämonenkönig ihr Kommen bereits gemeldet worden war. Dieser trat sofort zum Empfang aus dem Pavillon, und die Königin sprach: »Großer König! Rauch und Feuer sind gelöscht, und der Dieb ist verschwunden. Jetzt bin ich eigens hier, Euch zu dieser späten Stunde zur Ruhe zu bitten.«

Der Unhold freute sich und sprach: »Habt acht, meine Gemahlin. Der Dieb war Sun Wukong, das ist derselbe, der meinen Vorkämpfer besiegt und den Boten getötet hat. Er hat sich in einer Verwandlung eingeschlichen und uns betrogen. Obwohl wir alles sorgfältig durchsucht haben, bleibt er unauffindbar. Das lässt mir keine Ruhe.«

»Der Kerl hat sich gewiss aus dem Staub gemacht«, meinte die Königin. »Macht Euch keine Sorgen, Großer König, legt Euch schlafen.«

Als die Königin respektvoll wartend neben ihm stehen blieb, konnte der Dämon ihre Bitte nicht länger ausschlagen. Er befahl seinen Ungeheuern, achtsam Wache zu halten, und ging mit der Königin zu den hinteren Gemächern. Pilger folgte in Gestalt von Lenzfreude mit zwei anderen Zofen nach.

»Bringt Wein, damit sich der Große König erholen kann!« rief die Königin, und sogleich tischte die falsche Lenzfreude Wein und Erfrischungen auf. Artig hob die Königin den Becher, der Dämonenkönig tat es ihr nach, und sie tauschten die Becher untereinander aus. Da meinte die falsche Lenzfreude, die mit dem Weinkrug aufwartete: »Nun, Großer König, tauscht Ihr also endlich mit Eurer Gemahlin den Kelch! Trinkt diesen Becher, und dann einen zweiten auf Euer Eheglück!«

Tatsächlich ließen sich beide aufs Neue eingießen und tranken, und die falsche Lenzfreude sprach: »Zum trauten Beisammensein von König und Königin mögen alle Zofen mit Gesang und Tanz aufspielen!«

In der Folge leerten beide immer wieder ihre Becher, bis die Königin Gesang und Tanz beenden ließ und sich die Zofen in geordneten Reihen hinter die Paravents zurückzogen. Nur die falsche Lenzfreude blieb mit dem Weinkrug und füllte weiterhin die Becher auf. Derweil unterhielt die Königin den Dämon mit Liebesgeflüster, das ganze Gemach schien erfüllt von ihren Reizen, und dem Dämon wurde ganz anders zumute. Allein, er konnte sie ja nicht berühren. Das war nun in der Tat wie die sprichwörtliche Katze, die in eine Blase beißt: Umsonst gefreut!

Nachdem sie eine Weile zärtliche Worte getauscht hatten, fragte die Königin: »Großer König, ist denn Euer Schatz unversehrt?«

»Die Schellen sind noch älter als der Uranfang des Himmels«, entgegnete der Dämon, »sie kommen niemals zu Schaden. Nur das Pantherfell ist verbrannt, weil jener Kerl die Watte aus den Schellen genommen hat.«

»An welchem Ort wollt Ihr sie denn jetzt verwahren?« fragte die Königin.

»Ich brauche sie an keinem Ort zu verwahren, habe sie doch hier am Gürtel!«

Wie Pilger, die falsche Lenzfreude, dies vernahm, zupfte er sich gleich ein paar Pelzhaare aus, zerkaute sie und setzte sie sachte auf den Dämon, während er seinen himmlischen Odem darauf hauchte und flüsterte: »Verwandlung!« Schon wurden die Haare zu dreierlei Ungeziefer: Läuse, Flöhe und Wanzen. Alsbald krochen sie dem Dämon in die Kleider und begannen ihn zu stechen. Das Jucken war so unerträglich, dass der Dämonenkönig schließlich in den Kragen langte und zu kratzen begann, und als er die Hand wieder herauszog, betrachtete er unter einem Lampion die Laus, die er herausgeklaubt hatte. Die Königin bemerkte es und meinte spöttisch: »Großer König, das kommt wohl daher, dass Ihr Euer Hemd lange nicht gewaschen habt.«

»Ich habe doch sonst nie Ungeziefer«, erwiderte der Dämon beschämt. »Ausgerechnet jetzt muss ich mich damit blamieren!«

»Ihr blamiert Euch nicht, Großer König«, lächelte die Königin, »es ist doch bloß, wie man sagt: ›Auch der Kaiser hat drei majestätische Läuse am Leib‹! Zieht Euch aus, ich werde die Tierchen wegmachen.« Tatsächlich begann sich der Dämon zu entkleiden. Die falsche Lenzfreude stand daneben und beobachtete ihn genau. Sämtliche Kleidungsstücke waren voller Flöhe, Läuse und Wanzen! Endlich lüftete der Dämon auch die dritte Schicht, unter der die Haut zum Vorschein kam, und nun sah man, dass auch die Schellen voller Ungeziefer waren.

»Großer König«, sprach die falsche Lenzfreude, »gebt mir die Schellen, ich will sie von den Läusen reinmachen.«

In seiner Beschämung war der Dämonenkönig außerstande, echt und falsch zu unterscheiden, und so reichte er seine Schellen der falschen Lenzfreude. Pilger nahm sie, hantierte einen Weile herum, und als sich der Dämon über seine Gewänder beugte, um sie auszuschütteln, steckte er die Schellen ein und zauberte aus einem Pelzhaar goldene Schellen, die genau gleich aussahen wie die echten. Diese drehte er nun unter einem Lampion prüfend hin und her und wiegte sich dienernd in den Hüften, um mit dieser Bewegung Flöhe, Läuse und Wanzen wieder einfangen zu können. Schließlich hielt er dem Dämon die goldenen Schellen hin, dieser nahm sie entgegen und bot sie mit beiden Händen der Königin dar, mit den Worten: »Diesmal müsst Ihr sie aber gut verwahren, nicht dass es wieder geht wie beim letzten Mal!«

Die Königin legte die Schellen in ihre Kleidertruhe und schloss diese mit einem goldenen Riegel ab. Abermals trank sie dem Dämon ein paar Becher zu und hieß die Zofen das schmucke Himmelbett bereitmachen. Dann lüftete sie die damastseidenen Decken und hauchte: »Ich möchte das Bett mit Euch teilen, Großer König.«

Der Dämon aber winkte betreten ab und meinte: »Dieses Glück ist mir nicht vergönnt; ich wage Euch nicht Gesellschaft zu leisten. Ich will mir lieber im Westgemach eine Konkubine nehmen. Möge es sich die Königin alleine bequem machen.«

Wie nun beide ihr eigenes Lager bezogen, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Berichten wir stattdessen, wie Pilger, der als falsche Lenzfreude sein Ziel erreicht hatte, die Schellen an seinem Gürtel befestigte, wieder in der eigenen Gestalt erschien, sein Schlafkäferchen aufnahm und zum vorderen Teil des Palastes eilte, wo mit Warnglocken und Klappern Nachtwache gehalten wurden. Mit einem Zauber machte er sich unsichtbar und ging auf das Portal zu, das fest verriegelt war. Nachdem er die Schlösser mit einem magischen Trick geöffnet hatte, tat sich das Tor leise auf, und er schlüpfte nach draußen. Dort blieb er stehen und schrie: »Mächtiger Unglücksstern! Gib die Königin der Goldenen Heiligkeit zurück!«

Diesen Ruf wiederholte er mehrmals. Die erschrockenen Ungeheuer blickten hastig um sich und bemerkten auf einmal, dass das Tor offen stand. Schnell schoben sie den Riegel vor und schickten ein paar Ungeheuer, im Wohnpalast Meldung zu erstatten, doch diese wurden von Zofen aufgehalten mit den Worten: »Still, der Große König ist eben erst eingeschlafen!«

So ging das drei, vier Mal hin und her, derweil der Große Heilige draußen vor dem Tor weitertobte, bis der Morgen dämmerte. Da konnte er sich nicht länger halten, holte weit aus und ließ seine Eisenstange auf das Tor schmettern. Der Dämonenkönig schreckte aus dem Schlaf und vernahm ein Geschrei. Da stand er auf und fragte: »Was soll dieser Lärm?«

Jetzt erst knieten die Zofen vor ihm nieder und sprachen: »Werter Herr, irgendjemand hat die halbe Nacht draußen vor dem Tor Radau gemacht, und jetzt hat er es eingeschlagen!«

Als der Dämonenkönig aus dem Wohnpalast kam, sah er die verstörten Ungeheuer, die ihm zuriefen: »Draußen lärmt jemand herum und schreit, er wolle die Königin der Goldenen Heiligkeit haben! Die ganze Zeit hat er nichts als Schimpf und Schande gerufen, das war unschön anzuhören. Als Ihr, Großer König, zur frühen Morgenstunde noch nicht gekommen seid, hat er angefangen, auf das Tor einzuhauen.«

»Macht nicht auf!« befahl der Dämon, »fragt, woher er kommt und wie sein Name lautet, und dann stattet mir Bericht ab.«

Die kleinen Ungeheuer eilten zum Eingang und riefen durch die verschlossene Tür: »Wer ist es, der ans Tor schlägt?«

»Ich bin der von Purpurien abgesandte Ahnherr von Außen395 und bin hier, die Königin der Goldenen Heiligkeit heimzuführen!«

Die kleinen Ungeheuer meldeten den Wortlaut dem Dämon, worauf dieser zu den Wohngemächern ging, um sich nach dem Genannten zu erkundigen. Die Königin war eben aufgestanden und machte sich in aller Eile zurecht, den Dämon zu empfangen. Doch kaum hatten sie sich gesetzt, meldete, noch bevor er seine Frage stellen konnte, eines der kleinen Ungeheuer: »Jener Ahnherr von Außen hat das Tor zertrümmert!«

Der Dämon aber lachte nur und sprach: »Werte Gemahlin, wie viele Generäle gibt es bei Euch am Hofe?«

»Am Hof sind achtundvierzig Palasttruppen, dazu gibt es gut tausend hohe Generäle; an den Grenzen sind Marschälle und zahllose Soldaten.«

»Ist darunter irgendeiner mit Nachnamen von Außen?« fragte der Dämon.

»Wie soll ich denn am Hofe alle Namen kennen?«

»Der Eindringling nennt sich Ahnherr von Außen, doch will mir scheinen, im ›Buch der Hundert Sippen‹ sei kein solches Geschlecht verzeichnet. Ihr aber, Königin, seid doch gebildet und von edler Abstammung; gewiss habt Ihr bei Hofe viele Bücher gelesen. Könnt Ihr Euch an ein Werk erinnern, in dem dieser Sippenname verzeichnet ist?«

Da gab die Königin zur Antwort: »Nur im ›Tausend- Zeichen-Klassiker‹, da gibt es eine Stelle, die lautet: ›Von außen her erhalte man des Meisters Anweisung‹. Das wird es wohl sein?«397

»Ja, das muss es sein!« rief der Dämon erleichtert. Dann erhob er sich, verabschiedete sich von der Königin und ging zum Häutungs-Pavillon. Dort legte er die Rüstung um und trat schließlich mit einer Truppe dämonischer Soldaten im Gefolge und einer ziervollen Axt in der Hand hinaus und schrie: »Wo ist dieser Ahnherr von Außen aus Purpurien?«

Pilger zückte den Goldreifstab und rief: »Wie nennst du mich, liebes Kind?«

Da begriff der Dämon, und er brüllte wutentbrannt: »Du elender Kerl, wie kannst du es wagen, dich ›Ahnherr‹ zu heißen! Man braucht dich doch bloß anzuschauen:

Aussehn tust du wie ein Affe,

Wie ’ne Meerkatze dein Maul,

Zu zwei Dritteln ein Gespenst,

Wagst du hier zu schwindeln faul!«

»Du Lump hast wohl keine Augen im Kopf!« höhnte Pilger. »Als ich alter Sun im Himmel Aufruhr gemacht habe, hat kein einziger Gott sich getraut, mich nicht mit ›Ehrwürden‹ anzureden. Es geht dir doch nichts ab, wenn du mich Ahnherr nennst!«

»Dann bist du jener Lümmel, der den Aufruhr im Himmelspalast gemacht hat!« fauchte der Dämonenkönig. »Wenn du schon heil davongekommen bist und jetzt den chinesischen Priester in den Westen begleitest, dann geh doch deiner Wege! Wozu lässt du dich in Purpurien als Sklave anheuern und suchst hier den Tod?«

»Du elender Diebesteufel!« schrie Pilger, »was hast du für eine Ahnung! Der König von Purpurien begegnet mir mit Hochachtung; er behandelt mich wie seine eigenen Eltern, ja wie einen Gott. Wie kannst du dich erdreisten, das Wort ›Sklave‹ zu benutzen! Stillgestanden, lass dir von deinem Ahnherrn eins in die Fresse hauen!«

Blitzschnell wich der Dämon aus und trat ihm mit erhobener Axt entgegen, dann fochten die beiden gut fünfzig Runden aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich sah der Dämon ein, dass Pilger überragende Fähigkeiten hatte und er ihn kaum je würde besiegen können. Also hielt er seine Axt gegen die Eisenstange und sprach: »Pilger Sun, halt inne. Ich habe heute noch gar nichts gegessen; warte mal, sobald ich satt bin, will ich mit dir einen Entscheidungskampf ausfechten.«

Pilger wusste natürlich, dass der Dämon seine Schellen holen wollte. Also steckte er die Stange ein und meinte: »Ein Held läuft keinem matten Hasen nach. Geh nur essen, und wenn du satt bist, kannst du hier in den Tod rennen.«

Schnell wandte sich der Dämon ab, stürzte in die Grotte und rief der Königin zu: »Gib mir sofort meinen Schatz!«

»Was wollt Ihr damit?« fragte die Königin.

»Es ist Sun Wukong, der da draußen zum Kampf aufgerufen hat. Er hat sich bloß als Ahnherr ausgegeben. Ich habe die ganze Zeit über mit ihm gekämpft, ohne dass eine Entscheidung fiel. Jetzt mache ich mit den Schellen Feuer und Rauch, bis dieser Affe verbrennt.«

Als die Königin das hörte, begann ihr Herz wild zu pochen. Sie zögerte, doch als der Dämon drängte, blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als den Kasten zu entriegeln und die drei Schellen auszuhändigen. Der Dämon lief damit hinaus, während die Königin unter Tränen niedersank und sich große Sorgen machte, ob Pilger wohl lebend davonkommen würde.

Wie der Dämon aus dem Tor trat, rief er im sicheren Gefühl seiner Überlegenheit: »Stillgestanden, Pilger Sun! Jetzt will ich meine Schellen läuten!«

Pilger lachte nur und gab zurück: »So, du hast Schellen? Glaubst du denn, ich hätte keine? Denkst du, wenn du damit bimmelst, könnte ich das nicht ebenso?«

»Was für Schellen hast du denn? Lass sehen!« rief der Dämon.

Pilger steckte seinen Goldreifstab zurück, löste die drei echten Zauberschätze vom Gürtel und rief: »Das sind sie, meine Schellen aus Purpurgold!«

Der Dämon erschrak und sann: »Seltsam! Wieso sehen die genau gleich aus wie meine?« Dann fragte er: »Woher hast du denn diese Schellen?«

»Woher hast du die deinen, mein Kind?« fragte Pilger zurück.

Da sprach der Dämon: »Diese meine Schellen wurden

In Gefilden höchster Reinheit,

Wo des Dao Ursprung liegt,

In dem Herd der Hexagramme

Als Metalle lang legiert.

So entstanden diese Schellen

Als das wahrhaft beste Gut,

Das der Alte Meister Laozi

Bis zu diesem Tag bewahrt.«

»Ha, meine Schellen sind auch aus jener Zeit«, lachte Pilger.

»Wie kann das denn sein?« wunderte sich der Dämon.

Da erklärte Pilger: »Diese meine Schellen

Hat der Patriarch des Dao,

Der die Elixiere braut,

Im Tusita-Hof geläutert

Und zu Schellen ausgebaut.

Zweimal Drei ergibt die Sechs,

Edle Kreislaufbahn vom Sein;398

Meine sind die weiblichen,

Die männlichen sind dein!«

»Diese Schellen sind doch keine Tiere, es sind Schätze des Goldenen Elixiers!« rief der Dämon empört. »Sie können doch nicht männlich oder weiblich sein! Aber wie auch immer, gut sind die, mit denen man zaubern kann.«

»Worte zählen nicht«, versetzte Pilger, »probier’s erst mal aus.«

Tatsächlich nahm der Dämon jetzt die erste Schelle und schüttelte sie drei Mal. Kein Feuer kam heraus. Da schüttelte er die zweite drei Mal, doch kein Rauch entstand, und bei der dritten blieb auch der Sand aus. Da bekam es der Dämon mit der Angst zu tun und rief: »Seltsam, unbegreiflich! Die Welt muss sich geändert haben. Die Schellen stehen ja unter dem Pantoffel; vor dem Weibchen versagt das Männchen!«

»Dann halt mal inne, mein Kind«, rief Pilger, »lass mich mal die Schellen schütteln!« Schon packte er alle drei auf einmal und begann zu schütteln.

Seht, wie es schlagartig feuerrot auflodert, düstere Rauchschwaden emporsteigen und gelber Sand sprüht! Binnen kurzem standen Bäume und bald gar der ganze Berg in

Flammen. Der Große Heilige aber murmelte einen Zauberspruch und ließ aus der Richtung des südöstlichen Wind-Trigramms Xun einen Sturm aufziehen. So war es in der Tat:

Die Böe facht das Feuer an,

Es lodert mächtig im Orkan,

Rote Flammen glühen,

Dunkle Schwaden wallen!

Der ganze Himmel steht in Brand,

Am Boden lauter gelber Sand!

Der Mächtige Unglücksstern war zu Tode erschrocken. Jetzt blieb kein Ausweg mehr; wie hätte er sich aus dieser Feuersbrunst je retten können!

Doch da erklang eine Stimme in der Höhe: »Sun Wukong, ich bin hier!«

Jäh hob Pilger den Kopf und gewahrte die Bodhisattva Guanyin. Mit ihrer Reinen Vase in der linken Hand und dem Weidenzweig in der rechten sprühte sie süßen Tau hernieder, um das Feuer zu löschen. Bestürzt knüpfte Pilger die Schellen an den Gürtel und warf sich mit gefalteten Händen nieder. Die Bodhisattva aber fuhr mit ihrem Weidenzweig über die Flammen, Rauch und Feuer vergingen, und auch der Sand war auf einmal verschwunden. Pilger schlug die Stirn auf den Boden und sprach: »Ich wusste nicht, dass Ihr auf Erden seid, o Göttin der Großen Barmherzigkeit! Verzeiht, dass ich Euch

nicht gebührend empfangen habe! Darf ich fragen, Bodhisattva, wohin Ihr Euch begeben wollt?«

Guanyin sprach: »Ich bin eigens gekommen, dieses Ungeheuer einzufangen.«

»Woher stammt denn dieser Dämon, dass wir gar Eure Heiligkeit in diese niederen Gefilde bemühen müssen?«

»Es ist die goldbehaarte Bestie, die mir als Reittier dient«,

antwortete die Bodhisattva. »Der Hirtenjunge ist eingeschlafen, seine Wachsamkeit war dahin, und so hat das Untier den Strick durchgebissen und ist hierhergekommen, um den König von Purpurien von seinem Leid zu befreien.«

»Umgekehrt, Bodhisattva«, widersprach Pilger. »Der Dämon hat König und Königin betrogen und dem König ein großes Leid zugefügt. Warum sagt Ihr stattdessen, er habe ihn vom Leid befreit?«

»Du weißt eben noch nicht alles«, entgegnete die Bodhisattva. »Damals, als in Purpurien noch der alte König herrschte, weilte der jetzige König als Kronprinz im Ostpalast. In jungen Jahren liebte er die Jagd über alles, und so kam er eines Tages mit einer Jagdgesellschaft an den Phönixhügel, wo er Jagdfalken und Hunde losließ. Am Fuß des Hügels aber befanden sich gerade zwei junge Pfauen, ein Weibchen und ein Männchen, und das waren die Kinder der Buddha-Mutter aus dem Westen, der großen erleuchteten Pfauen-Bodhisattva. Der Prinz aber spannte seinen Bogen und streckte das Pfauenmännchen nieder, während das Weibchen mit einem Pfeil im Leib nach Westen floh. Da verdammte die Pfauen- Bodhisattva den Prinzen zu einer dreijährigen Trennung von seiner Gattin und zu einer langwierigen Krankheit aufgrund der Trennung. Damals habe ich gerade diese Bestie geritten, daher muss sie wohl die Geschichte mitbekommen und sich die Sache gemerkt haben, so dass sie nun eigens gekommen ist, die Königin zu rauben, damit der König seine Schuld abbüßen kann. Nun sind aber die drei Jahre vergangen, die Leidenszeit ist um, und zum Glück bist du gekommen, den König zu heilen. Ich aber bin hier, um den Dämon einzufangen.«

»Aber Bodhisattva«, versetzte Pilger, »auch wenn eine solche Geschichte dahintersteckt, hat er sich immerhin an der Königin vergriffen; das verstößt gegen Sitte und Recht, dafür hätte er den Tod verdient. Da Ihr heute eigens hinunter auf Erden gekommen seid, mag ihm die Todesstrafe erspart bleiben, doch lasst mich wenigstens zwanzig Stockschläge verabreichen, dann mag er mit Euch ziehen!«

»Wukong«, entgegnete die Bodhisattva, »du siehst ja, dass ich eigens hinab auf Erden gekommen bin, also verschone ihn bitte, mir zuliebe!«

Pilger wagte nichts mehr einzuwenden. Guanyin aber rief mit strenger Stimme: »Sündenbiest! Willst du dich wohl endlich zurückverwandeln? Worauf wartest du noch?«

Da rollte sich das Ungeheuer über den Boden, nahm seine ursprüngliche Gestalt an und schüttelte sein Fell; Guanyin aber schwang sich auf seinen Rücken. Wie sie gewahrte, dass an seinem Hals die drei goldenen Schellen fehlten, rief sie: »Wukong, gib mir die Schellen wieder!«

»Wukong, gib mir die Schellen wieder!«

»Ich habe keine gesehen«, gab dieser zurück.

»Dann will ich gleich mal den Reifverengungsspruch aufsagen«, versetzte die Bodhisattva. Pilger erschrak, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr die Schellen darzubringen. So war es in der Tat:

Wer war es, der die Schellen

Vom Hals der Bestie nahm?

Die Antwort auf die Frage

Weiß, wer sie drangetan!

Guanyin legte dem Untier die Schellen um und rief: »Los!«

Seht nur:

Wie unter seinen Pranken

Lotosblüten schimmern,

Die goldnen Haare wallend

An seinem Leibe flimmern!

So schwebten sie im Nu zum Südmeer hinweg. Der Große Heilige aber stürmte mit wirbelnder Eisenstange in die Chimärengrotte, vernichtete sämtliche Ungeheuer und eilte schließlich zu den Wohngemächern, wo er die Königin aufforderte, mit in ihr Land zurückzukehren. Diese warf sich nieder und dankte ihm mit vielen Stirnaufschlägen. Pilger suchte ein paar biegsame Halme, die er zu einem Drachen zusammenflocht, dann hieß er die Königin aufsitzen und ohne Furcht die Augen schließen, und entfachte einen göttlichen Windstoß. Es sauste und brauste, bis sie nach kurzer Zeit den Palast erreichten, wo Pilger die Wolke senkte und rief: »Augen auf, Königin!«

Der Blick der Königin fiel auf die vertrauten Hallen und Dächer des Palastes. Überglücklich ließ sie den Grasdrachen liegen und trat mit Pilger in die Audienzhalle. Der König stieg unverzüglich vom Thron, fasste nach ihrer Hand und wollte gerade sein Glück in Worte fassen, als ihn plötzlich ein so heftiger Schmerz durchzuckte, dass er zu Boden stürzte.

»Oh, die Hand schmerzt!« rief er in einem fort. Bajie prustete vor Lachen und rief: »Haha, Pech gehabt, der kriegt nichts zu naschen. Kaum hat er sie erblickt, gibt sie ihm den Todesstoß!«

»Tölpel!« versetzte Pilger, »traust du dich etwa, sie anzufassen?«

»Warum auch nicht?«

»Die Königin hat giftige Stacheln am ganzen Leib«, erklärte Pilger, »in den drei Jahren auf dem Kirin-Berg hat der Dämon sie nie beflecken können. Wenn er sich ihrer bemächtigen wollte, kriegte er Schmerzen am Leib, wenn er ihre Hand fasste, schmerzte ihn die Hand.«

Ratlos sprachen die Hofbeamten: »Was kann man da bloß tun?«

Inzwischen hatten die Nebenfrauen vom Palast der Jadenen und der Silbernen Heiligkeit dem König aufgeholfen. Mitten in der Aufregung hörte man aus der Höhe eine Stimme nach dem Großen Heiligen rufen: »Hier bin ich!«

Da sah Pilger, dass es Himmelsmeister Zhang Daoling war. Er trat ihm entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: »Wohin des Wegs, Himmelsmeister?«

Vor der Palasthalle angelangt, erwiderte dieser den Gruß und sprach: »Ich bin vor drei Jahren auf dem Weg zu einer Versammlung des Buddha hier vorbeigekommen und habe gesehen, wie der König von Purpurien das Leid der Trennung erfuhr. Damit der Dämonenkönig die Königin nicht beflecken und eine spätere Wiedervereinigung mit dem König vereiteln würde, habe ich eine alte Kutte aus Palmfasern in ein regenbogenfarbenes Gewand verzaubert und es dem Dämon als Brautkleid für die Königin mitgegeben. Wie sie es angezogen hat, sind ihr am ganzen Leib giftige Stacheln gewachsen. Und diese Stacheln waren eben die Palmfasern. Da nun Ihr, Großer Heiliger, die Königin erfolgreich heimgeführt habt, bin ich eigens gekommen, sie davon zu erlösen.«

Er trat vor und wies mit dem Finger auf die Königin, da löste sich das Faserkleid, und die Königin war am ganzen Leibe wieder so wie früher. Der Himmelsmeister schüttelte das Kleidungsstück aus, warf es sich über die Schultern, verabschiedete sich von Pilger und stieg mit einem ehrerbietigen Gruß in die Lüfte. König und Königin, Konkubinen und Hofleute sahen ihm mit gefalteten Händen nach.

Nun wurde angeordnet, die Gasthalle im Ostflügel zu öffnen und den Pilgernden ein reiches Dankesmahl zu geben. Der König verneigte sich mit allen anderen zusammen kniend vor ihnen. Jetzt waren die beiden Eheleute endlich wieder in trautem Bunde.

Nun bat Pilger Tripitaka, dem König die Kriegserklärung zu zeigen, und berichtete ausführlich, was ihm die Bodhisattva Guanyin über die Erlösung von seinem Leiden erzählt hatte. Ein jeder im ganzen Palast war von Dankbarkeit erfüllt.

Da sprach Tripitaka: »Zum einen ist es das Verdienst meines geringen Schülers, zum anderen aber das Glück des werten Königs. Die Bewirtung, die wir hier erfahren dürfen, ist uns reichlich Dank genug, danach aber lasst uns ziehen; haltet geringen Mönch nicht von der Pilgerfahrt in den Westen ab!«

Der König verstand, dass er sie nicht länger aufhalten durfte, und drückte sein Siegel in das Reisedokument. Dann ließ er eine königliche Eskorte bereitstellen und bat Tripitaka in seine königliche Sänfte, während er selbst mit Königinnen und Konkubinen an seiner Seite, die Hände an der Sänfte, das Geleit gab. So war es in der Tat:

Von sorgenvollem Leiden

Wäscht ihn das Schicksal rein;

Ohne Sehnen und Sinnen

Kehrt ins Herz Friede ein.

Und da wir nicht wissen, was auf diesen Abschied folgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.