Wie berichtet wurde, hatte Tripitaka vom König von Purpurien Abschied genommen, und so gab er nun dem Ross die Sporen und strebte weiter dem Westen entgegen. Sie wanderten entlang zahlloser Berge und Täler, während der Herbst dem Winter zuging und schließlich wieder das Licht des Frühlings erstrahlte. Wie die vier Pilgernden nun eines Tages so dahinwanderten, gewahrten sie ein umwalltes Gehöft. Tripitaka stieg vom Pferd, blieb am Wegrand stehen und sagte: »Dort scheinen Leute zu wohnen. Ich möchte selbst um Almosen bitten gehen.«
Pilger lachte und meinte: »Meister, diese Mühe kann Euch doch jeder von uns ersparen; Ihr braucht nicht selber hinzugehen!«
Doch Tripitaka entgegnete: »Es geht nicht darum. Normalerweise, wenn wir auf weiter Flur und fernab jeder Behausung sind, müsst ihr für mich Almosen holen, da ihr keine Nähe und Ferne kennt. Heute jedoch sind die Häuser so nah, und das Wetter ist so schön und heiter, dass ich mich nur allzu gern ein wenig zu Fuß bewege.«
Da holte Bajie die Almosenschale und reichte sie dem Meister, und dieser ging mit ausholenden Schritten dem Gehöft entgegen. Dabei betrachtete er das Anwesen, das über eine steinerne Brücke zu erreichen war; es machte einen anmutigen Eindruck.
Nun verhielt es sich aber so, dass es in diesem Hause keine Männer gab; hinter den überdachten Fenstern konnte man in dem strohbedeckten Haus vier junge Frauen erkennen, die mit Handarbeit beschäftigt waren. Der Priester wagte sich ihnen nicht zu nähern und verbarg sich in einer Waldung, von wo aus er die Frauen beobachtete. Sie schienen allesamt:
Zur baldigen Vermählung fest entschlossen,
Wie eine frühlingsfrohe Orchidee;
Morgenröte tönt die zarten Wangen,
Kirschenlippen wie von rotem Schnee.400
Zarte Brauen, schön wie Sichelmonde;
Dunkles Haar wie Flügel von Zikaden,
Stünden sie in einem Blumenbeete,
Würden Bienen ihrer nicht entsagen!
Eine ganze Weile blieb der Priester stehen; ringsum war alles still, man hörte nicht einmal Hähne schreien oder Hunde bellen. Da sann der Priester: »Wenn es mir jetzt nicht gelingt, Almosen zu kriegen, werden mich meine Schüler sicher auslachen.« Und ehe er sich’s versah, trugen ihn seine Füße über die Brücke, obschon er noch ein leichtes Unbehagen verspürte. Ein paar Schritte weiter gewahrte er neben dem Strohhaus einen kleinen hölzernen Pavillon, wo sich weitere drei Damen beim Ballspiel vergnügten.
Ein paar Schritte weiter gewahrte er neben dem Strohhaus einen kleinen hölzernen Pavillon, wo sich weitere drei Damen beim Ballspiel vergnügten.
Tripitaka schaute ihnen eine Weile zu, doch schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als laut zu rufen: »Werte Damen! Geringer Mönch ist auf Almosengang und bittet um ein wenig Trank und Speise.«
Wie die Damen seine Worte hörten, warfen sie die Stickereien zur Seite, ließen den Ball liegen, sprangen fröhlich lachend auf ihn zu und riefen: »Verzeiht, dass wir Euch nicht empfangen haben, werter Priester! Einem Mönch auf Almosengang werden wir gewiss nicht den Zutritt verwehren. Kommt nur herein und setzt Euch!«
»Wie wunderbar«, dachte Tripitaka im Stillen, »der Westen ist in der Tat ein Land Buddhas! Wenn gar Frauen einem Pilger auf Almosengang solche Achtung schenken, wie fromm müssen dann erst die Männer sein!«
Mit gefalteten Händen machte er eine leichte Verneigung und folgte den Damen zum Haus. Als sie den Pavillon passiert hatten, spähte er hinein. Aber oho! Drinnen gab es ja gar keine richtigen Zimmer, da war nur ein felsiges Grottengewölbe!
Eine der Damen trat vor, stieß das steinerne Tor auf und bat Tripitaka, drinnen Platz zu nehmen. Der Priester trat ein und sah sich um. Hier gab es nur ein paar steinerne Tische und Bänke, und eine frostige Kälte schlug ihm entgegen. Da erfüllte sich sein Herz mit Furcht, und er sann im Stillen: »Da liegt etwas Ungutes in der Luft.«
Lächelnd riefen ihm die Damen zu: »Nehmt doch Platz, Priester!«
Da blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu setzen.
»Von welchem Kloster seid Ihr denn«, wollten die Damen wissen, »und was sammelt Ihr für wohltätige Spenden?«
»Ich bin nicht wegen wohltätiger Spenden auf Almosengang«, erwiderte Tripitaka. »Ich komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere zum Westhimmel, um Heilige Schriften zu holen. Weil ich an diesem geschätzten Ort hungrig geworden bin, habe ich Eure werte Residenz aufgesucht, um eine Mahlzeit zu erbitten.«
»Gerne, gerne!« meinten da die Damen, »so heißt es doch im Volksmund: ›Weitgereiste Mönche predigen die Heiligen Schriften am besten.‹ Schwestern, wir wollen es an nichts fehlen lassen, tischen wir gleich auf!«
Drei Damen blieben bei Tripitaka, um ihm Gesellschaft zu leisten, und unterhielten sich mit ihm ein wenig über den buddhistischen Gedanken der Vergeltung, während die anderen vier in der Küche hantierten.
Und was glaubt ihr, was für Speisen sie dort zubereiteten?
Es waren: in Menschenöl gebratenes Menschenfleisch, so lange gesotten, dass es ganz dunkel war und aussah wie weiche Teigbällchen, dazu gedünstetes Menschenhirn, wie Tofu in Stücke geschnitten. Schließlich wurden die Gerichte aufgetragen und vor Tripitaka auf dem Steintisch platziert, und die Damen sprachen: »Bedient Euch, bitte!«
Der Priester schnupperte ein wenig, und der Fleischgeruch stieg ihm in die Nase. Da neigte er sich mit gefalteten Händen vor und sprach: »Werte Damen, geringer Mönch ist von Geburt an abstinent.«
»Aber Priester, das ist doch alles vegetarisch!« lachten die Damen.
»Buddha Amithaba!« rief der Priester aus, »wenn ich dies verzehren würde, könnte ich niemals das Antlitz des Erhabenen erblicken und würde niemals die Heiligen Schriften erhalten. Werte Damen, es ist wahrlich besser, Lebewesen freizulassen, als sich von Lebewesen zu ernähren. Bitte, lasst geringen Mönch gehen!«
Schon erhob er sich, doch da versperrten ihm die Damen die Tür und wollten ihn unter keinen Umständen fortlassen.
»Wo wollt Ihr hin?« riefen sie vorwurfsvoll, »Ihr habt doch Eure Sache noch gar nicht erledigt!«
Da sich jede der Damen ein wenig auf Kampfkunst verstand und sie Hände und Füße flink zu bewegen wussten, war es ihnen ein Leichtes, den Priester zurückzuhalten. Bald hatten sie ihn zu Boden gezerrt und hielten ihn gemeinsam fest, dann banden sie ihn in Stricke und hievten ihn an den Firstbalken. Als sie damit fertig waren, begannen sie ihre Kleider abzulegen. Erschrocken dachte Tripitaka: »Wenn sie sich ausziehen, werden sie mich gewiss prügeln. Oder gar bei lebendigem Leibe fressen, wer weiß!«
Die Damen aber entledigten sich ihrer Kleider nur so weit, bis ihre Bäuche zum Vorschein kamen, und nun vollführten sie eine Magie: Alle zauberten sie aus dem Bauchnabel Schnüre hervor, die so dick waren wie ein Entenei und in einem fort herausquollen, weiß wie Jade und glänzend wie Silber. Binnen kurzem war das ganze Anwesen davon bedeckt.
Doch wenden wir uns Pilger, Bajie und Sandmönch zu, die immer noch an der Landstraße warteten, wo die beiden Jüngeren das Pferd weideten und das Gepäck bewachten. Nur Pilger hatte sich, keck wie er war, auf einen Baum geschwungen, wo er die Äste bog, an den Blättern rupfte und nach Früchten suchte. Als er sich zwischendurch einmal umblickte, fiel ihm eine helle Fläche auf. Bestürzt sprang er vom Baum und rief den anderen zu: »Unheil, Unheil! Unserem Meister muss etwas zugestoßen sein!« Er wies mit der Hand auf das Anwesen und rief: »Seht ihr, wie der Hof aussieht?«
Bajie und Sandmönch spähten hin und bemerkten jetzt auch, dass sich dort etwas Schneeweißes ausgebreitet hatte, das wie Silber schimmerte.
»Ach herrje!« rief Bajie, »unser Meister ist gewiss einem Dämon in die Falle gegangen! Retten wir ihn schnell!«
»Nur mit der Ruhe, werter Bruder«, versetzte Pilger, »lass erst den alten Sun hingehen.«
In wenigen Sprüngen war Pilger angelangt und sah nun, dass alles von dicken Seilen umwoben war, so eng ineinander verstrickt wie Zettel und Kettfaden, und das zu tausendfältigen Schichten. Die Stricke fühlten sich leicht klebrig an. Ohne zu wissen, was geschehen war, packte er seine Stange und wollte sie niederschmettern, doch plötzlich hielt er inne und sann: »Wenn es was Hartes wäre, könnte ich es leicht in Stücke hauen, doch dieses weiche Zeug lässt sich höchstens flachschlagen. Würde ich aber damit den Dämon aufschrecken und er mich alten Sun umgarnen, hätte ich auch nichts davon. Lieber will ich mich erst mal schlau machen.«
Was glaubt ihr, wo er sich erkundigte?
Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch zwang er einen alten Erdgeist hervor und fragte ihn: »Was ist das für ein Ort?«
Der Erdgeist antwortete: »Dieser Hügel heißt
Zwirnspinnhügel, und an seinem Fuße liegt die Zwirnspinngrotte. In dieser Grotte aber wohnen sieben weibliche Ungeheuer.«
»Wie groß sind ihre Zauberkräfte?«
»Meine Wenigkeit hat nur geringe Kräfte und wenig Autorität«, sprach der Erdgeist, »darum ist mir nicht bekannt, wie groß ihre Fähigkeiten sind. Was ich weiß, ist einzig, dass drei Wegmeilen südlich von hier eine heiße Quelle liegt, die Reinigungsquelle. Dort war einst das Bad der Sieben Himmlischen Feen, doch als diese Ungeheuer gekommen sind, haben sie die Quelle in Besitz genommen, und die Feen haben sich nicht einmal mit ihnen angelegt, sondern sie ihnen einfach abgetreten. Ungeheuer, an die sich gar Gottheiten des Himmels nicht herantrauen, müssen meiner Meinung nach ziemlich mächtig sein.«
»Wozu halten sie denn die Quelle besetzt?« wollte Pilger wissen.
»Sie kommen täglich dreimal hierher zum Baden. Jetzt ist erst Vormittag, wartet bis Mittag, dann gehen sie wieder hin!«
Als Pilger dies vernommen hatte, hieß er den Erdgeist abtreten, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Schmeißfliege, landete am Wegesrand auf einem Grashalm und wartete. Plötzlich vernahm er ein Rascheln, das sich anhörte wie Maulbeerblätter fressende Seidenraupen, bald aber anschwoll wie ein Meeresrauschen. Es dauerte nicht länger, als man braucht, eine halbe Schale Tee zu trinken, da waren die seidenen Stricke auf einmal verschwunden, und das Gehöft war wieder sichtbar. Mit einem Quietschen ging die Tür auf, und die sieben Damen kamen fröhlich lachend aus dem Haus. Pilger beobachtete aus seinem Versteck, wie sie Hand in Hand, Schulter an Schulter über die Brücke schlenderten und lachend miteinander plauderten. Es war in der Tat ein anmutiger Anblick. Pilger grinste vor sich hin und meinte: »Kein Wunder wollte der Meister selbst Almosen holen gehen! So was Nettes gibt’s hier also. Aber wenn die sieben Hübschen meinen Meister fressen, werden die ja nicht mal für eine einzige Mahlzeit satt. Und wollten sie ihn benutzen, hielte er auch nicht länger als zwei Tage durch; er würde doch gleich sterben in ihren Händen. Da will ich mal aushorchen, was sie mit ihm vorhaben.«
Schon surrte er hoch und landete auf dem Haarknoten der vordersten Dame. Als sie eben die Brücke überquert hatte, kam eine andere herbeigeeilt und rief: »Schwester, wenn wir gebadet haben, wollen wir den fetten Mönch dünsten und verspeisen!«
Hie und da ein paar Blumen pflückend, schlenderten die Damen weiter gen Süden und hatten ihr Ziel bald erreicht. Das Bad war von einer Mauer umgeben und hatte ein prächtiges Portal. Eine der Damen trat vor und stieß die beiden Torflügel auf, und drinnen war tatsächlich eine heiße Quelle. Woher wohl diese Quelle stammte, fragt ihr?
Im Anbeginn der Weltenschöpfung gab es einst zehn Sonnen. Später kam der Held Houyi, der neun dieser Sonnenraben niederschoss, so dass einzig unser Sonnenstern, der Goldene Rabe, dieses Wahre Feuer der Höchsten Yang- Kraft, am Himmel blieb. Auf Erden aber wurden die anderen Sonnenraben zu neun heißen Quellen: die Duftkältequelle, die Bergquelle, die Thermalquelle, die Ostquelle, die Quellen von Huangshan, Xiao’an und Guangfen, die Hitzequelle und diese hier, die Reinwaschquelle.
Das Schwimmbecken mass etwa fünf Klafter in der Breite und zehn in der Länge und war etwa vier Fuß tief. Das Wasser war so klar, dass man auf den Grund sehen konnte, wo das Quellwasser in silbernen Bläschen aufstieg. Seitlich hatte das viereckige Bassin sechs oder sieben Öffnungen, durch die das Wasser ausströmte und wohl zwei, drei Meilen weiterrann, bis es noch warm in den Feldern versickerte. Am Rande des Bassins waren außerdem drei Badehäuschen; dort stand in der Mitte an der hinteren Wand eine achtbeinige Sitzbank, und an den Seitenwänden gab es buntlackierte Kleiderständer. Pilger schwirrte zu den Ständern hinüber und wartete.
Wie sie das klare, warme Wasser erblickten, wollten die Damen gleich ihr Bad nehmen. Schon begannen sie sich ihrer
Gewänder zu entledigen und hängten sie auf den Kleiderständer.
Seht, wie sie nun allesamt
Die Verschlüsse flink aufknöpfen,
Ihre Seidengürtel lösen;
Silberhelle sanfte Brüste,
Schneeig weiße Haut entblößen!
Arme schimmern fein wie Jade,
Schultern wie von Mehl so zart;
Weich und samten ihre Bäuche,
Hell und rein ihr Rückengrat!
Artig kleine Lotosfüßchen,
Runde Knie, welch zarter Schatz;
In der Mitte, Lust und Wonne,
Zeigt sich gar ihr Liebesschlitz!
Nun sprangen sie ins Bad, dass es nur so spritzte, und vergnügten sich spielend im Wasser. Da sann Pilger: »Wenn ich sie jetzt erschlagen wollte, bräuchte ich bloß mit der Stange ein wenig im Wasser zu rühren, so wie man kochendes Wasser in ein Mäusenest gießt, dann wären die Ärmsten erledigt! So hätte ich sie zwar erschlagen, aber dann wäre auch mein Ruf dahin. Denn schließlich heißt es ja: ›Ein Mann kämpft nicht mit einer Frau.‹ Nein, es geht nicht an, dass ein wackerer Kerl wie ich wehrlose Damen umlegt. Verhauen will ich sie nicht, aber doch dafür sorgen, dass sie nicht so bald wieder hier rauskommen. Fürs Erste soll das reichen.«
Da verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen hungrigen Adler, stach in einem Schwung herab, spreizte die scharfen Krallen und packte alle sieben Gewänder auf den Kleiderständern. Flugs überquerte er damit den Hügel, nahm vor Bajie und Sandmönch seine eigene Gestalt an und rief: »Schaut her!«
»Der Meister muss wohl in ein Pachthaus geraten sein!« spottete der Tölpel.
»Wieso das?« wunderte sich Sandmönch.
»Schau doch, unser Bruder hat so viele Kleider mitgebracht!«
Pilger warf die Sachen hin und erklärte: »Das sind die Kleider der Ungeheuer.«
»Warum denn so viele?« wunderte sich Bajie.
»Sieben.«
»Wie hast du es bloß geschafft, die auszuziehen, gar bis auf die Haut?«
»Hab die doch nicht ausgezogen«, versetzte Pilger und erklärte: »Hier ist der Zwirnspinnhügel, und dieser Gutshof ist die Zwirnspinngrotte, in der sieben weibliche Ungeheuer wohnen, und die halten unseren Meister in ihrer Grotte gefangen. Jetzt sind sie zum Bad in der Reinigungsquelle gegangen, das ist eine natürliche Heißwasserquelle. Sie hatten die Absicht, nach dem Bad den Meister zu kochen und zu fressen, doch ich bin ihnen gefolgt und habe gesehen, wie sie die Kleider auszogen. Erst wollte ich sie verhauen, doch dann hab ich mir überlegt, dass ich meine Stange lieber nicht beschmutze, damit nicht mein guter Ruf zuschanden geht. Drum hab ich mich in einen Adler verwandelt und ihre Kleider davongetragen; jetzt trauen sie sich nicht mehr raus und hocken immer noch im Wasser. Lasst uns rasch den Meister retten und weiterziehen!«
»Aber Bruder«, warf Bajie lachend ein, »du verpasst es immer, die Dinge an der Wurzel zu beseitigen! Wenn du schon siehst, dass es Ungeheuer sind, warum haust du sie nicht tot? Wenn ich dort gewesen wäre, hätte ich sie hingemacht und dann gleich den Meister gerettet; das nennt sich doch erst ›das Übel an der Wurzel packen‹!«
»Ich werde das nicht tun«, gab Pilger zurück, »wenn du es für nötig hältst, dann geh selber hin!«
Da warf sich Bajie in die Brust, packte seinen Rechen und stob beschwingt davon. Bald war er beim Bad, stieß das Tor auf und sah die sieben Damen, die sich im Wasser duckten und vor sich hin schimpften: »Dieses flachhaarige Biest, dieser katzenköpfige Landstreicher! All unsere Kleider hat er uns gestohlen, wie sollen wir bloß wieder fortkommen?«
Bajie prustete vor Lachen und rief: »Werte Damen, wie schön ihr hier badet! Lasst den Mönch doch auch ein bisschen ins Wasser, ja?«
Als die Damen ihn erblickten, riefen sie wütend: »Was soll denn das für ein Mönch sein, unverschämt! Wir sind Frauen aus gutem Hause, und Ihr seid ein Geistlicher aus dem Kloster. Schon in den alten Schriften steht: ›Vom siebten Lebensjahre an teilen sich Knaben und Mädchen nicht länger die Sitzmatte.‹401 Wie könnt Ihr Euch erdreisten, mit uns im selben Bade baden zu wollen!«
»Tut mir leid, heut ist’s so heiß, lasst mich einfach ein bisschen ins Wasser. Wir haben ja keine Schulbücher dabei, was kümmert uns, wer mit wem auf der Matte sitzt!«
Ohne sie zu Wort kommen zu lassen, warf der Tölpel seinen Rechen nieder, zog sich die schwarze Mönchskutte aus und platschte ins Wasser. Wütend stürzten die Ungeheuer auf ihn ein und wollten ihn schlagen, nur hatten sie nicht damit gerechnet, dass Bajie im Wasser erstaunlich gewandt war. Schon hatte er sich mit einem leichten Dreh in einen Wels verwandelt, und die Ungeheuer versuchten ihn vergeblich zu fassen. Wollten sie ihn auf der einen Seite packen, war er schon auf der anderen, fassten sie nach links, flutschte er nach rechts. Schlüpfrig wie er war, glitt er zwischen ihren Beinen hin und her, und die Damen stürmten so lange im Kreis herum, bis sie vor Erschöpfung keuchten.
Schließlich sprang Bajie ans Ufer und nahm seine eigene Gestalt an, dann zog er die Mönchskutte an, schwang seinen Rechen und brüllte: »Schaut, wer ich bin! Glaubt bloß nicht, ich wäre nur der Geist von einem Wels!«
Als die Ungeheuer ihn so auftreten sahen, fuhr ihnen ein Schrecken in die Glieder, und sie riefen: »Wer seid Ihr denn? Sagt offen, woher Ihr kommt; Ihr müsst Euren Namen nennen!«
»Gemeine Ungeheuer!« schrie Bajie, »ihr wollt mich also
nicht erkennen! Ich bin Eber Bajie, Schüler des schriftenholenden Priesters aus dem großen chinesischen Kaiserreich! Ihr habt meinen Meister in eurer Grotte gefangen und wollt ihn kochen und verspeisen. Ihr glaubt wohl, meinen Meister könne man einfach so kochen? Los, her mit den Köpfen, jede kriegt eins mit der Harke, dass ich euch an der Wurzel ausrotte!«
Ängstlich knieten die Ungeheuer nun im Wasser nieder und flehten: »Werter Priester, habt Erbarmen! Wir mussten von Blindheit geschlagen sein, dass wir uns an Eurem Meister vergriffen. Zwar haben wir ihn in der Grotte hochgebunden, doch haben wir ihm nichts angetan. Bitte erbarmt Euch unser und lasst uns am Leben! Gerne geben wir Euch Reisegeld und bringen Euren Meister in den Westen!«
Bajie winkte ab: »Nichts da. Der Volksmund sagt: ›Wer mal dem Zuckerhändler auf den Leim gegangen ist, glaubt honigsüßen Worten nimmermehr.‹ Ich verdresche euch, und dann geht jeder seiner Wege.«
Grobschlächtig wie er war, mochte der Tölpel sich nicht länger mit den Schönen abgeben, schwang seinen Rechen und rannte blindlings auf sie zu. Da gerieten die Ungeheuer in Panik und vermochten in ihrer Todesangst nicht mehr auf ihr Schamgefühl Rücksicht zu nehmen; schützend hielten sie die Hände unter den Bauchnabel, sprangen aus dem Wasser und rannten zum Badehaus. Dort aber ließen sie ihren Zauber spielen, und schon quollen aus jedem Bauchnabel Stricke hervor, die sich alsbald zu einem dichten Netz verflochten, das sich über Bajie legte. Als der Tölpel gewahrte, dass sich der Himmel bedeckte, wollte er davonlaufen, doch schon verstrickten sich seine Füße in den Seilen, welche die Ungeheuer als Fallstricke ausgelegt hatten. Der Boden war voll davon, so dass Bajie im Versuch, sich fortzubewegen, nur noch strauchelte. Längelang fiel er hin und purzelte zur Seite, und als er hastig kehrtmachen wollte, kam er ins Stolpern, taumelte in den Staub, rappelte sich wieder hoch, doch nur um gleich wieder kopfüber am Boden zu landen. Wer weiß, wie viele Purzelbäume dieser Tölpel noch aufführte, bis ihm endlich die Kräfte versagten und ihm so schwindlig war, dass er nur noch wimmernd am Boden liegen blieb. Da banden ihn die Ungeheuer in Stricke, ließen ihn aber unversehrt. Schließlich stürzten sie hinaus, hüllten sich in eine Decke aus Stricken und kehrten zur Grotte zurück. Auf der Steinbrücke ließen sie die Decke verschwinden und liefen splitternackt in die Grotte hinein, kichernd und glucksend an Tripitaka vorbei.
In den Felsgemächern suchten sie ein paar alte Kleidungsstücke hervor und zogen sich an, dann gingen sie zum hinteren Ausgang und riefen: »Kinderchen, wo seid ihr?«
Es verhielt sich nämlich so, dass jedes dieser Ungeheuer einen Sohn hatte, allerdings nicht einen eigenen, sondern einen angenommenen. Deren Namen lauteten Bi, We, Wan, Rau, Ho, Heu und Li, denn es waren eine Biene, eine Wespe, eine Wanze, eine Raupe, eine Hornisse, eine Heuschrecke und eine Libelle. Einst hatten die Ungeheuer diese Insekten in ihrem Netz gefangen, doch die Insekten hatten inständig um ihr Leben gefleht und versprochen, sie als Mütter anzuerkennen. Seither brachten sie den Ungeheuern stets Blumen und Früchte und sorgten für sie. Wie sie nun deren Ruf vernahmen, eilten sie herbei und fragten, womit sie den Müttern dienen könnten.
»Ach Kinderlein!« riefen die Ungeheuer, »heute früh haben wir uns aus Versehen mit einem Priester aus dem chinesischen Kaiserreich angelegt. Eben sind wir von dessen Schüler im Bad aufgehalten worden; es war schrecklich beschämend, beinah hätte es uns das Leben gekostet! Macht euch auf und seht zu, dass ihr die vertreiben könnt. Wenn ihr fertig seid, kommt zum Hause vom Oheim.«
Während sich die Ungeheuer zu ihrem Meisterbruder begaben, ballten die Insekten die Fäuste, rieben sich die Hände und machten sich auf, gegen den Feind anzukämpfen.
Doch wenden wir uns wieder Bajie zu, der halb ohnmächtig am Boden lag, bis er auf einmal gewahrte, dass die Stricke ringsum verschwunden waren. Da rappelte er sich auf und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Als er Pilger sah, rief er ihm zu: »Bruder, hab ich Beulen am Kopf? Hab ich blaue Flecken im Gesicht?«
»Warum denn?« fragte dieser.
»Diese Biester haben mich mit Strängen umwickelt und mir Fallstricke vor die Füße gelegt; ich kann gar nicht sagen, wie oft ich drüber gestrauchelt bin. Eben sind die Stricke plötzlich verschwunden, und ich bin zum Glück noch mal heil davongekommen.«
»Schlimm!« rief da Sandmönch, »was hast du angerichtet! Gewiss sind die Ungeheuer in die Grotte zurückgekehrt und wollen nun unserem Meister was antun. Wir müssen ihn sofort retten!«
Schon schritt Pilger voran, und Bajie folgte ihm, das Pferd am Halfter führend, zum Gutshof. Bei der Steinbrücke trafen sie auf sieben kleine Ungeheuer, die sich ihnen in den Weg stellten mit dem Ruf: »Halt! Hier geht’s nicht weiter!«
»Lächerlich!« rief Pilger, als er die Insekten erblickte, »das sind ja winzige Persönchen! Keine drei Ellen lang, keine zehn Pfund schwer!« Und er fauchte sie an: »Wer seid ihr?«
»Wir sind die Söhne der Sieben Feen«, kam die Antwort, »ihr habt unsere Mütter gedemütigt, und nun seid ihr auch
noch so ahnungslos, hier anklopfen zu wollen! Stehengeblieben, Achtung!«
Schon wirbelten alle durcheinander und starteten zum Angriff. Als Bajie aufgeregt mit seinem Rechen um sich zu fuchteln begann, zeigten sich die Ungeheuer in eigener Gestalt, surrten herbei und schrien: »Verwandlung!«
Auf der Stelle wurden aus jedem Insekt zehn, aus zehn hundert, bald waren es Tausende und Abertausende. Man sah nur noch:
Oben ein Heuschreckenschwarm,
Unten die Libellen tanzen;
Bienen, Wespen um die Ohren,
In die Augen stechen Wanzen!
Käfer zwicken vorn und hinten,
Hornissen von Kopf bis Fuß;
Schwarz schwirrt alles ums Gesicht,
Gar die Götter werden blass!
Erschrocken rief Bajie: »Bruder, und da sagst du noch, Schriftenholen sei keine Sache! Auf dem Weg in den Westen greifen einen sogar die Insekten an!«
»Keine Sorge!« winkte Pilger ab, »ich habe ein Gegenmittel.«
Aus einem Pelzhaar, das er rasch auszupfte, zerkaute und
ausspuckte, zauberte er einen Wanderfalken, einen Wespenbussard, eine Kornweihe, einen Seeadler, einen Bussard, einen Falken, einen Fischadler und einen Habicht.
»Was murmelst du da für Fachwörter?« fragte Bajie.
»Das verstehst du eben nicht«, gab Pilger zurück, »die Viecher sind sieben Insekten, darum hab ich aus dem Haar sieben Raubvögel gezaubert.«
Die Raubvögel verstanden sich ausgezeichnet aufs Fangen von Insekten. Mit jedem Schnappen war eins weg, und während sie mit gespreizten Klauen ihre Flügel schlugen, wurde binnen kurzem alles leergefegt, bis in den Lüften nichts mehr zu sehen, der Boden hingegen von einer knöchelhohen Schicht Insekten bedeckt war.
So gelangten die drei Ordensbrüder schließlich über die Brücke und eilten in die Grotte, wo sie den schluchzenden Meister antrafen. Bajie trat auf ihn zu und rief: »Meister, bloß weil Ihr Euch unbedingt hier aufhängen wolltet, musste ich in einem fort stolpern!«
Pilger hingegen machte sich unverzüglich daran, den Meister zu befreien. Dann fragte er: »Wo sind denn die Ungeheuer?«
»Alle sieben sind splitternackt nach hinten gerannt und haben nach ihren Kindern gerufen«, antwortete Tripitaka.
Da packten die drei ihre Waffen und durchsuchten den Hinterhof, doch dort war niemand aufzufinden. Also kamen sie schließlich zurück und baten Tripitaka aufs Pferd. Alle waren der Meinung: »Meister, wenn Ihr nächstes Mal was zu essen braucht, dann lasst doch lieber uns auf Almosengang!«
»Ja, werte Schüler. Von jetzt an werde ich nie wieder auf eigene Faust herumwandern, auch nicht, wenn ich hungrig bin.«
Zuletzt sammelte Bajie dürre Äste und Ranken und entfachte ein Feuer im Gutshof, dass er alsbald in Glut und Asche zerfiel. Beruhigt setzten Meister und Schüler nun ihren Weg fort. Und da wir nicht wissen, ob ihnen in der Folge Glück oder Unglück beschieden war, lasst uns das nächste Kapitel anhören.