Wie berichtet, waren Tripitaka und seine drei Schüler wieder auf die Landstraße geeilt und zogen nun weiter dem Westen entgegen. Bald gewahrten sie in der Ferne eine Ansammlung prachtvoller Bauwerke. Tripitaka brachte sein Pferd zum Stehen und fragte: »Schaut mal, meine Schüler, was mögen das für Gebäude sein?«
Pilger spähte hinüber und meinte: »Meister, das hat ganz den Anschein von einem buddhistischen oder daoistischen Kloster. Wenn wir dort sind, werden wir sehen, was es ist.«
Als sie das Kloster erreicht hatten, lasen sie auf einer Steinplatte über dem Portal: »Kloster der Gelben Blüte«.
»Das ist daoistisch«, erklärte Bajie. »Lasst uns reingehen. Schließlich beschreiten die Daoisten genauso den Weg zur Vervollkommnung, auch wenn sie anders gekleidet sind als wir.«
»Du hast recht«, meinte Sandmönch, »gehen wir rein. Da können wir uns umsehen und gleichzeitig schauen, ob wir für den Meister etwas zu essen kriegen.«
Der Priester war einverstanden, und so traten sie denn alle vier ein. Am zweiten Toreingang waren links und rechts in senkrechter Schrift die Verse zu lesen:
»Gelbe Keime, Weißer Schnee, eine Götterresidenz,402
Jadeblüten, Jaspiskräuter, Heimat von Unsterblichen.«
Hinter diesem Portal lag die Haupthalle, deren Tore aber verschlossen waren. Doch rechter Hand saß ein Daoist im östlichen Korridor, gerade damit beschäftigt, Kräuterpillen zu drehen. Tripitaka gewahrte ihn und rief: »Seid gegrüßt, werter Unsterblicher!«
Jäh blickte der Daoist auf und sah die Ankömmlinge erschrocken an. Dann ließ er seine Präparate liegen, strich sich die schwarze Robe zurecht und kam ihnen über die Treppe hinab entgegen.
»Werte Meister, bitte nehmt in der Halle Platz!« begrüßte er Tripitaka.
Freudig stieg der Priester zur Haupthalle und stieß die Tore auf. Drinnen waren die Statuen der Drei Reinen zu sehen. Nachdem er ein Räucherstäbchen entzündet und sich respektvoll verneigt hatte, vollzog er vor dem Daoisten die Begrüßungsriten und setzte sich schließlich. Rasch schickte der Daoist ein paar Tempelknaben, Tee aufzugießen. Doch kaum waren diese hineingegangen, um Tee zuzubereiten, hatten auch schon die Widersacher Lunte gerochen.
Es verhielt sich nämlich so, dass die sieben Ungeheuer der Zwirnspinngrotte früher mit diesem Daoisten magische Künste erlernt hatten, und so waren sie heute, nachdem sie ihre
Kinderchen gerufen hatten, auf schnellstem Weg hierhergekommen. Nun saßen sie im hinteren Klosterteil und schneiderten sich neue Kleider. Wie sie bemerkten, dass die Knaben Tee kochten, fragten sie gleich: »Was sind denn für Gäste da, dass ihr so geschäftig seid?«
»Vier buddhistische Mönche sind eben angekommen«, erwiderten die Knaben, »drum hat uns der Meister Tee auftragen geheißen.«
»Ist auch ein feister mit heller Haut dabei?« wollten die Ungeheuer wissen.
»Ja«, antworteten die Knaben.
»Dann bittet euren Meister hierher, sobald ihr den Tee hineingebracht habt; wir müssen ihm etwas Dringendes mitteilen.«
Die Knaben brachten den Tee nach vorn und bewirteten die Gäste. Als alle ausgetrunken hatten, warf einer von ihnen dem Daoistenmeister einen bedeutungsvollen Blick zu, da stand dieser mit einer leichten Verneigung auf und sprach: »Mögen die werten Gäste einen Augenblick warten, ich bin gleich wieder da.«
Als er in die Abtei kam, knieten die sieben Damen in einer Reihe vor ihm nieder und riefen: »Bitte, hört Eure Schwestern an!«
Der Daoist reichte ihnen die Hand zum Aufstehen und sprach: »Als ihr heute früh angekommen seid und mit mir sprechen wolltet, konnte ich euch keine Antwort geben, weil ich gerade ein Kräuterelixier zubereitete, das nicht mit weiblicher Energie in Kontakt kommen darf. Doch jetzt sind auch noch Gäste da; also erzählt nun ruhig, was ihr sagen wolltet.«
»Werter Bruder«, begannen die Ungeheuer, »diese Sache wagen wir Euch nur zu erzählen, weil ebenjene Gäste da sind. Die vier Mönche, die nun vorne sitzen, kommen aus dem chinesischen Kaiserreich und wollen im Westen Heilige Schriften holen. Heute früh ist der eine in unsere Grotte gekommen und hat um Almosen gebeten. Da wir wussten, dass dieser chinesische Priester sich seit zehn Inkarnationen im Weg der Vervollkommnung übt und einen so reinen Leib besitzt, dass schon ein einziges Stück von seinem Fleisch unsterblich macht, haben wir ihn eingesperrt. Doch dann hat uns ein Mönch mit einer langen Schnauze und großen Ohren im Bad der Reinigungsquelle aufgehalten; erst hat er uns die Kleider entwendet, dann ist er ins Wasser gesprungen und wollte uns schänden. Weil wir uns wehrten, ist er gar mit einem Rechen auf uns losgegangen und wollte uns töten. Hätten wir nicht schlagfertig gehandelt, wären wir unter seiner Hand umgekommen. Darum haben wir am Ende aufs beschämendste fliehen müssen. Danach haben wir Eure Neffen ausgeschickt, sie zu bekämpfen, und zur Zeit wissen wir noch nicht einmal, wie es um ihr Leben bestellt ist! Darum sind wir hierhergekommen, um bei Euch Zuflucht zu suchen. Bitte, Bruder, helft uns, eingedenk unserer gemeinsamen Studien, uns an diesen Mönchen zu rächen!«
Da stieß der Daoist mit hasserfüllter Miene hervor: »Welch eine Schamlosigkeit von diesen Mönchen! Ihr könnt beruhigt sein, die werde ich erledigen.«
»Wenn Ihr gegen sie kämpft, werden wir Euch zu Hilfe kommen«, versprachen die Ungeheuer.
»Kampf ist gar nicht nötig«, winkte der Daoist ab, »so heißt es doch: ›Wer kämpft, ist selber angreifbar.‹ Kommt mal alle mit!«
Die Damen folgten ihm bis zu einem der hintersten Räume. Dort brachte der Daoist eine Leiter an und stieg zum Tragbalken hoch, wo er ein ledernes Kästchen holte. Unten öffnete er es, entnahm ein Päckchen Arzneipulver und sprach zu den Damen: »Hiervon, meine werten Schwestern, braucht ein Normalsterblicher nur ein einziges Gramm einzunehmen, dann ist er mausetot. Für einen Unsterblichen geht es mit drei Gramm, dann ist er auch hin. Die Mönche verstehen sich wohl auf ein paar Zauberkünste, da nehmen wir lieber drei Gramm. Bringt die Waage!«
Eine der Damen wog mit einer kleinen Handwaage zwölf Gramm des Pulvers ab und verteilte es in vier Häufchen, dann spalteten sie zwölf rote Datteln leicht auf und drückten in jede ein Gramm Pulver. Schließlich wurden die Datteln in vier Teeschalen verteilt. Zuletzt legte der Daoist zwei schwarze Datteln in eine fünfte Schale, stellte dann alles auf ein Tablett und sprach zu den Damen: »Nun wartet ab, bis ich gefragt habe, woher sie kommen. Sollten sie nicht aus China sein, dann lassen wir es. Falls sie es aber wirklich sind, werde ich gleich nach frischem Tee rufen, und dann lasst ihr diese Schalen auftragen. Sobald sie alles verzehrt haben und tot sind, ist die Rache getan.«
Die sieben Damen waren ihm überaus dankbar.
Der Daoist aber zog ein frisches Gewand über und empfahl sich höflich. Nun bat er Tripitaka und seine Schüler abermals, sich zu setzen, und sprach: »Verzeiht, werte Meister, eben habe ich den Schülern aufgetragen, ein Mahl herzurichten, darum musste ich euch einen Augenblick allein lassen.«
»Geringer Mönch ist mit leeren Händen gekommen«, erwiderte Tripitaka bescheiden, »wie könnten wir von Euch ein Mahl zu begehren wagen?«
Lächelnd sprach der Daoist: »Ihr seid doch Geistliche wie ich auch; was sprecht Ihr von leeren Händen. In jedem Kloster stehen Euch zumindest drei Maß Getreide zu. Doch darf ich fragen, werter Meister, aus welchem Kloster Ihr seid und was Ihr hier vorhabt?«
»Geringer Mönch befindet sich im Auftrag des Kaisers von China auf einer Reise in den Westen, um dort im Tempel des Donnergrollens Heilige Schriften zu holen. Da wir eben hier entlangkamen, sind wir eingetreten, um unsere aufrichtige Reverenz zu erweisen.«
»Werter Meister ist wahrlich ein Buddha der Wahrheitsliebe und der Tugend«, sprach der Daoist, »verzeiht, dass geringer Daoist es versäumte, Euch gebührend zu empfangen!«
Nun schickte er die Knaben, Tee aufzutischen und ein paar kleine Imbisse zuzubereiten. Drinnen aber gaben die Damen den Knaben das Tablett mit den fünf Teeschalen, und sie trugen es nach vorn. Der Daoist überreichte erst Tripitaka eine der Schalen mit den roten Datteln, dann Bajie, den er wegen seiner Beleibtheit für den ältesten Schüler hielt, und dann Sandmönch. Pilger, den er wegen seines kleinen Wuchses für den jüngsten hielt, überreichte er die vierte Schale. Indessen aber hatte Pilger mit seinem wachsamen Blick längst bemerkt, dass in der Schale, die jetzt noch auf dem Tablett stand, schwarze Datteln lagen. Da sagte er: »Ich möchte mit Euch die Schale austauschen, werter Herr.«
Lächelnd sprach der Daoist: »Werter Priester, ich will Euch offen sagen, dass es uns armen Daoisten hier im Gebirge zur Zeit an Teefrüchten mangelt. Eben habe ich im Klostergarten eigenhändig nach Datteln gesucht, doch habe ich leider nicht mehr als zwölf finden können und Euch nun daraus diesen Tee zubereiten lassen. Da geringer Daoist aber nicht ohne Tee mit Euch beisammen sein möchte, habe ich für mich selbst Früchte geringerer Qualität genommen. Nehmt es als Zeichen meines großen Respekts.«
»Ach was!« machte Pilger, »so sagten doch schon die alten Weisen: ›Niemand ist zu Hause wirklich arm; nur unterwegs kann man vor Armut sterben.‹ Ihr seid hier zu Hause, also braucht Ihr nicht über Armut zu klagen. Lasst uns die Schalen tauschen!«
»Wukong!« mahnte Tripitaka. »Das ist ein Zeichen von aufrichtiger Gastfreundschaft; was fällt dir ein, da tauschen zu wollen? Nimm, was du bekommen hast!«
Pilger aber nahm mit der linken Hand die Schale, legte seine Rechte darüber und blickte die anderen vielsagend an. Doch Bajie, hungrig und durstig wie er war, gelüstete es so sehr nach den drei roten Datteln, dass er seine Schale nahm und in einem Zug heruntergoss. Da tranken auch Tripitaka und Sandmönch den Tee aus und aßen die Datteln. Im nächsten Augenblick begann sich Bajies Gesicht zu verfärben, Sandmönch traten Tränen in die Augen, und Tripitaka stand Schaum vor dem Mund. Dann sanken sie ohnmächtig zu Boden. Jetzt war dem Großen Heiligen klar, dass es sich tatsächlich um Gift handelte; er packte die Schale und schleuderte sie dem Daoisten ins Gesicht, der sie gerade noch mit dem Ärmel abhalten konnte. Klirrend zersprang die Schale am Boden.
»Liederlicher Mönch! Was fällt Euch ein, meine Schale zu zerbrechen?« rief der Daoist.
»Unmensch!« schrie Pilger, »seht doch meine Leute an, was ist da los? Was habe ich mit Euch zu schaffen, dass Ihr meinen Meister vergiftet?«
»Ruchloses Vieh! Ein Desaster habt ihr angerichtet und wollt es nicht zugeben!«
»Wir sind eben erst angekommen und haben kein einziges unangebrachtes Wort geäußert! Wo sollen wir ein Desaster angerichtet haben?«
»Wart ihr etwa nicht in der Zwirnspinngrotte? Habt ihr etwa nicht in der Reinigungsquelle gebadet?«
»In der Reinigungsquelle waren sieben Ungeheuer«, sagte Pilger. »Wenn Ihr das erwähnt, müsst Ihr mit denen verbandelt sein. Dann seid auch Ihr ein Ungeheuer. Stillgestanden, jetzt gibt’s eins mit der Stange!«
Schon riss er seinen Goldreifstab aus dem Ohr, schwang ihn durch die Luft und schlug los. Der Daoist konnte gerade noch ausweichen, zückte ein Schwert und warf sich in den Kampf. Während die beiden, Schimpf und Schande rufend, gegeneinander antraten, kamen die sieben Ungeheuer und riefen: »Müht Euch nicht zu sehr, werter Bruder, wir fangen ihn gleich!«
Als Pilger sie erblickte, packte er seine Stange mit beiden Händen und rannte in jähem Zorn wild um sich wirbelnd auf sie zu. Da aber lüfteten die sieben ihre Gewänder, entblößten ihre weißen Bäuche und ließen ihren Zauber spielen. Schon quoll aus jedem Nabel ein dickes Seil heraus, und alle verwoben sich zu einer dichten Decke, die sich im Handumdrehen über Pilger ausbreitete. Dieser aber bemerkte, dass es schlecht um ihn stand, schnellte im Wolkenüberschlag hoch, zerriss die Decke und war weg. Oben in den Lüften hielt er wutschnaubend inne, zwang sich zur Ruhe und blickte hinunter, wo die Ungeheuer ihre schimmernden Stricke so dicht verflochten hatten wie Zettel und Kettfäden. Das Kloster Zur Gelben Blüte war mit allen Türmen und Hallen darunter verschwunden.
»Das war stark!« murmelte Pilger, »zum Glück bin ich ihnen nicht in die Fänge geraten. Kein Wunder ist Eber Bajie derart gestrauchelt. Aber was soll ich bloß tun? Mein Meister und meine Ordensbrüder sind vergiftet, und dieses Pack von Ungeheuern spielt sich in die Hände! Ich weiß ja nicht mal, wo die eigentlich herkommen. Da will ich doch gleich mal den Erdgeist fragen.«
Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch zwang er den Erdgeist hervor und rief: »Diese sieben Ungeheuer spucken immerzu Seile aus; du als Ortsgeist musst wissen, woher sie kommen und um was für Ungeheuer es sich handelt!«
Der Erdgeist antwortete: »Sie sind erst seit knapp zehn Jahren hier; geringer Geist hat sie erstmals vor drei Jahren gesehen. In Wirklichkeit sind es sieben Spinnen; ihre Seile sind Spinnfäden.«
Pilger freute sich und rief: »Dann ist es ja keine Sache. Du kannst abtreten!«
Mit einem Stirnaufschlag verschwand der Erdgeist, und Pilger ging vors Kloster, wo er sich siebzig Schwanzhaare auszupfte, die er in siebzig kleine Pilger verwandelte, dann zauberte er siebzig Astgabeln aus seinem Goldreifstab und reichte jedem kleinen Pilger eine. Zuletzt nahm er selber eine Astgabel zur Hand und begann damit die Seile aufzurollen. Alsbald machten alle mit und riefen »Hau-Ruck!«, bis ein jeder über zehn Pfund Stricke aufgerollt hatte. Drinnen aber kamen sieben Spinnen zum Vorschein, mit Leibern groß wie Weidenkörbe. Alle zogen ängstlich Beine und Köpfe ein und riefen: »Erbarmen, Erbarmen!«
Gleichzeitig aber stürzten sich die siebzig Pilger auf die sieben Spinnen und ließen nicht von ihnen ab.
»Schlagt sie nicht!« verwies sie Pilger. »Sie sollen mir bloß meinen Meister und die Ordensbrüder wiedergeben!«
Da riefen die Spinnen: »Bruder, gebt ihm den Priester aus China zurück, rettet uns!«
Da trat der Daoist aus den hinteren Hallen und sagte: »Ich kann euch leider nicht retten, Schwestern; ich will den Priester fressen!«
Als Pilger dies hörte, schrie er wütend: »Dann sieh zu, wie deine Schwestern aussehen, wenn du meinen Meister nicht rausrücken willst!«
Er schwenkte die Astgabel in den Wind, dass sie wieder zum Goldreifstab wurde, packte ihn mit beiden Händen und drosch ungehemmt auf die Spinnen ein, bis nur noch Blut und Fetzen übrig waren. Zuletzt fing er mit einem leichten Dreh seine Schwanzhaare wieder ein und stürzte sich mit wirbelnder Stange auf den Daoisten, der ihm schon mit dem Schwert entgegenkam. Zornentbrannt entfachten beide ihre magischen Zauberkräfte und fochten an die sechzig Kampfrunden aus, bis der Daoist seine Kräfte schwinden fühlte. Da aber knöpfte er seinen Gürtel auf, riss sich die schwarze Robe vom Leib und hielt die Arme hoch, denn er hatte an seinen Flanken tausend Augen, denen ein goldenes Licht entströmte, das von enormer Kraft war. Der überraschte Pilger verlor das Gleichgewicht und kreiste auf einmal haltlos in goldenen Lichterfluten, unfähig, seine Füße auch nur vor- oder rückwärts zu bewegen. Es war, als wäre er in einem Bottich gefangen. Diese Ohnmacht machte ihn rasend vor Wut. Jäh schoss er hoch, prallte aber sofort am Goldlicht ab und fiel hart nach unten. Sein Kopf schmerzte vom Aufprall, und als er mit der Hand
die Stelle befühlte, merkte er, dass sein Scheitel weichgeschlagen war.
Der Daoist hatte an seinen Flanken tausend Augen, denen ein goldenes Licht
entströmte, das von enormer Kraft war.
»Verdammt!« murmelte er bedrückt, »so ein Pech! Jetzt hält nicht mal dieser Schädel! Sonst ist er so hart, dass keine Axt und kein Säbel was anrichten kann! Wie kommt es, dass er von diesem Goldlicht weich wird?«
Einen Moment lang glaubte er vor Wut platzen zu müssen. Dann überlegte er: »Nach vorn geht’s nicht und nach hinten nicht, und oben komme ich auch nicht durch. Was soll ich bloß tun? Dann geh ich eben nach unten!«
Schon murmelte er einen Zauberspruch und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in ein Gürteltier.
Seht, wie er sich jetzt mit dem Kopf voran durch die Erde gräbt, um erst nach zwanzig Meilen wieder hervorzukommen!
Mit dem Goldlicht verhielt es sich nämlich so, dass es nur einen Umkreis von etwa zehn Meilen abzudecken vermochte. Pilger schlüpfte heraus und nahm wieder seine eigene Gestalt an. Er war aufs äußerste erschöpft, der ganze Leib schmerzte ihn, und wie er nun seines Meisters gedachte, konnte er die Tränen nicht zurückhalten. Mitten in seinem Kummer hörte er auf einmal hinter sich ein lautes Schluchzen. Er erhob sich und hielt Ausschau. Es war eine Frau in Trauerkleidung, die mit einer Schale Reissuppe in der Linken und einem Bündel Totengeld in der Rechten einherging und bei jedem Schritt laut aufschluchzte. Pilger nickte vor sich hin und seufzte: »Ach, da treffen nun buchstäblich Tränen auf Tränen; ein Trostloser findet einen anderen Trostlosen! Weshalb wohl diese Frau ihre Tränen vergießt? Ich will sie mal fragen.«
Es dauerte nicht lange, da war die Frau auf seiner Höhe; Pilger machte eine leichte Verbeugung und fragte: »Werte Dame, um wen weint Ihr denn?«
Unter Tränen antwortete die Frau: »Mein Mann ist wegen eines Kaufs von Bambusstangen mit dem Abt des Klosters der Gelben Blüte in Streit geraten, da hat ihn der Abt mit vergiftetem Tee ermordet. Jetzt will ich Totengeld verbrennen, um meinen ehelichen Banden Ausdruck zu geben.«
Da rannen auch Pilger Tränen über die Wangen. Als die Frau es bemerkte, rief sie empört: »Unwissender! Wie könnt Ihr Euch über mich lustig machen, während ich um meinen Gatten trauere!«
»Beruhigt Euch, werte Dame«, entgegnete Pilger. »Ich bin der älteste Schüler von Tripitaka, der im Auftrag des Kaisers von China in den Westen reist. Als wir am Kloster der Gelben Blüte vorbeikamen und uns dort ein bisschen ausruhen wollten, hat dieses Ungeheuer von Daoist meinen Meister und meine zwei Ordensbrüder mit seinem Tee vergiftet. Sie alle und auch unser Pferd sind immer noch im Kloster; nur ich habe den Tee nicht genommen und außerdem eine ganze Weile mit dem Daoisten gerungen. Doch zuletzt hat er seinen Oberkörper entblößt, und von da ist plötzlich ein gleißendes Goldlicht ausgeströmt, das mich ganz überwältigt hat. Gerade erst bin ich in verwandelter Gestalt unter dem Boden hindurch bis hierher gelangt, und da hörte ich mitten in der Verzweiflung auf einmal Euer Schluchzen, weshalb ich Euch nach dem Grund fragte. Wie ich denn sah, dass Ihr Totengeld für Euren Gatten opfert, musste ich an meinen Meister denken und daran, dass ich für ihn nicht einmal etwas zum Opfern habe, drum bin ich noch trauriger geworden. Wie könnte ich es wagen, mich über Euch lustig zu machen!«
Da entschuldigte sich die Frau und sprach: »Seid mir nicht böse, ich wusste nicht, dass auch Euch ein Leid geschehen ist. So, wie Ihr das schildert, scheint Ihr ja gar nicht zu wissen, wer dieser Daoist ist. Sein Name lautet Hundertäugiger Dämonenfürst, aber man nennt ihn auch das Ungeheuer mit den vielen Augen. Da Ihr Euch auf die Kunst der Verwandlung versteht und dem Goldlicht ausweichen konntet, müsst Ihr magische Fähigkeiten besitzen, aber trotzdem konntet Ihr dem Kerl nichts anhaben. Ich will Euch eine Heilige nennen, die das Goldlicht vernichten kann und den Daoisten zu überwältigen vermag.«
Respektvoll legte Pilger die Hände übereinander und rief: »Bitte, werte Dame, gebt mir unbedingt einen Rat!«
»Allerdings«, meinte die Frau, »wird es wohl nur noch zur Rache reichen, auch wenn Ihr die Heilige aufsucht, sobald ich sie Euch genannt habe, und den Daoisten überwältigt; Euren Meister werdet Ihr kaum retten können.«
»Warum nicht?«
»Das Gift dieses Ungeheuers ist das Schlimmste, was es gibt. Wer es eingenommen hat, dem werden innerhalb von drei Tagen die Knochen verfaulen. Bis Ihr wieder zurück seid, ist es sicherlich zu spät. Also wird er nicht zu retten sein.«
»Ich kann mich sehr schnell fortbewegen«, versetzte Pilger, »mehr als einen halben Tag brauche ich nicht, egal, wie weit es ist.«
»Nun, dann hört mir gut zu: Tausend Meilen entfernt von hier gibt es einen Berg der Purpurnen Wolken, und auf diesem Berg ist die Grotte der Tausend Blüten. In der Grotte wohnt jene Heilige, das alte Weib Pilan. Sie kann das Ungeheuer unterwerfen.«
»In welcher Richtung liegt dieser Berg denn?« fragte Pilger.
»Direkt im Süden«, antwortete die Frau und wies ihm die Richtung mit der Hand. Pilger schaute in die angegebene Richtung, und als er sich wieder umdrehte, war die Frau verschwunden. Jäh blickte er nach oben und erkannte, dass es die Alte Mutter vom Lishan war. Er eilte ihr nach und rief: »Woher kommt Ihr denn, dass Ihr mir hier Hilfe bringt?«
»Vom Drachenblüten-Fest des Buddha Maitreya«, erklärte die Alte Mutter, »weil ich unterwegs gesehen habe, dass Euer Meister in Not ist, bin ich gekommen. Nun geht aber, so schnell Ihr könnt, und holt das alte Weib Pilan! Nur dürft Ihr nicht verraten, dass ich es war, die Euch auf sie hingewiesen hat. Diese Heilige nimmt einem leicht mal was übel.«
Pilger bedankte sich und schoss mit einem Satz im Wolkenüberschlag zum Berg der Purpurnen Wolken. Kaum schickte er sich an, seine Wolke zu senken, fand er auch schon die Grotte der Tausend Blüten und ging gleich hinein. Drinnen war es still und leer, keine Menschenseele war zugegen, man hörte nicht einmal Hühner oder Hundegebell.
»Die Heilige ist wohl außer Haus«, sann Pilger, während er weiter ins Innere drang. Mehrere Meilen ging er so weiter, bis er schließlich eine Daoistin erblickte, die auf einer einfachen Lagerstätte saß.
Pilger trat auf sie zu und rief: »Seid gegrüßt, Bodhisattva Pilan!«
Diese stieg vom Lager, grüßte zurück und sprach: »Verzeiht, dass ich Euch nicht empfangen habe, Großer Heiliger! Wo kommt Ihr denn her?«
»Warum kennt Ihr mich?« wunderte sich Pilger.
»Damals, nach Eurem Aufruhr im Himmel, hat Euer Name doch überall die Runde gemacht; wer könnte Euch nicht kennen?«
»Doch wisst Ihr sicher noch nicht, dass ich mich dem Buddhismus zugewandt habe!« versetzte Pilger.
»Oh, seit wann denn? Gratuliere, gratuliere!«
»Seit kurzem bin ich mit meinem Meister, dem Priester aus China, auf einer Reise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Doch jetzt ist mein Meister von einem Daoisten aus dem Kloster der Gelben Blüte vergiftet worden, und als ich mit ihm kämpfte, hat er mich mit einem goldenen Licht in
Bann geschlagen, so dass ich allein dank eines Verwandlungszaubers fliehen konnte. Da ich sagen hörte, dass Ihr dieses Goldlicht vernichten könnt, bin ich gekommen, Euch um Hilfe zu bitten.«
»Wer hat Euch das gesagt?« wollte Bodhisattva Pilan wissen. »Seit ich am Fischkorb-Fest teilgenommen habe, bin ich dreihundert Jahre nicht mehr ausgegangen. Ich lebe in gänzlicher Abgeschiedenheit, und keiner weiß etwas von mir. Wie konntest du bloß von mir erfahren?«
»Ich bin halt ein Bodengeist«, versetzte Pilger, »ich weiß alles, wo immer ich bin.«
»Sei’s drum«, meinte Pilan. »Eigentlich sollte ich nicht hingehen. Doch da Ihr eigens gekommen seid, Großer Heiliger, will ich Eurer Schriftensuche nicht im Wege stehen, schließlich ist das eine gute Sache. Ich komme gleich mit.«
Und so stieg sie mit Pilger zusammen in die Lüfte.
»Allerbesten Dank für Euer Entgegenkommen!« rief Pilger. »Darf ich fragen, was Ihr als Waffe dabeihabt?«
»Ich habe eine Nadel, mit der ich ihn besiegen kann«, antwortete die Bodhisattva Pilan.
»Wenn ich das gewusst hätte«, versetzte Pilger, »hätte ich auch eine Nadel zur Verfügung stellen können.«
»Was Ihr habt, wird bloß aus Stahl, Eisen oder Gold sein, das taugt nicht. Meine Nadel ist ein Schatz ganz besonderer Art, weder aus Stahl, noch aus Eisen, noch aus Gold. Sie ist im Auge meines Sohnes gewachsen.«
»Wer ist denn Euer Sohn?« wollte Pilger wissen.
»Der Sternfürst Maori«, war die Antwort, was Pilger in höchstem Maße erstaunte. Inzwischen konnte man bereits das gleißende Goldlicht sehen; Pilger wies in die Richtung und sprach: »Dort ist das Kloster der Gelben Blüte, wo dieses goldene Licht herkommt.«
Da klaubte die Bodhisattva eine Stecknadel aus ihrem Kragen, die war so klein wie eine Augenbraue und kaum länger als ein halber Zoll. Sie hielt die Nadel zwischen zwei Finger und schleuderte sie nach unten. Einen Augenblick später hörte man ein Klirren, und das Goldlicht war zerbrochen. Erleichtert rief Pilger: »Wunderbar, Bodhisattva, wunderbar! Lasst uns die Nadel suchen!«
Doch Pilan hielt ihre Hand hin und meinte: »Da ist sie doch!«
Da senkte Pilger seine Wolke und landete mit Pilan vor dem Kloster. Drinnen aber fanden sie den Daoisten, mit geschlossenen Augen, unfähig, sich zu bewegen.
»Spielst wohl blind, du leidiges Ungeheuer!« schimpfte Pilger und zerrte seine Stange hervor, um ihn zu erschlagen. Pilan aber hielt ihn zurück und sprach: »Lasst ab, Großer Heiliger. Kümmert Euch um Euren Meister!«
Pilger lief zum Gästetisch und sah alle drei mit Schaum vor dem Mund am Boden liegen.
»Was tun wir bloß?« rief er unter Tränen.
»Grämt Euch nicht, Großer Heiliger«, sprach Pilan. »Da ich ohnehin ausgegangen bin, will ich Euch auch richtig beistehen. Ich habe hier ein paar entgiftende Pillen, davon will ich Euch drei geben.«
Aus ihrem weiten Ärmel zog sie ein zerschlissenes Päckchen aus Papier hervor, dem sie drei Pillen entnahm und Pilger überreichte mit dem Hinweis, jedem eine in den Mund zu legen. Pilger stemmte jedem den Kiefer auseinander und steckte allen eine Pille in den Mund. Es dauerte nicht lange, da war die heilende Medizin im Bauch, und alle mussten sich übergeben. So kam das Gift heraus, und sie fanden ins Leben zurück. Bajie rappelte sich als Erster auf und keuchte: »Ich bin fast erstickt!«
Bald erwachte auch Sandmönch und stöhnte: »Mir ist ganz schwindlig!«
»Euer Tee war vergiftet«, sagte Pilger, »Ihr könnt von Glück reden, dass Euch Bodhisattva Pilan gerettet hat. Kommt und verneigt Euch vor ihr!«
Tripitaka strich eilends sein Gewand zurecht und sprach der Bodhisattva seinen Dank aus.
»Wo ist denn jener Daoist hin, Bruder?« wollte Bajie nun wissen. »Den will ich doch mal fragen, warum er uns so übel zugerichtet hat!«
Als Pilger ihm erzählt hatte, was mit den Spinnengeistern geschehen war, rief Bajie aufgebracht: »Der Kerl ist also mit Spinnen verbrüdert! Er muss ein Ungeheuer sein!«
Pilger wies mit der Hand auf den Daoisten und meinte: »Jetzt steht er dort vor der Halle und spielt den Blinden!«
Schon schwang Bajie seinen Rechen und wollte losschlagen, doch Pilan hielt auch ihn zurück und sprach: »Beruhigt Euch, Tianpeng! Wie der Große Heilige weiß, bin ich in meiner Grotte ohne Dienerschaft. Ich will ihn einfangen, damit er mir als Torwächter dient.«
»Welch hohe Tugend!« rief Pilger bewundernd, »das ist ja geschenkt! Lasst ihn doch seine eigene Gestalt annehmen, damit wir sehen können, was er ist.«
»Nichts leichter als das«, meinte Pilan und zeigte mit dem Finger auf den Daoisten. Schon stürzte dieser in den Staub, und sein ursprünglicher Leib kam zum Vorschein: Ein mächtiger Skolopender von sieben Zoll Länge! Pilan hakte ihn mit dem kleinen Finger auf und schwebte auf einer glückverheißenden Wolke zu ihrer Grotte der Tausend Blüten zurück. Bajie starrte ihr am Himmel nach und meinte: »Das Mütterchen hat es in sich. Wie schafft sie es bloß, derart übles Getier unterzukriegen?«
»Ich hab sie gefragt«, versetzte Pilger lachend. »Ihr Sohn ist der Sternfürst Maori, das ist doch ein Hahn; also muss seine Mutter eine Henne sein! Hühner verstehen sich am besten darauf, Skolopender zu fangen; darum hat sie ihn so leicht besiegt.«
Als Tripitaka dies hörte, machte er viele tiefe Verbeugungen. Anschließend hieß er die Schüler, etwas zum Essen zuzubereiten, und als alle satt waren, brachte man das Gepäck in Ordnung und verließ das Kloster.
Pilger aber ging in die Küche und entfachte einen Brand, der das Kloster binnen kurzem in Schutt und Asche legte. Danach eilte er in langen Schritten voran.
Und da wir nicht wissen, was im Folgenden auf sie zukommen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.