Was zur Liebeslust bewegt,
Rührt aus ganz normalen Gründen;
Doch wie kann je Frieden finden,
Wer an Liebeslust gebunden?
All die Mönche, die sich üben
In der Lehre der Buddhisten:
Es fängt innere Sammlung an,
Wenn die Liebestriebe rasten!
Richte wachsam deinen Sinn,
Sei im Herzen stets bestimmt;
So fernab vom Staub der Welt
Wie der Mond am Firmament!
Schreite fort in guten Taten,
Gib dich keinem Fehl anheim;
Wenn der Weg vollendet ist,
Wirst du ein Erwachter sein!
Wie berichtet, hatten sich Tripitaka und seine Schüler aus dem Netz der Begierde befreien können und waren letztendlich dem Bann der Sinnesreize entgangen. Nun gaben sie dem Pferd die Sporen und zogen weiter dem Westen entgegen. Lange wanderten sie dahin, bis der Sommer zur Neige ging und der Herbst mit frischer Kühle aufwartete.
Auf einmal gewahrte Tripitaka ein hohes Gebirge, dessen Gipfel in den Himmel ragten, als wollten sie die Wolken betasten oder gar die Sonne aufhalten. Der Priester gab dem Ross die Sporen und ritt frisch den felsigen Hang hinan. Nach einigen Wegmeilen sahen sie einen alten Mann mit schlohweißem Haar und silbernem Bart auf einen Stock gestützt am Berghang stehen. Schon von weitem rief er ihnen zu: »Halt, ihr Priester, die ihr in den Westen reist! In diesem Gebirge hausen Dämonen, die alle Menschen der Welt auffressen mögen. Hier kommt ihr nicht weiter!«
Diese Worte jagten dem Priester einen solchen Schrecken ein, dass er vom Sattel glitt und wie erstarrt am Boden liegen blieb. Pilger ging hin, ihm aufzuhelfen, und sagte: »Fürchtet Euch nicht. Ihr habt doch mich!«
Diese Worte jagten dem Priester einen solchen Schrecken ein, dass er vom Sattel glitt und wie erstarrt am Boden liegen blieb.
»Hast du denn nicht gehört, was der alte Mann sagte? Eine ganze Horde Dämonen haust auf diesem Berg! Jemand von euch soll hingehen und um nähere Auskunft bitten!«
»Bleibt erst mal hier sitzen«, meinte Pilger, »ich gehe mich erkundigen.«
»Der Alte könnte sich an deinem Aussehen und deinen unfeinen Reden stören«, gab Tripitaka zu bedenken, »dann könnte er womöglich die Auskunft verweigern.«
»Dann verwandle ich mich eben in was Nettes«, gab Pilger lachend zurück, machte einen leichten Dreh und stand als artiger junger Mönch da. Dann ging er hin, verbeugte sich vor dem Alten und sprach: »Seid gegrüßt, werter Onkel!«
Der Alte betrachtete seine jugendliche Anmut mit Wohlgefallen, legte ihm lächelnd die Hand auf den Kopf und fragte: »Wo kommst du her, mein kleiner Mönch?«
»Wir kommen aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgern in den Westen, um Heilige Schriften zu holen«, erklärte Pilger. »Da wir Euch eben von Dämonen sprechen hörten, hat mein Meister Angst bekommen und schickt mich, Euch zu fragen, was für Dämonen sich hier in den Weg stellen wollen. Bitte, werter Onkel, lasst mich Genaueres wissen, dann führe ich die Kerle ab, und wir können weiterreisen.«
»Du bist jung und unerfahren, mein kleiner Mönch«, sprach der Alte lächelnd. »Diese Dämonen besitzen gewaltige Kräfte! Wie kannst du nur glauben, du könntest sie einfach so abführen und weiterreisen?«
»Was für Kräfte haben sie denn?« fragte Pilger.
»Sie brauchen bloß einen Brief zum Seelenberg zu senden, dann werden sie von allen fünfhundert Arhats persönlich
empfangen; mit einem einzigen Schreiben an den Himmelskaiser erreichen sie, dass ihnen alle Elf Strahlenden ehrerbietig entgegenkommen. Selbst die Drachenkönige der Vier Ozeane sind mit ihnen befreundet, und auch die Unsterblichen der oberen, mittleren und unteren Acht Grotten pflegen Umgang mit ihnen. Alle zehn Höllenfürsten behandeln sie als Brüder, und Gottheiten wie der Erdgeist oder der Stadtgott nehmen sie als gerngesehene Gäste auf!«
Als der Große Heilige dies vernommen hatte, brach er in Gelächter aus und prustete: »Das reicht, das reicht! Die sind ja bloß mit meinen Nachfahren befreundet; das ist nicht weiter von Belang. Wenn die wüssten, dass geringer Mönch da ist, würden sie über Nacht ausziehen!«
»Buddha Amithaba!« stöhnte der Alte, »dieser Mönch wird nie erwachsen, wenn er sich in solch übertriebenen Reden versteigt!«
»Ich bin wahrhaftig alt genug, werter Herr!« warf Pilger ein.
»Wie alt bist du denn?«
»Ratet mal!«
»Sieben, acht?«
»Zehntausendmal so viel!« lachte Pilger. »Da Ihr uns freundlicherweise vor den Dämonen gewarnt habt, sagt uns doch bitte, wie viele es sind, damit ich sie rechtzeitig aus dem Weg räumen kann!«
Der Alte aber war es leid, auf solchen Wahnwitz einzugehen, und gab keine Antwort mehr. Da wandte sich Pilger ab und rannte den Hang hinunter.
»Wukong«, rief Tripitaka, »was hat er dir gesagt?«
»Ach, nichts zu fürchten!« winkte Pilger lachend ab. »Es soll zwar eine Handvoll Dämonen geben, doch die Leute hier sind bloß ängstlich und nehmen sie viel zu ernst. Keine Sache, keine Sache, Ihr habt ja mich!«
»Hast du denn überhaupt gefragt, wie dieser Berg heißt, in was für einer Grotte die Dämonen hausen, wie viele es sind und welcher Weg zum Tempel des Donnergrollens führt?« insistierte Tripitaka.
»Ach Meister!« rief Bajie dazwischen, »er hat doch bloß ein bisschen was gefragt und ist gleich wieder zurückgerannt! Lieber will ich alter Eber mich mal erkundigen.«
»So ist es recht«, sprach Tripitaka.
Der Tölpel strich seine schwarze Kutte ordentlich glatt, schritt den Hang hinan auf den Alten zu und rief: »Seid gegrüßt, werter Onkel!«
Als der Mann nach seiner Herkunft fragte, antwortete Bajie: »Ich bin der zweite Schüler des Priesters aus China, mein Name ist Eber Wuneng. Der vorhin war mein älterer Ordensbruder. Mein Meister ist ungehalten darüber, dass er so unanständig war und keine rechte Auskunft brachte, drum hat er mich geschickt, Euch zu fragen, was dies für ein Berg sei und was für eine Grotte, wie viele Dämonen es in der Grotte gebe und welcher Weg in den Westen führe. Bitte helft uns weiter, werter Onkel!«
»Bist du auch ehrlich und anständig?« fragte der Alte.
»Ich habe mein Leben lang niemanden betrogen«, gab Bajie zur Antwort.
Da stützte sich der Alte auf seinen Stock und sprach: »Das hier ist das Löwengebirge, es ist achthundert Meilen breit. Mitten im Gebirge ist eine Löwengrotte, dort hausen drei Dämonen.«
»Ihr scheint doch etwas übervorsichtig zu sein, werter Herr«, versetzte Bajie. »Wegen drei Dämonen nehmt Ihr Euch die Mühe, uns zu warnen!«
»Fürchtet ihr euch denn nicht?« fragte der Alte.
»Ehrlich gesagt, mit drei Dämonen nehmen wir Ordensbrüder es leicht auf. Jeder knöpft sich einen vor, und mein Meister geht ungeschoren über den Berg, was sollte daran schwierig sein?«
Da lachte der Alte und sprach: »Ihr seid Euch nicht bewusst, wie es um die Sache steht, guter Mönch! Diese Dämonen verfügen über ungeheure Kräfte! Unter ihrem Kommando schwärmen kleine Ungeheuer über das ganze Gebirge, im Süden wie im Norden, auf dem Westweg wie auf dem Ostweg. Dazu kommen an die 48 000 Inspektoren sowie Wachen, Feuermacher und Holzhacker, ein jeder mit Namen und Plakette, alle Übrigen noch gar nicht mit eingerechnet! Und all diese Ungeheuer sind einzig darauf aus, Menschen zu fressen.«
Als der Tölpel dies vernommen hatte, rannte er zitternd vor Angst zu Tripitaka und sagte: »Wir brauchen uns nicht weiter
zu unterhalten. Nichts wie weg, wenn wir lebend davonkommen wollen!«
»Du unverbesserlicher Tölpel«, versetzte Pilger, »was soll das heißen?«
»Der Alte sagt, hier sei der Löwenberg, und es gebe eine Löwengrotte, in der drei alte Dämonen hausten, unter sich 48 000 kleine Ungeheuer, alle einzig und allein darauf aus, Menschen zu fressen! Selbst wenn wir bloß in der Nähe durchschleichen, können wir zur Beute werden. Hier kommen wir niemals durch!«
Tripitaka standen die Haare zu Berge. »Wukong«, rief er, »was tun wir bloß?«
Pilger aber lachte und sprach: »Meister, macht Euch keine Sorgen. Geht einfach voran; ich weiß schon, was zu tun ist.«
Tripitaka blieb keine andere Wahl; er versuchte sich zu beruhigen, stieg in den Sattel und führte seinen Weg fort. Der Alte aber war plötzlich verschwunden.
»Das war wohl ein Ungeheuer, das uns hier was
vorgegaukelt hat«, meinte Sandmönch, »wie der sprichwörtliche Fuchs, der die Macht des Tigers nutzt, um sich stark zu zeigen.«
»Lass mich mal nachsehen«, meinte Pilger, sprang mit einem Satz auf einen hohen Gipfel und spähte ringsumher, bis er ein bunt schillerndes Licht bemerkte, das durch die Lüfte segelte. Auf einer Wolke sauste er ihm nach und hatte es alsbald eingeholt. Es war Taibai, der Abendstern. Pilger packte ihn am Ärmel und rief, ihn beim Vornamen nennend: »Li Changgeng! Warum sagst du nicht direkt, was du zu sagen hast? Wozu das eitle Gaukelspiel?«
Eilends machte der Abendstern eine höfliche Begrüßungsgeste und sprach: »Verzeiht, Großer Heiliger! Diese Dämonen haben in der Tat gewaltige Zauberkräfte. Ihr kommt hier nur durch, wenn Ihr Eure Zauberkraft und Strategie sehr weise einzusetzen wisst. Auch wenn Euch nur die geringste Unachtsamkeit unterläuft, könnte es wahrhaft schwierig werden!«
Pilger verabschiedete sich, landete wieder bei Tripitaka und berichtete: »Der Alte, der uns vorgewarnt hat, war Taibai, der Abendstern.«
Da faltete der Priester die Hände und sprach: »Eile ihm nach, mein Schüler! Frage ihn, wo es einen anderen Weg gibt, damit wir nicht hier lang müssen!«
»Es gibt keinen anderen Weg«, gab Pilger zurück. »Das Gebirge ist über achthundert Meilen breit, und kein Mensch weiß, wie weit im Umfang. Wie kämen wir je darum herum?«
Da meinte Tripitaka mit Tränen in den Augen: »Aber mein Schüler, wie sollen wir jemals zu Buddha gelangen, wenn das so schwierig ist?«
»Heult doch nicht«, versetzte Pilger, »war wohl ein bisschen übertrieben, was er uns da erzählt hat. Es geht doch nur darum, dass wir uns in Acht nehmen. Steigt mal vom Pferd und setzt Euch; Bajie und Sandmönch sollen Euch gut beschützen, derweil ich alter Sun auf den Hügeln Ausschau halte.«
Mit einem Pfiff stob er im Wolkenüberschlag davon. In den Lüften hielt er Ausschau, doch ringsum lag alles still und leer. Er überlegte sich gerade, was er tun sollte, da hörte er auf einmal hinter dem Berg ein Klingeln und Klappern, und wie er sich umwandte, sah er ein Ungeheuer nach Süden wandern. Es hatte eine Flagge mit dem Schriftzeichen »Befehl« über die Schulter geworfen, an seinem Gürtel baumelten Schellen, und mit der Hand betätigte es eine Klapper. Pilger stellte fest, dass das Ungeheuer ziemlich groß war, etwa einen Klafter und zwei Fuß.
»Das muss ein Krieger sein, der mit einer Botschaft unterwegs ist«, sann er. »Den will ich gleich mal ausfragen.«
Mit einem Zauberspruch und einem magischen Fingerzeichen verwandelte er sich in eine Fliege und landete sachte auf der Hutkrempe des Ungeheuers. Während dieses auf die Landstraße kam, murmelte es zum Takt von Klappern und Schellen vor sich hin:
»Wir Soldaten, die den Berg absuchen,
Müssen äußerst wachsam sein,
Ganz besonders, weil der Pilger Sun
Sich in Fliegen gar verwandeln kann!«
Verdutzt sann Pilger: »Der Kerl muss mich gesehen haben! Wie kann er bloß wissen, wie ich heiße? Woher weiß er, dass ich mich in eine Fliege verwandeln kann?«
Allerdings hatte das Ungeheuer ihn gar nicht gesehen. Der Dämon hatte ihm bloß, aus welchem Grund auch immer, diese Worte eingeschärft, in Form eines vierteiligen Merkspruchs, den das Ungeheuer nun gedankenlos vor sich hin brummte. Pilger, der das ja nicht wissen konnte, wollte schon seine Stange packen, es zu erschlagen, doch plötzlich hielt er inne und dachte: »Der Abendstern hat Bajie doch gesagt, es gäbe hier drei alte Dämonen und 48 000 kleine Ungeheuer. Noch einige tausend Ungeheuer wie das hier wären keine Sache. Nur weiß ich noch nicht, was für Kräfte denn die Dämonen haben. Da will ich ihn lieber mal ausfragen, umhauen kann ich ihn nachher immer noch.«
Wie er das anstellte?
Er flog vom Hut herunter, landete auf einem Baum und ließ das Ungeheuer erst ein paar Schritte Vorsprung gewinnen, dann machte er einen schnellen Dreh und erschien in Gestalt eines Ungeheuers, das genau wie das andere mit Klapper und Schellen ausgestattet war, eine Flagge auf der Schulter trug und denselben Spruch vor sich hin murmelte. So eilte er voran und rief: »He, du da vorne, warte auf mich!«
Das Ungeheuer wandte sich um und fragte: »Woher kommst du denn?«
»Du bist mir einer!« gab Pilger lachend zurück, »kennst nicht mal die Leute deiner Sippe!«
»Du bist doch gar nicht einer von uns!«
»Wie, ich bin keiner von uns? Sieh mich doch genau an!«
»Nein, wirklich, ich kenne dich nicht.«
»Dacht’ ich mir doch«, meinte Pilger, »ich bin Feuermacher, drum siehst du mich selten.«
Da schüttelte das Ungeheuer den Kopf und sagte: »Auch bei den Feuermachern ist keiner, der aussieht wie du.
Außerdem führt unser großer König eine strenge Hausordnung: Die Feuermacher sind ausschließlich für das Feuer zuständig, die Soldaten der Patrouille ausschließlich für die Rundgänge. Es kann doch nicht sein, dass er dich gleichzeitig fürs Feuer und für die Rundgänge einstellt?«
»Du bist eben nicht informiert«, erwiderte Pilger. »Unser großer König hat mich zur Patrouille befördert, weil ich so begabt war im Feuermachen.«
»Wie auch immer«, meinte das Ungeheuer, »auf Patrouille sind wir ja immer in Truppen von vierzig Soldaten eingeteilt, verteilt in zehn Schichten, macht vierhundert Soldaten. Unser König hat jedem von uns eine Holzplakette gegeben, darauf sind Alter, Aussehen und Namen verzeichnet. Hast du so eine Plakette?«
Statt zu verneinen, rief Pilger lauthals: »Wieso sollte ich keine haben? Nur hab ich eben erst eine neue bezogen. Lass mal deine sehen!«
Wie hätte das Ungeheuer ahnen können, dass dies ein Trick war? Es langte unter sein Gewand und zog ein golden lackiertes Täfelchen hervor, das an einem Garnstrick um seinen Leib gebunden war, und hielt es Pilger hin. Auf der
Vorderseite prangten die goldenen Schriftzeichen: »Bezwingung aller Dämonen«, auf der Rückseite stand in feiner Regelschrift geschrieben: »Kleiner Windstecher«.
»Keine Frage, alle Soldaten auf Patrouille müssen das Wort ›Wind‹ im Namen haben«, überlegte Pilger. Dann meinte er: »Geh mal voran, dann nehm ich mein Täfelchen raus und zeig es dir.«
Flink wandte er sich um, langte unter sein Kleid, um sich ein Schwanzhaar auszuzupfen, und machte daraus ein goldenes Täfelchen, das ebenfalls mit einem Stück Garn versehen war und auf dem geschrieben stand: »Ober- Windstecher«. Dann hielt er es dem Ungeheuer hin. Da rief es
erschrocken: »Aber wir heißen doch alle ›Kleine Windstecher‹; wie kommst ausgerechnet du zum Namen ›Ober-Windstecher‹?«
»Du weißt das eben noch nicht«, gab Pilger zurück. »Weil unser König sah, wie gut ich Feuer mache, hat er mich zur Patrouille befördert und mich mit dieser Plakette zum Oberaufseher aller Windstecher ernannt, damit ich mich um deine Truppe von vierzig Windstechern kümmere.«
Als das Ungeheuer dies hörte, legte es ehrerbietig die Hände übereinander und rief: »Gebieter, da Ihr neu im Amte seid, habe ich Euch in der Tat nicht erkannt. Bitte nehmt mir meine respektlosen Worte nicht übel!«
Pilger erwiderte die Geste und meinte lächelnd: »Ich will dir verzeihen. Doch merk dir eins: Willkommensgeld verlange ich, und zwar von jedem fünf Silberlinge.«
»Bitte habt etwas Geduld, Gebieter! Sobald ich am Südhang bei meiner Truppe bin, bekommt Ihr alles auf einmal!«
»Nun gut«, meinte Pilger, »dann geh ich gleich mit dir.«
Tatsächlich schritt das kleine Ungeheuer voran, Pilger folgte ihm, und nach wenigen Meilen waren sie angelangt. Pilger sprang auf einen hohen Felsen, setzte sich und rief: »Alle herkommen, ihr Windstecher!«
Unten verbeugten sich die kleinen Windstecher und antworteten: »Zu Diensten, Herr Gebieter!«
»Ist euch bekannt, weshalb mich der Große König hierher beordert hat?«
»Nein«, antworteten die Windstecher.
»Weil der Große König den Priester aus China fressen will, sich aber vor den großen Zauberkünsten von Pilger Sun in Acht nehmen muss, denn man sagt ja, der beherrsche die Kunst der Verwandlung. Damit sich dieser Sun nicht plötzlich in einen kleinen Windstecher verwandelt und so wichtige
Informationen ausspioniert, hat er mich zum Ober- Windstecher ernannt, um zu überprüfen, ob es unter euch einen Falschen gibt.«
»Gebieter«, riefen alle wie aus einem Munde, »wir sind echt!«
»Wenn ihr behauptet, echt zu sein, dann lasst mal hören, was der Große König für Fähigkeiten hat! Wisst ihr das alle?«
»Ja«, ließ jemand aus der Truppe verlauten.
»Dann lass hören; wenn es mit meinem Wissen übereinstimmt, bist du echt, wenn aber irgendwas davon abweicht, bist du falsch, und dann bring ich dich sofort vor den Großen König!«
Der kleine Windstecher, den Pilger von seiner hohen Warte aus anherrschte, konnte nicht anders, als wahrheitsgemäß zu berichten, was er wusste: »Unser Großer König hat so gewaltige Zauberkräfte und derart große Macht, dass er einst hunderttausend Himmelskrieger auf einmal verschlang.«
Als Pilger dies hörte, fauchte er wütend: »Du bist nicht echt!«
Erschrocken rief der kleine Windstecher: »Werter Herr Gebieter, ich bin echt, was soll denn falsch sein?«
»Wie kannst du nur so dummes Zeug erzählen, wenn du echt bist! Wie soll der Große König hunderttausend Himmelskrieger auf einmal verschlucken; so groß kann er doch gar nicht sein!«
»Dann seid Ihr nicht informiert, Gebieter«, gab der kleine Windstecher zurück. »Unser Großer König versteht sich dermaßen gut auf die Kunst der Verwandlung, dass er so groß werden kann wie der Himmel oder so klein wie ein Samenkorn. Weil er einst keine Einladung zum großen Pfirsichfest der Königinmutter erhielt, wo alle Himmlischen eingeladen werden, wollte er sich den Himmel erstreiten. Als dann der Jadekaiser hunderttausend Himmelskrieger schickte, ihn zu überwältigen, ist unser Großer König in einem transzendenten Körper erschienen und hat sein Maul aufgesperrt wie ein Stadttor, um sie allesamt zu verschlingen. Bloß waren diese Himmelskrieger dann so eingeschüchtert, dass sie sich nicht weiter mit ihm anzulegen wagten und das Südliche Himmelstor verriegelten. In diesem Sinne hat er hunderttausend Himmelskrieger verschlungen.«
Pilger grinste in sich hinein und dachte: »Unter uns gesagt, so weit ist der alte Sun auch schon gekommen.« Dann fragte er: »Und der zweite Große König, was hat der für Fähigkeiten?«
Wieder antwortete jemand aus der Truppe: »Der zweite Große König ist drei Klafter groß, hat hochfliegende Augenbrauen, schön geschlitzte Mandelaugen und eine wunderbare Stimme. Er hat Zähne wie Tragstangen und eine Nase wie ein Lindwurm, damit kann er im Kampf seine Gegner umwickeln, und selbst wenn einer aus Kupfer und Eisen wäre, würde ihm dabei vor Schreck das Herz stillstehen.«
»Ein Dämon, der die Leute mit einem Rüssel fängt, wird leicht zu besiegen sein«, überlegte Pilger im Stillen, dann rief er laut: »Und der dritte Große König, was kann der?«
Ein weiterer Windstecher antwortete: »Unser dritter Großer König kommt nicht aus den irdischen Gefilden. Er heißt Wolkenumspannender Phönix, und er braucht sich nur zu regen, dann gibt es Wind und Wogen. So zieht er zwischen Nord und Süd dahin und hat immer seinen Zauberschatz, die Yin-Yang-Vase, dabei. Darin kann er einen Menschen binnen kürzester Zeit in Blut und Wasser auflösen.«
Als Pilger dies vernahm, dachte er schaudernd: »Der Dämon selbst wäre nicht schlimm, doch vor seiner Vase muss ich mich in Acht nehmen!« Dann forschte er weiter: »Die Fähigkeiten der drei Großen Könige habt ihr recht gut geschildert; das deckt sich mit dem, was ich weiß. Doch sagt mir jetzt: Welcher der Großen Könige will den Priester aus China fressen?«
Da rief einer der Windstecher: »Ihr wisst es ja gar nicht, Gebieter!«
»Was soll ich denn weniger wissen als du?« fuhr ihn Pilger an, »ich bin hier, um euch zu befragen, damit keiner was Falsches sagt!«
Da sprach der kleine Windstecher: »Der erste und der zweite Große König wohnen ja beide schon lange in der Löwengrotte hier auf dem Löwenberg, nur der dritte Große König ist nicht von hier. Früher wohnte er vierhundert Meilen weiter westlich, wo das Königreich mit Namen Löwenland liegt. Dort hat er vor fünfhundert Jahren den König mitsamt seinem Hofstaat gefressen, sämtliche Männer und Frauen, Kinder und Alte der ganzen Reichsstadt ebenfalls, und dann hat er sich deren Land angeeignet. Drum wohnen heute nur noch Ungeheuer dort. Irgendwann ist ihm dann zu Ohren gekommen, dass ein Priester aus dem chinesischen Kaiserreich in den Westen pilgert, um Heilige Schriften zu holen, und dass dieser Priester ein vorbildlicher Mensch ist, der sich über zehn Inkarnationen dem Weg der Vervollkommnung gewidmet hat, so dass schon ein einziges Stück von seinem Fleisch unsterblich macht. Weil er sich aber vor dessen Schüler, dem gefährlichen Pilger Sun, fürchtete und dachte, dass er alleine kaum gegen ihn ankommen würde, ist er zu uns gekommen und hat sich mit unseren Großen Königen verbrüdert, um jenen Priester mit vereinten Kräften einzufangen.«
Nachdem sich Pilger alles angehört hatte, rief er: »Was ihr da erzählt, entspricht der Wahrheit. Das Willkommensgeld braucht ihr mir heute noch nicht zu geben, doch derjenige, den ich zuerst getroffen habe, soll jetzt mit mir zum Großen König kommen und Bericht erstatten.«
Der kleine Windstecher, der auf Patrouille gewesen war, schenkte ihm Glauben und ging mit. Doch sie waren noch keine halbe Wegmeile unterwegs, als Pilger auf einmal seine Eisenstange zückte und ihn mit einem Hieb zu Brei schlug. Rasch knüpfte er die Plakette los, band sie sich um, schulterte die Flagge, befestigte sich die Schellen am Gürtel und nahm die Klappern in die Hand, dann wandte er sich in den Wind und nahm flugs die Gestalt des kleinen Windstechers an. So machte er sich mit ausholenden Schritten auf, die Grotte aufzusuchen, um mehr über die drei alten Dämonen zu erfahren.
Während er voranschritt, vernahm er auf einmal Stimmen und Gewieher; beim näheren Betrachten bemerkte er, dass der Lärm von der Löwengrotte herrührte, wo sich Tausende und Abertausende von kleinen Ungeheuern mit Speeren und Schwertern, Fähnchen und Flaggen in kampfbereiten Reihen aufgestellt hatten.
Konzentriert überlegte Pilger: »Wenn ich alter Sun jetzt hineingehe und die Dämonen mich fragen, was ich auf Patrouille gesehen habe, dann muss ich schnell und gefasst reagieren. Sobald ich nur irgendetwas Falsches sage, würden sie mich doch gleich erkennen! Und wenn ich dann fliehen wollte, wie käme ich je durch, wenn die ganze Rotte am Eingang Wache steht? Wenn ich die Dämonen in der Grotte dingfest machen will, muss ich erst zusehen, dass die Ungeheuer hier am Eingang wegkommen.«
Wie er das anstellte, fragt ihr?
Er erwog im Stillen: »Diese Dämonen kennen zwar meinen Namen, doch gesehen haben sie mich noch nie. Da will ich mal ein bisschen aufschneiden und ihnen einen gehörigen Schrecken einjagen.«
Also schritt er mit Klappergerassel und bimmelnden Schellen auf den Eingang zu, wo die Ungeheuer der vordersten Reihen sogleich riefen: »Der kleine Windstecher ist zurück!«
Ohne eine Antwort zu geben, trat Pilger gesenkten Hauptes ein. Beim dritten Torbogen standen weitere Ungeheuer, die ihm zuriefen: »Da bist du ja, kleiner Windstecher!«
»Da bin ich«, gab Pilger zurück.
»Wie war’s denn auf Patrouille, hast du den Pilger Sun gesehen?«
»Hab ich«, erwiderte Pilger, »er ist schon dabei, seine Stange zu wetzen!«
»Wie sieht er denn aus?« wollten die Ungeheuer wissen, »was für eine Stange hat er denn gewetzt?«
»Wie er dort unten am Fluss hockte, hätte man ihn noch für einen gewöhnlichen Weggott halten können; im Stehen aber ist er gewiss über zehn Klafter groß! Er hielt eine Eisenstange, dick wie eine Reisschale, die hat er mit Wasser am Felsen blankgescheuert. Und dazu hat er vor sich hin geredet und gesagt: ›Lange habe ich dich nicht benutzt, meine Stange. Diesmal aber gibt es hunderttausend Ungeheuer, und die sollst du mir allesamt erschlagen! Ich werde dir die drei Dämonen
opfern, sobald ich sie getötet habe.‹ Er hat sie blankgeschliffen, um erst einmal die vordersten zehntausend von euch zu erschlagen!«
Als die kleinen Ungeheuer das hörten, erbebten sie und gerieten außer sich vor Angst. Pilger aber fuhr fort: »Hört zu, dieser Priester aus China wird gewiss nicht so viel Fleisch abgeben, dass ihr was davon abbekommt. Wozu also für andere den Kopf hinhalten? Macht euch lieber rechtzeitig aus dem Staub, dass ihr mit dem Leben davonkommt!«
Hätte es sich um Soldaten einer richtigen menschlichen Miliz gehandelt, die der heiligen Befehlsgewalt ihre Treue schwören, so hätten sie selbst angesichts des Todes nicht zu desertieren gewagt. Doch das hier waren nichts als die Geister von Wölfen, Tigern, Panthern und sonstigem Getier, und so machte es »Husch!«, und alle waren auf und davon. Das war just wie einst, als die Lieder vom Staate Chu achttausend Soldaten vertrieben!
»So ist es gut!« lachte Pilger, »jetzt kann ich mich unbesorgt in die Grotte wagen.«
Und da wir nicht wissen, was er mit den Dämonen besprach, lasst uns das nächste Kapitel anhören.