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075 Der Herzensaffe dringt tief ein in Yin und Yang / Es fügt sich der Dämonenherr dem Großen Weg

Berichten wir nun, wie der Große Heilige in die Löwengrotte drang und ganze sieben, acht Meilen zurücklegte, bis er endlich beim dritten Toreingang aufblickend drei alte Dämonen gewahrte, die grimmig auf hohen Sesseln thronten. Ihnen zur Seite standen mehr als hundert Krieger in voller

Rüstung, unerbittliche Macht und wilde Kampfeslust demonstrierend. Pilger blickte ihnen ohne jede Furcht entgegen, trat mit großen Schritten heran, legte Klappern und Schellen nieder und rief den Thronenden zu: »Große Könige!«

Die Dämonen grinsten und sprachen: »Da bist du ja, kleiner Windstecher.«

»Da bin ich«, gab Pilger zurück.

»Wie war’s auf Patrouille, hast du etwas über den Pilger Sun in Erfahrung bringen können?« erkundigte sich der alte Dämon.

»Das wage ich den Großen Königen kaum zu sagen«, antwortete Pilger.

»Warum nicht?«

»Während ich in Eurem Auftrag unterwegs war, Großer König, habe ich plötzlich gesehen, wie einer dahockte und eine Stange blankscheuerte. Kauernd hätte man ihn noch für einen Weggott halten können, doch im Stehen muss er über zehn Klafter hoch sein! Und als er mit der hohlen Hand Wasser an die Felswand sprengte, um die Stange zu schleifen, sprach er vor sich hin: ›Lange hab ich diese wundervolle Stange nicht benutzt, drum reib ich sie schön blank, damit ich diese Großen Könige verhauen kann!‹ Da wusste ich, dass es Pilger Sun war, und drum bin ich eigens gekommen, Euch dies zu melden.«

Als die Dämonen dies hörten, trat ihnen der Schweiß aus den Poren.

»Ich habe doch gesagt, wir sollten diesen Priester aus China in Ruhe lassen«, meinte der eine, »sein Schüler besitzt immense Zauberkräfte. Und jetzt trifft er sogar schon Vorkehrungen, schleift die Stange und will uns verhauen. Was nun? Nehmen wir die Ungeheuer lieber wieder rein, riegeln die Tore ab und lassen ihn vorbeiziehen!«

Unter den Kriegern, die den Dämonen zur Seite standen, waren einige bereits informiert und berichteten: »Die Ungeheuer am Eingang haben sich aus dem Staub gemacht.«

»Was soll das heißen, aus dem Staub gemacht?« rief der alte Dämon erschrocken. Dann meinte er: »Wahrscheinlich haben sie schon Wind bekommen. Schnell, schließt die Tore und macht alles dicht!«

Schon stießen die Ungeheuer die Torflügel zu und verriegelten alle Eingänge. Da durchfuhr es Pilger mit Schrecken: »Wenn die alles absperren und mich über interne Angelegenheiten befragen, kriegen sie den Betrug gewiss heraus. Und sobald ich irgendwas Unpassendes sage, fassen sie mich! Nun gut, dann will ich ihnen noch mal Angst einjagen, damit sie wieder aufmachen und ich entwischen kann.«

Also trat er abermals vor und sprach: »Große Könige! Er hat aber noch Schlimmeres gesagt.«

»Was denn?«

»Er sagte, den ersten Großen König wolle er häuten, dem zweiten die Knochen raspeln und dem dritten die Sehnen ausreißen. Wenn wir jetzt hinter verschlossenen Toren sind und dieser Sun, der sich ja verwandeln kann, plötzlich als Fliege durch irgendeine Türspalte eindringt, kriegt er uns doch alle zusammen. Was dann?«

»Brüder, seht euch vor!« sprach der alte Dämon, »seit Jahren hat es in unserer Grotte keine Fliegen mehr gegeben. Wenn ihr also eine Fliege seht, dann muss es Pilger Sun sein.«

Pilger kicherte in sich hinein, sprang zur Seite und zupfte sich rasch ein Pelzhaar aus, das er in eine Schmeißfliege verwandelte und dem Dämon ins Gesicht fliegen ließ. Der fuhr zusammen und rief: »Schlimm, Brüder, dieser Dingsda ist schon hier!«

Entsetzt rannten alle großen und kleinen Ungeheuer herbei und patschten mit Rechen und Besen nach der Fliege. Da konnte sich der Große Heilige nicht länger halten und gluckste vor Lachen. Das aber hätte er nicht tun dürfen, denn mit dem Lachen kam sein ursprüngliches Gesicht zum Vorschein! Schon hatte es der dritte Dämon bemerkt. Er ging auf ihn zu, packte ihn und schrie: »Seht euch das an, Brüder! Um ein Haar wären wir ihm auf den Leim gegangen! Das Ungeheuer, das hier Bericht erstattet, ist gar nicht der Windstecher, es ist Pilger Sun! Sicher ist er einem unserer Windstecher über den Weg gelaufen, hat ihn erschlagen und wollte uns nun in dessen Gestalt hinters Licht führen!« Dann rief er dem Gesinde zu: »Bringt Stricke!«

Schon hatte man Pilger überwältigt und an Händen und Füßen gefesselt. Und als man sein Gewand lüftete, konnte man sehen, dass es tatsächlich rundum ein Affe war!

Es verhielt sich nämlich so, dass Pilger, der die

zweiundsiebzig Verwandlungen beherrschte, sich zwar vollständig in Tiere oder Pflanzen verwandeln konnte, doch wenn er sich in Menschen verwandelte, vermochte er nur das Gesicht zu ändern, den Körper nicht.

»Er ist es!« bezeugte der alte Dämon, nachdem er ihn betrachtet hatte, dann rief er dem Gesinde zu: »Holt Wein! Diesen Sieg haben wir dem dritten König zu verdanken, darauf wollen wir trinken! Da wir den Pilger Sun nun haben, ist der Priester aus China so gut wie in unserer Hand.«

»Moment!« warf der dritte Dämon ein, »wenn wir gleich zu trinken anfangen, könnte uns Pilger Sun mit irgendeinem Trick entwischen. Stecken wir ihn lieber in meine Vase!«

Sofort wurden sechsunddreißig Ungeheuer beauftragt, die Vase herbeizuschaffen.

Ihr fragt, wie groß diese Vase war? Nicht mehr als zwei Fuß und vier Zoll! Warum dann so viele Leute zum Tragen nötig waren? Nun, die Vase war eben ein Yin-Yang- Zauberschatz und enthielt daher alle Sieben Kostbarkeiten, die Acht Trigramme und die Vierundzwanzig Energien der Jahreszeiten. Daher ließ sie sich allein von sechsunddreißig Mann hochstemmen, dies entsprechend der Anzahl der Sterngötter im Siebengestirn. Binnen kurzem wurde die Vase herbeigeschafft und aufgestellt; die drei Dämonen öffneten sie, lösten Pilgers Fesseln, zogen ihm die Kleider aus und hielten ihn an die Öffnung, wo er vom göttlichen Odem der Vase mit einem schlürfenden Geräusch aufgesogen wurde. Da setzten sie einen Pfropfen darauf, versiegelten ihn und wandten sich dem Weingelage zu.

»In meiner Vase kann dieser Affe seine Westreise vergessen!« meinte der eine; die drei grölten laut und begannen sich zu ihrem Sieg zuzuprosten.

Doch wenden wir uns dem Großen Heiligen zu, dessen Leib beim Einsaugen geschrumpft war, so dass er erst einmal in dieser Gestalt am Boden der Vase sitzen blieb, wo es ihn eine gute Weile angenehm kühl dünkte. Schließlich lachte er auf und rief: »Dieser Dämon hat doch bloß einen eitlen Ruhm nach außen hin, drinnen ist gar nichts echt! Warum sagte wohl jener Windstecher, ein Mensch würde sich binnen kurzem in Blut und Wasser auflösen? Wenn es so schön kühl ist, könnte ich gut und gerne sieben, acht Jahre da verbringen!«

Oho! Das war nun etwas, was der Große Heilige nicht wusste: Wenn man nämlich in diesen Zauberschatz geriet, konnte es ein gutes Jahr lang kühl bleiben, solange man die ganze Zeit über kein Wort äußerte. Sobald man jedoch zu sprechen begann, entzündete sich ein gleißendes Feuer. Noch bevor der Große Heilige zu Ende gesprochen hatte, begannen sich in der Vase Flammen auszubreiten, und er konnte nur von Glück reden, dass er Zauberkräfte besaß. Denn vorerst brauchte er nur ein magisches Fingerzeichen zu machen, das vor Feuer schützte, und schon hatte er nichts mehr zu fürchten. So verharrte er eine gute Stunde, bis auf einmal ringsum Schlangen auftauchten und nach ihm schnappten. Pilger aber packte sie mit einem Griff und zerfetzte die Schlangen in achtzig Stücke. Bald darauf erschienen drei Feuerdrachen, die sich von oben und von unten um Pilger zu ringeln begannen, bis er es kaum mehr aushalten konnte und merkte, dass er allmählich die Fassung zu verlieren drohte.

»Alles andere ginge ja noch«, überlegte er, »bloß gegen diese Drachen komme ich nicht an. Wenn das so weitergeht, wird mir dieses Feuer nach kürzester Zeit das Herz angreifen, was dann?« Schließlich meinte er: »Dann mache ich mich einfach groß und sprenge das Ganze!«

Mit einem magischen Fingerzeichen murmelte er einen Zauberspruch, rief: »Wachsen!«, und schon wuchs er auf mehr als einen Klafter an. Allein, die Vase wuchs eng an seinem Körper mit. Und als er sich daraufhin ganz klein machte, schrumpfte die Vase ebenso. Pilger war machtlos. Plötzlich verspürte er einen leichten Schmerz an den Knöcheln, und als er sie befühlte, merkte er, dass sie vom Feuer weich geworden waren.

»Was tu ich bloß?« durchfuhr es ihn. Tränen kamen ihm, und er rief verzweifelt: »Ach, mein Meister! Seit die Bodhisattva mich einst befreite und zum Guten bewog, habe ich mit Euch unzählige Not und Mühen durchgestanden, immer von der Hoffnung getragen, dass wir einst gemeinsam den Westen erreichen und die Wahre Frucht der Buddhaschaft erlangen würden! Wer hätte je gedacht, dass ich heute in diese Falle geraten und das Leben verlieren würde! Sicher ist es wegen meines einstigen Rufs als Dämon, dass mir heute dieses Leid zustoßen muss!« Doch mitten in seiner Verzweiflung ging es ihm plötzlich durch den Kopf: »Hat mir nicht die Bodhisattva auf dem Schlangenberg einst drei lebensrettende Haare geschenkt? Die könnte ich doch ausprobieren!«

Er tastete in seinem Nacken, wo die drei festen, kräftigen Haare saßen. Nun riss er alle auf einmal aus, behauchte sie mit göttlichem Odem und machte so das eine zu einem Diamantbohrer, das zweite zu einer Bambusleiste und das dritte zu einem Stück Baumwollgarn. Die Bambusleiste spannte er zu einem Pfeilbogen, legte dann den Bohrer an und ließ ihn auf den Boden der Vase sausen. Ein kleines Loch entstand, durch das Licht eindrang.

»Herrlich! Was für ein Glück!« frohlockte Pilger. Kaum war diese Veränderung vollzogen, wurde es in der Vase wieder angenehm kühl, weil nämlich durch das Loch auch die Yinund Yang-Energien ausliefen. Nun fing der Große Heilige seine Haare wieder ein, verwandelte sich in eine Mücke und zwängte sich durch das Loch ins Freie. Statt gleich zu fliehen, schwirrte er erst zum alten Dämon und setzte sich auf dessen Kopf. Der Dämon schlürfte gerade seinen Wein, als er plötzlich den Becher hinknallte und rief: »Dritter Bruder! Pilger Sun muss sich doch aufgelöst haben?«

»Es ist gewiss an der Zeit«, grinste der Dritte.

Der älteste Dämon befahl, die Vase herbeizuschaffen. Doch wie nun die sechsunddreißig Ungeheuer die Vase anhoben, war sie auf einmal ganz leicht. Erschrocken meldeten sie: »Großer König! Die Vase ist leicht!«

»Unsinn!« fauchte der Dämon. Da hob eines der Ungeheuer die Vase hoch und meinte: »Seht doch, so leicht!«

Der Dämon riss die Vase an sich, und als er den Pfropfen herauszog und drinnen den Lichtschimmer erspähte, der durch das Loch eindrang, schrie er: »Leer ist sie, ganz leer!«

Da konnte sich der Große Heilige auf seinem Kopf nicht halten und rief: »Ha, mein Söhnchen: Weg ist er, ganz weg!«

Als die Dämonen das hörten, riefen sie: »Er ist weg! Er ist entlaufen!« Und sie befahlen: »Alle Tore schließen!«

Pilger aber fing mit einem Schütteln seine Kleider ein, nahm seine eigene Gestalt an und sprang mit einem Satz aus der Grotte hinaus. Draußen wandte er sich um und schrie: »Eure Frechheiten könnt ihr euch sparen, Ungeheuer! Die Vase hat ein Loch, die saugt keinen mehr ein. Die taugt höchstens noch als Nachttopf!«

Fröhlich kichernd sprang er auf eine Wolke und sauste schnurstracks zu Tripitaka.

»Meister, da bin ich wieder!« rief er ihm zu, als er bei ihm landete. Tripitaka fasste ihn am Arm und rief: »Wukong! Du bist lange fort gewesen. Wie steht es nun um Heil und Unheil in diesem Gebirge?«

Pilger schilderte ihm ausführlich, wie er sich in einen Windstecher verwandelt hatte und zuletzt von der Vase aufgesogen worden war, und schloss mit den Worten: »Dass ich wieder vor meinen Meister treten darf, ist wahrhaftig, als ob ich ein neues Leben beginnen würde!«

Der Priester sprach ihm seinen Dank aus. Dann fragte er: »Hast du denn noch nicht mit den Dämonen gekämpft?«

»Nein«, gab Pilger zurück.

»Wie können wir uns dann weiter voranwagen?«

»Aber Meister«, versetzte Pilger, »wie soll ich alter Sun alleine gegen drei Dämonen und Tausende von Ungeheuern kämpfen? Lasst Bajie mithelfen.«

Schon warf sich der Tölpel in Kampfpose und stieg mit Pilger zusammen auf einer Wolke in die Höhe. Wie die beiden zur Grotte kamen, sahen sie schon von weitem, dass der Eingang verriegelt war und ringsum alles leer. Pilger trat mit gezückter Stange vor das Tor und schrie: »Macht auf, ihr Ungeheuer! Kommt raus und kämpft mit dem alten Sun!«

Als die kleinen Ungeheuer seine Worte den Dämonen gemeldet hatten, sprach der alte Dämon zitternd vor Angst:

»Wir hörten doch seit Jahren,

Wie schlimm der Affe sei;

Nun zeigt es sich im Wahren,

Es war nichts falsch dabei!

Da hat sich doch dieser Pilger heute früh als Windstecher ausgegeben, und keiner von uns hat was gemerkt; wir können ja noch von Glück reden, dass unser dritter Bruder ihn erkannt hat. Dann haben wir ihn in die Vase gesteckt, er aber hat ein Loch gemacht und ist raus. Und jetzt steht er schon wieder vor den Toren und ruft zum Kampf auf! Wer von euch ist bereit, eine erste Runde auszufechten?«

Keiner antwortete. Auch als er die Frage wiederholte, blieb es still, gerade so, als spielten alle taubstumm. Da schrie der alte Dämon wütend: »Dann werden wir auf dieser Westreise einen schändlichen Ruf hinterlassen! Wenn wir jetzt, wo dieser Pilger Sun so anmaßend daherkommt, nicht hingehen und gegen ihn Krieg führen, ist unsere Ehre zunichte! Jetzt werde ich unter Einsatz meines alten Lebens drei Runden ausfechten; wenn ich gewinne, ist das Fleisch des chinesischen Priesters unser, andernfalls könnten wir ja immer noch die Tore schließen und ihn ungeschoren vorbeiziehen lassen!«

Schon band er sich die Rüstung um, dann schritt er hinaus und schrie: »Wer pocht hier ans Tor?«

»Dein Ahnherr Sun, der Himmelsebenbürtige Große Heilige!«

»Du tollkühner Affe«, rief der Dämon grinsend, »was schreist du hier herum, ich habe dich doch nicht aufgebracht!«

»Du willst mich nicht aufgebracht haben?« gab Pilger zurück. »Du hast dich mit einer Horde dämonischem Gesindel verschworen, um meinen Meister zu fressen! Darum bin ich hier.«

»Willst du dich etwa prügeln, dass du so großspurig daherkommst?«

»Genau das will ich!«

»Tu bloß nicht so tollkühn!« gab der Dämon zurück. »Meine Krieger gegen dich ins Feld zu schicken käme mir schlecht zu stehen, das hätte ja den Anschein, als wollte ich dich schikanieren. Darum will ich jetzt eigenhändig mit dir einen Kampf ausfechten, aber von Mann zu Mann, Hilfskräfte sind nicht erlaubt!«

Pilger hieß Bajie zur Seite treten und meinte: »Schauen wir mal, was der gegen mich alten Sun ausrichten kann!«

Der Tölpel ging auf die Seite, und nun rief der Dämon Pilger zu: »Komm und stell dich hierher wie ein Pflock, dass ich dir drei Hiebe auf deinen kahlen Schädel verpasse, dann lass ich deinen Priester aus China ziehen. Falls du nicht standhältst, lieferst du mir auf der Stelle deinen Priester, das gibt ein Häppchen Fleisch zum Reis.«

Auf diese Worte kicherte Pilger bloß und gab zurück: »Du lausiges Ungeheuer! Falls es in deiner Grotte Papier und Pinsel geben sollte, dann bring es her und lass uns das vertraglich unterzeichnen. Und wenn du mir ein Jahr lang auf den Schädel hauen willst; das ist mir schlicht egal.«

Da ballte der Dämon all seine Kräfte, nahm eine Kampfpose ein, indem er den linken Fuß abgewinkelt vor den rechten setzte, packte sein Schwert mit beiden Händen und schmetterte es dem Großen Heiligen über den Schädel. Der aber reckte sich gleichzeitig, es folgte ein Klirren, doch der Hieb hatte ihm nicht einmal die Kopfhaut gerötet. Der Dämon erschrak und brummte: »Was für einen harten Schädel dieser Affe hat!«

»Siehst du«, gab der Große Heilige lachend zurück, »ich alter Sun habe von Geburt an einen stahlharten Schädel, wie aus Kupfer und Eisen, so was hat’s seit Urzeiten nicht gegeben. Und damit er wirklich fest genug ist, hat der Priester aus China auch noch einen Reif aus Purpurgold draufgesetzt!«

»Gib bloß nicht an, du Äffchen!« fuhr ihn der Dämon an. »Du willst einen Schädel aus Kupfer und Eisen haben? Dann sieh zu, wie ich jetzt zuschlage: Ich spalte dich mit einem Schlag in zwei Hälften, so wie man aus der Kalebasse die Schöpfkellen macht!«

»Du lausiger Dämon bist wohl blind!« lachte Pilger, »eine Kelle soll ich werden? Aber wie du magst, probier’s aus, dann schauen wir weiter.«

Der Dämon schwang ein zweites Mal seinen Säbel und ließ ihn niedersausen, abermals reckte sich der Große Heilige und wurde in zwei Hälften gespalten. Die Hälften aber rollten über den Boden und wurden zu zwei ganzen Pilgern. Den Dämon überlief ein Schaudern. Mit gesenktem Schwert wies er mit der Hand auf Pilger und rief: »Dass du dich auf Körperteilung verstehst, hab ich schon gewusst. Doch warum musst du den Trick unbedingt vor meinen Augen aufführen?«

»Um Tricks brauchst du dich nicht zu kümmern, lausiges Ungeheuer«, lachte Pilger, »schlag doch einfach zehntausend Mal zu, dann kriegst du zwanzigtausend Leute!«

»Du Äffchen kannst doch nichts weiter als dich aufteilen! Dich wieder zusammenfügen schaffst du bestimmt nicht. Falls es dir gelingt, magst du mir eins mit deiner Stange verpassen.«

»Nun denn«, meinte der Große Heilige, »dein Wort soll gelten!«

Schon umfassten sich die beiden Körper, rollten über den Boden, und Pilger erschien von neuem wie zuvor. Dann aber schwang er seine Stange gegen den Dämon, und dieser suchte sie mit seinem Schwert abzuwehren, so dass sich vor dem Grottentor ein erbitterter Zweikampf entspann. Bald erhoben sich beide auf Wolken, um ihr Duell in halber Höhe fortzusetzen. Als aber nach über zwanzig Runden noch immer kein Entscheid gefallen war, konnte sich Bajie, der das schöne Gefecht von unten mitverfolgte, nicht länger halten. Er sprang hoch und schleuderte dem Dämon seinen Rechen ins Gesicht, worauf dieser den Säbel fallen ließ und floh.

»Ihm nach, schnell!« schrie Pilger.

Schon sauste der Tölpel im sicheren Gefühl der Überlegenheit hinter dem Dämon her. Als der aber merkte, dass Bajie näher kam, blieb er an einem Felshang stehen und vollzog mit einem leichten Dreh gegen den Wind eine Verwandlung in seine ursprüngliche Gestalt, sperrte sein Maul auf und wollte Bajie verschlingen. Der stürzte sich vor Schreck kopfüber ins Gesträuch und verharrte dort zitternd und ungeachtet aller Dornen, während er ängstlich horchte, ob

das Säbelrasseln weiterging. Schon kam Pilger hinterhergerannt, und der Dämon sperrte abermals sein Maul auf, nicht wissend, dass er damit selbst in die Falle ging. Denn Pilger steckte einfach seine Eisenstange ein, rannte weiter und ließ sich verschlingen.

Der Tölpel, der das Geschehen aus seinem Versteck entsetzt mitverfolgt hatte, rief aufgebracht: »Dieser elende Pferdeknecht kennt einfach kein Maß! Renn doch weg, wenn der Dämon dich fressen will! Stattdessen gehst du auf ihn zu, und jetzt liegst du gefressen in seinem Bauch; heute noch als Mönch, morgen bist du Kot!«

Erst nachdem der Dämon siegreich in seine Grotte zurückgekehrt war, schlich der Tölpel aus dem Gesträuch und verdrückte sich auf dem Weg, den er gekommen war.

Wenden wir uns aber Tripitaka zu, der mit Sandmönch in banger Erwartung am Fuße des Berges verharrte und nun Bajie

keuchend herbeirennen sah. Tripitaka durchfuhr ein Schrecken. »Bajie!« rief er ihm zu, »was ist dir zugestoßen? Wo ist Wukong?«

»Der Dämon hat ihn gefressen!« schrie Bajie.

Als Tripitaka das hörte, brach er zusammen und schlug sich verzweifelt mit der Faust gegen die Brust.

»Ach, mein Schüler!« brach er in Klage aus, »immer hast du doch beteuert, wie gut du Dämonen bekämpfen könnest. Und jetzt bist du dem Dämon erlegen! Wie entsetzlich! Welch ein Jammer!«

Der Meister wand sich in bitterstem Leid.

Doch seht euch jetzt den Tölpel an! Statt den Meister zu trösten, rief er Sandmönch zu: »Bring das Gepäck; wir teilen alles auf!«

»Warum denn, Bruder?« fragte dieser verwundert.

»Wir teilen uns die Sachen, und jeder geht seines Weges: du zum Treibsandfluss, da kannst du wieder Menschen fressen; ich ins Dorf der Sippe Gao, dort seh ich mein Weib wieder. Den Schimmel können wir verkaufen, vom Erlös besorgen wir einen Sarg und machen ein Begräbnis.«

Seine Worte wollten dem Priester das Herz zerreißen. Laut rief er den Himmel an und schluchzte hemmungslos. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Berichten wir stattdessen, wie der Dämon, nachdem er Pilger verschlungen hatte, siegesgewiss in seine Grotte zurückkehrte und den anderen Dämonen zurief: »Ich hab einen!«

»Welchen?« fragte der zweite Dämon.

»Den Pilger Sun!«

»Wo denn?« wollte der Zweite wissen.

»Im Bauch, aufgefressen!«

Da rief der Dritte erschrocken: »Aber Bruder, ich hab dir doch gesagt, dass der Pilger Sun sich nicht zum Fressen eignet!«

Da antwortete der Große Heilige aus dem Bauch: »Doch, er eignet sich bestens! Sättigt sehr gut, man kriegt nie wieder Hunger!«

Erschrocken riefen die kleinen Ungeheuer: »Schlimm, Großer König! Pilger Sun spricht aus Eurem Bauch!«

»Mir egal«, versetzte der Dämon, »wenn ich es geschafft habe, ihn zu fressen, werd ich auch mit ihm fertig! Setzt heißes Salzwasser auf, dann sauf ich das und kotze ihn raus. Anschließend können wir ihn gemütlich braten und zum Wein verzehren.«

Tatsächlich gossen nun die kleinen Ungeheuer eine halbe Schale Salzwasser auf, der Alte leerte sie in einem Zug, wischte sich übers Maul und übergab sich. Nur hatte der Große Heilige inzwischen im Bauch Wurzeln geschlagen und ließ sich nicht von der Stelle rücken. Der Dämon langte sich in den Hals und erbrach sich ein zweites Mal, dass ihm schwindelte. Sterne tanzten vor seinen Augen, und ihm war, als würde ihm gleich die Galle platzen. Pilger aber regte sich erst recht nicht. Nachdem der Dämon sich vom Keuchen erholt hatte, rief er: »Pilger Sun! Kommst du raus oder nicht?«

»Noch lange nicht«, gab dieser zurück, »nicht rauskommen ist genau das, was ich jetzt will.«

»Warum nicht?«

»Bist du schwer von Begriff, du Ungeheuer!« rief Pilger. »Ich gebe mich mit wenig zufrieden, seit ich Mönch bin, doch immerhin ist jetzt schon Herbst, und ich trage immer noch eine ungefütterte Baumwollkutte. In deinem Bauch aber ist es schön warm und ohne Durchzug, hier will ich erst mal überwintern, bevor ich wieder rauskomme.«

Als die kleinen Ungeheuer das hörten, riefen sie: »O Großer König! Pilger Sun will in Eurem Bauch überwintern!«

»Wenn der da überwintern will, dann meditiere ich, mache einen Verrückungszauber und faste den ganzen Winter über, dass der verdammte Pferdeknecht verhungert!«

Da antwortete der Große Heilige: »Du weißt leider nicht, mein Söhnchen, dass der alte Sun sich vorgesehen hat. Ich habe nämlich einen faltbaren Topf dabei, damit werd ich mir hier Eingeweidesuppe kochen. Dann kann ich Leber, Darm, Bauch und Lungen ganz gemütlich verspeisen, das reicht mindestens bis zum Ahnenfest im Frühjahr!«

Da meinte der zweite Dämon bestürzt: »Bruder, dass er die Gedärme fressen will, mag noch hingehen, doch wo stellt er seinen Topf hin?«

»Den leg ich aufs Kreuzbein«, meinte Pilger.

»Schlimm!« meinte der Dritte. »Wenn er dort unterm Topf Feuer macht, kommt dir der Rauch zur Nase raus, dann musst du niesen.«

»Nicht allzu schlimm«, versetzte Pilger lachend, »ich alter Sun brauche doch bloß meine Goldreifstange durch seinen Schädel zu stechen, dann hab ich nicht nur ein schönes Fenster, sondern auch noch einen Schornstein!«

Jetzt konnte der Dämon nicht länger behaupten, ihm wäre nicht bange. Dennoch versuchte er sich mutig zu geben und rief: »Keine Angst, Brüder! Bringt mir den Kräuterschnaps; ein paar Becher davon werden diesen Affen umlegen.«

Schon machten sich die kleinen Ungeheuer daran, Schnaps in zwei Krüge zu sieben, und reichten dem Dämon einen randvollen Becher. Schon als dieser ihn zur Hand nahm, stieg dem Großen Heiligen der Alkoholduft in die Nase, und er sagte sich: »Davon soll er nichts abkriegen!«

Er drehte seinen Kopf zu einem Trichter und legte ihn so am Hals an, dass der ganze Schnaps, den der Dämon nun die Kehle hinuntergoss, von Pilger getrunken wurde. So ging es auch mit dem zweiten und mit allen weiteren Bechern. Nachdem der Dämon sieben-, achtmal den Becher geleert hatte, stellte er ihn auf den Tisch und meinte: »Seltsam. Normalerweise brennt mir von diesem Zeug nach zwei Bechern der Bauch wie Feuer. Aber jetzt habe ich sieben, acht Becher gesoffen und bin nicht mal rot im Gesicht!«

Pilger hingegen, der ja sonst kaum Alkohol zu sich nahm, begann sich nun im Bauch auszutoben, spreizte sich nach allen Seiten, machte tolle Luftsprünge, kickte mit den Füßen zum Kopf, begann schließlich an der Leber zu schaukeln und machte Handstand und Purzelbäume, bis der Dämon unter qualvollen Schmerzen zusammenbrach.

Und da wir nun nicht wissen, wie es um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.