Wie berichtet wurde, hatte der Große Heilige im Bauch des alten Dämons so lange ausgeharrt, bis dieser am Boden zusammengebrochen war und lange keinen Laut mehr von sich gab. Im Glauben, er sei tot, hielt Pilger eine Weile inne. Doch da kam der Dämon wieder zu sich und ächzte: »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, o Bodhisattva der Barmherzigkeit!«
»Erspar dir diese Mühe, mein Söhnchen«, gab Pilger zurück, »es reicht, wenn du mich Ahnherr Sun nennst!«
In seiner Todesangst rief nun der Dämon tatsächlich: »Ahnherr, Ahnherr! Es war mein Fehler! Versehentlich habe ich Euch verschluckt und mir damit solche Qualen zugezogen. Ich flehe Euch an, Großer Heiliger, lasst Barmherzigkeit walten; habt Erbarmen mit einem armen Würmchen, dem sein Leben lieb ist! Wenn Ihr mir das Leben schenkt, werde ich zum Dank Euren Meister über den Berg geleiten!«
Nun war es ja so, dass der Große Heilige zwar gerne den Helden spielte, doch wichtiger noch war ihm Tripitakas Reiseziel. Wie er nun den Dämon mit solchen Versprechungen um Vergebung betteln hörte, besann er sich des Guten und rief: »Und wie, bitte, willst du meinen Meister hinüberführen?«
»Leider haben wir weder Gold und Silber noch Edelsteine, die wir Euch als Geschenk anbieten könnten«, erwiderte der Dämon, »doch besitzen wir eine aus Duftlianen geflochtene Sänfte, mit der wir Euren Meister über das Gebirge tragen können.«
»Eine Sänfte ist doch viel besser als Kostbarkeiten«, lachte Pilger, »dann halt mal dein Maul auf, damit ich rauskommen kann!«
Tatsächlich sperrte der Dämon seinen Rachen auf. Gleichzeitig aber trat der dritte Dämon zu ihm hin und flüsterte: »Bruder, wenn er rauskommt, beißt du einfach zu und zermalmst den Affen zwischen den Zähnen! Dann schluckst du ihn runter, und gut ist’s.«
Pilger aber ahnte bereits, was da im Gange war, und streckte probehalber erst die Eisenstange hinauf. Prompt biss der Unhold zu, dass es nur so knirschte, und seine Schneidezähne barsten. Da zog Pilger die Stange zurück und rief: »Du bist mir ja ein nettes Ungeheuer! Da schenk ich dir das Leben und willige ein, rauszukommen; du aber willst mich zu Tode beißen! Dann bleibe ich eben drin und plage dich, bis du tot umfällst!«
»Alles wegen dir!« grollte der alte Dämon dem Dritten. »Endlich hab ich ihn so weit gehabt, dass er rauskommen wollte, und da heißt du mich zubeißen! Was nun, wenn er nie wieder herauskommt?«
Auf diesen Tadel hin versuchte es der dritte Dämon mit Aufstacheln und rief: »Pilger Sun! Dein Ruf ist wie der Donner in aller Ohren; überall erzählt man sich, wie gewaltig du beim Südlichen Himmelstor und vor der Halle der Himmelshöhen deine Macht gezeigt haben sollst und wie du jetzt auf der Westreise Dämonen bändigen würdest, doch im Grunde bist du ja nichts als ein hundsgemeiner Affe!«
»Was soll das heißen?«
»So heißt es doch: Wenn ein wackerer Kerl weit reist, so dringt sein guter Ruf noch weiter. Komm raus und wage den Kampf mit mir, nur so bist du es wert, ein rechter Kerl zu heißen. Was treibst du dich im Bauch anderer Leute rum? Das ist doch nichts anderes als hundsgemein!«
Als Pilger das hörte, durchfuhr es ihn: »In der Tat! Das wäre ja viel zu einfach, ihn jetzt umzubringen, wenn ich weiter in seinen Gedärmen wühle. Das würde tatsächlich meinem Ruf schaden.« Also rief er: »Nun gut! Mach dein Maul auf, dann komm ich raus und messe mich im Kampf. Diese Grotte aber ist zu eng, mit Waffen zu hantieren. Ich mache nur im Freien mit!«
Als der dritte Dämon dies hörte, schickte er alle kleinen Ungeheuer mit scharfem Kriegsgerät auf Lauer und befahl ihnen, Pilger sofort zu überfallen, sobald er herausgekommen sei. Dann wurde der alte Dämon, gestützt von den beiden anderen, ins Freie gebracht, wo sie riefen: »Pilger Sun, komm raus, wenn du ein rechter Kerl heißen willst! Hier ist Platz genug zum Fechten!«
Wie der Große Heilige das Krächzen von Raben und Elstern hörte, wusste er, dass sie sich tatsächlich im Freien befanden. Doch nun überlegte er: »Wenn ich jetzt drinbleibe, halte ich mein Versprechen nicht, aber wer weiß, was die verdammten Kerle wieder im Schilde führen, wenn ich rauskomme? Nun gut, dann will ich zusehen, dass beiden Seiten Genüge getan wird: Ich gehe raus und schlage gleichzeitig eine Wurzel in seinem Bauch.«
Er zupfte sich ein Pelzhaar aus, das er in ein langes Seil von etwa vierzig Klafter verwandelte, und dieses band er mit einer losen Schlinge am Herzen fest, die offen blieb, solange man nicht daran zog. Sobald daran gezerrt würde, hätte der Dämon gleich wieder Schmerzen. Anschließend nahm er das andere Ende zur Hand und lachte: »Wenn ich jetzt rausgehe und er wirklich meinen Meister über den Berg führen will, dann soll’s mir recht sein. Falls er aber mit Kriegern und Waffen daherkommt, mache ich mir nicht erst die Mühe, gegen die anzukämpfen, dann brauch ich ja bloß am Seil zu ziehen, und schon ist es wieder, als wäre ich noch immer in seinem Bauch.«
Nun machte er sich ganz klein, kroch zum Gaumen und sah, dass das Ungeheuer sein Maul aufhielt; oben und unten blitzten die Zähne wie stählerne Klingen.
»Wenn ich zum Mund rausgehe«, sann Pilger, »braucht er nur zuzubeißen, und das Seil ist durch. Ich muss da raus, wo’s keine Zähne gibt.«
Also wickelte er das Seil auf und kroch hinter dem Gaumen die Nase hoch. Das juckte den alten Dämon so sehr, dass er laut niesen musste. »Hatschi!« machte es, und Pilger schoss ins Freie. An der frischen Luft neigte er sich leicht vor, dass er auf einen Schlag drei Klafter groß wurde, dann hielt mit der einen Hand das Seil und wirbelte mit der anderen die Eisenstange. Der Dämon aber, der noch nicht wusste, wie es um ihn bestellt war, wollte Pilger schon mit dem Säbel ins Gesicht stechen, während sich auch der Zweite und der Dritte mit Speer und Lanze auf ihn stürzten. Da schoss Pilger mit einem Satz davon und landete auf einem flachen Gipfel, wo er das Seil mit beiden Händen packte und aus Leibeskräften daran zerrte. Dem Dämon fuhr ein so heftiger Schmerz in die Brust, dass er in die Luft sprang, doch schon zerrte ihn Pilger wieder nach unten. Da riefen die kleinen Ungeheuer, die von weitem zuschauten: »Hört auf, Große Könige, lasst ihn laufen! Dieser Affe hält sich ja nicht mal an die Jahreszeiten; er lässt schon vor dem Ahnenfest Drachen steigen!«
Der Große Heilige aber stampfte mit aller Kraft mehrmals auf den Boden, dass der alte Dämon wie eine Spindel nach unten surrte und schwer in den Staub sackte. Am Berghang blieb eine tiefe Delle. Bestürzt eilten die beiden anderen Dämonen herbei, hielten das Seil fest und flehten auf den Knien: »O Großer Heiliger! Überall heißt es, Ihr wäret ein so edler Unsterblicher, und Eure Nachsicht sei so tief wie der Ozean. Wer hätte je geglaubt, dass Eure Gnade nicht weiter reicht als die einer Ratte, einer Schnecke! Mit bester Absicht lassen wir Euch heraus, um einen Kampf auszutragen; Ihr aber bindet unserem Bruder ein Seil ans Herz!«
»Diese schamlose Dämonenrotte«, grinste Pilger. »Beim letzten Mal habt ihr mich rausgelockt, um mich zu zerbeißen, und diesmal habt ihr eine ganze Armee aufgestellt! Es geht doch nicht an, dass ihr mit Zehntausenden von Kriegern gegen mich allein anrennt? Los, jetzt wird er vor meinen Meister geschleppt!«
Da warfen sich alle drei Dämonen vor ihm nieder und flehten: »Erbarmen, Großer Heiliger! Wir sind bereit, Euren ehrenwerten Meister über den Berg zu führen!«
Da warfen sich alle drei Dämonen vor ihm nieder und flehten: »Erbarmen, Großer Heiliger! Wir sind bereit, Euren ehrenwerten Meister über den Berg zu führen!«
»Ihr braucht doch bloß das Seil mit dem Säbel durchzuschneiden!« meinte Pilger lachend.
»Aber werter Herr!« rief der alte Dämon, »das Ende säße ja dann immer noch am Herzen, es wäre nur von außen abgetrennt. Das Seil liegt mir schon jetzt ihm Hals, dass mir speiübel wird! Was soll ich bloß tun?«
»Na gut«, meinte Pilger, »dann halt dein Maul auf, damit ich den Knoten lösen kann.«
Erschrocken meinte der alte Dämon: »Wenn er jetzt reingeht und auf einmal wieder nicht rauskommen will, dann wird es erst recht schwierig!«
»Das Seil zu lösen ist keine Sache«, versetzte Pilger, »die Frage ist bloß, ob ihr auch wirklich aufrichtig bereit seid, meinen Meister über den Berg zu führen?«
»Gewiss, wenn Ihr nur das Seil losmacht! Wir werden Euch nicht betrügen.«
Da schenkte ihnen der Große Heilige Glauben, fing sein Pelzhaar mit einem Schütteln ein, und schon war der Unhold wieder schmerzfrei. Alle drei Dämonen sprangen auf und riefen dankend: »Möge der Große Heilige seinen Meister rufen und das Gepäck bereitstellen; wir kommen sogleich mit der Sänfte nach.«
Die Dämonen zogen die Truppen ab und kehrten in ihre Grotte zurück.
Als der Große Heilige aber auf dem Rückweg um den Berghang kam, sah er schon von weitem, wie sich Tripitaka schluchzend am Boden wälzte.
»Keine Frage«, sann er, »gewiss hat ihm Bajie erzählt, ich sei gefressen worden, darum ist er so verzweifelt.«
Schnell senkte er seine Wolke und rief: »Meister!«
Sandmönch hörte ihn und rief Bajie vorwurfsvoll zu: »Schau, was du angerichtet hast, du elender Sargdeckel! Unser Ordensbruder ist ja gar nicht tot; da kommt er doch und ruft!«
»Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er vom Ungeheuer aufgefressen worden ist«, beharrte Bajie. »Heute muss ein Unglückstag sein, dass dieser Affe uns als Geist heimsucht.«
Pilger landete, packte Bajie am Arm und verpasste ihm eine Ohrfeige. »Du Trottel!« rief er, »ich soll als Geist erscheinen? Glaubst du etwa, ich sei so eine unnütze Eiterbeule wie du? Nachdem er mich verschluckt hat, habe ich ihn eben in den Darm gezwickt und in die Lunge gekniffen, ihm ein Seil ums Herz geschnürt, bis er’s vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten hat. Am Ende haben alle drei Dämonen vor mir Kotau gemacht und mich angefleht, sie am Leben zu lassen. Gleich werden sie den Meister mit einer Sänfte über den Berg tragen!«
Als Tripitaka dies hörte, sprang er mit einem Satz hoch, bedankte sich bei Pilger und sprach: »O mein Schüler, das muss dich ungeheure Anstrengung gekostet haben! Hätte Wuneng recht behalten, wäre es mein Ende gewesen.«
Pilger schalt Bajie von neuem, dann aber machten sie Pferd und Gepäck reisefertig und stellten sich wartend an die Landstraße, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Wenden wir uns stattdessen den drei Dämonen zu, die in ihre Grotte zurückgekehrt waren. Dort sprach der zweite Dämon: »Werte Brüder, immer glaubten wir, was für ein neunköpfiges, achtschwänziges Monster dieser Pilger Sun sein müsse, und dabei ist es ein klitzekleiner Affe! Du hättest ihn bloß nicht fressen sollen, sondern gegen ihn kämpfen. Gegen uns drei käme er niemals an! Und von den zehntausend Soldaten, die wir hier in der Grotte haben, reicht doch schon die Spucke, ihn zu ertränken. Weil du ihn geschluckt hast, konnte er in deinem Bauch sein Unwesen treiben; so hast du dich gar nicht mit ihm messen können. Die Zusage, den Priester hinüberzuführen, haben wir doch nur gemacht, damit er den Ältesten am Leben ließ. So haben wir ihn noch mal rauslocken können. Es kann doch nicht sein, dass wir ihn wirklich rüberführen, oder?«
»Was ist deine Meinung, werter Bruder?« fragte der alte Dämon.
»Gib mir dreitausend kleine Ungeheuer; ich werde diesen Affen gefangennehmen, das krieg ich hin«, gab der zur Antwort.
»Dann tu, was du für richtig hältst«, meinte der Alte.
Der zweite Dämon gab also dreitausend kleinen Ungeheuern Befehl, stellte sie am Rande der Landstraße auf und schickte vorab einen Boten mit blauer Flagge, auf der die Nachricht stand: »Pilger Sun wird aufgefordert, unverzüglich zum Kampf gegen den zweiten Großen König anzutreten.«
Als Bajie dies hörte, lachte er auf und rief: »Ach, Bruder, es ist doch, wie das Sprichwort geht: ›Der Landsmann geht Lügen nicht auf den Leim!‹ Warum gibst du vor, diese Ungeheuer gebändigt zu haben, und behauptest gar, sie wollten unseren Meister mit der Sänfte hinübertragen? Da rufen sie doch schon wieder zum Kampf auf!«
»Den alten Dämon habe ich bezwungen, der traut sich nicht mehr raus«, versetzte Pilger. »Sicher will sich der zweite Dämon, der jetzt zum Kampf aufruft, nicht damit abfinden, uns hinüberzuführen. Diese Dämonen halten zueinander, sie sind verbrüdert. Doch wir sind ebenfalls zu dritt, und ich habe den ältesten Dämon bereits geschlagen. Da jetzt der zweite Dämon kommt, könntest du doch auch mal kämpfen, oder?«
»Klar, vor dem fürcht ich mich doch nicht!« rief Bajie. »Wartet nur, ich lege gleich los.«
Der Tölpel packte seinen Rechen, rannte den Hang hinauf und schrie: »Komm raus, du Ungeheuer! Auf in den Kampf mit Ahnherrn Eber!«
Da trat der zweite Dämon heraus, und als er Bajie erblickte, richtete er, ohne ein Wort zu verlieren, seinen Speer gegen ihn. Bajie aber hielt den Rechen dagegen, und so begannen die beiden ihr Gefecht. Doch es dauerte keine acht Runden, da konnte Bajie sich nicht länger wehren und ergriff die Flucht. Der Dämon aber blieb ihm auf den Fersen, streckte bald seinen Rüssel aus und rollte ihn wie einen Lindwurm um Bajie. So kehrte er siegreich mit seiner Beute in die Grotte zurück.
Da rief Tripitaka, der unten zugeschaut hatte, Pilger zu: »Wuneng ist gefangen! Was tun wir bloß?«
Pilger lachte: »Ach Meister, Ihr seid einfach zu parteiisch! Als ich alter Sun gefangen war, habt Ihr Euch keine Sorgen gemacht, und jetzt, kaum ist dieser Tölpel in Gefangenschaft, seid Ihr gleich so aufgeregt. Lasst ihn doch auch mal ein bisschen Leid erfahren, so versteht er wenigstens die Schwierigkeit unserer Schriftensuche.«
»Aber, mein Schüler!« erwiderte Tripitaka, »wie hätte ich mir keine Sorgen machen können, als du weg warst! Doch immerhin weiß ich ja, dass du dich verwandeln kannst und dir daher nichts Lebensgefährliches zustoßen wird. Dieser Tölpel aber ist so ungeschickt, dass ihm gewiss nichts Gutes bevorsteht. Geh doch bitte und hilf ihm heraus!«
Pilger schoss in die Lüfte und kam auf den Berg, doch gleichzeitig ging es ihm durch den Kopf: »Dieser Tölpel hat mich einfach totgesagt! Jetzt geh ich erst mal rein und gucke, wie die Ungeheuer mit ihm umspringen. Er soll doch auch mal ein bisschen leiden, danach werde ich ihn befreien.«
In Gestalt einer Mücke surrte er hinüber, landete auf Bajies Ohr und kam so mit ihm in die Grotte hinein. Hier warf der zweite Dämon Bajie hin und rief: »Bruder, ich hab einen!«
»Dieser Kerl ist zu nichts nütze«, versetzte der Ältere.
Als Bajie das hörte, rief er schnell: »Großer König, dann lasst doch die Nutzlosen laufen und holt die Nützlichen!«
Doch da ließ der dritte Dämon verlauten: »Ob nützlich oder nicht, immerhin ist der Eber Bajie auch ein Schüler des chinesischen Priesters.«
Und er trug den Ungeheuern auf, ihn, an Händen und Füßen gefesselt, im Hinterhof in den Teich zu werfen. Der Große Heilige schwirrte hoch und konnte bald sehen, wie Bajie im Teich Hände und Füße von sich streckte und mühsam die Schnauze über Wasser zu halten versuchte. Wie er dabei fortwährend keuchte, sah lächerlich aus; man hätte ihn geradezu für eine verdorrte Lotoskapsel halten können. Der Anblick löste im Großen Heiligen Widerwillen und Erbarmen zugleich aus, und er dachte: »Immerhin wird auch er einst am Fest der Drachenblüte des Buddha Maitreya teilnehmen. Es ist nur widerlich, wie er die Schriftensuche immer gleich aufgeben will und dazu noch den Meister gegen mich aufstachelt. Ha, neulich hat Sandmönch doch mal gesagt, er habe sich heimlich Geld eingesteckt. Fragt sich doch, ob das stimmt. Ich will ihm gleich mal einen Schrecken einjagen und schauen, was dabei rauskommt.«
Schon surrte er an Bajies Ohr und rief mit verstellter Stimme: »Eber Wuneng! Eber Wuneng!«
»Mist!« machte der Tölpel, »den Namen Wuneng hab ich von Bodhisattva Guanyin erhalten; seit ich mit dem Priester unterwegs bin, nennt mich doch jeder nur Bajie. Wie kommt es, dass hier jemand meinen Ordensnamen kennt?«
Schließlich fragte er: »Wer ruft mich denn?«
»Ich bin’s«, antwortete Pilger.
»Wer bist du denn?«
»Der Todesschlepper.«
Betroffen rief Bajie: »Woher kommt Ihr, hoher Herr?«
»Von Yama, dem fünften Höllenkönig; er hat mich geschickt, dich zu holen!«
»Hoher Herr, geht doch bitte zum Höllenkönig zurück«, rief Bajie, »der ist gut befreundet mit meinem Bruder Sun Wukong. Richtet ihm aus, er möge mir einen Tag Zeit zu geben und mich morgen holen.«
»Unsinn!« gab Pilger zurück, »wenn der Höllenkönig bestimmt hat, dass einer zur dritten Nachtwache sterben soll, wagt doch keiner auch nur bis zur vierten Nachtwache zu warten! Komm gefälligst mit, sonst muss ich dich an Stricken hinzerren.«
»Aber hoher Herr«, flehte Bajie, »das passt doch jetzt nicht, seht Euch nur an, wie ich aussehe! Ich möchte noch leben; sterben werde ich bestimmt, nur einen Tag möchte ich noch haben. Bis dann haben die Ungeheuer sicher auch meinen Meister und die anderen gefangengenommen, so kann ich sie noch mal sehen, und dann fahren wir alle zusammen zur Hölle.«
»Nun gut«, machte Pilger, »ich habe dreißig Leute abzuholen, alle hier in der Nähe. Wenn ich erst die anderen hole, wird es wohl einen Tag dauern, bis du drankommst. Hast du Geld, dann rück es raus. Dann gehe ich.«
»Ach, Erbarmen!« rief Bajie, »wir Mönche haben doch kein Geld!«
»Dann wird dir jetzt der Strick umgelegt!«
Entsetzt rief der Tölpel: »Bitte nicht, hoher Herr! Das ist doch der Todesstrick, wenn der einem umgelegt wird, ist die Lebensenergie dahin. Ja, ja, doch, ich habe was, nur nicht so viel.«
»Wie viel denn? Her damit!« befahl Pilger.
»Ach, Erbarmen, Erbarmen! Das sind Almosenbatzen, die ich über Jahre hinweg gesammelt habe. Insgesamt fünf Silberlinge. Kürzlich habe ich einen Silberschmied gebeten, mir die Batzen zu einem Stück zu schmelzen, der aber war so gewissenlos, einige davon einzuheimsen. Jetzt sind es nur noch vier Silberlinge und sechs Batzen am Stück. Es steckt in meinem linken Ohr, aber mit den Fesseln kann ich es nicht rausnehmen, holt es Euch selbst!«
Als Pilger das hörte, langte er in Bajies Ohr und klaubte das Stück heraus: Tatsächlich, es war ein Silberling in Sattelform, knapp fünfzehn Gramm schwer. Kaum hatte er ihn eingesteckt, konnte er sich nicht länger halten und zeigte prustend vor Lachen seine eigene Gestalt. Als Bajie Pilgers Stimme erkannte, begann er aus dem Teich heraus laut zu belfern: »Du verdammter Pferdeknecht! In einer solchen Notlage prellst du mich auch noch um mein Geld!«
»Das mit dem Geld wäre noch das geringste Übel«, versetzte Pilger lachend. »Aber warte, ich will dich gleich befreien.«
Mit seiner Stange fischte er Bajie aus dem Wasser und löste die Fesseln. Da sprang Bajie auf und rief: »Schnell, Bruder, durch die Hintertür raus!«
»Doch nicht durch die Hintertür«, gab Pilger zurück. »Wir schlagen uns wieder zum vorderen Eingang raus. Komm mit!«
Bajie folgte Pilger zum zweiten Portal. Als er plötzlich an einer Wand seinen Rechen stehen sah, riss er die Waffe an sich und stürmte wild dreschend voran. So kamen sie zum dritten und zum vierten Portal, während sie unzählige Ungeheuer erschlugen, bis schließlich der alte Dämon sie entdeckte und dem Zweiten zurief: »Du hast ja einen netten Gefangenen! Schau mal, jetzt hat Pilger Sun den Eber Bajie befreit und erschlägt bei den Toren unsere Leute!«
Da zückte der zweite Dämon seinen Speer, rannte durch den Torbogen und schrie: »Du verdammter Affenschädel, welche Frechheit!«
Schon erhob er den Speer gegen Pilger, und dieser trat ihm mit seiner Stange entgegen. Während die beiden vor der Grotte in ein hitziges Gefecht gerieten, stand Bajie unten am Berg, den Rechen vor sich aufgestellt, und starrte dümmlich auf das Gefecht, ohne einzuspringen. Als dem Dämon Pilgers Stange zu gefährlich wurde, hielt er sie mit seinem Speer ab und schickte sich an, Pilger mit dem Rüssel zu fangen. Der aber kannte den Trick, darum hielt er die Stange mit beiden Händen hoch, so dass sich der Rüssel nur um seine Hüfte rollte, nicht aber um die Arme.
Seht, wie er jetzt die Stange mit beiden Händen auf dem Kopf des Unholds tanzen lässt!
»Dieser Lump ist wohl nicht bei Verstand«, brummte Bajie. »Einem Ungelenken wie mir umwickelt er die Arme, dem Flinken hingegen nur die Hüfte. Er bräuchte ihn doch bloß in den Rüssel zu stechen, wenn er schon seine Stange hat, das würde dem Viech genug zu schaffen machen!«
Pilger, der seine Worte gehört hatte, schwenkte seine Stange, bis sie die Dicke eines Hühnereis und eine Länge von über einem Klafter hatte, dann stieß er sie in den Rüssel. Da bekam es der Dämon mit der Angst zu tun; laut schnaubend schwenkte er seinen Rüssel und ließ Pilger fallen. Der aber wirbelte herum, packte ihn am Rüssel und zerrte mit aller Kraft, bis dem Dämon vor Schmerz nichts übrigblieb, als nachzugeben und hinter Pilger herzuschreiten. Erst jetzt traute sich Bajie heran, hob seinen Rechen und hieb wie wild auf die Flanken des Dämons.
Pilger wirbelte herum, packte ihn am Rüssel und zerrte mit aller Kraft, bis dem
Dämon vor Schmerz nichts übrigblieb, als hinter Pilger herzuschreiten.
»Nein, so nicht!« rief Pilger, »mit den Rechenzähnen machst du seine Haut kaputt, und wenn Blut fließt, wird uns der Meister wieder vorhalten, Lebewesen zu verletzen. Kehr den Rechen um und hau mit dem Stiel!«
Tatsächlich wandte der Tölpel den Rechen und versetzte dem Dämon bei jedem Schritt einen Hieb, während Pilger ihn am Rüssel führte. Wie zwei Elefantenwärter führten sie ihn nun hinunter zu Tripitaka. Als Sandmönch sie kommen sah, meinte er lachend zum Meister: »Nicht schlecht! Der ältere Bruder führt das Ungeheuer an der Nase herum!«
Da erblickte ihn auch Tripitaka und rief: »Meine Güte! Dass es ein so gewaltiges Ungeheuer gibt, mit einer derart langen Nase!«
Dann ließ er Sandmönch den Dämon fragen, ob er bereit sei, ihn über den Berg zu führen. Wenn ja, dann möge man ihn unversehrt am Leben lassen. Der Dämon fiel auf die Knie, nickte schluchzend und rief: »Werter Herr aus China! Wenn Ihr mir das Leben schenkt, will ich Euch liebend gerne mit der Sänfte abholen!«
Da sagte Pilger: »Wir und mein Meister sind äußerst freundliche Menschen. Wenn du dein Wort hältst, dann soll dir nichts geschehen, doch bring nun gleich die Sänfte! Solltest du aber wieder was anderes im Schilde führen, werden wir dich nicht noch einmal laufenlassen!«
Der Dämon kam also frei, machte einen Kotau und stapfte zu seiner Grotte. Als der alte Dämon fragte, wie er freigekommen sei, berichtete er von Tripitakas barmherzigen Worten, worauf alle einander anblickten und keiner etwas zu sagen wagte.
»Bist du bereit, den Priester hinüberzuführen, ältester Bruder?« fragte der zweite Dämon schließlich.
»Was fragst du da noch! Machen wir alles bereit und bringen ihn so schnell wie möglich rüber.«
Der Dritte aber lachte abschätzig und rief: »Ja, ja, bringen wir ihn rüber!«
»Werter Bruder«, sagte da der alte Dämon, »das klingt gerade so, als ob du nicht ganz einverstanden wärst? Wenn du nicht mitmachen willst, dann tragen wir ihn!«
»Hört mal, ihr verehrten Brüder«, meinte der Dritte nun, »wenn dieser Mönch was dagegen hätte, dass wir ihn über den Berg tragen, und heimlich rübergehen würde, dann wäre das sein Glück. Weil er aber darauf besteht, dass wir ihn tragen, tappt er gleich in meine Falle. Das ist doch exakt die Strategie, mit der man den Tiger aus dem Berg lockt!«
»Wie meinst du das?« wollte der alte Dämon wissen.
»Lasst uns von allen Ungeheuern sechzehn Mann auswählen, dazu eine Mannschaft mit dreißig Leuten.«
»Wozu denn das?«
»Die dreißig von der Mannschaft müssen kochen können; ihnen geben wir etwas Reis und Gemüse mit und lassen sie am Weg Lager aufschlagen, wo sie den Priester mit Speis und Trank beköstigen.«
»Und wozu noch sechzehn Mann?« fragte der alte Dämon.
»Acht sollen die Sänfte tragen, weitere acht machen vorne den Weg frei. Wir drei aber gehen auf beiden Seiten mit, so als würden wir sie zum Abschied begleiten. Aber gegen vierhundert Meilen westlich liegt doch meine Burg, dort hab ich genügend Leute, die ihn in Empfang nehmen können. Sobald wir also meine Burg erreicht haben, brauchen wir bloß dafür zu sorgen, dass die Schüler sich nicht um ihren Meister kümmern können, und dann ist es nur noch die Sache der sechzehn Geister, den Priester festzunehmen.«
Als der alte Dämon dies vernommen hatte, rief er: »Gut, sehr gut!«
Schon wurden die Ungeheuer zusammengerufen; man wählte dreißig aus und gab ihnen die nötigen Dinge mit, weitere sechzehn wurden für den Transport der Lianensänfte bestimmt, und so gingen alle zur Grotte hinaus.
Der alte Dämon führte das Gefolge an, und wie sie zur Landstraße kamen, rief er mit lauter Stimme: »Ehrenwerter Herr aus China! Heute steht kein Unglück mehr in den Sternen, darum bitten wir Euch, sogleich den Berg zu überqueren.«
Pilger wandte sich an Tripitaka und sagte: »Das dort ist der Dämon, den ich alter Sun bezwungen habe. Jetzt kommt er mit der Sänfte.«
Da faltete Tripitaka die Hände gen Himmel und rief: »Oh, wie wunderbar! Wie wäre dies ohne deine großen Fähigkeiten je gelungen, mein lieber Schüler!«
Er trat vor, grüßte die Dämonen mit einer höflichen
Verneigung und sprach: »Besten Dank für euer Entgegenkommen! Wenn ich wieder im Osten bin, werde ich die Kunde dieser guten Tat in Chang’an verbreiten!«
Auch die Ungeheuer verneigten sich und sprachen: »Wir bitten den ehrenwerten Herrn, die Sänfte zu besteigen.«
Mit den Augen des Fleisches vermochte Tripitaka nicht zu erkennen, dass es eine List war. Und sogar der Große Heilige, als Goldener Unsterblicher des Höchsten Einen von innerer Aufrichtigkeit beseelt, dachte im Moment nur an seinen Sieg, der ihm die Dämonen gefügig gemacht hatte. Ohne die Lage weiter zu überprüfen, befahl er Bajie, das Gepäck aufs Pferd zu schnüren, und hieß ihn mit Sandmönch hinter der Sänfte hergehen, während er selbst seine Stange zur Hand nahm und voranschritt, um rechtzeitig Heil und Unheil erkennen zu können.
Nun hoben acht Ungeheuer die Sänfte an, weitere acht schritten vorne einher und stießen bei jedem Schritt laute Rufe aus. Die drei Dämonen aber hoben die Tragstangen an, und Tripitaka thronte glücklich lächelnd in der Sänfte. So ging es auf der Landstraße den Berg hinan. Einträchtig spielte die Rotte der Ungeheuer einander in die Hand, alle machten sich von früh bis spät behilflich, und so war auf der ganzen Strecke alles bestens vorbereitet. Täglich gab es drei schmackhafte Mahlzeiten, und jeden Abend stand ein schönes Nachtlager
bereit. Nachdem sie an die vierhundert Wegmeilen zurückgelegt hatten, näherten sie sich der Burg. Als der Große Heilige, der seine Stange in beiden Händen hielt und etwa eine Wegmeile Vorsprung hatte, diese Burg erblickte, durchzuckte ihn ein heftiger Schrecken.
Und wisst ihr auch, weshalb?
Die Festung nämlich war von einer derart üblen Energie umhüllt, dass es ihm kalt den Rücken hinunterlief.
Während der Große Heilige noch betroffen dastand, hörte er plötzlich hinter sich einen Windstoß pfeifen, und wie er sich umblickte, sah er, wie der dritte Dämon mit einer Lanze heranstürmte. Der Große Heilige schnellte herum und trat ihm mit der Stange entgegen, und beide waren so aufgebracht, dass sie, ohne ein Wort zu verlieren, mit zusammengebissenen Zähnen aufeinander losstürmten. Nun stieß der alte Dämon einen Befehl aus und erhob seinen Säbel gegen Bajie, der erschrocken das Pferd stehenließ, mit ausholendem Rechen vortrat und den Angriff abzuwehren suchte, während der zweite Dämon seinen Speer gegen Sandmönch richtete, der sich mit seiner kostbaren Lanze zur Wehr setzte. So fochten nun drei Mönche mit drei Dämonen auf dem Berg einen erbitterten Kampf auf Gedeih und Verderb. Die sechzehn kleinen Ungeheuer aber taten nach Kräften, was ihnen befohlen worden war: Sie rissen das Pferd an sich, ergriffen das Gepäck, nahmen die Sänfte mit Tripitaka bis zur Burg auf die Schulter und riefen dort laut: »Aufmachen, der ehrenwerte Große König ist da!«
Schon stürmten kleine Ungeheuer von der Stadtmauer herab und stießen die Tore auf. Alle Lager erhielten Befehl, die Flaggen einzuziehen, keine Trommeln zu rühren und weder Kriegsgeschrei noch Gongschläge hören zu lassen.
»Der Große König hat befohlen, der Priester aus China dürfe nicht erschreckt werden«, hieß es, »wenn ihm der Schrecken in die Glieder fahre, werde sein Fleisch sauer.«
Die Ungeheuer trugen Tripitaka in die Audienzhalle und hießen ihn in der Mitte Platz nehmen, während nebenan Tee und Reis aufgetragen wurde und man ihn geschäftig umringte. Der Priester aber fühlte sich matt und benommen; ringsum konnte er keinen einzigen vertrauten Menschen erblicken.
Und da wir nicht wissen, wie es um sein Leben bestellt war, lasst uns das nächste Kapitel anhören.