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077 Die Dämonen hintergehen das innere Wesen / Der eine Körper kommt zu Buddha Tathagata

Sehen wir vorerst ab vom Leid des Priesters und wenden uns den drei Dämonen zu, die im Gebirge östlich der Festung erbittert mit dem Großen Heiligen und seinen Ordensbrüdern rangen. Das Gefecht dauerte so lange, bis der Abend anbrach. Und da sich ringsum Wolken ballten, wurde es in kürzester Zeit dunkel.

Schließlich konnte Bajie nicht mehr standhalten, ließ seinen Rechen sinken und ergriff die Flucht, doch schon schnappte ihn der älteste Dämon am Kragen und schleppte ihn in die Burgstadt, wo er vor die kleinen Ungeheuer geworfen wurde, die ihn in der Audienzhalle in Fesseln legten.

Der alte Dämon aber stieg abermals auf einer Wolke in die Höhe, um den anderen beizuspringen. Sandmönch merkte, dass es schlecht um ihn stand; er tat einen letzten Scheinhieb und wandte sich ab, um die Flucht zu ergreifen, als plötzlich der zweite Dämon schnaubend seinen langen Rüssel ausstreckte und Sandmönch um Leib und Arme rollte. Die kleinen Ungeheuer wurden angewiesen, auch ihn in der Halle zu fesseln, dann stieg der Dämon wieder in die Höhe, um Pilger einzufangen.

Dieser aber hatte plötzlich gewahrt, dass beide Ordensbrüder gefangen waren und er den Gegnern alleine nicht gewachsen war, da schoss er mit einem Schrei im Wolkenüberschlag davon. Als der dritte Dämon Pilgers Flucht bemerkte, schüttelte er sich, um die eigene Gestalt anzunehmen, breitete seine Flügel aus und holte Pilger ein.

Warum er ihn einzuholen vermochte, fragt ihr?

Der Grund war, dass Pilger zwar freilich in einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen hinter sich legen konnte, doch der Dämon schaffte allein mit einem einzigen Flügelschlag 90 000 Meilen, so dass er ihn mit nicht mehr als zwei Flügelschlägen eingeholt hatte. Pilger wurde also ebenfalls gepackt, und es gelang ihm nicht, sich aus den Fängen des Dämons zu befreien, sosehr er sich auch winden mochte. Flugs kamen sie zur Burgstadt. Der Dämon warf Pilger in den Staub, wies seine Ungeheuer an, ihn zu fesseln und dorthin zu bringen, wo auch schon Bajie und Sandmönch lagen.

Nun traten die drei Dämonen in die Audienzhalle, setzten sich auf den Thron und stießen Tripitaka zur Halle hinaus. Nun erkannte der Priester im Schein der Laternen, dass alle drei Schüler gefesselt am Boden lagen. Aufschluchzend rief er Pilger zu: »Ach, mein Schüler! Immer wenn wir in Not gerieten, warst du außerhalb und konntest deine Zauberkräfte zur Geltung bringen. Doch jetzt bist sogar du in Gefangenschaft; wie werde ich armer Mönch das je überleben!«

Als Bajie und Sandmönch diese bittere Klage hörten, brachen auch sie in Tränen aus. Pilger aber meinte mit leichtem Lächeln: »Macht Euch keine Sorgen, Meister. Weint nicht, Brüder. Was auch immer sie vorhaben; es wird uns nichts geschehen.«

Da drang auf einmal die Stimme des alten Dämons in ihren Wortwechsel, als er sprach: »Dank seiner Stärke und Klugheit hat es unser Bruder tatsächlich geschafft, den Priester aus China gefangen zu nehmen! Lassen wir nun die Diener Wasser holen, Töpfe schrubben und Eisenkörbe bereitstellen, dann können wir diese Mönche im Dampf zubereiten. Beim Verzehr mag jeder von uns einen Happen für die Ungeheuer übrig lassen, damit auch sie ein langes Leben haben.«

Kaum hatten die kleinen Ungeheuer ihren Auftrag erhalten, machten sie sich in emsigem Treiben an die Arbeit. Schon standen Töpfe und Dämpfkörbe bereit, und wenig später meldeten die Ungeheuer, die das Feuer unterhielten, das Wasser sei am Kochen. Der alte Dämon befahl, die Mönche hinzutragen. Sofort legten alle Ungeheuer gleichzeitig Hand an, hievten Bajie in den untersten Dämpfkorb und Sandmönch in den zweiten. Bevor sie aber bei Pilger waren, zupfte sich dieser im Schein der Laterne ein Pelzhaar aus und verwandelte es rasch in einen falschen gefesselten Pilger, während er sich als Geistkörper verflüchtigte und aus halber Höhe zusah. Die Ungeheuer, die Trug und Wahrheit nicht unterscheiden konnten, legten den falschen Pilger in den dritten Korb. Zuletzt packten sie auch Tripitaka, banden ihn in Stricke und hoben ihn in den vierten Korb. Dann wurde Holz nachgelegt, und das Feuer loderte auf.

Da sann Pilger in der Höhe: »Bajie und Sandmönch müssten ein bisschen Dampf vertragen können, doch mein Meister wäre in kürzester Zeit gegart. Wenn ich ihn nicht sofort mit einem Zauber rette, ist es um ihn geschehen!«

Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch zwang er den Drachenkönig des Nördlichen Ozeans herbei und sprach: »Ich würde mich nicht erdreisten, Eure Mühe in Anspruch zu nehmen, wenn nicht gerade jetzt mein Meister bei bösen Dämonen im Dampf gegart werden sollte! Geht bitte schnellstmöglich hin und beschützt ihn; der Dampf darf ihm auf keinen Fall etwas anhaben!«

Sofort verwandelte der Drachenkönig seinen Leib in einen kalten Windstoß und fuhr unter den Topf, wo er sich schützend über dem Feuer zusammenrollte, so dass die Hitze gar nicht in den Topf dringen konnte. Auf diese Weise blieben alle drei unversehrt.

Gegen Mitternacht hörte man den alten Dämon rufen: »Diener! Nachdem wir den Priester und seine Schüler mit List und Anstrengung gefangen und sie in den Dämpfkorb gesteckt haben, werden sie uns kaum mehr entwischen. Haltet trotzdem gut Wache und lasst zehn Ungeheuer reihum anfeuern, während wir schlafen. Morgen früh zur fünften Nachtwache sind sie sicher gar, dann könnt ihr Knoblauch, Salz und Essig bereitstellen und uns wecken, dass wir sie gleich auf nüchternen Magen genießen können.«

Die Ungeheuer versprachen zu tun wie geheißen, und die drei Dämonenkönige verzogen sich in ihre Schlafgemächer. Pilger aber, der die Worte aus der Höhe mitangehört hatte, senkte seine Wolke und horchte. Es drangen keine Stimmen aus den Dämpfkörben.

»Sind sie etwa im Dampf umgekommen?« durchfuhr es ihn plötzlich. Schnell verwandelte er sich in eine kleine schwarze Fliege und heftete sich an einen der metallenen Dampfkörbe. Nun konnte er hören, wie Bajie brummte: »Pech, so ein Pech! Werden wir eigentlich offen oder geschlossen gedämpft?«

»Was meinst du damit, Bruder?« hörte man nun Sandmönchs Stimme.

»Geschlossen heißt, dass zuoberst ein Deckel drauf ist, offen ist ohne Deckel.«

Tripitaka, der zuoberst lag, antwortete: »Es ist kein Deckel drauf, meine Schüler.«

Als Pilger hörte, dass die drei am Sprechen und also noch am Leben waren, flog er leise hoch, nahm den Deckel und setzte ihn auf die Körbe.

»Oh, meine Schüler!« rief Tripitaka entsetzt, »jetzt haben sie zugemacht!«

»Dann ist’s um uns geschehen«, meinte Bajie, »wenn oben zu ist, sind wir noch in dieser Nacht tot!«

Sandmönch und Tripitaka begannen leise zu schluchzen.

»Heult doch nicht«, meinte Bajie, »ich glaube, die Feuermacher haben gerade Schichtwechsel.«

»Woher willst du das wissen?« fragte Sandmönch.

»Am Anfang, als man uns hier draufgesetzt hat, war es genau so warm, wie ich es mir gewünscht habe. Mir sitzen noch Kälte und Feuchtigkeit in den Knochen, das macht meiner Gesundheit zu schaffen, mit Wärme hätte man das austreiben können. Doch jetzt ist es schon wieder kalt. He, ihr Aufseher der Feuermacher! Kann man nicht ein bisschen Holz nachlegen? Ihr werdet gebraucht!«

Als Pilger das hörte, konnte er ein Kichern nicht unterdrücken und dachte bei sich: »So ein Trottel! Kälte ist doch zu ertragen; wenn es heiß wird, geht’s euch ans Leben. Wenn der so weiterschreit, kriegen die Aufseher Wind davon. Ich muss sie rechtzeitig befreien. Doch Moment! Wenn ich sie hier rausholen will, müsste ich mich ja in meiner eigenen Gestalt zeigen, und falls mich diese zehn Feuermacher entdecken und Alarm schlagen, haben wir schon wieder Ärger! Ich muss die erst mal mit Schlafkäferchen versorgen.«

Hurtig langte er unter seinem Gürtel zehn Käferchen hervor und schnippte allen zehn Ungeheuern eins ins Gesicht. Die Tierchen krochen ihnen in die Nasenlöcher, worauf sie bald träge wurden und endlich alle in tiefen Schlaf versanken. Nun nahm Pilger seine eigene Gestalt an, trat vor und rief: »Meister!«

Tripitaka hörte seine Stimme und rief: »Wukong! Rette mich!«

»Rufst du von draußen, Bruder?« fragte Sandmönch.

»Klar«, gab Pilger zurück, »wenn ich nicht draußen wäre, müsste ich doch mit euch da drinnen Buße tun!«

»Ha, die Flinken haben sich wieder mal aus dem Staub gemacht«, versetzte Bajie, »wir hingegen müssen das Leid absitzen und ersticken!«

»Sei still, du Tölpel«, gab Pilger lachend zurück, »ich werde dich retten.«

»Dann tu’s bitte gründlich, nicht dass ich nachher gleich wieder in den Dämpfkorb komme!« murrte Bajie.

Nun hob Pilger den Deckel an, befreite erst seinen Meister, fing dann sein verwandeltes Pelzhaar wieder ein und befreite schließlich Bajie und Sandmönch aus den unteren Körben. Der Tölpel wollte gleich davonrennen, doch Pilger rief: »Langsam, nur mit der Ruhe!«

Mit einer magischen Formel entließ er den Drachengott, suchte auf den Zehenspitzen nach Gepäck und Pferd und hieß Tripitaka schließlich in den Sattel steigen. Bajie und Sandmönch folgten dem Pferd, Pilger aber ging an der Spitze und führte alle geradewegs zum südlichen Ausgang der Festung. Dort aber konnte man hören, dass draußen Glocken und Klappern geschlagen wurden; das Tor war also streng bewacht. Sie eilten zum hinteren Ausgang, doch auch dort wurde Wache gehalten.

»Was tun wir bloß?« fragte Pilger. »Wenn wir nicht den sterblichen Leib unseres Meisters dabeihätten, könnten wir uns einfach aus dem Staub machen!«

»Bruder, wir dürfen keine Zeit verlieren«, drängte Bajie. »Lasst uns einen stillen Winkel suchen, wo wir den Meister über die Mauer hieven können!«

Pilger lachte: »Das ist keine gute Idee. Im Moment bleibt uns allerdings nicht viel anderes übrig, doch wenn wir das machen, wirst du Tölpel mit deinem losen Maulwerk später überall rumerzählen, wir wären Mönche, die über Mauern klettern!«406

»Wer kümmert sich denn jetzt um korrektes Verhalten; es geht um unser Leben!« rief Bajie.

Wohl oder übel musste sich Pilger fügen, und so machten sie sich daran, über die Mauer zu klettern. Aber ach! Was jetzt geschah, beweist, dass Tripitaka noch immer unter einem Unglücksstern stand. Denn genau in jenem Augenblick wachten die drei Dämonen auf, warfen sich ihre Gewänder um und gingen stracks zum Thronsitz in der Audienzhalle, wo sie sich erkundigten, wie oft das Wasser unter dem Priester neu aufgekocht worden sei. Die Ungeheuer aber, die das Feuer hätten schüren sollten, lagen alle in tiefstem Schlaf und waren einfach nicht zu wecken, sogar Schläge machten sie nicht wach.

Endlich erwachten einige von jenen, die keine Schicht gehalten hatten, und gaben verzagt zur Antwort: »Sie-siesieben Mal!«

Und als sie bei der Feuerstelle die metallenen Dämpfkörbe am Boden herumliegen sagen, eilten sie erschrocken zurück und meldeten: »Sie, sie, sie sind weg, Großer König!«

Da stiegen die drei Dämonen vom Thron, um die Sache selbst in Augenschein zu nehmen. Und tatsächlich: Kreuz und quer lagen die Dämpfkörbe am Boden herum, das Wasser im Topf war kalt, kein Feuerholz lag darunter, und die Feuermacher schliefen wie die Steine. Bestürzt riefen alle Ungeheuer: »Haltet den Priester! Haltet den Priester!«

Ihr Geschrei war so durchdringend, dass die Ungeheuer im ganzen Palast aufwachten. Bald rannten alle mit Säbeln und Lanzen zum vorderen und zum hinteren Stadttor, doch da war nichts zu finden. Schließlich wurde in wildem Tumult alles aufs genaueste abgesucht, die ganze Burgstadt mit Laternen und Fackeln hell erleuchtet, und siehe da! An einer Mauer sah man nun klar und deutlich, wie die vier Pilgernden gerade hinaufkletterten. Der alte Dämon sprang hinzu und schrie: »Runter mit euch!«

Dem Priester fuhr ein solcher Schrecken in die Glieder, dass er den Halt verlor und gleich vom Dämon aufgefangen wurde. Der zweite Dämon fing Sandmönch, der dritte Bajie, und die kleinen Ungeheuer rissen Gepäck und Pferd an sich. Einzig Pilger konnte sich retten.

Verdrossen murrte Bajie vor sich hin: »Verflucht! Ich hab doch gesagt, er soll uns gründlich befreien! Jetzt landen wir schon wieder im Dämpfkorb.«

Die Ungeheuer stießen den Priester und seine Schüler in die Audienzhalle, doch statt sie von neuem dämpfen zu wollen, banden sie Bajie und Sandmönch vor und hinter der Halle jeweils an eine Säule, während der alte Dämon den Priester festhielt.

»He, Bruder!« rief da der Dritte, »warum hältst du den so fest, willst du ihn etwa bei lebendigem Leibe fressen? Ein solches Stück allein zu verschlingen wäre nicht grad

erfreulich, schließlich ist das was anderes als die gewöhnlichen Kerle, mit denen wir uns sonst den Bauch füllen. Immerhin eine echte Rarität aus dem chinesischen Kaiserreich. Der muss blitzsauber und delikat bearbeitet werden, bevor wir ihn verspeisen.«

»Da magst du ja recht haben, Bruder«, grinste der alte Dämon, »bloß fürchte ich, dass dieser Pilger Sun ihn wieder klaut!«

Da meinte der Dritte: »Ich habe hier im Palast einen stählernen Kasten, der steht im Pavillon der Brokatenen Düfte. Meiner Meinung nach sperren wir diesen Priester am besten erst mal in diesen Kasten. Dann schließen wir den Pavillon ab und lassen von unseren Ungeheuern das Gerücht verbreiten, wir drei hätten diesen chinesischen Priester roh gefressen. Denn jener Pilger wird gewiss versuchen, Neuigkeiten zu erfahren; sobald er das hört, verliert er jede Hoffnung und zieht ab. Dann brauchen wir bloß noch ein paar Tage abzuwarten, und wenn er uns keinen weiteren Ärger macht, können wir den Priester rausholen und in aller Ruhe verzehren. Was meint ihr dazu?«

»Gute Idee, Bruder!« riefen der Alte und der Zweite gleichzeitig. Wie sie nun den Priester in den Kasten steckten, den Pavillon abschlossen und das Gerücht in der ganzen Stadt verbreiteten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Berichten wir stattdessen von Pilger, der nach seiner Flucht mitten in der Nacht schnurstracks zur Löwengrotte gesaust war und dort mit seiner Stange sämtliche Ungeheuer kurz und klein gehauen hatte. Als er anschließend wieder nach draußen stürmte, ging im Osten bereits die Sonne auf.

Wie er schließlich vor dem Stadttor stand, wagte er nicht zum Kampf aufzurufen, denn jetzt war er ja ganz allein. Es war genau, wie es der Volksmund sagt: »Eine Faser allein macht kein Garn, eine Hand allein keinen Ton.« Also senkte er seine Wolke, verwandelte sich in ein kleines Ungeheuer und begab sich in den Palast, um die Lage auszukundschaften. In der ganzen Burgstadt hörte man die Leute einander erzählen: »Der Priester aus China ist über Nacht von den Königen gefressen worden!«

Da kriegte es Pilger mit der Angst zu tun. Er sauste zur Audienzhalle, wo er eine Menge dämonisches Getier geschäftig auf und ab gehen sah; alle trugen goldbesetzte Palasthüte und lange gelbe Palastroben, hatten rotlackierte Stöcke zur Hand und Elfenbeintäfelchen am Gürtel.

»Das müssen jene Ungeheuer sein, die Zugang zu den Palasthallen haben«, sann Pilger. »Dann will ich mich in deren

Gestalt verwandeln und weiter drinnen noch mal rumhorchen.«

Als er in solcher Gestalt weiterging, fiel sein Blick auf Bajie, der vor der Audienzhalle an eine Säule gebunden vor sich hin stöhnte. Pilger trat zu ihm und rief leise: »Wuneng!«

Der Tölpel erkannte seine Stimme und rief: »Da bist du ja, Bruder! Rette mich!«

»Das werde ich tun. Doch sag, weißt du, wo der Meister ist?«

»Der ist nicht mehr. Über Nacht haben ihn die drei Teufel gefressen!«

Als Pilger dies hörte, versagte ihm die Stimme, und er brach in Tränen aus.

»Ich hab das auch nur von den Ungeheuern gehört, Bruder«, versuchte ihn Bajie zu trösten, »hab es nicht mit eigenen Augen gesehen. Frag doch noch ein bisschen rum.«

Da schluckte Pilger die Tränen hinunter und drang weiter in den Palast, um mehr in Erfahrung zu bringen. Hinter der Audienzhalle entdeckte er nun auch den an eine Säule gefesselten Sandmönch. Er trat auf ihn zu, berührte ihn an der Brust und rief: »Wujing!«

Sandmönch erkannte ihn und rief: »Bruder, du bist in Verwandlung hier! Bitte befreie mich!«

»Dich zu befreien wäre keine Sache«, gab Pilger zurück, »doch weißt du, wo der Meister ist?«

Mit Tränen in den Augen antwortete Sandmönch: »Ach, Bruder! Die Dämonen wollten sich nicht länger mit Kochen aufhalten und haben ihn lebend aufgefressen!«

Dass Pilger nun beide dasselbe sagen hörte, fuhr ihm wie ein Messer ins Herz. Die Tränen stürzten aus seinen Augen, bis er plötzlich mit einem Satz in die Höhe schoss und, ohne sich um die Rettung von Bajie und Sandmönch zu kümmern, auf einem Berggipfel östlich der Burgstadt landete, wo er laut schluchzend sitzen blieb.

»Ach, mein Meister!« klagte er,

»Einst, als ich den Himmel hintergangen,

Wurde ich im großen Netz gefangen,

Bis Ihr, Meister, mich errettet habt,

Und erlöstet mich aus tiefer Not!

Aufrecht und mit reinem Sinn

Folgt’ ich Euch zu Buddha hin,

Schulte mich durch stetes Mühen,

Läuterte mit Euch Dämonen!407

Niemals hätte ich gedacht,

Dass Euch nun der Tod gebracht;

Nur das nächste Leben bleibt,

Hier in dieser Welt voll Leid!

Doch das Tor zum Glück im Westen

Ist vom Schicksal uns verwehrt;

Trister Lauf von Tod und Leben,

Hilflos sind wir ihm ergeben!«

Einsam und verzweifelt brütete er vor sich hin und sann: »Das ist doch alles nur wegen diesem Buddha Tathagata! Der sitzt dort in seinem Paradies, und nur weil ihm nichts Besseres einfällt, macht er diese drei Körbe mit Schriften. Wenn es ihm wirklich darum geht, die Menschen zu bessern, kann er die Schriften doch selbst in den Osten bringen, damit sie dort auf ewig Verbreitung finden! Aber dazu ist er sich wohl zu schade. Stattdessen beauftragt er unsereinen, sie abzuholen. Ach, dass mein Meister nach all diesen Mühen hier sein Leben lassen muss! Sei’s drum: Ich alter Sun geh jetzt zu Buddha und berichte ihm, was geschehen ist. Dann kann er ja seine Schriften, falls es ihm denn beliebt, mir mitgeben, damit ich sie in den Osten bringen kann. So würde zumindest die gute Lehre verbreitet, und so wäre letztlich doch auch unser Herzenswunsch erfüllt. Und falls er sie mir nicht geben mag, lass ich ihn einen Spruch aufsagen, der diesen Goldreif löst, damit ich den endlich wegkriege. Und dann geh ich alter Sun zurück in meine Grotte!«

Mit einem Sprung schoss er zu den Wolken empor und sauste gen Indien. Schon nach einer knappen Doppelstunde gewahrte er den Seelenberg, senkte seine Wolke und landete am Fuß des Geiergipfels. Doch hier traten die Vier Großen Diamantwächter vor und riefen: »Halt!«

Pilger grüßte und sagte: »Ich muss unbedingt Tathagata sprechen.«

Da rief der Himmelskönig des Ostens empört: »Wie unverschämt, du Affenschädel! Neulich haben wir uns noch für dich eingesetzt, als du mit dem Rinderdämon in Schwierigkeiten geraten bist. Und jetzt, da wir uns wiedersehen, fehlt dir jeglicher Anstand! Wenn du etwas vorzubringen hast, dann warte gefälligst, bis deine Ankunft gemeldet ist und man dir Audienz gewährt. Das ist hier nicht wie beim Südlichen Himmelstor, wo du mir nichts, dir nichts rein- und rausgehst!«

Wie der Große Heilige in seinem Elend nun auch noch gescholten wurde, geriet er in Rage, brüllte donnergleich und verlor vollständig die Fassung. Längst war Buddha Tathagata aufmerksam geworden und schickte einen Arhat, Pilger vor den Lotosthron zu rufen.

Sowie Pilger den Buddha erblickte, fiel er vor ihm auf die Knie und schluchzte bitterlich. Da sprach der Buddha: »Wukong! Was ist es, das dich so traurig macht?«

»Euer Jünger ist in Obhut Eurer Lehre diesem Orden beigetreten und hat sich seither stets für das Gute eingesetzt, den Priester aus China beschützt und dabei schon unsägliche Anstrengungen auf sich genommen. Doch jetzt sind wir im Löwenland, und dort haben drei schändliche Dämonen meinen Meister gefangengenommen und über Nacht bei lebendigem Leibe gefressen! Nicht mal Fleisch und Knochen sind übrig. Und meine Ordensbrüder Wuneng und Wujing sind immer noch angekettet; bald wird es um ihr Leben auch geschehen sein. Euer Jünger hatte keine andere Wahl, als bei Euch vorzusprechen, o Tathagata! Ach, habt Erbarmen und sagt einen Spruch zum Lösen des Goldreifs auf, damit ich ihn wegkriege. Und dann lasst mich auf meinen Berg zurückkehren!«

Noch bevor er richtig enden konnte, brach er abermals in Tränen aus und wurde von verzweifeltem Schluchzen geschüttelt.

Da sprach Tathagata lächelnd: »Gräme dich nicht, Wukong. Diese Dämonen besitzen immense Zauberkräfte. Was dir im Herzen so weh tut, ist, dass du sie nicht überwinden kannst.«

Pilger schlug sich mit der Faust an die Brust und rief: »Ehrenwort, Tathagata, Euer Jünger hat, seit er Mensch geworden ist, nie eine Niederlage einstecken müssen. Doch jetzt sind wir diesen abscheulichen Dämonen in die Fänge geraten!«

»Halte deinen Groll im Zaum«, sprach Buddha. »Ich kenne diese Ungeheuer.«

»Tathagata!« rief Pilger ungestüm, »ich habe sagen hören, diese Dämonen seien mit Euch verwandt!«

»Du dreister Affe! Wie denn mit mir verwandt?«

»Wie könntet Ihr sie sonst kennen, wenn sie mit Euch nicht verwandt wären?« meinte Pilger scherzhaft.

»Ich kenne sie, weil ich sie mit dem Auge der Weisheit erschaut habe«, erwiderte Buddha. »Der älteste und der zweite Dämon haben beide einen Herrn.« Dann rief er seinen Jüngern Ananda und Kasyapa zu: »Eilt auf Wolken durch die Lüfte, einer von euch zum Berg Wutai, der andere zum Berg Emei,

lasst die Bodhisattvas Manjushri und Samantabhadra hierherkommen!« Wie geheißen machten sich die beiden auf den Weg.

»Das sind die Herren des ältesten und des zweiten Dämons«, erklärte Buddha. »Der dritte Dämon aber, der steht, wenn man so will, tatsächlich in entfernter Verwandtschaft zu mir.«

»Mütterlicherseits oder väterlicherseits?« wollte Pilger wissen.

»Es geht auf jene Zeit zurück, als sich erst das große Urchaos teilte, als Himmel und Erde entstanden und alle Lebewesen zur Existenz kamen«, erklärte der Buddha. »Nun gibt es ja unter den vielen Lebewesen teils gehende, teils fliegende Tiere; das Oberhaupt der Gehenden ist das Kirin, und das Oberhaupt der Fliegenden ist der Phönix. Diesem Phönix aber gelang es, die polaren Energien in sich zu verschmelzen, so dass er den Pfau und den Vogel Peng gebar. Kaum aber war dieser Pfau auf der Welt, begann er auf schrecklichste Art Menschen zu fressen. Er konnte nämlich alle Menschen im Umfeld von 45 Meilen gleichzeitig einsaugen. Zu jener Zeit weilte ich im Schneegebirge, wo ich durch die Ausübung der Vervollkommnung bereits meine einen Klafter und sechs Fuß hohe goldene Gestalt erlangt hatte, und trotzdem wurde auch ich in seinen Schlund gesogen. Anfangs hatte ich im Sinn, aus dem After zu entweichen, doch um die goldene Gestalt nicht zu verunreinigen, habe ich schließlich den Pfau am Rücken aufgetrennt und bin auf ihm zum Seelenberg geritten, wo ich ihn töten wollte. Doch alle anderen Buddhas erhoben Einspruch und sagten, diesen Pfau zu töten wäre nicht anders, als wenn ich meine eigene Mutter töten würde. Darum habe ich ihn schließlich auf dem

Seelenberg belassen und ihm den Titel ›Buddhas

Pfauenmutter, Bodhisattvakönig der Großen Klarheit‹ verliehen. Da der Vogel Peng ja von derselben Mutter abstammt wie dieser Pfau, könnte man sagen, dass ich entfernt mit ihm verwandt sei.«

Als Pilger das hörte, musste er lachen und meinte: »Tathagata, wenn man das wörtlich nimmt, wäret Ihr ja der Neffe dieses Ungeheuers!«

»Um diesen Dämon zu unterwerfen«, sprach der Buddha, »muss ich persönlich hingehen.«

Mit einem tiefen Stirnaufschlag gab Pilger seiner inständigen Bitte Ausdruck. Nun stieg der Buddha von seinem Lotosthron und schritt aus dem Tempel, als er gerade auf Ananda und Kasyapa stieß, die mit Manjushri und Samantabhadra zurückkehrten. Die beiden Bodhisattvas verneigten sich vor Buddha, und dieser sprach: »Seit wann sind diese Tiere von euren Bergen entwichen?«

»Sieben Tage«, antwortete Manjushri.

»Sieben Tage auf eurem Berge, das entspricht mehreren tausend Jahren auf Erden! Diese Ungeheuer müssen zahllose Wesen das Leben gekostet haben. Kommt sofort mit und fangt sie ein!«

Die Bodhisattvas stellten sich Buddha links und rechts zur Seite und schwebten mit ihm durch die Lüfte. Bald konnte man die Burgstadt erkennen; Pilger wies mit der Hand darauf und rief: »Tathagata, dort drüben, wo diese finstere Energie aufsteigt, dort liegt das Löwenland!«

Da sprach der Buddha: »Dann gehe jetzt nach unten und rufe die Ungeheuer zum Kampf auf. Du darfst aber nicht siegen, sondern musst fliehen und hierher kommen, dann kann ich sie einfangen.«

Sofort senkte Pilger seine Wolke, landete auf der Stadtmauer, stellte sich mit einem Fuß auf einer Mauerzinne auf und schrie: »Ihr verdammten Sündenbiester! Kommt raus und stellt euch dem alten Sun im Kampf!«

Die Ungeheuer vom Wachtturm stürzten zu den Dämonenkönigen hinunter und meldeten sein Kommen. Auf der Stelle packten alle drei ihre Waffen und stürmten auf die Stadtmauer, wo sie ohne ein einziges Wort in wildem Tumult auf Pilger loszuprügeln begannen. Pilger aber schwang seine Eisenstange und rang an die acht Kampfrunden, bis er schließlich eine Niederlage vortäuschte und mit einem Satz in die Höhe schoss. Die drei Dämonen blieben ihm auf den Fersen. Da schnellte Pilger wie der Blitz herum und versteckte sich im goldenen Licht Buddhas, wo man ihn nicht mehr sehen konnte. Nun traten die Buddhas der Vergangenheit, der Zukunft und der Gegenwart alle gleichzeitig in Erscheinung und umringten zusammen mit den fünfhundert Arhats und dreitausend Genien die drei Dämonenkönige.

Erschrocken rief der alte Dämon: »Schlimm, Brüder! Dieser Affe kennt sich ja überall aus; er hat unsere Herren geholt!«

»Keine Angst, Brüder«, gab der dritte Dämon zurück, »wir greifen einfach alle zusammen an, stechen diesen Tathagata mit unseren Waffen nieder, und dann besetzen wir seinen Tempel!«

Wie von Sinnen erhob dieser Übeltäter wahrhaftig sein Schwert und trat vor, doch schon wurde er von Manjushri und Samantabhadra abgefangen und mit einer Zauberformel gebannt.

»Willst du dich immer noch nicht des Rechten besinnen, du sündiges Vieh!« riefen sie, »worauf wartest du noch?«

Da wagten sich der älteste und der zweite Dämon nicht länger zur Wehr zu setzen. Sie ließen ihre Waffen fallen, rollten sich über den Boden und erschienen in ihrer wahren Gestalt als blauer Löwe und weißer Elefant. Die Bodhisattvas aber warfen ihnen die Lotossattel über und setzten sich rittlings auf die Ungeheuer, die sich mit hängenden Ohren ergaben.

Einzig der dritte Dämon wollte sich nicht fügen. Er warf seine Lanze weg, schlug heftig mit den Flügeln und stieg wie ein Wirbelwind nach oben, wo er seine scharfen Krallen nach dem Affenkönig ausstreckte. Nur weil der Große Heilige sich im strahlenden Glanz des Buddha verbarg, kam er nicht näher an ihn heran. Nun aber ließ der Buddha sein Goldlicht aufblitzen und verwandelte flugs sein Haupt, das einst Elstern als Nest gedient hatte, in ein frisches, blutiges Stück Fleisch. Unverzüglich stürzte sich der Dämon mit seinen scharfen Krallen darauf, doch schon hatte ihm der Buddha mit einer leichten Fingerbewegung die Sehnen aus den Flügeln gerissen, dass er nicht wieder auffliegen konnte. Unfähig, die Flucht zu ergreifen, blieb er auf Buddhas Kopf sitzen und zeigte sich nun in seiner eigenen Gestalt: Es war ein Distelfink mit goldenen Flügeln.

Nun öffnete er den Schnabel und rief: »Tathagata, warum haltet Ihr mich mit diesem Zauber fest?«

»Du hast hier schon viel schlechtes Karma angehäuft«, sprach der Buddha, »nun komm mit mir, das wird dir großen Vorteil bringen.«

Das Ungeheuer gab zurück: »Bei Euch muss man immer fasten und darf sich nur fleischlos ernähren; bei mir aber gibt’s Menschenfleisch in rauen Mengen. Wenn Ihr mich verhungern lasst, begeht Ihr eine Sünde!«

Da sprach der Buddha: »Alle vier Kontinente dieser Erde sind unter meiner Verwaltung, unzählige Wesen bringen mir Opfer dar. Also werde ich zusehen, dass alle, die eine gute Tat vollbringen wollen, als Erstes ein Opfer bringen, das du verspeisen kannst.«

Ein letztes Mal versuchte sich der große Vogel zu befreien, doch es gelang ihm nicht. So musste er sich wohl oder übel fügen.

Da trat Pilger wieder vor, verneigte sich tief vor Tathagata und sprach: »Verehrter Buddha, nun habt Ihr diese Dämonen gefangen und damit ein großes Unheil beendet. Allein, mein Meister lebt nicht mehr!«

Gehässig rief nun Vogel Peng: »Du lausiger Affenschädel! Wehe, dass du mir mit diesen ruchlosen Leuten nachgestellt hast! Wir haben deinen alten Priester doch gar nicht aufgefressen; der steckt immer noch in dem Eisenschrank im Pavillon der Brokatenen Düfte!«

Kaum hatte Pilger dies vernommen, warf er sich dankerfüllt Buddha zu Füßen. Buddha, der noch nicht riskieren wollte, Vogel Peng loszulassen, hielt diesen wie eine

Schutzgottheit über seinem flammenden Glanz und entschwebte mit seinem Gefolge auf Wolken zum Tempel zurück.

Buddha hielt den Vogel Peng wie eine Schutzgottheit über seinem flammenden

Glanz.

Pilger aber senkte seine Wolke und landete in der Festung, wo nun kein einziges Ungeheuer mehr zu sehen war. Es verhielt sich eben hier auch nicht anders als bei der Schlange: Ohne Kopf regt sich nichts mehr. Denn als die Ungeheuer mitansehen mussten, wie Buddha den Dämonenkönig bezwang, hatten sie allesamt Reißaus genommen.

Pilger aber ging nun endlich zu Bajie und Sandmönch, löste ihre Fesseln und holte Gepäck und Pferd. Dann sprach er zu ihnen: »Der Meister ist nicht gefressen worden.«

Er führte die beiden in den Innenhof, wo sie den Pavillon der Brokatenen Düfte fanden, und als sie eintraten, war drinnen tatsächlich ein eherner Schrank, aus dem man Tripitaka leise wimmern hörte. Sandmönch öffnete mit seinem dämonenbändigenden Prunkstab das Schloss, riss die Tür auf und nahm den Meister in die Arme.

Wie Tripitaka ihn erblickte, rief er: »Oh, mein Schüler! Wie konntet ihr nur hierherfinden?«

Da berichtete ihm Pilger ausführlich, was alles geschehen war, und Tripitaka wollte nicht aufhören zu danken. Anschließend bereiteten Meister und Schüler in der Festung ein kleines Essen zu, und nachdem sie sich gesättigt hatten, ordneten sie die Reisebündel, verließen die Stadt und zogen weiter dem Westen entgegen.

So war es in der Tat:

Allein Wahre Menschen können409

Wahre Schriften auch erlangen;

Abertausende Dämonen –

Letztlich sind es Illusionen!

Und da wir nicht wissen, wohin sie im Weiteren kommen sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.