Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel78

078 In Bhiksu sorgen Schutzgottheiten heimlich für die Kinder / Bei Hofe kennt man den Dämon und spricht über die Ethik

Wie berichtet wurde, hatte der Große Heilige am Ende seiner Kräfte Buddha um Hilfe gebeten, und dieser hatte schließlich alle Dämonen gebändigt und Tripitakas Leid ein Ende gesetzt.

Nachdem sie nun das Löwenland verlassen hatten, wanderten sie weiter dem Westen entgegen. Mehrere Monate vergingen, und schon war es abermals Winter geworden. Meister und Schüler kämpften sich durch die Kälte und waren oft gezwungen, im Regen zu nächtigen und auf freiem Feld zu speisen. Eines Tages erblickten sie einmal mehr eine umwallte Festung, und während sie sich noch darüber unterhielten, gelangten sie an den Eingang. Tripitaka sprang vom Pferd und durchschritt mit seinen Schülern das Portal des halbrunden Schutzwalls vor dem Stadttor. Drinnen saß, an die Südmauer gelehnt, ein alter Soldat und döste vor sich hin. Pilger rüttelte ihn wach und rief: »Herr Offizier!«

Der Mann schreckte hoch und blinzelte verschlafen. Kaum gewahrte er Pilger, fiel er auf die Knie, schlug die Stirn auf den Boden und rief: »Hoher Herr!«

»Wozu denn ›Hoher Herr‹?« gab Pilger zurück.

Der Alte wollte nicht aufhören mit Kotaus und rief: »Ihr seid doch der Donnergott!«

»Unsinn! Ich bin ein buddhistischer Pilger aus dem Osten und reise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Bloß sind wir hier eben erst angekommen und wissen noch gar nicht, wie dieser Ort heißt. Darum wollte ich mich bei Euch erkundigen.«

Auf diese Worte beruhigte sich der alte Soldat, rappelte sich gähnend hoch, reckte und streckte sich und meinte schließlich: »Priester, werter Priester, verzeiht mir bitte. Das hier ist eigentlich die Stadt Bhiksu, doch neulich hat man sie in ›Kinderstadt‹ umbenannt.«410

»Gibt es einen König in Eurer Stadt?« wollte Pilger wissen.

»O ja, freilich!«

Da ging Pilger zurück und berichtete Tripitaka, was er erfahren hatte. Der aber stutzte und fragte: »Warum wohl der Name Kinderstadt, wenn der Ort zuvor Bhiksu hieß?«

»Wahrscheinlich ist ein ›König Bhiksu‹ gestorben, und sein Nachfolger ist noch ein Kind«, warf Bajie ein.

»Nein, das kann nicht sein«, erwiderte Tripitaka, »mit Sicherheit nicht. Lasst uns eintreten und uns erkundigen!«

Nachdem sie weitere drei Portale passiert hatten, gelangten sie auf eine breite Marktstraße und sahen sich um. Die Menschen hier waren ordentlich gekleidet und von schönem Wuchs. Ringsum sah man außerdem:

Viele tausend Häuser, Bürger,

Pferd und Wagen lärmend drängen,

Ob auf Märkten oder Straßen,

Reichtum fließt in rauen Mengen.

Wie die Ameisen so fleißig

Handeln sie Brokat und Gold;

Gierig nach Profit und Ruhm,

Trachtet jeder nur nach Geld.

Lange gingen die vier Pilgernden durch die Straßen und sahen sich satt an den reichen Gütern der Stadt. Dabei fiel ihnen auf, dass vor jedem Haus ein Gänsekorb aufgestellt war.

»Schaut doch, meine Schüler«, meinte Tripitaka schließlich, »wie kommt es wohl, dass alle Familien hier Gänsekörbe draußen stehen haben?«

Bajie blickte nach beiden Seiten und sah nun auch, dass reihenweise Gänsekörbe dastanden, alle mit bunten Stoffen bedeckt. Der Tölpel meinte lächelnd: »Meister, gewiss ist heut ein glückverheißendes Datum, das für Hochzeiten und Geselligkeit geeignet ist, drum haben alle Geschenke vorbereitet.«

»Unsinn«, warf Pilger ein, »es kann doch nicht sein, dass jede Familie mit Geschenken aufwartet! Doch irgendeinen Grund muss das haben. Ich will da mal reinschauen.«

Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch verwandelte er sich in eine Biene, surrte zu einem der Körbe und zwängte sich hinein. Darin saß ein kleines Kind. Er surrte weiter zum nächsten Haus und fand abermals ein Kind in dem Korb. Bei den folgenden acht, neun Häusern verhielt es sich ebenso. Allerdings waren es durchweg Knaben, keine Mädchen waren darunter. Manche spielten im Korb, andere weinten. Als Pilger all dies gesehen hatte, trat er in seiner ursprünglichen Gestalt auf Tripitaka zu und berichtete: »In allen Körben sind Kinder um die fünf bis sieben Jahre. Ich verstehe gar nicht, was das bedeuten soll.«

Tripitakas Zweifel mehrten sich.

Nachdem sie um die nächste Ecke gebogen waren, standen sie auf einmal vor einem Amtsgebäude. Es war die Herberge der Poststation, Zum Goldenen Pavillon genannt.

»Gehen wir doch in diese Herberge«, schlug Tripitaka vor, »hier können wir uns weiter erkundigen und haben gleich noch ein Nachtlager.«

Erfreut traten alle vier ein. Ein Aufseher meldete ihre Ankunft dem Stationsvorsteher, dann wurden sie in den Empfangsraum geführt und geheißen, Platz zu nehmen.

»Woher kommt Ihr, werter Priester?« erkundigte sich der Vorsteher, und Tripitaka antwortete: »Ich geringer Mönch komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und bin auf Pilgerreise nach Westen, um dort Heilige Schriften zu holen. Da wir heute Eure werte Stadt erreicht haben, ist es unsere Pflicht, unser Reisedokument überprüfen zu lassen. Gleichzeitig möchten wir gerne eine Nacht in Eurer werten Herberge verbringen.«

Der Vorsteher ließ Tee servieren und befahl den Diensthabenden, sich um die Unterkunft der Gäste zu kümmern.

Da fragte Tripitaka: »Wäre es wohl möglich, heute noch eine Audienz beim König zu erhalten?«

»Heute ist es zu spät«, antwortete der Vorsteher, »ihr müsst warten, bis morgen früh die Morgenaudienz beginnt. Macht es euch vorerst in unserer bescheidenen Herberge bequem.«

Es dauerte nicht lange, da stand schon eine Klostermahlzeit bereit, und der Vorsteher bat die Pilgernden zu Tisch, während er gleichzeitig die Gästezimmer herrichten ließ. Tripitaka dankte ein ums andere Mal. Schließlich aber setzte er sich und sprach: »Es gibt da etwas, was ich geringer Mönch noch nicht ganz verstanden habe, worüber Ihr mich vielleicht aufklären könntet. Wie haltet Ihr es in Euren werten Landen mit den Kindern?«

»Nun«, meinte der Vorsteher, »es leben doch alle Menschen unter der gleichen Sonne und nach denselben Gesetzen, das ist auch mit den Kindern nicht anders: Aus dem väterlichen Samen und dem mütterlichen Blut411 entsteht ein Embryo, nach zehn Monaten folgt die Niederkunft, dann wird das Kind drei Jahre lang an der Brust genährt, bis es allmählich eine rechte Gestalt annimmt. Das ist doch allgemein bekannt?«

»Eurer werten Rede nach verhält es sich hier nicht anders als bei uns«, meinte Tripitaka, »allein, als ich heute in die Stadt kam, sah ich vor jedem Hause Gänsekörbe stehen, in denen Kinder versteckt waren. Da ich dies nicht begreifen konnte, wagte ich Euch darauf anzusprechen.«

Da neigte sich der Vorsteher zu Tripitaka und sprach hinter vorgehaltener Hand: »Kümmert Euch nicht darum, Priester. Legt Euch zur Ruhe und zieht morgen zeitig weiter!«

Doch wie der Priester diese Worte vernommen hatte, hielt er den Vorsteher fest und wollte nun unbedingt Klarheit gewinnen. Der aber schüttelte fortwährend den Kopf und winkte ab: »Still, nehmt Euch in Acht!«

Tripitaka ließ nun erst recht nicht locker. Inständig bat er, mehr erfahren zu dürfen, bis der Vorsteher schließlich nicht mehr darum herumkam, Auskunft zu geben. Er schickte alle Bediensteten weg und flüsterte schließlich im Schein einer Kerze: »Das mit den Gänsekörben ist eine gewissenlose Tat unseres Königs. Warum müsst Ihr bloß danach fragen!«

»Was meint Ihr mit gewissenlos?« fragte Tripitaka. »Ich möchte mir unbedingt Klarheit darüber verschaffen.«

Nun erzählte der Vorsteher: »Eigentlich heißt unsere Stadt Bhiksu; erst seit kurzem geht im Volk der Name ›Kinderstadt‹

um. Vor drei Jahren nämlich ist ein alter Mann hierhergekommen, der war nach Art der Daoisten gekleidet und führte eine junge Frau mit sich, die war erst sechzehn Jahre alt. Und diese Frau war von solcher Schönheit, dass man sie für eine Fee des Himmels hätte halten mögen! Er hat sie unserem König dargebracht, und dieser hat sie fortan im Palast verwöhnt und ihr den Titel ›Wunderschöne Königin‹ zugesprochen. Seitdem frönte er Tag und Nacht der Lust, und davon ist er mittlerweilen geistig und körperlich schon ganz geschwächt. Zur Zeit nimmt er kaum mehr Trank und Speise zu sich, sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Die Palastakademie für Medizin hat schon alles ausprobiert, was an heilsamen Rezepten vorhanden ist, doch nichts hat ihm geholfen. Nun wusste aber jener alte Daoist, der die Frau dargebracht und dafür den Titel ›Reichsvater‹ erhalten hatte, eine Kräuterrezeptur aus den Inseln der Unsterblichen, die eine starke lebensverlängernde Wirkung haben soll. Kürzlich hat er die Heilkräuter auf den fernen Inseln der Unsterblichen gepflückt und alles vorbereitet. Doch das Schlimme daran ist, dass er jetzt noch eine Ingredienz verlangt, welche zur Wirkung der Kräuter notwendig sein soll, nämlich ein Dekokt aus den Herzen von 1111 Kindern! Er behauptet, wenn der König dies einnehme, werde er tausend Jahre lang jung bleiben. Eigens dazu stehen nun die Kinder in den Gänsekörben bereit. Aus Furcht vor den strengen Strafen des Königs wagen die Eltern nicht einmal zu weinen! Darum hat sich im Volk der Name ›Kinderstadt‹ verbreitet. Wenn das nicht gewissenlos ist! Priester, wenn Ihr morgen früh zur Audienz geht, dann lasst nur Euren Pass abstempeln und erwähnt auf keinen Fall etwas von dieser Angelegenheit!«

Nun erhob er sich ruckartig und verließ den Raum. Tripitaka aber war so tief erschüttert, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen.

»Abscheulicher Despot!« entfuhr es ihm. »Krank bist du geworden, weil du deine Gier nach Liebeslust nicht gezügelt hast. Wie kannst du jetzt auch noch all diese Kinder ermorden! Oh, was für ein ungeheures Leid, das ist nicht zu ertragen!«

Da trat Bajie zu ihm und meinte: »Aber Meister, was ist denn in Euch gefahren? Wozu fremde Särge ins Haus tragen? Grämt Euch doch nicht so; was ein König mit seinem eigenen Volk macht, hat mit Euch doch nichts zu tun! Legt Euch ruhig schlafen und sorgt Euch bloß nicht auch noch um das Leid vergangener Zeiten!«

»Mein Schüler!« rief Tripitaka unter Tränen, »wir Mönche sind doch stets bemüht, gute Taten zu vollbringen. Anderen Menschen zu helfen ist unser oberstes Gebot. Wie kann dieser Herrscher nur so rücksichtslos handeln! Nirgends wurde je

verzeichnet, dass der Verzehr von Menschenherzen lebensverlängernd wirken soll! Das ist unmenschlich! Wie könnte ich vor einer solchen Grausamkeit keine Trauer empfinden!«

»Meister, beruhigt Euch vorerst«, sprach Sandmönch, »morgen, wenn wir mit dem Reisepass vor den König treten, werden wir sehen, um was für einen Reichsvater es sich handelt. Es könnte ja sein, dass es ein Dämon ist, der Menschenherzen fressen will und dazu diese Strategie ausgeheckt hat.«

»Ja, Wujing hat recht«, fiel Pilger ein. »Meister, morgen werde ich alter Sun mit Euch zur Audienz gehen. Dann sehe ich sofort, ob dieser Reichsvater gut ist oder schlecht. Ist es ein Mensch, dann muss er auf Irrwege geraten sein und den rechten Weg verloren haben, wenn er bloß die Medizin für das Wahre hält. In diesem Falle könnte ich alter Sun ihm den Sinn der vorgeburtlichen Wahrheit erläutern und ihn dazu bewegen, auf den rechten Weg zurückzukehren. Sollte es sich aber um etwas Dämonisches handeln, werde ich es einfangen und dem König vor Augen halten; damit könnte ich ihn veranlassen, fortan seine Begierden zu zügeln und ein gesundes Leben zu führen. Auf keinen Fall werde ich zulassen, dass er diesen Kindern das Leben nimmt!«

Auf diese Worte verneigte sich Tripitaka vor Pilger wie vor seinem Meister und sprach: »O mein Schüler, deine Worte sind wundervoll! Allein, vor dem verblendeten Monarchen können wir die Sache doch nicht direkt vorbringen, sonst werden wir womöglich unter irgendeinem Vorwand für schuldig erklärt, ohne dass man der Sache auf den Grund geht. Was sollen wir bloß tun?«

Pilger aber lachte und meinte: »Ich alter Sun habe doch meine Zauberkräfte! Zuallererst werde ich dafür sorgen, dass sämtliche Gänsekörbe aus der Stadt wegkommen. So ist morgen zumindest niemand da, dem er das Herz entreißen könnte. Die Staatsdiener werden das dem König natürlich melden, der wird die Sache mit dem Reichsvater besprechen und vielleicht daraufhin eine andere Entscheidung fällen. Wenn wir bei dieser Gelegenheit eine Anklage vorbringen, wird er die Schuld gewiss nicht uns zuschieben.«

Da freute sich Tripitaka und sprach: »Wie willst du aber all die Kinder aus der Stadt bringen? Falls du sie wirklich retten kannst, ist das ein himmelhohes Verdienst, mein geschätzter Schüler! Handle, so schnell du kannst.«

Pilger ballte seine göttlichen Kräfte, sprang auf und sprach zu Bajie und Sandmönch: »Bleibt beim Meister und wartet ab. Ihr werdet an einem kalten Windstoß merken, dass die Kinder aus der Stadt gebracht werden.«

Da sprachen alle drei wie aus einem Munde: »Namo

jiusheng Yaoshi fo! Gelobt sei der lebensrettende Medizinbuddha!«413

Der Große Heilige aber ging hinaus und schoss mit einem Pfiff in die Höhe, machte ein magisches Fingerzeichen und rief: »Om! Reine Dharmawelt!« Denn dieser Zauberspruch

vermochte alle göttlichen Wesen der Umgebung

herbeizurufen: den Stadtgott, den Erdgeist, die Himmelsdiener, die Genien und die Zeitgötter, die sechs Dingund die sechs Jia-Götterkrieger sowie die Schutzgottheiten aller Klöster. All diese kamen nun in den Lüften auf Pilger zu, verneigten sich und sprachen: »Großer Heiliger! Welchen dringlichen Befehl gibt es auszuführen, dass Ihr uns zu dieser späten Stunde ruft?«

»Wir sind heute ins Land Bhiksu gekommen, wo ein unmenschlicher Monarch regiert«, erklärte Pilger. »Er ist einem Dämon aufgesessen und will nun auf dessen Rat Kinderherzen verspeisen, um die Wirkung einer angeblich lebensverlängernden Medizin zu verstärken. Mein Meister, der tiefes Mitleid mit den Kindern hat, will sie unbedingt retten und den Dämon austreiben. Darum habe ich alter Sun eine Bitte an euch alle: Lasst eure göttlichen Kräfte walten und bringt alle Kinder, die in Gänsekörben versteckt sind, mitsamt den Körben aus der Stadt hinaus, irgendwo an eine geschützte Stelle im Gebirge oder in einem dichten Wald. Dort sollt ihr sie ein, zwei Tage behalten und ihnen etwas Obst zu essen geben. Sie dürfen auf keinen Fall hungern oder erschrecken. Sobald ich die dämonische Energie vertrieben habe, das Reich gewandelt ist und der Herrscher sich eines Besseren besonnen hat, könnt ihr die Kinder zurückbringen.«

Die Götter versprachen zu tun wie geheißen und setzten sofort ihre göttlichen Kräfte ein. Binnen kurzem wehte ein kalter Sturmwind herbei und verfinsterte die ganze Stadt. Um Mitternacht schließlich schafften die Götter sämtliche Gänsekörbe aus der Stadt und verwahrten sie an einem stillen Ort. Pilger aber senkte sein heilsames Licht und landete im Hof der Poststation, wo die drei anderen immer noch das Mantra rezitierten. Darüber freute er sich im Stillen, trat vor und rief: »Meister, da bin ich wieder! Mit dem kalten Windstoß, der eben herbeigefegt ist, habe ich die Kinder allesamt in Sicherheit gebracht. Bevor wir weiterziehen, werden wir sie ihren Eltern zurückbringen können.«

Um Mitternacht schafften die Götter sämtliche Gänsekörbe aus der Stadt und

verwahrten sie an einem stillen Ort.

Der Priester bedankte sich in einem fort. Schließlich legten sie sich schlafen.

Tags darauf erhob sich Tripitaka in aller Frühe, warf sich seine kostbare Robe um und sprach: »Wukong, ich will die Morgenaudienz nutzen, um das Reisedokument abstempeln zu lassen.«

»Ich begleite Euch«, rief Pilger, »dann sehe ich gleich, wie es um diesen Reichsvater steht.«

»Aber du willst dich ja nie verbeugen«, wandte Tripitaka ein, »der König wird dir das bestimmt übelnehmen!«

»Ich zeige mich nicht«, erwiderte Pilger, »ich werde Euch unsichtbar folgen, als Geleitschutz.« Da freute sich Tripitaka sehr.

Als er gerade gehen wollte, eilte der Vorsteher herbei und flüsterte ihm ins Ohr, er möge sich ja nicht in fremde Angelegenheiten mischen. Tripitaka antwortete mit einem Nicken. Pilger aber huschte zur Tür, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Mücke und landete auf Tripitakas Priesterhut. So verließen sie die Poststation und kamen zum Palast. Vor dem Eingangstor wandte sich Tripitaka mit einem höflichen Gruß zum Torwächter und sprach: »Ich geringer Mönch komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Hier in Eurem werten Königreich ist es meine Pflicht, unseren Reisepass besiegeln zu lassen. Darum möchte ich um Audienz beim König ersuchen und bitte ergebenst, den Antrag zu melden.«

Wie gewünscht leitete der Wächter die Bitte weiter. Der König freute sich über die Meldung und sprach: »Ein Mönch, der aus weiter Ferne kommt, muss von hoher Tugend sein.« Sogleich hieß er den Priester antreten.

Nachdem Tripitaka vor der breiten Treppe zur Audienzhalle das Verbeugungszeremoniell vollführt hatte, wurde er in die Halle gerufen und gebeten, Platz zu nehmen. Er bedankte sich für die hohe Gunst und setzte sich. Da fiel ihm auf, wie schwach und abgezehrt der König aussah. Seine zum Gruß erhobenen Hände wollten ihm kaum mehr gehorchen, und seine Stimme war stockend. Der Priester legte den Reisepass vor, doch der König brauchte mit seinen trüb gewordenen Augen eine ganz Weile, bis er alles gelesen hatte. Schließlich drückte er sein königliches Siegel auf, gab Tripitaka das Dokument zurück, und dieser steckte es ein. Der König wollte sich gerade nach dem Grund der Schriftensuche erkundigen, als ein Hofbeamter meldete: »Der hochverehrte Herr Reichsvater ist da!«

Sogleich erhob sich der König, stützte sich mühevoll auf seine Leibdiener und empfing den Reichsvater mit einer Verneigung. Erschrocken sprang Tripitaka zur Seite, wo er respektvoll stehen blieb. Aufblickend sah er, wie ein alter Daoist gemessenen Schrittes die Jadetreppe emporstieg und ohne jegliches Zeremoniell erhobenen Hauptes vor den Thron trat. Der König neigte sich im Sitzen und sprach: »Euer zeitiges Erscheinen ist uns eine wahre Freude, werter Reichsvater.«

Er bat ihn, sich zu seiner Linken zu setzen. Da tat Tripitaka einen Schritt vor, verneigte sich und sprach: »Seid gegrüßt von geringem Mönch, werter Herr Reichsvater!«

Dieser Reichsvater machte keine Anstalten, den Gruß zu erwidern, sondern wandte sich an den König und fragte: »Wo kommt dieser Mönch her?«

»Ein Pilger aus China, der im Westen Schriften holen will«, antwortete der König, »er ist gekommen, um seinen Reisepass abstempeln zu lassen.«

Der Reichsvater lachte abschätzig und meinte: »Auf dem Weg nach Westen ist doch nichts als Finsternis, wozu soll das denn gut sein?«

»Seit alters ist der Westhimmel als Paradies bekannt«, erwiderte Tripitaka, »was sollte daran nicht gut sein?«

Da warf der König ein: »Wie Wir vernommen haben, werden Mönche seit alters auch als Jünger Buddhas bezeichnet. Doch weiß ich nicht, ob man als buddhistischer Mönch unsterblich werden kann. Lebt man länger, wenn man sich zu Buddha bekennt?«

Auf diese Frage faltete Tripitaka die Hände und sprach:

»Wer als Mönch lebt, hat sich von allen Bindungen gelöst;

wer das Wesen erkennt, sieht alle Erscheinungen in ihrer

Leerheit. Denn die große Weltweisheit macht sicher und

frei, zwanglos und mild verweilt sie in zeitloser Ewigkeit.

Das wahre Geheimnis der Welt ist stumm; frei und heiter

weilt es in der Auslöschung des Seins. Wenn die Drei

Welten in Leerheit aufgehen, kommen alle Belange der

Menschen ins Reine; wenn die Sechs Sinne gereinigt sind,

finden alle Ursachen ein Ende.415

Um aber dies mit höchster Aufrichtigkeit wahrzunehmen,

muss man das Herz erkennen: Ist das Herz rein, so leuchtet

es in einsam erhabener Helle; weilt das Herz still, so zeigen

sich alle Erscheinungen klar. Übungspraktik und

Meditation bilden die Quelle zu tiefer Versenkung; das

Spenden von Weisheit und Güte aber ist wahrlich die

Grundlage zur Vervollkommnung. Es reicht, in der reglosen

Einheit des Herzens zu weilen, dass alles Tun von selbst

vollkommen wird.

Doch Reden wie jene vom Pflücken der Yin-Kraft zur

Stärkung der Yang-Kraft sind wahrlich irreleitend;

Langlebigkeit durch äußerliche Elixiere erreichen zu wollen

ist in Wirklichkeit leeres Gerede. Was nottut, ist einzig,

jegliche Bindung zur Welt des Staubes abzulegen, aller

Dinge Stofflichkeit in ihrer Leerheit zu verstehen, ehrlich

und bescheiden zu leben und Maß zu halten in der

Liebeslust. Dann wird man von selbst die Unendlichkeit des

ewigen Lebens genießen können.«418

Da lachte der Reichsvater verächtlich, zeigte mit dem Finger auf Tripitaka und rief: »Ha! Ha! Du hast wohl Stroh im Kopf, mein guter Mönch! Im Buddhismus, dem Tor zum Nirvana, muss über die Erkenntnis des ursprünglichen Wesens gesprochen werden. Doch bei dir muss dieses Wesen irgendwie erloschen sein. Trocken über Koans zu meditieren ist doch nichts als blind und sinnlos! So heißt es ja im Volksmund:

Sitz, sitz, sitz, bis dein Hintern platzt!

Im Feuer verbrannt, ins Unheil verrannt!

Was weißt du schon von meinen Dingen:

Wer die Unsterblichkeit übt, hat gute und starke Knochen;

wer das Dao erlangt, verfügt über höchste Wachsamkeit des

Geistes. Er mag mit seiner Zither Freunde besuchen oder

Heilkräuter pflücken, um anderen zu helfen, mag beim

Erläutern der daoistischen Weisheit die allerhöchste Lehre

verkünden und durch Zauberformeln oder gesegnetes

Wasser Menschen von dämonischen Einflüssen erlösen.

Indem er Himmel und Erde die edelsten Kräfte

entwendet und von Sonne und Mond die feinsten Essenzen

aufnimmt, lässt er Yin und Yang im Körper kreisen, dass

innerlich das Elixier der Unsterblichkeit entsteht. So vereint

er Wasser und Feuer, bis sich ein heiliger Embryo bildet.

Bei zweimal Acht nimmt die Yin-Kraft ab, da ist es wie

ein Taumel; bei dreimal Neun nimmt die Yang-Kraft zu, da

geht es in unfassbare Tiefen. Im Laufe der Jahreszeiten

werden so die Zutaten für die innere Medizin gepflückt und

das Elixier durch neunmalige Läuterung vollkommen

gemacht. Dann steige man auf einem blauen Phönix empor

und fliege zur Purpurnen Residenz der Unsterblichen oder

auf einem weißen Kranich bis hin zur fernen Jaspisstadt des

Himmelskaisers.

Um wie viel besser ist dies doch als deine Meditation und

Predigt, dein Erlöschen zu einem Gespenst der Yin-Energie, dein Eingang ins Nirvana, bei dem du doch eine

faulige Hülle zurücklässt. So löst man sich doch nicht aus

der Welt des Staubes!

Unter den drei Religionen steht seit jeher der Daoismus

am höchsten, ihm allein gebührt Verehrung!«421

Der König hatte diesen Worten mit Freude gelauscht, und nun rief der ganze Hofstaat im Chor: »Gut hat er gesprochen: ›Dem Daoismus allein gebührt Verehrung‹!«

Während der Daoist ringsum Beistimmung fand, schämte sich der Priester in Grund und Boden. Schließlich ließ der König das Hofamt für Festlichkeiten beauftragen, eine vegetarische Mahlzeit zuzubereiten, damit der Mönch aus fremden Landen etwas zu essen habe, bevor er weiter gen Westen ziehe.

Tripitaka dankte und trat ab. Kaum schritt er von der Audienzhalle dem Ausgang zu, surrte Pilger vom Priesterhut herunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Meister! Dieser Reichsvater ist ein Dämon! Der König ist durch seine dämonische Energie krank geworden. Geht in die Poststation und wartet dort auf Euer Essen; ich alter Sun will vorerst hierbleiben und hören, was sie vorhaben.«

Tripitaka verstand und ging alleine zum Palast hinaus.

Pilger aber schwirrte mit seinen Mückenflügeln in die Audienzhalle und landete auf einem Paravent aus grüner Jade. Da sah er einen Offizier der Reichsstädtischen Schutzwache vortreten und melden: »Mein Herrscher, nachts sind alle Kinder in den Gänsekörben von einem kalten Windstoß mitgerissen worden, nun sind sie spurlos verschwunden.«

Der König hörte die Meldung mit Ärger und Schrecken. Dann wandte er sich an den Reichsvater und sprach: »Das bedeutet doch, dass der Himmel mein Verderben will! Nun bin ich seit Monaten krank, und keine Medizin meiner Leibärzte hat geholfen, und nun bei dem großen Glück, Euer Rezept der Unsterblichkeit erhalten zu dürfen, wo wir doch heute Mittag zu den Messern greifen und die Herzen hätten entnehmen können, werden sie plötzlich von einem kalten Windstoß entrissen. Was kann dies anderes heißen, als dass der Himmel mein Verderben will?«

Der Reichsvater aber lächelte und sprach: »Grämt Euch nicht, Majestät. Dass die Kinder weg sind, bedeutet das Gegenteil, nämlich dass der Himmel Eurer Majestät ein langes Leben schenkt!«

»Wie könnt Ihr angesichts der Tatsache, dass die Kinder in den Körben weg sind, eine solche Behauptung aufstellen?«

»Eben habe ich beim Eintreten eine wundervolle Ingredienz gesehen. Die ist noch zehntausendfach stärker als 1111 Kinderherzen! Die Herzen hätten Eurer Majestät das Leben nur um eintausend Jahre verlängern können, doch diese Ingredienz wird Euch, wenn Ihr sie mit meiner Medizin einnehmt, das Leben um viele Jahrtausende verlängern.«

Der König verstand nicht, um was für eine Ingredienz es sich handeln sollte. Erst auf mehrmaliges Nachfragen erklärte ihm der Reichsvater schließlich: »Jener Priester aus dem Osten, der zu den Heiligen Schriften pilgert, der hat sich schon zehn Inkarnationen lang der Vervollkommnung gewidmet und einen Wahren Körper entwickelt. Von klein auf lebt er als Mönch, und seine ursprüngliche Yang-Energie ist noch unversehrt. Das wirkt zehntausendmal stärker als diese Kinder! Wenn wir aus seinem Herzen ein Dekokt brauen können, das Ihr mit meiner Unsterblichkeitsmedizin einnehmt, dann ist Euch ein zehntausendjähriges Leben garantiert.«

Tatsächlich schenkte dieser verblendete Herrscher den Worten sein volles Vertrauen und sprach zum Reichsvater: »Warum habt Ihr das nicht eher gesagt, dann hätten wir ihn doch gleich hierbehalten können.«

»Das ist doch ganz einfach«, meinte der Reichsvater, »eben habt Ihr ja das Hofamt für Festlichkeiten geschickt, ihn zu verköstigen, also wird er die Stadt gewiss erst verlassen, wenn er fertiggegessen hat. Ihr braucht jetzt nur den Befehl zu

geben, sofort alle Tore abzuriegeln, und Soldaten auszuschicken, welche die Poststation Zum Goldenen Pavillon umstellen. Dann wird der Priester festgenommen, und wir bitten ihn in aller Höflichkeit um sein Herz. Falls er uns entgegenkommt, schneiden wir es ihm gleich heraus, besorgen seiner Leiche ein königliches Begräbnis und errichten ihm zu Ehren einen Tempel. Sollte er sich aber weigern, werden wir ohne großes Federlesen zu den Waffen greifen, ihn in Stricke legen und ihm das Herz ausreißen. Das ist doch ein Leichtes!«

Schon erließ dieser verblendete Herrscher den Befehl, alle Tore zu schließen, und schickte die Palastgarde, die Poststation zu umstellen. Als Pilger all dies vernommen hatte, schwirrte er flugs zur Poststation und rief Tripitaka zu: »Schlimm, o Meister, ein Unheil!«

Bei diesen Worten brach Tripitaka, der gerade mit Bajie und Sandmönch bei der königlichen Mahlzeit saß, der kalte Schweiß aus allen Poren, und es verschlug ihm die Sprache.

»Was für ein Unheil?« fragte Bajie, und Pilger berichtete: »Kurz nachdem der Meister den Palast verlassen hat, ist ein Offizier gekommen und hat die Sache mit den fortgewehten Kinderkörben gemeldet. Zuerst war der König erzürnt, doch dann hat ihm der Reichsvater freudig erklärt: ›Das bedeutet, dass Euch der Himmel ein langes Leben schenkt.‹ Und jetzt will er als Ingredienz das Herz von unserem Meister haben

und sagt, dies würde dem König zu einem zehntausendjährigen Leben verhelfen. Dieser verblendete König schenkt diesem Unsinn Glauben und hat bereits Soldaten ausgeschickt, die Poststation zu umstellen. Und nun soll die Palastgarde den Meister um sein Herz bitten!«

»Das habt Ihr nun von Eurer Wohltat«, grinste Bajie. »Die Kinder sind gerettet, und Ihr habt das Unglück am Hals!«

Zitternd hielt sich Tripitaka an Pilger fest und sagte: »O mein werter Schüler! Was können wir jetzt bloß tun?«

»Aus groß mach klein, dann renkt sich’s ein«, versetzte Pilger.

»Was soll das heißen?« fragte Sandmönch.

»Wenn wir ihm das Leben retten wollen, muss der Meister zum Schüler werden, und der Schüler zum Meister. Das ist die einzige Rettung.«

»Wenn du mir das Leben retten kannst, will ich noch so gerne dein Schüler sein«, erwiderte Tripitaka.

»Dann wollen wir keine Zeit verlieren«, rief Pilger. »Lasst Bajie sofort etwas Lehm mit Wasser verkneten.«

Schon harkte der Tölpel mit seinem Rechen den Boden auf. Weil er sich nicht nach draußen wagte, mischte er etwas Urin zur Erde und überreichte Pilger einen übelriechenden Lehmbrei. Angesichts der Dringlichkeit blieb Pilger nichts übrig, als daraus einen Fladen zu schlagen und ihn sich ins Gesicht zu drücken, so dass ein Abdruck seines Affengesichtes entstand. Nun hieß er Tripitaka stillhalten und kein Wort mehr sagen. Er legte ihm die Maske aufs Gesicht, sprach eine Zauberformel, und mit dem Ruf »Verwandlung!« behauchte er sie mit göttlichem Odem. Da verwandelte sich des Priesters Antlitz in dasjenige von Pilger; er legte seine Robe ab und zog Pilgers Gewand über. Pilger aber legte sich des Meisters Robe um, machte ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und nahm mit einem leichten Dreh Tripitakas Gesichtszüge an.

Kaum war die Verkleidung fertig, vernahmen sie auch schon den Lärm von Gongs und Trommeln und sahen alsbald, wie die dreitausend Soldaten der Palastgarde, mit Speer und Säbel bewaffnet, die Station umzingelten. Nun trat einer der Offiziere in den Hof und rief: »Wo ist der Priester aus dem chinesischen Kaiserreich?«

Der Stationsvorsteher fiel auf die Knie und sprach: »Hinten im Gästezimmer.«

Stracks kam der Offizier zum Gästezimmer und rief: »Priester aus China! Unser König lässt bitten!«

Da trat der falsche Priester zur Tür hinaus, grüßte und fragte: »Herr Offizier, was hat die Majestät geringem Mönch auszurichten?«

Der Offizier trat vor, hielt ihn fest und sprach: »Ich begleite Euch in den Palast. Ihr werdet wohl gebraucht.«

Oho! So war es in der Tat:

Des Dämons böser Zauber ist stärker als Barmherzigkeit,

Wohltat kehrt ins Gegenteil und bringt nun nichts als Leid! Und da wir nicht wissen, wie es nach diesem Gang um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.