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079 Bei der Bändigung des Dämons kommt der Lebensstern / Im Palast befreit der wahre Herrscher die kleinen Kinder

Lasst uns berichten, wie der Offizier den gefälschten Priester aus der Poststation zerrte, wo er sogleich von der Palastgarde umringt und zur Audienzhalle geführt wurde. Als vor der Jadetreppe alle Militärbeamten ihren Kniefall machten, blieb der gefälschte Priester in ihrer Mitte aufrecht stehen und rief laut: »König von Bhiksu! Was habt Ihr dem geringen Mönch auszurichten?«

Der verblendete Herrscher lächelte und sprach: »Seit langem leide ich an einer unheilbaren Krankheit, und nun hat unser Reichsvater zum großen Glück ein gutes Rezept, dessen Ingredienzen bereits vorliegen. Das Einzige, was uns noch fehlt, ist ein stimulierender Wirkstoff. Darum möchten wir den werten Priester bitten, uns dabei behilflich zu sein. Im Falle erfolgter Heilung werden wir Euch eine Ahnenhalle errichten, zu allen Jahreszeiten Opfer darbringen und Euch von Staates wegen bis in alle Ewigkeit mit Weihrauch ehren.«

Da antwortete der gefälschte Priester: »Ich bin ein Mönch und bin nun ganz alleine hier; Eure Majestät mögen den Herrn Reichsvater fragen, was er denn benötige als stimulierenden Wirkstoff.«

»Wir bitten eigens um Euer Herz«, sprach der verblendete Herrscher.

»Nun, um ehrlich zu sein«, gab der gefälschte Priester zurück, »Herzen habe ich mehrere, was für eines soll’s denn sein?«

Der Reichsvater, der neben dem König stand, erklärte: »Wir wollen dein schwarzes Herz!«422

»Wenn dem so ist«, meinte der gefälschte Priester, »dann bringt mir ein Messer, damit ich mir die Brust aufschneiden kann. Falls es da ein solches Herz geben sollte, will ich dem Befehl gerne Folge leisten.«

Freudig dankte der verblendete Herrscher. Dann hieß er einen Leibwächter, dem Priester einen scharfen Dolch auszuhändigen. Dieser nahm den Dolch zur Hand, entblößte erhobenen Hauptes seine Brust, tastete sie mit der linken Hand ab und setzte mit der rechten den Dolch an. Man hörte ein schneidendes Geräusch, schon war die Brust aufgeschlitzt, und ein Haufen Herzen kollerte heraus. Die Zivilbeamten erblassten vor Schreck, und selbst den Militärbeamten lief ein Schauer über den Rücken. Der Reichsvater aber, der vom Thron aus zugeschaut hatte, rief: »Das ist ja ein vielherziger Priester.«423

Der gefälschte Priester aber nahm die bluttriefenden Herzen in beide Hände und inspizierte eines nach dem andern. Es gab da allerhand rote, weiße und gelbe Herzen, gierige, gewinnsüchtige, neidische und zänkische Herzen, ehrgeizige, hochstrebende und selbstsüchtige Herzen, tödliche, grausame, ängstliche, umsichtige und irrige Herzen, auch im Dunkeln verborgene namenlose Herzen, sowie diverse ungute Herzen; einzig ein schwarzes Herz kam nicht zum Vorschein.

Der König erstarrte vor Schreck und brachte kein Wort heraus. Endlich rief er, am ganzen Körper zitternd: »Weg damit! Weg damit!«

Da konnte der gefälschte Priester nicht länger an sich halten, er setzte dem Zauber ein Ende und nahm seine eigene Gestalt an.

»O Majestät, wie verblendet Ihr seid!« rief er dem König zu. »Wir Mönche hegen nur Gutes im Herzen, allein Euer Reichsvater hat ein schwarzes Herz! Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, dann lasst mich doch das seine rausnehmen, so könnt Ihr Euch mit eigenen Augen überzeugen!«

Als der Reichsvater dies hörte, riss er die Augen auf und prüfte ihn mit einem scharfen Blick. Erst jetzt bemerkte er, dass der Priester auf einmal ein ganz anderes Gesicht hatte. Oho!

Er sah, dass der von einst es war:

Großer Heiliger Sun genannt;

Sein Name war vom Pfirsichfest

Doch allen weitherum bekannt!

Mit einem Satz schoss er zu den Wolken empor. Pilger jagte ihm im Wolkenüberschlag nach und fauchte: »Halt! Jetzt kriegst du meine Stange zu spüren!«

Da zückte der Reichsvater einen drachengeschmückten Stock, warf sich in Kampfpose, und schon maßen die beiden in luftiger Höhe ihre Kräfte, bis der Unhold nach zwanzig erbitterten Kampfrunden dem Goldreifstab nicht länger standzuhalten vermochte. Nach einem letzten Scheinhieb sauste er als kalter Lichtstrahl zum Palast nieder, um die dämonische Königin mit sich fortzureißen, und schon schossen zwei kalte Lichter in unbekannte Richtung davon. Der Große Heilige aber senkte seine Wolke, kam in den Palast zurück und rief den Hofbeamten zu: »Da habt ihr ja einen schönen Reichsvater!«

Die Hofbeamten fielen dem göttlichen Mönch dankend zu Füßen.

»Lasst das«, versetzte Pilger, »schauen wir lieber nach, wo euer verblendeter Herrscher steckt!«

»Unsere Majestät hat sich aus Furcht in ein Versteck zurückgezogen, als sie Euer Gefecht sah. Wir wissen nicht, in welcher Palasthalle sie ist.«

Pilger gab Befehl, den König unverzüglich aufzuspüren, um zu verhindern, dass er am Ende noch von der Wunderschönen Königin entführt würde. Also suchten die Hofbeamten mit Pilger zusammen den gesamten Palast ab, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Diensthallen oder Wohngemächer handelte. Doch es zeigte sich keine Spur, nicht einmal die Königin war aufzufinden. Derweil aber strömten aus den Frauengemächern der drei Paläste und sechs Höfe Nebenfrauen und Konkubinen herbei und warfen sich dankend dem Großen Heiligen zu Füßen.

»Steht auf!« rief dieser, »zum Danken ist es noch zu früh. Geht und sucht euren Herrscher!«

Es dauerte nicht lange, da kamen einige Eunuchen, in ihrer Mitte den König stützend, aus der Halle der Edlen Haltung. Alle Hofbeamten warfen sich vor ihm nieder und riefen einstimmig: »Majestät, o Majestät! Danket dem göttlichen Mönch, der gekommen ist, uns die Augen zu öffnen, damit wir Wahr und Falsch erkennen! Der Reichsvater war ein

dämonisches Ungeheuer, jetzt ist er mitsamt der Wunderschönen Königin verschwunden.«

Als der König das vernommen hatte, bat er Pilger, vom Wohnpalast zur Audienzhalle zu kommen. Dort verneigte er sich dankend und sprach: »Priester, heute früh war Euer Antlitz noch so anmutig; wie kommt es nur, dass Ihr auf einmal so anders ausseht?«

Pilger lachte: »Ich will es Euch offen sagen, Majestät. Derjenige, der in der Frühe kam, das war mein Meister, der kaiserlich verbrüderte Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich. Ich aber bin sein Schüler, Sun Wukong. Außerdem hat er noch zwei andere Schüler, den Eber Wuneng und Sandmönch Wujing; beide sind zur Zeit in der Poststation Zum Goldenen Pavillon. Weil wir hörten, dass Ihr einem Dämon verfallen seid und schließlich gar meines Meisters Herz in Eure Medizin brauen wolltet, habe ich alter Sun die Gestalt meines Meisters angenommen, um diesem Dämon ein Ende zu bereiten.«

Nachdem der König dies vernommen hatte, erteilte er dem Minister für Personalwesen den Befehl, auf der Stelle zur Poststation zu gehen, um Meister und Schüler in den Palast zu geleiten.

Tripitaka aber hatte mit Entsetzen vernommen, dass Pilger in den Lüften gegen das Ungeheuer kämpfte, und brütete gerade mit der stinkenden Maske auf dem Gesicht verdrossen vor sich hin, als er auf einmal hörte, dass er von einem Hofminister zur Audienz in den Palast gerufen wurde.

»Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, Meister«, lachte Bajie, »diesmal will er Euch gewiss nicht ans Herz. Sicher hat mein Ordensbruder gewonnen, weshalb der König uns zum Dank verköstigen will!«

»Das mag wohl sein«, erwiderte Tripitaka, »doch wie kann ich mit diesem übelriechenden Gesicht vor die Leute treten?«

»Geht einfach zu meinem Ordensbruder, er wird Euch schon befreien.«

Dem Priester blieb keine andere Wahl, und so begab er sich denn mit Bajie und Sandmönch zusammen zum Eingang der Poststation. Als der Minister ihn erblickte, sprach er erschrocken: »Aber werte Herren! Ihr seht ja alle wie Ungeheuer aus!«

Da meinte Sandmönch: »Stört Euch nicht am hässlichen Äußeren, Herr Palastdiener. Wir sind halt geborene Leichen.«

Anschließend folgten sie dem Minister zur Audienzhalle. Sowie Pilger sie kommen sah, trat er heraus, löste seinem Meister die Maske ab und hauchte ihm göttlichen Odem ins Gesicht, so dass der Priester wieder genauso war wie zuvor, ja sogar im Geiste fühlte er sich nun frisch und beschwingt.

Nun trat auch der König persönlich aus der Halle und empfing Tripitaka mit den Worten: »Verehrter Priester und Buddha!«

Meister und Schüler begaben sich in die Halle und vollführten vor dem König das Begrüßungszeremoniell. Dann fragte Pilger: »Majestät, wisst Ihr eigentlich, woher der Unhold kam? Ich alter Sun werde die beiden dingfest machen, damit sie Euch nie mehr etwas antun können!«

Betreten gab der König zur Antwort: »Als er vor drei Jahren hierherkam, fragte ich ihn danach, und er gab an, aus einem Ort unweit der Reichsstadt zu stammen, kaum siebzig Meilen südlich von hier. Er sei dort im Hof der Reinen Blüte am Weidenhain zu Hause. Der Reichsvater war schon älter und hatte keine Söhne, doch seine zweite Frau hatte ihm eine Tochter geboren, die gerade sechzehn war und noch unvermählt, daher brachte er sie uns dar. Nachdem ich sie zu mir genommen hatte und sie im Palast verwöhnte, ereilte mich unerwartet eine schwere Krankheit, die mit keiner Arznei unserer Hofärzte geheilt werden konnte. Da sagte der Reichsvater: ›Ich habe eine Rezeptur, die unsterblich macht; es ist dazu nur noch eine stimuliernde Ingredienz aus Kinderherzen nötig.‹ Aus einer Schwäche heraus habe ich seinen Worten Glauben geschenkt und im Volk Kinder aussuchen lassen, und heute Mittag hätte man ihnen eigentlich die Herzen entnehmen sollen. Gerade nachdem die Kinder verschwunden sind, seid Ihr zufällig dazugekommen, göttlicher Mönch. Da hat mir der Reichsvater gesagt, der heilige Priester habe sich bereits zehn Inkarnationen lang der Vervollkommnung gewidmet, und seine ursprüngliche Yang- Kraft sei noch unversehrt, und daher würde sein Herz noch tausendmal stärker wirken als die Herzen der Kinder. Seinerzeit war ich mir des Vergehens nicht bewusst, auch ahnte ich nichts davon, dass Ihr, göttlicher Mönch, den Dämon bereits durchschaut hattet. Nun wage ich nur noch zu hoffen, dass Ihr, gestützt auf die große Kraft der buddhistischen Lehre, das Übel an der Wurzel packen und beseitigen könnt. Ich werde es Euch mit dem gesamten Vermögen des Königreichs danken!«

»Nun, offen gesagt«, lachte Pilger, »die Kinder hat mein Meister mich verstecken lassen, weil er tiefes Mitleid mit ihnen empfand. Von Dank und Gaben braucht Ihr nicht zu sprechen, wartet einfach ab, bis ich das Ungeheuer gefangen habe. Dies gehört zu den guten Taten, die ich als Mönch auszuüben verpflichtet bin.« Und er rief Bajie zu: »Komm mit mir!«

Der aber meinte: »Gerne folge ich dem Befehl. Nur ist mir zur Zeit im Bauch so leer, dass ich meine Kräfte nicht gut entfalten kann.«

Auf der Stelle hieß der König das Hofamt für Festlichkeiten eine vegetarische Mahlzeit bereitstellen. Als Bajie sich gesättigt hatte, ballte er seine göttlichen Kräfte und stieg mit Pilger auf Wolken in die Lüfte empor. Staunend blickten der König, die Konkubinen und alle zivilen und militärischen Hofbeamten den beiden nach und falteten ehrfürchtig die Hände zum Himmel. Alle waren sich einig: Das mussten leibhaftige Unsterbliche und Buddhas sein, die hinab auf Erden gekommen waren.

Der Große Heilige aber führte Bajie direkten Weges gen Süden. Nach siebzig Meilen hielten sie Wind und Wolken an und machten sich auf die Suche nach dem Aufenthaltsort des Dämons. Es gab da aber nur ein klares Bächlein, an dessen Ufer unzählige Weiden wuchsen. Wo hier ein »Hof der Reinen Blüte« liegen sollte, war nicht ausfindig zu machen. So war es in der Tat:

Ausgedehnte Auen,

So weit das Auge reicht;

Dämme voller Weiden

Verlieren sich im Dunst.

Nach vergeblichem Suchen legte der Große Heilige schließlich die Finger zu einem magischen Zeichen aneinander und sprach das Zauberwort »OM!« zur Beschwörung des lokalen Erdgeistes. Schon warf sich dieser vor ihm nieder, und Pilger sprach: »Sage mir, wo liegt der Hof der Reinen Blüte im Weidenhain?«

»Es gibt hier nur eine Grotte der Reinen Blüte, keinen Hof«, antwortete der Erdgeist. »Geht einfach das Südufer entlang, bis Ihr zu einer neunstämmigen Pappel kommt. Diese müsst Ihr dreimal von links und dreimal von rechts umschreiten, und dann dreimal hintereinander rufen: ›Öffne dich!‹ Dann kommt die Grottenresidenz der Reinen Blüte zum Vorschein.«

Auf diese Auskunft hieß Pilger den Erdgeist abtreten und sprang mit Bajie über den Bach, um nach der besagten Pappel zu suchen. Tatsächlich fanden sie bald einen Baum mit neun Stämmen, die alle aus derselben Wurzel wuchsen.

Da rief Pilger Bajie zu: »Bleib du erst mal beiseite und halt dich bereit, während ich die Grotte öffne und den Dämon ausfindig mache. Sobald wir rauskommen, musst du mir beistehen.«

Bajie hielt sich also abseits bereit, und Pilger umkreiste den Baum, wie ihn der Erdgeist belehrt hatte: dreimal von links und dreimal von rechts. Dann packte er den Baum und rief: »Öffne dich! Öffne dich!«

Da gab es einen Krach, zwei breite Torflügel taten sich donnernd auf, und auf einmal war der Baum spurlos verschwunden. Innen schimmerte ein regenbogenfarbener Glanz, doch niemand war zu sehen.

Pilger rannte hinein und sah sich gründlich um. Auf einer freistehenden Steinmauer sah er nun vier große Schriftzeichen: »清華仙府 – Himmlische Residenz der Reinen Blüte«. Als er hinter die Mauer sprang und nach innen spähte, sah er den alten Dämon mit einer schönen Frau in den Armen. Gerade erzählte er keuchend von der Sache in Bhiksu. Am Ende meinten beide: »Endlich ist die große Gelegenheit da, die wir drei Jahre lang vorbereitet haben, und nun platzt dieser elende Affenschädel herein!«

Da schoss Pilger auf sie zu und schrie mit gezückter Stange: »Wehe euch, haarige Rotte! Was für eine große Gelegenheit? Halt, lasst euch eins mit meiner Stange überziehen!«

Der alte Unhold ließ seine Grazie liegen, schoss mit hoch erhobenem Drachenstock auf Pilger zu, und schon begannen die beiden vor der Grotte mit dem Kampf. Als Bajie draußen den Lärm vernahm, juckte es ihn so sehr in der Hand, dass er den neunstämmigen Baum niederriss und mit seinem Rechen verdrosch. Frisches Blut spritzte heraus, und es war, als ob man ein Wimmern hörte.

»Der Baum ist ja auch ein Geist!« rief Bajie erstaunt.

Während er ihn noch betrachtete, schossen auf einmal Pilger und der Unhold heraus. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, rannte der Tölpel voran, erhob seinen Rechen und drosch drauflos. Da bekam es der alte Unhold mit der Angst zu tun. Er ließ vom Kampf ab, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen kalten Lichtstrahl und suchte gen Osten das Weite. Pilger und Bajie schossen in dieselbe Richtung hinter ihm her.

Plötzlich aber hallte der Schrei eines Kranichs in das Kriegsgeheul, und ein glückverheißendes Licht erstrahlte. Aufblickend gewahrten sie den Alten vom Südpol: der Stern der Langlebigkeit! Der Alte stülpte seine Hand über den kalten Lichtstrahl und rief: »Gemach, Großer Heiliger! Nur mit der Ruhe, Marschall Tianpeng! Seid gegrüßt vom alten Daoisten!«

Pilger erwiderte den Gruß und sprach: »Wo kommt Ihr denn her, Bruder Stern?«

Bajie aber lachte und rief: »Alter Fleischkopf! Ihr habt ja den kalten Lichtstrahl bedeckt, bestimmt ist das Ungeheuer nun gefangen!«

Lächelnd erwiderte der Stern der Langlebigkeit: »Ja, da ist er, ich habe ihn. Doch bitte ich die beiden Herren, ihn am Leben zu lassen!«

»Wieso setzt Ihr Euch für dieses Biest ein, wenn es nichts mit Euch zu tun hat?« fragte Pilger.

»Es ist eines meiner Reittiere«, erklärte der Stern mit einem Lächeln. »Es ist mir entlaufen und hier zu einem Ungeheuer geworden.«

»Dann lasst es doch mal seine Gestalt annehmen!« forderte ihn Pilger auf.

Da lüftete der Stern die Hand und rief harsch: »Sündenbiest! Zeige dich in deiner wahren Gestalt, sonst bist du des Todes!«

Da wälzte sich der Unhold und erschien als weißer Hirsch. Der Stern der Langlebigkeit aber hob den Drachenstock auf und rief: »Sündiges Tier, sogar meinen Stock hast du mir gestohlen!«

Da warf sich der Hirsch vor ihm nieder und schlug, unfähig zu sprechen, unter Tränen den Kopf auf den Boden. Der Stern der Langlebigkeit aber bedankte sich bei Pilger und stieg auf den Hirsch. Gerade wollte er entschweben, als Pilger ihn am Arm packte und rief: »Halt, alter Bruder, zwei Dinge sind noch nicht im Reinen!«

»Was denn?«

»Die schöne Frau haben wir noch nicht erwischt und wissen auch nicht, um was für ein Unding es sich handelt. Außerdem müsst Ihr mit uns nach Bhiksu kommen und Euch dem verblendeten Herrscher offenbaren, damit sich die Profanen von der Wahrheit überzeugen können.«

»Nun denn«, meinte der Stern, »so will ich mich noch ein Weilchen aufhalten. Geht mit Tianpeng in die Grotte und nehmt die Schöne gefangen, anschließend will ich mit Euch vor den König treten.«

Pilger bejahte und ging voran, während Bajie seine Kräfte ballte, mit Pilger in die Grotte der Reinen Blüte trat und brüllte: »Her mit dem Ungeheuer!«

Zitternd floh die Schöne hinter die steinerne Mauer, doch da die Grotte keinen hinteren Ausgang hatte, stieß sie geradewegs mit Bajie zusammen.

»Halt, du lüsternes Gespenst, das wackere Kerle verführen will!« schrie dieser. »Gib auf meinen Rechen acht!«

Da zuckte die Schöne zusammen und stob als kalter Lichtstrahl ins Freie. Pilger aber drängte den Strahl zurück und drosch – ping, pang! – mit seiner Stange darauf ein. Alsbald konnte sich das Ungeheuer nicht mehr halten, stürzte in den Staub und nahm seine wahre Gestalt an: Es war ein weißer Fuchs. Da konnte sich der Tölpel nicht halten, schwang seinen Rechen und erschlug das arme Tier. So war es nun:

Eine Schönheit, die ein Reich zerstörte,

Mit tausend Reizen lächelnd ihn betörte,

Als Häufchen Pelz nun hier ein Ende nimmt,

In Gestalt von einem Sündentier erkannt.

»Mach es nicht kaputt!« rief Pilger, »lassen wir den Balg unversehrt, damit wir ihn dem verblendeten König zeigen können.«

Da schleifte der Tölpel das Tier hinter Pilger zur Grotte hinaus, wo auch schon der Stern der Langlebigkeit mit dem Hirsch ankam. Bajie warf den toten Fuchs vor den Hirsch und rief: »Und das soll deine Tochter sein?«

Mit einem Nicken streckte der Hirsch die Schnauze vor und schnupperte. Dabei gab er ein leises Winseln von sich, als ob er wirklich um einen lieben Menschen trauerte. Der Stern der Langlebigkeit gab ihm einen Klaps auf den Kopf und sprach: »Sündentier! Es reicht doch, dass du mit dem Leben davongekommen bist! Was schnupperst du noch an ihm herum?«

Nun knöpfte er das Band, das sein Gewand gürtete, dem Hirsch um den Hals, zog ihn mit sich und sprach: »Großer Heiliger, ich folge Euch jetzt ins Land Bhiksu.«

»Moment mal«, rief Pilger, »machen wir erst alles rein, damit sich nicht noch mal ein Ungeheuer einnistet!«

Er beschwor den Erdgeist herauf und befahl ihm, in der Grotte dürres Geäst aufzuschichten. Nachdem er ein Feuer entfacht und alles ausgebrannt hatte, hieß er den Erdgeist abtreten.

Zusammen mit dem Stern der Langlebigkeit, den Hirsch und den toten Fuchs im Schlepptau, kehrten sie nun in den Palast zurück, wo der König samt Hofstaat vor Verblüffung auf die Knie fiel. Pilger trat vor, fasste den König am Arm und meinte spottend: »Verneigt Euch doch vor diesem Hirsch und nicht vor mir; er ist der Reichsvater!« Dann wies er auf den Fuchsbalg und erklärte: »Das war Eure ›Wunderschöne Königin‹. Nun, wollt Ihr Euch nicht mit ihr vergnügen?«

Der König schämte sich zu Tode. Schließlich stammelte er: »Dank sei Euch, o Göttlicher Mönch, dass Ihr die Kinder unseres Landes gerettet habt! Das ist wahrlich ein himmelhohes Verdienst!«

Er befahl dem Hofamt für Festlichkeiten, in der Gasthalle im Ostflügel ein vegetarisches Festmahl aufzutischen, damit er sich zusammen mit dem Alten vom Südpol, Tripitaka und dessen Schülern zur Tafel setzen und sich bei ihnen bedanken könne.

Anschließend verneigte sich Tripitaka vor dem Stern der Langlebigkeit, auch Sandmönch erwies ihm seine Reverenz, und beide fragten: »Wie konnte nur der weiße Hirsch, der doch Euer Reittier ist, hier Schaden anrichten?«

Der Stern lächelte und sprach: »Als kürzlich der Königsvater des Ostens mich auf meinem geringen Berge besuchte, habe ich ihn gebeten, ein Weilchen Platz zu nehmen, und so haben wir dann zusammen Schach gespielt. Doch noch bevor die erste Partie fertig war, ist mir dieses sündige Tier entlaufen! Ich habe mich sofort auf die Suche gemacht, aber es war einfach nicht aufzufinden. Zuletzt habe ich mir die Sache an den Fingern ausgerechnet und kam schließlich darauf, dass er hier sein muss. Darum habe ich mich auf den Weg gemacht und bin ja auch gleich auf den Großen Heiligen Sun gestoßen, der ihn verfolgte. Einen Augenblick später hätte das Biest sein Leben ausgehaucht!«

Während er noch erzählte, traf die Meldung ein: »Die Tafel steht bereit!«

Sogleich wurde die Sitzordnung festgelegt und das Hofamt für Musik beauftragt, musikalische Darbietungen vorzuführen. Der König aber hob seinen schimmernden Purpurkelch und trank einem nach dem anderen zu.

Als die Tafel beendet war, wollte der Stern der Langlebigkeit Abschied nehmen. Doch da trat der König vor und bat ihn auf den Knien um eine Methode der Heilung und Lebensverlängerung. Lächelnd sprach der Stern: »Da ich ja nur den Hirsch suchen wollte, habe ich jetzt kein Elixier dabei. Eine Methode zur körperlichen Vervollkommnung könnte ich Euch schon vermitteln, doch da Ihr zur Zeit körperlich und geistig so geschwächt seid, wäre es trotzdem nicht möglich, damit Unsterblichkeit zu erlangen. Doch habe ich in meiner Ärmeltasche noch drei Datteln, die ich eigentlich dem Königsvater des Ostens zum Tee geben wollte. Da ich sie noch nicht gegessen habe, will ich sie Euch jetzt zum Geschenk anbieten!«

Nachdem der König sie verzehrt hatte, fühlte er sich leicht und frei, und alsbald war er wieder gesund. Der Stern der Langlebigkeit aber verließ die östliche Halle, befahl dem Hirsch mit einem barschen Ruf, aufzustehen, hob sich auf dessen Rücken und war binnen kurzem in den Wolken entschwunden. Im Palast und in der ganzen Stadt weihten alle Weihrauch und beteten, vom König über die Konkubinen bis hin zum gemeinen Volk, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Tripitaka aber mahnte seine Schüler, sich für die Weiterreise bereitzumachen. Als er sich vom König verabschieden wollte, flehte dieser bitterlich, er möge doch noch etwas länger bleiben, um ihn zu unterweisen.

Schließlich meinte Pilger: »Majestät, seht zu, dass Ihr von jetzt an Eure Sinneslust in Zaume haltet, viele gute Taten vollbringt und alle Dinge so anpackt, dass Schwächen durch Stärken ausgeglichen werden. Dies reicht hinlänglich, um Krankheiten fernzuhalten und Euch ein langes Leben zu sichern. Dies möge Euch als Unterweisung gelten.«

Nun wollte ihnen der König zwei Schalen Bruchgold und Bruchsilber zum Reiseunterhalt mitgeben, doch Tripitaka weigerte sich, auch nur einen Heller anzunehmen. Schließlich sah der König ein, dass nichts zu machen war, befahl, die königliche Sänfte bereitzustellen, und bat Tripitaka, an seiner Statt in der mit Drachen und Phönixen geschmückten Sänfte Platz zu nehmen. Der König aber schritt mit den Konkubinen zu Fuß nebenher, und alle geleiteten ihn mit den Händen an der Sänfte zum Palast hinaus. Dort warteten auch schon die Stadtbürger mit Wasserschalen und duftendem Räucherwerk und geleiteten die Pilgernden aus der Stadt hinaus. Plötzlich aber brauste es in der Höhe, und mit einem jähen Windstoß landeten zu beiden Seiten der Straße 1111 Gänsekörbe, in denen das Weinen von Kindern zu hören war.

Laut riefen die unsichtbaren Götter: »Großer Heiliger! Ihr habt uns beauftragt, die Körbe mit den Kindern zu verbergen. Da wir nun wissen, dass Euer Werk vollendet ist und Ihr Euren Weg fortführt, bringen wir sie allesamt hierher zurück.«

Abermals fielen der König und all seine Untertanen auf die Knie und verneigten sich in großer Ehrfurcht. Pilger blickte in die Höhe und bedankte sich.

Anschließend wurden alle Familien aufgefordert, ihre Kinder ausfindig zu machen. Sogleich eilten alle herbei, fanden ihre Kinder und trugen sie glücklich nach Hause. Man tanzte und jauchzte vor Freude, und alle riefen: »Lasst die Herren von China nicht gehen, wir wollen sie einladen, um ihnen für die Rettung unserer Kinder zu danken!«

Alle strömten herbei, Jung und Alt, Mann und Frau, keiner fürchtete sich vor ihrem unfeinen Aussehen; man stemmte Eber Bajie und Sandmönch hoch, hievte Sun Wukong über alle Köpfe hinweg, hob auch Tripitaka empor, und sogar Pferd und Gepäck wurden mitgerissen und in einem Husch in die Stadt zurückgeführt. Selbst der König konnte nichts dagegen ausrichten.

Alle strömten herbei, Jung und Alt, Mann und Frau, keiner fürchtete sich vor ihrem unfeinen Aussehen.

Nun begann eine Familie nach der anderen reiche Mahlzeiten herzurichten, und wer nicht dazu kam, sie zum Essen einzuladen, schneiderte ihnen Kleider und Hüte, Socken und Schuhe und brachte ihnen die Gaben dar. So ging das nahezu einen Monat lang, ehe sie endlich die Stadt verlassen konnten. Derweil hatten außerdem geschickte Maler ihren Anblick zu Papier gebracht, die Bilder wurden mit Namenstafeln versehen und in einen Tempel gestellt, wo man sich davor verneigte und Räucherwerk opferte. So war es in der Tat:

Es erlöste eine gute Tat

Tausend Kinder aus der Not;

Fortan wird die Kinderstadt

Bhiksu wiederum genannt!

Und da wir nicht wissen, was sich im Folgenden ereignen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.