Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel8

008 Buddha kündet die Glückseligkeit in Schriften / Guanyin wird nach Chang’an aufgeboten

Wie geht es zu mit dem Ziel des Zen,

Wenn ungezählte Meditation

Am Ende doch fruchtlos ins Alter führt?

Aus Ziegeln Spiegel schleifen,72

Als Vorrat Schnee anhäufen!

Gingen nicht so manche Menschen fehl?

Ein Haar verschlingt den Ozean,

Ein Senfkorn birgt den Sumeru,73

Der Goldne Dhuta lächelt einsichtsvoll!74

Übertroffen sind in der Erleuchtung

Die Zehn Stufen und die Drei Vehikel;75

Hier gerinnen die Vier Arten der Geburt76

Und die Sechs Pfade der Reinkarnation.77

Wer jedoch erhörte wirklich

Vor dem Fels erloschenen Denkens,78

Unterm Baume ohne Schatten,

Je des Kuckucks Ruf am Frühlingsmorgen?79

Steil sind die Pfade am Caoxi-Strom,80

Dicht sind die Wolken am Geierberg;81

Hier sind alle Stimmen trauter Menschen fern.

Doch an der tausend Klafter hohen Eisesklippe

Erblüht die Lotosblume mit fünf Blättern.

In der alten Halle hängt ein Vorhang nieder,82

Und Weihrauch kringelt hoch –

In diesem Augenblick

Erkennst du Quell und Lauf

Und schaust des Drachenkönigs Drei Juwelen!83

Dieses Gedicht geht nach der Melodie »Su Wu Man«.84

Nun war aber die Rede davon, wie Buddha vom Jadekaiser

Abschied genommen hatte und zum Tempel des Donnergrollens zurückgekehrt war. In den gesegneten Gefilden des Seelenberges konnte man nun sehen, wie alle dreitausend Buddhas und fünfhundert Arhats sowie die Acht Großen Diamantwächter und endlose Reihen von Bodhisattvas unten am Salbaumhain dem Buddha mit Bannern, edlen Baldachinen, erlesenen Schätzen und paradiesischen Blumen zum Empfang bereitstanden. Auf einer glückverheißenden Wolke schwebend verkündete Buddha: »Ich habe

Mit überaus tiefer Weisheit

Alle Drei Welten beschaut:

Die Quelle ursprünglichen Wesens

Ist letztlich das Wahre Erlöschen;

Alle Erscheinung ist Leerheit,

Nichts ist wahrhaftig vorhanden.

Tilge darum den dreisten Affen,

Denn dieses nicht zu erkennen,

Heißt Leben und Tod beginnen.

So ist die Gestalt aller Dinge.«85

Nach diesen Worten ließ er die Sariras86 erstrahlen, und es erstreckten sich zweiundvierzig schneeweiße Regenbogen von Norden gen Süden über den ganzen Himmel. Überwältigt von diesem Anblick fielen alle auf die Knie und falteten ehrfurchtsvoll die Hände. Im nächsten Augenblick schwebte Buddha auf schillernden Wolken und bunten Nebelschleiern empor und ließ sich aufrecht auf dem höchsten Lotosthrone nieder. Da traten alle Buddhas und Bodhisattvas mit gefalteten Händen vor, verneigten sich und sprachen: »Wer war es, der im Himmelspalast wütete und das Pfirsichfest zerstörte?«

Überwältigt von diesem Anblick fielen alle auf die Knie und falteten ehrfurchtsvoll die Hände.

»Ein dämonischer Affe vom Blumen-Früchte-Berg«,

antwortete Buddha. »Dieser Unhold hat solch himmelschreiende Verbrechen begangen, dass es kaum zu beschreiben ist. Nicht einmal die vereinten Götter des Himmels konnten ihn bezwingen. Als ich angekommen bin, war er gerade in einen heldenhaften Kampf gegen die ihn umzingelnden Donnerkrieger verstrickt. Ich habe ihm befohlen, seine Waffe niederzulegen, und habe ihn nach seiner Herkunft befragt. Er aber prahlte mit übernatürlichen Kräften und erklärte, er könne in einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen zurücklegen. Da habe ich mit ihm die Wette

geschlossen, dass er nicht über meine Handfläche hinausgelangen werde, und habe ihn am Ende gepackt, aus meinen Fingern einen Berg der Fünf Wandlungsphasen gemacht und ihn darunter eingeschlossen. Daraufhin hat der Jadekaiser seine Hallen und Paläste geöffnet und zum Dank eine ›Große Versammlung zum Himmlischen Frieden‹ veranstaltet. Erst dann konnte ich Abschied nehmen und zurückkehren.«

Alle freuten sich und zollten Buddha ihr höchstes Lob. Anschließend zogen sie sich in wohlgeordneten Reihen zurück und erfreuten sich der himmlischen Reinheit. So war es in der Tat:

Indien von heilem Dunst durchzogen,

Heiligkeit umwallt von Regenbogen!

Höchster ist im Westen allezeit

Der König formenloser Wirklichkeit.

Eines Tages versammelte der Buddha alle Buddhas, Arhats, Genien, Bodhisattvas und Diamantwächter und sprach zu ihnen: »Obzwar wir hier kein Zeitmaß kennen, müsste auf Erden seit dem Tag, an dem der Affe überwunden und der himmlische Frieden wiederhergestellt wurde, annähernd ein halbes Jahrtausend vergangen sein. Nun, da wir uns dem Tage des Vollmonds im frühen Herbste nähern, habe ich eine edle Schale mit vielerlei seltenen Blüten und ausgesuchten Früchten gefüllt, um heute gemeinsam mit euch allen das Ullambana-Fest zu feiern, was meint ihr dazu?«87

Demütig falteten alle die Hände und ehrten Buddha mit dreimaliger Umschreitung. Nun überreichte Buddha die Schale seinem Jünger Ananda und ließ Kasyapa die Blumen, Früchte und Kostbarkeiten verteilen. In höchster Dankbarkeit baten alle, er möge das ursprüngliche Wesen und die Quelle des Seins darlegen. Da öffnete Buddha den gütigen Mund und erhellte die große Lehre, indem er die wahre Erlösung pries, die Heiligen Schriften des Triyana vortrug und die im Surangama Sutra dargelegten Fünf Skandhas erläuterte. Während seiner Rede kreisten die Drachen des Himmels um ihn, und ein farbenfroher Blütenregen rieselte hernieder.

So war es in der Tat:

Hell erstrahlt im stillen Herzen

Der Mond von tausend Strömen;

Rein erfasst wahrhaftes Wesen

Des Himmels weites Dehnen.

Nachdem Buddhas Rede verklungen war, wandte er sich an die Menge und sprach: »In den Vier Kontinenten der Erde sehe ich die Lebewesen sehr unterschiedlich mit Gut und Böse umgehen: Im östlichen Kontinent Purvavideha werden Himmel und Erde geachtet, und die Menschen sind heiter und gelassen. Im nördlichen Kontinent Uttarakuru kommt es zwar öfter vor, dass sie andere Wesen töten, doch geschieht dies allein zum Bedarf der Ernährung, und obschon sie etwas ungehobelt sind, richten sie selten Schaden an. Hier auf unserem westlichen Kontinent Aparagodaniya kennen wir weder Mord noch Gier, denn wir nähren unsere geistigen Kräfte und leben in heiliger Abgeschiedenheit; auch wenn es keine wahren Unsterblichen gibt, erreicht doch jeder ein hohes Alter. Auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa hingegen sind die Menschen gierig, lüstern und schadenfroh, überall gibt es Mord und Hader; es ist ein wahres Schlachtfeld übler Rede, ein grausames Meer der Zwietracht. Nun aber habe ich hier das Tripitaka, drei Körbe Heiliger Schriften, welche diese Menschen zum Guten bewegen können.«

Da falteten alle Bodhisattvas die Hände und fragten: »Was für Heilige Schriften haben Ehrwürden Buddha?«

»Erstens die Vinaya-Schriften, welche vom Himmel sprechen, zweitens die Sastra-Schriften, welche von der Erde sprechen, und drittens die Sutra-Schriften, welche die Seelen der Verstorbenen erlösen. Das Ganze gliedert sich in 35 Abschnitte und verteilt sich auf insgesamt 15 144 Schriftrollen. Es ist dies der Pfad zur Vollendung der Wahrheit, das Tor zum wahrhaft Guten. Nun habe ich vor, diese Schriften in die östlichen Gefilde bringen zu lassen. Leider sind aber die Menschen dort so einfältig, dass sie die Wahrheit meiner Lehre verhöhnen und die Schule des Yogachara90 schmähen. Darum brauchen wir jemanden mit großer Macht, der im Osten einen Gläubigen auffindet und diesen dazu bringen kann, einen leidvollen Weg über Tausende Gebirge und Gewässer zu unternehmen, damit er hier bei uns die Wahren Schriften erlangen und sie im Osten auf ewig verbreiten kann, um die dortigen Lebewesen zum Guten zu bewegen. Diese Tat wird ihm höchsten Segen und tiefste Wonne zutragen. Wer ist bereit, sich auf die Suche zu machen?«

Da schritt Bodhisattva Guanyin vor den Lotosthron, ehrte Buddha mit dreimaliger Umschreitung und sprach: »Meine Wenigkeit ist gewillt, in den Osten zu gehen und nach einem Menschen zu suchen, der die Heiligen Schriften holen wird.«

Buddha vernahm die Worte mit großer Freude und sprach: »Es wäre auch niemand sonst dieser Aufgabe gewachsen. Nur die erhabene Guanyin mit ihren unermesslichen magischen Kräften ist dazu fähig.«

»Welche Anweisungen darf ich für diese Reise in den Osten entgegennehmen?« fragte Guanyin.

»Unterwegs sollt Ihr stets die Wege auf Erden im Auge behalten. Bewegt Euch nicht im Himmel fort, sondern auf halber Höhe zwischen Wolken und Nebel, so dass Ihr Euch das Landschaftsbild und die Entfernungen einprägen und später dem Schriftenholer Anweisungen erteilen könnt. Trotzdem wird seine Reise in jedem Falle beschwerlich sein, darum will ich Euch fünf Schätze mitgeben.«

Buddha ließ Ananda und Kasyapa eine brokatene Mönchsrobe und einen mit neun Ringen verzierten Priesterstab bringen und sprach: »Diese beiden sind für den Schriftenholer selbst. Wenn er den festen Entschluss gefasst hat, hierherzukommen, soll er diese Mönchsrobe anziehen, denn diese wird ihn vom Kreislauf der Wiedergeburten befreien, und er soll diesen Priesterstab halten, denn er wird ihn vor verderblichen Einflüssen schützen.«

Mit einer tiefen Verbeugung nahm Guanyin die Sachen entgegen. Nun überreichte ihr Buddha drei Ringe und sprach: »Diese Schätze sind sogenannte ›Verengungsreife‹. Zwar sehen alle drei gleich aus, doch sind sie verschieden im Gebrauch. Drei magische Formeln gehören dazu, nämlich der ›Goldspruch‹, der ›Verengungsspruch‹ und der ›Bannspruch‹. Falls Ihr unterwegs auf einen Dämon mit übergroßen magischen Kräften stoßt, dann sollt Ihr ihn zum Guten bekehren und ihn veranlassen, dem Schriftenholer als Jünger zu dienen. Falls er nicht gehorchen will, könnt Ihr ihm einen dieser Reife aufsetzen, der umgehend mit seiner Kopfhaut verwachsen wird. Spricht man dann die passende Formel dazu, werden ihn so starke Kopfschmerzen plagen, dass seine Augen hervortreten und ihm das Hirn zu bersten scheint. Auf diese Weise wird er sicherlich unserer Lehre folgen.«

Beglückt verneigte sich Guanyin vor Buddha. Dann trat sie ab und rief ihren Jünger Hui’an, mit ihr zusammen die Reise anzutreten. Hui’an nahm eine tausend Pfund schwere Eisenstange zur Hand, um Guanyin im Kampf gegen Dämonen beizustehen. Guanyin hieß ihn die zu einem Bündel gefaltetete Brokatrobe tragen, steckte die goldenen Reife ein, ergriff ihren Pilgerstab und stieg den Seelenberg hinab.

Zu diesem Gang sei angemerkt:

Es kehrt der Buddhajünger

Zum tiefsten Wunsche heim,

Denn Priester Goldzikade

Schließt schon Candana ein!91

Unten am Berg befand sich das daoistische Kloster zur Jadenen Wahrheit. Hier wartete der Goldhäuptige Unsterbliche vor dem Tor und bat Guanyin zum Tee.

Guanyin sprach: »Ich gehe auf Geheiß des Buddha in den Osten, um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt.«

»Wann soll der Schriftenholer hier eintreffen?« wollte der Unsterbliche wissen.

»Das ist noch nicht sicher«, meinte Guanyin. »Ich denke, in zwei, drei Jahren dürfte er ankommen.«

Dann verabschiedete sie sich und schwebte zwischen Wolken und Nebel dahin, während sie sich die Reiseroute einprägte.

Wie nun Meisterin und Jünger voranschwebten, erblickten sie auf einmal das dreitausend Klafter tiefe Weiche Wasser. Es war das Gebiet des Treibsandflusses.92

»Mein Jünger«, sprach Guanyin, »diese Stelle ist wahrhaft schwer zu passieren. Der Schriftenholer wird ein gewöhnlicher Sterblicher sein, wie soll er diesen Fluss je überqueren können?«

Sie waren noch ganz in ihre Betrachtung versunken, als plötzlich in dröhnendem Tosen ein abscheulicher Dämon aus den Fluten sprang, mit einer Lanze in den Pranken ans Ufer stob und Guanyin packen wollte. Hui’an konnte ihn gerade

noch mit seiner Eisenstange aufhalten und schrie: »Stillgestanden!«

Da schwenkte das Ungeheuer seine Lanze herum und stürzte sich auf ihn, worauf sich die beiden am Ufer des Treibsandflusses ein heftiges Gefecht lieferten. Doch auch nach mehreren Dutzend Kampfrunden blieb der Ausgang unentschieden. Endlich stützte sich der Dämon auf seine Lanze und fragte: »Woher kommst du, Mönch, dass du dich mit mir anzulegen wagst?«

»Ich bin der zweite Sohn des Pagodentragenden Himmelskönigs, Prinz Moksa, auch Pilger Hui’an genannt. Und was für ein Scheusal bist du denn, dass du uns so tollkühn in den Weg zu treten wagst?«

Da besann sich das Ungeheuer und sprach: »Warst du nicht der Jünger von Bodhisattva Guanyin am Purpurbambushain im Südmeer? Warum kommst du hierher?«

»Siehst du sie nicht, meine Meisterin, die dort am Ufer steht?«

Als das Ungeheuer diese Worte hörte, nickte es erschüttert, steckte seine Lanze ein und ließ sich willig von Moksa zu Guanyin führen, wo es gesenkten Hauptes niederkniete und flehte: »Vergebt mir, o Bodhisattva, lasst mich alles erklären! Ich bin kein Dämon, in Wirklichkeit diente ich als General Gardinenroller bei der himmelskaiserlichen Equipage vor der Halle der Himmelshöhen. Nur weil ich auf dem großen

Pfirsichbankett aus Versehen einen gläsernen Kelch zerbrochen habe, bin ich vom Jadekaiser zu achthundert Stockschlägen verurteilt und auf die Erde verbannt worden, wo ich nun in dieser Gestalt erscheinen muss. Außerdem hat er es so eingerichtet, dass alle sieben Tage ein Schwert geflogen kommt, das mir die Brust durchbohrt. Darum bin ich so verdrossen. Von Hunger und Kälte getrieben kann ich nicht anders, als alle paar Tage aus den Fluten zu steigen, um einen Wanderer zu fressen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich heute an Euch, o Bodhisattva des Großen Erbarmens, versündigen würde!«

Da sprach Bodhisattva Guanyin: »Nachdem du schon im Himmel Sünden begangen hast, verletzest du nun hier auf Erden auch noch Menschenleben. Das heißt doch Sünden über Sünden häufen! Ich bin im Auftrag Buddhas unterwegs in den Osten, um einen Gläubigen zu suchen, der unsere Heiligen Schriften holen kann. Bekenne dich doch zu unserem Orden, wende dich zum Guten und schließe dich dem Schriftenholer auf seiner Reise in den Westen als Jünger an. Dann werde ich dafür sorgen, dass du von dem fliegenden Schwert verschont wirst. Sobald das Ziel erreicht ist, wirst du begnadigt und wieder in deinen früheren Posten eingesetzt werden. Was hältst du davon?«

»Ich bin gewillt, mich der wahren Erkenntnis zu widmen«, gab der Dämon zur Antwort. Doch dann fügte er hinzu: »Bodhisattva, ich habe hier schon unzählige Menschen gefressen, darunter auch einige Schriftenholer. Die Schädel werfe ich jeweils in den Treibsandfluss, wo sie sofort versinken, denn dieses Wasser trägt keine Gänsefeder. Einzig die Schädel von neun Schriftenholern trieben auf dem Wasser, ohne abzusinken. Da es sich um etwas Außergewöhnliches zu handeln schien, habe ich sie an einer Schnur aufgezogen; wenn es mir langweilig ist, spiele ich manchmal damit. Nun fürchte ich bloß, dass sich der Schriftenholer nicht mehr hierhertraut. Macht das nicht meine Zukunft zunichte?«

»Wie sollte er sich nicht hierhertrauen!« versetzte Guanyin. »Die Schädel kannst du dir um den Hals hängen, später werden sie dem Schriftenholer von Nutzen sein.«

»Dann will ich mich Eurer Unterweisung fügen.«

Guanyin legte segnend ihre Hand auf sein Haupt und lehrte ihn die Gebote, die er von nun an zu befolgen hatte. Außerdem gab sie ihm den Namen Sha für »Sand« und den Ordensnamen Wujing, »der die Reinheit erkennt«. Damit war er in den Mönchsorden aufgenommen. Zum Abschied begleitete er Guanyin ans andere Ufer. Von da an reinigte er sein Herz und seine Gedanken, ließ vom Töten ab und wartete ausschließlich auf den Schriftenholer.

Zusammen mit Moksa reiste Guanyin nun weiter gen Osten. Nach langem kamen sie an einen mächtigen Berg, der von schweren Wolken verhangen und zu Fuß unübersteigbar war. Gerade wollten sie sich auf Wolken erheben, um den Berg

zu überqueren, als plötzlich ein wilder Sturmwind heranbrauste und abermals ein Dämon hervorschoss, der nicht weniger furchterregend aussah als der andere. In den Klauen schwang er einen Rechen, mit dem er sich blindwütig auf Guanyin stürzte. Moksa aber wehrte ihn ab und schrie: »Keine Frechheiten, du Rotzteufel, krieg meine Eisenstange zu spüren!«

Der Dämon wirbelte seinen Rechen empor und stürzte sich auf ihn, dann folgten am Fuße des Berges Schlag auf Schlag, bis im Höhepunkt des Gefechtes Guanyin über ihnen eine Lotosblüte hinabgleiten ließ, dass sich ihre Waffen trennten. Der Dämon fuhr zusammen und rief: »Woher kommst du,

Mönch, dass du mir einen solchen Blumenzauber vorzugaukeln wagst?«

»Sieh dich vor, du Bestie!« gab Moksa zurück. »Ich bin der Jünger der Bodhisattva vom Südmeer. Meine Meisterin ist es, die eben eine Lotosblüte heruntergeworfen hat, und du erkennst sie nicht einmal!«

»Die Bodhisattva vom Südmeer?« besann sich das Ungeheuer. »Ist das nicht Guanyin, jene Göttin, die einen aus dreifacher Not und acht Leiden befreit?«

»Wer sonst, wenn nicht sie?«

Da ließ der Dämon seinen Rechen fallen, stürzte Moksa zu Füßen und rief: »Verehrter Bruder, wo ist sie? Ich flehe Euch an, bringt mich zu ihr!«

Moksa wies nach oben und sprach: »Siehst du sie denn nicht?«

Da schlug der Dämon die Stirn auf den Boden und brüllte: »Vergebt mir, Bodhisattva, vergebt mir!«

Guanyin senkte ihre Wolke, trat auf ihn zu und fragte: »Woher kommst du denn, du Wildschweingeist, dämonischer Eber, dass du es wagst, mir in den Weg zu treten?«

»Ich bin kein Wildschwein, auch kein Eber. Ursprünglich war ich Marschall Tianpeng in der Milchstraße. Nur weil ich mal in betrunkenem Zustand die Mondfee Chang’e geneckt habe, bin ich vom Jadekaiser zu zweitausend Hammerschlägen verurteilt und in die Welt des Staubes verbannt worden. Auf dem Weg zur Wiedergeburt aber ist meine Seele vom Weg abgekommen und in den Leib eines Schweins geraten. Darum sehe ich jetzt so aus. Ich habe das Mutterschwein totgebissen und alle anderen Schweine erschlagen; seither halte ich diesen Berg besetzt und ernähre mich von Menschenfleisch. Wer hätte gedacht, dass ich auf Euch stoßen würde! Bodhisattva, bitte rettet mich, rettet mich!«

»Wie heißt dieser Berg?« wollte Guanyin wissen.

»Fuling, der ›Berg der Wonne‹. Es gibt darin eine Grotte, die heißt ›Wolkensteggrotte‹. Dort wohnte früher die Zweite Schwester Mao. Weil sie sah, dass ich mich auf die Kampfkunst verstehe, nahm sie mich zum Mann, und ich zog bei ihr ein; das war sozusagen eine ›umgekehrte Heirat‹. Doch nach kaum einem Jahr ist sie gestorben, so dass mir die Höhle mit dem ganzen Hausrat zufiel. Jahraus jahrein habe ich nichts anderes getan, als meiner Neigung frönend Menschen zu fressen. Ach, habt Erbarmen, Bodhisattva, verzeiht meine Sünden!«

Guanyin erwiderte: »Ein altes Sprichwort besagt: ›Willst du eine Zukunft haben, so halte die Zukunft in Ehren.‹ Schon im Himmel hast du gegen das Gesetz verstoßen, und nun versündigst du dich gar mit Töten. Ist dir eigentlich nicht bewusst, dass zwei Sünden doppelte Bestrafung nach sich ziehen?«

»Zukunft, Zukunft«, murrte der Dämon, »ginge es nach Euch, sollte ich mich wohl von Luft ernähren. Ein Sprichwort geht: ›Nach Staates Gesetz wirst du erschlagen, nach Buddhas Gesetz wirst du verhungern.‹ Nein, da schnappe ich mir lieber einen Wanderer und verzehre seine fette Braut! Was gehen mich zwei Sünden, drei Sünden, tausend oder zehntausend Sünden an.«

»Wenn einer guten Willen hat, steht ihm der Himmel bei«, sprach Guanyin. »Falls du gewillt bist, dich dem Weg zur Wahrheit zu widmen, wirst du von selbst genügend zu essen haben. Auf Erden gibt es fünf Getreidesorten, die den Hunger stillen; warum musst du unbedingt Menschen fressen?«

Ihre Worte schienen den Dämon wie aus einem Traum zu erwecken. »Ich will mich zum Guten wenden«, rief er nun. »Allein, heißt es denn nicht: ›Wer sich am Himmel vergangen hat, kann zu keinem Ort mehr beten‹?«

»Ich reise auf Buddhas Geheiß in den Osten«, erklärte Guanyin, »um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt. Du kannst sein Jünger werden und mit ihm in den Westen reisen. Dieses Verdienst wird deine Schuld tilgen, und so wirst du allem Unheil entrinnen können.«

»Einverstanden«, erklärte das Ungeheuer nun bereitwillig, »ich werde dem Schriftenholer folgen.«

Da legte Guanyin ihre segnende Hand auf sein Haupt und unterwies ihn in den Geboten. Seinem Aussehen gemäß gab sie ihm den Namen Zhu für »Schwein« und dazu den Ordensnamen Wuneng, »der die Fähigkeit erkennt«. Von da an begnügte er sich mit Pflanzenkost, rührte keine unreinen Speisen mehr an und passte fortan die Ankunft des Schriftenholers ab.

Guanyin und Moksa aber schwebten wieder empor und zogen weiter. Wie sie so zwischen Wolken und Nebel dahinglitten, erblickten sie auf einmal einen Drachen, der laut schreiend in den Lüften hing. Guanyin näherte sich ihm und fragte: »Wer bist du, der du hier Qualen leidest?«

»Ich bin der Sohn des Drachenkönigs Ao Run vom Westmeer«, antwortete der Drache. »Weil ich einst Feuer legte und dabei die Palastperle verbrannte, hat mich mein Vater beim Jadekaiser wegen mangelnder Kindesliebe angeklagt. Dieser hat mich in der Luft aufhängen und mit dreihundert Stockschlägen bestrafen lassen, und in wenigen Tagen droht mir die Todesstrafe. Helft mir, o Bodhisattva, helft mir!«

Guanyin und Hui’an eilten zum Südlichen Himmelstor und ließen sich von den Himmelsmeistern Qiu und Zhang zum Jadekaiser führen.

»Wir reisen auf Geheiß des Buddha gen Osten, wo wir einen Gläubigen finden sollen, der unsere heiligen Schriften holt«, hub Guanyin an. »Nun ist uns ein sündiger Drache begegnet, der in der Luft hängend sein Verbrechen büßt. Möge Eure Majestät ihn doch am Leben lassen und uns übergeben, damit er später dem Schriftenholer als Tragkraft dienen kann.«

Unverzüglich ließ der Jadekaiser Himmelskrieger aussenden, den Drachen zu befreien und ihn der Bodhisattva anzuvertrauen. Guanyin dankte für die kaiserliche Huld und trat ab. Der junge Drache bedankte sich mit vielen Kotaus für die Lebensrettung, und Guanyin schickte ihn in eine Gebirgsschlucht, den Schriftenholer abzuwarten, um ihn später als weißes Pferd in den Westen zu geleiten. Wie er sich nun gehorsam verkroch, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Guanyin aber überquerte mit Moksa das Gebirge, und sie eilten weiter nach Osten. Es dauerte nicht lange, da gewahrten sie ein goldenes Licht, das ihnen in tausend Strahlen

entgegenschimmerte und von glückverheißenden Dunstschleiern umspielt war.

»Meisterin«, rief Moksa, »was dort drüben leuchtet, ist der Berg der Fünf Wandlungsphasen. Auf dem Gipfel sind

Buddhas Schriftzeichen zu sehen. Hier wird der Himmelsebenbürtige Große Heilige festgehalten, der einst den Himmel in Aufruhr versetzte.«

Sie setzten auf dem Berg ab und beschauten die Schrift. Es waren die sechs Schriftzeichen für »OM MANI PADME HUM«.

Guanyin seufzte tief und sprach:

»Ach, dass dieser üble Affe

Nicht dem Wohle aller diente,

Sondern tollkühn, unbelehrbar

Nur als großer Held sich rühmte!

Selber hat er sich geworfen

In des Tathagatas Haft;

Wann wird er wohl endlich frei,

Zeigt von neuem seine Kraft?«

Ihre Stimme hatte den Großen Heiligen längst aufgeschreckt. »Wer reimt da oben Gedichte über meine Makel?« schrie er von unten herauf.

Guanyin stieg den Berg hinab und schaute suchend umher. Da erblickte sie unter einem felsigen Abhang den Erdgeist, den Berggott und einen Himmelswächter, welche sie sogleich ehrerbietig in Empfang nahmen und zum Großen Heiligen führten. Dieser war am Fuß des Berges in ein steinernes Verlies gesperrt, wo er zwar sprechen, sich aber nicht bewegen konnte.

»Du mit Namen Sun!« rief Guanyin, »erkennst du mich?«

Der Große Heilige sperrte seine golden flammenden Augen auf, nickte energisch und rief: »Und ob ich Euch erkenne! Ihr seid die Göttin von der Insel Potalaka im Südmeer, die in allumfassendem Erbarmen alle Wesen vom Leid erlöst, o Bodhisattva Guanyin! Dank sei Eurem Besuch! Ich verbringe hier meine Tage wie Jahre, ohne dass je ein Bekannter bei mir vorbeigeschaut hätte. Woher kommt Ihr denn?«

»Ich bin im Auftrag Buddhas unterwegs in den Osten, um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt. Da mein Weg hier entlangführt, habe ich angehalten, um nach dir zu schauen.«

»Dieser Buddha hat mich betrogen; mehr als fünfhundert Jahre sind vergangen, seit er mich unter diesen Berg gefangenhält, und ich kann noch immer nicht raus. Habt Erbarmen, Bodhisattva, befreit mich alten Sun!«

»Nach den himmelschreienden Verbrechen, die du begangen hast, würdest du wohl nur noch mehr Unheil anrichten, wenn ich dich jetzt befreien würde. Damit wäre niemandem geholfen.«

»Ich bereue meine Taten«, sprach der Große Heilige. »Bitte zeigt mir einen Weg, damit ich mich der Vervollkommnung widmen kann.«

Diese Worte erfüllten Guanyin mit Freude. »Himmel und Erde kennen jeden Gedanken, der sich im Herzen regt«, erwiderte sie. »Wenn du also diesen Wunsch hegst, so warte ab, bis der Schriftenholer, den ich in dem großen chinesischen Kaiserreich finden werde, zu dir kommt. Ich werde dafür sorgen, dass er dich befreit. Du kannst sein Jünger werden und dich auf den buddhistischen Weg zur Erleuchtung begeben; was meinst du dazu?«

»Ja, das will ich, das will ich!« rief der Große Heilige ein ums andere Mal.

»So will ich dir nun einen Ordensnamen verleihen.«

»Einen Ordensnamen habe ich schon, ich heiße Sun Wukong, ›der die Leerheit erkennt‹.«

Erfreut sprach Guanyin: »Kürzlich habe ich zwei andere bekehrt und auch ihnen Ordensnamen mit der Silbe ›Wu‹ für ›erkennen‹ verliehen. Das passt ja bestens. Dann brauche ich dich ja nicht weiter zu unterweisen. Ich gehe.«

Der Große Heilige erschaute sein wahres Wesen, erhellte sein Herz und widmete sich der buddhistischen Lehre. Guanyin aber führte in Barmherzigkeit die Suche nach dem heiligen Mönch weiter.

In weniger als einem Tag kamen Guanyin und Moksa nach Chang’an, der

Hauptstadt von China.

Nachdem sie mit Moksa weiter ostwärts gezogen war, kamen sie in weniger als einem Tag nach Chang’an, der Hauptstadt von China. Hier traten sie aus Wolken und Nebel heraus und gingen als grindige Bettelmönche in die Stadt. Schon brach der Abend an, als sie am Rande einer breiten Marktstraße einen kleinen Erdgeist-Tempel fanden und eintraten. Wie erschraken aber dieser Erdgeist und seine Geisterkrieger, als sie die Bodhisattva erkannten! Mit Kotaus hießen sie Guanyin willkommen, und der Erdgeist meldete ihre Ankunft umgehend an den Stadtgott, den Altarmeister und sämtlichen Göttern und Geistern aller Tempel von Chang’an. Diese eilten nun allesamt zur Begrüßung herbei und riefen: »Vergebt uns, o Bodhisattva, dass wir es versäumt haben, Euch gebührend zu empfangen!«

»Ihr dürft kein einziges Wort durchsickern lassen«, gebot Guanyin. »Ich bin im Auftrag des Buddha hier, um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt. Wir werden uns vorläufig einige Tage in diesem Tempel aufhalten. Sobald ich den Schriftenholer gefunden habe, werden wir zurückkehren.«

Die Götter und Geister gingen zurück in ihre eigenen Tempel und schickten den Erdgeist vorübergehend in den Tempel des Stadtgottes, während Guanyin und Moksa in seinem Tempel ihre wahre Gestalt verbargen.

Und da wir nicht wissen, was für einen Schriftenholer sie schließlich finden sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.