Nun begleiteten also der König von Bhiksu und all seine Untertanen den Priester aus China zur Stadt hinaus und wohl noch an die zwanzig Meilen weiter, bis Tripitaka sich endlich verabschieden konnte.
Lange reisten sie einher, der Winter ging zu Ende, und der Frühling brach an. Ringsum grünte es und blühte, dass es eine wahre Freude war. Einmal mehr ragte vor ihnen ein Gebirge auf, und während Tripitaka versonnen die Berglandschaft betrachtete und einen Vogel zwitschern hörte, gedachte er auf einmal wehmütig seiner Heimat.
»Geht ruhig voran und macht Euch nicht unnötig Sorgen, Meister«, meinte Pilger. »So sagten es doch die alten Weisen: ›Wer im nächsten Leben Wohlstand will, der muss sich bitterlich darum bemühen.‹«
»Das ist recht gesprochen, mein Schüler«, erwiderte Tripitaka, »doch wer weiß, wie lange der Weg in den Westen noch dauert!«
»Meister«, warf da Bajie ein, »vielleicht mag ja unser Buddha Tathagata seine drei Körbe mit den Heiligen Schriften gar nicht mehr hergeben. Drum ist er wohl umgezogen, weil er weiß, dass wir bald kommen und seine Schriften haben wollen.«
»So ein Unsinn!« versetzte Sandmönch. »Lasst uns einfach dem ältesten Ordensbruder folgen. Wenn wir uns nach Kräften anstrengen, werden wir eines Tages das Ziel erreichen.«
Während ihrer Unterhaltung gewahrten die Pilgernden einen großen, dunklen Kiefernwald.
»Wukong!« rief Tripitaka, »eben waren wir noch auf einem gewundenen Bergpfad, wieso kommt hier auf einmal ein so finsterer Kiefernwald? Wir müssen auf der Hut sein!«
Pilger nahm die Eisenstange zur Hand und drang allen voran in den Wald hinein. Lange Zeit wanderten sie durch den Wald dahin, ohne dass sich auch nur eine Lichtung zeigte.
Schließlich sprach Tripitaka: »Meine Schüler! So viele Wälder und gefährliche Gebirge haben wir auf unserem Weg nach Westen schon durchquert, und hier haben wir das Glück, einen derart schönen und ruhigen Ort zu finden. Was da alles an exotischen Pflanzen und Blumen wächst! Das tut einem richtig gut. Ich möchte hier ein Weilchen Rast halten, dann kann auch das Pferd mal ausruhen, und außerdem habe ich ein wenig Hunger. Ihr könntet mir derweil etwas zu essen holen.«
Pilger half seinem Meister aus dem Sattel, dann holte er die Almosenschale, und der Meister machte es sich unter einer Kiefer bequem. Im Wolkenüberschlag schoss Pilger in die Lüfte, hielt dann inne und spähte nach unten. Da fielen ihm glückverheißende Dunstschleier auf, die rein und heilsam aus dem Walde stiegen.
»Oh, wie gut!« rief er unvermittelt aus.
Was glaubt ihr, warum er das rief? Es war Tripitaka, den er damit lobte! Denn dieser war ja eine Inkarnation des Meisters Goldzikade, war ein guter Mensch und widmete sich seit zehn Inkarnationen dem Weg der Vervollkommnung, daher lag diese heilvolle Aura über seinem Haupt!
»Vor fünfhundert Jahren bin ich alter Sun erst richtig Mensch geworden«, sann Pilger, »später konnte ich der Strafe des Himmels entrinnen und sein Schüler werden. Wenn mein Meister einst in den Osten zurückkehrt, wird es gewiss eine Belohnung geben, da sollte auch ich alter Sun die Rechte Frucht der Buddhaschaft erlangen.«
Mitten in dieser Lobpreisung fiel ihm plötzlich auf, dass im Süden des Waldes eine finstere Energie aufbrodelte. Mit Schrecken dachte er: »Dort muss etwas Dämonisches stecken. Es kann nicht sein, dass Bajie und Sandmönch eine solche Energie abgeben.«
Unschlüssig schwebte der Große Heilige in halber Höhe und beobachtete die Lage. Doch wenden wir uns wieder Tripitaka zu, der unten im Walde saß. In stiller Versenkung klärte er seinen Geist und schaute die Wesenheit, während er das Herz-Sutra vor sich hin murmelte. Plötzlich aber drang eine wimmernde Stimme an sein Ohr: »Zu Hilfe!«
»Gütiger Himmel!« entfuhr es ihm erschaudernd, »wie kommt es nur, dass jemand in diesem tiefen Wald um Hilfe ruft? Sicher wurde jemand von wilden Tieren angegriffen. Ich muss nachschauen!«
Der Priester erhob sich und drang ins Gehölz, indem er sich an Ästen und Lianen vorankämpfte. Auf einmal sah er eine bildhübsche junge Frau, die an einen Baum gefesselt war, den Oberkörper von Stricken umschnürt, den Unterleib im Boden vergraben.
Der Priester blieb stehen und richtete das Wort an sie: »Holde Dame, was ist Euch bloß passiert, dass Ihr hier angebunden seid?«
»Holde Dame, was ist Euch bloß passiert, dass Ihr hier angebunden seid?«
Oho! Da hatte der Priester doch nun klar und deutlich einen Dämon vor sich, doch die Augen des Fleisches vermochten ihn nicht zu erkennen!
Nun seht euch an, wie dieses Ungeheuer Tränen über seine pfirsichroten Wangen rinnen lässt und die traurigen Sternenaugen zu ihm aufschlägt!
Mit betörender Stimme gab die Frau eilfertig zur Antwort: »Ach Meister! Ich komme aus Armfrauenland, das ist nur zweihundert Meilen weit von hier. Meine Eltern sind gesunde und überaus wohltätige Menschen. Dieser Tage sind wir zur Feier des Ahnenfestes mit der ganzen Familie ausgefahren, um die Gräber zu pflegen und für unsere Ahnen zu beten. Mit Ross und Sänften waren wir in der Wildnis am Stadtrand unterwegs, als auf einmal Gongs und Trommeln ertönten und eine ganze Räuberbande mit Kampfgeheul und Säbelrasseln angerannt kam. Wir sind zu Tode erschrocken, Papa und Mama sind um ihr Leben gelaufen. Ich armes Mägdelein bin nicht weit gekommen, denn ich bin ja noch so klein! Vor lauter Angst bin ich gestürzt, und da haben mich die Räuber auf ihren Berg verschleppt. Dort wollte mich der Älteste zur Frau haben, aber der Zweite wollte mich ebenfalls heiraten, und auch der Dritte und Vierte waren auf mich versessen, bis sie am Ende in Streit gerieten. Drum haben sie mich armes Mägdelein hier im Walde angebunden, und dann ging jeder seines Weges. Schon fünf Tage und fünf Nächte bin ich hier gefesselt und sehe nur noch dem Tod entgegen. Wer weiß, welchen guten Taten meiner Ahnen ich es zu verdanken habe, dass ich heute Euch begegnen darf, o Priester. Ach bitte, habt Erbarmen und rettet mir das Leben! Ich werde Euch bis an mein Lebensende dankbar sein!«
Nach diesen Worten stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Tripitaka hatte so großes Mitleid, dass auch ihm die Augen feucht wurden.
»Schüler!« rief er mit belegter Stimme.
Bajie und Sandmönch, die im Wald nach Beeren suchten, hörten den kläglichen Ruf ihres Meisters, eilten herbei und fragten, was denn los sei. Tripitaka wies mit der Hand auf den Baum und bat Bajie: »Bitte befreie diese Dame, rette ihr das Leben!«
Ohne sich zu scheren, um was es sich da überhaupt handelte, legte Bajie Hand an. Der Große Heilige jedoch konnte von seiner hohen Warte aus beobachten, wie das finstere Gewölk sich verdichtete und sich über den heilsamen Glanz schob.
»Schlimm, schlimm!« rief er aus, »die schwarze Energie bedeckt das heilvolle Licht; mein Meister wird gewiss von einem Dämon überwältigt! Ich muss mich erst um den Meister kümmern, die Almosen können warten.«
Sofort änderte er die Richtung seiner Wolke und landete im Wald, wo er gerade dazukam, als Bajie an den Fesseln herumklaubte. Er packte Bajie am Ohr und stieß ihn so heftig zur Seite, dass er umfiel. Als er wieder auf den Beinen war, brummte er: »Der Meister hat gesagt, ich solle ihr das Leben retten! Was schubst du mich da einfach um?«
Pilger lachte und rief: »Bruder, lass die Fesseln dran, das ist ein Dämon! Der gaukelt uns was vor!«
Da rief Tripitaka mit barscher Stimme: »Was für Unsinn redet dieser lausige Affe! Wie kann er diese Dame für einen Dämon halten!«
»Ihr wisst das eben nicht, Meister«, gab Pilger zurück. »Solche Streiche hab ich alter Sun doch früher auch gespielt! Genauso macht man es, wenn man Lust auf Menschenfleisch kriegt. Doch wie sollt Ihr sie auch erkennen können?«
Da reckte Bajie seine Schnauze hoch und rief: »Meister, glaubt doch dem dummen Pferdeknecht nicht!«
»Sei’s drum«, lenkte Tripitaka ein. »Bajie, dein Ordensbruder hat gewöhnlich keinen schlechten Blick für solche Sachen. Wenn er das so sieht, dann wollen wir uns nicht länger damit aufhalten. Lasst uns weiterziehen!«
Pilger freute sich sehr und meinte: »Sehr gut, so ist der Meister in Sicherheit! Steigt auf, Meister. Sobald wir aus dem Wald heraus sind, schauen wir, wo man Euch etwas zu essen spenden kann.«
So gingen die vier Pilgernden tatsächlich ihres Weges und ließen den Dämon hinter sich. Doch wenden wir uns nun der Dämonin zu, die, an den Baum gebunden, zähneknirschend vor sich hin murmelte: »Seit Jahren muss ich mir anhören, wie groß die Zauberkräfte dieses Sun Wukong seien. Tatsächlich scheint er diesen Ruf nicht von ungefähr zu haben. Doch jener chinesische Priester, der seit seiner Kindheit den Weg zur Vervollkommnung begeht und noch keinen Tropfen seiner ursprünglichen Yang-Kraft verloren hat, den will ich mir holen und ihm beischlafen, dann kann ich selbst ein Goldener Unsterblicher des Höchsten Einen werden! Aber jetzt hat dieser Affe meinen Plan durchkreuzt, und die ganze Mühe war umsonst! Nun, dann will ich ihn noch einmal rufen und schauen, wie er dann anspringt.«
Ohne sich aus den Fesseln zu befreien, hauchte die Dämonin ein paar Worte vor sich hin und ließ sie mit einem göttlichen Wind sachte an Tripitakas Ohr dringen.
Was für Worte es waren, fragt ihr?
Sie sagte: »O Meister! Mit welchem Gewissen wollt Ihr vor Buddha treten und die Heiligen Schriften holen, wenn Ihr nicht einmal einem Menschen das Leben rettet?«
Als Tripitaka diese Stimme hörte, zügelte er sein Pferd und sprach zu Wukong: »Wir müssen die Frau befreien!«
»Warum denkt Ihr schon wieder an sie?« fragte Pilger.
»Eben hat sie mich wieder gerufen und zu Recht gefragt, mit was für einem Gewissen ich vor Buddha treten und die Heiligen Schriften holen wolle, wenn ich nicht einmal bereit sei, einem Menschen das Leben zu retten. Ein Leben zu retten ist noch um vieles mehr wert, als eine siebenstöckige Pagode für Buddha zu errichten! Schnell, wir müssen sie befreien; das ist noch viel wichtiger als die Heiligen Schriften!«
»Wenn des Meisters Güte hochgeht, wirkt keine Medizin!« lachte Pilger. »Nun, wenn Ihr sie wirklich retten wollt, will ich Euch nicht mit guten Ratschlägen im Weg sein, sonst werdet Ihr wieder zornig. Befreit sie, wenn es sein muss, nur kann ich alter Sun diese Bürde schwer auf mich nehmen.
»Schweig, Affenschädel«, wies ihn Tripitaka zurecht. »Bleib hier sitzen, ich gehe mit Bajie hin.«
Der Priester ging ins Gehölz zurück und hieß Bajie, der Frau oben die Fesseln zu lösen und sie unten mit dem Rechen auszugraben. Die Dämonin stampfte mit den Füßen auf, strich ihr Kleid glatt und schritt dann frisch und fröhlich hinter Tripitaka aus dem Kiefernwald, wo sie auf Pilger traf. Dieser zeigte nur ein kaltes Grinsen.
»Was soll dieses Grinsen, du Affenschädel?« rügte Tripitaka.
»Ich lache bloß darüber, wie Ihr ›Bei Gewinn die Kumpel trefft, bei Verlust ein Liebchen sucht‹, wie man so sagt.«
»Unsinn«, versetzte Tripitaka, »ich bin doch nicht einer, der mit Geld spekuliert. Was soll ich für Gewinne und Verluste haben!«
»Ach Meister«, gab Pilger lachend zurück, »Ihr seid von klein auf Mönch, und alles, was Ihr gelernt habt, ist Sutrenlesen und Beten. Ihr habt ja nicht einmal den Königlichen Kodex studiert. Denkt doch mal nach, wir als Mönche mit dieser hübschen jungen Frau unterwegs! Wir brauchen doch nur auf irgendwelche übelgesinnten Leute zu stoßen, dann könnte man uns leichter Hand vor Gericht führen. Und dort hört dann keiner drauf, ob wir Heilige Schriften holen oder Buddha ehren oder was: Wir werden schlicht und einfach unzüchtiger Handlungen bezichtigt. Selbst wenn dafür keine Beweise vorliegen, würde man uns zumindest der Entführung beschuldigen, und am Ende könnten wir uns alle
nicht reinwaschen. Euch, Meister, würde man die Mönchslizenz entziehen und Euch halbtot prügeln; Bajie würde zum Frondienst an die Grenze verbannt und Sandmönch zur Strafe als Laufbursche in eine Poststation versetzt. Mich alten Sun würde man wohl besser behandeln, weil ich mich gut rausreden kann, aber man würde mich mindestens der Fahrlässigkeit beschuldigen, was auch immer ich sagen mag.«
»Nun halt den Mund!« rief Tripitaka barsch. »Sie wird uns schon nicht in Komplikationen führen, schließlich haben wir
ihr das Leben gerettet! Ich übernehme die volle Verantwortung.«
»Auch wenn Ihr die volle Verantwortung übernehmen wollt, Meister«, versetzte Pilger, »ist Euch dabei nicht bewusst, dass Ihr sie nicht befreit, sondern ihr im Gegenteil schadet.«
»Was soll denn das heißen?« fragte Tripitaka.
»An den Baum gefesselt wäre sie binnen fünf oder zehn Tagen verhungert, dann wäre sie wenigstens mit unversehrtem Leib gestorben. Doch jetzt habt Ihr sie rausgeholt; Ihr reitet auf einem schnellen Pferd, wir folgen hinter Euch her, doch wie soll diese Dame mit den kleinen Füßen uns folgen können? Und wenn sie nun zu weit hinter uns bleibt und von wilden Tieren überfallen wird? Dann kommt sie doch erst recht zu Schaden!«
»Das stimmt, zum Glück denkst du daran«, pflichtete ihm Tripitaka bei, »was sollen wir tun?«
»Nehmt sie doch in die Arme und lasst sie auf Eurem Sattel reiten!« spottete Pilger.
»Ich kann doch nicht mit ihr im selben Sattel sitzen«, entgegnete Tripitaka. Schließlich meinte er: »Nun gut, ich kann ja auch ein paar Schritte zu Fuß gehen, dann will ich eben absteigen und nebenher gehen; Bajie soll das Pferd am Halfter führen.«
»Haha, da kriegt der Tölpel aber eine nette Arbeit«, spottete Pilger, »hör, der Meister lässt dich das Pferd führen!«427
»Du Affenschädel, schon wieder redest du solchen Unsinn!« schalt ihn Tripitaka. »So sagten doch die alten Weisen: ›Auch wenn ein Pferd tausend Meilen galoppieren mag, so geht es doch nicht ohne Reiter.‹ Wenn Bajie das Pferd führt, können wir doch alle zusammen gemächlich mit der werten Dame den Berg hinuntersteigen. Vielleicht finden wir irgendwo ein Nonnenkloster, wo wir sie abgeben können. Dann hätten wir sie auch gerettet.«
»Ihr habt recht, Meister. Bitte geht voran«, willigte Pilger nun ein.
Also schritt Tripitaka voran, Sandmönch schulterte das Gepäck, Bajie nahm das Pferd am Halfter, und so führten sie die junge Frau mit sich. Nach nicht mehr als zwanzig oder dreißig Wegmeilen erblickten sie in der anbrechenden Dämmerung eine Gruppe hoher Gebäude.
»Meine Schüler«, sprach Tripitaka, »bestimmt liegt dort drüben ein Tempel oder ein Kloster. Lasst uns da übernachten und morgen weiterziehen.«
Als sie bald darauf vor dem Eingang standen, wies Tripitaka seine Schüler an: »Wartet etwas abseits auf mich; ich will erst fragen, ob wir hier übernachten dürfen. Falls es geht, werde ich nach euch schicken lassen.«
Also stellten sich die Schüler wartend unter ein paar Weidenbäume, und der Priester schritt auf das Portal zu. Dabei fiel ihm auf, wie verfallen es war und wie schief es in den Angeln hing, alles wirkte verkommen. Wie er die Torflügel aufstieß, sah er:
Stille alte Wandelgänge,
Öde Hallen ohne Leben;
Moosbedeckt der ganze Hof,
Unkraut über allen Wegen.
Dem Priester wurde ganz trostlos ums Herz. Doch dann nahm er seinen Mut zusammen und schritt durch das zweite Portal. Dahinter erblickte er die Ruinen eines Trommelturms und eines Glockenturms. Am Boden lag eine bronzene Glocke, schon halb in der Erde versunken. Oben war sie weiß wie Schnee, unten blau wie Indigo. Sie musste über Jahre hinweg in Wind und Regen gelegen haben, weshalb der obere Teil vom Regen abgewaschen war, der untere hingegen durch die Feuchtigkeit der Erde Patina angesetzt hatte. Tripitaka legte die Hand auf die Glocke und seufzte tief. Da gab die Glocke einen Schall von sich, und Tripitaka fuhr zusammen. Es hatte nämlich weiter hinten ein Klosterdiener gestanden, der sich um Kerzen und Weihrauch kümmerte, und als dieser jemanden hatte sprechen hören, hatte er ein Stück Ziegel genommen und an die Glocke geworfen. Daher rührte der Klang.
»O Glocke!« rief Tripitaka schauernd, »ist es etwa, weil
Auf diesem Weg nach Westen
Niemand hier erschienen ist,
Dass du nach vielen Jahren
Zu einem Geist geworden bist?«
Da trat der Klosterbruder vor, fasste Tripitaka am Arm und sprach: »Fürchtet Euch nicht, werter Herr. Das war kein Spuk; ich habe die Glocke angeschlagen.«
Tripitaka blickte in ein finsteres, unschönes Gesicht und rief aus: »Bist du ein Gespenst, ein Ungeheuer? Wisse, ich bin kein Gewöhnlicher: Ich komme aus dem chinesischen Kaiserreich und habe Schüler bei mir, die Drachen und Tiger zu bändigen wissen. Wenn du mir etwas antun willst, so ist es um dein Leben schlecht bestellt!«
Da kniete der Klosterbruder vor ihm nieder und sprach: »Werter Herr, ich bin kein Ungeheuer. Ich lebe hier als Klosterdiener. Eben hörte ich Euch sprechen und wollte Euch eigentlich gebührend empfangen, werter Herr. Nur fürchtete ich meinerseits, Ihr könntet ein Gespenst sein. Darum habe ich zuerst ein Ziegelstück an die Glocke geworfen, um meine Angst zu mildern. Dann erst habe ich mich herangetraut. Bitte, werter Herr, tretet ein!«
Nun fasste sich der Priester und sprach: »Werter Vorsteher, Ihr habt mich zu Tode erschreckt. Bitte führt mich hinein.«
Der Klosterdiener geleitete Tripitaka durch das dritte Portal ins Innere des Klosters, wo es auf einmal ganz anders aussah. Hier sah man:
Blaue Wände, grüne Ziegel,
Alle Hallen schön geschmückt;
Mit Achaten, Gold und Jade
Sind die Paravents besetzt.
Hinten ist die halbe Wand
Von Lampions beschienen;
Durch den ganzen Innenhof
Die Weihrauchdüfte ziehen.
Bei diesem Anblick rief Tripitaka verwundert aus: »Warum ist denn bei Euch der vordere Teil so verkommen und der hintere so schön?«
Der Klosterbruder lächelte und sprach: »Werter Herr, in diesem gebirgigen Landstrich gehen viele Dämonen um, außerdem gibt es Räuberbanden, die bei schönem Wetter auf Raubzug gehen und sich bei schlechtem Wetter hier im Tempel verstecken. Sie haben hier schon Statuen vom Sockel gestürzt und haben alles, was aus Holz ist, zum Feuermachen benutzt. Unsere Mönche sind ihnen nicht gewachsen und wagen auch nicht, mit ihnen zu diskutieren. So haben wir schließlich die vorderen Gebäude den Banditen überlassen und den hinteren Teil mit Spendengeldern ausgebaut.«
»So verhält sich das also«, meinte Tripitaka.
Im Weitergehen las er über einem Toreingang fünf große Schriftzeichen: » 鎮海禪林寺 – Kloster zur Beherrschung des Ozeans«. Als er über die Schwelle trat, sah er auf einmal einen Geistlichen daherkommen. Seht, wie dieser aussah:
Den bestickten Sammethut
Ziert die Nadel linker Hand;
Ein Paar Bronzeringe ziehen
Die zwei Ohrenläppchen lang.
Seine lange Priesterrobe
Ist aus Wollengarn gemacht;
Und die beiden Augen leuchten
Silberhell aus dem Gesicht.
Mit der einen Hand bewegt er
Eine kleine Rasseltrommel;
Dazu hört man unverständlich
Ihn Sanskrit-Gebete murmeln.
Tripitaka konnte nämlich
Dies noch nicht verstehen:
Das hier war ein Lamaist,
Wie wir sie im Westen sehen!
Beim Herantreten ließ der Lama seinen Blick auf Tripitaka weilen, der mit seinen schönen, klaren Augen, einer hellen Stirn, nahezu schulterlangen Ohrläppchen und zu den Knien reichenden Armen aussah wie ein leibhaftiger Arhat. Darum fasste er ihn nun freudig lächelnd am Arm, berührte seine Hände und Füße, fasste an seine Nase und zupfte ihn an den Ohren, um seine Sympathie zu bekunden. Dann geleitete er ihn in die Abtei, und nachdem sich beide voreinander verneigt hatten, fragte er: »Wo kommt Ihr denn her, werter Priester?«
Tripitaka antwortete: »Geringer Jünger ist im Auftrag des Kaisers von China unterwegs zum Tempel des Donnergrollens, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da ich zu dieser abendlichen Stunde an Eure werte Stätte gelangen durfte, möchte ich Euch bitten, in diesem ehrenwerten Tempel eine Nacht verbringen zu dürfen. Morgen würde ich dann
zeitig wieder aufbrechen. Ich hoffe sehr auf Euer Entgegenkommen.«
Da lachte der Lama auf und rief: »Das kann doch gar nicht sein! Jünger Buddhas sollten keine Worte reden, die nicht der Wahrheit entsprechen!«
»Meine Worte sind ganz aufrichtig«, beteuerte Tripitaka.
»Aber zwischen dem Osten und dem Westen liegt doch ein unermesslich weiter Weg«, wandte der Lama ein, »alle Gebirge sind voller Dämonen, in allen Höhlen hausen Ungeheuer. Ihr alleine unterwegs, und noch dazu von solch sanfter Art, so sieht doch kein Schriftenholer aus!«
»Da habt Ihr nicht unrecht, werter Abt, denn alleine wäre ich geringer Mönch niemals bis hierher gelangt. Ich habe drei Schüler, die mir in den Gebirgen den Weg weisen, mich sicher über Gewässer führen und mir stets schützend beistehen. Nur dank ihnen konnte ich bis zu Eurem ehrenwerten Tempel gelangen.«
»Und wo befinden sich denn die werten Schüler?«
»Zur Zeit warten sie draußen beim Eingangstor.«
Da meinte der Lama erschrocken: »Aber Meister, hier gibt es doch gefährliche Wölfe und Tiger und sogar Dämonen! Selbst bei Tage wagen wir uns nicht weit weg, und nachts verschließen wir stets alle Pforten. Wie könnt Ihr Eure Leute zu dieser späten Stunde draußen stehen lassen!«
Unverzüglich wies er an, die Schüler bitten zu lassen. Zwei junge Mönche liefen nach draußen, doch als sie dort Pilger erblickten, wären sie vor Schreck schier umgefallen. Gleich darauf bemerkten sie Bajie und kamen abermals ins Straucheln. Kaum konnten sie sich wieder auf den Beinen halten, stürzten sie zurück und riefen: »O Herr, es ist etwas Schlimmes passiert! Eure Schüler sind nicht mehr da, nur drei oder vier Ungeheuer stehen vor dem Tor!«
»Wie sehen sie denn aus?« fragte Tripitaka.
»Der eine sieht aus wie der Donnergott, der andere hat eine Schnauze wie ein Mühlenrad, der Dritte ein grünes Gesicht und schreckliche Zähne. Bei ihnen steht noch eine junge Frau, die sieht allerdings recht hübsch aus.«
Da lachte Tripitaka und sprach: »Ihr habt sie nur nicht erkannt. Die drei Hässlichen sind meine Schüler. Die Frau habe ich vor kurzem im Kiefernwald gerettet.«
»Aber, werter Herr«, riefen da die jungen Mönche, »wie kann ein so gepflegter Meister derart unansehnliche Schüler haben?«
»Unansehnlich sind sie schon, doch auch äußerst nützlich«, erklärte Tripitaka. »Geht gleich noch einmal hin und bittet sie
herein. Beeilt euch, sonst dringt der mit dem Donnergottgesicht noch mit Gewalt ein. Er ist nicht von menschlichen Eltern aufgezogen worden und macht leicht Ärger.«
Da eilten die beiden Mönche abermals hinaus und riefen: »Werte Herren! Der werte Herr aus China lässt bitten!«
Nun gingen sie der Reihe nach hinein, vorne Bajie mit dem Pferd, hinter ihm Sandmönch mit dem Gepäck, und zuhinterst folgte Pilger, um die junge Frau in ihrer Mitte zu behalten. An den Ruinen vorbei kamen sie schließlich durch das dritte Tor in den Hof, wo sie das Pferd anbanden, ihre Bündel niederlegten und sich in die Abtei begaben. Dort begrüßten sie den Lama, und jeder bekam einen Sitzplatz angeboten. Bald darauf ging der Lama zu den hinteren Kammern und brachte an die achtzig junge Mönche mit nach vorn. Es folgten die üblichen Begrüßungsriten, dann wurde aufgeräumt und ein Klostermahl hergerichtet. So war es in der Tat:
Gute Taten zu vollbringen
Muss auf Menschenliebe gründen;
Wo des Buddhas Lehre blüht,
Lobt ein Mönch den andern.
Und da wir nicht wissen, wie sie diesen Tempel wieder verließen, lasst uns das nächste Kapitel anhören.