Wie berichtet wurde, waren Tripitaka und seine Schüler ins »Kloster zur Beherrschung des Ozeans« gekommen, und die Mönche hatten ihnen eine Mahlzeit zubereitet. Die vier Pilgernden sättigten sich, und auch die junge Frau nahm etwas zu sich. Als die Dämmerung anbrach und in der Abtei ein Licht angemacht wurde, scharten sich die Mönche dicht gedrängt um die Laterne, zum einen um den chinesischen Priester über seine Reise zu den Heiligen Schriften zu befragen, zum anderen um einen Blick auf die junge Frau zu erhaschen.
Tripitaka wandte sich an den Lama und fragte: »Werter Abt, wie steht es um den Weg nach Westen, wenn wir morgen von Eurem werten Kloster aus weiterziehen?«
Der Lama aber fiel vor ihm auf die Knie, worauf ihm der Priester erschrocken aufhalf und rief: »Steht auf, werter Abt! Ich wollte Euch nur nach dem Weg fragen; warum vollzieht Ihr diesen Ritus?«
Da antwortete der Lama: »Wenn Ihr morgen nach Westen zieht, werter Meister, kommt Ihr auf einen ebenen, sicheren Weg, da braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen. Nur ist da noch eine Sache, die uns peinlich ist: Die werten Meister können gut in den Klausen unserer jungen Lamas unterkommen, doch mit der Unterkunft der geehrten Dame haben wir ein Problem; wir wissen gar nicht, wo sie nächtigen könnte.«
»Werter Abt«, sprach Tripitaka, »denkt bitte nicht, wir hätten Unlauteres im Sinne. Wir sind heute früh in dem finsteren Kiefernwald auf diese Frau gestoßen, die dort an einen Baum gebunden war. Eingedenk der Sorge um das Wohl aller Wesen habe ich sie gerettet und mitgenommen. Ihr könnt sie unterbringen, wo es Euch passend scheint.«
»Dann möge sie in der Halle der Himmelskönige nächtigen, wenn Ihr so verständnisvoll seid. Wir werden ihr dort eine Strohmatte hinlegen.«
»Ja, das ist gut«, stimmte Tripitaka zu.
Ein paar junge Lamamönche wurden beauftragt, die Frau in die Halle zu geleiten. Der Priester aber bat die Lamas, die noch in der Abtei waren, abzutreten, und sprach zu Wukong: »Lasst uns zeitig ruhen und morgen beizeiten aufstehen.«
So begaben sich alle zum Nachtlager und legten sich schlafen.
Bei Tagesanbruch stand Pilger auf, hieß Bajie und Sandmönch Gepäck und Pferd bereitstellen und den Meister zur Weiterreise bitten. Der Priester jedoch lag noch immer in tiefem Schlaf. Schließlich ging Pilger zu ihm hin und rief: »Meister!«
Da hob der Priester den Kopf, gab aber keine Antwort.
»Was ist denn, Meister?« fragte Pilger.
»Warum ist mir nur so schwindlig?« stöhnte der Priester, »es schmerzt mich am ganzen Körper.«
Bajie streckte die Hand aus und befühlte des Meisters Stirn. Er hatte tatsächlich leicht Fieber.
»Ich weiß, warum«, lachte der Tölpel, »Ihr müsst Euch gestern übergessen haben, weil es umsonst zu essen gab!«
»Nein«, erwiderte Tripitaka. »Ich muss mich erkältet haben, als ich in der Nacht ohne Kopfbedeckung hinausging, um mich zu erleichtern.«
»Könnt Ihr denn weiterreisen?« fragte Pilger.
»Ich kann mich ja nicht einmal aufsetzen«, meinte Tripitaka, »wie soll ich mich so im Sattel halten? Aber nun versäumen wir wieder unnötig Zeit!«
»Ach Meister, sprecht jetzt nicht davon; was ist schon daran, ein paar Tage Geduld zu üben, wenn Ihr Euch unwohl fühlt!« versetzte Pilger.
Also kümmerten sich die drei Ordensbrüder um ihren Meister, derweil der Morgen zum Mittag wurde und schließlich der Abend dämmerte, und als eine friedliche Nacht um war, brach schon wieder ein neuer Morgen an. So flog die Zeit dahin, und ehe man sich’s versah, waren drei Tage um. Am dritten Tag richtete sich der Priester auf, rief nach Wukong und fragte: »Die letzten Tage war ich so krank, dass ich ganz vergessen habe, dich zu fragen, wie es eigentlich mit der jungen Frau steht. Hat man ihr denn zu essen gebracht?«
»Ach, sorgt Euch doch nicht darum«, lachte Pilger, »kümmert Euch lieber um Eure eigene Gesundheit.«
»Dann hilf mir bitte, mich aufzusetzen, und hole Papier, Pinsel und Tusche. Im Kloster kannst du mir einen Reibstein ausleihen.«
»Wozu das?« fragte Pilger.
»Ich will einen Brief aufsetzen und mit dem Reisepass zusammen in einen Umschlag legen. Das sollst du nach Chang’an zu Kaiser Taizong bringen.«
»Keine Sache«, antwortete Pilger, »in anderen Belangen mag ich alter Sun weniger tauglich sein, doch was das Überbringen von Briefen anbelangt, bin ich die Nummer eins auf der Welt. Ihr braucht den Brief bloß schön säuberlich in
den Umschlag zu stecken, dann sause ich im Wolkenüberschlag nach Chang’an, gebe ihn dem Kaiser von China, und bin im nächsten Wolkenüberschlag wieder zurück, noch bevor die Tusche am Pinsel getrocknet ist! Aber wieso wollt Ihr eigentlich einen Brief schreiben? Lasst erst mal hören, was Ihr zu schreiben gedenkt!«
Da sprach der Priester unter Tränen: »Ich will schreiben:
Untertäniger Priester grüßt
Mit drei Kotaus die Majestät!
Es lebe unser Heiliger Herr
Zehntausend Jahre wohl und gut!
Auf Seiner Majestät Geheiß
Verließ ich einst das Ostgebiet;
Hoffend, den Erhabenen
Zu schauen auf dem Seelenberg.
Jedoch kam ich unverhofft
Auf der Reise in Gefahr,
Ach, dass mir auf dem halben Weg
Dieses Unglück widerfuhr!
Krank liegt Euer Mönch darnieder,
Kann unmöglich weitergehn,
Und das Tor zu Buddhas Lehre
Liegt wie das des Himmels fern.
Es verwehrt mein Los die Schriften,
Fruchtlos alle Mühen enden;
Darum bitte ich ergebenst,
Einen anderen zu senden!«
Als Pilger das gehört hatte, brach er in lautes Gelächter aus und rief: »Meister, Ihr seid so was von kleinmütig! Wegen dem bisschen Krankheit kommt Ihr gleich auf solche Gedanken! Falls Ihr wirklich mal sterbenskrank seid, braucht Ihr Euch doch bloß an mich zu wenden; ich alter Sun weiß genau, was zu tun ist. Ich werde nämlich einfach fragen: ›Welcher Höllenfürst hat sich zu dieser Idee verstiegen?
Welcher Höllenrichter wagt es, dafür seine Stimme
einzulegen? Welcher Totenschlepper traut sich herzukommen?‹ Und falls sie sich dann noch mit mir anlegen wollen, mache ich es genauso wie damals beim Aufruhr im Himmel, jage einfach mit meiner Stange durch die Hölle, packe alle zehn Höllenkönige beim Kragen und reiße jedem die Sehnen aus dem Leib! Und dabei werde ich es nicht bleiben lassen!«
»O mein Schüler, ich bin schwerkrank«, stöhnte Tripitaka, »du solltest dich nicht so groß aufspielen.«
»Bruder«, warf Bajie ein, »wenn es unserem Meister wirklich nicht mehr gutgeht, sollten wir uns rechtzeitig um das Begräbnis kümmern.«
»Schon wieder dieser Unsinn, du Tölpel!« wies ihn Pilger zurecht. »Du weißt doch, dass unser Meister einst der zweite Jünger des Buddha war, damals Priester Goldzikade genannt. Er muss dieses Leiden nur deshalb durchmachen, weil er damals zu wenig Achtung hatte vor der buddhistischen Lehre.«
»Aber Bruder«, erwiderte Bajie, »auch wenn er deshalb in den Osten verbannt wurde, hat er sich doch immerhin die Pflicht auferlegt, in den Westen zu reisen, um die Schriften zu holen. All die Dämonen und Plagen auf dem Weg sind doch schon Leid genug; warum muss er auch noch krank werden?«
»Das weißt du eben nicht«, versetzte Pilger. »Damals ist unser Meister während einer Predigt Buddhas eingenickt, und als er zur Seite kippte, trat er mit seinem linken Fuß auf ein Reiskorn. Dafür verdient er in der irdischen Welt eine dreitägige Krankheit.«
Da rief Bajie erschrocken: »So wie ich alter Eber beim Fressen nicht aufpasse, müsste ich ja jahrzehntelang krank werden!«
»Mit profanen Kreaturen wie dir hat Buddha ohnehin nichts Großes im Sinn«, versetzte Pilger. »Heute ist doch schon der letzte Tag, und morgen geht’s dem Meister wieder gut.«
Da sprach Tripitaka: »Heute fühle ich mich anders als gestern. Es ist mir ganz trocken im Hals, und ich habe großen Durst. Bitte bringe mir etwas kaltes Wasser.«
»Wenn Ihr nach Wasser verlangt, wird es wieder gut«, freute sich Pilger. »Ich bringe Euch gleich welches.«
Er nahm die Almosenschale und ging nach hinten zur Klosterküche. Dabei fiel ihm plötzlich auf, dass alle Mönche gerötete Augen hatten, schluchzten und klagten.
»Seid ihr aber kleinlich, ihr Mönche!« rief Pilger. »Wir bleiben doch nur ein paar Tage; beim Abschied werden wir uns gebührend bedanken, die Kosten fürs Essen nach Tagen berechnen und alles begleichen. Tut doch nicht so empfindlich! Hat euch etwa der mit der langen Schnauze alle Vorräte weggefressen?«
»Ach, werter Herr!« riefen die Mönche, »wir sorgen uns doch nicht ums Essen. In diesem abgelegenen Kloster leben über hundert Mönche; wenn Euch jeder auch nur einen Tag verpflegt, reichte es für mehr als hundert Tage!«
»Worüber heult ihr denn alle?«
»Werter Herr, in unserem Tempel muss irgendein Ungeheuer sein. Gestern Abend haben wir zwei junge Mönche geschickt, die Trommel und die Glocke zu schlagen, wir haben auch die Klänge gehört, doch danach sind sie nicht wieder zurückgekommen. Und als wir sie tags darauf gesucht haben, waren im hinteren Tempelhof außer Mützen und Schuhen nur noch die Knochen zu finden; sie sind gefressen worden! In den drei Tagen, seit Ihr hier seid, sind im Kloster schon sechs Mönche verschwunden. Wir können Angst und Trauer einfach nicht mehr zurückhalten. Zwar wollten wir Euch nichts davon sagen, weil Euer werter Meister noch unpässlich ist, aber nun sind uns doch die Tränen hochgekommen.«
Pilger hörte das mit Schrecken und Freude zugleich. »Keine Frage«, bestätigte er, »da ist ein Dämon, der Menschen tötet. Ich werde ihn für euch austreiben.«
»Werter Herr«, sprachen die Mönche, »Dämonen sind raffinierte Wesen, sonst könnten sie ja auch kein Unwesen treiben. Es muss sich hier um ein Ungeheuer handeln, das auf Wolken fliegen kann und in der Unterwelt ein und aus geht! Aber werter Herr, bitte nehmt es uns nicht übel: Sollte es Euch tatsächlich gelingen, das Ungeheuer gefangenzunehmen und unser geringes Kloster davon zu befreien, wäre das für uns ein unermessliches Glück! Sollte es Euch aber nicht gelingen, so könnte es noch ein bisschen schwierig werden.«
»Was meint ihr damit?«
»Nun, offen gesagt, werter Herr, wir über hundert Mönche, die hier in diesem entlegenen Gebirge leben, sind alle im Kloster aufgewachsen:
Werden uns die Haare lang,
Können wir sie stutzen;
Kleider, wenn sie durchgewetzt,
Bessern wir mit Flicken.
Morgens waschen wir uns das Gesicht,
Verneigen uns, die Hände vor der Brust,
Und geben uns der Großen Lehre hin.
Abends zünden wir den Weihrauch an,
Rezitieren dann mit frommem Sinn
In Gebeten Buddha Amithaba.
Darum:
Können wir keine Tiger bezwingen,
Verstehen nicht, mit Drachen zu ringen,
Und wissen weder Ungeheuer
Noch Dämonen zu erkennen!
Falls Ihr, werter Herr, dieses Ungeheuer nun auch noch zornig machen würdet, könnte es uns womöglich alle zusammen verschlingen. Dann wäre nicht nur unser Leben in dieser Inkarnation vertan, sondern es würde sich auch niemand mehr um unser altes Kloster kümmern. Das ist der Grund, weshalb wir fürchten, es könnte etwas schwierig werden.«
Diese Worte brachten Pilger in Rage. »O ihr Ölgötzen von Mönchen!« schrie er, »seht ihr eigentlich nichts als das Ungeheuer? Habt ihr denn noch nie was gehört von der Macht des alten Sun?«
»In der Tat, davon wissen wir nichts.«
»Dann will ich euch mal was erzählen. Hört gut zu:
Ehedem
Lebt’ ich auf dem Blumen-Früchte-Berg
Und herrschte dort alleine als Despot.
Außerdem
War ich in den hehren Himmelshallen,
Wo ich mal ein Riesenchaos bot!
Habe, wenn mich hungerte,
Laozis Elixier geklaut,
Davon jeweils zwei, drei Stück
Gleich mit einem Mal zerkaut.
Holte mir zudem im Durste
Auch des Jadekaisers Wein,
Goss wohl an die sieben Becher
Leichter Hand in mich hinein.
Ich muss meine Goldpupillen
Nur zu einem Blick aufschlagen:
Schon wird auch der Himmel blass,
Schon wird gar der Mond verlegen!
In den Händen schwinge ich
Meinen edlen Goldreifstab:
Komme unsichtbar daher,
Trete spurlos wieder ab.
Wozu müßiges Gerede
Von den Geistern groß und klein?
Sollen diese Tiger, Drachen
Noch so übel sein!
Ich jage sie mit einem Satz,
Da rennen sie, da ducken sie!
Ich packe zu mit einem Griff,
Erdrücke sie, zerquetsche sie!
So ist es doch:
Die Kunst der Acht Unsterblichen im Ozean
Kann ich allein, mit Zauber sei’s getan!
Also schaut ihr Mönche erst mal zu, wie ich das Ungeheuer fange, dann werdet ihr den alten Sun kennenlernen!«
Die Mönche, die zugehört hatten, nickten still und meinten: »Dass dieser Mönch den Mund so voll nimmt, muss wohl seine Gründe haben.«
Es folgte ein zustimmendes Gemurmel. Einzig der Lamapriester wandte ein: »Bedenkt, dass Euer Meister schwerkrank ist. Solange Ihr das Ungeheuer in einem kurzen Entscheidungskampf überwinden könnt, geht es ja noch, doch es wäre sehr unratsam, wenn Euer Meister in Mitleidenschaft gezogen würde.«
»Allerdings, da habt Ihr recht«, lenkte Pilger ein. »Ich will erst mal meinem Meister Wasser bringen, dann komme ich wieder.«
Mit beiden Händen trug er eine Schale kühlen Wassers in die Abtei und reichte es dem Meister. Tripitaka, der starken Durst verspürte, legte die Schale an den Mund und leerte sie in einem Zug. Pilger merkte, wie sich der Priester allmählich wohler fühlte und seine Augenbrauen sich glätteten. Darum fragte er: »Meister, möchtet Ihr vielleicht etwas essen?«
»Dieses kühle Wasser ist mir wie eine heilende Medizin«, erwiderte Tripitaka, »ich fühle mich schon halb genesen. Doch falls es etwas Reis und Suppe gibt, würde ich es gern versuchen.«
Da rief Pilger laut: »Es geht dem Meister wieder gut, er verlangt nach Reis und Suppe!«
Eifrig stellten die Mönche mehrere Tische mit fleischlosen Gerichten bereit und brachten sie hinein. Tripitaka nahm allerdings nur eine halbe Schale Nudelsuppe, während Pilger und Sandmönch sich der Gerichte auf einem der Tische bedienten. Alles, was auf den anderen Tischen stand, wurde von Bajie verschlungen. Anschließend räumte man ab, zündete die Laternen an, und die Mönche des Tempels zogen sich zurück.
»Wie viele Tage sind wir eigentlich schon hier?« wollte Tripitaka wissen.
»Drei volle Tage«, antwortete Pilger. »Da es Euch jetzt bessergeht, könnten wir morgen weiterziehen.«
»Ja«, meinte Tripitaka, »es wird wohl nichts ausmachen, wenn die Krankheit noch nicht gänzlich ausgeheilt ist.«
»Dann lasst mich aber heut Nacht noch einen Dämon dingfest machen«, bat Pilger.
Erschrocken rief Tripitaka: »Was, schon wieder ein Dämon?«
»Es ist ein Ungeheuer im Kloster; ich alter Sun will es austreiben.«
»Aber mein Schüler!« mahnte Tripitaka, »noch bevor ich ganz genesen bin, kommst du schon wieder auf solche Ideen. Was, wenn dieser Dämon überragende göttliche Kräfte hat und du ihn nicht fangen kannst? Dann werde ich wieder das Nachsehen haben!«
»Ihr könnt einem ja den Wind aus den Segeln nehmen!« entfuhr es Pilger. »Überall hab ich alter Sun Dämonen gebändigt, wo habt Ihr jemals gesehen, dass ich unterlegen wäre? Mir gelingt etwas höchstens deshalb nicht, weil ich nichts unternehme. Wenn ich was anpacke, gelingt es auch!«
Doch Tripitaka fasste ihn am Arm und sprach: »Hör zu, mein Schüler, halte dich an das Wort:
›Wo man helfen kann, da soll man helfen;
Wo man’s lassen soll, da muss man’s lassen.
Besser, als sich strapazieren, ist das Meditieren;
Edler, als sich schlagen, ist doch das Ertragen!‹«
Wie der Große Heilige merkte, dass ihm der Meister unbedingt abraten wollte, meinte er: »Dann will ich es Euch offen sagen, Meister: Der Dämon hat hier bereits Menschen gefressen!«
Bestürzt fragte Tripitaka: »Wen denn?«
»Während der drei Tage, die wir hier gewesen sind, wurden in diesem Kloster sechs junge Mönche gefressen.«
Da sprach der Priester: »Es ist, wie das Sprichwort sagt: ›Wenn der Hase stirbt, trauert auch der Fuchs; jeder hat mit seiner Gattung Mitleid‹. Da es sich um Klosterbrüder handelt, will ich es dir erlauben. Doch hab acht!«
»Keine Frage«, gab Pilger zurück.
Seht, wie er nun fröhlich grinsend aus der Abtei kommt!
Während er auf die Tempelhalle zuging, sah er die Sterne am Himmel. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und in der Tempelhalle war es stockfinster. Mit einem Hauch seines Wahren Feuers entzündete er die Kristalllampen, schlug auf der Ostseite die Trommel, auf der Westseite die Glocke, und als die Schläge verklungen waren, verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen zwölf-, dreizehnjährigen Mönch mit halbseitiger Mönchsrobe aus gelber Seide über einer weißen Kutte. Den Holzfisch schlagend, murmelte er buddhistische Sutren. Erst um die zweite Nachtwache stieg ein bleicher Mond empor. Da strömte auf einmal zischelnd ein leichter Windstoß heran, schwere Düfte von Moschus und Orchideen blieben in der Luft hängen, und man hörte das Klingeln von Jadegehänge. Pilger blickte auf. Oh! Eine wunderschöne Dame kam geradewegs auf die Halle zu. Pilger aber fuhr mit seinem Gemurmel fort und ließ sich nicht aufhalten. Da trat die Dame zu ihm, fasste ihn an der Schulter und fragte: »Was für ein Sutra rezitierst du da, junger Priester?«
Da strömte auf einmal zischelnd ein leichter Windstoß heran, schwere Düfte von Moschus und Orchideen blieben in der Luft hängen, und man hörte das Klingeln von Jadegehänge.
»Das Sutra zur Bändigung von Dämonen«, gab Pilger zur Antwort.
»Alle anderen liegen doch wohlig im Schlaf, wozu jetzt noch rezitieren?«
»Hab’s versprochen«, gab Pilger zurück.
Da legte ihm die Dame den Arm um die Schulter, gab ihm einen Kuss und sagte: »Komm doch mit mir nach hinten, vergnügen wir uns ein bisschen!«
Pilger wandte sich ab und versetzte: »Du bist wohl nicht ganz bei Sinnen!«
»Warum nicht bei Sinnen?« entgegnete die Frau, »man sagt doch seit jeher: ›Wenn das Schicksal zwei verbindet, finden sie sich über tausend Meilen.‹ Schau doch, wie schön der Sternenhimmel ist, wie klar der Mond! Lass uns doch im Hinterhof ein bisschen Liebe machen.«
Als Pilger das hörte, nickte er im Stillen und dachte: »Die dummen Mönche ließen sich verführen, darum mussten sie ihr Leben lassen. Und jetzt versucht sie gar, mich reinzulegen.« Dann gab er zur Antwort: »Werte Dame, ich bin ein junger Mönch und weiß nichts von Dingen wie Liebe machen.«
»Komm nur mit, ich zeig es dir!«
Pilger lachte in sich hinein und dachte: »Nun gut, dann geh ich mit und schaue mal, wie sie das anpacken will.«
So gingen beide Arm in Arm aus der Tempelhalle zum Hinterhof. Dort aber stellte die Dämonin Pilger ein Bein, dass er stolperte und längelang hinfiel, worauf sie mit lautem »Oh, mein Schätzchen!« nach seinem Geschlecht fasste.
»Ha, mein Kind, du hast ja tatsächlich vor, den alten Sun zu fressen!« versetzte Pilger und zog sie mit einem leichten Sturzgriff an der Hand, dass sie schwungvoll am Boden landete. Selbst da fuhr das Ungeheuer noch fort zu rufen: »Oh, mein Schätzchen, du kannst ja gar deine Dame umwerfen!«
Da sann Pilger: »Wenn nicht jetzt, wann dann?«
Denn so ist es in der Tat: Wer zuerst anpackt, ist stärker. Also nahm er mit einem Satz seine eigene Gestalt an und schwang die Eisenstange. Zuerst erschrak die Dämonin und dachte: »Dieser kleine Mönch ist ja ein starkes Stück!« Doch wie sie genauer hinsah, begriff sie auf einmal, dass es einer der Schüler des chinesischen Priesters war, nämlich derjenige mit Namen Sun. Dennoch blieb sie furchtlos, und schon hatte sie zwei Schwerter zur Hand, mit denen sie sich beiderseits der Stange erwehrte, dass es nur so klirrte. Während die beiden im Hinterhof ihre Zauberkräfte maßen, stieg ein kalter Wind auf, und der Mond verfinsterte sich.
Ganz in seinem Element, schwang der Große Heilige zielgenau seine Stange, bis die Dämonin schließlich merkte, dass sie nicht länger standzuhalten vermochte. Sie zog die Brauen zusammen, wandte sich in plötzlicher Entschlossenheit ab und floh.
»Halt, du lausiges Ding!« schrie Pilger, »ergib dich!«
Doch die Dämonin scherte sich nicht darum. Als Pilger sie beinahe eingeholt hatte, zog sie den bestickten Schuh vom linken Fuß, murmelte einen Zauberspruch und rief: »Verwandlung!« Schon nahm der Schuh ihre Gestalt an und raste mit wirbelnden Schwertern auf Pilger zu, derweil die Dämonin sich ruckartig in einen Windstoß verwandelte, pfeilschnell in die Abtei schoss und Tripitaka mit sich riss. Einen Augenblick später war sie schon beim Einsturzberg und schlüpfte in die Bodenlose Grotte. Wie sie dort ihrem Gesinde befahl, auf der Stelle ein Hochzeitsbankett herzurichten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Berichten wir stattdessen von Pilger, der verbissen weiterkämpfte, bis er nach einem Scheinschlag in die Höhe sprang und das Ungeheuer erschlug. Da war es nichts als ein bestickter Schuh. Pilger begriff, dass er auf einen Trick hereingefallen war, wandte sich sofort ab und eilte zum Meister. Doch wo sollte da noch ein Meister sein? Er fand nur den Tölpel und Sandmönch, die etwas vor sich hin brummelten.
Pilger geriet derart in Rage, dass er ohne jede Rücksicht mit seiner Stange um sich drosch und in einem fort schrie: »Ich bringe euch um! Ich bringe euch um!«
Entsetzt wollte der Tölpel die Flucht ergreifen, doch es gab keinen Ausweg. Sandmönch hingegen, der ja als General vom Seelenberg429 reichlich Erfahrung hatte, war gefasster und versuchte es auf die weiche Tour, indem er vor Pilger niederkniete und sprach: »Werter Bruder, ich weiß, du willst uns erschlagen, damit du nach Hause gehen kannst, ohne noch den Meister retten zu müssen.«
»Wenn ich euch erschlagen habe, rette ich den Meister alleine!«
»Was sind das denn für Worte von unserem werten Bruder«, lachte Sandmönch, »ohne uns beide wäre es, wie das Sprichwort sagt: ›Aus einer Seidenfaser wird kein Garn; von einer Hand allein ertönt kein Klatschen.‹ Werter Bruder, wer soll denn auf das Gepäck und auf das Pferd schauen? Denk doch lieber daran, wie einst Guan Zhong und Bao Shuya sich das Geld teilten, statt es so zu machen wie Sun Bin und Pang Juan, deren Kameradschaft in Fehden endete! So heißt es doch seit alters her: ›Um einen Tiger zu erlegen, verlässt man sich am besten auf die Brüder; um eine Schlacht zu gewinnen, schickt man am besten Vater und Sohn.‹ Ich bitte unseren werten Bruder, uns zu verschonen. Morgen wollen wir mit dir als ein Herz und eine Seele unseren Meister suchen!«
Pilger war ein reizbarer Charakter, doch er konnte ebenso Einsicht zeigen. Darum besann er sich nun und meinte: »Dann steht mal auf und helft morgen nach Kräften mit, wenn wir den Meister suchen gehen.«
Als der Tölpel sah, dass er verschont blieb, hätte er Pilger am liebsten das Blaue vom Himmel versprochen und rief: »O Bruder, ich alter Eber nehme das alles auf meine Schultern!«
In dieser Nacht fanden die drei Brüder keinen Schlaf. Unruhig warteten sie den Morgen ab und machten sich zum Aufbruch bereit. Schon kamen Klosterbrüder und fragten: »Wo ist denn euer werter Meister?«
»Schwer zu sagen«, lachte Pilger, »als ich euch gestern versprach, den Dämon auszutreiben, habe ich zu groß angegeben. Jetzt ist das Ungeheuer immer noch nicht gefasst, und auch unser Meister ist verschwunden. Wir gehen ihn jetzt suchen.«
»Werter Herr, nun ist Euer Meister wegen einer kleinen Sache in große Schwierigkeiten geraten!« meinten die Mönche verängstigt und fragten: »Wo wollt Ihr ihn denn suchen?«
»Es wird sich schon was finden«, gab Pilger zurück.
In aller Eile trugen die Mönche mehrere große Schüsseln Reis und Suppe herbei. Nachdem Bajie sich gesättigt hatte, meinte er: »Gute Mönche! Sobald wir den Meister gefunden haben, statten wir euch noch mal einen Besuch ab.«
»… willst du dich hier noch mal satt essen«, korrigierte Pilger und meinte: »Geh mal zur Halle der Himmelskönige und schau, ob die Dame noch da ist.«
Da antworteten die Mönche: »Sie ist nicht mehr da, werter Herr. Schon nach der ersten Nacht ist sie verschwunden.«
Pilger kicherte vergnügt. Dann bedankte er sich und verabschiedete sich von allen Mönchen, hieß Bajie und Sandmönch Gepäck und Pferd hinausführen und schritt dann gen Osten voran.
»Bruder, du bist falsch!« rief Bajie, »warum gehst du nach Osten?«
»Was hast du für eine Ahnung«, rief Pilger, »die Frau, die vor ein paar Tagen im Kiefernwald angebunden war, hab ich alter Sun doch längst erkannt! Ihr aber wolltet sie unbedingt für einen guten Menschen halten! Sie war es, die die Mönche gefressen hat, und sie ist es auch, die unseren Meister entführt hat. Da habt ihr ja eine nette Dame gerettet! Und weil sie jetzt den Meister entführt hat, müssen wir eben auf demselben Weg zurück, wie wir gekommen sind.«
Da erst nickten die beiden seufzend und eilten mit ihm auf den Wald zu. Doch sie fanden nicht die geringste Spur. Pilger war wie auf glühenden Kohlen, vor lauter Wut packte er seine Stange und verwandelte sich mit einem Ruck in ein Monster mit drei Köpfen und sechs Armen. Mit drei wirbelnden Eisenstangen stürmte er durch den Wald und hieb alles kurz und klein.
»Sandmönch«, meinte Bajie, der ihm nachblickte, »unser Bruder ist total verrückt geworden, weil er den Meister nicht finden kann.«
Pilger aber, der durch den Wald tobte, hatte unversehens zwei Greise aufgeschreckt, nämlich den Berggott und den Erdgeist. Diese knieten nun vor ihm nieder und riefen: »Großer Heiliger! Berggott und Erdgeist begrüßen Euch!«
»Na schön!« meinte Bajie, »da hat er immerhin zwei Geister rausgehauen! Wenn er noch mal so eine Strecke wütet, kommt wohl gar der Große Unglücksstern daher!«
»Berggott! Erdgeist!« schrie Pilger, »wie ich höre, steckt ihr mit einer Räuberbande unter einer Decke. Wenn die Räuber was erbeutet haben, kaufen sie euch Schweine und Schafe als Opfergaben. Und außerdem habt ihr zusammen mit einem Ungeheuer meinen Meister entführt! Wo ist er jetzt? Rückt sofort mit der Wahrheit raus, dann erspart ihr euch die Prügel!«
Bestürzt sprachen die Geister: »Großer Heiliger, Ihr beschuldigt uns zu Unrecht. Das Ungeheuer wohnt nicht auf unserem Berg. Weil es aber öfter des Nachts als Windstoß vorbeirauscht, ist geringen Geistern das eine oder andere bekannt geworden: Es haust tausend Meilen südlich von hier, auf einem Berg, der ›Einsturzberg‹ genannt wird, und darin gibt es eine Höhle mit dem Namen ›Bodenlose Grotte‹. Das Ungeheuer, das hier in verwandelter Gestalt aufgetaucht ist und Euren Meister entführt hat, kommt von dort.«
Diese Worte beunruhigten Pilger. Er schickte die beiden Geister weg, legte seine Verwandlung ab und erschien wieder in seiner eigenen Gestalt. Dann rief er Bajie und Sandmönch zu: »Der Meister ist weit weg!«
»Wenn’s weit ist, fliegen wir ihm eben nach!« gab Bajie zurück.
Schon stob Bajie einem Sturmwind gleich in die Höhe, gefolgt von Sandmönch, der ebenfalls auf eine Wolke stieg. Ja sogar das weiße Pferd, das ursprünglich ein Drachensohn gewesen war, erhob sich mitsamt Gepäck auf zu Wind und Nebel. Zuletzt schoss Pilger in seinem Wolkenüberschlag schnurstracks gen Süden. Es dauerte nicht lange, da gewahrten sie einen großen Berg, der hoch in den Himmel aufragte. Da senkten alle drei ihre Wolken und landeten auf dem Gipfel.
Pilger aber rief Sandmönch zu: »Wir beide bleiben erst mal hier, derweil soll Bajie runterlaufen und ausfindig machen, ob es da wirklich eine Grotte gibt. Anschließend können wir dann zusammen den Meister suchen.«
Der Tölpel warf seinen Rechen nieder, schüttelte sein Gewand, dann lief er mit leeren Händen den Hang hinunter und suchte nach einem Weg. Und da wir nicht wissen, ob dieser Gang gut oder schlecht endete, lasst uns das nächste Kapitel anhören.