Erzählen wir also weiter, wie Bajie den Berghang hinunterrannte, wo er bald einen Pfad entdeckte, dem er folgte. Nach fünf, sechs Meilen erblickte er auf einmal zwei Dämoninnen, die gerade an einem Brunnen Wasser schöpften. Woran er erkannte, dass es Dämoninnen waren? Weil ihm auffiel, dass sie unter ihren Käppchen aus Bambusgeflecht einen völlig unzeitgemäßen, mit Schmuck besteckten Kopfputz trugen, der eine Elle und zwei, drei Zoll hoch aufragte!
Der Tölpel ging auf sie zu und rief: »Ungeheuer!«
Aufgebracht meinten die beiden zueinander: »Was für ein unverschämter Mönch! Wir kennen ihn nicht, haben nichts Schlechtes über ihn gesagt, und er ruft uns einfach ›Ungeheuer‹!«
Schon packten sie ihre Tragstangen, die sie zum Wasserholen benutzten, und schlugen auf ihn ein. Bajie, der keine Waffe bei sich hatte, konnte sich nicht wehren, und als er einige Schläge eingesteckt hatte, rannte er mit den Händen über dem Kopf den Hang hinauf und schrie: »O Bruder, schnell weg von hier! Die Ungeheuer sind böse!«
»Wie denn?« fragte Pilger.
»Da unten im Tal waren zwei Furien, die an einem Brunnen Wasser schöpften. Ich habe sie bloß gerufen, da haben sie mir mit ihren Tragstangen gleich drei, vier Mal auf den Kopf gehauen!«
»Was hast du denn gerufen?« wollte Pilger wissen.
»›Ungeheuer!‹ hab ich gerufen.«
Pilger lachte: »Dann haben sie dich ja noch gut behandelt!«
»Na danke«, gab Bajie zurück, »ich hab den Schädel voller Beulen, und du sagst, die hätten mich verschont!«
»Mit Milde geht es überall; mit Härte keinen Schritt voran«, zitierte Pilger. »Schließlich sind diese Ungeheuer hier zu Hause, wir hingegen kommen aus weiter Ferne und sind fremd hier. Da musst du dich schon ein bisschen freundlich zeigen, selbst wenn du ringsum bewaffnet sein solltest! Ist doch klar, dass sie dich verhauen, wenn du einfach so ›Ungeheuer‹ rufst. Wen sollen sie sonst verhauen? Hast du denn noch nie davon gehört, dass ›der Mensch die Riten und die Musik voranstellt‹?«433
»Nein, das habe ich noch nie gehört«, meinte Bajie.
»Nun, du bist ja im Gebirge aufgewachsen und hast von klein auf Menschen gefressen«, fuhr Pilger fort, »dann weißt du doch immerhin, dass es zwei Arten von Holz gibt?«
»Nein, was für Holz?«
»Zum einen das von der Pappel, zum anderen das vom
Sandelbaum. Pappelholz ist weich, darum schnitzen geschickte Handwerker daraus Heiligenfiguren und sogar Statuen des Buddha Tathagata. Diese werden dann mit Goldpulver bestäubt, geschmückt und mit Edelsteinen besetzt, und es kommen Tausende und Abertausende von Gläubigen, sich davor zu verneigen und Weihrauch zu opfern. So kommt diesem Holz ein unermessliches Glück zu. Sandelholz hingegen ist hart und fest, darum werden daraus Keile für Ölpressen hergestellt. Die werden dann oben mit einem eisernen Ring befestigt und unten mit einem schweren Eisenhammer eingeschlagen. Nur weil es so hart ist, muss es diese Qualen erleiden.«
»Ach Bruder«, meinte Bajie, »hättest du mir das doch früher gesagt, dann hätte ich keine Schläge abgekriegt.«
»Geh doch noch mal hin und frag nach.«
»Aber jetzt kennen sie mich doch!«
»Dann verwandle dich!«
»Nun gut, aber wie soll sie ich fragen?«
»Erst gehst du auf sie zu und machst eine artige Verbeugung. Dabei musst du auf ihr Alter achten: Sind sie etwa gleich alt wie wir, dann redest du sie mit ›Schwester‹ an, sind sie älter, nennst du sie ›Mütterchen‹.«
»So ein Schmarren!« versetzte Bajie, »wie soll ich auf Distanz sehen, ob die mit mir verwandt sind?«
»Es geht doch nicht darum, ob sie mit dir verwandt sind! Die richtige Anredeform sollst du benutzen! Dann kommen wir leichter ran, falls sie denn unseren Meister geschnappt haben. Und falls es nichts mit ihnen zu tun haben sollte, brauchen wir uns auch nicht unnütz aufzuhalten!«
»Du hast recht«, meinte Bajie, »dann geh ich mal.«
Er steckte sich seinen Rechen in den Gürtel, und während er dem Tal zuging, verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen feisten Mönch mit dunklem Gesicht. Dann ging er mit ausholenden Schritten auf die Damen zu, verbeugte sich tief und sprach: »Mütterchen, geringer Mönch grüßt euch ehrerbietig.«
Da meinten die beiden zueinander: »Dieser Mönch ist aber nett.« Und sie fragten: »Von wo kommt Ihr denn, werter Priester?«
»Von wo«, gab Bajie zur Antwort.
»Und wohin seid Ihr unterwegs?«
»Wo hin«, machte Bajie.
»Und wie ist Euer Name?«
»Wie ist mein Name.«
Da lachten die Ungeheuer und meinten: »Nett ist er schon, nur hat er keine Herkunft und sagt einem alles nach.«
Da fragte Bajie: »Wozu schöpft ihr hier Wasser, Mütterchen?«
»Ihr müsst wissen, werter Priester, unsere Herrin hat in der Nacht einen chinesischen Mönch in unsere Grotte gebracht, den will sie jetzt bewirten. Weil das Wasser in der Grotte nicht so sauber ist, hat sie uns hierher geschickt, von dem guten Wasser zu schöpfen, das von Yin und Yang gezeugt ist. Dann gibt es ein vegetarisches Hochzeitsbankett, und am Abend werden sie ein Ehepaar!«
Als der Tölpel dies vernommen hatte, stürmte er den Hang hinauf und schrie Sandmönch zu: »Hol das Gepäck, wir teilen es auf!«
»Wozu denn das, zweiter Bruder?« fragte Sandmönch.
»Unser Meister hat in der Grotte dieser Ungeheuer geheiratet. Jetzt müssen wir uns selbst einen Lebensunterhalt suchen!«
»Was für einen Unsinn dieser Tölpel wieder von sich gibt«, warf Pilger ein, »da ist unser Meister in der Grotte gefangen und wartet hilflos darauf, dass wir ihn rausholen, und du sagst solche Worte!«
»Wie denn rausholen?« fragte Bajie.
»Wir folgen einfach den beiden Ungeheuern. Die weisen uns doch geradezu den Weg! Sobald wir am Eingang sind, können wir zusammen Hand anlegen.«
Tatsächlich fügte sich Bajie, und so gingen sie in einiger Entfernung den Ungeheuern hinterher. Es ging immer tiefer ins Gebirge hinein, bis sie nach zehn, zwanzig Meilen die Ungeheuer plötzlich aus dem Blick verloren.
Erschrocken rief Bajie: »Unser Meister ist einem Phantom in die Falle gegangen!«
»Woher willst du das wissen?« fragte Pilger.
»Eben waren die beiden Ungeheuer noch mit ihren Wasserkübeln unterwegs, jetzt sind sie plötzlich weg. Was kann das anderes sein als ein Phantom!«
»Ich denke eher, sie sind in irgendeinem Loch verschwunden«, meinte Pilger. »Lass uns mal nachschauen!«
Mit weit offenen feurigen Goldaugen ließ der Große Heilige seinen Blick über das Gebirge schweifen. Es regte sich tatsächlich nichts mehr. Doch vor einem steilen Felshang fiel ihm ein bizarrer Hügel auf, vor dem ein hübsch verzierter Torbogen mit dreilagiger Bedachung stand. Oben war in sechs großen Schriftzeichen zu lesen: » 陷空山無底洞 – Bodenlose Grotte am Einsturzberg«.
»Seht doch, Brüder!« rief Pilger, »dort hat sich das Ungeheuer verschanzt. Wir müssen nur noch rausfinden, wie man da hineinkommt.«
Als er um den Torbogen herumging, erblickte er am Fuß des Hügels einen etwa zehn Meilen weiten Felsboden, und genau in der Mitte war ein Loch, das ganz blankgewetzt war.
»Schaut, bei diesem Loch gehen die Ungeheuer ein und aus!« rief Bajie.
»Seltsam«, wunderte sich Pilger, »seit ich alter Sun den Priester aus China beschütze, habe ich ja schon einige Dämonen bezwungen, doch einen solchen Grotteneingang habe ich noch nie gesehen. Bajie, geh du mal runter und schau nach, wie tief es ist! Anschließend werde ich hineingehen und den Meister retten.«
»Nein, das ist mir zu schwierig«, wehrte Bajie ab, »dazu bin ich alter Eber viel zu ungelenk! Was tun, wenn ich plötzlich ins Leere trete? Das würde doch Jahre dauern, bis ich unten ankomme!«
»So tief soll dieses Loch sein?« wunderte sich Pilger.
»Schau doch mal!« rief Bajie.
Da beugte sich der Große Heilige über den Rand der Öffnung und spähte nach unten. Oh! Es war wirklich tief und maß an die dreihundert Meilen im Umfang. Aufblickend rief seinen Ordensbrüdern zu: »Tatsächlich, das sieht bedenklich tief aus!«
»Dann lass uns doch gehen, so können wir den Meister nicht mehr retten«, meinte Bajie.
»Was kommt dir in den Sinn!« schalt Pilger. »Gib dich nicht der Faulheit hin, lass dich jetzt nicht gehen! Such lieber einen Platz für Gepäck und Pferd, dann könnt ihr beide hier am Eingang Wache halten, während ich mich drinnen umsehe. Falls unser Meister wirklich da unten ist, werde ich das Ungeheuer zum Ausgang jagen, damit ihr es hier stellen könnt. Auf diese Weise spielen wir uns von drinnen und draußen in die Hände. Erst wenn das Ungeheuer erledigt ist, können wir unseren Meister retten.«
Die beiden versprachen zu tun wie geheißen. Pilger aber sprang in die Höhle und ließ unter seinen Füßen weiche Wolken entstehen, auf denen er immer weiter ins Innere schwebte. Bald wurde es heller, die Sicht klärte sich auf, ja es gab sogar Sonnenschein und Wind, genau wie oben auf der Erde, selbst Blumen, Gräser und Bäume wuchsen hier.
»Was für ein hübscher Ort«, meinte Pilger bewundernd, »das ist ja so was wie ein Grottenhimmel in gesegneten Landen!«
Ringsum spähend gewahrte er nun zwischen Pinien und Bambusstauden ein Portal mit zweifacher Bedachung, hinter dem mehrere Gebäude zu erkennen waren.
»Das muss der Wohnort dieses Ungeheuers sein«, sann er. »Da will ich doch gleich mal in Verwandlung reingehen und mich ein bisschen umschauen.«
Mit einem leichten Dreh und einem magischen Fingerzeichen nahm er die Gestalt einer Fliege an und schwirrte ungehindert hinein. Da erblickte er in einem strohbedeckten Pavillon thronend die Dämonin, diesmal noch feiner herausgeputzt, als er sie im Tempel gesehen hatte. Pilger horchte eine Weile. Schließlich sah er, wie sie ihre roten Kirschenlippen öffnete und mit heiterer Stimme rief: »Dienerinnen! Bereitet sofort ein vegetarisches Mahl zu; nach dem Essen will ich mich mit dem chinesischen Priester vermählen!«
Pilger kicherte in sich hinein und murmelte: »Tatsächlich! Dann will ich mal schauen, wo der Meister ist. Wer weiß, wie ihm zumute sein mag?«
Also machte er kehrt und schwirrte tiefer in die Anlage hinein. An einem Korridor im östlichen Teil fand er eine verschlossene Tür vor, und hinter dem hölzernen Gitterwerk, das mit rotem Papier verklebt war, saß Tripitaka! Pilger stürzte durch das Papier ins Innere, landete auf dem kahlen Haupt des Priesters und rief: »Meister!«
Tripitaka erkannte seine Stimme und rief: »O mein Schüler, rette mich!«
»Meister, die Dämonin hat schon das Hochzeitsbankett bestellt, und wenn Ihr fertiggetafelt habt, sollt ihr ein Ehepaar werden. Dann kommt vielleicht bald ein Knabe oder ein Mädchen zur Welt, das sind dann Eure priesterlichen Nachkommen; was macht Ihr Euch da Sorgen?«
Mit zusammengebissenen Zähnen rief der Priester: »Mein Schüler! Wann hätte ich je einen unlauteren Gedanken gehabt, seit ich in den Westen reise? Doch jetzt werde ich von diesem Ungeheuer festgehalten, das mich zwingen will, ihm beizuschlafen. So würde doch meine ursprüngliche Yang-Kraft ausfließen und mein Leib wieder der Reinkarnation anheimfallen. Dann käme ich in die Hölle hinterm Berg der Finsternis und würde nie mehr einen Ausweg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten finden!«434
»Nun, wenn dem so ist, will ich alter Sun Euch raushelfen!« lachte Pilger.
»Aber ich weiß gar nicht mehr, auf welchem Weg ich hereingekommen bin«, meinte Tripitaka.
»Das allein wäre nicht schlimm«, versetzte Pilger, »doch diese Grotte ist ziemlich seltsam. Man kann nicht einfach rein und raus, sondern muss oben rein und sich nach unten fallen lassen. Wenn ich Euch hier rausholen will, müsst Ihr von zuunterst hochsteigen und dann oben rausschlüpfen. Ob Ihr das wirklich schafft, ist noch nicht sicher!«
Mit Tränen in den Augen fragte Tripitaka: »Aber was tun wir bloß, wenn es so schwierig ist?«
»Keine Sache, keine Sache«, meinte Pilger. »Wenn die Dämonin Euch jetzt zutrinken will, wird Euch vorerst nichts übrigbleiben, als auch eine Schale Wein zu trinken. Anschließend müsst auch Ihr eine Schale anbieten, dabei braucht Ihr nur schnell genug einzugießen, dass sich Bläschen bilden. So kann ich in Gestalt eines winzigen Insekts in eins dieser Bläschen fliegen. Sobald sie mich geschluckt hat, werde ich ihr Herz, Leber und alle anderen Organe zerquetschen. Denn erst wenn dieses Ungeheuer tot ist, könnt Ihr hier entkommen.«
»Sei’s drum«, seufzte Tripitaka, »dann komm mit mir.«
Wie nun Meister und Schüler ihren Plan besprochen hatten, war auch das Ungeheuer mit allen Vorbereitungen fertig, kam zum Korridor, schloss die Tür auf und rief: »Priester!«
Tripitaka traute sich nicht zu antworten. Erst auf den zweiten Ruf kam er nicht umhin und sagte: »Hier, meine Dame.«
Da kam die Dämonin auf ihn zu, zog ihn vom Sessel hoch und schmiegte sich eng an ihn.
Seht, wie sie vor ihm tänzelt und ihn mit den bezauberndsten Gebärden zu verführen sucht! Wie hätte sie auch Tripitakas Kummer erahnen können. So war es in der Tat:
Arglos trifft der wahre Mönch
Auf die zauberhafte Maid;
Lieblich ist das Ungeheuer,
Welch ein graziöser Leib!
Zart gezogne Augenbrauen,
Feinen Weidenblättern gleich;
Ihre frischen runden Wangen
Sind wie Pfirsichblüten weich.
Kleine Phönixfüßchen lugen
Reizvoll aus den Seidenschuhen;
Hochgebauscht die langen Haare
An den Schläfen dunkel ruhen.
So geht sie mit feinem Lächeln
Mit dem Priester Hand in Hand,
Dass betörendes Parfüm
Tief in seine Robe dringt.
Die Dämonin führte Tripitaka am Arm zu ihrem strohbedeckten Pavillon und sprach: »Priester, ich habe Wein bestellt, lasst uns hier trinken.«
Die Dämonin führte Tripitaka am Arm zu ihrem strohbedeckten Pavillon.
»Werte Dame, ich geringer Mönch trinke keinen Alkohol.«
»Das weiß ich wohl, deshalb habe ich eigens reines Wasser holen lassen, das durch die Paarung von Himmel und Erde entstanden ist. Dazu gibt es frisches Obst und Gemüse, an dem Ihr Euch laben könnt.«
Tripitaka blieb nun nichts anderes übrig, als ihr in den Pavillon zu folgen. Mit ihrer schönen schmalen Hand fasste die Dämonin einen glänzenden Goldkelch, füllte ihn mit edlem Trunk und überreichte ihn Tripitaka mit den Worten: »Mein herrlicher Priester! Trinkt einen Schluck auf unsere Vermählung!«
Schamhaft nahm Tripitaka die Schale entgegen und zögerte. Doch da hörte er, wie Pilger an seinem Ohr flüsterte: »Das ist vegetarischer Traubenwein, davon könnt Ihr schon ein bisschen kosten.«
Tripitaka musste also wohl oder übel trinken. Dann langte er eilig nach der Weinkanne, goss einen Kelch voll und hielt ihn dem Ungeheuer hin. Tatsächlich hatte sich beim Eingießen eine Blase gebildet; Pilger verwandelte sich in eine winzige Mücke und flog darunter. Die Dämonin nahm den Kelch entgegen, doch statt zu trinken, setzte sie ihn ab und verneigte sich wieder und wieder unter zärtlichem Geflüster vor Tripitaka. Nach weiteren Liebeleien nahm sie endlich den Kelch zur Hand. Doch in der Zwischenzeit war die Blase längst geplatzt, und das Insekt schwamm obenauf. Ohne zu bemerken, dass es sich um eine Verwandlung Pilgers handelte, fischte die Dämonin das Mückchen mit dem kleinen Finger heraus und schnippte es weg.
Als Pilger sah, dass die Lage schlecht stand und er schwerlich in ihren Bauch gelangen konnte, verwandelte er sich Hals über Kopf in einen hungrigen Adler, flog auf und segelte mit gespreizten Krallen über den gedeckten Tisch, dass alle Schalen und Teller mit Obst und Speisen klirrend am Boden zerschellten. Dann ließ er Tripitaka alleine zurück und suchte das Weite. Die Dämonin war zutiefst erschüttert. Zitternd klammerte sie sich an Tripitaka und sprach: »Wo kommt nur dieses Ding her, mein Priesterbruder?«
Er segelte mit gespreizten Krallen über den gedeckten Tisch, dass alle Schalen und Teller mit Obst und Speisen klirrend am Boden zerschellten.
»Geringer Mönch weiß es auch nicht«, entgegnete Tripitaka.
»Ich habe mir solche Mühe gegeben, dir diese vegetarischen Speisen anzubieten, und da kommt dieses garstige Federvieh und macht mir das ganze schöne Geschirr kaputt!«
»Herrin«, meldeten die Ungeheuer aus ihrem Gesinde, »nun liegen die Speisen im Dreck, so können wir sie nicht mehr servieren!«
»Jetzt weiß ich, warum das passiert ist, meine Dienerinnen«, sprach die Dämonin. »Mit der Gefangennahme von Tripitaka habe ich mir den Fluch von Himmel und Erde zugezogen. Darum haben sie dieses Viech hierhergeschickt. Sei’s drum, räumt die Scherben auf und richtet eine neue Tafel mit Wein und Speisen her, egal ob vegetarisch oder nicht. Der Himmel soll uns als Ehemittler gelten; die Erde sei unsere Trauzeugin! Und dann will ich mit dem Priester Hochzeit feiern.«
Wie sie nun Tripitaka abermals in der Kammer beim östlichen Korridor warten ließ, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Pilger zu, der im Auffliegen seine eigene Gestalt angenommen hatte und beim Ausgang schrie: »Weg frei!«
Bajie und Sandmönch hörten es, zogen ihre Waffen zurück, und Pilger sprang heraus. Bajie wollte genau wissen, was geschehen sei, und Pilger stattete ausführlich Bericht ab. Zuletzt meinte er: »Bleibt vorerst hier und haltet weiterhin Wache. Ich alter Sun gehe noch mal hinunter.«
Schon wandte er sich ab und sprang in das Loch hinein, wo er abermals in eine Fliege verwandelt auf dem Torbogen landete und horchte. Da hörte er, wie die Dämonin im Pavillon wutschnaubend Anweisungen erteilte: »Bringt alles her, ob vegetarisch oder nicht, und verbrennt dazu Gebetspapiere. Ich nehme mir Himmel und Erde als Vermittler und Zeugen; jetzt will ich mit diesem Priester Hochzeit feiern, koste es, was es wolle!«
Pilger lachte vor sich hin: »Dieses Ungeheuer hat ja nicht das geringste Schamgefühl; schließt am helllichten Tag einen Mönch zu Hause ein und will sich seiner bedienen. Nun, da schaue ich gleich noch mal nach, wie es dem Meister geht.«
Er surrte zum östlichen Korridor, wo er in der Kammer seinen Meister in Tränen aufgelöst vorfand. Nachdem er sich durch eine Ritze gezwängt hatte, landete er auf Tripitakas Kopf und rief: »Meister!«
Sowie der Priester ihn hörte, sprang er auf und rief aufgebracht: »Was spielst du da mit Verwandlungen rum und machst alles kaputt; wozu soll das gut sein! Jetzt ist diese Furie erst recht lüstern und kümmert sich nicht einmal mehr, ob die Speisen fleischlos sind oder nicht. Und sie will unter allen Umständen, dass ich ihr beischlafe! Wie soll das bloß weitergehen?«
Pilger grinste versöhnlich und meinte: »Nehmt es mir nicht übel, Meister. Ich weiß, wie ich Euch retten kann.«
»Wie denn?«
»Als ich eben aufgeflogen bin, habe ich gesehen, dass es hinten einen Lustgarten gibt. Macht nun dem Ungeheuer irgendwas vor, damit es mit Euch im Garten spazierengeht. Sobald Ihr aber an einem Pfirsichbaum vorbeikommt, müsst Ihr stehenbleiben, dann werde ich hinfliegen und mich in einen reifen roten Pfirsich verwandeln. Diesen Pfirsich sollt Ihr pflücken und der Dämonin zu essen geben. So kann ich ihr im Bauch die Gedärme zerfetzen, bis sie tot umfällt. Dann seid Ihr frei!«
»Kämpf doch mit ihr, wenn du das Zeug dazu hast«, versetzte Tripitaka, »warum fällt dir nichts Besseres ein, als in ihren Bauch zu kriechen?«
»Meister, überlegt doch: Wenn man in dieser Grotte leicht ein und aus gehen könnte, würde ich natürlich mit ihr kämpfen. Doch hier geht das nicht, und ich kann nicht gut zuschlagen. Darum muss ich die Sache auf diese Weise anpacken. Nur so kommt alles ins Reine.«
Da nickte Tripitaka und vertraute ihm. Nachdem der Plan festgelegt war, stand Tripitaka auf und rief durch das Fenstergitter: »Werte Dame!«
Als die Dämonin dies hörte, trippelte sie mit beglücktem Lächeln herbei und rief: »Was ist, mein herrlicher Bruder?«
»Meine Dame«, hub Tripitaka an, »der Weg in den Westen war sehr anstrengend, und im Kloster zur Beherrschung des Ozeans habe ich mir vor ein paar Tagen eine schwere Erkältung geholt; erst seit ich stark geschwitzt habe, geht es etwas besser. Dank Euch, meine Dame, darf ich nun in dieser
göttlichen Residenz weilen, doch nach dem langen Herumsitzen fühle ich mich etwas bedrückt. Würdet Ihr mich vielleicht ein wenig nach draußen begleiten, wo wir uns ein bisschen die Zeit vertreiben können?«
Ganz beschwingt antwortete die Dämonin: »Das kommt mir ganz entgegen, mein herrlicher Bruder! Ich will mit Euch in den Garten gehen.«
Die Dämonin hieß ihr Gesinde, im Hinterhof das Tor zum Garten aufzumachen und die Gartenwege zu reinigen. Dann öffnete sie die Kammertür und geleitete Tripitaka am Arm nach draußen.
Seht, wie nun zahlreiche Ungeheuer anmutig um Tripitaka tänzeln, ein jedes mit gesalbtem Haar und gepudertem Gesicht! So wurde er in den Garten geführt, wo ihm die Dämonin zuflüsterte: »Mein herrlicher Bruder, hier können wir uns wunderbar amüsieren und die Zeit vertreiben.«
An ihrer Hand wandelte Tripitaka gemächlich durch den Garten, der über und über mit wunderlichen Blumen und ausgesuchten Pflanzen bewachsen war. Nachdem sie schon an vielen Pavillons vorbeigegangen waren, kamen sie endlich zu einem Pfirsichhain. Pilger zwickte seinen Meister am Kopf, surrte auf einen Ast und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen köstlich roten Pfirsich. Da sprach der Priester: »Werte Dame, Euer Garten duftet von all der Blütenpracht, und die Äste sind voll reifer Früchte. Doch sagt, wie kommt es, dass an diesem Baum teils rote und teils grüne Pfirsiche wachsen?«
Die Dämonin lächelte und gab zur Antwort: »Gäbe es nicht Yin und Yang, so wären weder Sonne noch Mond am Himmel, und auf Erden würden weder Gräser noch Bäume wachsen. Ohne Yin und Yang wären auch die Menschen nicht in Mann und Frau geteilt. Ebenso verhält es sich mit diesen Früchten: Diejenigen, die in der Sonne sind, werden eher reif, die im Schatten aber wachsen langsamer, darum sind sie noch grün. Dies ist das Prinzip von Yin und Yang.«
»Besten Dank für Eure Belehrung, meine Dame«, sprach Tripitaka. Dann brach er den roten Pfirsich vom Ast, während die Dämonin einen grünen pflückte. Mit einer Verneigung überreichte Tripitaka ihr den roten Pfirsich und sprach: »Meine Dame, da Ihr die Lust liebt, sollt Ihr den roten Pfirsich essen; den grünen aber mögt Ihr mir geben.«
Tatsächlich tauschte die Dämonin mit ihm und dachte erfreut: »Dieser Priester ist ein echter Verehrer! Schon jetzt zeigt er mir seine Zuneigung, obschon wir noch keinen Tag verheiratet sind!«
Tripitaka aber nahm den grünen Pfirsich und biss sofort hinein. Und weil die Dämonin es ihm liebend gern gleichtun wollte, öffnete sie ihre roten Kirschenlippen, dass die silberhellen Zähne zu sehen waren, und wollte gerade ein Stück abbeißen, als Pilger vor lauter Aufregung mit einem Überschlag in ihren Bauch kollerte. Erschrocken sprach sie zu Tripitaka: »Oh, Priester! Warum lässt sich diese Frucht nicht beißen und rollt mir einfach den Hals hinunter?«
»Meine Dame«, meinte Tripitaka, »wenn der Garten offen ist, werden die reifen Früchte gern gegessen, darum rutschen sie schnell hinunter.«
Inzwischen hatte Pilger im Bauch des Ungeheuers seine eigene Gestalt angenommen und rief: »Meister, ich alter Sun habe es geschafft! Ihr braucht Euch nicht weiter mit ihr abzugeben.«
»Sei nicht allzu grob, mein Schüler«, mahnte Tripitaka.
Die Dämonin hörte es und fragte erstaunt: »Mit wem sprecht Ihr da?«
»Mit meinem Schüler Sun Wukong.«
»Wo ist er denn?«
»In Eurem Bauch«, antwortete Tripitaka. »Er war der Pfirsich, den Ihr eben gegessen habt!«
Die Dämonin erschrak und rief: »O weh, das ist mein Ende! Pilger Sun, warum musst du unbedingt in meinen Bauch reinkommen?«
»Da gibt’s kein Warum«, meinte Pilger. »Ich will hier bloß deine Leber, deine sechs Lungenlappen und dein Herz mit allen Kapillaren fressen. Das säubert dir die Organe und macht dich zu einem Klappergespenst!«
Der Dämonin wollte schier das Herz stillstehen. Da begann Pilger ihren Bauch mit Fäusten und Fußtritten zu bearbeiten, spreizte sich nach allen Seiten und machte Luftsprünge, dass ihr beinahe die Bauchdecke platzen wollte. In qualvollen Schmerzen stürzte die Dämonin in den Staub und gab lange keinen Laut von sich. Als Pilger nichts mehr hörte, glaubte er sie tot und ließ eine Weile nach. Doch schon kam das Ungeheuer wieder zu sich und rief: »Dienerinnen, wo seid ihr?«
Ihre Ungeheuer hatten sich nämlich im Garten verstreut und mit Blumenpflücken vergnügt, um ihre Herrin in aller Ruhe mit Tripitaka tändeln zu lassen. Erst als sie diesen Ruf vernahmen, eilten sie herbei und fanden die Dämonin, die sich mit fahlem Gesicht stöhnend am Boden wälzte. Eilends halfen sie ihr auf und fragten: »Was ist mit Euch, Herrin? Hat Euch ein akuter Herzschmerz befallen?«
»Nein, nein«, ächzte die Dämonin, »es ist jemand in meinem Bauch; lasst diesen Priester sofort raus!«
Tatsächlich fassten die kleinen Ungeheuer Tripitaka unter und wollten ihn hochtragen. Doch da rief Pilger aus dem Bauch heraus: »Wer erkühnt sich, meinen Meister zu tragen! Bringe du ihn persönlich hinaus, wenn dir das Leben lieb ist!«
Die Dämonin, der es jetzt nur noch ums nackte Leben ging, raffte sich auf, nahm Tripitaka auf den Rücken und ging mit ihm aus dem Garten.
»Wohin wollt Ihr denn, Herrin?« fragten die Ungeheuer.
»Solange noch der helle Mond über den fünf Seen scheint, wird sich schon ein Ort zum Angeln finden!« versetzte die Dämonin. »Ich schicke diesen Kerl weg und hole mir einen anderen!«
Mit einem Satz stieg sie auf einer lichten Wolke zur Öffnung auf, wo man schon das metallene Klirren der Waffen hören konnte.
»Mein Schüler, draußen hört man Waffen klirren!« rief Tripitaka.
»Das ist Bajie, der seinen Rechen wetzt«, versetzte Pilger, »ruft ihn mal!«
»Bajie!« rief Tripitaka. Der hörte es und rief Sandmönch zu: »Der Meister kommt!«
Da zogen beide ihre Waffen ein, und die Dämonin hievte Tripitaka ins Freie. Oho! So war es in der Tat:
Der Herzensaffe geht ins Loch,
Das Ungeheuer zu bezwingen;
Holz und Erde halten Wacht,
Den Priester zu empfangen.
Und da wir nicht wissen, wie es um das Leben des Ungeheuers stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.