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083 Der Herzensaffe kennt den Punkt des Elixiers / Die Jungfrau kehrt zurück ins Innere Wesen

Wie nun Tripitaka von dem Ungeheuer aus der Grotte gehievt wurde, meinte Sandmönch: »Da seid Ihr ja, Meister! Wo ist unser Ordensbruder?«

Tripitaka wies auf die Dämonin: »Wukong ist in ihrem Bauch.«

»Ha«, lachte Bajie auf, »diese schmutzige Art zu töten! Was suchst du in ihrem Bauch, komm doch raus!«

Da rief Pilger von innen: »Mund auf, dann komme ich raus!«

Wirklich öffnete die Dämonin ihren Mund. Pilger machte sich ganz dünn und kroch zur Kehle hinauf, wo er gerade hinausspringen wollte, als er sich besann: Das Ungeheuer könnte sich ja erdreisten, ihn zu beißen. Also behauchte er seine Eisenstange mit göttlichem Atem und machte einen Dattelkern daraus, mit dem er ihr den Kiefer aufstemmte. Dann nahm er einen Satz und war draußen; gleichzeitig riss er flink die Stange an sich, beugte sich vornüber und nahm wieder seine eigene Gestalt an. Nun schwang er seine Stange und ließ sie niedersausen, während sich das Ungeheuer flugs mit zwei Schwertern zur Wehr setzte, dass es nur so klirrte. So lieferten sich die beiden auf dem Berg ein weiteres Gefecht.

Bajie brummelte missvergnügt vor sich hin und meinte schließlich zu Sandmönch: »Schau, wie unvorsichtig unser Ordensbruder wieder vorgeht! Eben hätte er sie im Bauch doch bloß mit den Fäusten traktieren müssen, bis sie Blut gespuckt hätte. Dann hätte er ihr den Bauch aufreißen und rauskommen können, und die Sache wäre erledigt gewesen! Wozu muss er zum Mund rauskommen, bloß um schon wieder kämpfen zu müssen und sie von neuem in Wut zu bringen?«

»Stimmt«, meinte Sandmönch, »und es ist auch schade um die Mühe, die er sich gemacht hat, den Meister aus der Grotte zu befreien. Lassen wir den Meister doch eine Weile hier warten, während wir beide dem Ordensbruder mit unseren Waffen beistehen, bis dieses Ungeheuer erledigt ist.«

Bajie winkte ab: »Das geht doch nicht! Er hat magische Kräfte, nicht wir!«

»Was redest du da«, rief Sandmönch, »das kommt uns doch allen zugute! Komm mit!«

Ohne sich weiter um ihren Meister zu kümmern, schossen die beiden auf einem Windstoß hinterher und begannen wild auf die Dämonin einzudreschen. Diese hatte bereits Mühe gehabt, Pilger allein in Schach zu halten, und als nun zwei dazukamen, konnte sie sich nicht länger wehren. Schon wandte sie sich ab und stob davon. Pilger schrie seinen Ordensbrüdern zu, ihr dicht auf den Fersen zu folgen. Als die Dämonin bemerkte, dass sie verfolgt wurde, zog sie ihren rechten Schuh aus und warf ihn hinter sich, wo er in ihrer Gestalt mit schwirrenden Schwertern auf die beiden zukam, während sie in ihrem echten Körper als Windstoß zurücksauste.

Man würde nun denken, dass sie einfach um ihr Leben floh, weil sie dem Kampf gegen die drei Ordensbrüder nicht gewachsen war. Doch wer hätte gedacht, dass jetzt noch ein solches Missgeschick folgen würde? Gewiss weil noch immer ein Unglücksstern über Tripitaka stand. Denn als die Dämonin nun am Torbogen vor dem Grotteneingang den Priester ganz alleine sitzen sah, schoss sie auf ihn zu, packte ihn mit einem Griff, riss gleichzeitig das Gepäck an sich, biss dem Pferd die Zügel durch und riss Tripitaka mitsamt dem Pferd ein zweites Mal nach unten. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Wenden wir uns stattdessen Bajie zu, der mit einem Hieb das Ungeheuer zu Boden schlug – doch da war es nur ein bestickter Schuh! Pilger sah es und rief: »Ihr seid doch Tölpel! Den Meister sollt ihr bewachen, wer hat euch gesagt, hierher zu kommen?«

»Siehst du, Sandmönch, ich hab’s doch gesagt!« versetzte Bajie. »Aber der Affe ist auch nicht gescheit: Wir helfen ihm das Ungeheuer bezwingen, und er nimmt es uns übel!«

»Ihr wollt ein Ungeheuer bezwungen haben?« schrie Pilger. »Gestern im Kampf ist es mir mit demselben Schuh-Trick entwischt. Wer weiß, wie es jetzt um den Meister steht; gehen wir sofort zu ihm!«

Und wirklich, als die drei herbeieilten, war der Meister verschwunden, ebenso das Gepäck und das weiße Pferd.

Fassungslos begannen Bajie und Sandmönch alles durchzustöbern, und der Große Heilige glühte vor Wut. Schließlich entdeckte er ein Stück Zügel, das am Wegesrand liegengeblieben war. Als er es zur Hand nahm, kamen ihm plötzlich die Tränen. Da konnte sich Bajie nicht halten und brach in schallendes Gelächter aus.

»Elender Taugenichts«, schrie Pilger, »willst du etwa schon wieder alles aufgeben?«

»Nein, Bruder«, gab Bajie zurück, »aber der Meister ist sicher wieder in die Grotte verschleppt worden, und man sagt doch: ›Aller guten Dinge sind drei‹! Du bist schon zweimal in der Grotte gewesen, wenn du jetzt noch mal reingehst, kommt der Meister mit Sicherheit frei!«

Pilger wischte sich die Tränen ab und sagte: »Ach sei’s drum. Jetzt hab ich auch gar keine andere Wahl. Dann haltet hier am Ausgang schön Wache.«

Abermals sprang Pilger hinein und kam zum Wohnort der Dämonin, doch das Tor war verschlossen. Da schwang er seine Eisenstange, zertrümmerte es mit einem Hieb und stürmte hinein. Hier lag alles still und menschenleer, auch im östlichen Korridor war Tripitaka nicht zu finden, und im Pavillon waren weder Tische und Stühle noch sonstige Gegenstände zu sehen. Da diese Grotte ja ganze dreihundert Meilen im Umfang maß, verfügte die Dämonin natürlich über etliche Schlupfwinkel. Zuvor hatte sie Tripitaka hierher gebracht, doch weil Pilger sie aufgespürt hatte, war sie diesmal umgezogen. Aber wohin? Vor lauter Wut hämmerte sich Pilger verzweifelt mit den Fäusten an die Brust und tobte laut schreiend herum. Auf einmal drang ein Hauch von Weihrauchduft an seine Nase. Er sann: »Dieser Duft kommt von hinten. Dort muss es sein!«

Er lief los und hielt Ausschau. Was er schließlich fand, war ein dreiteiliger Raum gegenüber der Haupthalle. An der

Rückwand stand ein Altartisch, auf dem duftende Rauchschwaden aus einem Weihrauchgefäß aufstiegen. Dahinter war eine senkrecht stehende Ahnentafel angebracht, auf der in goldener Schrift geschrieben stand: »Dem verehrten Vater, Himmelskönig Li«, und etwas weiter hinten: »Dem verehrten Bruder, Dritter Prinz Nata«.

Als Pilger dies entdeckte, füllte sich sein Herz mit Freude. Ohne weiter nach dem Ungeheuer und Tripitaka zu suchen, packte er die Ahnentafel mitsamt dem Weihrauchgefäß und schoss auf einer Wolke schnurstracks zum Ausgang, wo er fröhlich kichernd ins Freie sprang.

»Du bist ja ganz glücklich, Bruder«, riefen Bajie und Sandmönch, »sicher hast du den Meister gerettet!«

»Wir brauchen ihn nicht mehr zu retten«, lachte Pilger, »wir müssen uns bloß an diese Tafel halten!« Er legte seine Beute nieder und rief: »Schaut euch das an!«

Sandmönch besah sich die Sachen und fragte: »Was soll das bedeuten?«

»Das stand auf dem Altar dieses Ungeheuers«, erklärte Pilger, »eben habe ich seinen Wohnort gestürmt, aber dort war kein Mensch. Nur diese Ahnentafel hab ich gefunden.

Demnach muss das Ungeheuer eine Tochter des Himmelskönigs Li sein, eine jüngere Schwester von Nata, seinem dritten Prinzen. Wahrscheinlich hat sie sich nach irdischen Freuden gesehnt und sich deshalb hier als Ungeheuer unseren Meister unter den Nagel gerissen. Von wem sonst sollen wir unseren Meister fordern? Haltet ihr beide weiterhin an dieser Stelle Wache; ich alter Sun gehe derweil mit der Ahnentafel in die Himmelshallen und erstatte vor dem Jadekaiser Anklage, damit der alte Herr Himmelskönig mir den Meister zurückgibt.«

»Aber Bruder, beim Kaiser des Himmels kannst du doch nicht einfach so Klage einreichen!« gab Bajie zu bedenken.

Pilger lachte: »Ich weiß, wie ich vorgehen muss. Die Ahnentafel und das Weihrauchgefäß dienen mir als Beweisstücke, und dazu verfasse ich eine Anklageschrift.«

»Was willst du denn schreiben?« wollte Bajie wissen, »lass mal hören!«

Da trug Pilger vor:

»Ankläger Sun Wukong, Geburtsdaten gemäß Ausweis,

Schüler des Indienpilgers und Schriftenholers Tripitaka aus

China im fernen Osten, erhebt Anklage wegen

Menschenverschleppung durch Ungeheuer. Aufgrund

nachlässiger Beaufsichtigung der Frauengemächer entlief

Himmelskönig Li Jing und seinem Sohne Nata eine

Tochter, welche sich in den niederen Gefilden auf dem

Einsturzberg in der Bodenlosen Grotte als Ungeheuer

eingenistet, zahlreiche Lebewesen irregeführt und

vernichtet hat. Zur Zeit wird mein Meister von besagter

Tochter an unbekanntem Orte festgehalten. Es gilt zu

untersuchen, ob es Vater und Sohn an Güte ermangelte,

dass sie zulassen konnten, besagte Dame in Gestalt eines

Ungeheuers Schaden anrichten zu lassen. Ergebenst bitte

ich um Entgegenkommen sowie um Erteilung eines

Haftbefehls mit nachfolgender Gerichtsverhandlung, auf

dass dem Dämonischen ein Ende bereitet, mein Meister

gerettet und ein klarer Schuldspruch gefällt werde. In

Dankbarkeit für die huldvolle Anteilnahme sei obige Klage

eingereicht.«

Nachdem sich Bajie und Sandmönch diesen Wortlaut angehört hatten, meinten sie: »Bruder, die Anklage ist gerechtfertigt, damit wirst du sicher Erfolg haben. Beeil dich und komm bald wieder zurück!«

Da stieg Pilger mit Ahnentafel und Weihrauchgefäß auf einer glückverheißenden Wolke zum Südlichen Himmelstor

auf und drang schnurstracks bis zur Halle der Durchdringenden Klarheit vor. Dort empfingen ihn die Vier Großen Himmelsmeister mit höflichen Verneigungen und fragten: »Was ist der Grund Eures Kommens, Großer Heiliger?«

»Ich komme mit einer Anklageschrift, es geht um die Klage gegen zwei Personen!«

»Dieser dreiste Kerl!« riefen die Himmelsmeister bestürzt, »gegen wen richtet sich die Klage wohl?«

Doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihn zur Halle der Himmelshöhen zu führen. Dort legte Pilger Ahnentafel und Weihrauchgefäß nieder, verneigte sich vor dem Jadekaiser und ließ die Klageschrift einreichen. Nachdem der Jadekaiser alles durchgelesen hatte, setzte er den Vermerk dazu, selbige Schrift sei als himmelskaiserliches Edikt zu betrachten, und beauftragte Abendstern Taibai, mit Pilger zum Palast der

Wolkentürme zu gehen, um den Pagodentragenden Himmelskönig zur Audienz zu bitten.

Im Palast der Wolkentürme nämlich residierte der Himmelskönig. Pilger folgte dem Abendstern, und der Himmelskönig kam ihnen zum Empfang aus dem Palast entgegen. Als er sah, dass der Abendstern ein kaiserliches Edikt mitbrachte, gab er Auftrag, Weihrauch anzuzünden. Wie er sich umwandte, erblickte er auf einmal Pilger. Da konnte er sich nicht halten zu fragen: »Werter Abendstern Changgeng, was bringt Ihr denn für ein Edikt?«

»Es ist eine Anklage des Großen Heiligen Sun gegen Euch.«

Wie der Himmelskönig das Wort »Anklage« hörte, rief er verärgert: »Gegen mich? Warum denn das?«

»Wegen Menschenverschleppung durch Ungeheuer«, erklärte der Abendstern. »Lest selber, sobald Ihr mit dem Weihrauchopfer fertig seid.«

Wutschnaubend platzierte der Himmelskönig den Weihrauch auf dem Altartisch, faltete mit Blick zum Himmel die Hände und verneigte sich, dann rollte er das Edikt auf und las, dass es sich um besagte Sache handelte. Aufgebracht schlug er mit der Hand auf den Altartisch und rief: »Dieser Affenschädel verklagt mich zu Unrecht!«

»Beruhigt Euch«, mahnte der Abendstern, »beim Jadekaiser liegen zwei Beweisstücke vor, eine Ahnentafel und ein Weihrauchgefäß. Diese bezeugen, dass es sich um Eure Tochter handeln muss!«

»Ich habe nicht mehr als drei Söhne und eine Tochter«, erklärte der Himmelskönig, »die Söhne sind der Reihe nach: Suvarnata, der Buddha Tathagata in der Vorhut als Schutzgott dient; Moksa, der als Jünger von Bodhisattva Guanyin im Südmeer lebt, und Nata, der tagaus, tagein an meiner Seite ist. Meine einzige Tochter ist gerade erst sieben Jahre alt und heißt Zhenying. Sie kennt ja noch nicht mal das Leben richtig, wie könnte sie auf die Idee kommen, sich in einen bösen Geist zu verwandeln? Wenn Ihr’s nicht glaubt, bringe ich sie sofort hierher, dann könnt Ihr Euch selbst überzeugen! Unverschämt ist dieser Affenschädel! Außerdem habe ich so hohe Verdienste erworben, dass der Jadekaiser mir einen Rang erteilt hat, der es mir erlaubt, Hinrichtungen vorzunehmen, ohne den Jadekaiser um Genehmigung bitten zu müssen! Selbst ein Mann aus dem gemeinen Volk in den irdischen Gefilden darf nicht einfach so verleumdet werden! So steht es im Buch der Gesetze geschrieben: ›Bei Verleumdung wird die Strafe um drei Stufen erhöht‹!«

Er gab Befehl, den Affen zu fesseln. Sogleich stürzten sich der Mächtige Seelengott, General Fischbauch, die Yaksas und andere Generäle auf Pilger und legten ihn in Fesseln.

»Richtet bloß kein Unheil an, Himmelskönig!« mahnte der Abendstern.

Doch dieser schlug die Bedenken in den Wind und meinte: »Werter Abendstern, man kann doch nicht zulassen, dass dieser Kerl mit einer falschen Anklage kommt! Bitte geruht ein Weilchen Platz zu nehmen, bis ich mit meinem Dämonenschwert diesem Affen den Kopf abgehauen habe. Anschließend werde ich mit Euch bei Throne Bericht erstatten.«

Als der Abendstern sah, wie der Himmelskönig den Säbel zur Hand nahm, machte er sich ernsthaft Sorgen um Pilger. Der jedoch zeigte überhaupt keine Furcht, sondern lachte vergnügt und rief ihm zu: »Macht Euch nichts draus, Alter, es wird schon nichts geschehen. So laufen die Geschäfte des alten Sun: Erst verlieren, dann gewinnen!«

Er hatte kaum geendet, da schwang der Himmelskönig auch schon seinen Säbel in die Höhe. Gerade wollte er ihn auf Pilger niedersausen lassen, als ihm plötzlich Nata in den Arm fiel und rief: »Besänftigt Euren Zorn, Vater König!«

Der Himmelskönig erblasste vor Schreck. Oho! Wenn ein Sohn des Vaters Schwert aufhält, muss ihn der Vater doch mit harschen Worten abhalten; wie kam es, dass stattdessen der Vater erschrak? Nun, dafür gab es allerdings einen triftigen Grund. Denn damals, als Nata geboren wurde, war auf seiner linken Handfläche das Schriftzeichen »Na« und auf seiner rechten das Zeichen »Ta« zu sehen, weshalb er den Namen »Nata« erhalten hatte. Schon nach drei Tagen war dieser Prinz ins Meer hinabgetaucht, um sich zu reinigen, doch dabei richtete er großes Unheil an. Er stieß nämlich den Wasserkristallpalast um und nahm einen Wasserdrachen gefangen, dem er die Sehnen entreißen wollte, um daraus Kordeln zu drehen. Als der Himmelskönig davon erfuhr, beschloss er ihn zu töten, um weiterem Unheil vorzubeugen. Aus Zorn darüber nahm Nata einen Dolch zur Hand und schnitt sich sein Fleisch vom Leib, um es seiner Mutter zurückzugeben, dann schälte er die Knochen aus dem Fleisch und gab sie seinem Vater zurück. Damit hatte er den Eltern Samen und Blut zurückerstattet. Daraufhin stieg seine kleine Seele flugs ins Paradies des Westhimmels auf und erstattete Anklage vor Buddha. Dieser war gerade dabei, vor einer Schar Bodhisattvas die Heiligen Schriften zu erläutern, als er unter seinem Baldachin auf einmal ein menschliches Stimmchen vernahm, das rief: »Zu Hilfe!«

Mit seinem Auge der Weisheit erkannte der Buddha, dass es die Seele von Nata war. Sofort fertigte er aus einer Lotoswurzel Knochen und aus Lotosblättern Kleider und sprach ein heiliges Mantra zur Wiederbelebung, dass Nata wieder ins Leben kam. Unter Einsatz seiner göttlichen Kräfte unterwarf Nata anschließend Ungeheuer von sechsundneunzig Grotten, und dabei zeigte sich, welch immense Zauberkräfte er besaß. Anschließend wollte er den Himmelskönig umbringen, aus Rache dafür, dass er ihm seine Knochen zurückgegeben hatte. Da sah der Himmelskönig keine andere Wahl, als vor Buddha Einspruch zu erheben und um Hilfe zu bitten. Buddha schenkte ihm eine wunscherfüllende goldene Requisiten- Pagode mit Buddhas auf jedem Geschoss und sprach Nata zu, fortan ihn, Buddha, als Vater zu betrachten. Auf diese Weise wurde die Fehde gelöst, und Natas Vater ward von da an der Pagodentragende Himmelskönig genannt.

Nun hatte er aber an diesem Tage untätig zu Hause geweilt und daher seine Pagode nicht mitgenommen; darum fürchtete er, Nata wollte sich doch noch rächen. Dies war der Grund, warum er vor Schreck erblasste. Er eilte also unverzüglich zu seinem Thron, nahm die goldene Pagode und stellte sie sich auf die Handfläche, bevor er fragte: »Was möchtest du mir sagen, mein Kind?«

Nata berührte mit der Stirn den Boden und sprach: »Vater König, Ihr habt tatsächlich eine Tochter in den irdischen Gefilden!«

»Mir sind nicht mehr als vier Kinder geboren worden«, versetzte der Himmelskönig, »woher sollte ich eine weitere Tochter haben?«

»Habt Ihr es denn vergessen, Vater König?« drängte Nata. »Es war doch einst eine Dämonin, die vor dreihundert Jahren auf dem Seelenberg heimlich Lampenöl und Kerzenwachs fraß. Buddha Tathagata hat uns beide ausgeschickt, sie zu bändigen. Eigentlich hätten wir sie töten müssen, doch Buddha hat uns ermahnt mit den Worten: ›Züchte Fische, ohne sie zu angeln; füttere den Hirsch, auf dass er lange lebe!‹ Darum haben wir sie schließlich am Leben gelassen. Und weil ihr diese Gunst zuteilwurde, hat sie Euch als Vater und mich als Bruder verehrt und uns in den unteren Gefilden Ahnentafeln aufgestellt, vor denen sie seither immer Räucherwerk opfert. Nur hätten wir nicht gedacht, dass sie sich von neuem in einen bösen Geist verwandeln und gar dem Priester aus China zusetzen würde. Sie, die Euch als Vater verehrt, ist also keine leibliche Schwester von mir.«

Auf diese Rede rief der Himmelskönig erschrocken: »Mein Kind, das habe ich tatsächlich vergessen! Wie nannte sie sich noch?«

»Sie hat drei Namen«, antwortete Nata, »ihrer ursprünglichen Herkunft gemäß heißt sie ›Geist der weißen Maus mit der goldenen Nase‹. Seit sie aber Lampenöl und Kerzenwachs gefressen hatte, nannte sie sich ›Halbe Guanyin‹, und seit wir sie verschont haben und sie in den irdischen Gefilden lebt, hat sie sich den Namen ›Erdquelldame‹ zugelegt.

Da besann sich der Himmelskönig. Eilends stellte er seine Pagode ab und kam zu Pilger, um ihm eigenhändig die Fesseln zu lösen. Der aber spielte jetzt den Schalk und rief: »Es wage mich keiner loszubinden! Bringt mich mitsamt der Fesseln vor den Thron, nur so werde ich alter Sun den Prozess gewinnen!«

Dem Himmelskönig erlahmte vor Schreck die Hand, und selbst seinem Prinzen verschlug es die Sprache. Der Große Heilige aber begann sich auf dem Boden zu wälzen und verlangte wie besessen, er wolle solchergestalt mit dem

Himmelskönig vor dem himmelskaiserlichen Thron erscheinen. Himmelskönig Li wusste nicht mehr, was er tun sollte, und flehte den Abendstern an, doch bitte ein gutes Wort einzulegen. Dieser versuchte Pilger mit allen Mitteln zur Vernunft zu bringen und bat so lange, bis Pilger sich endlich

einverstanden erklärte, dass der Himmelskönig ihm eigenhändig die Fesseln lösen und sich anschließend vor ihm verneigen und entschuldigen sollte.

»Nun, alter Mann!« rief er dem Abendstern zu, »da seht Ihr’s doch! Ich habe ja gesagt, dass ich zuerst verliere und dann gewinne; so werden die guten Geschäfte gemacht. Und nun seht zu, dass Ihr schnellstmöglich zum Jadekaiser geht, dass mein Meister bloß nicht zu lange aufgehalten wird!«

Der Abendstern drängte den Himmelskönig zum Gehen, doch dieser traute sich nicht vor den Thron, aus Furcht, ihm könne etwas zur Last gelegt werden, was doch eigentlich gar nicht zu ihm gehörte. Wie sollte er sich dann vor dem Jadekaiser verteidigen? Verzweifelt bat er abermals den Abendstern, für ihn ein gutes Wort einzulegen. Da sprach der Abendstern zu Pilger: »Ich habe eine Idee. Seid Ihr bereit, mir Folge zu leisten?«

»Sagt nur, sprecht!«

»Wie ihr wisst, ›zieht sich ein Prozess von einem Tag meist zehn Tage hin‹. Ihr habt vor dem Jadekaiser Anklage erhoben mit der Behauptung, das Ungeheuer sei eine Tochter des Himmelskönigs; dieser wiederum verneint das, und so würdet ihr vor dem Jadekaiser nur noch über diese Frage debattieren. Nun entspricht ja aber ein Tag im Himmel einem Jahr auf Erden, und so wäre Euer Meister bald ein ganzes Jahr in der Grotte der Dämonin gefangen. Dann bräuchten wir nicht mehr über die Vermählung zu reden, denn bis dahin wäre wohl schon ein kleiner Mönch zur Welt gekommen. Und damit wäre der Sache doch auch kein Dienst erwiesen?«

Nachdenklich senkte der Große Heilige den Kopf und meinte: »Da habt Ihr allerdings recht! Nun gut, Alter, wie sollten wir Eurer Meinung nach dem Jadekaiser Rechenschaft ablegen?«

»Lasst den Himmelskönig Truppen aufstellen und bezwingt das Ungeheuer gemeinsam, derweil ich beim Jadekaiser Bericht erstatte.«

»Und wie soll Euer Bericht lauten?«

»Ich werde einfach sagen, der Ankläger sei entlaufen und der Angeklagte darum der Anklage enthoben.«

»Na bitte!« versetzte Pilger lachend, »Euch zuliebe habe ich nachgegeben, und nun wollt Ihr erzählen, ich sei entlaufen? Lasst ihn mit Truppen beim Südlichen Himmelstor warten, derweil ich mit Euch bei Throne vorspreche!«

Ängstlich wandte der Himmelskönig ein: »Aber wenn er bei Throne zu viel sagt, fällt die ganze Schuld auf mich, dann wird es heißen, ich hätte den Himmelskaiser hintergangen!«

»Für wen haltet Ihr den alten Sun eigentlich?« fuhr ihn Pilger an, »ich bin ein Mann von edler Gesinnung und weiß sehr wohl um den Spruch: ›Ist ein Wort einmal gefallen, holt kein Viergespann es ein.‹ Ich werde Euch doch nicht diffamieren!«

Da bedankte sich der Himmelskönig bei Pilger, und dieser ging mit dem Abendstern zum Jadekaiser. Als er bald darauf zurückkam, sah er bereits den Himmelskönig und Nata mit ihren Truppen vor dem Südlichen Himmelstor warten. Sogleich brausten die göttlichen Krieger in Wind und Nebel hinter Pilger her, senkten alsbald ihre Wolken und landeten auf dem Einsturzberg. Bajie und Sandmönch traten ihnen zum Empfang entgegen, und dann gingen alle gemeinsam zum Grotteneingang.

»Wer nicht in die Tigerhöhle dringt, wird keinen jungen Tiger kriegen«, sprach der Himmelskönig und fragte: »Wer wagt die Vorhut zu übernehmen?«

»Ich!« rief Pilger.

Doch Prinz Nata sprach: »Ich will die Vorhut übernehmen, denn mir wurde der Befehl erteilt, das Ungeheuer zu besiegen.«

Da drängte sich Bajie grobschlächtig vor und schrie: »Für die Vorhut braucht’s auch noch den alten Eber!«

»Lärmt nicht so«, mahnte der Himmelskönig, »haltet Euch an meine Anweisung: Der Große Heilige Sun soll sich mit Prinz Nata allen voran nach unten begeben, derweil wir drei hier am Ausgang Wache halten. So bleibt dem Ungeheuer kein Ausweg, weder zum Himmel noch in die Erde.«

»Das ergibt Sinn«, waren sich alle einig.

Seht, wie nun Pilger und der dritte Prinz den Truppen voran in die Grotte hinabgleiten!

Im Nu kamen sie auf glückverheißenden Wolken unten an und drangen geradewegs in den vormaligen Wohnsitz der

Dämonin. Dort suchten sie jede Kammer ab und durchkämmten sämtliche Winkel, bis Boden und Rasenflächen über die gesamten dreihundert Meilen hinweg ganz zertrampelt waren. Doch nirgends kam ein Ungeheuer zum Vorschein!

Bald waren alle der Meinung, das Sündentier sei gewiss geflohen, irgendwohin weit weg von dieser Grotte. Wie hätten sie auch wissen können, dass es in einem dunklen Winkel unten am südöstlichen Rand noch eine winzige Grotte gab? Ein unscheinbar kleiner Toreingang führte zu einem Häuschen, davor standen ein paar Bonsai-Töpfe, und an der Außenwand wuchsen Bambusstauden. Alles war in trübes Dunkel gehüllt und von dumpfen Gerüchen durchzogen. Die Dämonin hatte Tripitaka hierher entführt, um ihn endlich zur Heirat zu zwingen, und war sich sicher, dass Pilger ihn hier niemals finden würde. Doch wer hätte gedacht, dass das Schicksal es anders wollte? Drinnen waren ja auch zahlreiche kleine Ungeheuer, und die schwatzten und lärmten, schubsten und drängten, bis schließlich eines leichtfertig den Kopf hinausstreckte. Zufällig war genau im selben Augenblick einer der himmlischen Krieger zur Stelle und schrie nun laut: »Hier!«

Pilger fasste seine Stange und sprang mit einem Satz hinein. Da fand er in dem engen Raum ein ganzes Nest von Ungeheuern, denen nun jeder Fluchtweg verwehrt war, denn hinter Pilger stießen ja bereits alle himmlischen Krieger geschlossen vor!

Bald fand Pilger auch Tripitaka, Pferd und Gepäck wieder. Der Dämonin war klar, dass kein Ausweg blieb. Wie sie nun den Prinzen Nata erblickte, warf sie sich vor ihm zu Füßen, schlug in einem fort die Stirn auf den Boden und flehte um Vergebung.

Prinz Nata aber sprach: »Diesmal müssen wir dich auf Befehl des Jadekaisers festnehmen, darüber lässt sich nicht verhandeln. Wegen deines Weihrauchopfers wären mein Vater und ich beinahe in ernsthafte Schwierigkeiten geraten!« Und er rief den Kriegern zu: »Bringt die dämonenbändigenden Stricke und legt sämtliche Ungeheuer in Fesseln!«

Dann wandte er seine lichte Wolke und stob mit den anderen zur Grotte hinaus. Pilger kicherte fröhlich vor sich hin, worauf der Himmelskönig die Öffnung freigab, und schon führte Pilger Tripitaka hinaus, dem Himmelskönig und Prinz Nata zu danken. Sandmönch und Bajie dachten nur daran, das Ungeheuer zu erschlagen, doch der Himmelskönig sprach: »Wir haben es auf Geheiß des Jadekaisers gefangen und dürfen nicht leichtfertig handeln. Wir müssen ja noch vor ihm Rechenschaft ablegen!«

Schließlich zogen Himmelskönig und Prinz Nata ihre

Truppen zurück und brachten das Ungeheuer zum Himmelspalast. Der Priester und seine Schüler aber gaben dem Pferd die Sporen, schulterten das Gepäck und traten gemeinsam die Weiterreise an. Und da wir nicht wissen, wie die Reise voranging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.