Wie berichtet wurde, konnte Tripitaka seine unversehrte ursprüngliche Yang-Kraft bewahren, entkam der Bodenlosen Grotte und schritt nun weiter mit Pilger dem Westen entgegen. Schon brach der Sommer an, warmer Südwind kam auf und brachte lauen Nieselregen. Wie sie so dahinzogen, bemerkten sie auf einmal ein altes Mütterchen, das mit einem Kind an der Hand zwischen einigen Trauerweiden hervortrat und dem Priester vom Wegesrand her laut entgegenrief: »Geht nicht weiter, werter Priester! Wendet Euer Ross und reist nach Osten; alle Wege nach Westen führen in den Tod!«
Bestürzt sprang Tripitaka vom Pferd, grüßte höflich und sprach: »Werte Dame, sagten nicht die alten Weisen: ›In Meeresweiten springen Fische überall; in Himmelshöhen fliegen Vögel ungehindert.‹ Warum sollte uns der Weg in den Westen verwehrt sein?«
Das Mütterchen wies mit der Hand in westliche Richtung und sprach: »Da kommt Ihr nach fünf, sechs Meilen in das Reich Dharmaverderb. Der dortige König hat sich mit den Taten eines vergangenen Lebens Hass und Feindschaft zugezogen, daher begeht er nun ohne ersichtlichen Anlass große Sünden. Vor zwei Jahren hat er das ungeheuerliche Gelübde abgelegt, 10 000 Mönche zu töten. Seither lässt er fortwährend Mönche hinrichten, so geht das nun schon zwei Jahre lang. Inzwischen sind es bereits 9996 unbekannte Mönche, und zum Abschluss will er jetzt noch vier namhafte Mönche töten, damit die Zahl Zehntausend erreicht und sein Gelübde vollbracht ist. Wenn ihr in diese Stadt geht, macht ihr Bodhisattvas euch geradezu zum Opfer!«
Tripitaka war zutiefst erschüttert. »Werte Frau«, stammelte er, »wir sind Euch äußerst dankbar für Eure Aufmerksamkeit. Doch sagt, gibt es vielleicht einen anderen Weg, der nicht durch dieses Königreich führt, damit geringer Mönch es umgehen könnte?«
Da lächelte das Mütterchen und sprach: »Nein, es lässt sich nicht umgehen. Es sei denn, ihr könnt fliegen.«
»Ach Mütterchen!« mischte sich Bajie ein, »malt doch nicht den Teufel an die Wand. Wir können alle fliegen!«
Pilger aber richtete seine feurigen Goldaugen auf die alte Frau mit dem Kind und sah nun klar: Es war Bodhisattva Guanyin mit ihrem Jünger Sudhana! Bestürzt fiel er ihr zu Füßen und rief: »Bodhisattva! Verzeiht Eurem Jünger, Euch nicht gebührend empfangen zu haben!«
Da schwebte die Bodhisattva sachte auf eine bunt schillernde Wolke. Tripitaka schien vor Verblüffung der Boden unter den Füßen zu schwinden; er fiel auf die Knie und schlug nur noch die Stirn auf den Boden. Auch Baije und Sandmönch falteten andächtig die Hände. Bald entfernte sich die heilvolle Wolke, und die Bodhisattva begab sich zurück auf ihre Insel im Südlichen Ozean.
Pilger erhob sich, reichte dem Meister die Hand und sprach: »Kommt, die Bodhisattva ist längst zurück auf ihrer heiligen Insel.«
Tripitaka richtete sich auf und sprach: »Wukong, nun wissen wir dank der Offenbarung der Bodhisattva, dass man im Reich Dharmaverderb Mönche tötet. Doch was sollen wir bloß tun?«
»Habt keine Angst, Meister!« gab Pilger zurück, »wir sind doch schon den schlimmsten Dämonen und Ungeheuern begegnet und immer heil geblieben. Was sollen wir uns vor einem Land mit gewöhnlichen Sterblichen fürchten? Das einzige Problem ist, dass wir dort wohl schwerlich eine Unterkunft finden. Und jetzt, da der Tag sich bald neigt, könnten wir leicht irgendwelchen Dörflern begegnen, die von der Stadt nach Hause gehen. Wenn sie sehen, dass wir Mönche sind, und das ausplaudern, sind wir in Gefahr. Suchen wir uns doch abseits der Landstraße einen ruhigen Schlupfwinkel und besprechen dort alles Weitere.«
Tripitaka war einverstanden. Also bogen die Pilgernden von der Straße ab, fanden bald eine tiefer gelegene Stelle und setzten sich nieder.
»Brüder«, sprach Pilger, »schaut gut zum Meister. Ich alter Sun werde mich nun verwandeln und im Königreich nach einem Nebenweg suchen, auf dem wir über Nacht durchreisen können.«
Kaum hatte er ausgesprochen, schoss er mit einem Pfiff in die Höhe. Seltsam war das doch:
Kein Seil zieht ihn von oben,
Kein Stab stützt ihn von unten;
Andere sind den Eltern gleich,
Bei ihm sind die Knochen leicht!
In wolkiger Höhe hielt er inne und spähte nach unten. Die Reichsstadt hatte eine gute Aura und war von einem heilvollen Glanz umspielt.
»Was für ein schöner Ort«, sann Pilger, »warum wohl der Name ›Dharmaverderb‹?« Und er überlegte: »Wenn ich jetzt in meiner Gestalt einen Weg suche, wird man gleich sehen, dass ich ein Mönch bin.«
Also verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in eine jener Motten, die sich ins Lampenlicht zu stürzen pflegen. Dann regte er die Flügel und schwebte in die belebten Straßen der Stadt, wo er sich dicht unter den Dächern an den Mauern entlang bewegte. An einer Ecke fielen ihm einige Häuser auf, vor denen Lampions hingen. Er hielt darauf zu und sah nun vor dem mittleren Gebäude einen eckigen Lampion mit der Aufschrift: »Unterkunft für reisende Händler«. Darunter stand: »Herberge von Wang dem Zweiten«. Es war also ein Gasthof. Wie er nun hineinspähte, sah er acht, neun Männer, die gerade ihre Gewänder und Turbane auszogen, um sich für die Nachtruhe bereit zu machen. Pilger frohlockte und meinte: »Der Meister wird durchkommen!«
Warum er sich auf einmal so sicher war? Er war gerade auf eine dreiste Idee gekommen: Sobald diese Leute schliefen, wollte er ihnen die Kleider und Turbane entwenden, damit sie in profaner Verkleidung durch die Stadt gehen konnten! Während er den Plan ausheckte, sah er, wie Wang der Zweite hinzutrat und sprach: »Mögen die Herren wachsam sein! Es treiben sich hier auch ehrlose Leute herum; haltet also acht auf Kleidung und Gepäck.«
Doch denkt, welcher Händler wäre in der Fremde nicht wachsam? Die Worte des Wirtes aber machten sie nun besonders vorsichtig. Sie standen sogar auf und meinten: »Ihr habt recht, Wirt. Nach der anstrengenden Reise werden wir sicher tief schlafen. Und wenn nun etwas geschieht? Nehmt doch bitte unsere Gewänder, Turbane und Taschen in Verwahrung und bringt sie uns morgen früh, bevor wir weiterziehen!«
Tatsächlich nahm Wang der Zweite nun alle Gewänder, Turbane und Taschen in seine eigene Kammer. Ungeduldig wie er war, schwirrte Pilger sofort hinein und landete auf einem Hutständer. Von dort aus sah er Wang den Zweiten den Lampion vom Türrahmen nehmen, die Fensterläden schließen, Türen und Fenster verriegeln, um sich schließlich auszuziehen und sich ins Bett zu legen. Es war aber auch noch seine Frau dabei, die sich noch um zwei herumtollende Kinder kümmern musste, anschließend eine Flickarbeit zur Hand nahm und geschäftig zu nähen und zu stopfen begann, anstatt sich schlafen zu legen.
Da überlegte Pilger: »Wenn ich jetzt warte, bis die endlich Schluss macht und schläft, sind die Stadttore längst geschlossen!«
Da konnte er sich nicht halten und stürzte sich mit einem Satz in den Lampendocht, dass die Lampe erlosch. Dann verwandelte er sich in eine Maus, stieß ein paar spitze Schreie aus, sprang nach unten und lief mit Kleidern und Turbanen davon.
Entsetzt rief die Frau: »Hilfe, Alter! Eine Maus ist ein Geist geworden!«
Als Pilger das hörte, griff er zu einem weiteren Kniff, hielt die Tür zu und rief: »Wang der Zweite, hört nicht auf Eure Frau! Ich bin kein Geist einer Nachtmaus; lautere Menschen
tätigen keine trüben Geschäfte. Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige und bin hinab auf Erden gekommen, weil ich mit dem chinesischen Priester in den Westen pilgere, um Heilige Schriften zu holen. Weil wir in dieses Reich geraten sind, bin ich gekommen, mir Kleider auszuleihen. Sobald wir die Stadt verlassen haben, bringe ich sie Euch zurück.«
Ruckartig richtete sich Wang der Zweite auf, tastete im Dunkeln nach den Kleidern, erwischte statt dem Hemd die Hose, steckte den linken Arm ins Hosenbein, versuchte es mit dem rechten, und währenddessen hatte sich der Große Heilige längst auf einer Wolke aus dem Staub gemacht. Schon landete er in der Senke bei der Landstraße. Tripitaka, der sich gerade gereckt hatte, um Mond und Sterne zu betrachten, sah Pilger kommen und fragte: »Lässt sich das Land Dharmaverderb durchqueren, mein Schüler?«
Pilger legte die Gewänder nieder und sprach: »Meister, wenn Ihr es durchqueren wollt, dann nicht als Mönch.«
»Was meinst du damit?«
»Ich habe mir die Reichsstadt angeschaut, Meister. Obschon der König schlecht regiert und Mönche tötet, liegt ein heiler Glanz darüber. Eben habe ich in einer Herberge diese Kleider und Turbane ausgeliehen, damit können wir uns vorübergehend in der Stadt einquartieren. Zur vierten Nachtwache stehen wir dann in aller Frühe auf, lassen uns vom Wirt ein Frühstück geben, und so haben wir zur fünften Nachtwache die Stadttore hinter uns und können weiter gen Westen ziehen. Selbst wenn uns jemand aufhalten sollte, brauchen wir nur zu sagen, wir seien Gesandte des Kaisers von China, dann wird uns der König nicht weiter behelligen.«
»Das klingt sehr gut«, pflichtete Sandmönch bei, »machen wir es so, wie unser Ordensbruder sagt!«
Also musste der Priester wohl oder übel Robe und Priesterhut ablegen und sich mit Kleid und Hut eines Profanen begnügen. Auch Sandmönch zog sich um. Nur Bajie konnte den Turban nicht aufsetzen, weil sein Schädel zu breit war. Da zauberte Pilger Nadel und Faden, entrollte den Turban, nähte dann zwei Turbane zu einem zusammen und stülpte ihn Bajie auf den Kopf. Dann suchte er ihm ein besonders weites Gewand und zog sich zuletzt selber um.
»Meine Herren!« sprach er dann, »auf diesem Gang müssen wir uns die Worte ›Meister‹ und ›Schüler‹ einstweilen aufsparen. Wir sprechen uns alle nur noch mit ›Bruder‹ an. Unser Meister soll ›Herr Tang der Älteste‹ heißen, du ›Herr Zhu der Dritte‹, Sandmönch nennen wir ›Herr Sha der Vierte‹ und mich ›Herr Sun der Zweite‹. In der Herberge sollt ihr stumm bleiben und mich alleine auf alle Fragen antworten lassen. Sollte jemand fragen, was für Handel wir treiben, geben wir uns als Pferdehändler aus und sagen, wir hätten diesen Schimmel zur Ansicht mit. Wir geben an, zu einer Gruppe von zehn Händlern zu gehören, denen wir vier vorausgegangen seien, um hier Zimmer zu mieten und mit den Geschäften anzufangen, denn so wird uns der Wirt zuvorkommend behandeln. Bevor wir uns wieder auf den Weg machen, werde ich ihn entsprechend entlohnen, und dann ziehen wir weiter.«
Der Priester musste sich schweren Herzens fügen. Dann beeilten sie sich, mit Pferd und Gepäck in die Stadt zu kommen. Es schien ein recht friedlicher Ort zu sein, denn selbst zu dieser nächtlichen Stunde waren die Stadttore noch geöffnet, und sie kamen ungehindert in die Stadt hinein. Bald kamen sie an der Herberge von Wang dem Zweiten vorbei. Drinnen hörte man Gejammer, und jemand rief: »Die Turbane sind verschwunden!« Ein anderer rief: »Die Kleider sind weg!« Pilger tat, als wüsste er von nichts, und führte sie zu einer schräg gegenüberliegenden Herberge, wo die Laterne am Eingang noch nicht eingezogen war. Er trat ein und rief: »Herr Wirt! Gibt’s noch leere Kammern für uns?«
Drinnen hörte man eine Frau antworten: »Freilich, freilich! Mögen die Herren hinaufkommen!«
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als schon ein Bursche zur Stelle war und sich um das Pferd kümmerte. Pilger überließ es ihm und schritt vor dem Meister im Schein einer Laterne in den oberen Stock. Hier standen bequeme Tische und Stühle, und so setzten sie sich, nachdem sie die Fenster geöffnet hatten, im hellen Mondschein nieder. Bald kam jemand mit einer Kerze hoch. Pilger aber stellte sich in den Türrahmen, blies die Kerze aus und meinte: »Bei dem schönen Mondschein brauchen wir kein Licht.«
Kaum war die Person wieder unten, erschien eine Dienerin mit vier Schalen Tee, die Pilger entgegennahm, danach kam eine Frau, wohl sieben- oder achtundfünfzig Jahre alt, die Treppe hoch, blieb neben ihnen stehen und fragte: »Woher kommen die werten Gäste? Welche kostbaren Güter führt ihr mit euch?«
»Wir kommen aus dem Norden und haben ein paar Gäule feilzubieten«, antwortete Pilger.
»Wie lauten eure werten Namen?« wollte die Frau wissen.
»Das hier ist Herr Tang der Ältere, das Herr Zhu der Dritte, das Herr Sha der Vierte, und meine Wenigkeit heißt Sun der Zweite.«
Die Frau lachte erstaunt: »Ihr habt ja ganz unterschiedliche Familiennamen!«
»So ist es, wir heißen alle anders und leben doch zusammen«, erwiderte Pilger. »Eigentlich sind wir zu zehnt; wir vier sind vorausgegangen, um für Zimmer und Essen zu sorgen. Die anderen sechs übernachten heut noch vor der Stadt, da sie mit all den Pferden zu später Stunde nicht mehr in die Stadt konnten. Sie lassen uns erst Zimmer finden und kommen dann morgen früh nach. Erst wenn alle Pferde verkauft sind, gehen wir zurück.«
»Wie viele Pferde habt ihr denn?« wollte die Frau wissen.
»Alles in allem über hundert, alle so ähnlich wie unser Pferd, nur mit unterschiedlichen Fellen.«
»Was für ein vorbildlicher Gast Ihr seid, Herr Sun der Zweite!« freute sich die Frau, »ein Glück, dass Ihr hierhergefunden habt; kein zweiter Gasthof würde Euch aufnehmen können. Wir haben hier einen großen Hof mit vielen Futterkrippen, da gibt es Heu und Futter auch für mehrere hundert Pferde. Doch eins muss ich Euch sagen: Wir führen diese Herberge seit vielen Jahren, und sie ist ziemlich bekannt. Weil mein Mann, der Zhao hieß, leider schon früh verstorben ist, nenne ich sie ›Gasthof der Witwe Zhao‹. Wir führen hier drei Preisklassen, daher erlaubt uns eine etwas kleinliche Sache vorab zu klären, bevor wir Euch großzügig entgegenkommen: Legen wir erst die Preise fest, damit wir am Ende eine faire Rechnung stellen können.«
»Das ergibt Sinn«, meinte Pilger, »doch was für Preisklassen führt Ihr denn? Es heißt doch: ›Güter haben ungleiche Preise; Gäste werden gleich behandelt‹! Sagt doch, wie kommt es zu drei Preisklassen für Gäste?«
Da erklärte die Frau: »Wir führen eine obere, eine mittlere und eine untere Klasse. Die obere Preisklasse enthält Verköstigung mit fünf verschiedenen Obstsorten und fünf Gängen, je ein Tisch für zwei Gäste, dazu stehen junge Damen mit Gesang und Unterhaltung zur Verfügung. Dies kostet pro Person fünf Silberlinge, Zimmermiete eingerechnet.«
»Das passt doch bestens!« rief Pilger lachend, »bei uns kriegt man das niemals für nur fünf Silberlinge.«
»In der mittleren Preisklasse«, fuhr die Frau fort, »gibt es einen Esstisch für alle, dazu warmen Wein zum Zechen, wie viel man immer mag, bloß dass keine Damen zur Verfügung sind. Das macht pro Person nur zwei Silberlinge.«
»Das passt genauso gut«, meinte Pilger, »und wie steht es mit der niederen Klasse?«
»Das wage ich den geehrten Gästen kaum zu sagen.«
»Lasst nur hören«, drängte Pilger, »dann nehmen wir das, was passt.«
Da sprach die Frau: »Für die untere Klasse gibt es keine Bedienung. Man kann sich nehmen, was im Topf noch übrig ist, und dann am Boden ein Strohlager aufschlagen. Wenn die Nacht um ist, sollte man ein paar Groschen fürs Essen dalassen, je nachdem, was einer vermag, da tun wir dann nicht kleinlich.«
Als Bajie das hörte, meinte er: »Wunderbar! Das ist genau, was ich alter Eber brauche: Fresse den Topf ratzekahl, dann schmeiß ich mich vor den Herd und penne!«
»Was fällt dir ein, Bruder!« rief Pilger, »die paar Silberlinge verdienen wir doch leicht, wenn wir durch die Lande ziehen! Bitte macht alles für die obere Klasse zurecht!«
Erfreut rief die Frau: »Tee auftragen! Los, ihr Köche, alles bereitmachen!« Dann ging sie die Treppe hinunter und rief in einem Atemzug: »Rupft Hühner und Gänse, schlachtet ein Schwein und ein Schaf, stellt Wein bereit, setzt weißen Reis auf, macht Fladen aus Weißmehl!«
Tripitaka, der oben die Rufe hörte, sprach zu Pilger: »Sun der Zweite, was tun wir bloß, jetzt wollen sie Tiere töten!«
Eilends sprang Pilger zur Treppe, trampelte mit den Füßen und rief: »Mütterchen Zhao! Kommt noch mal hoch!«
Die Witwe kam und fragte: »Was darf ich für den Zweiten Herrn tun?«
»Lasst für heute das Schlachten sein. Wir haben gerade Fastenzeit.«
Erstaunt fragte die Frau: »Fasten die Herren langfristig oder nur für einen Monat?«
»Beides nicht«, gab Pilger zurück, »wir nennen es das Geng-Shen-Fasten. Da heute dieser Kalendertag ist, müssen wir uns an die Regel halten. Morgen am Tag Xin-You gilt die Regel nicht mehr. Lasst jetzt ein paar vegetarische Gerichte zubereiten; wir werden auf jeden Fall die obere Preisklasse bezahlen.«
Noch erfreuter eilte die Frau nach unten und rief: »Nicht schlachten, nicht schlachten! Macht sofort ein fleischloses Mahl bereit!«
Die in ihrer Arbeit geübten Köche hatten binnen kurzem alle Gerichte bereit und brachten sie nach oben, wo die vier nun nach Lust und Laune tafelten. Plötzlich hörte man unten etwas poltern, und Pilger fragte: »Mütterchen, was ist da unten los?«
»Es sind ein paar Laufburschen da«, erklärte die Frau, »ich habe sie beauftragt, mit Sänften die Damen abzuholen, die euch Gesellschaft leisten sollen. Wahrscheinlich ist einer mit der Tragstange an die Decke gestoßen.«
»Zum Glück sagt Ihr das«, meinte Pilger, »sie brauchen nicht hinzugehen. Erstens haben wir Fastenzeit, zweitens sind ja noch gar nicht alle da. Warten wir bis morgen, dann kann sich jeder mit einer Hure vergnügen.«
»Jawohl, bestens!« antwortete die Frau und hieß die Burschen bleiben. Als die Mahlzeit beendet war, wurde alles abgeräumt. Da wandte sich Tripitaka an Pilger und flüsterte: »Wo schlafen wir denn?«
»Hier im oberen Stock«, gab dieser zurück.
»Das ist nicht so gut«, wandte Tripitaka ein. »Wir sind doch alle müde von der Reise. Wenn wir jetzt schlafen gehen und vielleicht noch einmal jemand hochkommt, könnten sich im Schlaf die Turbane lösen, dass unsere kahlen Köpfe zum Vorschein kommen. Dann würde man sehen, dass wir Mönche sind, und es womöglich auch noch ausplaudern. Das geht doch nicht!«
»Ihr habt recht«, meinte Pilger, ging abermals zur Treppe und trampelte mit den Füßen. Die Witwe kam wiederum hoch und fragte: »Was darf ich für Euch tun, Herr Sun?«
»Wo schlafen wir?«
»Oben schläft es sich bestens, hier gibt es keine Mücken. Außerdem geht der Südwind, da könnt Ihr die Fenster offen lassen, das schläft sich wunderbar.«
»Das geht nicht«, versetzte Pilger. »Unser Zhu der Dritte hat die Gicht, Sha der Vierte hat die Arthritis an der Schulter, Tang der Ältere kann nur im Dunkeln schlafen, und ich bin auch etwas lichtempfindlich. Hier können wir nicht schlafen.«
Da ging das Mütterchen nach unten, lehnte sich erschöpft an einen Schrank und seufzte. Nun hatte sie aber eine Tochter, die gerade mit einem Kind im Arm daherkam und sprach: »Mutter, so heißt es doch: ›Zehn Tage saß er tatenlos im Sande, dann machte er an einem Tag neun Strände.‹439 In diesen heißen Sommertagen kommen nicht viele Gäste, doch wenn’s dann gegen Herbst zu geht, werden bald mehr kommen, als wir aufnehmen können. Warum seufzt du?«
»Ach, mein Kind«, sprach die Frau, »nicht, dass ich dächte, das Geschäft liefe nicht gut. Heut Abend, als ich grad schließen wollte, haben sich vier Pferdehändler einquartiert, die alle an irgendeiner Krankheit leiden, wind- oder lichtempfindlich sind und nur im Dunklen schlafen wollen. Bedenke, bei uns sind ja alle Kammern nur mit einlagigen Ziegeln bedeckt, wir haben gar keinen richtig dunklen Raum. Am liebsten würd ich ihnen das Essen umsonst lassen und sie woanders hinschicken!«
»Mutter«, wandte die Tochter ein, »wir haben doch eine dunkle Kammer, in die auch kein Wind eindringt, das passt ausgezeichnet.«
»Wo denn?« wunderte sich die Mutter.
»Als Vater noch da war, hat er doch mal einen großen Kasten gezimmert, der ist vier Fuß breit, sieben Fuß lang und drei Fuß hoch; darin könnten sechs, sieben Leute schlafen. Lasst sie einfach darin übernachten!«
»Ich weiß nicht, ob das genehm ist. Warte, ich will sie mal fragen«, meinte die Frau und rief: »Herr Sun! In unserem bescheidenen Haus findet sich keine dunkle Kammer, einzig einen großen Kasten hätten wir, wo weder Wind noch Licht eindringen. Möchtet ihr darin nächtigen?«
»O ja, sehr gut!« gab Pilger zurück.
Sogleich wurden ein paar Burschen geheißen, den Kasten hinauszutragen und den Deckel aufzumachen, dann ließ man die Gäste nach unten kommen. Pilger ging dem Meister voran, und Sandmönch trug das Gepäck, so kamen sie, dem Schein einer Laterne folgend, zu dem Kasten. Bajie warf sich gleich hinein, während Pilger bat, das Pferd daneben anzubinden. Dann stieg auch er in den Kasten und rief: »Mütterchen Zhao, macht den Deckel zu und hängt ein Schloss daran; morgen früh könnt Ihr es beizeiten wieder aufmachen.«
Die Frau nickte, schloss den Kasten ab und legte sich schlafen. Davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen den vier Pilgern im Kasten zu, den Armen! Denn da war es nicht nur heiß, sondern auch schrecklich stickig, und es drang kein bisschen Luft herein. Bald zogen sie Turbane und Kleider aus, und da sie keine Fächer hatten, versuchten sie sich mit ihren Mönchskappen etwas Luft zuzufächeln. In der Enge stießen sie sich immer wieder gegenseitig und konnten erst zur zweiten Nachtwache einschlafen. Pilger aber trieb sich noch mit einem Gedanken herum und konnte lange nicht einschlafen. Schließlich streckte er die Hand aus und zwickte Bajie in den Schenkel. Unwillig murrte der Tölpel: »Schlaf doch! Was soll der Unfug nach all der Anstrengung?«
Pilger aber stach der Schalk, und er sprach: »Zuvor hatten wir 5000 Silberlinge; neulich haben wir für 3000 Pferde verkauft, jetzt sind in beiden Beuteln je 4000. Wenn wir diese Pferde erst mal verkauft haben, kommen gleich noch mal 3000 dazu. Das ist ein guter Gewinn, recht einträglich!«
Bajie, der nichts als schlafen wollte, gab keine Antwort. Doch wer hätte auch geahnt, dass in dieser Herberge Laufburschen, Wasserträger und Feuermacher allesamt mit Räubern im Bunde waren? Wie nun einer von ihnen Pilger von so viel Silber sprechen hörte, huschte er mit anderen hinaus,
wo sich binnen kurzem über zwanzig Räuber zusammengerottet hatten. Schon stürmten sie mit lodernden Fackeln herein, um die Pferdehändler auszurauben. Als das Tor eingebrochen wurde, riegelten die Witwe Zhao und ihre Tochter zitternd die Tür zu ihrer Kammer ab und ließen die Bande marodieren. Die Einbrecher hatten es ja auch nicht auf die Sachen des Hauses abgesehen, sondern auf die Gäste. Als sie im oberen Stock alles leer vorfanden, suchten sie mit ihren Fackeln alle Winkel ab, bis sie schließlich im Hof den großen Kasten fanden, wo der Schimmel angebunden stand. Der Deckel aber war verschlossen und der Kasten nicht zu bewegen. Da meinten die Räuber zueinander: »Wer so weit herumgekommen ist wie wir, sieht sofort, dass in diesem schweren Kasten haufenweise Fracht und Schätze sein müssen! Nehmen wir doch einfach dieses Pferd und tragen den Kasten zur Stadt hinaus, dann machen wir ihn auf und teilen uns den Inhalt. Das ist doch gut, oder?«
Tatsächlich begannen die Diebe nun Seile und Tragstangen zu holen, buckelten dann den Kasten auf und machten sich aus dem Staub. Vom Schaukeln erwachte Bajie und meinte: »Schlaf doch, Bruder, was schaukelst du da?«
»Still!« machte Pilger, »keiner schaukelt.«
Schlagartig waren auch Tripitaka und Sandmönch wach und fragten: »Wer trägt uns da?«
»Seid still, macht keinen Lärm!« flüsterte Pilger, »sollen sie uns tragen, bis wir im Westen sind, dann brauchen wir wenigstens nicht zu laufen.«
Die Diebesbande aber hielt mit ihrer Beute gar nicht nach Westen, sondern nach Osten. Nachdem sie die Wache am Stadttor in die Flucht geschlagen hatten, öffneten sie das Tor und ließen die Stadt hinter sich.
Es hatte aber bereits ein Wachsoldat der Stadtpatrouille das Amt für öffentliche Ordnung in Kenntnis gesetzt, worauf berittene Soldaten nach den Dieben ausgeschickt wurden. Wie diese gewahrten, dass ihnen die königliche Armee auf den Fersen war, nahmen alle Reißaus und versteckten sich in den umliegenden Wäldern. Kein halber Räuber ging den Soldaten ins Netz, nur den Kasten und das Pferd konnten sie beschlagnahmen und kehrten damit siegreich zurück. Im Schein einer Laterne begutachtete der Wachsoldat den Schimmel. Da mochte er nicht länger auf seinem Pferd sitzen und ritt auf dem Schimmel in die Stadt zurück. Der Kasten aber wurde in die Hauptwache geschafft, mit einem beschrifteten Papierstreifen versehen und streng bewacht. Wie man nun den Morgen abwartete, um die Sache bei Throne zu melden und Weisung zum weiteren Vorgehen zu erhalten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Erzählen wir stattdessen, wie Tripitaka nun im Kasten Pilger rügte: »Du Affenschädel bringst mich noch um! Wären wir draußen festgenommen und vor den König von Dharmaverderb gebracht worden, hätten wir uns noch herausreden können, doch jetzt sind wir in diesem Kasten von Dieben entführt und auch noch von der königlichen Miliz beschlagnahmt! So werden wir morgen auf einen einzigen Befehl des Königs umgebracht, und schon hat er seine gewünschte Anzahl von 10 000 Mönchen.«
»Macht Euch vorläufig keine Sorgen und schlaft«, versetzte Pilger. »Morgen, wenn wir vor den verblendeten König treten, werde ich alter Sun schon wissen, was zu sagen ist. Ich garantiere, dass Euch kein Haar gekrümmt wird.«
Gegen Mitternacht zur dritten Nachtwache aber vollführte er einen Zauber: Er zog seine Stange hervor, blies göttlichen Odem darauf und verwandelte sie in einen Dreikantbohrer. Damit bohrte er ein kleines Loch in den Kastenboden, wurde mit einem leichten Dreh zu einer Ameise und kroch ins Freie. Dort sprang er, in seine eigene Gestalt zurückverwandelt, auf eine Wolke und schwebte geradewegs in den königlichen Wohnpalast, wo er den König in tiefem Schlaf vorfand. Da bediente er sich der »Göttlichen Magie der großen Körperteilung«: Erst zupfte er sich am linken Arm sämtliche Pelzhaare aus, verwandelte sie mit göttlichem Odem in Schlafkäferchen, zwang dann mit dem Zauberwort »OM« den ortsansässigen Erdgeist heraus und befahl ihm, die Tierchen im gesamten Wohnbereich des Palastes sowie in den Fünf
Behörden, den Sechs Ministerien, den Ämtern und Wohnstätten der Beamten zu verteilen. Jeder, der auch nur irgendeinen Beamtenrang innehatte, sollte eines der Käferchen bekommen, damit er tief und reglos schlafe. Anschließend riss er sich sämtliche Pelzhaare am rechten Arm aus und verwandelte sie in Hunderte von kleinen Pilgern. Zu guter Letzt schwenkte er die Eisenstange und verwandelte sie in Hunderte von Scheren. Diese verteilte er an alle kleinen Pilger und befahl ihnen, allen Menschen im gesamten Wohnbereich des Palastes sowie in den Fünf Behörden, den Sechs Ministerien und den anderen Ämtern die Kopfhaare abzuscheren. Oho! So war es in der Tat:
Ein König will das Dharma enden,
Doch ist das Dharma endlos weit,
Denn die vielen tausend Lehren
Finden zurück zur Einigkeit;
Fraglos wird der Dharmakönig
Zu der Rechten Frucht gelangen,
Außerhalb von Tod und Leben
Wandeln, frei und unbefangen.
Nach einer halben Nacht war die Aktion vollendet, und Pilger schickte den Erdgeist mit einem Zauberwort von dannen. Nun schüttelte er sich, und schon fanden alle Pelzhaare an ihren Ursprungsort zurück. Weiter bündelte er die vielen Scheren zur wahren Einheit, und so vereinigten sie sich wieder zum einen Goldreifstab, den er im Ohr unterbringen konnte. Zuletzt verwandelte er sich wieder in eine Ameise, kroch in den Kasten, nahm dort seine eigene Gestalt an und harrte mit Tripitaka der Gefangenschaft, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Berichten wir stattdessen aus dem Königshof, denn dort waren die vielen hübschen Hofdamen schon vor Anbruch der Dämmerung aufgestanden, sich zu waschen und zu kämmen, doch nun waren sie ja allesamt ohne Haare. Auch sämtliche Eunuchen des Palastes hatten keine Haare mehr, und so erschienen sie denn alsbald beim Schlafgemach des Königs und ließen Musik aufspielen, um ihn zu wecken. Allen standen Tränen in den Augen, doch keiner wagte etwas zu sagen. Bald erwachte in den Frauengemächern die Königin, auch sie ohne Haare. Sofort eilte sie mit einer Laterne ans Himmelbett des Königs, doch hier fand sie unter brokatenen Bettdecken einen Mönchskönig! Da konnte sie sich nicht länger zurückhalten und weckte den König. Als dieser die Augen aufschlug und die Königin mit einer Glatze sah, sprang er auf und rief: »Wie seht Ihr denn aus, meine Königin?«
»Genauso wie Ihr, mein König!«
Hastig fasste sich der König an den Kopf, und da wollte ihm schier das Herz stillstehen. Entsetzt rief er: »Wie konnte uns das nur passieren?«
Mitten in dieser Aufregung sahen sie auf einmal, wie sich sämtliche Konkubinen und Hofdamen und alle Eunuchen des Palastes mit kahlgeschorenen Köpfen verneigten und riefen: »O König! Wir sind zu Mönchen geworden!«
Dem König stiegen die Tränen auf, und er sprach: »Das muss eine Vergeltung sein für das Töten der Mönche!« Sogleich gab er den Befehl: »Diese Angelegenheit darf nicht weiter erwähnt werden, sonst könnten womöglich zivile oder militärische Hofbeamte an unserem Reich Kritik üben. Es mögen sich alle zur Morgenaudienz begeben.«
Doch nun hatten ja die Hofbeamten aller Rangstufen, wie auch die Staatsdiener der Fünf Behörden, der Sechs Ministerien und aller übrigen Ämter, die sich schon vor Tagesanbruch zur Morgenaudienz vorbereitet hatten, ebenfalls über Nacht ihre Haare verloren, und so hatte ein jeder eine Throneingabe verfasst, um das Ereignis mitzuteilen. Und da wir nicht wissen, wie es mit dieser Sache weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.