Wie berichtet, kamen all die zivilen und militärischen Hofbeamten mit ihren Throneingaben zur Morgenaudienz und sprachen: »O Herrscher, verzeiht uns diese sträfliche Vernachlässigung der Etikette!«
Da sprach der König: »Die Minister scheinen mir nicht weniger gesittet als sonst. Was meint ihr damit?«
»O Herrscher!« riefen die Minister, »aus einem unbekannten Grunde haben alle Eure Minister über Nacht sämtliche Haare verloren!«
Da stieg der König mit den Eingabeschriften in der Hand vom Thron hernieder und sprach zu den Hofbeamten: »In der Tat haben im Palast aus unbekannten Gründen alle Menschen, ob alt oder jung, über Nacht ihre Haare verloren.« Unter Tränen riefen nun der König und sein Hofstaat aus: »Nie werden wir wieder Mönche töten!«
Als sich der König schließlich wieder auf den Thron gesetzt hatte und die Beamten ordentlich in ihren Reihen standen, trat ein Hofdiener vor und rief: »Wer noch etwas zu sagen hat, möge seine Eingabe vorbringen! Ansonsten werden die Gardinen hochgerollt, und die Audienz ist beendet.«
Aus den Reihen der Militärbeamten trat nun der Wachsoldat der Stadtpatrouille vor, aus den Reihen der Zivilbeamten der Ordnungshüter der Oststadt. Nach einem Stirnaufschlag vor den Thronstufen sprachen sie: »Eure Minister, die in königlichem Auftrag die Stadt bewachen, konnten in der Nacht Diebesgut in Beschlag nehmen. Es handelt sich um einen Kasten und ein weißes Pferd. Geringe Minister wagen keine eigenmächtigen Entscheidungen zu treffen und bitten um Anweisung.«
»Hierher bringen, mitsamt dem Kasten!« befahl der König.
Die beiden Minister traten ab, um in ihren Amtsresidenzen Soldaten zu beauftragen, den Kasten zum Palast zu tragen. Im Kasten geriet Tripitaka in Panik und flüsterte: »Was tun wir bloß, meine Schüler, wenn sie uns jetzt vor den König bringen?«
»Still«, machte Pilger grinsend, »ich habe schon alles vorbereitet. Sobald sie den Deckel aufmachen, wird uns der König anbeten!«
Im Nu war der Kasten im Palast und wurde vor den Thronstufen niedergesetzt, wo die beiden Hofbeamten den König um Erlaubnis baten, ihn zu öffnen. Der König gab Befehl, den Kasten aufzumachen. Kaum war der Deckel weg, sprang Bajie mit einem Satz nach draußen. Den Hofbeamten verschlug es die Sprache. Dann sahen sie, wie Pilger Tripitaka beim Aufstehen behilflich war und Sandmönch mit dem Gepäck heraustrat. Als Bajie bemerkte, dass der Wachsoldat der Stadtpatrouille den Schimmel am Halfter führte, rannte er auf ihn zu und donnerte: »Dieses Pferd gehört mir, her damit!«
Der Wachsoldat machte vor Schreck einen Luftsprung und torkelte rücklings zu Boden. Die vier Pilgernden aber stellten sich vor den Palaststufen auf. Wie der König nun sah, dass es vier Mönche waren, stieg er eilends vom Thron, ließ die
Königin, die Konkubinen und Hofdamen aus den Frauengemächern rufen, dann schritt er über die Treppenstufen aus der Audienzhalle heraus, verneigte sich zusammen mit allen Hofbeamten vor ihnen und fragte: »Woher kommen die werten Priester?«
»Aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten«, gab Tripitaka zur Antwort. »Geringer Mönch wurde vom Kaiser in den Westen entsandt, um in Indien im Großen Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen.«
»Warum ruht Ihr denn in diesem Kasten, werter Priester, wenn Ihr von so weit her kommt?«
»Da geringer Mönch wusste, dass Eure Majestät ein Gelübde abgelegt hat, Mönche zu töten, wagten wir Euer Reich nicht in erkennbarer Gestalt zu betreten. Daher haben wir uns gestern Nacht als Profane verkleidet und in einer Herberge dieser werten Stadt übernachtet. Aus Furcht, dass jemand unser wahres Aussehen dennoch erblicken könnte, haben wir uns über Nacht in diesem Kasten schlafen gelegt. Unglücklicherweise wurde dieser von Räubern entführt und zuletzt von der Stadtwache beschlagnahmt. Nun, da wir das Antlitz Eurer Majestät erblicken dürfen, ist uns wahrhaftig, als würde die Sonne hinter den Wolken hervortreten. Möge Eure Majestät uns geringe Mönche begnadigen; es wäre dies eine unermessliche Gunst!«
»Der werte Meister ist also ein hoher Geistlicher vom chinesischen Kaiserhof. Verzeiht, dass wir Euch nicht gebührend empfangen haben«, sprach der König und erklärte: »Dass ich einst den Wunsch hegte, Mönche zu töten, ging darauf zurück, dass Mönche mich verleumdet hatten. Daraufhin tat ich einen Schwur zum Himmel, nicht weniger als 10 000 Mönche umzubringen. Nun sind wir aber über Nacht wider Erwarten selbst zu buddhistischen Mönchen geworden, unser ganzer Hofstaat besteht nur mehr aus Mönchen! Im Palast sind alle, vom König über die Minister bis hin zu Königin und Konkubinen, ohne Kopfhaar. Möge der Meister nicht mit Belehrungen sparen. Wir sind gewillt, Euch als Jünger zu folgen.«
Als Bajie dies hörte, lachte er laut auf: »Und was kriegen wir, wenn wir Euch als Jünger annehmen?«
»Falls die Meister bereit wären, uns aufzunehmen, würden wir alle Schätze unseres Landes hergeben«, antwortete der König.
»Reden wir nicht von Schätzen«, fiel Pilger ein, »wir sind redliche Mönche. Ihr braucht uns bloß den Reisepass abzustempeln und uns aus der Stadt zu führen. Ich kann Euch versichern, dass Euer Reich fortan groß und mächtig sein wird und Euch ein langes Leben beschieden ist.«
Der König beauftragte das Hofamt für Festlichkeiten, eine reiche Festtafel herzurichten. Indem er sich zusammen mit allen Hofbeamten vor den Pilgernden verneigte, erkannte er sie als Meister an. Bald drückte er auch das königliche Siegel auf ihr Passdokument und bat zuletzt Tripitaka, seinem Königreich einen neuen Dynastienamen zu verleihen.
Da meinte Pilger: »Majestät, ›Dharma‹ wäre ein ausgezeichneter Name für Euer Land, nur das Wort ›Verderb‹ ist nicht gut. Ab dem Tag unserer Ankunft könnt Ihr Euer Land ›Reich Zum Königlichen Dharma‹ nennen. Dann wird in Eurem Reich für Tausende von Generationen Friede herrschen, Eure Felder werden fruchtbar sein und von Unwettern verschont bleiben.«
Da bedankte sich der König und befahl die Kutsche bereitzustellen, um Tripitaka und seine Schüler aus der Stadt zu geleiten. Wie der Herrscher und sein Hofstaat von nun an gute Taten vollbrachten und sich hingebungsvoll der Wahrheit widmeten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns wieder dem Priester zu, der beim Verlassen des Reichs Zum Königlichen Dharma hoch zu Ross freudig bemerkte: »Wukong, dein Zauber war wunderbar, das ist ein unermessliches Verdienst!«
»Aber Bruder«, fragte nun Sandmönch, »wo hast du denn all die Barbiere gefunden, um mitten in der Nacht so viele Köpfe kahlzuscheren?«
Pilger erzählte, wie er sich verwandelt und seinen Zauber ausgeführt hatte, und Meister und Schüler konnten kaum aufhören zu lachen. Heiter gingen sie einher, bis sie auf einmal gewahrten, dass weiter vorn ein hoher Berg aufragte. Tripitaka zügelte sein Pferd und sprach: »Schaut, meine Schüler, was für ein gewaltiger Berg! Wir müssen uns vorsehen!«
»Keine Angst«, meinte Pilger, »es wird Euch schon nichts geschehen.«
»Sag das nicht allzu voreilig«, entgegnete Tripitaka, »diese Gipfel sehen ungewöhnlich steil aus. Und aus der Ferne nähern sich Gewitterwolken, das sieht nicht gut aus. Ich fühle mich sehr beunruhigt.«
Pilger jedoch lachte und meinte: »Ihr habt schon wieder das Herz-Sutra des Meisters vom Rabennest vergessen!«
»Ich habe es sehr gut im Gedächtnis«, erwiderte Tripitaka.
»Das mag sein, doch gibt es noch vier Verse, die Ihr vergessen haben müsst!«
»Welche Verse meinst du?« fragte Tripitaka.
Da rezitierte Pilger:
»Buddha ist am Seelenberg,
Aber suche nicht zu fern;
Denn der Seelenberg ist nur
Tief in deinem Herzen drin.
Jeder Mensch hat innerlich
Eine Seelenberg-Pagode;
Und genau dies ist der Ort,
Wo sich jeder üben möge!«442
»Mein Schüler«, sprach Tripitaka, »wie könnte ich dies vergessen? Nach diesen Versen geht es in allen Heiligen Schriften letztlich um nichts anderes als um die Arbeit am eigenen Innern!«
»Keine Frage«, gab Pilger zurück und sprach:
»Weilt das Herz in Stille,
So strahlt es hell und wahr;
Ist das Herz besonnen,
Wird alles rein und klar.443
Doch wer dies nur leicht verfehlt,
Unbedacht und achtlos wird,
Dem ist viele tausend Jahre
Lange kein Erfolg gewährt.
Was nun nottut, ist allein
Innere Wahrhaftigkeit;
Denn so liegt des Buddhas Tempel
Vor den Augen jederzeit!
Aber mit Eurer furchtsamen Art und Eurem unruhigen Geist ist der Große Weg noch lang und der Tempel des Donnergrollens noch immer in weiter Ferne. Hört auf zu argwöhnen und kommt mit mir!«
Auf diese Worte wurde dem Priester wohl ums Herz, und seine Sorgen verflüchtigten sich.
Gemeinsam schritten sie voran und erreichten nach kurzer Zeit den Gipfel. Wie sie nun vor sich hin wanderten, hörten sie auf einmal den Wind brausen.
»Ein Windstoß!« rief Tripitaka, der sich schon wieder fürchtete.
»Ob Brise oder Föhn, Herbstwind und Nordwind«, meinte Pilger, »das sind doch nichts als die Winde verschiedener Jahreszeiten. Was fürchtet Ihr Euch, wenn der Wind geht?«
Er hatte noch nicht geendet, als auf einmal Nebel aufzog. Tripitaka ängstigte sich umso mehr und rief: »Wukong, warum kommt jetzt Nebel auf, noch bevor sich der Wind gelegt hat?«
»Nur keine Hast«, mahnte Pilger. »Steigt ab, Meister, meine Ordensbrüder sollen Euch hier bewachen, und ich will schauen gehen, ob es sich da um Heil oder Unheil handelt.«
Er beugte sich leicht vor und schoss in die Höhe, schirmte die Hand über die Augen und spähte mit seinen feurigen Augen nach unten. Tatsächlich hockte dort unten an einem Steilhang ein Dämon. Um ihn herum scharten sich dreißig, vierzig kleine Ungeheuer, während er mit einer Magie Wind und Nebel aufsteigen ließ.
»Da hat mein Meister ja was gespürt, tatsächlich treibt hier ein Dämon sein Unwesen«, dachte Pilger grinsend. »Wenn ich alter Sun ihn jetzt mit meiner Stange zerhaue, wie man Knoblauch mörsert, dann wäre er zwar erledigt, doch wäre auch mein guter Ruf dahin.«
Pilger hielt ja zeitlebens den Heldenmut hoch, daher hätte er auch nie jemanden hinterrücks angegriffen. Nun sagte er sich: »Ich will mir erst mal Bajie vorknöpfen. Der soll hierherkommen und als Erster gegen dieses Ungeheuer kämpfen. Allerdings ist der immer so träge und mag nichts riskieren, da will ich ihn mal ein bisschen einwickeln!«
Schon senkte er seine Wolke und landete vor Tripitaka, der gleich fragte: »Wukong, wie steht es um Heil und Unheil in Wind und Nebel?«
»Es ist alles wieder rein und klar, es gibt weder Wind noch Nebel.«
»In der Tat«, meinte Tripitaka.
Lachend sagte Pilger: »Meister, normalerweise beurteile ich die Dinge richtig, diesmal aber lag ich falsch! Ich dachte schon, hinter Wind und Nebel könnte ein Dämon stecken, dabei stimmt es gar nicht.«
»Was war es denn?« wollte Tripitaka wissen.
»Da vorn, nicht allzu weit, liegt ein Dorf, dessen Bewohner gute Taten vollbringen wollen und darum gerade dabei sind, weißen Reis zu kochen und Brötchen aus Weißmehl zu dämpfen, um Mönche zu verköstigen! Vermutlich stammt der Nebel vom Dampf ihrer Garkörbe. Das ist auch ein Zeichen der Wohltätigkeit.«
Bajie, der seine Worte für wahr hielt, zupfte Pilger am Ärmel und flüsterte: »Bruder, hast du denn schon was davon gegessen?«
»Nur ganz wenig«, gab dieser zurück, »die Beilagen sind zu salzig, das liegt mir nicht.«
»Pah«, machte Bajie, »wäre mir egal, ob salzig oder nicht. Ich würde mich einfach richtig vollfressen!«
»Magst du was abhaben?« fragte Pilger.
»Na klar!« gab Bajie zurück, »ich habe echt Hunger, am liebsten ginge ich sofort hin. Weiß nur nicht, ob das geht.«
»Bruder, so heißt es doch in den alten Schriften: ›Ist der Vater da, darf der Sohn nicht eigenmächtig handeln.‹ Keiner von uns wagt vorab zu gehen, wenn unser Meister da ist!«
Bajie grinste: »Wenn du mir versprichst, den Mund zu halten, geh ich trotzdem.«
»Ich werde nichts sagen. Bin gespannt, wie du das anstellst.«
Da dieser Tölpel nun einmal gefräßig war, trat er vor und sprach: »Meister, eben hat mein Ordensbruder gesagt, die Leute im Dorf da vorn würden Mönche verköstigen. Doch schaut Euch unser Pferd an, es ist ja schon ganz ungehalten, braucht frisches Gras und Hafer! Ansonsten würde es uns nur Ärger machen. Zum Glück sind Nebel und Wind weg, so könnt Ihr Euch hier ein bisschen ausruhen, und ich werde derweil frisches Gras holen. Es ist doch besser, wenn wir erst das Pferd füttern, bevor wir im Dorf Almosen holen!«
»Sehr gut«, freute sich Tripitaka, »heute bist du ja richtig hilfsbereit! Geh nur, und komm bald wieder!«
Grinsend zog der Tölpel von dannen. Pilger aber holte ihn ein und sagte: »Bruder, die Leute dort verköstigen nur feine Mönche, du musst dich ein bisschen verwandeln.«
Da lief der Tölpel zu einer Senke, legte die Finger zu einem magischen Zeichen aneinander, murmelte einen Zauberspruch und wurde mit einem leichten Dreh zu einem molligen Mönch. Auf einem Holzfisch den Takt schlagend, murmelte er, weil er keine buddhistischen Schriften auswendig kannte, in einem fort »Hoher Herr!«.444
Doch berichten wir nun von dem Ungeheuer, das Wind und Nebel wieder eingezogen hatte und nun die Landstraße umstellen ließ, um Reisenden aufzulauern. Da hatte unser guter Tölpel Pech! Schon tappte er in die Falle und wurde sogleich von Ungeheuern umringt. Sie zerrten ihn am Kittel, zogen ihn am Gürtel, stupsten und schoben ihn allesamt herum.
»Hört auf!« schrie Bajie, »wartet doch, bis ich in jedem Haus was gegessen habe!«
»Was willst du essen, du Mönch?« fragten die Ungeheuer.
»Ihr wollt doch Mönche verköstigen, darum bin ich gekommen!«
»Ha, du glaubst, hier würden Mönche beköstigt. Hier werden Mönche gefressen!« riefen die Ungeheuer. »Wir sind dämonische Unsterbliche und haben hier im Gebirge das Dao erlangt. Mönche wie dich nehmen wir mit nach Hause, werfen sie in den Dämpfkorb, und dann werden sie gefressen. Und da glaubst du noch, du kriegst selber was zu fressen!«
Da ging Bajie auf, dass Pilger ihn hinters Licht geführt hatte.
»Dieser verdammte Pferdeknecht!« polterte er, »so eine Frechheit! Behauptet, die Leute im Dorf würden Mönche verköstigen, dabei sind es Ungeheuer!«
Entnervt über das Gezerre, nahm Bajie plötzlich seine wahre Gestalt an, riss den Rechen aus dem Gürtel und begann wild draufloszudreschen, bis er alle Ungeheuer in die Flucht geschlagen hatte. Diese aber rannten nun zu ihrem Dämon und schrien: »Großer König! Eben ist ein Mönch gekommen, der sah ganz ordentlich aus. Doch als wir gesagt haben, dass wir ihn kochen und fressen wollen, hat er sich plötzlich verwandelt.«
»In was denn?« wollte der Dämon wissen.
»Er sah gar nicht mehr aus wie ein Mensch«, sagten die Ungeheuer, »er hatte plötzlich eine lange Schnauze und große Ohren, im Nacken sogar Borsten! Dann hat er einen Rechen geschwungen und rücksichtslos damit herumgefuchtelt, bis wir vor Angst hierhergerannt sind, um Eure Hoheit zu benachrichtigen.«
Da trat der Dämon mit erhobener Eisenkeule vor das Tor und beäugte den Tölpel, der in der Tat unschön anzusehen war. Der Dämon nahm all seinen Mut zusammen und schrie: »Wo kommst du her und wie heißt du? Gib sofort Antwort, oder wir bringen dich um!«
»Ach mein Sohn«, lachte Bajie, »erkennst du deinen Ahnherrn nicht? Ich bin Eber Bajie, Schüler des Priesters aus China!«
»Sieh an, du bist ein Schüler des Priesters aus China! Schon lange hörte ich sagen, wie gut dessen Fleisch schmeckt! Dich wollte ich mir ohnehin schnappen, da läufst du mir auch schon von selbst in die Falle. Glaubst du etwa noch, ich würde dich laufenlassen? Stillgestanden, schau auf meine Keule!«
Ohne Bajie zu Wort kommen zu lassen, stürzte der Dämon auf ihn los und schlug zu. Bajie warf sich in in den Kampf, und der Unhold befahl seinen Ungeheuern, ihn zu umzingeln.
Doch wenden wir uns Pilger zu, der hinter Tripitakas Rücken plötzlich höhnisch auflachte.
»Was lachst du denn?« fragte Sandmönch.
»Bajie ist so albern!« rief Pilger, »kaum hört er was von essen, geht er schon auf den Leim! Und jetzt ist er noch immer nicht zurück. Falls er das Ungeheuer mit einem Hieb erschlagen sollte, wird er sich gleich mit seinem Verdienst großtun, du wirst sehen. Schafft er das nicht und wird geschnappt, wird er mich hinterrücks wer weiß wie oft als Pferdeknecht beschimpfen! Wujing, sag bitte nichts, ich will mal nachschauen.«
Ohne es den Priester merken zu lassen, zupfte er sich ein Pelzhaar aus und verwandelte es in seine Gestalt. Während diese beim Priester blieb, stieg er in seinem wahren Geistkörper hoch und spähte hinunter. Bald sah er den Tölpel, von Ungeheuern umzingelt, mit seinem Rechen um sich fuchteln und allmählich die Oberhand verlieren. Da senkte Pilger seine Wolke und rief: »Bajie, keine Hast, der alte Sun ist da!«
Als der Tölpel Pilgers Stimme erkannte, nahm er seine letzten Kräfte zusammen und drosch so wild drauflos, dass der Dämon sich nicht mehr wehren konnte und mit seinen Ungeheuern die Flucht ergriff. Als Pilger sah, dass die Ungeheuer geschlagen waren, machte er kehrt und sauste zurück zur Stelle, wo er gestanden hatte. Hier zog er sein Pelzhaar mit einem Schütteln wieder an sich.
Bald trottete der Tölpel daher, keuchend und von der Anstrengung das ganze Gesicht rotzbeschmiert und Schaum vor dem Mund.
»Meister!« japste er.
Erstaunt blickte der Priester auf und rief: »Bajie! Du hast doch nur Gras holen wollen, warum kommst du so mitgenommen zurück?«
Da warf der Tölpel seinen Rechen nieder, trampelte mit den Füßen auf den Boden, schlug sich verzeifelt an die Brust und rief: »Meister! Ich muss mich in Grund und Boden schämen. Mein Ordensbruder hat mich angeführt, als er sagte, im Dorf würden Mönche beköstigt. Ich habe es für wahr gehalten, und weil ich Hunger hatte und schon was essen wollte, bin ich unter dem Vorwand, Gras zu suchen, hingegangen. Wie hätte ich auch wissen können, dass stattdessen Ungeheuer kommen würden! Ich habe erbittert gekämpft, doch wenn am Ende nicht mein Ordensbruder mit seiner blöden Grabstange mir geholfen hätte, wäre ich niemals heil davongekommen!«
Pilger neben ihm grinste: »Dieser Tölpel quatscht wieder Unsinn! Ich war ja gar nicht weg, habe doch die ganze Zeit den Meister bewacht!«
»Ja, Wukong ist nicht weggegangen«, bestätigte der Priester.
Aufgebracht sprang der Tölpel auf und rief: »Meister, Ihr müsst eben wissen, dass er seinen Körper ersetzen kann!«
»Wukong«, sprach der Priester, »was ist nun wirklich mit den Dämonen?«
Da konnte Pilger die Sache nicht weiter verheimlichen. Mit einer Verneigung meinte er lachend: »Nun, es gibt da schon eine Handvoll Ungeheuer, doch die wagen uns nicht anzugreifen. Bajie, komm mal her, ich will dir was zu tun geben. Wenn wir den Meister beschützen wollen, müssen wir auf diesen steilen Pfaden wie ein Armeetrupp vorgehen.«
»Wie denn?«
»Du übernimmst die Vorhut und machst den Weg frei. Wenn kein Dämon erscheint, brauchen wir uns nicht weiter zu kümmern. Falls aber einer auftaucht, musst du mit ihm kämpfen, und wenn du ihn besiegst, dann soll dies als dein persönliches Verdienst gelten.«
Bajie, der die Kräfte des Dämons als den seinen ebenbürtig einschätzte, gab zurück: »Mache ich!«
Pilger frohlockte, half dem Meister in den Sattel, und Sandmönch schulterte die Gepäckstange. Wie sie nun hinter Bajie ins Gebirge drangen, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns stattdessen dem Dämon zu, der in seine Grotte zurückgekehrt war, wo er nun auf einem erhöhten Felsblock hockte und vor sich hin starrte. In der Grotte aber waren viele kleine Ungeheuer, und die kamen nun und fragten: »Großer König, sonst seid Ihr immer so vergnügt, wenn Ihr zurückkehrt; was macht Euch denn heute Kummer?«
»Meine Kleinen«, sprach der Dämon, »wenn ich den Berg durchstreife, kann ich sonst immer ein paar Menschen oder Tiere erbeuten, damit ihr was zu essen habt. Heute aber war mir gar kein Glück beschert; ich bin auf einen Gegner gestoßen.«
»Wer denn?« wollten die kleinen Ungeheuer wissen.
»Ein Mönch, Schüler jenes Priesters aus China, der Heilige Schriften holen will; er nennt sich Eber Bajie. Der hat mich mit einem Rechen verprügelt und am Ende gar in die Flucht geschlagen, das macht mich wütend! Dabei hörte ich immer sagen, dieser Priester sei ein leibhaftiger Arhat und widme sich seit zehn Inkarnationen dem Weg der Vervollkommnung. Schon ein einziges Stück von seinem Fleisch soll unsterblich machen! Und jetzt, wo er hier in meinem Gebirge ist und ich ihn fressen könnte, stellt sich heraus, dass er einen solchen Schüler dabeihat.«
Kaum hatte er geendet, trat eines seiner Ungeheuer aus den Reihen und sprach: »Großer König, eben habt Ihr erwähnt, dass Ihr das Fleisch dieses Priesters essen möchtet. Man kann es aber nicht essen.«
»Wieso nicht?«
»Wenn man es könnte, wäre er niemals bis hierher gelangt, sondern längst von anderen Dämonen gefressen worden. Außerdem hat er insgesamt drei Schüler bei sich: Der älteste heißt Pilger Sun, der dritte Sandmönch, und derjenige, der da war, ist sein zweiter Schüler, der Eber Bajie.«
»Wie stark ist denn dieser Sandmönch im Vergleich zum Eber Bajie?« wollte der Dämon wissen.
»Etwa gleich.«
»Und jener Pilger Sun?«
Da streckte das Ungeheuer verschmitzt die Zunge zwischen die Lippen und meinte: »Das wage ich Euch kaum zu sagen. Pilger Sun hat unermessliche Zauberkräfte und kann sich in alles Mögliche verwandeln. Vor fünfhundert Jahren hat er einmal im Himmelspalast einen großen Aufruhr gemacht, da konnten ihn nicht einmal die versammelten Himmelskrieger besiegen. Wie könnt Ihr auch nur daran denken, den Priester aus China zu verspeisen?«
»Warum weißt du so genau Bescheid?« wunderte sich der alte Dämon.
»Ich diente früher beim König der Löwengrotte auf dem Löwenberg. Damals hat sich jener König dazu verstiegen, den Priester aus China fressen zu wollen, doch am Ende hat der Pilger Sun mit seiner Stange das Tor eingehauen und ihn so arg verdroschen, dass es ihm ergangen ist wie beim Würfelspiel: ›Eins bis Sechs, alles nix‹! Zum Glück konnte ich gerade noch schnell durch die Hintertür fliehen, und dann bin
ich hierher gekommen, wo Eure Majestät mich glücklicherweise aufgenommen hat. Darum kenne ich seine Fähigkeiten.«
Wie der Dämon dies vernahm, erblasste er vor Schreck. Es war in der Tat, wie man sagt: Hohe Feldherren fürchten sich vor Prophezeiungen. Und dass gar einer der Seinen so sprach, beunruhigte ihn natürlich umso mehr.
Während alle verängstigt dastanden, trat ein weiteres Ungeheuer vor und sprach: »Fürchtet Euch nicht, Großer König! Wenn Ihr den Priester aus China fressen möchtet, weiß ich eine List, mit der wir ihn kriegen.«
»Wie denn?« fragte der Unhold.
»Es ist die Strategie ›Auszupfen einer Pflaumenblüte‹.«
»Und wie soll das funktionieren?«
»Dazu müssen wir zuerst von allen Ungeheuern unserer Grotte die tausend besten aussuchen, dann davon hundert wählen, von hundert zehn, und zuletzt nehmen wir deren drei. Diese müssen sehr begabt sein und die Kunst der Verwandlung beherrschen, denn sie sollen alle drei in Gestalt Eurer Majestät erscheinen, ein jeder mit einer Keule bewaffnet, und an drei verschiedenen Orten lauern. Zuerst muss einer gegen den Eber Bajie kämpfen, dann einer gegen Pilger Sun, und schließlich noch einer gegen den Sandmönch. Sobald diese drei Ungeheuer die Ordensbrüder abgelenkt haben, brauchen Eure Majestät nur noch von oben die Hand nach dem Priester auszustrecken, und schon ist er gefangen. Das ist doch ein Kinderspiel, nicht schwieriger, als einen Gegenstand aus einem Sack zu langen!«
Da rief der Dämon erfreut: »Diese Strategie ist hervorragend! Erstklassig! Falls wir so den Priester kriegen, ernenne ich dich zum Vorkämpfer der Fronttruppen!«
Das kleine Ungeheuer machte einen Kotau und bedankte sich. Dann wurden alle Ungeheuer der Grotte versammelt, und man wählte auf besagte Weise drei besonders Begabte aus, welche die Gestalt des Dämons annahmen. Wie nun jeder mit einer Keule bewaffnet Stellung bezog, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns stattdessen dem Priester zu, der sorglos hinter Bajie herging. Nachdem sie einige Zeit gewandert waren, schoss mit einem plötzlichen Knall vom Wegesrand ein Dämon hervor, rannte auf sie zu und griff nach dem Priester.
»Der Dämon ist da, warum tust du nichts?« schrie Pilger Bajie zu. Da warf sich der Tölpel mit seinem Rechen ins Gefecht, und das Ungeheuer schwang seine Keule gegen ihn. Doch mitten im Kampf sprang mit einem schrillen Pfiff ein weiterer Dämon aus dem Gebüsch und rannte auf Tripitaka zu.
»Meister!« rief Pilger, »Bajie hat wohl nicht recht hingeschaut; er hat den Dämon verfehlt, und jetzt will der Euch fangen. Ich alter Sun werde ihn gleich verprügeln!«
Schon zückte er seine Stange und trat in den Kampf, während ihm das Ungeheuer, ohne ein Wort zu verlieren, mit der Keule entgegentrat. Die beiden tauschten Schlag auf Schlag, und während sie sich in Schach hielten, hörte man hinter dem Berg abermals einen Pfiff, und schon sprang ein weiteres Ungeheuer auf Tripitaka zu. Erschrocken packte Sandmönch seinen Stab und stellte sich dem Angreifer zur Wehr, der erbittert mit einer Keule gegen ihn ankämpfte. Allmählich verschob sich das Kampfgeschrei immer weiter weg, bis schließlich der Dämon oben in den Lüften den Priester alleine auf seinem Pferd sitzen sah. Da streckte er seine stählerne Kralle herab, packte den Priester und entführte ihn mit einem jähen Windstoß in seine Grotte. Dort rief er mehrmals: »Vorkämpfer!«
Der Dämon streckte seine stählerne Kralle herab, packte den Priester und entführte ihn mit einem jähen Windstoß.
Das Ungeheuer, das den Plan ausgeheckt hatte, kniete vor ihm nieder und stammelte: »Zu viel der Ehre!«
»Wenn ein großer Feldherr spricht, gilt das schwarz auf weiß! Ich habe gesagt, dass ich dich zum Vorkämpfer der Fronttruppen ernenne, wenn wir den Priester kriegen. Nun ist der Plan geglückt, da kann ich doch nicht mein Wort brechen? Lass die Kleinen das Feuer schüren und den Priester garen, dann verspeisen wir beide je ein Stück von seinem Fleisch, damit wir länger leben.«
»Großer König«, wandte der Vorkämpfer ein, »vorerst sollten wir ihn noch nicht fressen.«
»Warum nicht, wir haben ihn doch schon!« rief der Dämon.
»Ihn zu fressen wäre nicht so schlimm, Majestät«, sprach der Vorkämpfer, »Eber Bajie und der Sandmönch ließen sich schon mit irgendwelchen Abfindungen zufriedenstellen, doch der Pilger Sun, ihr Oberhaupt, ist gnadenlos. Wenn der das erfährt, würde er gar nicht erst kämpfen, sondern gleich seinen Goldreifstab in den Hang bohren und den ganzen Berg umkippen. So hätten wir am Ende gar keine Bleibe mehr!«
»Was ist also deine werte Meinung, Vorkämpfer?« fragte der Dämon.
»Meiner Ansicht nach sollten wir den Priester erst zwei, drei Tage im Hinterhof einsperren. Sobald die anderen ihn nicht mehr suchen, können wir ihn dann in aller Ruhe verspeisen; ist das nicht am besten?«
Der Dämon gab also Befehl, den Priester in den Hinterhof zu schleppen, wo er an einen Baum gekettet wurde. Der Priester konnte seine Tränen nicht zurückhalten und klagte: »Ach, meine Schüler! Während ihr auf dem Berge Ungeheuer fangt, muss ich hier leiden. Ob wir uns uns je wiedersehen? Ach, es will mir schier das Herz brechen!«
Wie ihm die Tränen über die Wangen rollten, hörte er plötzlich vom Baum gegenüber eine Stimme: »Priester, Ihr seid auch hierhergekommen?«
»Wer seid Ihr denn?« fragte der Priester erstaunt.
»Ich bin ein Holzfäller aus diesem Gebirge«, gab der andere zur Antwort, »vor ein paar Tagen hat mich dieser Bergherr gefangen und hier angekettet, schon drei Tage bin ich hier, sie könnten mich jederzeit fressen!«
Unter Tränen sprach der Priester: »Ach, Herr Holzfäller, wenn Ihr sterben müsst, geht es wenigstens nur um Euch allein, Ihr habt keine weiteren Pflichten. Ich hingegen muss mitten in einer ungelösten Aufgabe sterben!«
»Aber Ihr seid doch ein Klosterbruder, werter Priester«, entgegnete der Holzfäller, »was soll denn ungelöst sein, wenn Ihr sterben müsst?«
»Eigentlich bin ich auf einer Pilgerschaft in den Westen«, erklärte der Priester. »Ich sollte auf Geheiß des Kaisers von China bei Buddha vorsprechen und Wahre Schriften holen, damit die verlassenen Seelen in der Unterwelt erlöst werden können. Wenn ich jetzt mein Leben verliere, wird unser Kaiser bis zum Tode vergeblich auf mich warten, sein ganzer Hofstaat wird enttäuscht sein von mir, und die zahllosen Seelen in der Hölle der zu Unrecht Verstorbenen verlieren ihre einzige Hoffnung und finden nie und nimmer den Weg in eine neue Wiedergeburt! Damit löst sich mein ganzes Verdienst in Staub auf. Ist das etwa nicht eine ungelöste Aufgabe?«
Da aber schluchzte der Holzfäller: »Priester, das ist nur halb so schlimm; bei mir ist es viel trauriger! Ich lebe von meinem kargen Einkommen als Holzfäller, und meine dreiundachtzigjährige Mutter hat niemand anderen als mich. Wer soll sie in den Tod begleiten und sich um ihr Begräbnis kümmern, wenn ich gestorben bin? O Bitternis, das bricht mir das Herz!«
Auf diese Worte klagte der Priester laut schluchzend: »Erbarmen, Erbarmen! Ob wir dem Herrscher dienen oder den Eltern, es geht um das gleiche Prinzip. Ihr wollt die Fürsorge Eurer Mutter vergelten, ich will die Gunst unseres Kaisers vergelten.«
So war es in der Tat:
Es blicken tränennasse Augen
In andere tränennasse Augen,
Da steht ein gebrochenes Herz
Vor einem gebrochenen Herzen!
Doch beschäftigen wir uns nicht weiter mit Tripitakas Notlage und wenden uns stattdessen Pilger zu, der in der Zwischenzeit an dem grasbewachsenen Berghang das Ungeheuer in die Flucht geschlagen hatte und flugs zur Landstraße eilte. Hier aber waren nur noch Pferd und Gepäck zu finden, der Meister war verschwunden. Erschrocken packte er das Pferd am Halfter, schulterte die Bündel und eilte suchend dem Gipfel entgegen. Und da wir nicht wissen, ob er fündig wurde, lasst uns das nächste Kapitel anhören.