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086 Holzmutter hilft den Unhold überwinden / Metallherr tilgt die Ungeheuer mit Magie

Wie berichtet, suchte der Große Heilige den ganzen Berg ab und rief unermüdlich nach dem Meister. Auf einmal sah er Bajie wutschnaubend herbeirennen, ihm zurufend: »Was brüllst du da rum, Bruder?«

»Der Meister ist weg!« schrie Pilger, »hast du ihn gesehen?«

»Ich bin doch bloß als Mönch mit ihm zusammen, warum hast du mich schon wieder veräppelt und als Feldherr ausgeschickt! Eben habe ich auf Leben und Tod gegen den Dämon gekämpft; den Meister solltest du mit Sandmönch bewachen. Und da fragst du mich!«

Er hatte noch nicht geendet, da sah man auch Sandmönch kommen.

»Wo ist der Meister hin?« fragte Pilger.

»Ihr habt wohl beide keine Augen im Kopf, dass ihr den Unhold einfach fahren lasst!« rief dieser. »Er wollte den Meister fangen, da hab ich gegen ihn gekämpft, während der Meister alleine im Sattel blieb.«

Da stampfte Pilger wütend auf und rief: »Wir sind ihm auf den Leim gegangen, das war eine Strategie!«

»Was für eine Strategie?« fragte Sandmönch.

»Das ist die Strategie ›Auszupfen der Pflaumenblüte‹! Damit hat er uns abgehalten, so dass er sich am Ende leichter Hand den Meister angeln konnte. Irgendwo auf diesem Berg muss er sein, machen wir uns auf die Suche!«

Eilends drangen die drei ins Gebirge und suchten überall, bis sie nach etwa zwanzig Meilen unter einem steilen Felshang einen Grotteneingang entdeckten. Über dem steinernen Portal war eine Steinplatte mit acht Schriftzeichen angebracht: »隱霧 山折岳連環洞 – Faltberg-Kringelgrotte im Nebelgebirge«.

»Los, leg Hand an, Bajie!« forderte Pilger, »hier wohnt das Ungeheuer, da muss auch der Meister sein.«

Der Tölpel schwang seinen Rechen und ließ ihn so heftig gegen das Tor schmettern, dass ein großes Loch klaffte.

»Unhold!« schrie er, »gib auf der Stelle meinen Meister her!«

Die Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, stürzten Hals über Kopf ins Innere und meldeten dem Dämon, was geschehen war.

»Wer ist es denn?« fragte dieser erschrocken, und der Vorkämpfer meinte: »Ich schaue gleich nach.«

Er rannte zum Tor, spähte durch das Loch und erblickte draußen eine lange Schnauze mit großen Ohren. Da wandte er sich um und rief: »Keine Angst, Großer König! Es ist bloß der Eber Bajie, der hat keine besonderen Fähigkeiten. Der Einzige, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen, ist jener Haarige mit der Donnergottfratze.«

Draußen aber hatte Bajie diese Worte mitangehört und rief: »Bruder, vor mir haben die keine Angst, nur vor dir! Sicher ist der Meister hier drin. Schnell, geh du voran!«

Da schrie Pilger: »Lausiges Sündenbiest, dein Ahnherr Sun ist hier! Rück meinen Meister raus, sonst geht’s dir an den Kragen!«

»Schlimm, Majestät!« rief der Vorkämpfer, »Pilger Sun ist auch schon da!«

»Da haben wir’s nun, alles wegen deiner Auszupferei!« schalt der Dämon. »Jetzt haben wir das Unheil am Hals, wie soll das nur weitergehen?«

»Bitte seid mir nicht böse, Großer König«, meinte der Vorkämpfer, »soviel ich weiß, ist dieser Pilger Sun trotz allem ein großmütiger Affe. Obschon er immense Zauberkräfte besitzt, lässt er sich doch ziemlich leicht umgarnen. Zeigen wir ihm einfach einen falschen Menschenkopf und behaupten, wir hätten seinen Meister schon aufgefressen. Wenn wir ihn auf diese Weise loswerden, bleibt der chinesische Priester unser. Und sollte es nicht klappen, so können wir das Weitere immer noch besprechen.«

»Woher willst du denn einen Menschenkopf kriegen?« fragte der Dämon.

»Ich mache gleich einen«, versprach der Vorkämpfer. Schon hatte er den Wurzelstock einer Weide gefunden, den er so beschnitt, dass er einem Kopf ähnlich sah. Dann schmierte er etwas Blut darauf und schickte eines der kleinen Ungeheuer, ihn auf einem Tablett zum Tor zu bringen und Pilger mit den

Worten anzusprechen: »Hoher Herr Großer Heiliger! Besänftigt Euren Zorn und gestattet uns eine Meldung.«

Tatsächlich war Pilger leicht zu umgarnen, denn kaum hatte er die Worte »Hoher Herr Großer Heiliger« vernommen, hielt er Bajie am Arm zurück und sagte: »Schlag nicht zu, lass erst hören, was die zu sagen haben.«

Da sprach das Ungeheuer: »Als Euer Meister von dem Großen König in die Grotte gebracht wurde, haben sich unsere unflätigen Ungeheuer gleich auf ihn gestürzt und ihn ruckzuck aufgefressen. Nur der Kopf ist noch übrig.«

»Wenn er gefressen wurde, dann bringt den Kopf her, ich will ihn sehen!« schrie Pilger.

Das kleine Ungeheuer warf den Kopf durch das Loch nach draußen. Bei dem Anblick brach Bajie in Tränen aus; Pilger jedoch rief: »Schau doch erst richtig hin, du Tölpel, bevor du losheulst! Der Kopf ist gar nicht echt!«

»Woran siehst du das?«

»Ein echter Kopf landet dumpf am Boden, ein falscher tönt wie eine Holzklapper. Wenn du es nicht glauben willst, dann zeig ich’s dir!«

Schon nahm er den falschen Kopf und schmiss ihn gegen den Felsen, wo er mit hellem Klang abprallte. Dann zückte er wutentbrannt seine Stange und schmetterte ihn in Stücke. Da erkannte auch Bajie, dass es bloß ein Wurzelstock war, und polterte: »Wehe euch, haarige Rotte! Ihr versteckt unseren Meister in der Grotte und glaubt, ihr könnt euren Ahnherrn Eber mit einem Wurzelstock hinters Licht führen! Ihr wollt doch nicht behaupten, mein Meister sei ein Baumgeist?«

Erschrocken rannte das Ungeheuer mit dem Tablett zurück, trat zitternd vor den Dämon und stammelte: »Das ist schwierig, schwierig, schwierig!«

»Warum so viele ›schwierig‹?« fragte dieser.

»Der Eber Bajie und der Sandmönch sind drauf reingefallen, doch dieser Pilger Sun muss wohl mal Antiquitätenhändler gewesen sein; der kennt sich aus und sieht auf den ersten Blick, was echt ist! Er hat sofort gemerkt, dass der Kopf gefälscht war. Wir brauchen einen echten, dann zieht er vielleicht ab.«

Da befahl der Dämon seinen Ungeheuern, einen frischen Menschenkopf zu bringen und dessen Haare abzunagen, bis er glatt und sauber war, und dann ließ er ihn abermals auf einem Tablett zum Tor tragen.

»Hoher Herr Großer Heiliger!« rief das Ungeheuer, »eben war es tatsächlich ein falscher Kopf, doch das hier ist wirklich der Kopf des werten Herrn aus China. Unsere Majestät hat ihn schon für den Haussegen aufgestellt, jetzt haben wir ihn eigens für Euch geholt.«

Schon warfen sie den Menschenkopf zum Loch hinaus, dass er bluttriefend über den Boden rumpelte. Als Pilger sah, dass es ein echter Kopf war, brach er verzweifelt in Tränen aus, auch Bajie und Sandmönch fielen lauthals ein. »Bruder«, schluchzte Bajie, »ich will ihn begraben, solange mich die Wut sticht, nachher können wir immer noch trauern.«

»Ja, gut«, schluchzte Pilger.

Ohne sich um Blut und Schmutz zu kümmern, nahm der Tölpel den Kopf in die Arme und rannte damit den Berg hinan. An einer sonnigen Stelle schlug er mit dem Rechen eine Grube, legte den Kopf hinein und häufte einen Grabhügel an. Dann brach er an einem Bach einige Weidenzweige, nahm eine Handvoll Steine und kehrte damit zum Grab zurück, wo er zu beiden Seiten Zweige einsteckte und davor die Steine auftürmte.

»Was soll denn das?« fragte Pilger.

»Die Zweige stehen symbolisch für die Kiefern und Zypressen, die neben unseres Meisters Grab stehen sollten. Die Steine stehen für Opfergaben.«

»Hör doch auf mit dem Unsinn«, versetzte Pilger. »Sandmönch soll erst mal hierbleiben, um das Grab zu bewachen, und auch, um Pferd und Gepäck zu hüten. Wir beide aber gehen die Grotte zertrümmern, packen uns den Dämon und hacken seine Leiche in tausend Stücke, dass wir unseren Meister rächen!«

Bajie schwang seinen Rechen und stapfte hinter Pilger zur Grotte, wo er, ohne ein Wort zu verlieren, das steinerne Tor zerschmetterte. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei brüllte er: »Ich will den Priester lebend!«

Zu Tode erschrocken machten die Ungeheuer in der Grotte dem Vorkämpfer bittere Vorwürfe. »Was tun wir bloß, wenn dieser Mönch jetzt einfach unsere Grotte stürmt?« fragte der Dämon.

Da sagte der Vorkämpfer: »Recht hatten die Weisen des Altertums: ›Wer in den Fischkorb langt, der riecht nach Fisch.‹ Entweder man fängt erst gar nicht an, oder man hält durch bis zum Schluss. Versammeln wir all unsere Krieger und bringen diese Mönche um!«

Dem Dämon blieb nun keine andere Wahl. Tatsächlich bot er er all seine Ungeheuer auf, und diese stürmten mit lautem Kampfgeheul zur Grotte hinaus. Flink wich der Große Heilige mit Bajie ein paar Schritte zurück und stellte sich auf einer ebenen Stelle den Ungeheuern zur Wehr. »Wer von euch Ungeheuern hat meinen Meister gefangen?« schrie er.

»Elender Mönch, lass mich gefälligst in Ruhe!« rief der Dämon mit erhobener Eisenkeule. »Ich bin der Große König vom Südberg und herrsche hier seit hundert Jahren. Deinen Priester habe ich aufgefressen, na und?«

»Du aberwitziges Pelzbündel, von dir kann man auch gar nichts Besseres erwarten!« schimpfte Pilger. »Selbst der alte Meister Laozi, Ahnherr aus dem Uranfang der Welt, sitzt nicht höher als im Himmel der Höchsten Reinheit, und gar Buddha Tathagata, der große Weltenlenker, sitzt noch unter dem Vogel Peng. Und du sündiges Biest wagst dich hier ›Großer König vom Südberg‹ zu nennen und willst schon hundert Jahre dein Unwesen getrieben haben! Stillgestanden, lass dir von deinem Ahnherrn eins in die Fresse hauen!«

Der Unhold duckte sich zur Seite und wehrte gleich darauf mit seiner Keule die Eisenstange ab. Da konnte sich Bajie nicht länger halten und drosch mit seinem Rechen wild drauflos, während der Vorkämpfer seine Truppen stürmen ließ, dass sich auf dem flachen Feld am Berghang ein wildes Kampfgetümmel entspann. Als der Große Heilige gewahrte, wie kühn die Ungeheuer angriffen, bediente er sich einer Magie, indem er sich rasch ein Büschel Pelzhaare ausriss und jedes Haar in seine Gestalt verwandelte, jedes wie er selbst mit einem Goldreifstab bewaffnet. Diese schlugen nun von außen auf die Truppen ein, während Pilger und Bajie sich mitten ins Gemenge stürzten. Den armen Ungeheuern spritzte vom Rechen das Blut aus neun Wunden zugleich; wer eins mit der Eisenstange abbekam, dem wurden Knochen und Fleisch zermalmt.

Entsetzt löste sich der Dämon in Wind und Nebel auf und brauste in seine Grotte zurück. Der Vorkämpfer aber, der sich nicht schnell genug verwandeln konnte, wurde von Pilger mit einem Hieb umgelegt. Da zeigte sich seine wahre Gestalt: Es war ein grauer Wolf mit schwarzem Rücken. Pilger schüttelte sich, um seine Pelzhaare einzufangen, und schrie: »Tölpel, wir dürfen keine Zeit verlieren; wir müssen dem alten Dämon nachjagen und uns für den Meister rächen!«

Der Dämon aber, der sich in die Grotte gerettet hatte, befahl seinen Ungeheuern, das Tor zu verbarrikadieren, und wagte keinen Blick mehr nach draußen. Als Pilger und Bajie angerannt kamen und zum Kampf aufriefen, gab keiner Antwort. Schließlich schmetterte Bajie seinen Rechen gegen den Eingang, doch diesmal war er nicht zu zerschlagen.

»Bajie, spar dir deine Kräfte, die haben den Eingang zugebaut. Schauen wir lieber noch mal beim Grab vorbei«, schlug Pilger vor.

Als die beiden dorthin zurückkehrten, fanden sie Sandmönch noch immer in Tränen. Von Trauer übermannt warf sich Bajie auf den Grabhügel, schlug mit den Händen auf die Erde und flennte.

»Brüder«, sagte Pilger, »wenn der Dämon seine Grotte so fest verschließt, hat er bestimmt irgendeine Hintertür, wo er rein und raus kann. Bleibt mal hier; ich will mich noch mal umschauen.«

»Ach Bruder«, schniefte Bajie, »nimm dich bloß in Acht und lass dich nicht auch noch erwischen! Sonst kommen wir gar nicht mehr nach mit Weinen. Erst für den Meister und dann gleich noch für den Ordensbruder Klage halten, das würde die ganze Trauer durcheinanderbringen.«

»Unsinn!« versetzte Pilger. Er steckte seine Stange ins Ohr und schritt am Berghang voran. Auf einmal hörte er Wasser glucksen. Er sah sich um und gewahrte einen Bergbach, der den Hang herabrieselte. Am gegenüberliegenden Ufer erspähte er eine Pforte, von der eine Abflussrinne mit rotem Wasser in den Bach führte.

»Keine Frage, das muss ihre Hintertür sein«, meinte er.

Auf der Stelle nahm er die Gestalt einer Wasserratte an, flitzte hinüber und gelangte durch die Rinne in einen Innenhof. Hier sah er ein paar kleine Ungeheuer, die gerade an einer sonnigen Stelle Menschenfleisch zum Trocknen aushängten.

»Ach wie schrecklich, das ist gewiss das Fleisch meines Meisters! Was sie nicht gleich essen können, machen sie zu Trockenfleisch für harte Zeiten«, ging es ihm durch den Kopf. »Doch jetzt will ich reingehen und den alten Dämon suchen, dann sehe ich, wie die Lage steht.«

Aus der Abflussrinne springend verwandelte er sich mit leichtem Dreh in eine geflügelte Ameise und schwirrte flugs in die Haupthalle. Dort sah er den alten Dämon vergrämt auf dem Thron sitzen. Nun aber hüpfte ein kleines Ungeheuer hervor und meldete: »Ein riesiges Glück, Majestät!«

»Was für ein Glück?« fragte der Unhold.

»Eben habe ich zur Hinterpforte rausgeschaut, da hab ich Leute weinen hören. Ich bin dann den Hang hinaufgekrochen und habe gesehen, wie dort Eber Bajie, Pilger Sun und Sandmönch vor einem Grab wehklagten. Das heißt doch, dass sie den falschen Kopf wirklich für den Kopf ihres Priesters halten. Nun haben sie ihn vergraben und halten Totenklage!«

Pilger, der die Worte heimlich mitangehört hatte, sagte sich: »Nach dieser Aussage müsste mein Meister noch immer irgendwo versteckt sein, dann haben sie ihn ja gar nicht gefressen! Ich will mich gleich auf die Suche machen.«

Im Nu surrte er durch die Haupthalle und spähte in alle Richtungen, bis er eine kleine Seitentür entdeckte, die fest verriegelt war. Er schlüpfte durch eine Ritze und fand sich in einem geräumigen Hof wieder. Ein leises Schluchzen drang an sein Ohr. Als er weiterflog, kam er schließlich zu Bäumen, an denen zwei Menschen angebunden waren, und der eine von ihnen war Tripitaka! Als Pilger ihn sah, war er so glücklich, dass er gleich seine eigene Gestalt annahm, auf ihn zutrat und rief: »Meister!«

»Wukong!« rief der Meister schluchzend, »da bist du ja, rette mich!«

»Leise, Meister! Da ist ja noch ein anderer; nicht, dass wir verraten werden. Da Ihr am Leben seid, werde ich Euch mit Sicherheit retten können.«

Schon hatte er mit einem leichten Dreh wieder die Gestalt einer fliegenden Ameise angenommen und schwebte in die Haupthalle zurück, wo er auf einem Deckenbalken landete. Hier sah er unter sich eine Schar drängelnder und lärmender Ungeheuer, aus der plötzlich eines nach vorn sprang und rief: »Großer König! Sie haben das verbarrikadierte Tor nicht einschlagen können; jetzt haben sie für den falschen Kopf einen Grabhügel angelegt, also werden sie gewiss erst mal einen Tag lang Totenklage halten. Morgen und übermorgen wird es so weitergehen, und wenn dann der dritte und letzte Trauertag vorbei ist, werden sie sicherlich abziehen. Sobald wir wissen, dass sie sich verzogen haben, können wir den Priester in Stücke hacken. Die großen werden geschmort, und jeder kriegt einen Happen vom saftigen Braten, damit er ein langes Leben genießen kann.«

Eines der Ungeheuer klatschte in die Hände und rief: »Gedämpft schmeckt er sicher noch besser!« Und ein weiteres rief: »Das ist eine erstklassige Delikatesse, wir sollten ihn in Salz einlegen, damit wir lange dran haben.«

Empört meinte Pilger, der am Deckenbalken alles mitgehört hatte: »Was hat mein Meister eigentlich an euch verbrochen, dass ihr nichts im Sinn habt, als ihn aufzufressen?«

Nun aber rupfte er sich ein Büschel Pelzhaare aus und machte sie zu Schlafkäferchen, die er sofort über alle Ungeheuer streute, worauf ihnen die Käferchen die Nase hochkrochen, dass alsbald alle träge wurden und schließlich in tiefen Schlaf versanken. Nur der alte Dämon schlief noch nicht fest und fuhr sich ständig mit den Pranken übers Gesicht. »Warte nur, der kriegt gleich die doppelte Portion!« dachte Pilger, zauberte ein weiteres Schlafkäferchen und ließ es in seine Nase krabbeln. Da gähnte der Dämon zwei Mal laut auf und versank schnarchend in tiefen Schlaf.

Pilger sprang herab, nahm seine eigene Gestalt an, zerschmetterte die Seitentür, rannte in den Hof und rief: »Meister!«

Er löste ihm die Fesseln, bot ihm stützend den Arm und wollte gehen. Da hörten sie den Mann am anderen Baum rufen: »Werter Herr, bitte habt Erbarmen und rettet mich auch!«

»Ja, Wukong, binde diesen Mann auch los!« sagte Tripitaka.

»Wer ist das?« fragte Pilger.

»Ein Holzfäller. Er sagt, er habe eine alte Mutter zu pflegen. Rette ihn gleich!«

Da löste Pilger auch dem Holzfäller die Fesseln und führte ihn mit zur Hinterpforte, wo sie am steilen Uferfels den Bach überquerten.

»Wo sind denn Wuneng und Wujing?« fragte der Priester.

»Die beiden halten Totenwacht für Euch. Ruft sie mal!«

Laut rief der Priester: »Bajie! Bajie!«

Vom vielen Weinen ganz benommen, wischte sich der Tölpel die Tränen ab und meinte: »Sandmönch, jetzt kommt des Meisters Geist daher; hat er nicht eben gerufen?«

Da sprang Pilger hervor und rief: »Was für ein Geist, du Trottel? Du siehst doch, dass der Meister kommt!«

Als Sandmönch ihn erblickte, fiel er auf die Knie und rief: »Meister! Was für Qualen müsst Ihr gelitten haben! Wie hat unser Bruder es geschafft, Euch zu retten?«

Pilger erzählte, was sich alles ereignet hatte. Da schwang Bajie seinen Rechen, schlug das Grab ein, buddelte den Kopf heraus und zertrümmerte ihn.

»O Meister!« rief er dann, »da hab ich keine Ahnung, wo dieser Tote herkommt, und halte noch Klage für ihn!«

»Immerhin hat er mir das Leben gerettet«, sprach Tripitaka, »grabe ihn wieder ein, das zeugt vom guten Willen, wie es uns Mönchen geziemt.«

Auf diese Worte grub der Tölpel den Kopf wieder ein. Pilger lachte und rief: »Meister, setzt Euch mal ein Weilchen hin. Ich will hier noch alles ausrotten, bin gleich wieder da.«

Schon sprang er vom Fels, gelangte durch den Bach in die Grotte, wo er die Stricke, mit denen man Tripitaka und den Holzfäller angebunden hatte, in die Haupthalle schleppte und nun den alten Dämon, der noch immer tief schlief, an allen vieren fest verschnürte. Dann schulterte er ihn mit dem Goldreifstab, schritt durch die Hintertür nach draußen und warf ihn dem Meister vor die Füße. Bajie wollte ihn gleich mit dem Rechen erschlagen, doch Pilger meinte: »Halt, in der Grotte sind noch seine Ungeheuer. Sparen wir uns die Kräfte, sie anzugreifen, suchen wir einfach Brennholz und machen ihnen den Garaus!«

Der Holzfäller sammelte mit Bajie im Tal ein großes Bündel dürres Geäst, das sie durch die Hinterpforte in die Grotte stopften. Pilger zündete das Feuer an, und Bajie fächelte es mit seinen Ohren an. Zuletzt zog der Große Heilige mit einem Schütteln die in Schlafkäferchen verwandelten Haare an seinen Körper zurück. Als die Ungeheuer erwachten, wurden sie von Rauch und Feuer überrascht, und kein einziges konnte sich retten. So wurde in der Grotte alles mit Haut und Haar verbrannt.

Schließlich kehrten sie zum Meister zurück, als gerade auch der alte Dämon erwachte. Doch nun trat Bajie vor und erlegte ihn mit einem Hieb, dass seine wahre Gestalt zum Vorschein kam: Es war ein Leopard, der sich in einen bösen Geist verwandelt hatte; sein Fell war gemustert wie Beifußblätter!

Nun trat Bajie vor und erlegte ihn mit einem Hieb, dass seine wahre Gestalt zum Vorschein kam.

Überglücklich bedankte sich der Priester ein ums andere Mal. Als er sich endlich in den Sattel schwang, sprach der Holzfäller: »Werter Herr, mein Haus liegt nicht weit südwestlich von hier; bitte macht doch meiner Mutter einen kurzen Besuch, damit sie sich bei den werten Herren, die mir das Leben gerettet haben, bedanken kann. Ich werde Euch dann auf den Weg führen.«

Der Priester freute sich, verzichtete aufs Reiten und ging mit dem Holzfäller zu Fuß neben seinen Schülern einher. So

wanderten sie auf einem gewundenen Bergpfad in südwestlicher Richtung dahin und erblickten bald eine alte Frau, die, an eine Holztür gelehnt, mit tränennassem Gesicht um ihren Sohn klagte. Der Holzfäller aber eilte hin, warf sich vor ihr nieder und rief: »Mutter! Euer Sohn ist da!«

Die alte Frau fasste ihn am Arm und sprach: »Oh, mein Kind! All die Tage bist du ferngeblieben; ich dachte schon, der Bergherr hätte dich geholt! Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht! Warum kommst du erst jetzt zurück, wenn dir nichts geschehen ist?«

»Mutter«, sprach der Holzfäller, »tatsächlich hat der Bergherr mich gefangen. Er hat mich an einem Baum festgebunden, und ich sah nur noch dem Tod entgegen. Zum großen Glück sind diese werten Herren gekommen, sie haben mit unglaublichen Zauberkräften den Bergherrn erschlagen und diesen hohen werten Herrn und Euer Kind gerettet. Damit haben sie uns eine unerhörte Gunst erwiesen! Von nun an wird es friedlich sein auf unserem Berg, selbst nachts wird Eurem Kinde draußen nichts geschehen.«

Als die alte Mutter dies vernommen hatte, ging sie betend auf den Priester und seine Schüler zu, indem sie sich nach jedem Schritt niederwarf und mit der Stirn den Boden berührte. Dann bat sie alle, in ihrer Hütte Platz zu nehmen, worauf Mutter und Sohn abermals vor ihnen niederknieten und in einem fort dankten. In aller Eile wurde etwas Wildgemüse zubereitet, damit Meister und Schüler sich sättigen konnten, dann nahmen sie ihre Reisebündel und machten sich auf den Weg. Der Holzfäller gab sich alle Mühe, sie gebührlich zu begleiten, führte sie auf die Landstraße und sprach: »Macht euch keine Sorgen, werte Herren. Von hier aus sind es kaum tausend Meilen bis in den Westen. Bald seid ihr in Indien, dem Land der Glückseligkeit.«

Da sprang der Priester vom Pferd, sprach dem Holzfäller seinen Dank aus und verabschiedete sich. Nun strebten Meister und Schüler weiter dem Westen entgegen, und da wir nicht wissen, wohin sie im Weiteren gelangen sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.