Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel87

087 Die Stadt der Phönixgötter wird mit Dürrezeit bestraft / Der Große Heilige gemahnt zur Güte und bringt Regen

Der Große Weg ist still und tief,

Was hält seinen Wandel in ewigem Gang?

Dies Rätsel zu lüften lässt Geister und Götter erzittern!

Wer das ganze All umfasst,

Eröffnet das tiefdunkle Tor,

Des wahre Freude dann ist beispiellos auf Erden!

Vor dem Geierfels am Seelenberg

Nehme diese edle Perle

Und lasse ihr fünffarbenes Licht verströmen.

Damit erhelle die ganze Welt,

Führe alle Wesen ins Licht,

Wer darum weiß, der lebt so lange wie Gebirge und Meere! Berichten wir nun, wie Tripitaka und seine Schüler nach dem Abschied vom Holzfäller auf der Landstraße dem Westen zueilten und nach einigen Tagen in der Ferne eine umwallte Stadt erblickten.

»Wukong«, rief Tripitaka, »schau mal, diese Stadt da vorn! Ist dort vielleicht der Tempel des Donnergrollens von Indien?«

»Nein, das kann nicht sein«, erwiderte Pilger abwinkend. »Der Ort, an dem Tathagata weilt, wird zwar Reich der höchsten Freude genannt, doch gibt es dort keine Reichsstadt. Was man den Großen Tempel des Donnergrollens auf dem Seelenberg nennt, ist ein hoher Berg mit einer prächtigen Tempelanlage. Und gesetzt den Fall, wir wären schon in Indien, heißt das noch lange nicht, dass wir bereits da sind, wo Tathagata wohnt. Wer weiß, wie weit es in Indien noch ist bis zum Seelenberg! Die Stadt ist vermutlich eine Präfektur unter indischer Herrschaft. Sobald wir dort sind, wird es sich klären.«

Es dauerte nicht lange, da standen sie vor den Toren der Stadt. Tripitaka stieg vom Sattel und schritt durch die drei Portale in die Stadt hinein, dabei fiel ihm auf, wie verlassen alles aussah, es gab kaum Menschen oder Waren zu sehen, alle Straßen und Gassen waren öd und leer. Als sie an eine Marktstraße kamen, sahen sie viele blau gekleidete Leute, die sich zu beiden Seiten der Straße aufgereiht hatten, und an einer Hauswand standen mehrere Männer in Beamtentracht unter dem Dachvorsprung. Da sie keine Anstalten machten auszuweichen, als die vier Pilgernden näher kamen, reckte Bajie seine Schnauze hoch und schrie: »Weg frei, Weg frei!«

Wie die Leute überrascht aufblickten, jagte ihnen der Anblick dieser Gestalten einen solchen Schrecken ein, dass sie ins Stolpern gerieten und schrien: »Ungeheuer! Ungeheuer!«

Zitternd verneigten sich die Beamten unter dem Dachvorsprung vor ihnen und fragten: »Wo kommt ihr her?«

Um seinen Schülern zuvorzukommen, beeilte sich Tripitaka zu antworten: »Geringer Mönch ist vom Kaiser von China ausgesandt, im Großen Tempel des Donnergrollens von Indien bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Der Weg führt uns durch eure werte Gegend, deren Name uns noch unbekannt ist. Mögen die Herren unser ungebührliches Auftreten verzeihen!«

Allmählich fassten sich die Beamten, grüßten höflich und sprachen: »Ihr seid hier in einer Grafschaft von Indien, genannt Stadt der Phönixgötter. Da wir unter einer jahrelangen Dürre leiden, lässt unser Graf uns eine Bekanntmachung aushängen, um Geistliche zu suchen, die sich aufs Regenmachen verstehen und unser Volk retten können.«

Als Pilger das hörte, fragte er: »Wo ist eure Bekanntmachung?«

»Hier«, antworteten die Beamten, »wir haben gerade diese Wand säubern lassen, um sie hier aufzuhängen.«

»Lasst mich mal sehen«, meinte Pilger.

Da rollten die Beamten das Edikt auseinander und hängten es unter den Dachvorsprung; Pilger und seine Gefährten traten hinzu und lasen. Es stand geschrieben:

»Graf Shangguan von der Grafschaft der Phönixgötter im

großen Königreich Indien erlässt nachfolgende

Bekanntmachung, um hohe Geistliche anzuwerben:

Aus nämlichem Grunde, dass seit Jahren Dürre herrscht,

sind der Felder Erträge ausgeblieben. Derzeit vermögen nur

noch Wohlhabende auszuharren, wohingegen Mittellose

kaum mehr überleben. Inzwischen ist ein Scheffel Hirse

bereits hundert Goldstücke wert; ein Bündel Reisig ist beim

Preis von fünf Silberlingen. Zehnjährige Töchter werden

gegen drei Maß Reis gehandelt, fünfjährige Söhne umsonst

abgegeben. Während in der Stadt aus Furcht vor dem

Gesetz noch Kleider und Güter verpfändet werden,

herrschen auf dem Lande bereits Raub und

Menschenfresserei.

Es möge diese Bekanntmachung die Weisen aller Länder

erreichen, auf dass man für uns um Regen bete und unser

Volk vor dem Verderben bewahre. Wir werden uns mit 1000

Goldstücken erkenntlich zeigen und selbiges Versprechen

unter allen Umständen einhalten. Obige Kundgebung werde

ausgehängt.«

Nachdem Pilger alles durchgelesen hatte, wandte er sich an die Beamten und fragte: »Wer ist Graf Shangguan?«

»Shangguan ist der Name des Herrschers unserer Grafschaft.«

Da meinte Tripitaka: »Wukong, du kannst doch Regen machen. Bringe ihnen einen erquickenden Regenguss, damit das Volk gerettet wird; das wäre eine große Wohltat. Ansonsten lass uns zeitig weiterziehen, damit wir nicht unnötig die Reise verzögern.«

»Regen machen ist keine Sache!« rief Pilger, »Flüsse und Meere aufpeitschen, Regen und Wind bringen, mit solchen Kleinigkeiten hab ich alter Sun schon als Kind gespielt!«

Als die Beamten dies hörten, schickten sie sofort zwei Männer an den Hof, und diese meldeten: »Hoher Herr! Eine überaus frohe Botschaft!«

Der Graf, der gerade mit Räucherstäbchen in stummem Gebet dastand, vernahm die Meldung und fragte sogleich, was denn die frohe Botschaft sei. Der Beamte sprach: »Gerade als wir die Bekanntmachung am Eingang zur Marktstraße aushängen wollten, kamen vier Mönche daher. Sie sagen, sie kämen aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten und pilgerten zum Tempel des Donnergrollens, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Als sie die Bekanntmachung lasen, sagten sie sogleich, sie verstünden sich aufs Regenmachen. Dies zu melden sind wir gekommen.«

Da brachte der Graf sein Gewand in Ordnung und begab sich zu Fuß zur Marktstraße, wo die Menschen respektvoll zur Seite wichen. Als er den Priester aus China erblickte, kniete er ohne Furcht vor den grimmig aussehenden Schülern mitten auf der Straße nieder und sprach: »Geringer Herr ist Shangguan der Aufrechte, Gebieter der Grafschaft der Phönixgötter. Mit Weihrauch und läuterndem Bade will ich die werten Meister bitten, um Regen zu beten, damit unser Volk gerettet werde. Mögen die werten Meister so gütig sein und uns zu Hilfe kommen!«

Tripitaka machte eine Verneigung und sprach: »Es ist hier nicht der Ort, dies zu besprechen. Lasst geringe Mönche in einem Tempel Unterkunft beziehen, danach werden wir uns damit beschäftigen.«

»Kommt in meine bescheidene Residenz«, sprach der Graf, »dort wird sich gewiss ein reiner, ruhiger Ort für euch finden.«

Also folgten Meister und Schüler mit Pferd und Gepäck in

die gräfliche Residenz, wo erst die erforderlichen Begrüßungsriten vollzogen, dann Tee und Speisen aufgetragen wurden. Nachdem sie sich gesättigt hatten, bedankte sich Tripitaka und fragte: »Geehrter Graf, wie lange herrscht schon Dürre in Euren werten Landen?«

Da gab der Fürst zur Antwort:

»Hier in unserem öden Land,

Das zum Indischen Reich gehört,

Wird die Stadt der Phönixgötter

Von mir selbst als Graf geführt.

Seit drei langen Jahren schon

Herrscht die große Dürre nun;

Unsre Saaten keimen nicht,

Das Getreide ist dahin!

Alt und Jung im ganzen Volke

Können Güter kaum erwerben;

Neune von zehn Sippen weinen

Um das nahende Verderben!

Bald zwei Drittel aller Bürger

Hungernd schon gestorben sind,

Und ein letztes Drittel zittert

Wie ein Kerzenlicht im Wind.

Daher suche ich Geringer

Per Bekanntmachung nach Weisen;

Welch ein Glück, dass wahre Mönche

Jetzt durch unsre Gegend reisen!

Wenn ihr auch nur einen kleinen

Regen unsrem Volke schenkt;

Spenden wir für diesen Segen

Tausend Gulden euch zum Dank!«

Auf diese Worte grinste Pilger nur und meinte: »Ach was, lasst das. Wenn Ihr mit 1000 Gulden danken wollt, gibt’s keinen halben Tropfen Regen. Als eine gute Tat jedoch will ich alter Sun Euch gern einen großen Regen machen.«

Der Fürst war ein redlicher und tugendsamer Mensch, dem sein Volk am Herzen lag, und so bat er denn Pilger auf seinen Thronsitz, neigte vor ihm das Haupt und verbeugte sich mit den Worten: »Wenn der werte Meister wahrhaftig gewillt ist, uns zu helfen, wird geringer Herr sich nicht erdreisten, sich Eurem Edelsinn zu widersetzen.«

»Steht auf, Graf«, meinte Pilger, »lasst den alten Sun gleich anpacken.«

»Wie willst du denn vorgehen, Bruder?« fragte Sandmönch.

»Du kannst mir mit Bajie da draußen vor der Residenz assistieren, derweil ich alter Sun den Drachen rufe, damit er Regen bringt.«

Also stellten sich Bajie und Sandmönch an seine Seite, und die drei Brüder traten vor die Residenz, während der Fürst sich betend mit Räucherwerk verneigte und Tripitaka sitzend Sutren rezitierte.

Kaum hatte Pilger das Zauberwort gesprochen, konnte man bereits eine dunkle Wolke sehen, die von Osten her aufzog, allmählich näher kam und sich vor der Residenz niederließ. Es war Drachenkönig Ao Guang vom Östlichen Ozean. Er verneigte sich vor Pilger und sprach: »Großer Heiliger, Ihr habt geringen Drachen gerufen. Womit darf ich dienen?«

»Danke, dass Ihr aus weiter Ferne hierher kommt«, sprach Pilger, »es gibt kein großes Problem, nur leidet diese Grafschaft der Phönixgötter seit mehreren Jahren unter einer Dürre, und darum bitte ich Euch, ein bisschen Regen zu spenden, um das Volk aus seiner Not zu retten.«

»Großer Heiliger«, sprach der Drachenkönig, »Ihr müsst wissen, dass ich zwar freilich Regen machen kann, doch nur auf himmlisches Geheiß. Wie könnte ich es wagen, ohne Auftrag des Himmels eigenmächtig zu handeln? Doch da Ihr, Großer Heiliger, die Absicht habt, dieses Volk zu retten, lasst geringen Drachen in den Ozean zurückkehren, um die Krieger zu versammeln. Der Große Heilige möge sich derweil in den Himmelspalast bemühen und um ein schriftliches Geheiß zur Erteilung von Niederschlag bitten, damit der Wasserminister

geringen Drachen entsende und ich hier nach der vorgeschriebenen Menge Regen niedergehen lassen kann.«

Also blieb Pilger nichts anderes übrig, als den Drachen zurückkehren zu lassen. Dann aber sprang er aus dem Ritualplatz und sprach zu Bajie und Sandmönch: »Beschützt den Meister; ich muss kurz zum Himmelspalast!« Mit einem »Ich gehe!« war er auf und davon.

Verwundert rief der Graf: »Wo ist denn der werte Herr Sun hin?«

»Auf einer Wolke in den Himmel gestiegen«, versetzte Bajie lachend.

Da ließ der Graf in höchster Achtung eine Eilbotschaft verbreiten, in der alle Amtsdiener und Bürger der Stadt aufgefordert wurden, in sämtlichen Häusern Ahnentafeln für

den Drachenkönig zu errichten, Wasserkrüge mit Weidenzweigen vor die Tore zu stellen und dem Himmel Weihrauch zu opfern. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Berichten wir stattdessen, wie Pilger im Wolkenüberschlag zum Westlichen Himmelstor sauste, wo ihm Himmelskönig Dhritarashtra entgegenkam und rief: »Großer Heiliger! Ist die Sache mit dem Schriftenholen beendet?«

»Es fehlt nicht viel«, gab Pilger zurück, »heute sind wir in die Grafschaft der Phönixgötter gekommen, da ist seit drei Jahren kein Regen mehr gefallen, und das Volk leidet bittere Not. Ich alter Sun möchte ihnen ein bisschen Regen bringen und komme darum eigens, um beim Jadekaiser vorzusprechen und um Erlaubnis zu bitten.«

»Die Gegend wird nicht grundlos ohne Regen sein«, bemerkte der Himmelskönig. »Ich habe sagen hören, dieser Graf habe sich an Himmel und Erde vergangen, weshalb ihm zur Strafe im Himmel ein Reisberg, ein Mehlberg und ein goldener Riegel aufgestellt wurde. Es soll nicht eher Regen fallen, als bis diese drei Dinge geschwunden sind.«

Pilger begab sich zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo er den Vier Himmelsmeistern sein Anliegen erklärte, worauf diese ihn zur Halle der Himmelshöhen führten und sprachen: »Zehntausend Jahre Eurer Majestät! Es bittet Sun Wukong um Audienz, da sein Weg durch die indische Grafschaft der Phönixgötter führt und er dort um Regen bitten möchte.«

Da rief der Jadekaiser: »Vor drei Jahren, am fünfundzwanzigsten Tag des zwölften Mondmonats, sind Wir anlässlich einer Inspektionsreise durch alle Himmel und alle drei Welten in das Gebiet dieses Schurken gekommen und haben gesehen, wie ehrfurchtslos Shangguan der Aufrechte sich verhielt. Er hat die für den Himmel bestimmten Opfergaben umgestoßen, sie den Hunden zum Fraß vorgeworfen und dabei schmutzige Worte geäußert. Damit hat er die Sünde der Gotteslästerung begangen, weshalb Wir in der Duftumhüllten Halle drei Gegenstände aufstellen ließen. Führt Sun Wukong dorthin und schaut, wie es um die Sachen steht. Sollten sie bereits geschwunden sein, wird die Erlaubnis erteilt, ansonsten möge er sich nicht länger um müßige Angelegenheiten kümmern.«

Die Vier Himmelsmeister führten Pilger zur Duftumhüllten Halle, und dort fanden sie einen etwa zehn Klafter hohen Reisberg, daneben einen wohl gar zwanzig Klafter hohen Mehlberg. Am Rande des Reisberges aber war ein faustgroßes Hühnchen, das hie und da ein Körnchen pickte, und neben dem Mehlberg lag ein Löwenhündchen, das hin und wieder etwas Mehl ableckte. Weiter links lag ein goldenes Schloss auf einem aufgehängten Gestell, das war etwa einen Fuß und drei, vier Zoll lang, und darunter stand eine Öllampe, deren Flamme den fingerdicken Riegel erhitzte. Pilger wunderte sich und fragte die Himmelsmeister: »Was soll das bedeuten?«

»Weil dieser Schuft gegen den Himmel gelästert hat, ließ der Jadekaiser diese drei Dinge aufstellen. Erst wenn das Huhn alle Körner gefressen, der Hund alles Mehl abgeleckt hat und auch der Riegel über der Flamme geschmolzen ist, wird in jener Gegend wieder Regen fallen.«

Pilger erblasste vor Schreck. Er wagte nicht noch einmal beim Jadekaiser vorzusprechen und trat beschämt aus der Halle. Lachend meinten die Vier Himmelsmeister: »Macht Euch keine Sorgen, Großer Heiliger! So etwas kann nur mit guten Taten gelöst werden. Ein einziger Gedanke der Barmherzigkeit kann den Himmel so bewegen, dass der Reisberg und der Mehlberg einstürzen und der Riegel des Schlosses auf der Stelle schmilzt. Geht und ermahnt ihn zum Guten, dann kommt das Glück von selbst!«

Da verabschiedete sich Pilger und schwebte auf seiner Wolke in die unteren Sphären zurück, wo ihn der Graf, Tripitaka und die anderen umringten und ihn mit Fragen bestürmten. Pilger aber fuhr den Fürsten an: »Ihr Schuft habt vor drei Jahren am fünfundzwanzigsten Tag des zwölften Monats gegen Himmel und Erde gelästert, darum ist Eurem Volk dieses Unheil geschehen! Jetzt sind sie nicht mehr bereit, es regnen zu lassen.«

Bestürzt kniete der Fürst nieder, warf sich ihm zu Füßen und sprach: »Woher wisst Ihr das, werter Meister?«

Pilger aber rief: »Warum habt Ihr die für den Himmel bestimmten Opfergaben den Hunden zum Fraß vorgeworfen? Sprecht die Wahrheit!«

Da wagte der Fürst nichts zu verschweigen und sprach: »Vor drei Jahren, am fünfundzwanzigsten Tage des zwölften Mondmonats, habe ich hier in dieser Residenz dem Himmel Opfer dargebracht. Weil sich meine Frau gerade unziemlich verhielt, habe ich sie gescholten und mit ihr gestritten; zuletzt habe ich in blinder Wut den Altartisch umgestoßen, und die Opferspeisen sind zu Boden gefallen. In der Tat habe ich die Hunde gerufen, sie zu fressen. In diesen Jahren ist mir das oft durch den Sinn gegangen, doch blieb es mir verworren, ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich wusste nicht, dass der Himmel diese Sünde an meinem Volk vergelten würde. Da ich heute den werten Meistern begegnen darf, bitte ich inniglich, mich aufzuklären, wie in den oberen Gefilden geurteilt wird!«

»An jenem Tag war der Jadekaiser auf Erden«, erklärte Pilger, »und als er Euch die Opfergaben vor die Hunde werfen sah und Eure Flüche hörte, beschloss er, drei Dinge aufzustellen, um Euch einen Denkzettel zu verpassen.« Dann schilderte er die Sache mit dem Reisberg, dem Mehlberg und dem Schloss.

»Was kann man da bloß tun?« fragte Tripitaka.

»Das ist auch nicht weiter schwierig«, meinte Pilger, »als ich gegangen bin, sagten mir die Vier Himmelsmeister, man brauche nur gute Taten zu begehen, dann würde sich das Problem von selbst lösen.«

Da warf sich der Graf mit gefalteten Händen vor ihm nieder und flehte: »Geringer Herr wird alles tun, was der werte Meister befiehlt!«

»Falls Ihr Euren Sinn zum Guten wendet, bald zu Buddha betet und die Heiligen Schriften lest, will ich mich für Eure Sache einsetzen. Falls Ihr aber unbeirrt weitermacht, kann ich Euch auch nicht helfen und werde auch, wenn Euch der Himmel töten will, Euer Leben nicht retten können.«

Der Fürst schlug die Stirn auf den Boden und schwor, sich der buddhistischen Lehre zuzuwenden. Auf der Stelle ließ er Geistliche herbeirufen, einen Ritualplatz einzurichten und Gebetsschriften an den Himmel zu verfassen. Der Graf selbst stellte sich an ihre Spitze und verneigte sich mit Räucherstäbchen in den Händen vor Himmel und Erde, dabei gestand er seine Sünde und übte Tadel an sich selbst, derweil Tripitaka für ihn ein Sutra rezitierte. Gleichzeitig wurden Eilboten ausgesandt, sämtlichen Sippen innerhalb und außerhalb der Stadt zu verkünden, dass jeder Mann und jede Frau Weihrauch verbrennen und zu Buddha beten müsse. Von da an war alles durchdrungen vom Klange barmherziger Stimmen.

Pilger freute sich und meinte zu Bajie und Sandmönch: »Schaut ihr beide gut zum Meister; ich alter Sun will noch mal raufgehen und den Jadekaiser um Regen bitten.«

Mit einem Satz sprang er auf eine Wolke, kam abermals

zum Himmelstor und sprach zum Himmelskönig Dhritarashtra: »Der Graf hat sich zum Guten gewandelt.«

Schon kam vom Himmelstor ein Gebetsbote mit Gebetsschriften daher. Der Bote begrüßte Pilger höflich und sprach: »Eure Ermahnung hat dies bewirkt, Großer Heiliger.«

»Wohin bringt Ihr diese Schriften?« wollte Pilger wissen.

»In die Halle der Durchdringenden Klarheit«, erklärte der Bote, »dort werden die Himmelsmeister sie dem Großen Jadekaiser unterbreiten.«

»So ist es gut!« freute sich Pilger, »dann gehe ich gleich mit.«

Und so kam er mit dem Boten zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo die Vier Himmelsmeister die Botschaft in die Halle der Himmelshöhen weiterleiteten. Nachdem der Jadekaiser die Schriften eingesehen hatte, sprach er: »Wenn diese Sünder jetzt so gute Gedanken hegen, wollen wir schauen, wie es um die drei Gegenstände steht.«

Da erschien auch schon der General, der die Duftumhüllte Halle bewachte, und meldete: »Die Berge sind eingestürzt, Reis und Mehl haben sich in Luft aufgelöst, und auch der Riegel ist geschmolzen!«

Noch bevor er seine Meldung fertig vorbringen konnte, traf auch ein Himmelsbeamter mit dem Erdgeist, dem Stadtgott und dem Gott der Altäre der Grafschaft der Phönixgötter ein. Alle warfen sich vor dem Jadekaiser nieder und sprachen: »Der Herrscher unserer Grafschaft hat sich zusammen mit seinen Bewohnern zum Guten gewendet; alle beten sie zu Buddha und ehren den Himmel. Nun bitten wir um die barmherzige Gunst, erquickenden Regen zu gewähren, um das Volk zu retten!«

Erfreut über diese Meldung, erteilte der Jadekaiser sogleich den Befehl: »Schickt alle Götter für Donner, Blitz, Wind, Wolken und Regen hin! Ein jeder möge gemäß Anweisung noch zu dieser Stunde über der Grafschaft der Phönixgötter

den Donner schlagen, Wolken ausbreiten und eine Regenmenge von drei Fuß und zweiundvierzig Tropfen niedergehen lassen.«

Die Himmelsmeister leiteten den Befehl an die jeweiligen Zuständigen weiter, welche sich unverzüglich in die unteren Sphären begaben. Auch Pilger stand auf, bedankte sich und ging mit den Göttern zur Grafschaft. Dort ballten alle Gottheiten ihre Energien und legten sich gemeinsam ins Zeug, dass alsbald am Himmel der Donner rollte, Blitze zuckten, Wind und Wolken heranfuhren und endlich ein heftiger Regenguss niederprasselte. Die Bewohner waren trunken vor Freude. Es war in der Tat, als grünten verdorrte Bäume auf, als würden bleiche Gerippe auferstehen! Nach kaum einem halben Tag war die Menge von drei Fuß und zweiundvierzig Tropfen

Niederschlag erreicht, und die Götter wollten sich zurückziehen, doch da rief Pilger mit lauter Stimme: »Götter der vier Abteilungen! Lasst die Wolken ruhen, ich alter Sun will den Grafen rufen, dass er sich bei euch bedanke. Es mögen die werten Gottheiten die Wolken lichten und sich in ihrer wahren Gestalt offenbaren, damit die Sterblichen euch mit eigenen Augen schauen. So werden sie euch festen Glaubens verehren.«

Alle Gottheiten ballten ihre Energien und legten sich gemeinsam ins Zeug, dass

alsbald am Himmel der Donner rollte, Blitze zuckten, Wind und Wolken

heranfuhren und endlich ein heftiger Regenguss niederprasselte.

Auf diese Worte blieb den Göttern nichts übrig, als in der Höhe zu verweilen. Pilger aber senkte seine Wolke und landete in der Stadt, wo ihm der Fürst entgegenkam, indem er sich nach jedem Schritt zu Boden warf.

»Nur mit der Ruhe«, rief Pilger, »mir braucht Ihr nicht zu danken! Ich habe die Wettergötter aller vier Abteilungen gebeten, einen Augenblick hierzubleiben, damit Ihr das Volk versammeln und Euch mit allen gemeinsam bei den Göttern bedanken könnt, auf dass sie Euch auch in Zukunft ausreichend Regen bringen.«

Der Graf ließ die Kunde im Volk verbreiten, und bald verneigte sich jeder mit Räucherstäbchen zum Gebet. Nun sah man, wie die Götter der vier Abteilungen Wolken und Nebel lichteten und sich in wahrer Gestalt zeigten. Die Offenbarung dauerte etwa eine Stunde, bis Pilger schließlich zu den Wolken aufstieg, sich vor den Göttern verneigte und sprach: »Habt Dank für eure Mühen! Nun mögen alle abtreten und zurückkehren. Ich alter Sun will die Leute hier noch mal dazu anhalten, die Götter mit Opfergaben zu ehren und an Feiertagen Dankesriten zu veranstalten. Ihr aber sollt fortan alle fünf Tage frischen Wind und alle zehn Tage Regen bringen, damit sie vor Unheil bewahrt bleiben.«

Die Götter versprachen, sich an seine Worte zu halten, und jeder kehrte in seine Abteilung zurück, doch das sei hier nicht weiter ausgeführt.

Berichten wir stattdessen, wie sich nun der Große Heilige an Tripitaka wandte und sprach: »Die Tat ist vollbracht, das Volk ist beruhigt; wir können uns für die Weiterreise rüsten.«

Doch da trat der Graf hinzu, verneigte sich und sprach: »Wo denkt Ihr hin, werter Herr Sun! Was heute vorgefallen ist, zeugt von unermesslicher Gnade; dafür will ich geringer Herr zum Dank ein bescheidenes Festmahl geben. Danach wollen wir den werten Herren einen Tempel mit eigener Tempelhalle errichten und Denkschriften in Steinstelen meißeln, damit wir Euch zu allen Jahreszeiten Opfer darbringen können. Dies Ereignis hat uns tief berührt und unsere Herzen geprägt, doch werden wir es zu keinem Tausendstel vergelten können. Was denkt Ihr schon an die Weiterreise?«

Da antwortete Tripitaka: »Die Worte des hohen Herrn sind schicklich, doch dürfen wir als Pilgermönche nicht zu lange an einem Orte weilen. Nach höchstens ein bis zwei Tagen müssen wir uns auf den Weg machen.«

Der Graf wollte sie um keinen Preis ziehen lassen, ließ noch über Nacht ein Bankett herrichten und mit dem Bau des Tempels beginnen. Tags darauf wurde ein feierliches Dankesmahl gegeben, und am Ende wurden die Pilgernden fast einen halben Monat aufgehalten, derweil man auf die Fertigstellung der Bauarbeiten wartete. Eines Tages lud der Graf die vier Mönche schließlich zur Besichtigung, und Tripitaka rief voller Staunen: »Wie ist es möglich, ein so großes Bauwerk so schnell fertigzustellen?«

»Geringer Herr hat die Arbeiter zu höchster Eile angehalten«, sprach der Graf. »Es wurde Tag und Nacht gebaut, eigens um den werten Herren noch einen Augenschein gewähren zu können.«

»Ihr seid wahrlich ein tüchtiger Graf!« lachte Pilger.

Beim Tempel angelangt, sahen sie hinter dem prächtigen

Eingangsportal die stattlichen Bauwerke, und ihr bewunderndes Lob wollte kein Ende nehmen. Pilger bat den Meister, dem Tempel einen Namen zu verleihen.

»Er soll ›Gnadenreicher Tempel des Reinen Regens‹ heißen«, schlug Tripitaka vor. Beglückt gab der Fürst sofort den Auftrag, dies auf eine Tafel zu schreiben und den Schriftzug zu vergolden. Dann ließ er von ringsum Mönche kommen, die Kerzen und Weihrauch darbrachten. Im Tempel war linker Hand eine Halle den vier Pilgernden geweiht, wo man fortan viermal jährlich Opfer darzubringen gelobte, außerdem gab es auch eine Halle für den Donnergott und den Drachenkönig, um deren göttliche Gnade zu vergelten. Nachdem Tripitaka alles gesehen hatte, ließ er unverzüglich zur Weiterreise aufbrechen.

Die Leute der Grafschaft verstanden nun, dass sie die Mönche nicht länger aufhalten durften, und so kamen alle mit Abschiedsgeschenken und Reisegeld vorbei. Die Pilgernden aber nahmen keinen Groschen an. Schließlich versammelten sich alle Amtsträger und Bewohner der Grafschaft und begleiteten sie wohl an die dreißig Meilen weit mit Trommelwirbel und wehenden Flaggen, bis sie schweren Herzens Abschied nahmen und mit Tränen in den Augen zurückkehrten. Und da wir nicht wissen, wohin Tripitaka und seine Schüler im Folgenden gelangen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.