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088 Bei Jadeblüte gibt die innere Sammlung eine Feier / Herzensaffe, Holz und Erde nehmen Schüler auf

Wie berichtet, hatte der Priester frohgemut vom Grafen Abschied genommen, und nun wandte er sich hoch zu Ross an Pilger und sprach: »Mein lieber Schüler! Die Wohltat, die du hier vollbracht hast, ist noch größer als die Rettung der Kinder im Lande Bhiksu!«

»Das ist nur gelungen, weil der reine Sinn des Grafen selbst den Himmel rührte«, entgegnete Pilger, »mir kommt kein Verdienst zu.«

Meister und Schüler schritten auf der Landstraße weiter, die Zeit verging wie im Fluge, und bald war es wieder Herbst. Nach längerer Zeit erblickten die Pilgernden die vagen Umrisse einer Stadtmauer. Der Priester wies mit seiner Peitsche in die Ferne und rief: »Wukong! Schau, dort ist wieder eine Stadt. Was mag das wohl für ein Ort sein?«

Seine Worte waren kaum verklungen, da trat ein alter Mann aus dem Gebüsch am Wegesrand. Der Priester sprang vom Pferd und begrüßte ihn freundlich, worauf der Alte die Begrüßung erwiderte und sprach: »Woher kommt Ihr, werter Priester?«

Tripitaka faltete die Hände vor der Brust und antwortete: »Geringer Mönch stammt aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten; wir pilgern auf Geheiß unseres Kaisers zum Tempel des Donnergrollens, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Nun kommen wir zu diesem werten Ort, dessen Namen wir noch gar nicht kennen. Gerne möchte ich Euch bitten, uns darüber Kunde zu geben.«

Da sprach der Alte: »Ehrenwerter buddhistischer Meister! Diese geringe Gegend steht unter der Herrschaft des Indischen Königreichs und gehört zur Region Yuhua, Jadeblüte. Der Herrscher dieser Stadt, ein Angehöriger der königlichen Familie von Indien, wurde zum König von Yuhua ernannt. Er ist ein vorbildlicher Regent, verehrt die Geistlichen und kümmert sich liebevoll um sein Volk. Wenn Ihr, werter Meister, bei ihm vorsprecht, wird er Euch gewiss mit großem Respekt begegnen.«

Tripitaka bedankte sich, der Alte verschwand wieder im Wald, und Tripitaka ging zu den Schülern zurück, um zu berichten, was er erfahren hatte. Bald kamen sie der Stadt näher und sahen sich in den Straßen außerhalb der Stadtmauer um. Hier wurden rege Geschäfte getätigt, die Straßen waren voller Menschen, und der Handel schien zu florieren. Im Äußeren und im Klang ihrer Stimmen unterschieden sich die Menschen kaum von jenen im chinesischen Reich.

Tripitaka mahnte seine Schüler, sich zu beherrschen und ja nicht unhöflich zu sein. Bajie senkte den Kopf, und auch Sandmönch verbarg sein Gesicht, nur Pilger Sun ging erhobenen Hauptes neben dem Meister her und führte ihn am Arm. Bald drängten sich neugierige Menschen um sie und riefen: »Von Priestern, die Tiger und Drachen bändigen, haben wir schon gehört, doch einen Mönch, der Schweine und Affen bändigt, haben wir noch nie gesehen!«

Da konnte sich Bajie nicht zurückhalten, fuhr mit seiner Schnauze hoch und brüllte: »Und habt ihr schon einen Mönch gesehen, der den König der Schweine bändigen kann?«

Entsetzt stoben die Leute auseinander. Der Tölpel aber blickte wieder nach unten und grinste vor sich hin. Nachdem sie die Hängebrücke überquert und das Stadttor passiert hatten, kamen sie abermals auf eine geschäftige Straße. Wahrhaftig, das war die Stadt eines göttlichen Reichs. Tripitaka freute sich im Stillen und dachte: »All die Leute, die von den Barbaren des fernen Westens sprechen, sind ja noch nie hier gewesen. Wenn ich mir das alles anschaue, ist es doch gar nicht anders als bei uns in China! Wahrhaftig, das ist ja eine paradiesische Welt!«

Als er die Leute sagen hörte, dass zehn Scheffel Reis nur vier Groschen kosteten und ein Pfund Sesamöl bloß acht Heller, fand er, dieser wohlhabenden Gegend könne es an nichts mangeln.

Sie mussten lange gehen, bis sie endlich den Regierungssitz von Yuhua erreichten. Links und rechts davon lagen die Residenz des Statthalters, das Gerichtsgebäude, ein Amt für Ernährung und ein städtisches Gästehaus.

»Hier ist die Stadtverwaltung, meine Schüler«, sprach Tripitaka, »ich will hineingehen und dem König unser Reisedokument vorlegen. Ihr könnt derweil im Gästehaus warten. Sollte mich der König zum Essen einladen, werde ich euch rufen lassen, damit wir gemeinsam speisen können.«

Also trug Sandmönch das Gepäck ins Gästehaus. Als die Angestellten die garstigen Gesichter sahen, wagten sie weder Fragen zu stellen noch sie fortzuschicken, und so blieb denn nichts übrig, als sie Platz nehmen zu lassen.

Doch berichten wir erst von Tripitaka, der seine Robe und den Priesterhut anlegte, das Passdokument zur Hand nahm und sich direkt zur Residenz des Königs aufmachte. Schon von weitem sah er den für Hofriten zuständigen Beamten, der ihn schließlich in Empfang nahm und fragte: »Woher kommt Ihr, werter Priester?«

»Aus dem Osten«, antwortete Tripitaka, »ich bin vom Kaiser von China entsandt, im Großen Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da wir heute durch diese werte Ortschaft ziehen, möchte ich unser Passdokument vorlegen und bitte dafür um Audienz bei Seiner Hoheit.«

Der Beamte leitete das Anliegen umgehend weiter, und tatsächlich zeigte sich der König großmütig und ließ verkünden, man möge sogleich Einlass gewähren. Tripitaka schritt zur Audienzhalle, vollzog die höfischen Verneigungen, und der König rief ihn in die Halle, wo er ihm einen Platz anbot. Nun überreichte Tripitaka das Passdokument, der König besah sich eingehend die Siegel und Unterschriften aller Herren Länder und freute sich sehr. Zuletzt setzte auch er sein Siegel und seine Unterschrift dazu, dann gab er Tripitaka das Schriftstück zurück und sprach: »Werter Staatspriester! Wie weit ist der Weg, der Euch vom chinesischen Kaiserreich durch all die vielen Länder bis zu uns führte?«

»Geringer Mönch vermochte die Entfernung nicht aufzuzeichnen«, antwortete Tripitaka, »doch in jenem Jahr, als Bodhisattva Guanyin sich unserem Kaiser offenbarte, hinterließ sie einen Reimspruch, in dem von einer Entfernung von 108 000 Meilen die Rede war. Bislang habe ich vierzehn Sommer und Winter durchwandert.«

Da lachte der König und meinte: »Vierzehn Sommer und Winter, das sind ja vierzehn Jahre! Ihr müsst wohl unterwegs aufgehalten worden sein?«

»Ja, das ist eine lange Geschichte!« sprach Tripitaka. »Tausende von wilden Tieren und Ungeheuern haben mir aufgelauert; unbeschreibliche Nöte musste ich durchstehen, bis ich endlich an diesen werten Ort gelangen durfte.«

Erfreut beauftragte der König einen Beamten vom Amt für Ernährung, den Gast mit einer vegetarischen Mahlzeit zu bewirten. Da erhob sich Tripitaka und sprach: »Ich habe noch drei unwerte Schüler, die draußen warten. Würde ich jetzt speisen, fürchte ich die Weiterreise zu verzögern.«

Da schickte der König einen Beamten der Audienzhalle, die drei Schüler ebenfalls in seine Residenz zu bitten, damit man sich gemeinsam zur Tafel setze. Der Beamte ging hinaus, um die Schüler vorzuladen, doch dort sagten alle: »Wir haben niemanden gesehen.«

Einer der Umstehenden sagte: »Im Gästehaus sind drei Mönche, die ziemlich garstig ausschauen. Die müssen es wohl sein.«

Also ging der Beamte mit ihnen zum Gästehaus und fragte: »Wo sind die geschätzten Schüler des Schriftenholers aus dem chinesischen Kaiserreich? Unser König lässt zum Essen vorladen!«

Bajie, der im Sitzen eingenickt war, drang das Wort »Essen« ans Ohr, und er sprang auf und schrie: »Das sind wir!«

Sein Anblick jagte dem Beamten einen gehörigen Schrecken ein, und er musste sich überwinden, die Einladung vorzutragen. Unverzüglich folgten ihm Pilger und die anderen zur Residenz. Der Beamte ging vorab hinein, ihr Kommen zu melden, und als der König die unansehnlichen Fratzen gewahrte, stieg auch in ihm Furcht auf. Tripitaka aber faltete die Hände und sprach: »Fürchtet Euch nicht, königliche Hoheit. Meine unwerten Schüler sind zwar etwas hässlich, doch im Herzen sind sie gut.«

Da vollzog Bajie vor dem König eine leichte Verbeugung und rief: »Seid gegrüßt vom geringen Mönch!«

Dem König war umso unheimlicher zumute. Tripitaka aber erklärte: »Meine unwerten Schüler stammen aus der Wildnis, daher kennen sie sich nicht mit den höfischen Riten aus. Möge Eure Hoheit deren Unhöflichkeit verzeihen!«

Der König versuchte seine Angst in Zaum zu halten und hieß einen Beamten des Hofamtes für Ernährung, die Mönche im Baosha-Pavillon zur Tafel zu bitten. Tripitaka dankte für die königliche Gunst, sprach ein Abschiedswort und begab sich mit den anderen in den Pavillon, wo der Beamte bereits mit Dienern Tische und Stühle zurechtrückte und die fleischlosen Speisen auftrug, an denen sich Meister und Schüler labten.

Doch wenden wir uns nun dem König zu, der sich aus der Audienzhalle zurückgezogen und in seinen Wohnpalast begeben hatte. Dort waren drei Prinzen, die angesichts der verstörten Miene des Königs sofort fragten: »Was hat Euch heute so eingeschüchtert, Vater König?«

»Eben war ein Mönch da, ein Abgesandter aus dem Osten, der Heilige Schriften holen will. Er hat sein Passdokument vorgelegt und eigentlich einen ganz vornehmen Eindruck gemacht, doch als ich ihn eingeladen habe, hier zu tafeln, sagte er, draußen seien noch drei Schüler. Also habe ich diese ebenfalls einladen lassen. Als sie aber nach kurzer Zeit eintrafen, haben sie nicht einmal richtig Kotau gemacht, sondern einfach nur gegrüßt! Da war ich natürlich schon etwas verärgert. Bei näherem Hinsehen habe ich dann gemerkt, dass sie aussehen wie Ungeheuer. Das hat mir solche Angst eingejagt, dass ich wohl etwas erblasst sein muss.«

Nun verhielt es sich aber so, dass diese drei Prinzen sich hervorragend auf die Kampfkunst verstanden und den Wettkampf liebten. Darum ballten sie nun alle drei die Fäuste, krempelten ihre Ärmel hoch und riefen: »Es könnten ja wirklich Ungeheuer sein, solche aus den Bergen, die sich als Menschen verkleiden. Lasst uns mit Waffen hingehen!«

Schon holten die Prinzen ihre Waffen: Der älteste führte eine mannshohe Stange aus Eschenholz, der zweite einen neunzinkigen Rechen, der dritte einen schwarzglänzenden Stab. So traten sie mit stolz erhobenem Haupt aus der Residenz und brüllten: »Was sind das für schriftenholende Mönche? Wo seid ihr?«

Da kniete der Beamte vom Hofamt für Ernährung vor ihnen nieder und sprach: »Junge Herrscher! Sie speisen gerade im Baosha-Pavillon.«

Ohne jede Rücksicht stürmten die Prinzen hinein und schrien: »Seid ihr Menschen oder Ungeheuer? Antwortet, oder ihr werdet verprügelt!«

Tripitaka fiel vor Schrecken die Reisschale aus den Händen. Er verneigte sich und sprach: »Geringe Mönche kommen aus dem chinesischen Kaiserreich und sind auf Pilgerschaft, um Heilige Schriften zu holen. Wir sind Menschen, keine Ungeheuer.«

»Ihr seht freilich wie ein Mensch aus«, meinte einer der Prinzen, »doch die drei Garstigen neben Euch, das sind bestimmt Ungeheuer!«

Während Bajie unberührt weitertafelte, machten Sandmönch und Pilger nun eine leichte Verneigung und sprachen: »Wir sind alle Menschen.

Von Antlitz sind wir ungeschlacht,

Im Herzen sind wir rein;

Es mag der Körper grob aussehn,

Das Wesen gütig sein!

Was aber wollt ihr dreie,

Wer seid ihr überhaupt,

Dass ihr in solcher Weise

Euch prahlerisch großtut?«

Der danebenstehende Beamte erklärte: »Die jungen Hoheiten sind die Königssöhne.«

Da stieß Bajie seine Reisschale von sich und rief: »Na und, was wollen diese jungen Hoheiten mit ihren Waffen? Etwa mit uns kämpfen?«

Da trat der zweite Prinz mit ausholenden Schritten vor und schwang seinen Rechen mit beiden Händen.

Bajie kicherte und meinte: »Dein Rechen ist nicht mal ein Enkel von meinem!« Er lüftete das Gewand, zog seinen Rechen aus dem Gürtel und schwang ihn durch die Luft, dass tausendfältige Strahlen aufblitzten. Als er damit ein paar Kampfposen vollführte, erstrahlte ringsum ein heilvoller Glanz.

Da erschrak der Prinz so sehr, dass ihm alle Kraft aus den Gliedern wich. Wie Pilger nun den Ältesten mit dem Eschenholzstab hantieren sah, holte er seinen Goldreifstab aus dem Ohr, schwang ihn durch die Luft, bis er die Dicke einer Reisschale und eine Länge von zwei Klaftern hatte, dann rammte er ihn gut drei Fuß in den Boden, dass er senkrecht stehen blieb, und rief lachend: »Diese Stange schenk ich dir!«

Der Prinz warf seine Waffe nieder und wollte die Stange an sich reißen, doch wie er auch daran zerren mochte, sie ließ sich um kein Haar bewegen. Da stürmte der Dritte heran und stellte sich mit seiner schwarzglänzenden Stange kampfbereit. Sandmönch schlug ihm die Waffe mit einem Handschlag weg und packte seinen dämonenbezwingenden Prunkstab, dem nun ein schimmerndes Licht entströmte, das sich wie Abendrot ausbreitete. Der Beamte, der mit weiteren Hofdienern danebenstand, war starr vor Schrecken und vermochte kein Wort zu äußern. Die Prinzen aber warfen sich alle gleichzeitig auf die Knie und riefen: »O göttliche Meister! Wir Sterblichen haben euch verkannt! Bitte lasst uns eure hohen Künste sehen, damit wir von euch lernen können!«

Da trat Pilger vor, hob mit leichter Hand die Stange hoch und meinte: »Hier ist es zu eng, da können wir nicht richtig loslegen. Lasst mich in die Lüfte springen, dann könnt ihr ein bisschen zuschauen.«

Mit einem schrillen Pfiff schoss er auf einer buntschillernden Wolke in die Höhe und begann seinen Goldreifstab um Kopf und Körper zu wirbeln, dass es aussah, als würden Blumen regnen und gelbe Drachen um seinen Leib ringeln. So ging es in einem fort, hoch und runter, hin und her; Mensch und Waffe sahen aus wie schimmernder Brokat, zuletzt war gar kein Mensch mehr auszumachen, vielmehr schien der ganze Himmel im Waffenwirbel zu wogen. Unten stieß Bajie bewundernde Rufe aus. Schließlich konnte er sich nicht länger halten und rief: »Warte, ich alter Eber will auch mitspielen!«

Schon fuhr er auf einem Windstoß hoch und begann seinen Rechen zu schwingen: drei-, viermal hoch und runter; fünf-, sechsmal hin und her; sieben-, achtmal vor- und rückwärts; sein ganzer Körper zuckte im unaufhörlichen Wechsel der Kampfposen, bis man nur noch schneidende Geräusche im Wind vernahm. In dem feurigen Treiben sagte Sandmönch zum Priester: »Meister, lasst auch Euren alten Sandmönch was vorführen!«

Seht, wie er mit einem Satz in die Höhe schießt und seine Lanze um sich schwingt! Eine heilvolle Aura ging von ihm aus, ringsum schimmerte goldener Glanz, während er mit beiden Händen seinen Prunkstab führte, sich reckte wie ein zur Sonne fliegender Phönix, sich duckte wie ein anschleichender Tiger, mal in flinkem Angriff, mal in gefasster Abwehr, mit wendigem Schwung und festem Schlag. Wie nun alle drei Brüder in halber Höhe ihre brillanten Künste demonstrierten, waren die drei Prinzen so verblüfft, dass sie auf der staubigen Erde in die Knie fielen.

Auch die Leute beim Pavillon und alsbald gar der König in seiner Residenz, ja sogar die Bürger der ganzen Stadt begannen Buddha zu preisen und ehrerbietige Stirnaufschläge zu vollziehen; in jedem Hause wurde Weihrauch geopfert und gebetet.

So war es in der Tat:

Offenbarung weist zur Wahrheit,

Bringt Erlösung allen Mönchen;446

Wer auf Erden Wohltat stiftet,

Wird des Friedens sich erfreuen.

Fortan ist die Frucht im Reinen,

Zur Erleuchtung führt der Weg;

Hier lebt man im Geist des Dhyana,

Steht vor Buddha im Gebet!

Nachdem die drei Brüder ihre göttlichen Kräfte zur vollen Entfaltung gebracht hatten, senkten sie die glückverheißenden Wolken, steckten ihre Waffen ein, falteten die Hände vor Tripitaka und gingen an ihre Plätze zurück. Die drei Prinzen aber liefen in den Palast hinein und riefen dem König zu: »Vater König, ein unermessliches Glück! Habt Ihr diesen Tanz am Himmel gesehen?«

»Eben sah ich schillernde Wolken am Himmel und habe mit eurer Mutter im Palast Weihrauch geopfert und gebetet«, antwortete der König, »doch weiß ich nicht, was für Götter herniedergekommen sein mögen.«

»Das waren keine Götter, sondern die drei hässlichen Schüler des Schriftenholers!« riefen die Prinzen. »Der eine hat eine Eisenstange, der zweite einen Rechen und der dritte einen Stab; unsere Waffen sind nichts dagegen! Wir haben sie gebeten, eine Partie vorzuführen, da sagten sie, auf der Erde sei es zu eng, man könne sich da nicht frei bewegen; darum sind sie in die Lüfte gestiegen und haben dort ihre Waffen tanzen lassen. Aus diesem Grunde war der Himmel so voll von schillernden Wolken! Eben sind sie heruntergekommen und

sitzen jetzt im Baosha-Pavillon. Eure Kinder sind überglücklich und möchten sie als Meister verehren, damit wir ihre Künste erlernen und unser Land beschützen können. Das wäre doch ein immenses Verdienst! Wie Vater König wohl darüber denken mag?«

Als der König dies vernommen hatte, willigte er zuversichtlich ein. Also begaben sich der Vater und seine Söhne alsbald ohne jegliche Sänften oder Baldachine zu Fuß zum Pavillon. Die vier Pilgermönche waren dabei, ihr Gepäck zu ordnen, und wollten eigentlich gerade in die Residenz gehen, um sich zu verabschieden und die Weiterreise anzutreten, als sie den König und die Prinzen gewahrten, die nun beim Pavillon vor ihnen niederknieten. Bestürzt warf sich der Priester der Länge nach auf den Boden, während Pilger und die beiden anderen nur zur Seite wichen und leicht grinsend stehen blieben. Nachdem der König und seine Söhne ihre Ehrbezeugung beendet hatten, baten sie die Pilgernden in die Residenz, wo alle Platz nahmen. Da erhob sich der König und sprach: »Werte Meister aus China! Wir haben ein Anliegen und möchten dafür um eure Hilfe bitten, doch wissen wir nicht, ob die hohen Meisterschüler uns dies wohl gestatten?«

»Wir richten uns ganz nach dem Befehl Eurer Hoheit«, sprach Tripitaka.

Da begann der König: »Beim ersten Anblick glaubten wir, die werten Herren wären gewöhnliche Pilgermönche; unseren profanen Augen war der Blick getrübt, so dass ich es versäumte, euch gebührenden Respekt zu bezeigen. Doch als wir eben die Künste eurer hohen Schüler sehen durften, wurde uns bewusst, dass ihr leibhaftige Buddhas und Unsterbliche seid! Da nun meine unwerten Söhne von Kindesbeinen an die Kampfkunst lieben, haben sie den frommen Wunsch geäußert, eure Jünger zu werden, um von euren Künsten zu lernen. Wir hoffen inniglich, dass die werten Meister uns die Herzen öffnen und meine Kinder in ihre Künste einführen. Wir werden uns mit allen Schätzen des Reiches erkenntlich zeigen!«

Auf diese Worte meinte Pilger lachend: »Ach König, Ihr versteht nicht eben viel von dieser Sache! Wir Mönche wünschen doch nichts sehnlicher, als dass wir Schüler unterrichten dürfen. Da Eure werten Söhne diese Absicht hegen, dürft Ihr keinesfalls von Bezahlung reden. Es reicht vollauf, dass sie uns ihre Zuneigung entgegenbringen.«

Da freute sich der König sehr, ließ ein großes Festmahl zubereiten und in der Haupthalle seiner Residenz auftischen, dazu gab es Gesang und Tanz, Flöten und Zithern spielten auf, und vielerlei Kunststücke wurden aufgeführt. So verbrachten Meister und Schüler einen fröhlichen Tag. Als der Abend kam und das Festgelage beendet war, stellte man ihnen im Pavillon Betten und Moskitonetze auf, und alle legten sich zur Ruhe.

Bald war die Nacht um, und am Morgen erschien der König abermals mit seinen Prinzen. Tags zuvor hatte man sich noch nach den Regeln der Hofetikette begrüßt, heute hingegen galt bereits die Begrüßung für Meister. Alle drei Prinzen warfen sich vor Pilger, Bajie und Sandmönch nieder, berührten mit der Stirn den Boden und sprachen: »Verehrte Meister, bitte lasst uns noch einmal eure Waffen sehen!«

Wie Bajie und Sandmönch nun freudig Rechen und Lanze zückten, sprangen der zweite und der dritte Prinz herzu und wollten sie ergreifen. Doch es war nicht anders, als wenn Libellen an einer Steinsäule rütteln wollten: Sie mühten sich ab, bis ihre Gesichter rot anliefen, ohne die Waffen nur um ein Haar bewegen zu können. Schließlich rief der älteste Prinz, der zugeschaut hatte: »Lasst es, Brüder! Unsere Meister haben göttliche Waffen, wer weiß, wie schwer sie sein mögen!«

»Allzu schwer ist mein Rechen auch wieder nicht«, lachte Bajie. »Er wiegt nicht mehr als die Anzahl Heiliger Schriften eines Korbes: 5048 Pfund.«

Da wollte der dritte Prinz wissen, wie schwer denn Sandmönchs Lanze sei, und dieser gab lachend zur Antwort: »Ebenfalls 5048 Pfund.«

Als der älteste Prinz Pilger bat, ihm den Goldreifstab zu zeigen, langte Pilger in sein Ohr, zog ein nadelgroßes Stäbchen heraus, schwang es in den Wind, und schon ragte vor ihm eine Stange so dick wie eine Reisschale kerzengerade empor. Alle, die das mitangesehen hatten, erschauderten.

Mit einer Verneigung fragten die drei Prinzen: »Meister Eber und Meister Sand tragen die Waffen unterm Gewand, Meister Sun aber nimmt seine Waffe aus dem Ohr und lässt sie im Wind wachsen; wie geht das zu?«

»Nun, ihr müsst wissen, dass diese Stange nicht von profaner Herkunft ist«, lachte Pilger und sprach: »Die Stange wurde nämlich

Einst vom göttlichen Großen Yu

Eigenhändig hergestellt;

Stand im Ozean des Ostens,

Für den Meerpalast zum Halt.

Vorbestimmt dem alten Sun,

Daher nahm ich sie an mich;

Und mit grenzenloser Wandlung

Folgt sie meinem Zauberspruch.

Ihr Gewicht beträgt in Pfund

Dreizehntausendundfünfhundert;

Ist mal dicker und mal dünner,

Kann auch wachsen oder mindert.

Aus dem Urchaos vererbt

Bis zu unsrer heutigen Zeit,

Ist dies Eisen keineswegs

Von profaner Weltlichkeit!«

Auf diese Worte wollten die Prinzen gar nicht mehr aufhören mit ehrfurchtsvollen Verneigungen. Schließlich traten alle drei vor, verneigten sich abermals vor ihren Meistern und baten fromm um Unterweisung.

Da fragte Pilger: »Welche Kampfkunst wollt ihr drei denn lernen?«

Die Prinzen antworteten: »Der mit der Stange die Kunst der Stange, der mit dem Rechen die Kunst des Rechens, der mit dem Stab die Kunst des Prunkstabes.«

Pilger lachte und meinte: »Euch zu lehren wäre ein Leichtes, nur fehlen euch die Kräfte, darum könnt ihr unsere Waffen gar nicht benutzen. So könnte es sein, dass ihr die Sache am Ende doch nicht recht beherrscht, gerade wie jener, der einen Tiger zeichnen wollte, und am Ende sah es aus wie ein Hund. Doch da ihr aufrichtig lernen wollt, sollt ihr erst einmal Weihrauch opfern und euch vor Himmel und Erde verneigen, dann will ich euch göttliche Kräfte verleihen, damit wir euch unterweisen können.«

Die Prinzen waren überglücklich, errichteten eigenhändig einen Altar, wuschen die Hände, brannten Weihrauch und beteten zum Himmel. Dann baten sie ihre Meister um Unterweisung. Pilger aber wandte sich erst ab, trat mit gefalteten Händen vor Tripitaka und sprach: »Möge der verehrte Meister seinen Schülern verzeihen! Da sich drei Prinzen eines redlichen Königs an uns wenden, um die Kampfkunst zu erlernen, werden sie zu Meisters Schülern zweiter Generation. Daher bitte ich unseren Meister um Erlaubnis, die Prinzen unterweisen zu dürfen.«

Die Prinzen baten ihre Meister um Unterweisung.

Mit Freude gab Tripitaka seine Zustimmung. Da erst führte Pilger die Prinzen in einen stillen Raum hinter dem Pavillon, wo er die magischen Schrittfolgen des Siebengestirns auf den Boden zeichnete und die Prinzen aufforderte, sich darin auf den Boden zu kauern, die Augen zu schließen und den Geist ruhen zu lassen. Dann sprach er im Stillen eine magische Formel und blies göttlichen Odem in ihren Bauch, so dass ihr Ursprungsgeist an den ureigenen Ort einkehrte. Anschließend übermittelte er ihnen einen Zauberspruch, der ihnen das Zehntausendfache an Kräften verlieh, als würden sie neu geboren. Nachdem er ihre Energie den Himmlischen Kreislauf entlang von Kopf bis Fuß in Fluss gebracht hatte, kamen die Prinzen wieder zu sich, standen gleichzeitig auf, rieben sich die Gesichter und schüttelten sich. Jeder fühlte sich von frischer Kraft durchströmt. Da nahm der Älteste den Goldreifstab, der Zweite schwang den neunzinkigen Rechen, und der Dritte hob den Prunkstab hoch. Als der König dies sah, war er außer sich vor Freude und ließ abermals ein vegetarisches Festmahl zubereiten, um den Pilgernden zu danken.

Vor dem Bankett unterwies nun jeder Meister seinen Schüler: Der mit der Stange nahm die Stange, der mit dem Rechen schwang den Rechen, der mit dem Prunkstab führte den Prunkstab. Einige Wendungen und Kampfposen schafften sie bereits, doch die Anstrengung war groß. Bei jeder Schrittfolge kamen sie ins Keuchen und hielten nicht lange durch, denn obschon diese Waffen die wunderbare Gabe der Wandlung und geistigen Durchdringung hatten, waren die Prinzen eben doch gewöhnliche Sterbliche. Wie hätten sie als solche ihr Ziel auf die Schnelle erreichen können?

Das Festmahl ging zu Ende, und tags darauf kamen die drei Prinzen wieder, bedankten sich und sprachen: »Habt tausend Dank, dass Ihr uns solche Kräfte verliehen habt! Nun konnten wir zwar die Waffen unserer Meister tatsächlich benutzen, aber der Umgang damit war doch sehr anstrengend. Darum möchten wir gerne einen Handwerker beauftragen, nach dem Vorbild der Waffen unserer göttlichen Meister welche zu schmieden, die etwas weniger schwer sind. Nur wissen wir nicht, ob unsere Meister damit einverstanden sind.«

»Das ergibt Sinn«, meinte Bajie, »erstens könnt ihr mit unseren Waffen nicht recht umgehen; zweitens brauchen wir sie zum Schutz der Rechten Lehre und zum Bändigen von Dämonen. Man sollte also wirklich welche anfertigen lassen.«

Da ließen die Prinzen Schmiede herbeiberufen und 10 000 Pfund Eisen beschaffen, gleichzeitig wurde in der Residenz eine Schmiedewerkstatt mit einem einfachen Schmelzofen eingerichtet, und so konnte die Arbeit beginnen. Am ersten Tag wurde der Stahl geschmolzen, am zweiten Tag bat man Pilger und seine Brüder, Eisenstange, Rechen und Prunkstab in den Werkschuppen zu stellen, damit die Waffen nach deren Vorbild gefertigt werden konnten. Dort blieben sie nun Tag und Nacht stehen.

Aber oho! Die Waffen waren ja Zauberschätze, und als solche hätten sich die Ordensbrüder keinen Augenblick von ihnen trennen dürfen! Denn während die Waffen nun mehrere Tage im Schuppen standen, schossen Zehntausende von Strahlen zum Himmel, und eine tausendfältige heilvolle Aura verbreitete sich auf Erden. Und so kam es denn, dass ein Ungeheuer, das nur siebzig Meilen außerhalb der Stadt in der Tigermaulgrotte auf dem Pantherkopfberg hauste, eines Abends vor sich hin brütete, als ihm auf einmal die

buntschillernden, heilvollen Nebelschleier auffielen. Unverzüglich stieg es in die Höhe, um zu schauen, was da vor sich gehe, und sah, dass das Licht aus der königlichen Residenz strahlte. Also senkte das Ungeheuer seine Wolke und besah sich die Sache näher: Es waren drei Waffen, die dieses Licht aussandten. Das Ungeheuer war wie bezaubert.

»Schöne Schätze, gute Schätze!« rief es aus. »Wer mag sie wohl benutzen, wer hat sie hierhingestellt? Das ist ja wohl ein Glück! Her damit!«

Da entfachte der Unhold einen gewaltigen Windstoß, der die drei Waffen erfasste und in seine Grotte führte. So war es in der Tat:

Lasse keinen Augenblick vom Weg des Dao,

Denn was man lassen kann, ist nicht der Weg;447

Verschwunden sind die göttlichen Waffen nun,

Alle Mühen der sich Übenden vertan!

Und da wir nicht wissen, wie sie die Waffen wiederfanden, lasst uns das nächste Kapitel anhören.