Wenden wir uns den Schmieden zu, die im Hof der Residenz mehrere Tage lang hart gearbeitet hatten, so dass sie in der Nacht in tiefem Schlaf lagen. Wie sie nun am Morgen aufstanden, waren die Waffen im Schuppen plötzlich weg. Die Schmiede waren fassungslos. Während sie in großer Angst alles absuchten, kamen auch schon die drei Prinzen daher. Die Schmiede warfen sich ihnen zu Füßen und riefen im Kotau: »Ach, junge Hoheiten! Die Waffen der göttlichen Meister sind nicht mehr da!«
Die Prinzen erschraken nicht wenig. »Ob unsere Meister sie vielleicht über Nacht verwahrt haben?« mutmaßten sie und eilten zum Pavillon, wo sie sich nicht halten konnten, laut zu rufen: »Meister, schlaft ihr noch?«
»Wir sind auf«, rief Sandmönch und öffnete die Tür. Die Prinzen traten ein und schauten sich um, doch waren keine Waffen zu sehen. Ängstlich fragten sie: »Haben die Meister ihre Waffen verwahrt?«
»Nein!« rief Pilger und sprang auf.
»Eure Waffen sind über Nacht verschwunden!«
Da sprang auch Bajie auf und fragte: »Und mein Rechen, ist der da?«
»Eben haben eure Jünger draußen gesehen, wie die Leute überall danach suchten, da dachten wir, vielleicht könnten ja die Meister sie in Verwahrung genommen haben; darum sind wir hergekommen. Eure Zauberwaffen können doch wachsen und schrumpfen, vielleicht habt ihr sie ja nur versteckt, um eure Jünger zu narren!«
»Wir haben sie ganz ehrlich nicht genommen«, sagte Pilger. »Gehen wir alle zusammen suchen!«
Sie kamen zum Schuppen, wo tatsächlich keine Waffen mehr zu sehen waren. Da rief Bajie: »Sicher hat diese Schmiedebande sie gestohlen! Her damit, sonst hauen wir euch mausetot!«
In panischer Angst warfen sich die Schmiede zum Kotau nieder und riefen unter Tränen: »Werte Herren! Wir haben in diesen Tagen hart gearbeitet und nachts tief geschlafen, und heute früh beim Aufstehen waren sie einfach weg. Wir sind doch gewöhnliche Sterbliche, wie sollten wir diese Geräte auch tragen können? Bitte, werte Herren, lasst uns am Leben!«
Pilger, der wortlos zugehört hatte, bemerkte nun grimmig: »Es ist unser Fehler. Schließlich haben sie die Exemplare schon zu sehen bekommen, wir hätten sie wieder zu uns nehmen sollen. Wie konnten wir sie bloß stehen lassen! Diese Schätze strahlen doch ein Licht aus wie Morgenrot, das hat gewiss irgendein böses Wesen angelockt, das sie über Nacht gestohlen hat.«
Bajie wollte ihm nicht glauben. »Aber Bruder«, rief er, »wir sind doch nicht fernab in gebirgiger Wildnis; woher soll in einer so friedlichen Umgebung ein böses Wesen kommen? Sicher sind es die Schmiede gewesen! Die haben den Waffen doch am Glanz angesehen, dass es sich um Zauberschätze handelt, dann sind sie über Nacht rausgegangen, haben sich mit anderen zusammengerottet und die Waffen geraubt. Her mit diesen Betrügern! Verhaut sie, verprügelt sie!«
Die Schmiede schlugen unentwegt die Stirn auf den Boden und schworen, dass sie es nicht gewesen seien. In diesem Lärm erschien nun auch der König, fragte, was geschehen sei, und meinte dann nach einem nachdenklichen Schweigen: »Die Waffen der göttlichen Meister sind ja anders als irdische Dinge; auch tausend Mann könnten sie nicht fortbewegen. Außerdem darf ich ohne Übertreibung sagen, dass unsere Stadt, über die ich seit fünf Generationen herrsche, einen sehr guten Ruf genießt. Alle Bürger, Handwerker und Soldaten fürchten die harten Strafen des Königs und würden es niemals wagen, einen solchen Betrug zu verüben. Wir bitten die göttlichen Meister, die Lage nochmals zu überdenken.«
»Nicht nötig«, warf Pilger lachend ein, »wir brauchen uns gar nicht auf die Schmiede festzulegen. Nur will ich Eure Hoheit etwas fragen: Gibt es in den umliegenden Bergen oder Wäldern vielleicht irgendein Ungeheuer?«
»Diese Frage, göttlicher Meister, scheint mir sehr angebracht«, sprach der König. »Im Norden unserer Stadt liegt der Pantherkopfberg, und dort gibt es eine Tigermaulhöhle. Immer wieder hört man munkeln, es lebe dort ein
Unsterblicher, dann heißt es wiederum, Tiger- und Wolfsgeister würden dort hausen. Allerdings haben wir das bislang noch nicht näher untersucht. Wer weiß, was für ein Wesen das sein mag.«
»Keine Frage«, lachte Pilger, »dann ist es zweifellos jenes üble Wesen, das unsere Waffen geklaut hat.« Er rief Bajie und Sandmönch zu sich und sprach: »Bleibt hier beim Meister, ich alter Sun suche die Kerle mal auf. Bin gleich wieder da!«
Mit einem Pfiff schoss er hoch und kam in einem Satz auf den Pantherkopfberg. Als er vom Gipfel Ausschau hielt, sah er tatsächlich eine dämonische Aura. Beim weiteren Umschauen drangen plötzlich Stimmen an sein Ohr, die hinter einem Hang näher kamen. Rasch wandte er sich um und entdeckte zwei wolfsköpfige Ungeheuer, die schwatzend in Richtung Nordwesten wanderten.
»Das müssen Ungeheuer sein, die den Berg absuchen«, sann er. »Denen will ich alter Sun gleich folgen, damit ich höre, was die so erzählen.«
Schon machte er ein magisches Fingerzeichen und sprach eine Zauberformel, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen Schmetterling, breitete seine Flügel aus und flatterte den Wolfsköpfigen nach. Als er über ihren Köpfen schwebte, hörte er plötzlich, wie der eine sagte: »Zweiter Bruder, unser großer König hat in letzter Zeit echt Glück. Letzten Monat hat er eine hübsche Frau erwischt, mit der er in der Grotte seine Freude hat, und gestern hat er auch noch drei Waffen gekriegt, echt feine Kostbarkeiten! Wenn morgen zur Feier das Rechenfest stattfindet, werden wir alle was davon abkriegen.«
»Und wir beide haben ja auch Glück, dass wir zwanzig Silberlinge gekriegt haben, um Schweine und Ziegen zu kaufen«, meinte der andere. »Wenn wir in Qianfang auf dem Markt sind, gehen wir erst mal einen zechen. Für die Einkäufe lassen wir uns eine gefälschte Rechnung ausstellen, damit noch mal zwei, drei Silberlinge für uns abfallen, dann können wir uns was Warmes für den Winter kaufen, ist doch gut, oder?«
So schritten die beiden Ungeheuer schwatzend und lachend auf der Landstraße dahin. Pilger frohlockte, als er hörte, dass ein Rechenfest stattfinden sollte. Am liebsten hätte er die beiden gleich erschlagen, nur hatte er ja eben keine Waffe bei sich. Also flatterte er voran, zeigte sich in seiner wahren Gestalt und stellte sich mitten auf die Straße. Als die Ungeheuer ihn bemerkten und auf ihn zukamen, spuckte er ihnen ins Gesicht und sprach die Zauberformel »Om Hum Zha Li!«. Damit wurden ihre Körper gebannt, so dass die zwei Wolfsköpfigen wie angewachsen stehen blieben. Pilger stieß sie um, durchsuchte ihre Kleider und fand an der Hüfte des einen eine Umhängetasche, in der tatsächlich zwanzig Silberlinge waren. Außerdem hatte jeder ein weißes Täfelchen am Rockgürtel hängen; auf dem einen stand »Tricklister«, auf dem anderen »Listtricker«. Der Große Heilige nahm die Silberlinge, löste beide Täfelchen ab, wandte seine Wolke um und kam wieder in die Residenz, wo er dem König, Tripitaka und den anderen alles erzählte.
Bajie lachte: »Mein Schatz leuchtet sicher besonders hell, dass sie eigens dafür ein Fest machen! Aber wie kriegen wir ihn denn wieder?«
»Gehen wir gleich alle drei hin«, schlug Pilger vor. »Die Silberstücke hier waren für den Kauf von Schweinen und Ziegen bestimmt, jetzt sollen die Schmiede sie zum Lohn haben. Es möge die königliche Hoheit ein paar Schweine und Ziegen besorgen, dann soll Bajie den Tricklister spielen, und ich Listtricker; Sandmönch kann als Viehhändler verkleidet mitkommen. Sobald wir in der Grotte sind, nimmt bei Gelegenheit jeder seine Waffe, und dann rotten wir das ganze Gesindel aus. Danach kommen wir zurück, räumen unsere Sachen auf und ziehen weiter.«
»Sehr gut, wunderbar!« pflichtete Sandmönch bei, »gehen wir!«
Der König war mit allem einverstanden, schickte sogleich einen Hofdiener nach Schweinen und Schafen, und die drei Ordensbrüder verabschiedeten sich vom Meister, um vor der Stadt ihre göttlichen Kräfte zu entfalteten.
»Aber Bruder«, meinte Bajie nun, »ich habe diesen Tricklister doch gar nie gesehen, wie soll ich mich in ihn verwandeln?«
»Ich weiß, wie er aussieht«, gab Pilger zurück, »bleib stehen, ich verwandle dich.«
Also murmelte der Tölpel einen Zauberspruch, und Pilger behauchte ihn mit göttlichem Odem, so dass er augenblicklich die Gestalt von Tricklister annahm. Das Täfelchen befestigte er an seinem Gürtel. Nun verwandelte sich Pilger in Listtricker, ebenfalls mit dem entsprechenden Täfelchen, und Sandmönch verkleidete sich als Händler. So gingen sie nun, Schweine und Ziegen vor sich her treibend, auf der Landstraße dem Berg entgegen. Bald gelangten sie in eine Talsenke, wo ihnen ein kleines Ungeheuer mit grünem Gesicht und roten Haaren entgegenkam, das eine farbig lackierte Briefschatulle unter die linke Achsel geklemmt hatte. Es kam auf Pilger zu und rief: »Listtricker, ihr seid schon wieder da? Wie viele Tiere habt ihr gekauft?«
»Siehste doch!« gab Pilger zurück, »wo gehst du denn hin?«
»Auf den Bambusberg, den alten Großen König zum morgigen Fest einladen«, gab das Ungeheuer zurück.
»Wie viele sollen denn kommen?« fragte Pilger.
»Der alte Große König soll den Ehrensitz kriegen, außerdem kommen noch etliche von unserem Berg, alles in allem wohl über vierzig.«
Pilger bat ihn, die Einladung sehen zu dürfen. Darauf stand geschrieben:
»Morgen in der Frühe wird ein Festmahl zu Ehren des
Rechens gegeben. Wir ersuchen Ehrwürden
hochachtungsvoll, unserem Berg einen Besuch abzustatten.
Auf geschätztes Entgegenkommen hoffend und in höchster
Dankbarkeit sei geehrter Ahnherr Neunbeseelter Urheiliger
mit Hochachtung zur Tafel gebeten.
Enkeljünger Gelber Löwe sendet ergebene Grüße mit
hundert Verneigungen.«
Nach dem Durchlesen gab Pilger das Schreiben zurück, das Ungeheuer steckte es wieder in sein Kästchen und machte sich in südöstlicher Richtung davon.
»Was stand auf dem Zettel geschrieben?« wollte Sandmönch wissen.
»Eine Einladung zum Rechenfest. Unterschrieben ist sie mit ›Enkeljünger Gelber Löwe‹; der Empfänger ist ein ›Ahnherr Neunbeseelter Urheiliger‹.«
Sandmönch lachte: »Gelber Löwe, das ist sicher der Geist eines Löwen mit goldener Mähne. Aber was mag wohl dieser Neunbeseelte Urheilige sein?«
»Das ist ein Stück für den alten Eber!« fiel Bajie lachend ein.
»Wieso denn das?« wunderte sich Pilger.
»So sagte man doch schon im Altertum: ›Eine räudige Sau rennt Löwen mit Goldmähnen hinterher.‹ Darum passt es für mich.«
So kamen die drei lachend und plaudernd mit den Schweinen und Ziegen zur Tigermaulhöhle. Vor dem Eingang war eine Schar Ungeheuer verschiedenster Ränge unter blühenden Bäumen versammelt, die sich mit Spielen vergnügte. Als sie Bajie mit lauten Rufen die Herde treiben hörten, kamen sie ihnen entgegen, packten die Schweine und Ziegen und banden ihnen die Beine zusammen. Schon war auch der Dämonenkönig in der Grotte aufmerksam geworden, trat heraus und rief: »Da kommt ihr ja, ihr beiden! Wie viele Tiere habt ihr erstanden?«
So kamen die drei lachend und plaudernd mit den Schweinen und Ziegen zur
Tigermaulhöhle.
»Insgesamt fünfzehn; acht Säue und sieben Ziegen«, gab Pilger zur Antwort. »Die Säue kosten sechzehn Silberlinge, die Schafe neun. Zwanzig haben wir von Euch bekommen, fünfe fehlen noch. Das hier ist der Viehhändler, er ist mitgekommen, damit er sein Silber kriegt.«
Als der Dämonenkönig das hörte, beauftragte er ein Ungeheuer, dem Händler die Silberstücke zu bringen und ihn fortzuschicken.
Da meinte Pilger: »Der Gast ist zum einen da, das Geld zu holen, zum anderen, um das Fest zu sehen.«
»Unverfroren bist du, Tricker!« polterte der Dämon, »du sollst einkaufen, nicht den Leuten von Festen erzählen!«
Da trat Bajie hinzu und sprach: »Der Schatz, den unser Herr gefunden hat, ist eine wahre Rarität. Zeigt ihn doch, Ihr braucht ja nichts zu fürchten!«
»Elender Lister, auch du bist so unverschämt!« fuhr ihn der Dämon an, »diese Schätze hab ich in Yuhua gefunden. Wenn der Mann die sieht und das dort rumerzählt, kommt am Ende noch der König daher; was dann?«
»Aber werter Herr«, wandte Pilger ein, »der Mann kommt aus dem Hinterland beim Markt von Qianfang, das ist doch weit weg von der Stadt, was soll er da rumerzählen? Außerdem hat er Hunger, und wir beide haben auch noch nicht gegessen; wenn in der Küche Wein und Reis übrig sind, so gebt ihm doch was ab, dann soll er gehen!«
Pilger hatte noch nicht geendet, da kam ein Ungeheuer und reichte ihm die fünf Silberlinge. Pilger gab sie Sandmönch und sprach: »Werter Gast, nehmt das Geld und kommt herein, was zu essen.«
Die drei gingen in die Höhle, und nach dem zweiten Portal, mitten in der geräumigen Empfangshalle, fanden sie den Rechen, von dem tatsächlich ein gleißendes Licht ausging. An der Ostwand stand der Goldreifstab und an der Westwand der Prunkstab. Der Dämon, der ihnen folgte, sprach: »Gast, was hier in der Mitte leuchtet, das ist der Rechen. Anschauen dürft Ihr ihn, doch keinesfalls irgendwem davon erzählen!«
Sandmönch nickte verständnisvoll.
Aber oho! So war es eben: »Kommt ein Ding zu seinem
Herrn, so muss es angenommen werden.« Bajie, grobschlächtig wie er war, hatte längst keinen Sinn mehr für höfliches Geplänkel. Schon rannte er hin, schwang seinen Rechen und stürzte sich in eigener Gestalt auf den Dämon. Da liefen auch Pilger und Sandmönch zu den Seitenwänden, packten ihre Waffen und zeigten sich in ihrer wahren Gestalt. Vor dem wilden Angriff der drei Brüder wich der Dämon erschrocken zurück, packte weiter hinten eine scharfe Lanze mit langem Schaft, rannte damit in den Hof und stellte sich den drei Angreifern zur Wehr.
»Wer seid ihr eigentlich?« schrie er, »wie könnt ihr es wagen, mir hinterlistig meine Schätze zu rauben?«
»Du haariges Diebespack!« schrie Pilger zurück, »natürlich kennst du uns nicht; wir sind die Schüler des heiligen Priesters Tripitaka. Weil die drei Prinzen in Yuhua von uns die Kampfkunst lernen wollten, haben wir unsere Wunderwaffen in den Hof gestellt, damit man ihnen gleiche schmieden kann. Du haariges Diebespack aber hast sie über Nacht geraubt, und jetzt willst du behaupten, wir würden dich berauben! Halt, jetzt kriegst du mit jeder Waffe eins übergezogen!«
Der Dämon stellte sich mit der Lanze entgegen, und alsbald verlagerte sich der Kampf aus dem Innenhof zum Höhleneingang.
Seht, wie nun drei Mönche mit dem Dämon ringen! Lange kämpften sie am Pantherkopfberg, bis endlich der Dämon nicht länger standhalten konnte und gen Südosten in der Richtung des Trigramms Xun auf einem Windstoß davonstob. Als Bajie ihm nachjagen wollte, hielt ihn Pilger zurück und sagte: »Lass ihn laufen. So heißt es doch: ›Geschlagne Räuber soll man nicht verfolgen.‹ Schneiden wir ihm lieber den Rückweg ab.«
Bajie zeigte sich einverstanden. Die drei gingen in die Höhle, erschlugen dort alle Wölfe, Ungeheuer und Bestien, dann schaffte Pilger mit Magie sämtliche Wertgegenstände mitsamt den toten Ungeheuern, Schweinen und Schafen aus der Grotte, und Sandmönch legte dürres Holz hinein und ließ alles in Flammen aufgehen. Anschließend brachten sie die ganze Beute in die Stadt.
Die Stadttore waren noch offen, und der König und seine Prinzen hielten gerade mit Tripitaka beim Pavillon Ausschau, als plötzlich alle möglichen Sachen herunterpurzelten: tote Ungeheuer, Schweine, Schafe, Schätze; alles landete polternd im Hof. Einstimmig riefen die drei Schüler: »Meister, wir haben gesiegt!«
Der König bedankte sich in einem fort, und der Priester war überglücklich. Die drei Prinzen aber warfen sich auf die Knie und fragten: »Wo kommen denn all die Sachen her?«
Lachend berichtete Pilger: »Das sind die zu Ungeheuern gewordenen Tiergeister aus dem Gebirge. Der alte Dämon aber ist ein Löwe mit goldener Mähne. Als wir unsere Waffen fanden, haben wir ihn aus der Grotte gejagt. Der Kampf dauerte bis zum Abend, aber am Ende hat er eine Niederlage eingesteckt und ist geflohen. Wir haben ihn ziehen lassen, aber seine Grotte haben wir ausgeräumt, die Ungeheuer erschlagen und diese Sachen eingesammelt.«
Als der König dies vernommen hatte, mischte sich seine Freude mit Furcht. Denn sosehr ihn die siegreiche Rückkehr freute, fürchtete er sich nun auch vor einer möglichen Rache des Dämons.
»Macht Euch keine Sorgen, Majestät«, meinte Pilger, »ich habe mir alles reiflich überlegt, und Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass wir erst weiterziehen, wenn alles Übel ausgemerzt ist. Wir würden niemals zulassen, dass es ungute Folgen nach sich zieht. Heute Mittag habe ich dort ein kleines Ungeheuer angetroffen, das mit einem Einladungsschreiben zu einem sogenannten ›Ahnherrn Neunbeseelter Urheiliger‹ unterwegs war. Dorthin muss der Dämon nach dem verlorenen Kampf geflohen sein. Also werden sie sich morgen gewiss rächen. Wir werden Euch ein für alle Mal reinen Tisch machen.«
Der König dankte und ließ ein Abendmahl auftragen. Wie Meister und Schüler sich nun sättigten und danach schlafen legten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns stattdessen dem Dämon zu, der tatsächlich zum südöstlich gelegenen Bambusberg gesaust war, wo sich eine Grotte mit Namen ›Spiralgrotte der Neun Windungen‹ befand, in der sein Großvater, der Neunbeseelte Urheilige, hauste. Eine ganze Nacht lang war der Dämon dahingebraust, bis er frühmorgens zur fünften Nachtwache endlich bei der Grotte anklopfte und eintrat. Wie er den alten Dämon erblickte, warf er sich ihm zu Füßen und konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten.
»Mein liebes Kind«, sprach der alte Dämon, »gestern hast du mir doch eine Einladung geschickt, und heute wollte ich zu deinem Fest kommen. Warum kommst jetzt du hierher und bist so traurig?«
Da schlug der Dämon die Stirn auf den Boden und berichtete, was sich ereignet hatte. »Ich weiß nicht einmal, wie die drei Mönche heißen!« schloss er, »sie haben so große Zauberkräfte, dass geringer Enkel ihnen nicht gewachsen war. Großvater, bitte nehmt Euren Säbel und kommt mir zu Hilfe, damit ich diese Mönche packen und mich rächen kann! Dies brächte Eure liebende Verbundenheit zu Eurem Enkel zum Ausdruck.«
Der alte Dämon aber verfiel in tiefes Schweigen. Plötzlich aber lachte er auf und rief: »Aha, er ist es! Mein liebes Kind, mit ihm hättest du dich nicht anlegen dürfen!«
»Ihr wisst also, wer es ist?« wunderte sich der Dämon.
»Der mit der langen Schnauze und den großen Ohren, das ist Eber Bajie; der mit dem finsteren Gesicht ist Sandmönch. Diese beiden wären noch nicht allzu schlimm. Doch der Dritte, der mit dem behaarten Gesicht, der aussieht wie der Donnergott, der nennt sich Pilger Sun, und dieser Affe hat wahrhaft überragende göttliche Kräfte. Vor fünfhundert Jahren hat er mal im Himmelspalast einen Aufruhr gemacht, und da konnten ihn selbst hunderttausend Himmelskrieger nicht bändigen. Er ist ein richtiger Chaot, ein Unglücksstern, mit dem hat man nichts als Ärger! Wie kannst du dich nur mit ihm anlegen? Nun, sei’s drum! Dann will ich halt kommen und zur Rache den dreisten Kerl mitsamt dem König von Yuhua einfangen.«
Der Dämon bedankte sich mit einem weiteren Stirnaufschlag. Der alte Dämon aber rief auf der Stelle seine Enkel zusammen, nämlich Affenlöwe, Schneelöwe, Wildlöwe, Weißlöwe, Ducklöwe und Klüngellöwe und stattete sie mit scharfem Kriegsgerät aus, dann brausten alle im Sturmwind hinter dem Gelben Löwen her zum Pantherkopfberg. Bald schlug ihnen Rauch und Brandgeruch entgegen, dann hörten sie weinende Stimmen und erkannten schließlich Tricklister und Listtricker, die kläglich um ihren Herrn weinten! Da trat der Dämon heran und rief barsch: »Bist du der echte Lister oder der falsche?«
Die Ungeheuer fielen auf die Knie, schlugen unter Tränen die Stirn auf den Boden und riefen: »Wir können doch nicht falsch sein! Gestern in der Frühe sind wir ja mit dem Silber zum Markt gegangen, um Schweine und Ziegen zu kaufen, doch westlich vom Berg auf der Landstraße ist plötzlich ein Mönch gekommen, der hatte ein haariges Gesicht und eine Schnauze wie der Donnergott. Der hat uns angespuckt, und da wurden uns die Beine ganz weich und der Mund war wie verschlossen, wir konnten weder sprechen noch laufen. Dann hat er uns umgestoßen, uns das Silber und die Täfelchen weggenommen, und wir waren so betäubt, dass wir eben erst wieder zu uns gekommen sind. Und wie wir nun nach Hause kamen, haben wir den Rauch gesehen; die Flammen haben unser ganzes Zuhause zerstört! Weil unser Herr und alle anderen nirgends zu sehen waren, haben wir nur noch verzweifelt geweint. Warum ist sie nur in Brand geraten?«
Da stürzten dem Dämon die Tränen aus den Augen. Verzweifelt stampfte er auf den Boden und brüllte: »Dieser elender Kerl! Wie kann er auf so gemeine Art meine Grotte ausbrennen? Mein Liebchen ist verbrannt, mein Haushalt, all meine Leute! Weh mir, ich sterbe vor Kummer!«
Hart schlug er seinen Kopf an die Felswand. Der alte Dämon hieß den Affenlöwen, ihn zurückzuhalten, und sprach: »Mein liebes Kind! Es ist geschehen, und nun ist es, wie es ist. Wüten hilft nicht weiter. Stärke lieber deinen Kampfgeist, damit wir in der Stadt die Mönche fangen können.«
Also verließen sie die Stätte und eilten der Stadt entgegen.
In der Stadt hörte man nun ein donnerndes Brausen, finstere Sturmwolken rollten heran, so dass Männer und Frauen außerhalb der Stadtmauer ihre Häuser verließen, um sich in der Stadt in Sicherheit zu bringen. Die Torwächter riegelten die Stadttore ab und liefen zum Königshof, um das Unwetter zu melden. Als die Meldung eintraf, saß der König gerade mit Tripitaka und den anderen im Pavillon beim Frühstückstisch. Da trat er heraus und fragte, was geschehen sei.
Die Leute berichteten: »Eine Horde Ungeheuer greift unsere Stadt an; sie kommen in einem Sturm, der Sand und Kieselsteine mit sich reißt!«
Entsetzt rief der König: »Was nun?«
Pilger aber lachte: »Keine Sorge, keine Sorge! Das ist der Dämon aus der Tigermaulhöhle, der gestern den Kampf verloren hat. Im Südosten hat er sich mit seinem Neunbeseelten Urheiligen zusammengetan, und jetzt kommen sie hierher. Ich werde gleich mit meinen Brüdern hinausgehen; Ihr könnt derweil alle Stadttore schließen und Krieger den Stadtgraben verteidigen lassen.«
Wie geheißen ließ der König die Tore schließen und schickte Krieger aus. Er selbst begab sich mit seinen Söhnen und Tripitaka in einen Wachtturm auf der Stadtmauer und führte das Kommando. Das Flaggenmeer der Truppen verbarg schier die Sonne, und Kanonendonner dröhnte zum Himmel. Pilger mahnte den König und Tripitaka, gut auf sich achtzugeben, und stob in wolkiger Höhe aus der Stadt hinaus den Feinden entgegen.
So war es in der Tat:
Der Weisheit Waffen sind verloren,
Weil sie unaufmerksam waren;
Prompt sind schon Dämonen da,
Boshaft alles zu verheeren!
Und da wir nicht wissen, wie es um ihr Heil bestellt war, lasst uns das nächste Kapitel anhören.