Die Geschichte geht weiter in Chang’an, der in den weiten Landen von Shanxi gelegenen »Stadt des Ewigen Friedens«, welche schon zahlreichen Kaisern und Königen als Hauptstadt gedient hatte. Seit den Dynastien Zhou, Qin und Han florierten hier die drei Bezirke wie Blumen auf Brokat, acht Flüsse schlängelten sich fruchtbar um die Stadt; fürwahr, es war ein weitum gerühmter Landstrich. Nun hatte zu jener Zeit der gebildete Kaiser Taizong der großen Tang-Dynastie den Thronsitz inne, seine Regierungsära trug den Namen Zhen’guan, und man zählte bereits das dreizehnte Jahr seiner Regentschaft, ein Jahr mit der kalendarischen Bezeichnung Yi- Si. Friede herrschte im ganzen Reich, die umliegenden Länder brachten Tribute ein, und alle Welt bekannte sich als Untertanen.
Eines Tages, als Kaiser Taizong den Thron bestiegen und seine zivilen und militärischen Beamten versammelt hatte, trat nach beendetem Hofzeremoniell Kanzler Wei Zheng95 aus den Reihen und sprach: »Heutzutage ist Friede unter dem Himmel, und ringsum herrschen Ruhe und Ordnung. Am Hofe jedoch haben wir nun zahlreiche Generäle, doch mangelt es an Zivilbeamten. Daher möchte geringer Untertan den Vorschlag
anbringen, nach altem Brauche erneut staatliche Beamtenprüfungen einzuführen, anhand derer begabte Männer rekrutiert und gefördert werden können. Untertänigst sei Heilige Majestät um Prüfung gebeten.«
»Des Kanzlers Worte sollen gelten«, sprach der Kaiser. Er ließ ein Dekret zur öffentlichen Aushängung im ganzen Reich aufsetzen, in dem er bekanntgab, dass in sämtlichen Provinzen, Präfekturen und Gemeinden des Landes alle zur Karriere entschlossenen Gebildeten, ob aus dem Heer oder aus dem Volke, welche stilvolle und sinnreiche Aufsätze zu verfassen vermochten und in allen drei Prüfungsbereichen erfolgreich abgeschlossen hatten, ersucht würden, sich zum kaiserlichen Examen in Chang’an zu begeben. Erfolgreichen Absolventen werde ein Beamtenrang am Kaiserhof zuteil.
Besagtes Dekret erreichte auch die Gegend von Haizhou, wo im Weiler Juxian der Gemeinde Hongnong ein junger Mann namens Chen lebte. Sein Vorname lautete E, »Kelch«, sein Mannesname Guangrui, »Glanzvoller Blütenstempel«. Als er eines Tages in die Stadt ging und die Bekanntmachung sah, kehrte er sogleich nach Hause zurück und berichtete seiner Mutter, deren Sippenname Zhang lautete: »Der Kaiser
hat eine Bekanntmachung aushängen lassen, in der geschrieben steht, dass nun die Staatskanzlei Talentierten im ganzen Reiche offensteht. Euer Sohn möchte an der Prüfung teilnehmen. Denkt, ein Amt am Hofe, eine adelige Braut und zahlreiche Nachkommen! Das brächte unserem Hause Ruhm und Ehren. Dies zu erreichen ist Eures Sohnes Wunsch. Darum will ich Euch, Mutter, wissen lassen, dass ich die Reise antreten möchte.«
»Hab acht unterwegs, mein Sohn«, mahnte ihn Mutter Zhang, »und komm so bald als möglich zurück, wenn du deinen Posten erhalten hast!«
Guangrui ließ Diener das Gepäck herrichten und nahm noch am selben Tage von der Mutter Abschied. In weniger als einem Tagesmarsch kam er nach Chang’an, wo die großen Prüfungen gerade begannen. Guangrui betrat mit allen anderen Kandidaten den Saal und unterzog sich der Prüfung. Am Ende bestand er sogar bei den drei Aufsätzen der Palastprüfung, und so wurde ihm schließlich in persönlicher Handschrift des
Kaisers die höchste Auszeichnung »Zhuangyuan«, Prüfungsbester, verliehen, worauf man ihn hoch zu Ross drei Tage lang durch die Straßen der Stadt führte.
Der Zufall wollte es, dass er dabei am Hause des Kanzlers Yin Kaishan97 vorbeikam. Dieser Kanzler aber hatte eine Tochter, deren Namen Wenjiao, »Warm und Zierlich«, lautete; sie wurde auch Mantang Jiao, »der ganzen Halle Zier«, genannt. Sie war noch unvermählt und stand gerade auf dem festlich geschmückten Balkon, um nach altem Brauche einen bestickten Seidenball auszuwerfen, der ihren Zukünftigen bestimmen sollte. In diesem Augenblick ritt unten Chen Guangrui vorbei. Die junge Dame fühlte sich von seiner aus der Menge ragenden edlen Gestalt sofort angezogen, zudem war er ja der frisch gekrönte Zhuangyuan. Freude erfüllte ihr Herz, und sie warf den bestickten Ball nach unten, exakt auf die schwarze Beamtenkappe von Guangrui. Da erklangen Flöten und Mundorgeln, ein Dutzend Zofen eilten aus dem Haus, fassten Guangruis Pferd am Hals und baten den Prüfungsbesten in die Residenz des Kanzlers, wo man sogleich den Kanzler und seine Frau in die Halle bat, um den Gast mit dem erforderlichen Zeremoniell zu begrüßen. Dann verneigte sich die Tochter mit Guangrui vor Himmel und Erde, und nachdem sich die frisch Vermählten voreinander verbeugt
hatten, erwies Guangrui auch Schwiegervater und Schwiegermutter seine Reverenz. Schließlich ließ der Kanzler die Festtafel bereiten, und man trank fröhlich in die Nacht hinein, bis das Paar Hand in Hand das Brautzimmer betrat.
Tags darauf bestieg Kaiser Taizong um drei Viertel nach der fünften Nachtwache seinen Thron in der Audienzhalle,
während alle zivilen und militärischen Hofbeamten dienstfertig herbeieilten. Da fragte der Kaiser: »Welches Amt soll der neue Prüfungsbeste Chen Guangrui antreten?«
Minister Wei Zheng trat vor, verneigte sich und sprach: »Gemäß Untersuchungen ist in den untergebenen Präfekturen und Gemeinden nur in Jiangzhou ein Posten vakant. Eure Majestät sei gebeten, ihn dieses Amt bekleiden zu lassen.«
Also ernannte Taizong Guangrui zum Präfekten von Jiangzhou und hieß ihn unverzüglich aufbrechen. Guangrui sprach seinen Dank aus, verließ den Kaiserpalast und kehrte ins Haus des Kanzlers zurück, wo er sich mit seiner Braut besprach. Schließlich verneigte er sich zum Abschied vor seinen Schwiegereltern, und die beiden traten die Reise zum Amt in Jiangzhou an.
Beim Aufbruch herrschte in Chang’an angenehmes Frühlingswetter, eine laue Brise umspielte die grünenden Trauerweiden, und feiner Regen machte die roten Blumen leuchten. Guangrui wählte den Weg über sein Heimatdorf, um der Mutter seine Braut vorzustellen. Mutter Zhang freute sich und sprach: »Ich gratuliere dir, mein Sohn, dass du gar eine Gattin gefunden hast!«
»Nur Mutters segnender Obhut ist es zu verdanken, dass Euer unwürdiger Sohn den bescheidenen Rang eines Zhuangyuan erlangte«, erwiderte Guangrui. Dann berichtete er: »Der Kaiser hat eine Parade durch die Stadt veranlasst, und dabei sind wir am Hause des Kanzlers Yin vorbeigekommen. Dieser hat seiner Tochter gewährt, Euer Kind zum Schwiegersohn zu erwählen. Vom Hofe habe ich die Erlaubnis, im Glanze der Amtstracht daheim einen Besuch abzustatten; außerdem bin ich zum Präfektvorsteher von Jiangzhou ernannt worden. Darum sind wir sogleich hierhergereist, um Euch abzuholen, auf dass wir gemeinsam zum neuen Amte reisen können.«
Überglücklich rüstete sich Mutter Zhang zum Aufbruch. Nach mehreren Reisetagen bezogen sie eine Unterkunft in der Herberge der Zehntausend Blumen, die von einem Liu Xiao’er geführt wurde. Mutter Zhang fühlte sich auf einmal unpässlich und sagte zu Guangrui: »Ich möchte ein paar Tage hier Rast halten, bevor wir weiterziehen.«
Am folgenden Morgen sah Guangrui vor der Herberge einen Mann, der einen goldenen Karpfen zum Verkauf ausrief. Er tauschte den Fisch gegen eine Schnur Kupferlinge und wollte ihn seiner Mutter zubereiten lassen. Doch da sah er plötzlich, wie der Karpfen mit den Augen zwinkerte.
»Seltsam!« ging es ihm durch den Sinn, »sagt man nicht, wenn ein Fisch oder eine Schlange mit den Augen zwinkerten, müsse es sich um ein außergewöhnliches Wesen handeln?« Er wandte sich an den Verkäufer und fragte: »Woher kommt dieser Fisch?«
»Aus dem Hongjiang, fünfzehn Meilen von hier«, war die Antwort.98
Da brachte Guangrui den Fisch zum Hongjiang und ließ ihn frei. Zurück in der Herberge, erzählte er seiner Mutter von der Begebenheit, und sie pflichtete ihm bei: »Gut, dass du dieses Lebewesen gerettet hast, mein Sohn.«
»Nun wohnen wir schon drei Tage hier«, bemerkte Guangrui, »Eure Kinder möchten morgen aufbrechen.«
»Ich fühle mich noch nicht bei Kräften«, meinte Mutter Zhang, »zur Zeit ist es so heiß, dass ich befürchte, unterwegs krank zu werden. Am besten wäre es, du würdest mir hier ein Zimmer mieten und etwas Geld zum Lebensunterhalt dalassen, dann könnt ihr beide vorangehen. Sobald der Herbst naht und es kühler wird, könntest du mich dann abholen kommen.«
Nachdem sich Guangrui mit seiner Frau besprochen hatte, mietete er der Mutter ein Zimmer und ließ ihr ausreichend Geld zur Verpflegung zurück, dann verabschiedeten sie sich und setzten ihren Weg fort. Die Weiterreise erwies sich als äußerst anstrengend; mehrere Tage lang waren sie von früh bis spät unterwegs, bis sie endlich den Fährhafen des Hongjiang erreichten. Hier staken die zwei Fährmänner Liu Hong und Li Biao ihr Boot ans Ufer.99
Es war Guangrui aus seinem letzten Leben vorbestimmt, dass er das Unglück hatte, auf diese Widersacher zu stoßen. Denn nachdem er die Diener das Gepäck aufs Fährboot hatte tragen lassen und mit seiner Braut die Fähre bestieg, machte Liu Hong große Augen, als er das mondschöne Antlitz der
jungen Braut erblickte. Herbstdunklen Wellen gleich erschienen ihm ihre sanften Augen, wie eine süße Kirsche ihr roter Mund, schlank wie Weidengerten ihre Hüften! Ob ihrer Schönheit mochten sich die Fische auf den Grund verziehen und die Wildgänse vom Himmel fallen; ja der Mond müsste sich vor ihr verhüllen und jede Blume in Scham versinken! In Liu Hong regte sich das Wolfsherz. Nachdem er sich heimlich mit Li Biao verabredet hatte, ruderten sie auf eine entlegene Stelle zu, und als es Mitternacht wurde, brachten sie erst die Diener um, erschlugen dann Chen Guangrui und stießen die Leichen ins Wasser. Da wollte sich die junge Frau in die Fluten stürzen, doch Liu Hong packte sie mit festem Griff und rief: »Wenn du dich fügst, wird dir nichts geschehen. Wenn
nicht, so wirst du augenblicklich mit dem Säbel entzweigehauen!«
In ihrer Verzweiflung sah die junge Frau keine andere Möglichkeit, als sich Liu Hong vorläufig zu fügen. Nun steuerte der Übeltäter das Boot dem Südufer zu und überließ es Li Biao, während er selbst sich mit Guangruis Amtstracht und Kappe kleidete, dessen Amtsurkunde an sich nahm und mit der jungen Frau in Jiangzhou den Dienst antrat.
In der Zwischenzeit waren die Leichen der von Liu Hong ermordeten Diener im Strom dahingetrieben; Guangruis Körper jedoch war auf den Grund gesunken und dort liegen geblieben. Als ein patrouillierender Yaksa von der Mündung des Hongjiang ihn entdeckte, flitzte er unverzüglich zum Palast des Flussdrachen, wo der Drachenkönig gerade Audienz hielt.
»Heute hat ein Unbekannter an der Mündung des Hongjiang einen Gelehrten erschlagen und die Leiche ins Wasser geworfen!« meldete er.
Der Drachenkönig ließ sich die Leiche vorführen und betrachtete sie eingehend. »Das ist ja der Mann, der mich gerettet hat!« rief er plötzlich aus. »Wie konnte er nur erschlagen werden? Wohlan, der Volksmund sagt ›Gutes werde mit Gutem vergolten‹ – heute ist es an mir, ihm das Leben zu retten!«
Umgehend verfasste er ein Edikt und sandte den Yaksa damit zum Stadtgott und zum Erdgeist von Hongzhou, um die Seele des Gelehrten anzufordern, dass sein Leben bewahrt bliebe. Nachdem der Stadtgott und der Erdgeist ihre Geisterdiener geschickt hatten, die Seele zu bringen, stattete der Yaksa im Kristallpalast dem Drachenkönig Bericht ab und legte die Seele auf den toten Körper des Gelehrten. In kürzester Zeit kam er zu Bewusstsein.
Da fragte der Drachenkönig: »Wie lautet Euer Name, werter Magister? Wo seid Ihr gebürtig, und wie ist es gekommen, dass Ihr hier erschlagen wurdet?«
Guangrui verbeugte sich respektvoll und sprach: »Verehrter Drachenfürst! Mein Name ist Chen E, mein Beiname Guangrui; ich stamme aus der Gemeinde Hongnong im Bezirk
Haizhou. Unverdienterweise wurde ich kürzlich zum Zhuangyuan gekrönt und hatte die Ehre, das Amt des Präfekten von Jiangzhou übernehmen zu dürfen. Auf der Anreise aber, als ich mit meiner Gattin eine Fähre bestieg, begehrte Fährmann Liu Hong meine Frau, hat mich erschlagen und meinen Körper ins Wasser geworfen. Bitte rettet mich, Großer König; ich werde Eure Gnade bis ans Ende der Welt nicht vergessen!«
»So hat sich das also zugetragen«, meinte der Drachenkönig, nachdem er alles angehört hatte. Dann sprach er: »Werter Herr, ich war der Goldkarpfen, den Ihr neulich freigelassen habt. Ihr seid mein großer Wohltäter. Heute ist es an mir, Euch aus der Not zu helfen.«
Nun bettete er Guangruis Körper in eine Kammer und legte ihm eine Konservierungsperle in den Mund, damit sein Körper unbeschädigt erhalten bliebe und er sich später rächen könnte.
»In der Zwischenzeit könnte Ihr in meinem Palast eine
Stelle als Generalverwalter annehmen«, wies der Drachenkönig an.
Guangrui dankte mit einem Stirnaufschlag. Wie ihn nun der Drachenkönig an die Festtafel bat, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns stattdessen der jungen Frau Yin zu, die den Banditen Liu so abgrundtief hasste, dass sie ihn am liebsten zerfleischt hätte. Weil sie aber bereits eine Leibesfrucht trug und nicht wusste, ob es ein Mädchen oder ein Knabe sein würde, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich vorerst leidlich anzupassen, bevor weitere Pläne in Betracht gezogen werden konnten. Inzwischen hatten sie Jiangzhou erreicht, wo Beamte und Büttel zum Empfang bereitstanden und die dem neuen Präfekten unterstellten Beamten ein Bankett gaben, damit man sich kennenlernen konnte.
»Geringer Scholar wird sich hier auf die großzügige Unterstützung der verehrten Herrschaften verlassen müssen«, sprach Liu Hong, und die anwesenden Beamten erwiderten höflich: »Gewiss werdet Ihr das Volk wie Eure eigenen Söhne betrachten und bestrebt sein, die Anklagen zu verringern und die Strafen zu mildern; dies wird uns allen zur Ehre gereichen. Wozu also übergroße Bescheidenheit?«
Schließlich war das Amtsbankett zu Ende, und man ging auseinander.
Die Zeit verging wie im Fluge. Eines Tages, als Liu Hong sich gerade auf einer Dienstreise befand, weilte die junge Frau im Gartenpavillon der Amtsresidenz und gedachte seufzend ihres Gatten. Auf einmal wurde sie von bleierner Müdigkeit überfallen, ihr Bauch schmerzte, und schließlich sank sie bewusstlos zu Boden und gebar, ohne es zu merken, einen Sohn. Gleichzeitig vernahm sie eine dringliche Stimme dicht an ihrem Ohr: »Mantang Jiao! Höre, was ich dir sage: Ich bin der Sternfürst vom Südpol und bringe dir diesen Sohn auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin. Er wird großen Ruhm erlangen, denn er ist kein gewöhnlicher Mensch. Wenn der Bandit Liu zurück ist, wird er das Kind töten wollen; du musst es beschützen. Dein Gatte aber ist vom Drachenkönig gerettet worden, und der Tag wird kommen, an dem ihr alle, Gatte und Gattin, Mutter und Kind, euch wiederfinden werdet und euch gemeinsam für das erlittene Unrecht rächen könnt. Präge dir meine Worte ein. Und nun wach auf! Schnell, wach auf!«
Die Stimme verstummte, die junge Frau kam wieder zu Bewusstsein und erinnerte sich an jedes Wort. Fest nahm sie das Kind in die Arme und wusste nicht, was sie tun sollte. Plötzlich kam Liu Hong zurück, und kaum hatte er das Kind erblickt, wollte er es ertränken. Da flehte die junge Frau ein ums andere Mal: »Ach, heute ist es doch zu spät! Lasst es mich morgen in den Fluss werfen!«
Glücklicherweise musste Liu Hong am folgenden Morgen abermals auf eine längere Dienstreise. Da nahm die junge Frau das Kind zu sich und nährte es einen Monat lang an der Brust. Schließlich überlegte sie: »Wenn der Schurke diesmal zurückkommt, ist es um das Leben des Kindes geschehen. Lieber will ich es frühzeitig im Fluss aussetzen und es dem
Schicksal anvertrauen. Allein, wie soll ich es je wiedererkennen, falls denn der Himmel sich seiner erbarmen sollte, dass jemand es aufzieht und wir uns wieder begegnen?«
Da biss sie sich den Finger blutig und schrieb mit dem Blut die Namen des Vaters und der Mutter auf ein Stück Papier, außerdem notierte sie ausführlich die Gründe ihrer Handlung. Als Erkennungszeichen biss sie zuletzt die linke kleine Zehe des Säuglings ab. Dann wickelte sie das Kind in ihr Unterhemd und trug es aus dem Hause, das glücklicherweise unweit des Flusses lag. Am Ufer weinte sie lange. Als sie schließlich das Kind ins Wasser werfen wollte, sah sie plötzlich am Ufer eine Holzplanke aus dem Wasser auftauchen. Sie war überglücklich; das musste doch ein Zeichen des Himmels sein, dass dem Kind Rettung zuteil würde! Betend faltete sie die Hände zum Himmel. Dann band sie das Kind mit einem Riemen auf das Brett, steckte ihm das Blutschreiben vor die Brust, stieß es vom Ufer ab und überließ es seinem Schicksal. Wie sie daraufhin laut weinend zurückging, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Das Kind aber trieb auf der Holzplanke stromabwärts, bis es vor dem Kloster zum Goldberg zu stranden kam. Der Abt jenes Klosters, Faming genannt, war auf dem Weg der Vervollkommnung bereits zur Erleuchtung gelangt und wusste um das wundervolle Geheimnis des ewigen Seins. An jenem Tage nun saß er gerade in stiller Meditation, als plötzlich das Wimmern eines Kindes an sein Ohr drang. In einer unmittelbaren Regung ging er zum Fluss und fand den auf einer Holzplanke schlafenden Säugling.
»Meine Güte, meine Güte!« wunderte er sich, »wer mag
dieses Kind ausgesetzt haben? Uns Mönchen ist Barmherzigkeit das oberste Gesetz; ein Menschenleben zu retten ist verdienstvoller, als eine Stupa zu errichten.«
Als er das Kind an sich nahm, fiel sein Blick auf das Blutschreiben, und so erfuhr er von dessen Herkunft. Da verlieh er ihm den vorläufigen Säuglingsnamen »Flusslauf« und gab es einer Amme in Pflege, während er das Schreiben sorgfältig aufbewahrte.
Die Zeit verging wie im Fluge, viele Tage und Monate waren wie Webschiffchen dahingesaust, und schon erreichte der Knabe sein achtzehntes Lebensjahr. Da hieß ihn der Abt die Tonsur scheren und sich der religiösen Lebensführung widmen, verlieh ihm den Ordensnamen Xuanzang, segnete ihn und lehrte ihn die Gebote, mit der Aufforderung, sich mit festem Willen der religiösen Vervollkommnung zu widmen.
Eines schönen Frühlingstages, als sich die Mönche des Klosters im Schatten der Kiefern niedergelassen hatten, um über die Heiligen Schriften zu meditieren und die tiefen
Geheimnisse der Welt zu erörtern, sah sich ein grobschlächtiger Mönch von Xuanzangs Argumenten in die Enge getrieben und rief schließlich wütend: »Du elternloser Bastard! Ich bin viel älter als du, habe in meinem Leben schon mehr Salz gegessen als du Reis! Du brauchst mir gar nichts weismachen zu wollen. Du weißt ja nicht mal, wie du heißt, kennst nicht mal deine Eltern, was trollst du dich eigentlich hier herum?«
Mit solchen Worten bescholten, lief Xuanzang hinein, kniete vor seinem Meister nieder und schluchzte: »Es wird doch der Mensch zwischen Himmel und Erde geboren, folgt den Gesetzen von Yin und Yang und nährt sich an den Fünf Elementen. Alle werden doch von Vater und Mutter gezeugt und erzogen; es kann doch nicht sein, dass jemand auf Erden lebt, der keine Eltern hat?« Und er bat inständig, die Namen seiner Eltern zu erfahren.
»Wenn du wirklich nach deinen Eltern suchen willst«, sagte Faming schließlich, »dann komm mit mir in die Abtei.«
Xuanzang folgte dem Meister in die Abtei. Von einem großen Dachbalken holte Faming ein Kästchen herunter, entnahm das mit Blut beschriftete Papier und das Hemd und überreichte beides Xuanzang. Dieser faltete den Brief auseinander, las die Namen seines Vaters und seiner Mutter und erfuhr von dem geschehenen Unrecht. Da sank er in Tränen aufgelöst zu Boden und rief: »Wie kann ich weiterleben, ohne diese Untat gerächt zu haben? Achtzehn Jahre lang wusste ich nichts von meinen eigenen Eltern, und jetzt weiß ich endlich, dass ich eine Mutter habe! Und hättet nicht Ihr, Meister, für mich gesorgt, wer weiß, was aus mir geworden wäre? Euer Jünger will jetzt seine Mutter aufsuchen gehen. Später will ich Euch zu Ehren mit einer Räucherschale auf dem Haupte eine neue Klosterhalle errichten lassen, um Eure große Güte zu vergelten!«
»Nimm den Brief und das Hemd«, sprach Faming, »und wandere als Bettelmönch bis zum Amtshaus von Jiangzhou. Dort wirst du deine Mutter finden.«
Xuanzang hielt sich an des Meisters Anweisung und wanderte als Bettelmönch nach Jiangzhou. Das Schicksal wollte es, dass Liu Hong dienstlich abwesend war. Xuanzang ging mit seiner Almosenschale direkt zum Amtsgebäude, wo die Witwe Yin in Gedanken versunken im Hause saß, denn in der Nacht war ihr im Traume eine Mondsichel erschienen, die zum Vollmond wurde. Nun sann sie: »Mein Gatte ist von diesem Schurken ermordet worden, und meinen Sohn habe ich im Fluss ausgesetzt. Sollte sich wirklich jemand meines Sohnes angenommen haben, dann müsste er jetzt schon achtzehn Jahre alt sein. Ob uns vielleicht der Himmel heute zusammenführt? Ach, wer kann das wissen …«
Mitten in ihrer Schwermut hörte sie draußen jemanden Gebete rezitierend um Almosen bitten. Da trat sie hinaus und fragte: »Woher kommt Ihr?«
»Geringer Mönch kommt vom Kloster zum Goldberg und ist dort Jünger des Abtes Faming.«
»Nun, wenn Ihr ein Jünger des Abtes vom Goldberg seid, dann kommt doch herein und setzt Euch.«
Sie stellte Xuanzang fleischlose Gerichte auf und betrachtete ihn eingehend. Seine Rede und sein Auftreten waren genau wie das ihres Gatten. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand anderes im Raum sei, hub die Witwe an: »Junger Meister, seid Ihr von klein auf Mönch geworden oder erst als Erwachsener? Wie heißt Ihr mit Namen? Habt Ihr Eltern?«
»Eigentlich bin ich weder als Kind noch als Erwachsener Mönch geworden. Es ist eine lange Geschichte, ein himmelschreiendes Unrecht, und mein Abscheu darob ist so abgrundtief wie der Ozean. Mein Vater ist erschlagen worden und meine Mutter in den Besitz eines Banditen gefallen. Mein Meister, der Abt Faming, hat mich geheißen, im Amtshaus von Jiangzhou nach meiner Mutter zu suchen.«
»Wie heißt denn Eure Mutter?«
»Meine Mutter heißt Yin, mit Vornamen Wenjiao; mein Vater heißt Chen, mit Vornamen Guangrui. Ich selbst heiße mit Kindesnamen ›Flusslauf‹, der Ordensname ist Xuanzang.«
»Wenjiao bin ich«, sprach da die Frau. »Doch was habt Ihr zum Beweis?«
In Tränen aufgelöst fiel Xuanzang auf die Knie und rief flehend: »Mutter, glaubt mir, ich habe den Brief und das Hemd!«
Als Wenjiao die Sachen sah, fielen sich Mutter und Sohn schluchzend in die Arme. Doch gleich darauf rief sie: »Geh bloß schnell weg, mein Sohn!«
»Achtzehn Jahre lang habe ich nichts von meinen Eltern gewusst, und nun soll ich schon wieder aufbrechen, kaum dass ich meine Mutter gefunden habe?« rief Xuanzang.
»Lauf, so schnell du kannst, mein Sohn! Wenn der Schurke Liu zurückkommt, wird er dir nach dem Leben trachten. Morgen werde ich eine Erkrankung vortäuschen und sagen, ich hätte einst gelobt, hundert Paar Mönchsschuhe zu spenden, darum müsste ich in ein Kloster gehen, das Versprechen einzulösen. Dann werden wir Zeit haben, miteinander zu sprechen.«
Da verbeugte sich Xuanzang zum Abschied und ging.
Nachdem die Witwe ihren Sohn gesehen hatte, war sie gleichzeitig von Glück und Trauer erfüllt. Sie stellte sich krank, rührte weder Speise noch Trank an und legte sich nieder. Als Liu Hong heimkehrte und nach dem Grund fragte, antwortete sie: »Als ich klein war, habe ich einst im Gebet gelobt, einem Kloster hundert Paar Mönchsschuhe zu spenden. Nun träumte mir vor fünf Tagen, ein Mönch käme mit gezücktem Messer auf mich zu und forderte die Schuhe an. Seither ist mir unwohl.«
»So eine Kleinigkeit!« rief Liu Hong, »warum hast du das nicht früher gesagt?«
Er ging in die Diensthalle und befahl seinen Bütteln Wang und Li, hundert Familien von Jiangzhou zu beauftragen, innerhalb von fünf Tagen je ein Paar Mönchsschuhe und ein Paar leichte Socken anzufertigen. Binnen gesetzter Frist war alles beisammen.
»Da nun die Schuhe bereit sind«, meinte die Witwe, »könnt Ihr mir sagen, in welches Kloster ich sie bringen soll?«
»In der Nähe von Jiangzhou gibt es das Kloster zum Goldberg und das Kloster zum Rußberg. Wähle selbst, in welches du gehen willst.«
»Schon lange habe ich viel Gutes vom Goldberg-Kloster gehört. Dann will ich dorthin gehen.«
Liu Hong ließ Wang und Li ein Boot bereitstellen, die Witwe setzte sich mit einer Vertrauensperson hinein, der Schiffer stach vom Ufer ab, und sie trieben dem Kloster zum Goldberg entgegen.
Xuanzang aber war ins Kloster zurückgekehrt, wo er Abt Faming alles berichtet hatte. Dieser freute sich sehr. Tags darauf erschien vorab eine Zofe, ihre Herrin anzumelden, welche im Tempel ein Gelübde einzulösen gedenke. Alle Mönche traten zum Empfang vor das Portal. Die Witwe trat ein, schritt auf die Statuen der Bodhisattvas zu, verneigte sich tief und brachte eine großzügige Spende dar. Anschließend hieß sie ihre Zofen, die Schuhe und Sommersocken auf Tabletts in die Zeremonienhalle zu tragen. Dort huldigte sie abermals in stiller Andacht den Buddhas. Dann ließ sie Abt Faming die Sachen an alle Mönche verteilen, worauf diese sich entfernten. Als Xuanzang sah, dass alle gegangen waren und sich niemand mehr in der Zeremonienhalle aufhielt, kniete er vor seiner Mutter nieder. Sie aber hieß ihn Schuhe und Strümpfe ausziehen und sah nun, dass wirklich an seinem linken Fuß die kleine Zehe fehlte. Sogleich fielen sie sich abermals weinend in die Arme. Anschließend verneigten sie sich vor dem Abt und dankten ihm für die Güte, Xuanzang aufgezogen zu haben.
»Nun, da ihr einander wiedergefunden habt, müsst ihr euch davor hüten, dass der Bandit davon erfährt«, mahnte dieser. »Am besten kehrt Ihr rasch nach Hause zurück, damit kein Unheil geschieht.«
»Mein Sohn«, sprach die Witwe, »ich gebe dir diesen Armreif aus Sandelholz. Nimm ihn und gehe zur Herberge der Zehntausend Blumen, die sich etwa 1500 Meilen nordwestlich des Hongjiang befindet. Wir haben dort die alte Mutter Zhang zurückgelassen, die leibliche Mutter deines Vaters. Außerdem will ich dir einen Brief an deinen Großvater mitgeben, den Kanzler Yin Kaishan, der in der Reichshauptstadt links vom Kaiserpalast wohnt. Überreiche ihm diesen Brief und sage ihm, er möge den Kaiser in Kenntnis setzen, damit er Truppen entsende und dem Banditen den Garaus mache, auf dass wir das Leid deines Vaters vergelten können. Erst dann kannst du deine Mutter befreien. Nun will ich mich nicht länger aufhalten, sonst könnte mir der Bandit die Verspätung übelnehmen.«
Xuanzang schluchzte und wollte sich nicht von ihr trennen. Vor der Abfahrt mahnte seine Mutter noch einmal: »Merke dir alles, was ich gesagt habe. Und mache dich auf den Weg, so schnell du kannst, es ist keine Zeit zu verlieren.«
Nun ging sie aus dem Kloster, stieg ins Boot und entschwand seinen Blicken. Weinend kehrte Xuanzang ins Kloster zurück. Nachdem er seinem Meister alles berichtet hatte, verneigte er sich zum Abschied vor ihm und trat seine Reise nach Hongzhou an. Als er bei der Herberge der Zehntausend Blumen angekommen war, erkundigte er sich beim Gastwirt Liu Xiao’er und sprach: »Vor langer Zeit war bei Euch einst ein Beamter namens Chen zu Gast, der seine Mutter in der Herberge zurückgelassen hat. Geht es ihr gut?«
»Ja, früher war sie in meiner Herberge«, meinte Liu Xiao’er. »Irgendwann aber ist sie erblindet und hat drei, vier Jahre lang kein Zimmergeld mehr bezahlt. Heute haust sie in einem verfallenen Ziegelofen am Südtor und geht jeden Tag zum Betteln auf die Straße. Es ist lange her, dass jener Beamte abgereist ist. Nie ist eine Nachricht gekommen; keiner weiß, warum.«
Xuanzang hatte genug gehört. Er fragte sogleich nach dem Weg zum Ziegelofen am Südtor, und dort fand er seine Großmutter.
»Deine Stimme klingt wie die meines Sohnes Chen Guangrui«, sprach sie.
»Ich bin nicht Chen Guangrui, ich bin sein Sohn. Wenjiao ist meine Mutter.«
»Warum sind deine Eltern nicht gekommen?«
»Mein Vater wurde erschlagen und meine Mutter von dem Banditen in Besitz genommen.«
»Wie hast du dann zu mir gefunden?«
»Meine Mutter hat mich beauftragt, Euch zu suchen, Großmutter. Ich habe hier einen Brief und einen Armreif von ihr.«
Das Mütterchen nahm Brief und Armreif in die Hände und weinte hemmungslos.
»Mein Sohn ist seiner Laufbahn wegen hierhergekommen, und da glaubte ich immer, er hätte seine Mutter schändlich im Stich gelassen. Dabei ist er einem Attentat zum Opfer gefallen! Zum Glück hat der Himmel sich erbarmt und lässt mich nicht ohne Nachkommen, so dass heute mein Enkel mich besucht.«
»Warum seid Ihr denn erblindet, Großmutter?« fragte Xuanzang.
»Ich habe mir so Sorgen gemacht um deinen Vater und mich alle Tage nach ihm gesehnt und vergeblich gewartet. Vom vielen Weinen sind mir die Augen ganz trüb geworden.«
Da trat Xuanzang aus dem Hüttchen und betete zum Himmel: »Nun bin ich, Xuanzang, achtzehn Jahre alt, ohne dass ich mich bisher für das Leid meiner Eltern rächen konnte. Heute, da ich auf meiner Mutter Geheiß meine Großmutter gefunden habe, möge ihr der Himmel das Augenlicht wieder schenken, zum Zeichen, dass er des Jüngers aufrichtiges Ansinnen erhört!«
Dann ging er in den Ziegelofen zurück und reinigte seiner Großmutter mit der Zungenspitze die Augen. Bald waren ihre Augen klar, und sie konnte wieder sehen wie zuvor.
Die Großmutter beäugte nun den jungen Mönch und sagte: »Du bist in der Tat mein Enkel, gleichst meinem Sohn Guangrui aufs Haar!« Sie war glücklich und traurig zugleich.
Xuanzang führte sie wieder zur Herberge von Liu Xiao’er, mietete ihr ein Zimmer und gab ihr Geld für den Unterhalt. »In etwas mehr als einem Monat bin ich wieder da«, versprach er.
Nachdem er sich verabschiedet hatte, reiste er zur Hauptstadt, wo er an der Straße östlich des Kaiserpalastes die Residenz von Kanzler Yin fand. Zum Torhüter sagte er: »Geringer Mönch ist ein Verwandter dieses Hauses und möchte den Herrn Kanzler besuchen.«
»Ich habe keine Mönche in der Verwandtschaft«, meinte der Kanzler, als der Torhüter seine Ankunft meldete. Da meinte seine Frau: »Gestern habe ich geträumt, unsere Tochter Mantang Jiao würde uns besuchen. Könnte es etwa sein, dass wir Nachricht vom Schwiegersohn erhalten?«
Der Kanzler ließ den jungen Mönch in die Halle bitten. Als dieser den Kanzler und dessen Gattin erblickte, fiel er weinend auf die Knie, zog den Brief aus seiner Brusttasche und überreichte ihn dem Kanzler. Dieser öffnete ihn, und nachdem er zu Ende gelesen hatte, brach er in Tränen aus.
»Was ist denn geschehen, mein Gatte?« fragte seine Frau.
»Der Mönch ist unser Enkel! Unser Schwiegersohn Guangrui ist erschlagen und Mantang Jiao von einem Banditen geraubt worden.«
Seine Frau brach in bitteres Schluchzen aus. Schließlich sprach der Kanzler: »Beruhige dich. Morgen früh werde ich die Sache dem Kaiser melden. Ich werde persönlich Truppen anführen und unseren Schwiegersohn rächen.«
Am nächsten Morgen machte der Kanzler bei Throne folgende Eingabe: »Der Schwiegersohn Eures Untertans, Prüfungsbester Chen Guangrui, wurde auf der Reise, die er mit der Tochter unseres Hauses angetreten hatte, von Fährmann Liu Hong erschlagen. Selbiger raubte unsere Tochter, gab sich als Schwiegersohn aus und agierte jahrelang fälschlich als Beamter. Dieser Fall ist von großer Tragik. Möge Eure Majestät baldmöglichst Truppen aussenden, diesem Banditen das Handwerk zu legen.«
Der Kaiser war sehr aufgebracht, als er diese Eingabe gelesen hatte. Auf der Stelle ließ er sechzigtausend Krieger der Palastgarde bereitstellen und übergab dem Kanzler das Kommando. Dieser trat ab und begab sich sogleich ins Kasernenareal, wo er die Soldaten einberief und umgehend
gegen Jiangzhou marschieren ließ. Nach mehreren anstrengenden Tagesmärschen hatten sie Jiangzhou erreicht, und Kanzler Yins Truppen schlugen am Nordufer ihr Feldquartier auf. Mitten in der Nacht wurde ein Eilbote aus dem Volk mit einem Holztäfelchen mit Goldinschrift100 ausgeschickt, den Subpräfekten und den Richter von Jiangzhou zu benachrichtigen. Kanzler Yin informierte beide über den Vorfall und hieß sie mit Soldaten beistehen. Dann überquerten alle gemeinsam den Fluss, und noch vor Tagesanbruch hatten sie die Residenz von Liu Hong umzingelt. Eine Kanonensalve schreckte Liu Hong aus dem Traum, als das Heer schon unter ohrenbetäubenden Gong- und Trommelwirbeln das Gebäude stürmte. Liu Hong, der sich in der Eile nicht wehren konnte, war sofort verhaftet. Kanzler Yin befahl, Liu Hong und seinen Mittäter gefesselt auf den Richtplatz zu führen, und hieß die Truppen ins Feldlager am Stadtrand zurückkehren.
Der Kanzler setzte sich nun in der Haupthalle des Yamen101 nieder und ließ seine Tochter rufen. Diese wollte gerade erscheinen, als sie in plötzlicher Scham, ihrem Vater unter die Augen zu treten, ein Seil ergriff und sich erhängen wollte. Als Xuanzang davon erfuhr, stürzte er hinein und befreite seine Mutter, dann fiel er vor ihr auf die Knie und rief: »Euer Sohn ist mit Großvaters Truppen hierhergekommen, um Vaters Leid zu rächen; der Bandit ist bereits festgenommen. Wie könnt Ihr jetzt den Tod suchen, Mutter? Wie könnte Euer Kind denn weiterleben, wenn seine Mutter gestorben wäre?« Da trat auch der Kanzler herein und sprach ihr gut zu.
»Es heißt doch, dass eine Frau ihrem Gemahl bis ans Lebensende treu bleiben muss! Wie hätte ich je, noch in Trauer um meinen Mann, dem Mörder folgen dürfen? Nur weil ich damals die Frucht im Leibe trug, ist mir nichts anderes übriggeblieben, als schändlich weiterzuleben. Wie kann ich nun, da mein Sohn erwachsen ist und mein alter Vater mit Heerestruppen das Unrecht vergolten hat, noch das Gesicht haben, meinem Vater vor Augen zu treten? Nur durch meinen Tod kann ich mich meinem Gemahl noch verbindlich zeigen!«
»Mein Kind, du hast doch nicht eigennützig der moralischen Verpflichtung entsagt; alles hat sich wider unser Vermögen ereignet. Es besteht kein Grund zur Scham!«
Weinend fielen sich Vater und Tochter in die Arme, auch Xuanzang war tief ergriffen. Schließlich wischte sich der Kanzler die Tränen ab und sprach: »Nun braucht ihr euch keine Sorgen mehr zu machen, ich habe den Schurken verhaftet und werde mich um seine Verurteilung kümmern.«
Er erhob sich und ging zum Richtplatz. Hier trafen die vom Subpräfekten ausgeschickten Wachen mit dem Flusspiraten Li Biao ein. Befriedigt hieß der Kanzler die Wächter, Liu Hong und Li Biao vorzuführen und jedem hundert schwere Stockschläge zu verabreichen, worauf in einem Verhör der
Hergang der Ermordung von Chen Guangrui niedergeschrieben wurde. Nun wurde zuerst Li Biao auf einen hölzernen Esel gefesselt durch die Marktstraße geführt, dann wurde er zerstückelt und sein Kopf zur Warnung aufgehängt. Anschließend schleppte man Liu Hong zum Fährübergang am Hongjiang, wo er ehemals Chen Guangrui ermordet hatte. Der Kanzler, seine Tochter und Xuanzang traten ans Ufer und gedachten zum Himmel betend des Toten, dann riss man Liu Hong bei lebendigem Leibe Herz und Leber heraus und brachte sie Guangrui zum Opfer dar, während gleichzeitig auch ein Opferschreiben verbrannt wurde.
Die bittere Klage der drei Menschen am Ufer war längst in den Kristallpalast gedrungen, wo ein patrouillierender Yaksa dem Drachenkönig das Opferschreiben brachte, worauf dieser umgehend einen Schildkrötenmarschall zu Guangrui sandte.
Dann wandte er sich an Guangrui und sprach: »Gratuliere, mein Herr, gratuliere! Heute sind Eure Frau, Euer Sohn und Euer Schwiegervater oben am Ufer und bringen Euch Opfer dar. Ich werde Euch nun Eure Seele zurückgeben. Dazu gebe ich Euch als Geschenk eine wunscherfüllende Zauberperle, zwei Kugelperlen, zehn Ballen von Meerjungfrauen gewobene Seidengaze und einen Jadegürtel mit Perlenschmuck. Gleich werdet Ihr mit Frau und Kind vereint sein.«
Guangrui bedankte sich ein ums andere Mal mit Stirnaufschlägen. Nun befahl der Drachenkönig dem Yaksa, Guangrui aus dem Fluss zu führen.
Im Gedenken an ihren Gatten wollte sich die Witwe Yin gerade zum zweiten Mal in den Tod stürzen, doch der bestürzte Xuanzang hielt sie mit allen Kräften zurück. Mitten
in dem Tumult gewahrten sie plötzlich an der Wasseroberfläche eine Leiche, die ans Ufer trieb. Sofort lief die Witwe hin, erkannte ihren Gatten und brach umso mehr in lautes Heulen aus. Alle eilten herbei und bemerkten nun, wie Guangruis Hände und Füße sich streckten und sein Körper sich zu regen begann. Mit einem Mal stemmte er sich hoch und setzte sich vor den entsetzten Blicken der Umstehenden ans Ufer. Wie Guangrui nun die Augen öffnete, sah er seine Frau, seinen Schwiegervater Kanzler Yin und einen jungen Mönch weinend um ihn herumstehen.
»Warum seid ihr hier?« fragte er erstaunt.
»Weil du einst von einem Banditen erschlagen wurdest, ich dann diesen Sohn gebar, der zum Glück vom Abt des Goldberg-Klosters aufgezogen worden ist«, berichtete die Witwe. »Als er dann groß war, fand er zu mir, und ich habe ihn meinen Vater aufsuchen lassen, der die Sache vor den Thron brachte, mit Truppen hierhergezogen ist und den Banditen festgenommen hat. Eben haben wir dem Banditen bei lebendigem Leibe Herz und Leber entrissen und für dich, mein Gatte, gebetet. Wie kam es nur, dass du wieder ins Leben gefunden hast?«
Da sprach Guangrui: »Einzig und allein, weil ich damals bei der Herberge der Zehntausend Blumen jenen goldenen Karpfen gekauft und freigelassen habe. Wer hätte je gedacht, dass der Karpfen niemand anderes war als der ortsansässige Drachenkönig! Als ich dann von dem Banditen ins Wasser geworfen wurde, war er es, der mich gerettet hat. Eben hat er mir meine Seele zurückgegeben und mir diese Sachen geschenkt, die ich bei mir habe. Nie hätte ich gedacht, dass du diesen Sohn gebarst und dass der Kanzler für mich das Unrecht vergelten würde. Wohlan, das ist, was mit dem Wort gemeint: Auf Bitternis folgt Süße! Welch eine übergroße Freude!«
Als die Beamten die Neuigkeiten erfahren hatten, kamen sie alle herbei, um sie zu beglückwünschen. Der Kanzler ließ zum Dank ein großes Festmahl mit reichlich Wein auftischen, um sich bei seinen Untergebenen zu bedanken. Noch am selben Tage machten sie sich mit den Truppen auf den Rückweg. Unvermerkt hatten sie bereits die Herberge der Zehntausend Blumen erreicht, wo der Kanzler befahl, ein Feldlager aufzuschlagen. Guangrui begab sich zusammen mit Xuanzang in Lius Herberge, die alte Mutter aufzusuchen. Diese hatte in der Nacht geträumt, dass ein verdorrter Ast erblühte und hinterm Haus glückbringende Elstern aufgeregt krächzten. Da murmelte sie vor sich hin: »Könnte es sein, dass heute mein Enkel zurückkommt?«
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als draußen Guangrui mit seinem Sohn auftauchte.
»Seht, da ist meine Großmutter!« rief der Mönch.
Als Guangrui seine alte Mutter sah, warf er sich ihr zu Füßen. Dann umarmten sich die beiden weinend und erzählten einander alles, was geschehen war. Man bezahlte noch die ausstehende Zimmermiete und ging schließlich zum Kanzler zurück, der sogleich zum Aufbruch rief. Nachdem er für Guangruis Mutter und Gattin eine Kutsche mit gepolsterten Rädern bereitgestellt hatte, kehrten alle zusammen in die Hauptstadt zurück. Als der Kanzler seine Residenz betrat, folgten ihm auch Guangrui mit seiner Gemahlin, seiner Mutter und Xuanzang, und alle begrüßten des Kanzlers Gattin. Überglücklich beauftragte diese ihre Diener, zur Feier der frohen Ereignisse ein großes Festmahl herzurichten.
»Unser heutiges Festmahl soll das ›Wiedervereinigungsbankett‹ heißen«, sprach der Kanzler. Das war nun wahrhaftig eine glücklich vereinte Familie!
Tags darauf hielt der Kaiser seine morgendliche Audienz, als Kanzler Yin aus den Reihen trat, den höfischen Stirnaufschlag vollführte und ausführlich berichtete, was sich ereignet hatte. Gleichzeitig empfahl er Guangrui als Mann mit großer Begabung. Der Kaiser gab sein Einverständnis und erhob Guangrui in den Stand eines Hofgelehrten der Kaiserlichen Akademie, mit direkter Beteiligung in der kaiserlichen Regierung. Xuanzang fasste den Entschluss, sich in Ruhe der religiösen Übung zu widmen, und wurde im Hongfu-Si, dem »Kloster zum Großen Segen«, untergebracht. Die Dame Yin führte fortan glücklich ein zufriedenes Leben. Xuanzang aber reiste noch alleine zum Goldberg-Kloster, wo er sich bei seinem Meister Faming erkenntlich zeigte. Und da wir nicht wissen, wie sich die Geschichte weiter entwickelte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.