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090 Meister und Löwen lehren und lernen, alles findet zur Einheit heim / Geraubtes Dao umrankt die Sammlung, der Neunbeseelte wird still

Berichten wir nun vom Großen Heiligen, der mit Bajie und Sandmönch zur Stadt hinaus den Feinden entgegenstürmte und sah, dass es allerlei löwenartige Ungeheuer waren: An der Spitze war Gelblöwe, links von ihm Wildlöwe und Klüngellöwe, rechts Weißlöwe und Ducklöwe, dahinter Affenlöwe und Schneelöwe, und aus ihrer Mitte ragte ein neunköpfiger Löwe, hinter dem das grüngesichtige Ungeheuer einen runden, brokatenen Baldachin hochhielt, während Tricklister und Listtricker daneben zwei rote Flaggen schwenkten. So standen alle ordentlich aufgereiht im Bereich des Trigramms Kan zum Kampf bereit.450

Bajie, ungehobelt wie er war, rannte hin und schrie: »Du Lump von Schatzräuber! Wo hast du dich mit dieser haarigen Rotte zusammengetan? Was habt ihr überhaupt hier zu suchen?«

Zähnefletschend brüllte der Gelbe Löwe zurück: »Du verruchter Glatzkopf! Gestern wart ihr zu dritt gegen mich, da hab ich verloren und bin gegangen, hab euch die Glorie überlassen, und gut war’s. Ihr aber antwortet mit einer solchen Barbarei, verbrennt meine Grotte und ermordet meine ganze Sippschaft! Mein Hass gegen euch ist abgrundtief wie der Ozean! Stillgestanden, jetzt kriegt ihr die Lanze eures Herrn zu spüren!«

Bajie schwang seinen Rechen und warf sich in den Kampf. Anfangs war noch nicht klar, wer überlegen sein würde, doch bald griffen der Affenlöwe mit einer Stachelkeule und der Schneelöwe mit einer dreikantigen Bambusgerte ein und droschen wie wild auf Bajie ein. Auf dessen Seite kam nun Sandmönch mit dem Prunkstab zu Hilfe, doch schon fielen Wildlöwe und Weißlöwe zusammen mit Klüngellöwe und Ducklöwe über ihn her. Da trat ihnen der Große Heilige mit dem Goldreifstab in den Weg. Wildlöwe schwang einen Stecken, Weißlöwe eine Kupferkeule, Klüngellöwe einen stählernen Speer und Ducklöwe eine Axt. So lieferten sich sieben Löwengeister und drei furchtlose Mönche einen erbitterten Kampf.

Das Gefecht dauerte, bis der Abend anbrach. Bajies Kräfte drohten zu schwinden. Nach einem letzten Scheinhieb ergriff er die Flucht, doch schon hatten ihn Schneelöwe und Affenlöwe eingeholt, die Bambusgerte sauste über sein Rückgrat, er stürzte und konnte sich nicht mehr erheben. Da zerrten ihn die beiden Geister an Borsten und Schwanz hinter sich her und brachten ihn schließlich, an eine Stange gebunden, vor den neunhäuptigen Löwen mit den Worten: »Werter Ahnherr, wir haben einen!«

Auch Sandmönch und Pilger erlitten eine Niederlage und suchten das Weite, doch die Ungeheuer blieben ihnen auf den Fersen. Pilger riss sich ein Büschel Haare aus, zerkaute sie und spuckte sie aus, worauf die Ungeheuer von über hundert kleinen Pilgern umringt wurden. Da gingen Sandmönch und Pilger noch einmal zum Angriff über. Am Abend hatten sie

schließlich Wildlöwe und Weißlöwe gefangen, doch Ducklöwe, Klüngellöwe und der mit der goldenen Mähne waren ihnen entgangen. Diese statteten nun beim alten Dämon Bericht ab. Wie das alte Ungeheuer sah, dass zwei Löwen fehlten, befahl er: »Legt diesen Bajie in Fesseln, aber lasst ihn unversehrt! Wenn sie meine zwei Löwen freilassen, kriegen sie ihren Bajie wieder, doch falls sie meinen Löwen etwas antun, wird Bajie erledigt!«

Auch Sandmönch und Pilger erlitten eine Niederlage.

Die Nacht über ruhten die Ungeheuer vor der Stadtmauer. Der Große Heilige aber brachte die beiden Löwengeister zur Stadtmauer und zeigte sie dem König, worauf dieser das Tor öffnen ließ und an die dreißig Offiziere mit Stricken hinausschickte, die Löwengeister zu fesseln und in die Stadt zu befördern. Derweil zog der Große Heilige seine Haare wieder an sich und kam mit Sandmönch auf den Wachtturm zu Tripitaka.

»Die Lage ist außerordentlich ernst!« sprach dieser. »Wer weiß, ob Wuneng noch am Leben ist?«

»Keine Sorge!« versetzte Pilger, »jetzt, wo wir die beiden Geister gefangen haben, werden die drüben ihm nichts antun. Wir müssen sie nur fest anketten, dann können wir sie morgen früh gegen Bajie tauschen.«

Die drei Prinzen aber warfen sich vor Pilger nieder, schlugen die Stirn auf den Boden und sprachen: »Meister, eben hattet Ihr im Kampf zuerst nur einen Körper, doch nach der vorgetäuschten Niederlage waren plötzlich über hundert Meister zu sehen. Wie ging das zu? Und am Ende, als die Ungeheuer gefangen waren und Ihr in die Stadt gegangen seid, hattet Ihr wieder nur einen Körper. Was war das für ein Zauber?«

Pilger lachte: »Ich habe 84 000 Haare, und wenn ich aus einem Haar zehn und aus zehn hundert mache und so weiter, so ergibt das tausend- und millionenfache Verwandlungen. Das ist die Außenkörper-Magie.«

Ehrfürchtig verneigten sich alle drei Prinzen vor ihm. Anschließend wurde das Essen aufgetragen, das man gleich im Wachtturm auf der Stadtmauer einnahm. Dann erging der Befehl, zwischen den Mauerzinnen Laternen und Flaggen aufzuhängen, mit Klappern, Warnglocken, Gongs und Trommeln Wache zu halten, rechtzeitig die Stunden der

Nachtwache zu schlagen, Kanonen zu feuern und Kampfgeheul anzustimmen.

Als der Morgen anbrach, rief der alte Dämon den Gelben Löwen zu sich, um das weitere Vorgehen abzusprechen, und sagte: »Heute müsst Ihr Euch auf die Festnahme von Pilger und Sandmönch konzentrieren. Derweil können wir heimlich auf die Stadtmauer fliegen, ihren Meister und den König gefangennehmen und vorerst in die Spiralgrotte bringen, bis wir Kunde Eures Sieges haben.«

Der Gelbe Löwe war einverstanden und führte Affenlöwe, Schneelöwe, Klüngellöwe und Ducklöwe mit gezückten Waffen zur Stadtmauer, wo sie in Sturm und Nebel zum Kampf aufriefen. Auf der Gegenseite schossen Pilger und Sandmönch hervor und schrien: »Lausige Ungeheuer! Rückt sofort unseren Ordensbruder Bajie heraus, sonst hacken wir euch in tausend Stücke!«

Natürlich ließen die Ungeheuer nicht mit sich reden, sondern starteten gleich einen Angriff. Pilger und sein Ordensbruder hielten die fünf Löwen mit ihren göttlichen Kräften in Schach. Wie sie nun mitten im schönsten Gefecht waren, rauschte auf einmal der alte Dämon in einer schwarzen Wolke auf den Wachtturm zu und schüttelte all seine Häupter, dass die Zivil- und Militärbeamten mitsamt Söldnern von der Stadtmauer stürzten. Dann rannte er in den Wachtturm, sperrte seine neun Mäuler auf und schnappte Tripitaka, den König und die drei Prinzen. Unten vor der Stadtmauer nahm er auch noch Bajie mit. So hielt er sechs Menschen in sechs Mäulern fest, drei Mäuler waren noch frei, und er brüllte donnergleich: »Ich gehe!«

Der Anblick ihres siegreichen Ahnherrn beflügelte die Kräfte der fünf Löwengeister. Wie Pilger das Siegesgebrüll auf der Stadtmauer hörte, wusste er gleich, dass er den Feinden in die Falle gegangen war, und mahnte Sandmönch zur Vorsicht. Nachdem er sich in aller Eile sämtliche Haare vom Arm gerissen, zerkaut und ausgespuckt hatte, griff nun ein Schwarm von Tausenden kleiner Pilger an. Im Handumdrehen waren Affenlöwe und Schneelöwe überwältigt, Klüngellöwe und Ducklöwe wurden gefesselt und der Gelbe Löwe erschlagen. Mit großem Getöse stürmten sie hinunter vor das Stadttor. Nur der Grüngesichtige, Tricklister und Listtricker entgingen ihnen leider. Die Beamten auf der Stadtmauer hatten alles mitangesehen. Nun ließen sie das Tor wieder öffnen und alle fünf Löwengeister gefesselt in die Stadt tragen. Bevor entschieden war, was mit ihnen geschehen sollte, kam auf einmal die Königin schluchzend daher, verneigte sich vor Pilger und sprach: »Ach, göttlicher Meister! Mit unserer Hoheit, seinen Prinzen und Eurem Meister ist es zu Ende! Was soll bloß mit der verwaisten Stadt geschehen?«

Der Große Heilige machte seine Körpermagie rückgängig, verneigte sich und sprach: »Grämt Euch nicht, werte Königin! Da nun die sieben Löwengeister gefangen sind, wird meinem Meister und den werten Hoheiten nichts geschehen. Morgen werde ich mit meinem Ordensbruder ins Gebirge gehen, dort den alten Dämon dingfest machen und Euch alle vier Männer zurückbringen; das verspreche ich Euch!«

Da verneigte sich die Königin mit ihren Palastdamen dankend vor Pilger und ging, in Tränen aufgelöst, in ihren Wohnpalast zurück. Pilger aber befahl den Beamten: »Lasst den Gelben Löwengeist häuten, setzt die sechs lebenden Löwengeister hinter Schloss und Riegel und bringt uns was zu essen. Nach dem Essen werden wir uns schlafen legen. Macht euch keine Sorgen, ich garantiere, dass euch nichts geschehen wird.«

Am folgenden Morgen stieg der Große Heilige mit Sandmönch auf eine glückverheißende Wolke, und bald landeten sie auf dem Bambusberg, wo sie auf dem Gipfel Ausschau hielten. Da sahen sie, dass vom Tal her jener Grüngesichtige mit einem kurzen Stock in der Hand gelaufen kam.

»Halt!« schrie Pilger, »der alte Sun ist hier!«

Vor Schrecken rannte das Ungeheuer Hals über Kopf ins Tal zurück, die beiden hinter ihm her. So kamen sie zu einer Grotte mit einem schmucken Steintor, das verschlossen war. Darüber prangten zehn große Schriftzeichen: »萬靈竹節山九曲盤 桓洞 – Spiralgrotte der Neun Windungen, Bambusberg der Zehntausend Geister«.

Der Grüngesichtige aber war bereits hineingerannt und hatte die Tore von innen verriegelt. Dort meldete er dem alten Dämon: »Hoher Herr, draußen sind zwei Mönche!«

»Sind der Große König, Affenlöwe, Schneelöwe, Klüngellöwe und Ducklöwe auch dabei?« wollte dieser wissen.

»Nein, die hab ich nicht gesehen.«

Da versank der alte Dämon in tiefes Schweigen. Plötzlich brach er in Tränen aus und schluchzte: »Ach, es ist so schrecklich! Meine Enkel Gelblöwe, Affenlöwe und alle anderen sind von diesen Mönchen gefangen worden! Wie kann ich diese Schande nur rächen?« Schließlich rief er seinen Untergebenen zu: »Bewacht hier das Tor; ich gehe hinaus und packe mir die beiden Mönche. Dann bringe ich sie rein und erteile ihnen ihre Strafe.«

Seht, wie er ohne Harnisch und Waffe breitbeinig voranschreitet! Schon hörte er Pilger draußen johlen. Er stieß das Grottentor auf und stürzte sich, ohne ein Wort zu verlieren, in den Kampf. Pilger wehrte sich mit seiner Stange, und Sandmönch griff mit der Lanze an, doch bald schwenkte der alte Dämon sein Haupt, sperrte all seine Mäuler auf und schnappte sich Pilger und Sandmönch. Mühelos trug er sie in seine Grotte und rief nach Stricken. Zusammen mit dem Grüngesichtigen schleppten Tricklister und Listtricker zwei dicke Seile heran und legten die beiden in Fesseln.

»Du verruchter Affe!« polterte der alte Dämon, »alle meine sieben Kinder hast du gefangen! Aber ich habe euch beide und den König mit seinen Prinzen, an ihnen werde ich den Tod meiner Enkel rächen! Diener, holt Weidengerten und verprügelt erst diesen Affen, um das Unrecht zu vergelten, das meinem Gelblöwen geschehen ist!«

Jedes der drei Ungeheuer nahm eine Weidengerte zur Hand und begann auf Pilger einzuschlagen. Doch dieser hatte ja einen stählernen Körper, und darum konnten sie schlagen, so viel sie wollten, es machte ihm nichts aus. Bald waren die Gerten zerbrochen, und der Tag ging zur Neige. Da rief der alte Dämon: »Genug für heute, meine Kleinen! Zündet die Laternen an, dann könnt ihr essen gehen. Ich werde mich im Nest der Brokatwolken ein bisschen aufs Ohr legen, doch ihr drei müsst sorgfältig Wache halten. Morgen werden die Prügel weitergeführt!«

Die Ungeheuer brachten die Laternen und schlugen Pilger nun mit Weidenstöcken auf den Kopf. Es hörte sich an, als würde man die Holzklapper schlagen: ticktick, tocktock, mal schnell, mal langsam. Als die Nacht kam, waren schließlich doch alle eingeschlafen. Da bediente sich Pilger eines Schlupfzaubers: Er machte sich ganz klein und schlüpfte aus den Fesseln. Dann klaubte er seine Stange aus dem Ohr, schwang sie durch die Luft und richtete sie auf die drei Ungeheuer mit den Worten: »Sündenbiester! Nachdem ihr eurem Ahnherrn so viele Hiebe verpasst habt, wird euer Ahn jetzt mal jeden von euch mit dieser Stange streifen, was meint ihr dazu?«

Er verpasste allen drei Ungeheuern einen leichten Streich, und schon lagen nur noch drei Fleischklößchen da. Pilger beschnitt den Lampendocht, dass es etwas heller wurde, und befreite Sandmönch. Bajie konnte sich nicht halten und rief: »Bruder, warum befreist du nicht mich zuerst, mir sind schon Hände und Füße geschwollen!«

Dieser Ruf aber schreckte den alten Dämon auf. Mit einem Satz sprang er hoch und schrie: »Wer wird da befreit?«

Pilger blies sofort die Lampe aus und jagte, ohne sich noch um Sandmönch und Bajie kümmern zu können, hinaus, indem er mit der Stange sämtliche Tore einschlug. Als der alte Dämon in die Haupthalle kam, war es stockfinster, und sein Ruf blieb ohne Antwort. Auch als er ein zweites Mal rief, blieb es still. Da holte er eine Laterne und sah sich um. Am Boden lagen drei blutige Fleischhaufen, ansonsten waren alle da, außer Pilger und Sandmönch. Als er mit einer Fackel von vorn bis hinten alles absuchte, entdeckte er Sandmönch, der eng an die Wand gepresst in einem Gang stand. Der Dämon packte ihn und legte ihn wieder in Fesseln. Als er schließlich sah, dass all seine Tore zertrümmert waren, wusste er natürlich, dass es Pilger gewesen sein musste. Er sah von einer Verfolgung ab und begann die zerstörten Tore zu reparieren. Wie er sich nun um seinen Haushalt kümmerte, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen dem Großen Heiligen zu, der die Spiralgrotte der Neun Windungen verlassen und auf einer glückverheißenden Wolke die Stadt Yuhua erreicht hatte. Dort

sah er, dass über der Stadt die Erdgeister aller Himmelsrichtungen mit dem Stadtgott durch die Lüfte auf ihn zukamen.

»Warum kommt ihr erst jetzt?« rief Pilger ihnen zu.

»Geringe Geister wussten, dass Ihr nach Yuhua gekommen seid, Großer Heiliger«, sprach der Stadtgott, »doch weil der werte König Euch zu Gast hatte, trauten wir uns nicht, vor Euch zu erscheinen. Jetzt aber sind wir eigens gekommen, bei Euch vorzusprechen, denn wir haben vernommen, dass der König und andere in Not geraten sind und Ihr, Großer Heiliger, gerade dabei seid, den alten Dämon zu unterwerfen.«

Pilger stieg schon der Ärger hoch, doch da sah er, wie die Genien zusammen mit den sechs Ding- und den sechs Jia- Götterkriegern einen Erdgeist herbeiführten. Alle fielen vor ihm auf die Knie und riefen: »Großer Heiliger! Das ist der Erdgeist vom Bambusberg. Er weiß, woher der Dämon kommt. Wir haben ihn gefangen und bitten den Großen Heiligen, ihn zu befragen, denn dann wird es viel einfacher sein, den Heiligen Priester und den werten König zu befreien.«

Wie nun Pilger den Erdgeist befragte, schlug dieser die Stirn auf den Boden und sprach: »Jener Dämon ist im vorletzten Jahr zum Bambusberg gekommen. Die Spiralgrotte der Neun Windungen war eigentlich ein Nest von Sechs Löwen, doch seit er da ist, verehren ihn die Löwen als ihren Ahnherrn. Es ist ein Löwe mit neun Köpfen, und er nennt sich Neunbeseelter Urheiliger. Um ihn zu überwinden, müsst Ihr seinen Herrn vom Wunderfels-Palast am Ostpol hierherbitten. Nur so könnt Ihr ihn besiegen, kein anderer hat Macht über ihn.«

Als Pilger dies vernahm, überlegte er eine Weile und meinte dann: »Vom Wunderfels-Palast am Ostpol? Dort ist der Höchste Eine Himmlische Ehrwürdige der Erlösung, der reitet doch einen neunköpfigen Löwen! Moment, ich bin gleich wieder da.«

Er hieß die Götter abtreten und sauste im Wolkenüberschlag eine ganze Nacht lang dahin, bis er etwa zur Stunde Yin, kurz vor Anbruch der Dämmerung, zum Östlichen Himmelstor kam, wo er just auf Himmelskönig Virupaksha stieß, der ihn mit ehrerbietig übereinandergelegten Händen begrüßte und fragte: »Wohin des Wegs, Großer Heiliger?«

»Ich geh mal kurz zum Wunderfels-Palast«, meinte Pilger.

»Was wollt Ihr denn im Osthimmel, führt Eure Reise nicht mehr in den Westen?«

»Wir sind nach Yuhua gekommen, dort hat uns der König gebeten, seine drei Söhne als Schüler aufzunehmen, damit wir sie in der Kampfkunst ausbilden, doch dabei sind wir unerwartet auf eine Horde Löwengeister gestoßen. Nun will ich zum Wunderfels-Palast, weil der alte Dämon dem Höchsten Einen Himmlischen Ehrwürdigen der Erlösung gehört. Ich will ihn bitten, den Dämon zu bändigen und meinen Meister zu erlösen.«

Da sprach der Himmelskönig: »Dass Ihr Euch zu Meistern über andere erheben wolltet, hat diese Löwenbande angelockt.«

»Fürwahr«, lachte Pilger, »das muss es sein!«

Dann trat er durchs Östliche Himmelstor und erreichte nach kurzer Zeit den Wunderfels-Palast. Am Eingang stand ein himmlischer Knabe in einem Überwurf aus Morgenröte. Beim Anblick des Großen Heiligen eilte er in den Palast und rief: »Hoher Herr! Draußen steht der Rebell vom Himmelspalast, der Himmelsebenbürtige Große Heilige!«

Als der Himmlische Ehrwürdige dies hörte, berief er sogleich all seine himmlischen Wächter ein. Dann hieß er ihn eintreten. Der Ehrwürdige thronte auf einer neunfarbigen

Lotosblüte in Tausenden und Abertausenden von Lichtstrahlen. Als er Pilger eintreten sah, erhob er sich und ging ihm entgegen. Pilger grüßte respektvoll, der Ehrwürdige grüßte zurück und sprach: »Großer Heiliger, wir haben uns einige Jahre nicht mehr gesehen. Wie ich sagen hörte, sollt Ihr vom Daoismus zum Buddhismus übergetreten sein und nun den Priester aus China auf seiner Reise zu den Heiligen Schriften im Westen beschützen. Gewiss habt Ihr Eure Aufgabe vollendet.«

»Noch nicht ganz«, antwortete Pilger, »aber es fehlt nicht viel. Zur Zeit sind wir bei der Spiralgrotte am Bambusberg; dort hat uns ein neunhäuptiger Löwe in Not gebracht. Erst durch den Erdgeist jenes Berges habe ich erfahren, dass Ihr, Himmlischer Ehrwürdiger, sein Herr seid. Darum bin ich nun eigens gekommen, Euch zu bitten, ihn einzufangen.«

Als der Himmlische Ehrwürdige dies hörte, schickte er umgehend einen seiner Unsterblichen zum Löwenkäfig, um den Löwenwächter zu rufen. Der aber lag in tiefem Schlaf. Man schüttelte ihn, bis er erwachte, und zerrte ihn in die Haupthalle vor den Ehrwürdigen.

»Wo ist die Löwenbestie?« rief dieser.

Da schlug der Wächter unter Tränen die Stirn auf den Boden und bat nur noch, ihn am Leben zu lassen.

»Da der Große Heilige Sun hier ist, will ich dich vorerst nicht bestrafen«, sprach der Ehrwürdige. »Doch sage mir, warum warst du so achtlos, dass der Löwe entlaufen konnte?«

»Hoher Herr!« rief der Sklave, »vor zwei Tagen fand ich im Ambrosiatempel der Großen Tausendwelt eine Flasche Wein und habe sie heimlich ausgetrunken. Weil ich im Rausch einschlief, habe ich vergessen, ihn anzubinden. Darum muss er entlaufen sein.«

»Das war ein Geschenk des Höchsten Alten Meisters; dieser Wein war ein Jadeklarer Trunk der Wiedergeburt. Davon bleibt man drei Tage lang im Rausch. Wie lange ist denn dieses Löwenbiest schon weg?«

»Gemäß Aussagen des Erdgeistes ist er im vorletzten Jahr hinunter auf Erden gekommen; es müsste also zwei, drei Jahre her sein.«

»In der Tat«, lachte der Ehrwürdige, »ein Tag im Himmel entspricht einem Jahr auf Erden.« Da rief er dem Löwenwächter zu: »Steh auf, ich will von der Todesstrafe absehen. Komm mit hinunter auf Erden, damit wir ihn für den Großen Heiligen einfangen können.«

Da schwebten der Himmlische Ehrwürdige, der Große Heilige und der Löwenwächter auf Wolken zum Bambusberg und fanden die Genien, die sechs Ding- und die sechs Jia- Götterkrieger sowie den örtlichen Erdgeist, die sogleich vor ihnen niederknieten.

»Ihr, die ihr hier Wache haltet«, rief Pilger, »sagt, ist mein Meister irgendwie verletzt worden?«

»Der Dämon ist in seinem Groll eingeschlafen«, antworteten die Götter, »er hat keine weiteren Körperstrafen angeordnet.«

Da sprach der Himmlische Ehrwürdige: »Immerhin ist mein Urheiliger ein wahres Seelenwesen, das sich über lange Zeit der Vervollkommnung des Dao gewidmet hat. Sein Brüllen dringt oben durch alle Drei Welten, unten durch alle Neun Quellen, nie würde er bedenkenlos ein Lebewesen töten. Großer Heiliger Sun, geht nun vor sein Tor und ruft zum Kampf auf, damit er herauskommt; so kann ich ihn am besten fangen.«

Pilger packte seine Stange, sprang vor das Grottentor und schrie: »Elendes Ungeheuer! Gib mir meine Leute zurück!«

Doch auch nach mehrmaligem Rufen kam keine Antwort. Wütend erhob Pilger seine Stange und schlug schreiend und schimpfend das Tor ein. Da endlich erwachte der alte Dämon. Sein Herz erfüllte sich mit einem solchen Zorn, dass er aufsprang, mit donnergleichem Brüllen seine Häupter schwenkte und nach Pilger schnappte. Der aber machte rechtsum kehrt und rannte davon, das Ungeheuer hinterher.

»Bleib stehen, du diebischer Affe!« brüllte der Dämon.

Pilger aber sprang auf einen erhöhten Felsen und rief lachend: »Du weißt wohl nicht, wie es um dein Leben steht, dass du dir noch solche Frechheiten erlaubst!«

Als der Dämon beim Felsen ankam, hatte der Himmlische Ehrwürdige bereits ein Zauberwort gesprochen und rief mit barscher Stimme: »Urheiliger! Ich bin hier!«

Wie nun der Dämon seinen Herrn erkannte, wagte er nicht länger zu kämpfen, sondern streckte alle viere von sich und schlug nur noch den Kopf auf den Boden. Da sprang der Löwenwächter hinzu, packte ihn an der Mähne und verpasste ihm wohl über hundert Faustschläge, dabei schimpfte er: »Du elendes Viech! Wie kannst du dir erlauben, heimlich auszubrechen, und ich muss dafür büßen!«

Unfähig zu sprechen, blieb der Löwe reglos am Boden liegen. Erst als dem Löwenwächter die Hand weh tat, hielt er inne und warf ihm einen prachtvollen Sattel über den Rücken. Da stieg der Himmlische Ehrwürdige auf, stieß einen Ruf zum Aufbruch aus und stieg auf bunten Wolken empor, geradewegs bis zu seinem Wunderfels-Palast.

Gen Himmel gewandt, rief ihm der Große Heilige seinen Dank nach. Dann ging er in die Grotte, befreite den König und die Prinzen von Yuhua, den Meister und seine Ordensbrüder. Zuletzt durchsuchten sie in aller Ruhe die Sachen in der Grotte und gingen dann hinaus. Bajie trug Reisig zusammen, schichtete es drinnen vorn und hinten auf und brannte die Spiralgrotte der Neun Windungen aus, dass sie aussah wie ein verkohlter Ziegelofen.

Nun hieß der Große Heilige alle Götter abtreten und befahl dem Erdgeist, den Ort weiterhin gut zu bewachen. Dann hieß er Bajie und Sandmönch, den König und dessen Söhne mit Zauberkraft in die Stadt zu buckeln, während er selbst den Priester mit sich führte, so dass sie binnen kurzem in der Stadt ankamen. Gegen Abend kamen die Königin, die Konkubinen und die Hofbeamten zum Empfang, dann wurde ein reiches Festmahl aufgetischt, und alle setzten sich gemeinsam an die Tafel. Anschließend legten sich der Priester und seine Schüler im Pavillon, der König und die Prinzen im Wohnpalast zur Ruhe und verbrachten eine friedliche Nacht.

Tags darauf ließ der König ein großes Klostermahl zubereiten, bei dem er sich zusammen mit den Hofbeamten aller Ränge persönlich bei den Mönchen bedankte.

Da sprach Pilger zum König: »Lasst einen Schlächter rufen, die sechs Löwen zu töten sowie den Gelben Löwen zu häuten. Das Fleisch soll zum Verzehr verteilt werden: Einer geht an die Bewohner des Königshauses, einer an die Dienstältesten, und die restlichen fünf sollen in Stücke von fünfzig bis hundert Gramm zerlegt und durch Offiziere an die Soldaten und Bürger der ganzen Stadt verteilt werden. So kriegt ein jeder etwas ab und kann beim Essen auch den Schrecken stillen.«

Die Leute des Bezirks zollten ihm ausnahmslos Respekt. Dann nahm Pilger die geschmiedeten Waffen in Augenschein und wollte wissen: »Wie schwer sind die nun?«

»Der Goldreifstab wiegt 1000 Pfund, der neunzinkige Rechen und die Lanze je 800.«

»Na gut«, meinte Pilger und ordnete an, die drei Prinzen kommen zu lassen, damit jeder seine Waffe in Empfang nehme.

»Für diese Waffen hätten ich und meine Söhne beinahe das Leben hergegeben!« bemerkte der König, und die Prinzen erwiderten: »Zum Glück haben uns die göttlichen Meister mit ihren Zauberkräften gerettet! Und gleichzeitig haben sie sogar noch das dämonische Übel getilgt und dafür gesorgt, dass nichts Böses mehr geschehen wird. Wahrhaftig, das kann man eine Strategie zum ewigen Frieden nennen!«

Darauf zahlten der König und die Prinzen den Schmieden ihren Lohn aus und gingen dann zum Pavillon, um den Meistern für die große Hilfe zu danken. Nun aber drängte Tripitaka den Großen Heiligen, so schnell wie möglich die Kampfkunst zu lehren, damit die Reise nicht noch länger

verzögert würde. Also begannen die drei mit der Unterweisung, und schon nach wenigen Tagen harter Übung beherrschten die drei Prinzen die nötigen Kunstgriffe sowie alle zweiundsiebzig Folgen der Kampfkunst. Zum einen war dies der festen Entschlossenheit der Prinzen zu verdanken, zum anderen auch der Verleihung göttlicher Kräfte durch Pilger, denn erst dadurch war es ihnen ja möglich, mit einer 1000 Pfund schweren Stange und 800 Pfund schweren anderen Waffen umzugehen. Im Vergleich zu dem, was sie vormals selbst an Kampfkunst erlernt hatten, war dies ein himmelhoher Unterschied!

Abermals veranstaltete der König ein großes Dankesmahl und brachte außerdem ein Tablett voller Gold und Silber, um sich erkenntlich zu zeigen. Pilger aber lachte und meinte: »Nehmt das schnell weg! Was sollen wir Pilgermönche damit anfangen?«

Bajie aber fügte hinzu: »Gold und Silber wagen wir nicht anzunehmen, doch die Löwengeister haben mein Gewand zerrissen. Es wäre reichlich gedankt, wenn Ihr uns neue Kleider besorgen könntet.«

Sogleich ließ der König mehrere Ballen kostbarer Brokatstoffe bringen und den dreien neue Kleider anfertigen. Freudig nahmen die Ordensbrüder die Gabe entgegen, ordneten ihre Sachen und machten sich zum Aufbruch bereit.

In der Stadt war keiner, der sie nicht als vom Himmel gestiegene Arhats oder leibhaftige Buddhas gerühmt hätte. Die Straßen waren voll von Menschen, die ihnen mit Trommeln, Fanfaren und Standarten ein langes Abschiedsgeleit gaben, bis die vier Schriftenholer endlich wieder auf dem Weg nach Westen waren. Beim Weiterziehen streiften sie alle Gedanken ab und widmeten sich mit ganzem Herzen dem Erlangen der Wahren Frucht. So war es in der Tat:

Ohne Kummer, ohne Sorgen

Kommen sie in Buddhas Land;

Steigen aufrecht und in Frieden

Hoch zu Buddhas Tempel auf!

Und da wir nicht wissen, wann sie endlich den Seelenberg erreichen würden, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.