Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel91

091 In Jinping schaut man Lampions bei Vollmond an / In einer Grotte legt der Priester ein Geständnis ab

Wie man erzählt, zogen der Priester und seine Schüler von der Stadt der Jadeblüte weiter und kamen unbehindert durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft. Nach fünf oder sechs Tagesmärschen erreichten sie abermals eine umwallte Stadt. Am östlichen Stadtrand herrschte geschäftiges Treiben, Marktschreier priesen zu beiden Straßenseiten lautstark ihre Waren an, überall wurde rege gefeilscht und gehandelt.

In den Gassen trieben sich untätige Burschen herum, die prompt auf Bajies lange Schnauze, Sandmönchs finsteres Gesicht und Pilgers feurige Augen aufmerksam wurden, sich bald um sie scharten und sie beäugten, doch wagten sie nicht vorzutreten oder Fragen zu stellen. Vor Angst, die Schüler könnten wieder etwas anstellen, stand Tripitaka der Schweiß im Nacken. Auch nach weiteren Gassen war das Stadttor noch nicht in Sicht, stattdessen gewahrten sie ein Tempelportal, auf dem in drei Schriftzeichen geschrieben stand: »慈雲寺 – Kloster der Barmherzigkeit«.

»Gehen wir doch hinein, lassen das Pferd ein wenig ruhen und schauen, ob wir etwas zu essen bekommen«, schlug Tripitaka vor.

»Sehr gut!« stimmte Pilger zu. Also traten die vier Mönche in den Klosterhof, wo ihnen aus einem der Säulengänge ein Mönch entgegenkam, der sie freundlich grüßte und sprach: »Wo kommt Ihr her, werter Meister?«

»Geringer Jünger kommt aus dem chinesischen Kaiserreich«, gab Tripitaka zur Antwort. Da warf sich der Mönch ehrfürchtig vor ihm auf die Knie. Eilends reichte ihm Tripitaka den Arm zum Aufstehen und fragte: »Werter Abt, wie habe ich eine solch gewichtige Ehrbezeigung verdient?«

Da faltete der Mönch die Hände und sprach: »Wir alle, die wir uns dem Guten widmen, Heilige Schriften lesen und zu Buddha beten, wünschen uns nichts sehnlicher, als in Eurem gesegneten Lande wiedergeboren zu werden! Schon auf den ersten Blick habe ich Eurem Auftreten und Eurer Kleidung angesehen, dass Ihr Euch bereits in früheren Inkarnationen der Vervollkommnung gewidmet haben müsst, sonst wäret Ihr ja niemals in diesen Genuss gekommen. Darum bin ich vor Euch niedergekniet.«

»Ach du lieber Schreck«, lächelte Tripitaka, »ich Buddhajünger bin nur ein Wandermönch, was für ein Genuss sollte mir da zuteilwerden? Vielmehr führt doch Ihr, werter Abt, hier ein glückliches Leben in freier Muße!«

Da führte ihn der Geistliche in die Haupthalle, wo Tripitaka sich erst vor den Statuen verneigte und anschließend seine Schüler zu sich rief. Wie der Klosterbruder nun Pilger und die anderen erblickte, rief er entsetzt: »Oh, werter Herr! Warum sind denn Eure hohen Schüler so ungestalt?«

»Ungestalt mögen sie sein«, erwiderte Tripitaka, »doch besitzen sie große Zauberkräfte. Dass ich bis hierher gelangen konnte, habe ich allein ihrem Schutz zu verdanken.«

Während sie sich unterhielten, kamen von drinnen weitere Mönche auf sie zu und grüßten freundlich. Da fragte derjenige, der Tripitaka empfangen hatte: »Was treibt denn Euch hierher, werter Meister aus China?«

»Ich pilgere auf Geheiß unseres Kaisers zum Seelenberg, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Weil unser Weg durch diese prächtige Gegend führt, haben wir beschlossen, Euren hehren Tempel zu besuchen, einerseits um uns über diesen Ort zu erkundigen, andererseits um etwas Speise zu erbitten. Danach werden wir gleich weiterziehen.«

Freudig baten ihn die Mönche in die Abtei, wo gerade ein paar Klosterbrüder für fromme Spender eine Zeremonie zur Erlösung der Seelen von Verstorbenen abhielten. Der Mönch, der zuerst eintrat, rief ihnen zu: »Kommt und seht euch die Menschen aus China an! Schaut, in China gibt es hübsche wie hässliche Menschen; die Hübschen sind von einer Schönheit, wie man sie kaum auf einem Bilde festhalten könnte, die Hässlichen aber sehen gar merkwürdig aus!«

Da kamen die Mönche mit ihrem Zeremonienmeister herbei und begrüßten sie freundlich. Nachdem man sich gesetzt und Tee getrunken hatte, fragte Tripitaka: »Wie wird denn Eure werte Ortschaft genannt?«

»Das hier ist Jinping, die Stadt des Goldenen Friedens, eine der äußeren Grafschaften von Indien«, war die Antwort.

»Und wie weit ist es von Eurer werten Stadt bis zum Seelenberg?«

»Von hier zur Hauptstadt sind es zweitausend Meilen; diese Reise haben wir schon gemacht. Doch noch weiter nach Westen, bis zum Seelenberg, sind wir noch nie gekommen. Darum wissen wir auch nicht, wie weit der Weg ist; wir wollen Euch keine falschen Angaben machen.«

Bald wurde das Essen aufgetragen, und als die Mahlzeit beendet war, wollte Tripitaka weiterziehen. Die Mönche und der Zeremonienmeister wollten ihn nicht gehen lassen und sprachen: »Werter Meister, lasst Euch doch ein paar Tage Zeit und feiert mit uns das Laternenfest!«453

Da rief Tripitaka erstaunt: »Oh, unterwegs habe ich die Zeit ganz vergessen! Ich wusste gar nicht, dass Laternenfest ist.«

»Eure ganze Aufmerksamkeit weilt bei Buddha«, meinten die Mönche lächelnd und erklärten: »Heute haben wir den dreizehnten Tag des ersten Mondmonats, da werden am Abend die Laternen zur Probe angezündet. Übermorgen, am fünfzehnten, findet dann die richtige Feier statt, und am achtzehnten oder neunzehnten werden die Laternen wieder abgehängt. Die Menschen hier sind sehr friedliebend, und unser Bürgermeister kümmert sich liebevoll um sein Volk, darum werden ringsum in jeder Ortschaft Laternen aushängen, und man wird die ganze Nacht über mit Mundorgeln und Flöten aufspielen. Außerdem gibt es noch die ›Brücke Zur Goldenen Laterne‹, das ist ein alter Brauch, der bis heute gepflegt wird. Bleibt doch ein paar Tage hier, werte Herren, wir haben genug, Euch ausreichend zu verpflegen!«

Tripitaka sah sich schließlich genötigt zu bleiben. Schon am selben Abend hörte man den Schall von Glocken und Trommeln, auf den Gläubige der ganzen Stadt die Laternen für Buddha herbeischafften. Tripitaka ging mit den anderen hinaus, die Laternen zu schauen, und anschließend legten sich alle schlafen.

Tags darauf begab man sich nach dem Frühstück in den Hinterhof und verbrachte einen vergnüglichen Tag in Muße. Gegen Abend bewunderte man erst die Laternen im Tempel und schlenderte dann durch die Straßen, wo es viel Amüsantes zu sehen gab. Erst zur zweiten Nachtwache gingen alle zurück und legten sich zur Ruhe.

Tags darauf sprach Tripitaka zu den Mönchen des Klosters: »Ich habe einst gelobt, Pagoden auszukehren, darum möchte ich dies auch heute, am Tage des Laternenfestes, einhalten.«

Bereitwillig öffneten ihm die Mönche die Pagode. Tripitaka verneigte sich erst vor Buddha, nahm dann einen Besen und kehrte von oben nach unten ein Stockwerk nach dem anderen aus. Als er fertig war, begann es schon zu dunkeln, und die Lampions wurden wieder angezündet. Dies war nun das richtige Laternenfest, die Vollmondnacht am fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats.

»Werter Meister«, sprachen die Mönche, »gestern Abend haben wir die Laternen im Kloster und in der Vorstadt schon gesehen; heute wollen wir in die Stadt gehen und uns die Goldlaternen anschauen; seid Ihr einverstanden?«

Tripitaka willigte freudig ein, und so ging er denn mit seinen Schülern und den Mönchen in die Stadt, um die Laternen zu schauen. Es war in der Tat, wie das Gedicht besagt:

Mitten in geschmückten Plätzen

Man vom Lotospflücken singt;

Hier in wundervollem Frieden

Alles Volk sich rege drängt.

Hell in dieser Vollmondnacht

Mond und Lampions erstrahlen;

Mögen heuer Wind und Regen

Große Ernten uns bescheren!

Es war jene Zeit, in der die Nachtsperre aufgehoben wird und die Menschen sich zu Tausenden in der Stadt tummeln. Man sah auch Leute, die Tänze aufführten oder auf Stelzen liefen, andere hatten sich als Geister verkleidet oder ritten auf Elefanten; mal hier eine Schar, mal dort eine Gruppe, eine wahre Augenweide!

Schließlich kamen sie zur Brücke der Goldlaterne. Tripitaka trat mit den Mönchen näher und sah nun, dass hier drei goldene Lampions angebracht waren, so groß wie Steinguttöpfe. Sie waren über und über mit Zierwerk in Form mehrstöckiger Häuser dekoriert, alles war aus feinstem Golddraht geflochten und mit dünnen Glasplättchen belegt. Ihr Glanz schien gar den Mond zu blenden, und das Lampenöl duftete herrlich. Tripitaka wandte sich an die Mönche und fragte: »Was ist das für ein aromatisches Öl?«

»Wisset, werter Meister«, erklärten die Mönche, »im Hinterland dieser Stadt liegt eine Gemeinde namens Mintian, ›Hehrer Himmel‹. Sie umfasst insgesamt zweihundertvierzig Weiler und damit zweihundertvierzig Familienbetriebe, die alle Lampenöl herstellen. Diese Familien haben neben den üblichen Frondiensten für Stadt und Gemeinde eine schwere Aufgabe, denn jedes Jahr kommt einer dieser Betriebe an die Reihe und muss über zweihundert Silberlinge ausgeben. Es handelt sich nämlich um ein ganz besonderes Öl, das aus dem Storax-Harz vom Amberbaum gewonnen wird. Schon ein Liang davon kostet zwei Silberlinge, ein Pfund wird mit

zweiunddreißig Silberlingen aufgewogen. Diese drei Lampions aber enthalten je 500 Pfund von diesem Öl, das macht zusammen 1500 Pfund, also insgesamt 48 000 Silberlinge. Einschließlich der übrigen Nebenkosten macht das über 50 000 Silberlinge, und das für nur drei Nächte.«

»Wie kann denn in drei Nächten so viel Öl aufgebraucht werden?« wollte Pilger wissen.

»In jedem Behälter stecken neunundvierzig Dochtschnüre, alle aus Dochtgras gebündelt und mit Seidenwatte umwickelt, dick wie ein Hühnerei. Schon in dieser Nacht, sobald die Buddhas sich offenbart haben, wird das Öl aufgebraucht sein, und die Lampen erlöschen.«

Da lachte Bajie: »Da nehmen die Buddhas das Öl wohl gleich mit!«

»So ist es«, bestätigten die Mönche. »Seit alters wird es von den Leuten unserer Stadt so erzählt. Wenn das Öl aufgebraucht ist, haben die Buddhas es an sich genommen, und dann steht uns ein reiches Erntejahr bevor. Wenn aber Öl übrig bleibt, werden wir im bevorstehenden Jahr von Dürre heimgesucht, und das Wetter wird uns nicht wohlgesinnt sein. Darum bringen wir stets diese Gabe dar.«

Kaum hatte er geendet, als plötzlich aus der Höhe ein Sturm heranbrauste, dass die Leute, die sich eben noch an den Laternen ergötzt hatten, erschrocken zur Seite wichen. Auch die Mönche wollten nicht stehen bleiben und mahnten: »Gehen wir, werter Meister! Dieser Wind bedeutet, dass die Buddhas die Laternen schauen wollen.«

»Woran erkennt Ihr denn, dass es Buddhas sind?« fragte Tripitaka.

»Jedes Jahr ist es so«, erwiderten die Mönche, »immer, wenn vor Mitternacht der Sturmwind kommt, wissen wir, dass die Buddhas vom Himmel kommen, darum gehen wir alle respektvoll aus dem Weg.«

»Ich lese doch stets Buddhas Schriften und verneige mich vor Buddha«, wandte Tripitaka ein, »warum soll ich mich an diesem schönen Ort nicht verneigen, wenn Buddhas herabkommen?«

Die Mönche versuchten ihn noch mehrmals zum Gehen zu bewegen, doch Tripitaka ließ sich nicht umstimmen. Es dauerte nicht lange, da erschienen inmitten der Sturmböe tatsächlich die Gestalten von drei Buddhas, die sich den Lampions näherten. Tripitaka lief auf die Brücke und warf sich vor ihnen nieder. Pilger aber sah klar, riss ihn hoch und rief: »Schlimm, Meister, das sind sicher Dämonen!«

Doch schon erloschen die Lampions, Tripitaka wurde im Sturm hochgehoben und auf Wolken davongetragen.

Oho! Wer weiß, aus welcher Grotte von welchem Berg diese Ungeheuer stammen mochten, die sich hier seit Jahren als falsche Buddhas der Goldlaternen bemächtigten!

Erschrocken begannen Bajie und Sandmönch nach dem Meister zu suchen. Pilger aber rief: »Brüder, ihr braucht ihn nicht zu rufen. Dem Meister hat sich ›übergroße Freude ins Leid gekehrt‹, wie man so sagt. Die Ungeheuer haben ihn mit sich fortgerissen.«

Da fragten die Mönche verängstigt: »Werter Herr, wie kommt Ihr darauf, dass es Ungeheuer sein sollten?«

»Ihr seid mir ja ein Volk von gewöhnlichen Sterblichen!« rief Pilger, »über Jahre wisst ihr nicht, dass ihr einem dämonischen Übel aufgesessen seid! Stattdessen glaubt ihr gar, es würden echte Buddhas vom Himmel steigen, um euer Laternenopfer anzunehmen. Was eben im Sturm wie Buddhastatuen aussah, waren drei Ungeheuer! Mein Meister hat sie auch nicht erkannt, darum ist er auf die Brücke gegangen und hat sich vor ihnen verneigt. Da haben die Ungeheuer das Licht ausgemacht, das Öl in ihre Gefäße gegossen und meinen Meister gleich mitgenommen. Ich bin nicht schnell genug hingelaufen, drum sind sie schon als Sturm davongestoben.«

»Aber was tun wir jetzt, Bruder?« fragte Sandmönch.

»Wir dürfen keine Zeit verlieren«, gab Pilger zurück. »Geht ihr beide mit den anderen in den Tempel und passt auf Pferd und Gepäck auf; ich alter Sun will gleich mal diesem Wind nachgehen.«

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, sprang er im Wolkenüberschlag hoch und sauste hinter dem fauligen Geruch in Richtung Nordosten. Als bereits der Morgen dämmerte, war es plötzlich windstill. Vor ihm ragte ein Berg mit steilen Felshängen auf. Von einem erhöhten Fels spähte der Große Heilige umher und gewahrte nun vier Männer, die am westlichen Berghang drei Ziegen trieben und dazu im Chor riefen: »Frühling, erwache!«

Erst beim näheren Hinsehen merkte Pilger, dass es die Vier Zeitgötter waren. Da zückte er seine Stange, sprang vom Fels und schrie: »Halt, vermummte Bande!«

Bestürzt nahmen die Götter ihre eigenen Gestalten an, grüßten ehrerbietig und sprachen: »Verzeiht, Großer Heiliger, verzeiht!«

»Nie habt ihr euch gezeigt, seit ich euch das letzte Mal gerufen habe! Wo wollt ihr denn hin? Warum steht ihr nicht meinem Meister bei?«

Da sprachen die Götter: »Euer Meister war nachlässig in seiner Hingabe zum innersten Wesen und hat sich stattdessen im Kloster Vergnügungen anheimgegeben. Dadurch ist Tai, das Zeichen des Friedens, in Pi, das Zeichen der Stockung, übergegangen, so kehrte Freude sich in Leid. Jetzt haben ihn Ungeheuer fortgetragen, doch die Schutzgötter der Klöster stehen ihm bei. Wir aber sind eigens gekommen, Euch Bericht zu erstatten, weil wir dachten, dass Ihr Euch hier im Gebirge vielleicht nicht so gut auskennt.«

»Wozu dann diese Maskerade, wenn ihr mir Bericht erstatten wollt?« fragte Pilger, »was sollen diese Ziegen und euer Geschrei?«

»Die drei Ziegen«, erklärten die Götter, »stehen für Tai, das Zeichen des Frühlings und des Friedens, denn so heißt es doch: ›Mit drei Yang-Linien beginnt das Zeichen Tai.‹456 Damit wollen wir Pi, das Zeichen der Stockung, auflösen, das Euren Meister ereilt hat.«

»Ist hier der Ort, wo sich die Ungeheuer aufhalten?« wollte Pilger wissen.

»So ist es«, bestätigten die Götter. »Das hier ist der Berg des Grünen Drachen, und darin gibt es eine ›Grotte der Finsterblüte‹. Dort hausen drei Ungeheuer, die nennen sich König Kältewehr, König Hitzewehr und König Staubwehr. Sie leben schon seit tausend Jahren hier, und weil sie von klein auf liebend gerne Harz vom Amberbaum fressen, haben sie sich damals, als sie zu Ungeheuern wurden, in falsche Buddhas verwandelt und die Leute von Jinping dazu gebracht, ihnen goldene Laternen mit Lampenöl vom Harz des Amberbaumes zu füllen, dass sie es sich jedes Jahr zum ersten Vollmond in Gestalt von Buddhas holen können. Wie sie diesmal Euren Meister sahen, haben sie sofort gemerkt, dass er ein Heiliger ist, darum haben sie ihn in ihre Grotte entführt. In wenigen Tagen wollen sie sein Fleisch in Öl braten und fressen! Kümmert Euch so schnell wie möglich um seine Rettung!«

Pilger hieß die vier Götter abtreten, ging um den Berggipfel und hielt Ausschau nach einer Grotte. Schon nach wenigen Meilen sah er neben einem Bach eine Felswand mit einer steinernen Hütte, deren Tore halb offen standen. Auf einer Steinstele prangten sechs Schriftzeichen: »青龍山玄英洞 – Grotte der Finsterblüte, Berg des Grünen Drachen«.

Pilger wagte sich nicht direkt hinein, sondern hielt inne und rief: »Bringt meinen Meister heraus, Ungeheuer!«

Da rauschte es, das Tor ging auf, und eine Schar Rindergeister glotzte ihn an. »Wer bist du, dass du hier herumzuschreien wagst?« fragten sie.

»Ich bin der Schüler des heiligen Priesters Tripitaka aus dem großen chinesischen Kaiserreich. Mein Meister ist in Jinping von euren Dämonen entführt worden; her damit, oder ihr seid des Todes!«

Da stürzten die Geister hinein und riefen: »Unheil!«

Die Dämonen hatten nämlich den Priester aus China gerade erst in ihre Grotte gebracht und ihre Untergebenen beauftragt, ihn zu entkleiden und zu waschen, in der Absicht, ihn anschließend, in Stücke gehackt, in Amber-Öl zu braten und zu fressen. Wie sie nun das Wort »Unheil« hörten, schreckten sie auf und fragten, was los sei.

»Vor dem Tor steht ein Mönch mit haarigem Gesicht und einer Schnauze wie der Donnergott und lärmt, er wolle seinen Meister haben!«

Da meinten die Dämonen: »Wir haben den Kerl, den wir da geschnappt haben, ja noch gar nicht nach seinem Namen gefragt. Lasst ihn die Kleider wieder anziehen und bringt ihn zum Verhör!«

Schon stürzte sich die Horde Ungeheuer auf Tripitaka und zerrte ihn vor den Thron, wo er zitternd vor den Dämonen niederkniete und rief: »Lasst mich am Leben, große Könige!«

Da fragten alle drei Dämonen gleichzeitig: »Aus welchen Landen kommst du, Mönch? Warum stellst du dich in unseren Wolkenweg, statt wie es sich gehört respektvoll auszuweichen, wenn sich Buddhas offenbaren?«

Da fragten alle drei Dämonen gleichzeitig: »Aus welchen Landen kommst du,

Mönch?«

Tripitaka schlug die Stirn auf den Boden und sprach: »Geringer Mönch kommt aus dem Osten und wurde vom Kaiser von China ausgesandt, im Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Weil wir im Kloster der Barmherzigkeit von Jinping um Kost und Unterkunft baten, haben uns die Klosterbrüder eingeladen, bis zum Laternenfest zu bleiben. Auf der Brücke der Goldlaternen sah ich geringer Mönch die Großen Könige als Buddhas, und als gewöhnlicher Sterblicher mit den Augen des Fleisches wusste ich nichts weiter, als mich vor Buddha zu verneigen. So bin ich euch in den Weg geraten.«

»Vom Osten bis hier ist ein weiter Weg«, meinten die Dämonen. »Wie viele seid ihr und wie heißt ihr alle? Sprich die Wahrheit, dann lassen wir dich am Leben!«

»Geringer Mönch heißt Chen Xuanzang, doch werde ich auch Tripitaka aus China genannt. Ich habe drei Schüler, der erste heißt Pilger Sun Wukong, er ist der Himmelsebenbürtige Heilige, der sich dem Guten zugewandt hat.«

Wie die Ungeheuer diesen Namen hörten, erschraken sie nicht wenig.

»Ist das nicht derjenige, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast gewütet hat?« fragten sie.

»So ist es«, sprach Tripitaka. »Mein zweiter Schüler ist Eber Wuneng, genannt Bajie, er ist die Reinkarnation von Marschall Tianpeng. Und der dritte ist Sandmönch Wujing, Reinkarnation des Generals Gardinenroller.«

»Zum Glück haben wir ihn noch nicht gefressen«, meinten die Dämonen bestürzt und riefen: »Diener! Kettet ihn mit eisernen Schlössern im Hinterhof an, wir wollen erst noch seine Schüler fangen.«

Dann befahlen sie einer Horde Rindergeister, auf der Stelle mit gezückten Waffen hinauszustürmen, Fanfaren zu blasen, Flaggen zu schwenken und die Trommeln zu rühren. Die drei Dämonen aber warfen sich die Rüstung um, kamen heraus und riefen: »Wer wagt es, vor unseren Toren zu lärmen?«

Pilger betrachtete die drei Dämonen eingehend. Der eine schwang ein Beil, der zweite hielt einen breiten Säbel, und der dritte hatte eine knotige Liane über der Schulter hängen. Daneben stand eine kunterbunte Schar von Rindergeistern, alle mit Speeren bewaffnet. Außerdem hatten sie drei große Flaggen, auf denen geschrieben stand: »Große Könige Kältewehr, Hitzewehr und Staubwehr«. Nachdem Pilger alles betrachtet hatte, trat er vor und rief laut: »Verruchtes Diebesgesindel, erkennt ihr den alten Sun?«

Da brüllte einer der Dämonen zurück: »Du bist also jener Sun Wukong, der im Himmelspalast gewütet hat? So heißt es doch: ›Schon gehört und nie gesehen; beim Anblick sich die Götter schämen‹! Du bist also bloß ein kleines Äffchen, und da wagst du es, den Mund so voll zu nehmen?«

Wütend schrie Pilger: »Wehe, ihr Öl raubendes Ölmaulgesindel! Keine Worte mehr, rückt sofort meinen Meister raus!«

Schon trat er auf sie zu und schwang seine Stange, da erhoben die drei Dämonen ebenfalls ihre Waffen und warfen sich in den Kampf. So fochten sie in einer Talsenke nahezu fünfzig Runden aus, bis der Abend dämmerte, doch der Kampf blieb unentschieden. Da ließ König Staubwehr seine Peitsche knallen und sprang mit einer Flagge vor, worauf sämtliche Rindergeister Pilger mit gezückten Waffen umzingelten. Sowie dieser sah, dass die Lage schlecht stand, schoss er mit einem langgezogenen Pfiff zu den Wolken auf. Die Dämonen sahen von einer Verfolgung ab, sammelten ihre Krieger und verschwanden in der Grotte. Pilger aber kehrte ins Kloster der Barmherzigkeit zurück, wo er Bajie und Sandmönch ausführlich berichtete, was geschehen war.

»Das müssen Geisterkönige aus der Höllenstadt sein«, mutmaßte Bajie.

»Woher willst du das wissen?« fragte Sandmönch.

»Weil unser Ordensbruder sagt, es wären Rindergeister.«

»Nein, das kann nicht sein«, versetzte Pilger. »Meiner Meinung nach müssen sich hier drei Nashörner in Geister verwandelt haben.«

»Wenn es Nashörner sind, fangen wir sie ein und sägen ihnen die Hörner ab, die wären einige Silberlinge wert!« warf Bajie ein.

Während sie sich unterhielten, trugen die Klosterbrüder das Abendessen auf, und nach dem Essen meinte Pilger: »Lasst uns aufräumen und schlafen gehen. Morgen früh gehen wir zusammen hin, nehmen die Dämonenkönige gefangen und befreien unseren Meister.«

»Aber Bruder«, warf Sandmönch ein, »man sagt doch ›Zögern macht den Gegner klug‹; was nun, wenn die Dämonen dem Meister noch in dieser Nacht etwas antun? Gehen wir doch lieber hin, solange sie unvorbereitet sind. Nur so können wir den Meister retten.«

Als Bajie dies hörte, ballte er seine Kräfte und rief: »Bruder Sand hat recht! Nutzen wir den Mondschein und legen diese Dämonen um!«

Da wandte sich Pilger an die Klosterbrüder und wies sie an, gut auf Gepäck und Pferd aufzupassen. »Sobald wir die

Ungeheuer geschnappt haben, werden wir eurem Bürgermeister beweisen, dass es sich um falsche Buddhas handelte, dann wird fortan kein Lampenöl mehr nötig sein, und die Leute jener Gemeinden werden von ihrer Bürde befreit. Das ist doch eine gute Sache, oder?«

Die Mönche zeigten sich einverstanden und bedankten sich, worauf die drei Ordensbrüder auf Wolken aus der Stadt schwebten.

Und da wir nicht wissen, ob dieser Gang wohl siegreich endete, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.