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092 Drei Mönche kämpfen am Berg des Grünen Drachen / Vier Sterngottheiten fangen Nashorn- Ungeheuer

Wenden wir uns nun dem Großen Heiligen zu, der mit seinen Ordensbrüdern auf Wolken schwebend binnen kurzem bei der Grotte der Finsterblüte auf dem Berg des Grünen Drachen ankam. Bajie wollte gleich das Tor einschlagen, doch Pilger meinte: »Lass mich erst hineingehen und schauen, ob der Meister noch am Leben ist. Kämpfen können wir nachher immer noch.«

Mit einem magischen Fingerzeichen und einer Zauberformel verwandelte er sich in einen Leuchtkäfer und flog in die Grotte. Drinnen lagen Rinder kreuz und quer am Boden und schnarchten, was das Zeug hielt. Pilger surrte in die Haupthalle, doch dort waren alle Türen und Fenster abgeschlossen. Er konnte nicht ausmachen, in welchem Raum die drei Dämonen schliefen. Darum flog er außen herum nach hinten, und auf einmal drang ein Schluchzen an sein Ohr. Es war Tripitaka, der in einer der hinteren Kammern an eine Säule gekettet vor sich hin weinte!

Pilger bewegte seine Flügel schneller und kam zu Tripitaka. Da wischte sich dieser die Tränen ab und murmelte: »Oh, im Westen ist es wirklich anders! Da haben wir den ersten Mondmonat, wenn sich unter der Erde die Insekten erst gerade zu regen beginnen, und hier fliegen schon die Leuchtkäfer. Warum wohl?«

Da konnte sich Pilger nicht zurückhalten und rief: »Meister, ich bin’s!«

»Wukong, da bist du ja!« rief Tripitaka freudig.

Schnell nahm Pilger seine eigene Gestalt an und rief: »Ach, Meister! Wie viele Umwege müssen wir machen und wie viele Kräfte vergeuden, allein weil Ihr Wahr und Falsch nicht auseinanderhalten könnt! Ich habe heute bis zum Abend gegen diese Ungeheuer gekämpft, und jetzt bin ich mit den Ordensbrüdern da. Weil ich fürchte, dass wir nachts nicht gut kämpfen können, und außerdem nicht wusste, wo Ihr seid und wie es Euch geht, bin ich in dieser Verwandlung hereingekommen. Eben habe ich gesehen, dass die Ungeheuer tief schlafen. Ich bringe Euch gleich raus.«

Mit einem Öffnungszauber strich er über das Kettenschloss, und schon war Tripitaka frei. Wie er nun seinen Meister nach vorn führte, hörte man plötzlich in der mittleren Halle einen Dämonenkönig rufen: »He, ihr Kleinen! Warum haltet ihr nicht Nachtwache und macht keine Patrouillen? Man hört ja gar keine Klappern und Schellen!«

Die Horde Ungeheuer war nämlich vom Kampf so erschöpft gewesen, dass alle in tiefen Schlaf gefallen waren. Auf diesen Ruf erwachten sie, und alsbald erklangen auch schon ihre Klappern und Schellen. Einige der Ungeheuer liefen nach hinten, wo sie just auf den Meister und seinen Schüler stießen. Da riefen sie: »Das ist ja ein netter Mönch! Macht das Schloss auf und will fliehen!«

Ohne ein Wort zu verlieren, schwang Pilger seine Stange und schlug los. Im Nu waren zwei Ungeheuer erschlagen, während die anderen Hals über Kopf in die Halle rannten, an die Tür pochten und schrien: »Schlimm, Große Könige! Der Mönch mit dem haarigen Gesicht tötet unsere Leute!«

Da sprangen die drei Dämonen auf und brüllten: »Haltet ihn! Haltet ihn!«

Tripitaka wurden Hände und Füße windelweich vor Schrecken. Pilger aber konnte sich nicht länger um seinen Meister kümmern; mit wirbelnder Stange stürmte er voran, und noch bevor ihn irgendein Ungeheuer aufhalten konnte, hatte er mehrere Tore durchbrochen und war draußen. Dort rief er nach Bajie und Sandmönch und erzählte, was geschehen war.

Die Dämonenkönige aber packten Tripitaka, legten ihn wieder in Ketten und stellten sich mit gezückten Waffen in der nun hell erleuchteten Grotte vor ihm auf.

»Du Lump!« brüllten sie. »Wie hast du das Schloss aufgemacht, und wie ist dieser Affe hereingekommen? Sprich die Wahrheit, wenn dir das Leben lieb ist, sonst wirst du entzweigehackt!«

Zitternd und bebend kniete Tripitaka nieder und sprach: »Große Könige! Mein Schüler Sun Wukong beherrscht zweiundsiebzig Verwandlungen und ist eben in Gestalt eines Leuchtkäfers hereingekommen, um mich zu befreien. Unerwartet sind die Großen Könige aufmerksam geworden, und als eure werten Beamten uns entdeckten, hat mein Schüler aus Versehen zwei von ihnen verletzt. Als dann alle geschrien haben, konnte er sich nicht mehr um mich kümmern und ist geflohen.«

Die drei Dämonen lachten laut und riefen: »Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, dass du uns nicht entlaufen bist!« Und sie befahlen ihren Dienern, die hinteren Tore abzuriegeln und keinen Lärm zu machen.

Draußen meinte Sandmönch: »Jetzt schließen sie die Tore und sind auf einmal still. Heißt das vielleicht, dass sie unserem Meister etwas antun? Lasst uns lieber gleich das Tor einschlagen!«

Schon schwang der Tölpel seinen Rechen und schmetterte ihn mit solcher Wucht auf das steinerne Tor, dass es in tausend

Stücke zersprang. Dann brüllte er: »Ölraubendes Diebesgesindel! Rückt unseren Meister raus!«

Als die drei Dämonen hörten, was geschehen war, warfen sie sich zornentbrannt in Rüstung, packten ihre Waffen und stellten sich an die Spitze ihrer Ungeheuer, um den Feinden entgegenzutreten. Inzwischen war es Mitternacht, der Mond stand hoch am Himmel und erleuchtete die Umgebung taghell. Draußen schwangen sie ohne weitere Worte ihre Waffen, während sich auf der Gegenseite Pilger der Axt, Bajie dem Säbel und Sandmönch dem langen Stock zur Wehr setzten. Auch nach langem Ringen blieb der Kampf unentschieden. Schließlich stieß König Kältewehr einen Schrei aus, mit dem er die kleinen Ungeheuer auf den Plan rief. Diese stürzten sich auf der Stelle mit gezückten Klingen auf Bajie, warfen ihn zu Boden, und mehrere Wasserbüffelgeister schleiften ihn in die Grotte, wo man ihn in Stricke legte. Als Sandmönch sah, dass Bajie fehlte, schwang er die Lanze zu einem letzten Scheinhieb gegen König Staubwehr, doch als er die Flucht ergreifen wollte, hatten ihn die Ungeheuer schon umzingelt. Er strauchelte und wurde ebenfalls festgenommen. Pilger, der gewahrte, dass die Lage schwierig wurde, sauste im Wolkenüberschlag ins Kloster der Barmherzigkeit zurück. Dort wollten die Mönche sofort wissen, ob der werte Herr aus China gerettet worden sei.

Draußen schwangen sie ohne weitere Worte ihre Waffen, während sich auf der

Gegenseite Pilger der Axt, Bajie dem Säbel und Sandmönch dem langen Stock zur Wehr setzten.

»Schwierig, schwierig!« rief Pilger, »richtig schwierig! Diese Dämonen haben solche Zauberkräfte, dass sie sogar meine Ordensbrüder gefangen haben. Habt acht auf Gepäck und Pferd, ich alter Sun gehe im Himmel Verstärkung holen.«

»Oh, werter Herr, Ihr könnt zum Himmel aufsteigen?« staunten die Mönche.

»Im Himmelspalast war ich doch früher zu Hause«, lachte Pilger, »da geh ich öfter mal hin, nur so zum Spaß!«

Ehrfürchtig warfen sich die Mönche vor ihm nieder. Pilger aber ging nach draußen, schoss mit einem Pfiff in die Höhe und stand vor dem Westlichen Himmelstor. Hier traf er auf Taibai, den Abendstern, der gerade mit Himmelskönig Virudhaka und den vier großen Schutzgöttern Yin, Zhu, Tao und Xu plauderte. Als sie Pilger kommen sahen, begrüßten sie ihn und fragten: »Wohin des Weges, Großer Heiliger?«

Pilger erzählte ihnen die Sache mit der Grotte der Finsterblüte und schloss mit den Worten: »Nun schaff ich alter Sun es einfach nicht, diese Ungeheuer zu besiegen. Drum will ich jetzt zum Jadekaiser, damit ich weiß, wo die herkommen, und er den Befehl erteilt, sie zu unterwerfen.«

Der Abendstern lachte auf und rief: »Ach, großer Heiliger! Habt Ihr denn im Kampf nicht einmal gesehen, wo sie herkommen?«

»Dass es eine Horde Rindergeister sein muss, hab ich schon gemerkt«, meinte Pilger, »doch die Dämonen haben so große magische Kräfte, dass ich sie so leicht nicht unterkriege.«

»Es sind drei Nashorngeister«, erklärte der Abendstern nun. »Weil sie am Himmel ein Sternbild haben, konnten sie sich über all die Jahre der Vervollkommnung widmen und sind unsterblich geworden, daher können sie auf Wolken schweben und in Flüsse und Meere dringen, indem sie die Wassermassen teilen. Wenn Ihr sie festnehmen wollt, braucht Ihr Euch nur an die Gestirne der vier Holztiere zu wenden. Sobald die Dämonen sie erblicken, werden sie sich ergeben.«

Pilger dankte ehrerbietig und fragte: »Um welche vier Holztiere handelt es sich denn? Ich bitte den werten Abendstern um Aufklärung.«

Dieser entgegnete lächelnd: »Sie liegen außerhalb des Südlichen Scheffels und des Rinderhirten. Beim Jadekaiser werdet Ihr Klarheit erlangen.«

Dankend wölbte Pilger die Hände übereinander und schritt durch das Himmelstor zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo ihn die Vier Himmelsmeister zur Halle der

Himmelshöhen führten. Nachdem er sein Anliegen vorgebracht hatte, sprach der Jadekaiser: »Es handelt sich bei den Dämonen um zu Geistern gewordene Rhinozerosse. Allein

die vier Gestirne der Holztiere vermögen sie zu überwinden.«458

Er schickte Himmelsmeister Xu mit Pilger zum Palast des Südlichen Scheffels und des Rinderhirten, um die vier Holztiere zu beauftragen, in den irdischen Gefilden Dämonen zu bannen. Schon traten der Holzdrache vom Sternbild Horn, der Holzlöwe vom Sternbild des Scheffels, der Holzwolf vom Sternbild Kui und der Holzhund vom Sternbild Brunnen vor und fragten: »Großer Heiliger, wo dürfen wir für Euch Dämonen unterwerfen?«

»Ach, ihr seid es!« lachte Pilger, »der alte Abendstern hat es mir nicht sagen wollen. Hätte ich gewusst, dass er die Holztiere der Achtundzwanzig Sternbilder meint, hätte ich alter Sun euch doch gleich direkt um Hilfe gebeten; wozu der ganze Umweg über den Jadekaiser?«

»Wo denkt Ihr hin, Großer Heiliger!« riefen die vier

Sterngötter, »wer von uns würde je wagen, ohne himmelskaiserlichen Erlass wegzugehen? Doch kommt, machen wir uns rasch auf den Weg!«

Also schwebte Pilger mit den vier Sterngöttern auf Wolken zur Grotte der Finsterblüte auf den Berg des Grünen Drachen.

»Großer Heiliger«, sprachen die Sterngötter, »geht und ruft zum Kampf auf, damit sie herauskommen. Anschließend werden wir Hand anlegen.«

Vor dem Tor polterte und schimpfte Pilger so lange, bis die drei Dämonen abermals bewaffnet aus der Grotte traten. Zähnefletschend stürmte Pilger mit der Stange auf sie zu, während die Dämonen ihre Ungeheuer Pilger umzingeln ließen, dass er in ihrer Mitte eingeschlossen war. Jetzt aber traten die vier Sterngötter, ein jeder mit scharfer Klinge bewaffnet, vor und riefen: »Halt, ihr Sündenbiester!«

Als die drei Dämonen die Sterngötter erblickten, bekamen sie es mit der Angst zu tun. »Schlimm, er hat unsere Bezwinger gefunden!« schrien sie. »Lauft um euer Leben, ihr Kleinen!«

Mit wildem Geheul rasten die Ungeheuer allesamt in ihren eigentlichen Gestalten über die Hänge davon; es waren lauter Kuh-, Büffel- und Rindergeister. Die drei Dämonen aber warfen ihre Waffen nieder und nahmen nun ebenfalls ihre eigene Gestalt an, indem sie sich auf die Hände fallen ließen und wie Kanonenfeuer auf vier Hufen nach Nordosten davonstoben. Pilger jagte ihnen mit Holzhund und Holzdrache hinterher und blieb ihnen dicht auf den Fersen, nur Holzlöwe und Holzwolf blieben am östlichen Felsabhang beim Bergbach, wo sie alle Rindergeister entweder töteten oder lebend einfingen, bis endlich reiner Tisch gemacht war. Zuletzt drangen sie in die Grotte der Finsterblüte und befreiten Tripitaka, Bajie und Sandmönch.

»Wie kommt denn ihr hierher?« fragte Sandmönch, als er die Sterngötter erkannte. Diese antworteten: »Der Große Heilige hat beim Jadekaiser vorgesprochen, und dieser hat uns mit der Unterwerfung der Dämonen und eurer Rettung beauftragt.«

»Warum ist denn mein Schüler Wukong nicht da?« fragte Tripitaka.

Da erklärten die Sterngötter: »Die drei Dämonen sind eigentlich Nashörner; als sie uns erblickt haben, sind sie geflohen. Der Große Heilige ist zusammen mit Sterngott vom Brunnen und Sterngott vom Horn hinter ihnen her. Wir aber haben hier alle Ungeheuer ausgerottet und sind nun eigens gekommen, den heiligen Priester zu retten.«

Tripitaka konnte nicht aufhören zu danken. Schließlich meinte Holzwolf von Kui: »Marschall Tianpeng, führt doch zusammen mit General Gardinenroller Euren Meister ins Kloster; derweil werden wir in Richtung des Trigramms Gen den Feind verfolgen.«459

»Gut, das ergibt Sinn«, meinte Bajie, »geht den anderen zu Hilfe, wir werden hier aufräumen.«

Unverzüglich nahmen die beiden Sterngötter die Verfolgung auf. Bajie und Sandmönch aber sammelten alle Kostbarkeiten ein, die in der Grotte waren: Korallen, Achate, Perlen, Bernstein, Perlmutt, allerlei Kleinode, wie auch Jade und pures Gold. Einen ganzen Bottich voll trugen sie zusammen, schafften dann alles hinaus und baten ihren Meister, auf einem Felsen Platz zu nehmen, während sie noch einmal hineingingen, ein Feuer entfachten und die Grotte der Finsterblüte in Schutt und Asche legten. Anschließend führten sie Tripitaka zu Fuß ins Kloster zurück.

Doch wenden wir uns nun dem Sterngott vom Scheffel und dem Sterngott Kui zu, die auf Wolken in Richtung des nordöstlichen Trigramms Gen entschwebt waren und nun in der Höhe Ausschau hielten. Sie konnten niemanden entdecken. Erst beim Westlichen Ozean erblickten sie von weitem den Großen Heiligen, der gerade mit lauten Rufen über dem Meer dahinsauste. Die beiden Götter senkten ihre Wolken und riefen: »Großer Heiliger, wo sind die Dämonen?«

Wütend gab Pilger zurück: »Warum seid ihr nicht gleich gekommen?«

»Wie ich sah, dass Ihr zusammen mit Brunnen und Horn die Dämonen verfolgt habt, dachte ich mir, Ihr würdet sie gewiss gleich gefangen nehmen«, entgegnete Holzhund vom Scheffel, »darum haben wir erst die Ungeheuer ausgerottet und Euren Meister und Eure Ordensbrüder befreit, damit sie in die Stadt zurückkehren konnten. Da wir Euch, Großer Heiliger, nach alldem noch nicht zurückkommen sahen, sind wir Euch hierher gefolgt.«

Pilger war nun doch erfreut und sprach: »Dann habe ich euch für eure Mühen zu danken! Die drei Dämonen sind einfach ins Meer gestochen, als ich sie hierher gejagt habe. Nun sind Brunnen und Horn hinter ihnen her; mich alten Sun haben sie gebeten, am Ufer aufzupassen. Nun könnt ihr ja hier Wache halten; ich will gleich mal runtergehen.«

Der Große Heilige schwang seine Stange, murmelte eine Zauberformel zur Teilung der Wassermassen und sprang in die Wogen. Nun sah er, wie die Dämonen unter Wasser erbittert mit den Sterngöttern Brunnen und Horn rangen; es war wirklich ein Kampf auf Leben und Tod. Da sprang er hinzu und rief: »Der alte Sun ist da!«

Als nun die Ungeheuer in ernster Bedrängnis Pilgers Ruf vernahmen, wandten sie sich ab und schossen zur Meeresmitte. Sie konnten nämlich mit ihren Hörnern die Wassermassen unglaublich gut auseinanderteilen; nur ein leichtes Rauschen war zu hören, während sie auf freier Bahn voranstoben. Die beiden Sterngötter und der Große Heilige Sun sausten ihnen nach.

Im Westmeer war gerade ein Yaksa auf Patrouille, der aus der Ferne beobachtete, wie diese Nashörner die Wassermassen teilten. Als er gleich darauf auch den Großen Heiligen und die beiden Sterne des Himmels erkannte, eilte er geschwind zum

Wasserkristallpalast und meldete die Sache dem Drachenkönig. Der alte Ao Shun rief Prinz Moang zu sich und sprach: »Wir müssen unverzüglich Wasserkrieger entsenden! Sicher sind die Nashörner Kältewehr, Hitzewehr und Staubwehr dem Großen Heiligen Sun über den Weg gelaufen. Nun, da sie in unserem Meer sind, müssen wir sofort zu den Waffen greifen, um ihm beizustehen.«

Folgsam begann Moang in aller Eile Hummer- und Krabbenkrieger einzuberufen, die kurz darauf mit Speeren,

Säbeln und wildem Kriegsgeheul den Nashörnern entgegenstürmten. Die Dämonen sahen nun den Weg nach vorn verwehrt, doch wie sie sich umwandten, waren hinter ihnen bereits die Sterngötter Brunnen und Horn mit dem Großen Heiligen. Panisch stoben die Dämonen auseinander, jeder in eine andere Richtung. Bald aber war Staubwehr umzingelt. Der Große Heilige Sun rief: »Sachte, sachte! Fangt sie lebend, ich will keine Toten!«

Da stürmte Moang vor, warf Staubwehr auf den Rücken, stach ihm einen eisernen Haken durch die Nase und band ihm die Beine zusammen. Der alte Drachenkönig befahl, die Truppen aufzuteilen, um die zwei anderen Dämonen einzuholen. Als Moang mit seinen Soldaten ankam, warf sich Holzhund vom Brunnen gerade in eigener Gestalt über Kältewehr und biss wie wild auf ihn ein.

»Gott vom Brunnen, Gott vom Brunnen!« rief Moang laut, »beißt ihn nicht tot, der Große Heilige Sun will ihn lebend fangen!«

Doch während er noch rief, hatte ihm der Sterngott schon die Kehle durchgebissen. Moang hieß seine Krieger das tote Nashorn zum Wasserkristallpalast schleppen, während er mit Holzhund vorwärtsstürmte, um den letzten Dämon einzuholen. Holzdrache vom Horn war gerade dabei, Hitzewehr von der gegenüberliegenden Seite zurückzudrängen, so dass es nun dem Sterngott vom Brunnen und Moang in die Fänge lief. Moang ließ seine Krieger den Dämon umzingeln. Der aber bettelte nur noch um sein Leben. Holzhund vom Brunnen packte ihn am Ohr und schrie: »Der Tod sei dir erspart, aber wir bringen dich zum Großen Heiligen Sun, der wird entscheiden, was mit dir geschieht!«

Nun kamen alle zum Wasserkristallpalast und meldeten: »Sie sind gefangen!«

Als Pilger sah, dass der eine blutüberströmt mit abgetrenntem Kopf dalag, betrachtete er ihn eingehend und rief dann erstaunt: »Der Kopf wurde ja gar nicht mit einer Klinge abgehauen!«

Moang lachte: »Ja, wenn ich nicht dazugekommen wäre, hätte ihn Sterngott vom Brunnen wohl gleich aufgefressen!«

»Sei’s drum«, meinte Pilger. »Holt mal eine Säge und sägt ihm die Hörner ab, dann könnt ihr ihm die Haut abziehen und sie mitnehmen. Das Fleisch sei dem werten Drachenkönig und seinem Sohn überlassen.«

Staubwehr und Hitzewehr wurden Ringe durch die Nasen gezogen, und die beiden Sterngötter vom Horn und vom Brunnen erhielten den Auftrag, sie nach Jinping zu führen und beim Bürgermeister vorzusprechen, um die Ursache des Übels aufzuklären und eine gerechte Strafe zu fällen.

Nun verabschiedeten sich alle vom Drachenkönig und seinem Prinzen, begaben sich, die Rhinozerosse an der Leine führend, zu den Sterngöttern Kui und Großer Bär und entschwebten schließlich alle in die Lüfte, zurück nach

Jinping. Über der Stadt hielt Pilger auf einer glückverheißenden Wolke inne und rief laut: »Hört, Bürgermeister von Jinping! Hört, ihr Adjutanten, Beamten, Soldaten und Bewohner der Stadt! Ich bin der heilige Mönch vom großen chinesischen Kaiserreich im fernen Osten, ausgesandt, im Westhimmel Heilige Schriften zu holen. Die in eurer Stadt alljährlich erschienenen Buddhagestalten, die sich euer Opfer der Goldlaternen holten, sind in Wahrheit diese dämonischen Rhinozerosse! Weil wir unterwegs hier zur Festnacht die Laternen betrachteten, konnten wir sehen, wie diese Dämonen das Lampenöl nahmen und gleichzeitig unseren Meister an sich rissen. Inzwischen habe ich die Götter des Himmels gebeten, sie zu unterwerfen; nun ist ihre Grotte geräumt, und alle Ungeheuer sind ausgerottet, so werden sie euch nie mehr Schaden zufügen. Fortan sollen keine Goldlaternen mehr geopfert werden, denn diese haben eurem Volk viel unnütze Arbeit gebracht und wertvolle Güter vergeudet.«

Beim Kloster der Barmherzigkeit waren Bajie und Sandmönch mit dem Meister gerade eingetreten, als sie Pilger aus der Höhe rufen hörten. Da ließen sie ihren Meister stehen und schossen zu Pilger empor, um zu fragen, was mit den Dämonen geschehen sei.

»Den einen hat Sterngott vom Brunnen totgebissen«, erzählte Pilger, »aber die Hörner und die Haut haben wir mitgenommen. Die beiden anderen sind hier.«

»Bringen wir sie doch gleich herab und führen sie den Leuten der Regierung und dem Volk vor, damit alle verstehen, dass wir heilige Mönche sind. Gleichzeitig mögen sich die vier Sterngötter bemühen, aus den Wolken zu treten und mit uns in die Stadt zu kommen, um über die Ungeheuer ein Urteil zu fällen. Dann ist die Sache geklärt, es kann eine gerechte Strafe gefällt werden, und keiner wird Einwände erheben!«

Also stießen die Sterngötter die Rhinozerosse nach unten und ließen sich in bunten Wolkenschleiern bei der Präfektur nieder. Die Beamten und Bürger inner- und außerhalb der Stadt waren so verblüfft, dass sogleich in jedem Hause Weihrauch geopfert und gebetet wurde.

Wenig später trugen die Klosterbrüder Tripitaka in einer Sänfte zur Präfektur, wo sie Pilger fanden, der ihnen berichtete, was sich alles ereignet hatte. Der Priester war des Lobes voll und dankte in einem fort. Die Beamten der Präfektur aber zündeten kostbare Kerzen an, opferten ganze Scheffel voll Weihrauch und beteten zum Himmel.

Plötzlich aber kam Bajie in Fahrt, packte ein Mönchsmesser und hieb Staubwehr und Hitzewehr die Köpfe ab. Dann nahm er eine Säge zur Hand und sägte gleich noch alle vier Hörner weg. Das brachte den Großen Heiligen auf eine Idee, und so sprach er zu den Sterngöttern: »Bringt doch die vier Hörner in die oberen Sphären und überreicht sie dem Jadekaiser, zum Dank für die Genehmigung eurer Mithilfe. Von den zwei Hörnern, die ich mitgenommen habe, soll eines zum Schutz der Schatzkammer hier in der Präfektur bleiben, als sichtbares Zeugnis dafür, dass fortan kein Lampenöl mehr eingezogen werden darf. Das andere wollen wir mit zum Seelenberg nehmen und Buddha darbringen.«460

Erfreut verabschiedeten sich die vier Sterngötter vom Großen Heiligen und stiegen auf bunten Wolken zum Himmel auf. Die Beamten aber baten Meister und Schüler, noch eine Weile zu bleiben, und ließen ihnen ein vegetarisches Festmahl auftischen, zu dem auch alle Amtsträger der umliegenden Dörfer eingeladen wurden. In einer Bekanntmachung an Volk und Miliz wurde kundgetan, dass das Aufstellen der Goldlaternen fortan verboten sei und die Ölhersteller für immer von der Abgabepflicht befreit würden. Außerdem schickte man Schlächter, die Rhinozerosse zu häuten, das Leder für die Herstellung von Rüstungen zu benutzen und das Fleisch unter Beamten und Volk zu verteilen.

Mit vorrätigen Geldern und Getreidevorräten wurde zudem ein privates Grundstück erworben, auf dem zu Ehren der Sterngötter ein Tempel errichtet wurde, in dem man zum Zeichen der Dankbarkeit auch dem chinesischen Priester und seinen Schülern eine eigene Gedenkhalle einrichtete und zum ehrenvollen Andenken für jeden ein beschriftetes Täfelchen anbrachte.

Meister und Schüler nahmen es gelassen und ließen es auf sich beruhen. Nun aber schickten die zweihundertvierzig Ölhersteller Einladungen; jede Sippe wollte sie zu Gast haben, so dass sie keinen Augenblick zur Ruhe kamen. Bajie bediente sich nach Lust und Laune, und da er immer noch einige Kostbarkeiten aus der Grotte in seiner Ärmeltasche hatte, verteilte er sie an die Leute zum Dank für die Einladung. So zog es sich einen ganzen Monat hin, ohne dass sie dazu kamen, ihre Reise fortzusetzen.

Schließlich ordnete der Priester an: »Wukong, gib die restlichen Schätze den Klosterbrüdern als Dankesgeschenk, und dann wollen wir vor Sonnenaufgang und ohne Wissen der Ölfamilien aufbrechen. Wenn wir hier weiter dem Gaumen frönen, versäumen wir am Ende das Schriftenholen, und Buddha könnte es uns gar verübeln, so dass plötzlich ein neues Unheil folgt. Damit wäre der Sache nicht gedient.«

Pilger brachte alles wie gewünscht in Ordnung, und tags darauf erhob er sich in aller Frühe, um Bajie das Pferd satteln zu heißen. Der Tölpel, der all die Tage über nach Lust und Laune gefuttert hatte, fragte schlaftrunken: »Warum denn das so früh?«

»Der Meister heißt uns aufbrechen!« versetzte Pilger barsch.

Da fuhr sich Bajie mit der Hand übers Gesicht und brummte: »Ist doch wirklich taktlos! Da laden uns zweihundertvierzig Sippen zum Essen ein, und ihr lasst mich alten Eber wieder hungern. Bin doch gerade erst dreißig Mal satt geworden!«

»Unnützer Fresssack!« schimpfte Tripitaka. »Keine

Widerrede, steh sofort auf. Wenn du noch einmal widersprichst, sage ich Wukong, er soll dich mit seiner Stange hauen!«

Beim Wort »hauen« zuckte der Tölpel zusammen und rief: »Meister, Ihr seid ja ganz verändert! Sonst steht Ihr immer auf meiner Seite; wie kommt Ihr heute dazu, dass ich Prügel kriegen soll?«

»Der Meister nimmt es dir übel, dass du wegen deiner Fressgier die Reise verzögern willst«, versetzte Pilger. »Mach dich bereit, damit wir gehen können, dann gibt’s auch keine Prügel!«

Da blieb dem Tölpel nichts übrig, als aufzustehen. Auch Sandmönch sprang auf, und jeder machte sich reisefertig. Mahnend winkte der Priester mit der Hand und sprach: »Leise, nicht dass die Mönche etwas merken!«

Geschwind öffneten sie das Portal, traten auf die Landstraße hinaus und eilten von dannen. Und da wir nicht wissen, was am Morgen die Familien machten, die sie hätten einladen wollen, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.