Wie berichtet wurde, folgte Pilger mit seinen Ordensbrüdern dem Palastboten zum Königshof, wo die Torwache ihre Ankunft meldete und sie eintreten ließ. Aufrecht und ohne jede Verneigung blieben die drei vor der Audienzhalle stehen.
Da fragte der König: »Wer sind die hohen Schüler unseres Schwiegersohnes, dem heiligen Priester? Wie lauten eure Vorund Nachnamen, wo seid ihr gebürtig, aus welchen Gründen seid ihr in den Mönchsstand getreten, und was für Schriften gedenkt ihr zu holen?«
Pilger trat vor und machte Anstalten, die Thronhalle zu betreten, doch sofort trat ihm ein Leibwächter in den Weg und rief barsch: »Halt! Was ihr zu sagen habt, wird hier an dieser Stelle vorgetragen!«
»Wir Mönche gehen halt immer so weit, wie wir können«, lachte Pilger.
Auch Bajie und Sandmönch taten einen Schritt nach vorn. Aus Furcht, sie könnten mit ihrem ungehobelten Auftreten den Kaiser erschrecken, erhob sich Tripitaka und rief: »Die Majestät fragt nach dem Grund eures Kommens, meine Schüler! Gebt angemessen Antwort!«
Wie nun Pilger Tripitaka neben dem Kaiser stehen sah, konnte er sich nicht halten und rief laut: »Majestät, Ihr missachtet die Leute und damit Euch selbst! Warum lasst Ihr meinen Meister einfach stehen, wenn Ihr ihn doch zum Schwiegersohn erkoren habt? Der Gatte der Prinzessin wird nicht von ungefähr als ›Edelmann‹ bezeichnet; wie kann man es unterlassen, einem Edelmann einen Sitzplatz anzubieten!«
Der König erblasste und hätte am liebsten auf der Stelle die Audienzhalle verlassen. Allein um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen, nahm er sich zusammen, hieß einen Leibwächter einen schmucken Keramikhocker herantragen und bat den Priester, sich zu setzen. Nun brachte Pilger seine Antwort vor und sprach:
»Alter Sun, gebürtig im östlichen Kontinent Purvavideha,
Land Aolai, Berg der Blumen und Früchte. Meine Eltern
sind Himmel und Erde; geboren bin ich aus einem
berstenden Stein. Bei einem vollkommenen Meister erlernte
ich den Großen Weg, ging dann zurück in die paradiesische
Heimat und bewohnte dort mit Artgenossen einen
Grottenhimmel in glücklichen Gefilden. Auf dem
Meeresgrund besiegte ich Drachen, im Gebirge fing ich
Ungeheuer, in der Hölle strich ich Namen aus dem
Totenbuch.
Von Dienstgrad Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger,
weilte ich im Himmel täglich mit Unsterblichen bei Sang
und Trank frohgemut in heiligen Sphären. Nur weil ich das
Pfirsichfest gestört und im Himmel Aufruhr gemacht hatte,
wurde ich von Buddha übermannt und im Berg der Fünf
Wandlungsphasen eingeschlossen. Dort stillte ich den
Hunger mit Eisenkugeln, trank flüssiges Kupfer und fristete
so fünf Jahrhunderte ohne Reis und Tee.
Zum Glück erschien dann mein Meister, der vom Osten
nach dem fernen Westen reist, um Buddha aufzusuchen. Im
Auftrag von Bodhisattva Guanyin hat er mich gerettet,
weshalb ich mich der Lehre des Yogachara zugewendet
habe. Mein Ordensname lautet Wukong, mein Rufname
Pilger.«
Wie der König von derart hoher Herkunft erfahren hatte, stieg er betroffen vom Thron, fasste den Priester höchstpersönlich am Arm und sprach: »Schwiegersohn, der Ihr im Dunstkreis Unsterblicher weilt, es muss uns vom Himmel vorbestimmt sein, Euch begegnen zu dürfen!«
Tripitaka dankte und bat ihn, wieder den Thronsitz einzunehmen. »Welcher ist der zweite der hohen Schüler?« fragte der König.
Bajie reckte seine Schnauze hoch, warf sich in die Brust und begann:
»Alter Eber, in letzter Inkarnation Mensch, frönte einst
Genuss und Faulheit, lebte dumpf dahin, im Innern des
Herzens verworren. Eines Tages, als ein Wahrer Mensch in
wenigen Worten die Netze des Karmas erläuterte, gewann
ich Klarheit, schloss mich einem Meister an und erwarb von
da an mit großem Eifer die Kunst des Gleichgewichts von
Yin und Yang, übte achtungsvoll die drei Passtore vorn und
hinten. Als ich die Vollkommenheit erreichte, schwebte
ich empor und fand Erlösung im Himmlischen Palast.
Nachdem der Jadekaiser mir den Dienstgrad ›Marschall
Tianpeng‹ verlieh, stand ich der Armee der Milchstraße vor,
frei und leicht am Himmel schwebend.
Allein weil ich am Pfirsichfest betrunken mit der
Mondfee Chang’e scherzte, hat man mir den Titel
abgesprochen und mich in die Niederungen der irdischen
Welt verstoßen, wo ich versehentlich in einen
Schweinebauch geriet, weshalb ich diese Züge trage.
Wohnhaft auf dem Fuling-Berg, tat ich zahllose Sünden, bis
ich schließlich Guanyin traf, die mir den Weg zum Guten
wies, weshalb ich dem Buddhismus beigetreten bin. Zur
Zeit beschütze ich den Priester aus China auf seiner Reise
in den Westen, wo er wundervolle Schriften holen will.
Mein Ordensname ist Wuneng, mein Rufname Bajie.«
Der König zitterte vor Angst und wagte kaum mehr
aufzublicken. Der Tölpel begann sich umso mehr aufzuplustern, schwenkte seinen Schädel, warf Schnauze und Ohren hoch und verfiel in derbes Gelächter. Tripitaka, der wieder fürchtete, den König zu verärgern, rief ungehalten: »Bajie, benimm dich!«
Da legte dieser die Hände ineinander und warf sich in eine gekünstelt sittsame Haltung.
Schließlich fragte der König: »Und der dritte hohe Schüler, aus welchem Grunde ist er dem Orden beigetreten?«
Sandmönch faltete die Hände und sprach:
»Alter Sand, einst gewöhnlicher Erdenbürger, hat sich aus
Furcht vor dem Rad der Wiedergeburten dem Daoismus
zugewandt. Durch die Weiten der Welt streifend, nur mit
Kleid und Schale bewehrt, übte ich stetig, meinen Geist in
Bann zu halten. Mit frommer Hingabe fand ich
Gleichgesinnte, nährte Kindlein und Jungfrau, vollbrachte
dreitausend gute Taten und übte den Einklang der vier
Sinne. So fand ich Eingang in die himmlischen Gefilde,
und im Azurnen Himmelszelt wurde mir der Titel ›General
Gardinenroller‹ verliehen, dem gemäß ich in der
himmelskaiserlichen Eskorte diente. Ebenfalls am
Pfirsichfest zerbrach ich aus Unachtsamkeit einen gläsernen
Kelch, worauf man mich zum Sandfluss in die irdischen
Gefilde verbannte. Dort war ich ganz verändert, tat Sünden
und aß Menschenfleisch, bis zum Glück die Bodhisattva
kam und mich zum Guten bekehrte. Darum folgte ich dem
Buddhajünger aus dem chinesischen Kaiserreich, um im
Westen die Heiligen Schriften zu holen und damit die
Rechte Frucht zu erlangen. Mein Name lautet gleich wie
der Fluss, mein Ordensname ist Wujing, mein Rufname
Mönch.«
Nachdem der König all dies vernommen hatte, war er betroffen und erfreut zugleich. Was ihn freute, war, dass seine Tochter einen leibhaftigen Buddha zum Mann gewonnen hatte; dass die drei Schüler aber tatsächlich dämonische Götter gewesen waren, ängstigte ihn.
Mitten in diese Verwirrung brachte der für Vermählung zuständige Beamte vom Hofamt für Astronomie die Meldung vor: »Das Hochzeitsdatum wurde auf den zwölften Tag des
laufenden Monats laufenden Jahres festgelegt. Die Vermählung soll zur glückverheißenden Stunde Ren-Zi vollzogen werden, da besagte Zeit für eine Heirat äußerst vorteilhaft ist.«
»Welchen Tag haben wir heute?« fragte der König.
»Heute ist der achte, die Kalenderzeichen sind Wu-Shen, da ›bringt der Affe die Frucht dar‹; dieser Tag eignet sich besonders zur Aufnahme edler Gelehrter und neuer Aufgaben«, erklärte der Hofastronom.
Erfreut befahl der König den Beamten der Audienzhalle, den Palastgarten zu reinigen, um den Schwiegersohn und seine drei hohen Schüler dort in Erwartung des Hochzeitsbanketts einzuquartieren. Alle sprachen ihren Beifall, der König zog sich zurück, und die Hofbeamten zerstreuten sich.
Es war schon gegen Abend, als Tripitaka und seine Schüler in den Palastgarten kamen, wo man sie mit einer vegetarischen Mahlzeit bewirtete.
»Nach dem langen Tag sollten wir wirklich was essen«, brummte Bajie.
Bald wurden ganze Ladungen von Reis, Teigwaren und anderen Sachen aufgetischt, und Bajie schlug sich den Bauch voll, bis er nicht mehr konnte. Schließlich wurden Laternen angezündet, die Schlaflager vorbereitet, und jeder legte sich zur Ruhe.
Als Tripitaka sicher war, dass ringsum niemand mehr zugegen war, wandte er sich aufgebracht an Pilger und sprach: »Du Affenschädel! Immer ziehst du mich ins Unheil! Ich habe dir doch gesagt, dass ich nur wegen des Reisepasses in den Palast gehen will, ich wollte gar nicht zum Zierturm! Warum wolltest du mich unbedingt dorthin führen? Nun haben wir eine solche Schererei! Was sollen wir bloß tun?«
Pilger lächelte versöhnlich und meinte: »Meister, Ihr habt doch selbst gesagt, Eure Mutter habe einst ebenfalls einen Seidenball ausgeworfen und so ihren Gatten gefunden. In Euren Worten lag eine Art Achtung vor der Vergangenheit, nur deshalb bin ich alter Sun mit Euch dorthin gegangen. Außerdem dachte ich an die Worte des alten Mönchs vom Kloster zur Goldgabe und wollte die Gelegenheit nutzen, um Licht in die Sache zu bringen. Eben habe ich mir den König näher angeschaut, und es sieht ganz so aus, als wäre sein Antlitz von einer finsteren Energie überzogen. Nur habe ich die Prinzessin noch nicht gesehen.«
»Was nützt es, wenn du die Prinzessin siehst?« fragte Tripitaka.
»Ich alter Sun habe feurige Augen mit Goldpupillen! Ich brauche doch nur jemandem ins Gesicht zu schauen, um zu wissen, wie es um dessen innere Wahrheit und Güte steht. Anschließend kann ich alles Weitere unternehmen, um Klarheit in diese Geschichte zu bringen.«
»Aber jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, mich zu heiraten«, wandte Tripitaka ein, »was willst du dagegen unternehmen?«
»Lasst uns den zwölften Tag abwarten, wenn die Hochzeit stattfinden soll, denn dann wird die Prinzessin gewiss antreten, um sich vor ihren Eltern zu verneigen. Ich alter Sun werde sie von der Seite beobachten. Sollte es sich um eine echte Frau handeln, dann schickt Euch einfach in die Rolle des königlichen Schwiegersohns und genießt den Ruhm und Reichtum dieses Landes.«
Da fuhr Tripitaka zornig auf und rief: »Wehe, du Affenschädel! Du willst mich immer noch ins Unheil ziehen! Wuneng hat es doch neulich gesagt: Von zehn Etappen dieser Reise haben wir die letzte schon zu sieben, acht Teilen gewonnen. Was redest du da noch für Unsinn daher? Halte sofort diesen unreinen Mund! Sonst werde ich den Spruch aufsagen, dass dir nicht mehr zum Lachen zumute ist!«
Erschrocken kniete Pilger nieder und rief: »Bitte nicht, Meister! Lasst uns warten, bis die Zeremonie abgehalten wird, dann machen wir einen großen Aufruhr im Palast und führen Euch hier raus.«
Als der Meister und sein Schüler das Gespräch beendet hatten, legten sie sich schlafen. Bald war die Nacht vorüber, der goldene Hahn kündigte den Morgen an, und pünktlich um drei Viertel nach der dritten Nachtwache bestieg der König seinen Thron zur Morgenaudienz. So war es in der Tat:
Offen stehen alle Tore,
Hoch die heile Aura dringt;
Und Palastmusik erschallt
Bis hinauf zum Firmament.
Wolken ziehen mit dem Winde,
Bunte Pantherflaggen schwingen;
Dächer leuchten in der Sonne,
Jadene Gehänge klingeln.
Durch die Dünste schimmert fein
Frühlingshaftes Weidengrün;
Morgentau netzt Perlen gleich
Sanft des Gartens holdes Blühn.
Tausende in Reih und Glied,
Stirnaufschläge, Lobgesänge;
Friede herrscht im ganzen Reich,
Eintracht währe ewig lange!
Nachdem die Hofbeamten abgetreten waren, rief der König Tripitaka und seine Schüler zu sich. Gleichzeitig beauftragte er die Abteilung für höfische Unterhaltung, für die Festlichkeiten des zwölften Tages ein vorzügliches Bankett herzurichten und Wein für den ganzen Tag vorzubereiten, damit der neue Schwiegersohn sich nach Herzenslust im Palastgarten ergehen könne. Dem Hofamt für Riten erteilte er den Auftrag, die drei Anverwandten in die Herberge der Poststation zu geleiten und
eine Weile abzuwarten; der Abteilung für höfische Unterhaltung befahl er, drei Einzeltische mit vegetarischen Speisen in die Herberge zu bringen und dort Gesellschaft zu leisten, und das Hofamt für Musik erhielt Weisung, an beiden Orten aufzuspielen, damit man sich in aller Muße des Frühlings erfreuen und während dieser Tage angenehm die Zeit vertreiben könne.
Als Bajie dies mitbekommen hatte, meinte er: »Majestät, seit wir unserem Meister folgen, haben wir uns nie auch nur einen Augenblick von ihm getrennt. Wenn er im Palastgarten verköstigt werden soll, so lasst doch auch uns in den Tagen hier die Zeit vertreiben. Anschließend werden wir ihn Euch als Schwiegersohn überlassen. Sonst gehen wir auf diesen Handel nicht ein.«
Wie nun Bajie mit seinem unansehnlichen Äußeren und seiner grobschlächtigen Art noch dazu die Schnauze hochreckte und mit den Ohren wackelte, gab der König schließlich aus Furcht, die Ehe könnte beeinträchtigt werden, nach und befahl: »Zwei Tische kommen in den Pavillon zur Befriedung Chinas, wo ich mit dem Schwiegersohn Platz nehmen will. Drei weitere Tische sollen im Pavillon zum Fortwährenden Frühling aufgestellt werden, wo die drei Schüler gesondert tafeln mögen, da ansonsten die Sitzfolge zwischen Meister und Schülern schwer zu arrangieren ist.«
Da machte Bajie endlich eine Verneigung und bedankte sich, dann traten alle ab, und der König befahl den Bediensteten der inneren Gemächer, in Erwartung der Vermählung am zwölften Tag die Königin, die Hofdamen und die Prinzessin mit feierlichem Festputz auszustatten.
Am späteren Vormittag ließ der König Sänften bereitstellen und lud Tripitaka und seine Schüler zum Lustwandeln in den Palastgarten. Nachdem sie eine Weile durch die prächtigen Anlagen flaniert waren, wurden Pilger und seine Ordensbrüder von einem Vertreter des Hofamtes für Riten in den Pavillon zum Fortwährenden Frühling gebeten, worauf der König Tripitaka in den Pavillon zur Befriedung Chinas geleitete. Nun gab man sich Trank und Speise hin, zur prachtvollen Tafel spielten Flöten und Zithern auf, es gab Darbietungen in Gesang und Tanz, alles war von unsäglicher Pracht.
Da dieser König nun eine solche Ehrerbietung zeigte, blieb dem Priester nichts übrig, als die frohe Stimmung, so gut es ging, zu teilen. Doch es war in der Tat eine Maske der Freude über einem Herzen voller Kummer! Während er zu Tische saß, bemerkte er an der Wand vier goldene Holztafeln, auf denen Szenerien der vier Jahreszeiten prangten. Jedes Bild war mit dem Gedicht eines berühmten Hofpoeten versehen. Das Gedicht zum Frühling lautete:
Des Universums eine Kraft
Vollzieht die große Bahn,
Auf Erden sprießt es wieder,
Und alles fängt neu an.
Pfirsiche und Pflaumenblüten
Leuchten um die Wette schön,
Und an prachtvoll bunte Balken
Schichten Schwalben ihr Parfüm.
Das Gedicht zum Sommer lautete:
Sachte streicht ein heißer Wind,
Macht das Denken träge dämmern;
Granatblust und Sonnenblumen
In der hellen Sonne flimmern;
Einer Jadeflöte Klänge;
In den Mittagsschlummer dringen
Wassernuss- und Lotosdüfte,
Säuseln hinter Bettvorhänge.
Das Gedicht zum Herbst lautete:
Ein Platanenblatt liegt einsam
Gelb im goldverbrämten Brunnen;
Keiner rollt die Perlvorhänge,
Über Nacht wird Raureif kommen.
Schwalben wissen um den Herbst,471
Lassen ihre Nester weilen;
Wie die Gänse, die vom Schilf
Auf zu fernen Landen eilen.
Das Gedicht zum Winter lautete:
Kalter Regen, Wolken stieben
Düster in die eisige Welt;
Schneegestöber aus dem Norden
Tausend Hügel weiß umhüllt.
Tief im Königshofe glimmt
Warm des Ofens rote Glut;
Jemand meldet: Pflaumen blühn,
Wie Juwelen vor dem Zaun!472
Der König bemerkte, wie Tripitaka sich den Gedichten zuwandte, und sprach: »Werter Schwiegersohn, Eure Freude an der Poesie verrät, dass Ihr selbst ein guter Dichter sein müsst. Darf ich, falls Ihr gewillt seid, Eure gewiss glänzende Begabung zu offenbaren, Euch bitten, auf die gegebenen Verse je ein eigenes Poem zu reimen?«
Ganz versunken in die poetischen Bilder und in innere Klarheit, sprach Tripitaka auf die achtungsvolle Einladung des Königs vor sich hin:
»Sonnenwärme rührt das Eis,
Die Welt zieht ihren Lauf …«
Erfreut winkte der König einen Leibwächter heran, die vier Schätze des Studierzimmers zu bringen. Dann wandte er sich an Tripitaka und sprach: »Unser Schwiegersohn sei gebeten, den Vers zu vollenden und aufzuschreiben, damit wir uns später in Ruhe daran erlaben können.«
Der Priester nahm das Angebot freudig an, setzte den Pinsel an und begann zu dichten. Zum Frühlingsgedicht reimte er das Folgende:
»Sonnenwärme rührt das Eis,
Die Welt zieht ihren Lauf;
Blumen in des Königs Garten
Blühn von neuem auf.
Warme Brise, milder Regen
Labt das Volk mit frischem Nass;
Friede herrscht im ganzen Reiche,
Nimmer gibt es Krieg und Hass.«
Zum Sommergedicht reimte er:
»Südlich steht der Große Wagen,
Sommertage enden spät,
Eschenblüten messen sich
Mit dem feurigen Granat.
Schwalben und Pirole singen
In des Hofes Trauerweiden,
Ihre beiden Stimmen dringen
Kunstvoll hinter rote Seiden.«
Zum Herbstgedicht reimte er:
»Apfelsinen, Mandarinen
Ihre Düfte nun verströmen;
Während Tannen und Zypressen
Schon dem Reif entgegensehen.
Knospenfrische Chrysanthemen
Bündeln ihre schöne Kunst;
Lieder und Mundorgeln tönen
Wie entrückt im fernen Dunst.«
Zum Wintergedicht reimte er:
»Sonnenwetter folgt auf Schnee,
Kälte hält die Luft in Bann;
Und bizarre Felsenspitzen
Setzen weiße Kuppen an.
Während über Kohleglut
In dem Ofen Käse schmort,
Sing ich laut, die Hand im Ärmel,
An der Brüstung von Smaragd.474
Beschwingt lobte der König: »Welch ein schöner Vers, dieses ›Sing ich laut, die Hand im Ärmel, an der Brüstung von Smaragd‹!«
Sogleich beauftragte er das Amt für Musik, die neuen Gedichte zu vertonen. So verging der Tag, bis sich am Abend alle zerstreuten.
Auch die Ordensbrüder gaben sich im Pavillon zum Fortwährenden Frühling dem Genuss hin, und nach mehreren Bechern Wein verspürten sie allmählich einen leichten Rausch. Gerade wollten sie den Priester aufsuchen, als sie ihn beim König im Pavillon sitzen sahen. Bajie, ungehobelt wie er war, schnauzte: »Ha, wie nett, wie angenehm! Jetzt haben wir uns lang genug vollgeschlagen, hauen wir uns auf die Pritsche!«
»Bruder, dir fehlt es wirklich an rechtem Benehmen«, lachte Sandmönch, »wie sollen wir schlafen, wenn wir so satt sind?«
»Du weißt eben nicht, was der Volksmund sagt«, gab Bajie zurück: »Streck dich nach dem Essen aus, sonst wächst dir kein Speck am Bauch!«
Nachdem sich Tripitaka vom König verabschiedet hatte, kam er zum anderen Pavillon und rügte Bajie: »Du ungehobelter Tollpatsch! Immer unmöglicher benimmst du dich! Wie kannst du an einem solchen Ort lauthals Kommentare abgeben? Ist dir denn nicht bewusst, dass wir in Lebensgefahr kommen, wenn wir den König verärgern?«
»Ach, halb so schlimm«, versetzte Bajie, »wir stehen mit ihm in verwandtschaftlicher Verbundenheit, was kann er uns schon übelnehmen! So heißt es doch im Volksmund: ›Verwandtschaft lässt sich nicht wegprügeln, Nachbarschaft lässt sich nicht wegschimpfen.‹ Wir vergnügen uns ja bloß ein bisschen, brauchen doch nichts zu fürchten!«
Da rief der Priester aufgebracht: »Bringt mir diesen Bajie her, der kriegt jetzt zwanzig Schläge mit dem Priesterstab!«
Schon packte Pilger Bajie mit einem Griff, stieß ihn zu Boden, und der Priester begann auf ihn einzuschlagen.
»Verehrter Edelmann! Königlicher Schwiegersohn!« schrie der Tölpel auf, »noch bevor Ihr richtig zur königlichen Familie gehört, erteilt Ihr schon drakonische Strafen!«
Pilger hielt ihm die Hand vor den Mund und versetzte: »Lass den Unsinn! Leg dich beizeiten schlafen.«
Abermals verbrachten sie die Nacht im Pavillon zum Fortwährenden Frühling, und tags darauf vergnügten sie sich weiter mit Speis und Trank. So vergingen drei, vier Tage, und es kam der zwölfte Tag des Mondmonats. Vom Hofamt für Festlichkeiten und dem Ministerium für Bauarbeiten traf folgende Meldung ein: »Die Bauarbeiten für die Residenz des königlichen Schwiegersohnes, welche zu errichten Eure Diener Befehl erhalten durften, sind beendet; es fehlen nur
noch Hochzeitsdekoration und Einrichtung. Das Hochzeitsbankett steht ebenfalls bereit, insgesamt fünfhundert Tische, geteilt in vegetarische und fleischhaltige Speisen.«
Gerade wollte der König zufrieden seinen Schwiegersohn zur Tafel laden, als aus den inneren Gemächern die Meldung eintraf: »Majestät, die Königin lässt bitten!«
Also begab sich der König zu den Wohngemächern. Dort traf er im Shaoyang-Palast die von Konkubinen und Palastdamen umgebene Königin, die fröhlich mit der Prinzessin plauderte. In der Tat, das war wie seidener Brokat mit schönen Blumenmustern, ein Meer von prächtigem Gepränge, bezaubernder als im Paradies oder im Mondpalast, gewiss nicht weniger auserlesen als in den Jaspispalästen der Unsterblichen!
Glücklich lächelnd trat der König in den Shaoyang-Palast und setzte sich. Nachdem sich die Konkubinen mit der Prinzessin vor ihm verneigt hatten, sprach er: »Prinzessin, meine liebe Tochter! Seit du am achten Tag deinen Seidenball geworfen und das Glück hattest, einen heiligen Mönch zu treffen, musst du rundum zufrieden sein. Die Staatsdiener aller Ämter haben ganz nach meinen Sinnen gehandelt, so dass mittlerweile alle Vorbereitungen beendet sind. Heute also ist der glückliche Tag, so kannst du dich nun zum Festbankett begeben!«
Da tat die Prinzessin einen Schritt nach vorn, ging vor dem König in die Knie und sprach: »Vater König! Verzeiht Eurem Kind die große Sünde, hierzu noch ein Wort einzuwenden. Dieser Tage hörte ich Bedienstete erzählen, dass der heilige Priester aus China drei Schüler bei sich habe, die schrecklich wüst aussehen sollen. Euer Kind wagt diesen Anblick nicht zu sehen, darum bitte ich Vater König inständig, sie vorab aus der Stadt zu schicken, sonst wäre der Schrecken für mein zartes Wesen allzu groß, und das wäre gewiss nicht segensreich.«
»Zum Glück erwähnst du das, mein Kind«, sprach der König, »beinah hätte ich es vergessen. Die drei sind in der Tat nicht ansehnlich. Ich habe sie nun schon mehrere Tage lang im Palastgarten verköstigt, so will ich sie heute erst zur Audienz kommen lassen, ihren Pass abstempeln und sie auf die Reise schicken, aus der Stadt hinaus. Dann können wir die Tafel ungestört genießen.«
Mit Stirnaufschlägen bedankte sich die Prinzessin für die königliche Gunst. Der König begab sich zur Audienzhalle, wo er gleich nach dem Schwiegersohn und dessen Schülern schicken ließ.
Tripitaka aber hatte sich die Tage an den Fingern abgezählt, und als nun endlich der zwölfte Tag kam, besprach er sich schon vor Tagesanbruch mit seinen Schülern.
»Heute ist der Zwölfte; was sollen wir jetzt tun?« fragte er.
Pilger sprach: »Dass der König eine düstere Aura um sich hat, hab ich schon gemerkt, doch da sein Körper nicht davon befleckt ist, scheint mir das Übel nicht allzu groß. Nur habe ich ja eben die Prinzessin noch nicht zu Gesicht bekommen. Sobald sie sich zeigt, sehe ich alter Sun auf den ersten Blick, ob sie echt ist oder falsch. Erst dann kann ich alles Weitere unternehmen. Ihr braucht Euch also keine Sorgen zu machen. Heute wird sie uns bestimmt zu sich bitten, um uns zu verabschieden. Wenn wir aus der Stadt sind, werde ich sofort wieder zu Euch kommen und schützend bei Euch bleiben.«
Da erschien ein Hofdiener der Audienzhalle zusammen mit einem Beamten des Hofamtes für Zeremonien und lud zur Audienz.
»Sofort«, lachte Pilger, »wir kommen gleich.«
Also folgten sie den Staatsdienern mit Gepäck und Pferd bis zu den Stufen zur Audienzhalle. Als der König sie gewahrte, bat er sie nach vorn und sprach: »Bringt euren Passschein, damit ich das königliche Siegel daraufsetzen kann. Ihr werdet reichlich Spesen und Proviant erhalten, damit ihr baldmöglichst zum Seelenberg und zu Buddha gelangt. Wenn ihr mit den Schriften auf dem Rückweg seid, soll euch abermals mit reichen Gaben gedankt werden. Unseren Schwiegersohn könnt ihr unbesorgt zurücklassen.«
Pilger dankte und überreichte das Passdokument; der König besah es, drückte sein Siegel auf und setzte seine Unterschrift dazu. Dann ließ er ihnen zum Zeichen verwandtschaftlicher Verbundenheit zehn Goldbarren und zwanzig Silberbarren aushändigen. Bajie wollte sie gleich nehmen, Pilger hingegen legte nur die Hände vor der Brust übereinander, rief »Vielen Dank!« und wandte sich zum Gehen. Entsetzt hielt ihn Tripitaka zurück und sprach: »Jetzt wollt ihr wirklich alle gehen?«
Pilger kniff ihn in die Hand, zwinkerte ihm zu und meinte: »Bleibt nur hier und genießt sorglos das schöne Fest. Sobald wir die Schriften haben, kommen wir Euch besuchen.«
Nun rief der König seinen Schwiegersohn zu sich und schickte einige Hofbeamte, die drei aus dem Palast zu geleiten. Tripitaka blieb nichts übrig, als von ihnen zu lassen und sich in die Halle zu begeben, während Pilger und die anderen mit den
Amtsträgern zum Palasttor gingen und sich dort verabschiedeten.
Abermals gingen sie zur Poststation, wurden vom Vorsteher in Empfang genommen und mit Tee und Speise bewirtet, dann sprach Pilger zu Bajie und Sandmönch: »Bleibt hier, doch lasst euch ja nicht draußen blicken. Falls der Vorsteher fragt, was los sei, dann gebt irgendeinen vagen Grund an, doch sprecht mich nicht an; ich gehe jetzt den Meister beschützen.«
Er zupfte sich ein Pelzhaar aus und ließ es in seiner Gestalt in der Poststation, während er selbst in die Lüfte sprang und als Biene leise in den Palast surrte. Dort fand er Tripitaka mit sorgenvoll gerunzelter Stirn zur Linken des Königs auf einem hübschen Porzellanschemel sitzend. Rasch surrte er an sein Ohr und flüsterte: »Meister, da bin ich, macht Euch keine Sorgen!«
Dies hatte niemand außer Tripitaka gehört. Jetzt war ihm endlich wohler zumute. Es dauerte nicht lange, da kam ein Palastbeamter und sprach: »Majestät, das Hochzeitsbankett steht im Elsternpalast bereit. Die Königin und die Prinzessin warten bei der Tafel und bitten Eure Majestät, gemeinsam mit dem Edelmann vor die neue Verwandtschaft zu treten.« In höchster Freude begab sich der König mit seinem Schwiegersohn zur genannten Palasthalle.
Und da wir nicht wissen, was geschah, nachdem Tripitaka in die Halle trat, lasst uns das nächste Kapitel anhören.