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095 Was in falschem Leib erschien, wird als Jadehase gefasst / Wahres Yin kehrt ein in den beseelten Ursprung

Berichten wir weiter, wie Tripitaka nun dem König in den hinteren Teil des Palastes folgte, wo Paukenschläge und Musik erschollen und exotische Düfte die Luft durchzogen, während der Priester gesenkten Hauptes voranschritt, ohne einen Blick zu wagen. Pilger, der auf dem Priesterhut saß, frohlockte heimlich und besah sich das Ganze im göttlichen Licht seiner weit offenen Augen. Zu beiden Seiten standen anmutige Palastdamen Spalier, nicht weniger prachtvoll als in den

hehren Himmelspalästen der Unsterblichen, ja noch wundervoller als kunstvoll bestickte Brokatgehänge oder

silberhelle Wandschirme. Als Pilger bemerkte, wie unbeeindruckt Tripitaka blieb, schnalzte er im Stillen bewundernd mit der Zunge.

Nach kurzer Zeit führte die Königin mit vielen Palastdamen die Prinzessin aus dem Elsternpalast heraus, und alle riefen einstimmig: »Lang lebe der König! Zehntausend Jahre unserem König!«

Furchtsam blieb der Priester stehen, bebte am ganzen Körper und wusste nicht, was er tun sollte. Pilger jedoch hatte die Prinzessin bereits durchschaut: Es lag eine dämonische Aura über ihrem Haupt, allerdings nicht von auffällig boshafter Art. Rasch surrte er an Tripitakas Ohr und flüsterte: »Meister! Es ist eine falsche Prinzessin!«

»Aber wie willst du es anstellen, dass sie ihre wahre Gestalt zeigt?« fragte der Priester.

»Meine wahre Gestalt zeigen und sie an Ort und Stelle packen!«

»Nein, nein, das geht doch nicht!« wehrte der Priester erschrocken ab, »so erschreckst du den Herrscher zu Tode! Warte lieber, bis sich König und Königin zurückgezogen haben.«

Doch wie hätte Pilger, dieser ungeduldige Charakter, darauf eingehen können! Schon nahm er seine eigene Gestalt an, stürzte sich fauchend auf die Prinzessin und schrie: »Gutes Sündenbiest, was gaukelst du hier vor, als wäre es echt! Mit all dem, was du hier schon genossen hast, solltest du dich längst begnügen, doch jetzt willst du gar meinen Meister betrügen und seine wahre Yang-Kraft zerstören mit deiner Lüsternheit!«

Der König war fassungslos, Königin und Konkubinen drohten in Ohnmacht zu fallen, und die Palastdamen rannten in alle Richtungen um ihr Leben. Tripitaka aber umklammerte zitternd den König und rief unentwegt: »Keine Angst, Majestät! Das ist nur mein Schüler, der mit göttlicher Kraft die Wahrheit aufdeckt!«

Als die Dämonin sah, dass es schlecht um sie bestellt war, entwand sie sich dem Griff, warf ihr Gewand ab, riss sich den Kopfputz aus den Haaren und schoss in den Palastgarten. Dort holte sie im Erdgeisttempel eine Art Stößel, machte rechtsum kehrt und schlug damit wie wild auf Pilger ein, der sie mit seiner Eisenstange abwehrte. So lieferten sich die beiden mit lautem Kampfgeschrei im Palastgarten ein wildes Gefecht, ließen dann ihre Zauberkräfte spielen und stiegen in wolkige Höhe, wo das Ringen weiterging.

Im Erdgeisttempel holte sie eine Art Stößel, machte rechtsum kehrt und schlug

damit wie wild auf Pilger ein, der sie mit seiner Eisenstange abwehrte.

Das gesamte Stadtvolk war fassungslos, die Hofbeamten zitterten, der Priester aber hielt immer noch den König am Arm und rief ihm zu, er möge keine Angst haben, während er gleichzeitig auch noch die Königin und alle anderen zu beruhigen suchte und rief: »Eure Prinzessin ist ein Ungeheuer, das ihre Gestalt angenommen hat; sobald mein Schüler sie gefangen hat, werdet ihr alles Weitere erfahren.«

Die Konkubinen hoben Gewand und Kopfputz auf, hielten die Sachen der Königin hin und sprachen: »Das sind die Sachen der Prinzessin. Sie hat das einfach abgeworfen und kämpft nun mit bloßem Leib am Himmel gegen den Mönch. Es muss tatsächlich eine Dämonin sein.«

Allmählich fanden König, Königin und Konkubinen ihre Beherrschung wieder, und alle blickten zum Himmel.

Doch wenden wir uns dem Ungeheuer und Pilger zu, deren Gefecht lange andauerte, ohne dass eine Entscheidung fiel. Da warf Pilger seine Stange in die Luft und schrie: »Verwandlung!« Schon wurden aus der einen Stange zehn, aus zehn hundert, und bald wimmelte der ganze Himmel von Stangen, dass es aussah, als ob sich zahllose Schlangen ringeln würden. Damit schlug er nun wild auf die Dämonin ein, bis sie es mit der Angst zu tun bekam, sich ruckartig in einen klaren Windstoß verwandelte und am blauen Himmel das Weite suchte. Pilger aber steckte seine Stange ein und schoss auf einem glückverheißenden Lichtstrahl hinter ihr her. Sie näherten sich schon dem Westlichen Himmelstor, wo man die hellen Flaggen wehen sah. Laut schrie Pilger: »Wächter! Haltet das Ungeheuer, lasst es nicht entwischen!«

Tatsächlich trat der Himmelskönig Dhritarashtra mit den vier Marschällen Pang, Liu, Gou und Bi heraus, und alle stellten sich der Dämonin mit erhobenen Waffen in den Weg. Da sie nicht eindringen konnte, wandte sie sich jäh um, erhob ihren kurzen Stock gegen Pilger und stürzte sich in einen Kampf auf Leben und Tod. Während Pilger sie mit seiner Eisenstange in Schach hielt, richtete er das Augenmerk auf ihre Waffe. Sie war am einen Ende dicker und sah wirklich aus wie ein Stößel, den man für einen Mörser benutzt.

»Sündenbiest!« fauchte er, »was für eine Waffe führst du da, dass du es wagst, gegen den alten Sun anzutreten?«

Das Ungeheuer ließ die Zähne knirschen und rief: »Du weißt also nichts davon! Hör zu, was ich dir sage:

Diese göttergleiche Wurzel

Ist aus weißem Jadestein;

Ward vor ungezählten Jahren

Zu der Form gefeilt so fein.

Schon zur Urzeit war sie mein,

Als das Chaos aufgegangen;

Hat neben dem Mondpalast

Im Osmanthus-Schloss gehangen.

Diese Waffe ist fürwahr

Von bemerkenswertem Ruhm,

Denn sie existiert viel länger

Als dein Goldreifstäbchen schon!

Vom Palast der Weiten Kälte

Dieser Kräutermörser stammt;

Wer nur leicht damit getroffen,

Wird ins Totenreich verbannt!«

Pilger brach in Gelächter aus und rief: »Du bist mir ja ein schönes Sündenbiest! Kommst vom Mond und kennst nicht mal die Fähigkeiten des alten Sun! Und nun wagst du es gar, dich noch hier aufzuhalten! Nimm auf der Stelle deine wahre Gestalt an und ergib dich, wenn dir dein Leben lieb ist!«

»Natürlich weiß ich, dass du der Pferdeknecht bist, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast wütete«, gab das Ungeheuer zurück, »und ich weiß auch, dass ich eigentlich von dir lassen sollte. Aber es ist nun mal so, dass das Vereiteln eines Ehebundes einen Hass erzeugt, der nicht geringer ist als eine Ermordung der eigenen Eltern! Rein vom Gefühl her kann ich das einfach nicht hinnehmen; ich muss dich verprügeln!«

Wütend hob Pilger seine Eisenstange, die Dämonin schwang ihren Stößel, und es entfachte sich vor dem Westlichen Himmelstor ein grimmiger Kampf, der abermals an die zehn Runden dauerte, bis die Dämonin allmählich spürte, dass sie Pilger nicht gewachsen war. Da erhob sie ihren Stößel zu einem letzten Scheinschlag, machte kehrt und stob als tausendfaches Strahlenbündel gen Süden, der Große Heilige hinter ihr her. Bald kamen sie zu einem hohen Berg, wo die Dämonin ihre Strahlen senkte und in einem Erdloch verschwand. Da Pilger fürchtete, sie könnte sich mit Zauber ins Königreich zurückversetzen und dort Tripitaka etwas antun, prägte er sich die Form des Berges ein und sauste auf einer Wolke zum Königreich zurück.

Es war bereits am späten Nachmittag, als das Königspaar und die Palastdamen immer noch in heller Aufregung den Großen Heiligen aus den Wolken niedergleiten sahen.

»Meister, da bin ich!« schrie Pilger, und Tripitaka beeilte sich zu rufen: »Wukong, bleib stehen; du darfst die Majestät nicht erschrecken! Und sage mir, wie steht es mit der falschen Prinzessin?«

Pilger blieb aufrecht vor dem Elsternpalast stehen, legte die Hände vor der Brust übereinander und sprach: »Die falsche Prinzessin ist ein Ungeheuer. Ich habe gegen sie gekämpft, bis sie nicht mehr standhalten konnte und auf einen Berg geflohen ist. Ich habe sie verfolgt, doch dort konnte ich sie nicht mehr finden. Aus Furcht, sie könnte Euch hier was antun, bin ich zurückgekommen.«

Da klammerte sich der König an Tripitaka und fragte: »Aber wo ist denn meine Prinzessin, wenn die falsche eine Dämonin ist?«

»Sobald ich die falsche Prinzessin gefasst habe, wird Eure richtige Prinzessin zum Vorschein kommen«, gab Pilger zur Antwort.

Als Königin und Konkubinen dies gehört hatten, legte sich ihre Angst. Eine nach der anderen trat vor, verneigte sich und sprach: »Möge der heilige Mönch unsere Prinzessin retten! Wir werden Euch mit reicher Belohnung danken.«

»Hier ist nicht der Ort zum Sprechen«, versetzte Pilger, »Majestät, bitte geht mit meinem Meister zur Audienzhalle; die werte Königin und ihr Gefolge mögen sich derweil in die Gemächer zurückziehen. Außerdem schicke man bitte nach meinen Ordensbrüdern Bajie und Sandmönch, damit sie hier den Meister beschützen können, während ich das Ungeheuer überwältige. So bleiben die inneren und die äußeren Bereiche gebührlich getrennt, und ich brauche mir keine unnötigen Sorgen zu machen. Die Sache muss unter allen Umständen ins Reine kommen, so kommt auch mein aufrichtiger Einsatz zur Geltung.«

Der König dankte in einem fort. Dann nahm er den Priester an der Hand und schritt mit ihm aus dem Wohnpalast der Audienzhalle entgegen, während sich die Palastdamen in die Wohngemächer zurückzogen. Es wurde eine vegetarische Mahlzeit zubereitet, gleichzeitig schickte man nach Bajie und Sandmönch, und wenig später trafen beide ein. Pilger erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte, und schärfte ihnen ein, den Meister achtsam zu schützen.

Nun schoss der Große Heilige auf seiner Wolke zum Himmel auf und hielt nach Süden, wo er jenen Berg absuchte. Die Dämonin aber hatte sich in eine Höhle gezwängt, die Öffnung mit einem großen Stein versperrt, und dort hielt sie sich nun versteckt. Pilger suchte eine Weile, doch als sich ringsum nichts regte, packte ihn die Ungeduld, bis er schließlich mit Fingerzeichen und Zauberwort Berggott und Erdgeist hervorzwang und rief: »Schläge seien euch vorerst erspart, doch gebt klare Auskunft: Wie heißt dieser Berg und wie viele Ungeheuer hausen hier? Sprecht die volle Wahrheit, dann bleibt ihr von Strafe verschont.«

»Großer Heiliger!« antworteten die beiden Geister, »der Berg heißt Maoying, Pinselspitze; hier gibt es nichts als drei Hasenhöhlen. Seit Urzeiten hat hier nie ein Ungeheuer gelebt; es ist ein Land von fünffacher Glückseligkeit! Wenn Ihr, Großer Heiliger, Ungeheuer sucht, werdet Ihr sie eher auf dem Weg in den Westen finden!«

»Aber eben habe ich ein Ungeheuer bis hierher verfolgt«, erwiderte Pilger, »warum ist es jetzt einfach weg?«

Auf diese Frage führten die Geister Pilger zu den drei Höhlen. Zuerst kamen sie zu einer Höhle am Fuß des Berges, wo ein paar Kaninchen ängstlich davonhoppelten. Erst oben auf dem Gipfel entdeckten sie eine Höhle, die mit zwei großen Steinen versperrt war.

»Sicher hat sich der Dämon in der Not hier versteckt«, meinte der Erdgeist. Da hob Pilger seine Eisenstange und zertrümmerte die Steine, worauf die Dämonin, die sich tatsächlich dort versteckt hielt, mit einem Schrei auffuhr und sich mit ihrem Stößel auf Pilger stürzte, der ihn mit der Stange abwehrte. Entsetzt fuhr der Berggott zurück, der Erdgeist suchte das Weite, und das Ungeheuer rief den Geistern wütend nach: »Wer hat euch gesagt, ihr sollt ihn hierherführen?«

Nach Kräften wehrte sie sich gegen die Eisenstange, zog sich aber immer mehr zurück, dem Himmel entgegen. Wieder wurde es Abend. Pilger war nun so wütend, dass er sie am liebsten mit einem Schlag totgehauen hätte. Plötzlich aber klang aus den Höhen des azurnen Himmels eine Stimme: »Halt, Großer Heiliger!«

Wie Pilger sich umwandte, sah er den Mondgott der Höchsten Yin-Kraft mit Mondfeen im Gefolge auf bunten Wolken zu ihm herniederschweben. Rasch steckte er seine Stange weg, verneigte sich und sprach: »Wohin des Weges, werter Mond?«

Der Mondgott sprach: »Die Dämonin, mit der Ihr hier kämpft, ist der Jadehase, der bei uns im Palast der Weiten Kälte das Kraut der Unsterblichkeit des tiefdunklen Raureifs mörsert. Sie hat eigenmächtig das goldene Schloss des Palasttors aufgebrochen und ist mir entlaufen, genau heute vor einem Jahr. Weil ich mir ausrechnen konnte, dass ihr in diesem Augenblick ein tödliches Unheil geschehen kann, bin ich gekommen, sie zu retten. Möge der Große Heilige mir zuliebe den Hasen laufenlassen!«

Pilger stimmte ihm zu und sprach: »Gewiss, ich will ihr nichts antun. Kein Wunder also, dass sie einen Stößel zur Waffe nimmt; es ist also das Jadehäschen! Ihr müsst wissen, werter Mond, dass sie die Prinzessin von Indien geraubt und sich selbst in deren Gestalt verwandelt hat. So wollte sie meines Meisters ursprüngliche Yang-Energie zerstören. Dieses Vergehen ist wirklich nicht leicht zu verzeihen!«

»Ihr wisst noch nicht alles«, entgegnete der Mond. »Die

Prinzessin jenes Königs ist nämlich auch keine Normalsterbliche. In Wirklichkeit ist es eine der Feen vom Mondpalast. Vor zwanzig Jahren hat sie dem Hasen einmal einen Klaps gegeben und bekam dann Sehnsucht nach dem Erdenleben, so dass ihre Seele in den Bauch der Königin von Indien einging und zur Prinzessin ward. Der Hase aber, der ihr noch immer grollte wegen dieses Schlags, hat vor einem Jahr eigenmächtig den Palast verlassen und die Fee in eine entlegene Gegend versetzt. Allerdings hätte er sich nicht dazu versteigen dürfen, den Priester aus China heiraten zu wollen; dies lässt sich wahrlich nicht entschuldigen. Zum Glück habt Ihr die Wahrheit ans Licht gebracht, so konnte er wenigstens Eurem Meister nichts antun. Doch bitte ich inständig, mir zuliebe dem Hasen zu verzeihen, dann werde ich ihn mitnehmen.«

»Nun, angesichts dieser Umstände will ich alter Sun mich nicht dagegen auflehnen«, lachte Pilger. »Was ich fürchte, ist allein, dass der König mir nicht glauben wird, wenn Ihr den Hasen jetzt einfach mitnehmt. Dürfte ich Euch, werter Mondgott und Feenschwestern, vielleicht bemühen, den Hasen dorthin zu bringen, damit wir dem König einen handfesten Beweis vorführen können? So würde sich zum einen die Macht des alten Sun offenbaren, zum anderen können wir erklären, warum die Fee hernieder auf Erden gekommen ist. Danach soll der König seine Feenprinzessin in Empfang nehmen, damit die karmischen Zusammenhänge offen ans Licht kommen.«

Auf diese Worte wies der Mondgott mit dem Finger auf die Dämonin und rief mit harter Stimme: »Sündiges Tier! Willst du dich endlich zum Guten wenden!«

Da rollte sich der Jadehase zusammen und erschien in seiner eigenen Gestalt. Der Große Heilige freute sich über alle Maßen und führte den Mondgott mit allen Mondfeen und dem Hasen auf lichten Wolken zum Königreich Indien. Dort brach gerade die Dämmerung an, der Mond stieg auf, und im Stadtturm schlugen die Trommeln zur ersten Nachtwache. Der König, der mit dem Priester in der Audienzhalle weilte, erwähnte gerade, dass er die Audienz beenden wolle, als plötzlich von Süden her vielfarbige Wolken am Himmel zu sehen waren, die ein taghelles Licht verströmten. Gleich darauf erklang die laute Stimme des Großen Heiligen Sun, der nach unten rief: »Majestät, König von Indien, ruft Eure Königin und alle Palastdamen, kommt heraus und schaut! Unter diesem Baldachin seht Ihr den Mondgott des Höchsten Yin; ihm zur Seite sind die Mondfeen vom Mondpalast. Dieser Hase aber ist jene falsche Prinzessin, die bei Euch war und heute wieder ihre wahre Gestalt angenommen hat!«

Eilends hieß der König die Königin und alle Konkubinen, Palastdamen und Zofen, zum Himmel zu beten. Auch er selbst, der Priester und alle Hofbeamten falteten die Hände und verneigten sich gen Himmel. In der ganzen Stadt war kein Haus, in dem man nicht Weihrauch entzündet, Stirnaufschläge vollzogen und zu Buddha gebetet hätte. Während alle in tiefer Hingebung weilten, regte sich in Bajie die Lust. Da konnte er sich nicht länger halten, schoss in die Lüfte und umschlang die Unsterbliche mit dem Regenbogengewand und rief: »O Schwesterlein, wir kennen uns doch, komm, wir gehen uns ein bisschen amüsieren!«

Da schoss Pilger hinzu, packte Bajie und versetzte ihm zwei Ohrfeigen. »Du unverbesserlicher Tölpel«, schimpfte er, »ist dir eigentlich nicht bewusst, wo wir uns befinden? Und da wagst du mit deiner Lüsternheit zu kommen!«

»Wollte mir doch bloß ein bisschen die Zeit vertreiben, war doch nur ein Spaß«, brummte Bajie.

Der Mondgott gab sogleich Befehl, den Rückweg anzutreten, und entschwebte mit seinen Feen und dem Jadehasen zum Mondpalast, während Pilger Bajie in die Staubwelt zerrte. Der König aber betrat die Audienzhalle, dankte Pilger und sprach: »Wir sind Euch aufs höchste

verbunden, göttlicher Mönch! Dank Eurer immensen Zauberkraft ist es Euch gelungen, die falsche Prinzessin einzufangen. Doch wo ist nun unsere wahre Prinzessin?«

Der Mondgott gab sogleich Befehl, den Rückweg anzutreten, und entschwebte mit seinen Feen und dem Jadehasen zum Mondpalast.

»Auch Eure Prinzessin ist nicht von gewöhnlicher Herkunft. Sie ist in Wirklichkeit eine Mondfee und kam vom Mondpalast herunter auf Erden. Vor zwanzig Jahren hatte sie dem Jadehasen einen Klaps gegeben, was dieser ihr nicht verzeihen konnte, weswegen er auf Rache sann. Daher ist der Hase letztes Jahr herab auf Erden gekommen und hat diese Fee geraubt und in einer entlegenen Gegend versteckt, während er selbst ihre Gestalt annahm und Euch so hinters Licht führte. Über diese Zusammenhänge hat mich eben der Mondgott aufgeklärt. Und da nun die Falsche nicht mehr hier ist, könnt Ihr morgen ausfahren, die Wahre zu suchen.«

Da konnte der König die Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte: »Ach, mein Kind! Von klein auf sitze ich auf diesem Thron und bin noch nicht einmal zum Stadttor hinausgekommen. Wo soll ich dich nur suchen gehen?«

Pilger lachte: »Grämt Euch nicht, Eure Prinzessin ist im Kloster zur Goldgabe im Jetavana-Garten. Heute mögen sich vorerst alle zur Ruhe legen, morgen werde ich Euch die wahre Prinzessin wiedergeben!«

Da warfen sich die Hofbeamten dem König zu Füßen und sprachen: »Möge unser König sich den göttlichen Mönchen anvertrauen! Es sind wahrhaftig Buddhas, die auf Wolken schweben. Morgen braucht Ihr nur ihnen zu folgen, dann wird sich alles klären.«

Der König willigte ein und gab Befehl, im Pavillon zum

Fortwährenden Frühling eine vegetarische Mahlzeit aufzutischen, damit man sich anschließend zur Ruhe legen könne. So war es in der Tat:

Der Kupferkannen Tropfen verklingt,475

Der Mond scheint leuchtend hell;

Goldne Glöcklein bimmeln leise,

Und der Wind trägt ihren Schall.

Während noch der Kuckuck ruft,

Ist der Frühling nur noch halb;

Blütenblätter fallen wortlos,

Mitternacht kommt bald.

In dieser Nacht löste sich die dämonische Aura vom König, und er fühlte seine Kräfte wachsen. Frühmorgens um drei Viertel nach der fünften Nachtwache begab er sich zur Morgenaudienz, anschließend ließ er Tripitaka und dessen Schüler bitten. Umgehend trat der Priester an, vollführte die vorgeschriebenen Hofriten, während der Große Heilige und die anderen beiden nur grüßend die Hände falteten. Der König machte sitzend eine leichte Verneigung und sprach: »Gestern sprachen wir von meinem Kinde, der Prinzessin. Dürften wir heute die göttlichen Mönche bemühen, zwecks ihrer Errettung mit der Suche zu beginnen?«

Der Priester berichtete nun ausführlich von der Frau, die im Kloster zur Goldgabe Wahn vortäuschte. Als der König dies vernommen hatte, weinte er bitterlich. Bald eilten die Frauen der inneren Gemächer herbei, fragten nach dem Grund, und es war keine unter ihnen, die nicht schmerzliches Mitleid empfand. Es dauerte lange, bis der König schließlich fragte, wie weit denn das Kloster zur Goldgabe von der Stadt entfernt sei.

»Nur sechzig Wegmeilen«, antwortete Tripitaka.

Sogleich erteilte der König den Befehl: »Die Prinzen vom Ost- und vom Westpalast sollen sich um die Angelegenheiten aller Hallen kümmern, und der Präzeptor soll Audienz halten. Ich werde nun mit der Königin, den Hofbeamten und den vier göttlichen Mönchen zum Kloster fahren, um die Prinzessin abzuholen.«

Umgehend wurden die Kutschen bereitgestellt, und der König verließ mit seiner Eskorte den Palast. Pilger aber schoss in die Lüfte, schwenkte leicht die Hüften, und schon war er vor allen anderen beim Kloster. Die Mönche warfen sich vor ihm nieder und riefen: »Werter Herr, bei Eurer Abreise wart Ihr doch zu Fuß mit allen anderen; wie kommt es, dass Ihr nun vom Himmel niedersteigt?«

Pilger lachte nur und fragte: »Wo ist der alte Meister? Ruft ihn schnell und stellt Altäre mit Weihrauch bereit, den König zu empfangen! Gleich werden der König und die Königin von Indien kommen, mit allen Hofbeamten und meinem Meister!«

Die Mönche konnten sich das nicht erklären. Eilends schickten sie nach ihrem alten Meister. Als dieser Pilger sah, fiel er ihm zu Füßen und rief: »Werter Herr! Wie steht es um die Sache mit der Prinzessin?«

Pilger berichtete ausführlich, was geschehen war. Dankend vollzog der alte Mönch zahlreiche Stirnaufschläge. Pilger aber reichte ihm die Hand zum Aufstehen und sprach: »Lasst das, macht lieber alles zum Empfang des Königs bereit.«

Die Mönche, die erst jetzt erfuhren, dass hinter ihrem Kloster eine Frau eingeschlossen war, waren erschüttert und

erfreut zugleich. Nun machten sich alle daran,

Weihrauchtische aufzustellen, Festgewänder anzuziehen, Glocken und Trommeln zu schlagen, und so warteten sie auf die Ankunft des Königs.

Es dauerte nicht lange, da stand die königliche Eskorte vor den Toren, und man sah die Mönche in Reih und Glied am Wegesrand knien und den König mit tiefen Verbeugungen empfangen, während Pilger in ihrer Mitte stand.

»Wie konntet Ihr nur vor uns ankommen, göttlicher Mönch?« wunderte sich der König.

»Ich alter Sun habe eben mal ein bisschen die Hüften geschwenkt, da war ich halt schon da. Warum habt Ihr denn so lange gebraucht?« lachte Pilger.

Inzwischen waren auch der Priester und alle anderen angekommen. Der König wurde gleich zur Kammer hinter dem Kloster geführt, wo die Prinzessin noch immer verrückt spielte und wie ihm Wahn vor sich hin redete. Kniend wies der alte Mönch auf die Kammer und sprach: »In diesem Raum befindet sich die werte Dame Prinzessin, welche vorigen Jahres vom Wind hierhergetragen wurde.«

Er öffnete das Schloss und stieß die Tür auf. Der König und die Königin erkannten ihre Prinzessin auf den ersten Blick und nahmen sie in die Arme.

»Mein armes Kind!« rief der König, »wie konnte dir ein solches Leid widerfahren, dass du hier hast büßen müssen!«

Wenn Eltern und Kinder sich wiederfinden, übertrifft das in der Tat jedes andere Wiedersehen! Lange hielten sich alle drei laut schluchzend in den Armen. Als sie denn einander all das Leid der Trennung erzählt hatten, wurde duftend warmes Badewasser bestellt, damit sich die Prinzessin reinigen, neu einkleiden und in der Kutsche heimwärts fahren konnte.

Pilger aber wandte sich mit vor der Brust gewölbten Händen an den König und sprach: »Ich alter Sun muss Euch noch etwas fragen.«

Der König erwiderte die höfliche Geste und fragte: »Was darf ich für den göttlichen Mönch tun?«

»Dieser Berg heißt Hundertfüßerberg«, begann Pilger, »und man sagt, dass hier neuerdings der Geist eines Skolopenders umgehen soll, der nachts Menschen angreife. Für Reisende ist das sehr beschwerlich. Meines Wissens ist der Hahn das einzige Wesen, das den Skolopender zu überwinden vermag; es wäre darum angebracht, von den besten Hähnen Eures Reiches tausend auszuwählen und sie hier auszusetzen, damit die giftige Kreatur ausgetrieben wird. Gleichzeitig soll der Berg neu benannt werden und das Kloster einen königlichen Titel bekommen. Damit würde dem alten Mönch die Gunst gedankt, dass er die Prinzessin hier geborgen hat.«

Freudig versprach der König, dies zu tun, und schickte umgehend Hofbeamte in die Stadt, die Hähne zu besorgen. Dem Berg verlieh er den Namen Baohua-Shan, Berg der Edlen Blüte. Anschließend beauftragte er das Ministerium für Bauwesen, Baumaterialien zu beschaffen, um das Kloster neu zu errichten, und verlieh ihm den Titel »Königliches Kloster der Goldgabe auf dem Berg Zur Edlen Blüte«. Den alten

Mönch aber ernannte er zum Mönchsminister mit

Reichsverdienst, dessen Titel über Generationen weitergegeben werden solle, und überreichte ihm eine Spende von sechsunddreißig Zentnern Getreide. Die Mönche sprachen ihren Dank aus und gaben der königlichen Eskorte ihr Abschiedsgeleit. Als die Prinzessin im Palast eintraf, wurde sie von allen Seiten begrüßt, und es gab einen üppigen Festschmaus, um sie aufzuheitern und zu beglückwünschen. So weilten nun die Königin, die Konkubinen und die Prinzessin wieder glücklich beisammen. Auch der König und die Hofleute speisten und tranken fröhlich eine ganze Nacht lang.

Am folgenden Morgen beauftragte der König einen Hofmaler mit der Abbildung der vier Mönche, damit er deren Bildnisse ihnen zu Ehren im Pavillon zur Befriedung Chinas aufstellen konnte. Anschließend bat er die Prinzessin,

abermals frische Gewänder anzuziehen und den Pilgermönchen für die Errettung zu danken. Nachdem alle ihren Dank ausgesprochen hatten, wollte sich der Priester vom König verabschieden, um gen Westen zu reisen. Doch wie hätte ihn der König leichthin ziehen lassen! Stattdessen gab er ein reiches Festmahl, das ganze fünf, sechs Tage dauerte, bis er schließlich verstand, wie sehr den Pilgernden daran gelegen war, zu Buddha zu gelangen. Da wollte er sie nicht länger zurückhalten, ließ zweihundert Gold- und Silberbarren und für jeden ein Tablett voller Kostbarkeiten bringen, doch Meister und Schüler weigerten sich, auch nur das Geringste anzunehmen. So ließ der König schließlich die Palastkutsche bereitstellen, bat den verehrten Meister aufzusteigen und ließ seine Hofleute ein langes Geleit geben. Alle in der ganzen Stadt, vom König über die Minister und Hofleute bis hin zum einfachen Bürger, warfen sich in höchster Dankbarkeit vor ihnen nieder. Als sie schon aufbrachen, kamen auch die Mönche herbei, um Abschied zu nehmen, alle verbeugten sich vor ihnen, und keiner wollte von ihnen lassen, so dass Pilger schließlich mit Fingerzeichen und Zauberspruch in Richtung des südöstlichen Wind-Trigramms Xun tief Luft holte und sie auspustete, dass ein dunkler Windstoß kam und allen Begleitern die Sicht derart trübte, dass sie sich dem ganzen Trubel endlich entziehen konnten. Und da wir nicht wissen, was sich auf der Weiterreise noch alles ereignete, lasst uns das nächste Kapitel anhören.