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096 Junker Kou beherbergt freudig hohe Priester / Tripitaka trachtet nicht nach Wohlstand

Form ist formhaft, doch ist Form

Im Grunde ohne Form;

Ebenso ist Leerheit leer,

Und doch nicht wirklich leer.476

Lärm und Stille, Reden, Schweigen

Letztlich gleichen Ursprung haben;

Wozu also noch sich mühen,

Und im Traum von Träumen reden?

Denn was nützlich ist, kann auch

In dem Nutzen nutzlos sein;

Was verdienstlos ist, das bringt

Anderswie Verdienste ein.

Letzten Endes wird die Frucht

Doch von selber reif und rot;

Frage darum nicht danach,

Wie man Samen kultiviert.

Wie berichtet wird, hatten Tripitaka und seine Schüler die Mönche vom Kloster der Goldgabe mit einer Magie von sich abgehalten. Als diese den düsteren Sturmwind sahen, der die Sicht auf die Pilgernden verdeckte, glaubten sie, es wäre ein Buddha hinab auf Erden gekommen, warfen sich vor der Erscheinung nieder und gingen schließlich zurück, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Während Meister und Schüler weiter gen Westen zogen, neigte sich der Frühling dem Ende zu, und der Sommer begann. Unzählige Tage reisten sie wieder von früh bis spät durch Schluchten und Gebirge und kamen wohl einen halben Monat lang ungehindert voran, bis sie eines Tages in der Ferne eine umwallte Stadt erblickten.

»Meine Schüler«, rief Tripitaka, »was mag das wieder für ein Ort sein?«

»Keine Ahnung, weiß ich nicht«, meinte Pilger.

Bajie lachte: »Du bist doch diesen Weg schon oft gegangen, wie kannst du behaupten, du wüsstest das nicht! Du hältst uns doch bloß zum Narren!«

»Du verstehst auch gar nichts, du Tölpel!« fuhr Pilger auf, »natürlich habe ich den Weg schon öfter zurückgelegt, aber immer hoch oben über den Wolken; hier bin ich doch nie gelandet! Was nichts mit der Sache zu tun hat, brauche ich auch nicht zu untersuchen, und darum weiß ich es auch nicht. Wozu sollte ich euch zum Narren halten!«

So gelangten sie bald vor die Mauern der Stadt. Dort stieg Tripitaka vom Pferd, überquerte die Hängebrücke und passierte das Stadttor. An der langen Straße saßen zwei alte Männer plaudernd unter einem Dachvorsprung. Tripitaka hieß die Schüler auf der Straße warten, ging mit gefalteten Händen auf die beiden zu und sprach: »Seid gegrüßt, werte Spender!«

Die Alten waren ganz in ihr Gespräch vertieft; es ging um Aufschwung und Verfall, um Gewinn und Verlust, um die Frage, wer zu den Heiligen und wer zu den Vorbildlichen zähle, und wie doch von all den einstigen Helden und Heldentaten heutzutage nichts mehr übrig sei; es sei wirklich ein Jammer!

Von Tripitakas Gruß überrascht, grüßten die Männer zurück und fragten: »Was wollt Ihr, werter Priester?«

»Geringer Mönch ist aus der Ferne hierher gepilgert, um Buddha zu huldigen. Da ich eben erst angekommen bin, weiß ich gar nicht, wie die Stadt heißt und wo es wohl Leute gibt, die Almosen spenden?«

»Ihr seid hier in Tongtai, der ›Stadt der Kupfertribüne‹«, erklärten die Alten, »weiter hinten liegt die Kreisstadt Diling, ›Erdseele‹. Wenn Ihr was essen wollt, Priester, braucht Ihr nicht von Haus zu Haus betteln gehen. Kehrt lieber da vorn beim Torbogen ein, im Haus vom Junker Kou. Dort steht schon am Eingang angeschrieben: ›Wir heißen zehntausend Mönche willkommen‹. Als Pilgermönch könnt Ihr Euch dort nach Herzenslust verpflegen. Aber geht jetzt und stört nicht unser Gespräch!«

Tripitaka dankte, kehrte zu Pilger zurück und berichtete, was er erfahren hatte. Also zogen die vier gemächlich die Straße entlang, wo sie einmal mehr erschrockene und neugierige Blicke auf sich zogen und bald von Schaulustigen umringt waren. Der Priester schärfte seinen Schülern ein, sich zu benehmen, worauf tatsächlich alle drei die Köpfe senkten und nicht aufzuschauen wagten. Nach einer Wegbiegung kamen sie an ein Eingangsportal mit Tigerstatuen, und an der Schattenmauer im Eingangsbereich hing eine große Plakette, auf der eine Aufschrift in vier Schriftzeichen zu lesen war: »萬 僧不阻 – Alle Mönche sind willkommen«. Tripitaka tat einen tiefen Seufzer, nickte und sprach: »Es ist tatsächlich wahr: Der Westen ist ein Buddhaland!«

Bajie wollte gleich eintreten, doch Pilger rief: »Halt, Tölpel! Erst wenn jemand rauskommt und fragt, dürfen wir eintreten.«

Also legten sie die Reisebündel vor dem Tor nieder und ließen das Pferd ruhen. Es dauerte nicht lange, da trat ein Diener mit einer Waage und einem Korb nach draußen. Kaum hatte er die Wartenden erblickt, ließ er vor Schrecken beides fallen, stürmte ins Haus und rief: »Herr, draußen sind vier fremdartige Mönche!«

Jener Junker, der gerade, auf einen Spazierstock gestützt, durch den Hof wandelte und buddhistische Gebete murmelte, legte den Stock beiseite und trat zum Empfang nach draußen. Ohne sich vor dem garstigen Aussehen der Schüler zu fürchten, rief er ihnen zu: »Herein! Kommt nur herein!«

In bescheidener Haltung trat Tripitaka mit den anderen in den Hof. Über einen Seitenweg führte sie der Junker zu einem Gebäude und sprach: »Hier sind die vorderen Räume, die Halle mit dem Buddha-Altar, die Gebetshalle und die Speisehalle. Den hinteren Teil bewohne ich Buddhajünger mit meiner Familie.«477

Tripitaka spendete bewunderndes Lob. Dann nahm er seine Priesterrobe heraus, legte sie um und schritt, nachdem er sich vor der Buddhahalle verneigt hatte, zum Altar, wo er mit gereinigten Händen ein Räucherstäbchen entzündete und sich tief verneigte. Anschließend wandte er sich mit grüßender Geste dem Junker zu, der ihn gleich am Arm in die Gebetshalle führte, um die Grußriten zu vollziehen. Als der Priester gerade seine Verbeugung machen wollte, fiel ihm der Junker abermals in den Arm und sprach: »Legt das Buddhakleid nur ab.«

Tripitaka zog also die Priesterrobe wieder aus, führte mit dem Junker die gebotenen Verneigungen aus und bat schließlich auch seine drei Schüler, zum Gruß vorzutreten.

Der Junker hieß seine Diener das Pferd versorgen und die Reisebündel in den Korridor stellen, dann erkundigte er sich nach ihrem Anliegen.

Tripitaka sprach: »Geringer Mönch ist im Auftrag des Kaisers von China im Osten unterwegs, um hier in dieser geschätzten Gegend auf dem Seelenberg Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Da wir vernehmen durften, dass in Eurer werten Residenz Mönche verpflegt werden, sind wir gekommen, Euch einen Besuch abzustatten. Wir bräuchten nur eine Mahlzeit, dann können wir gleich weiterziehen.«

»Wir bräuchten nur eine Mahlzeit, dann können wir gleich weiterziehen.«

Der Junker strahlte vor Freude und sprach lächelnd: »Mein geringer Name lautet Kou Hong, der Beiname ist Dakuan, der Freigiebige. Unnütz bin ich schon vierundsechzig Jahre alt geworden. Zu meinem vierzigsten Geburtstag legte ich das Gelübde ab, 10 000 Mönche zu verköstigen; erst wenn diese Zahl erreicht ist, ist das Gelübde eingelöst. Inzwischen sind vierundzwanzig Jahre vergangen, und insgesamt habe ich 9996 Mönche bewirtet. Zur Vollendung der Zahl fehlen also noch genau vier Mönche, und da schickt mir nun der Himmel euch vier werte Meister, das muss gefeiert werden! Richtet euch hier gemütlich ein und bleibt mindestens einen Monat bei uns. Am Ende werde ich euch mit Pferden und Sänften auf den Berg führen. Von hier bis zum Seelenberg sind es nur noch achthundert Meilen; bald seid ihr vom Leid befreit!«

Dies zu hören freute Tripitaka sehr, und so zeigte er sich vorerst einverstanden. Schon machten sich die vielen

Bediensteten des Hauses daran, Holz und Wasser

herbeizuschaffen, um das Essen vorzubereiten. Der unerwartete Betrieb kam auch der Mutter des Hauses zu Ohren, und sie fragte: »Was für Mönche sind denn da, dass plötzlich alle so geschäftig sind?«

»Eben sind vier fremdländische Mönche eingetroffen«, erklärte einer der Diener. »Sie haben dem Hausvater gesagt, sie kämen aus dem Osten und seien vom Kaiser von China entsandt, auf dem Seelenberg Väterchen Buddha zu huldigen. Wer weiß, wie weit sie schon gereist sind. Unser Hausvater sagt, der Himmel hätte sie geschickt, und er hat uns befohlen, sofort eine Mahlzeit zuzubereiten.«

Das freute auch die alte Frau, und sie rief einer Kammerdienerin zu: »Bring mir was Hübsches zum Anziehen, ich will mal schauen gehen.«

Der Diener aber lief zur Gebetshalle und sagte es dem Junker, worauf sich Tripitaka höflich erhob. Schon stand die alte Frau vor der Halle und blickte in das wohlgestalte Antlitz des chinesischen Priesters. Erst beim zweiten Blick fielen ihr die sonderbaren Gestalten Pilgers und der anderen Schüler auf, die an seiner Seite standen. So gern sie glauben wollte, dass die Mönche vom Himmel gesandt seien, wurde sie doch von Furcht beschlichen, als sie vor der Halle kniend die Hände faltete. Tripitaka beeilte sich, die Geste zu erwidern, und sprach: »Dank sei Euch für diese unverdiente Beehrung, gnädige Frau!«

Zum Junker gewandt fragte die Frau: »Warum sitzen denn die vier Meister nicht nebeneinander?«

Da reckte Bajie seine Schnauze hoch und rief: »Wir drei sind seine Schüler!«

Oho! Diese Stimme wirkte wie das Brüllen eines Tigers im tiefen Gebirge, und dem Mütterchen wurde bang und bänger.

Auf einmal traten zwei junge Scholaren hinzu und warfen sich in der Gebetshalle vor Tripitaka nieder. Als dieser verwundert die Geste erwidern wollte, hielt ihn der Junker zurück und erklärte: »Das sind meine Söhne Kou Liang und Kou Dong. Sie kommen gerade aus dem Studierzimmer zum Mittagessen. Da sie wohl von der Ankunft der vom Himmel gesandten Meister erfahren haben, sind sie gekommen, euch zu begrüßen.«

»Wie artig! Wie sittsam!« freute sich Tripitaka. »Es ist wirklich, wie man sagt: Wer hohe Gäste haben will, der walte mit Güte, wer folgsame Nachkommen haben will, der lasse sie studieren.«

Nun wandten sich die beiden an ihren Vater und fragten: »Woher kommt denn der werte Meister?«

Der Junker lächelte und sprach: »Aus weiter Ferne! Der Kaiser von China weit im Osten auf dem Kontinent Jambudvipa hat sie hierher zum Seelenberg gesandt, um Väterchen Buddha zu huldigen und von ihm Heilige Schriften zu erbitten.«

Da meinte der eine: »In den ›Umfassenden Notizen zu allen Dingen‹479 habe ich gelesen, dass es auf Erden vier Kontinente gibt und wir uns auf dem Kontinent Aparagodaniya befinden. Wie viele Jahre mag er wohl gereist sein, von Jambudvipa bis hierher?«

Lächelnd antwortete Tripitaka: »Auf dieser Reise sind wir wohl mehr Tage aufgehalten worden, als wir wirklich unterwegs waren. Oft mussten wir schrecklichen Dämonen und grimmigen Ungeheuern begegnen, das hat uns große Anstrengung und auch viel Leid gebracht. So brauchten wir insgesamt vierzehn Sommer und Winter, bis wir an diesen werten Ort gelangen durften.«

Voller Bewunderung riefen die jungen Scholaren: »Ihr seid ja göttliche Mönche! Wirklich göttliche Mönche!«

Das Gespräch wurde nun von einem jungen Diener unterbrochen, der meldete, das Essen stehe bereit. Der Junker bedeutete seiner Frau, sich mit den Söhnen ins Wohnhaus zurückzuziehen, und geleitete die vier Mönche in die Speisehalle, wo alles fein säuberlich ausgelegt war. Beflissen gingen Diener hin und her, ein jeder mit einer festen Aufgabe. Der eine brachte die Suppe, der andere schöpfte den Reis, so eilten sie flink wie Sternschnuppen hin und her, während Bajie eine Schale Reis nach der anderen verschlang, dass es geradezu aussah, als würden kleine Wolken von einem Sturmwind weggefegt. Nachdem sich Meister und Schüler nach Herzenslust gesättigt hatten, stand Tripitaka auf, dankte dem Junker und wollte die Weiterreise antreten.

Der aber hielt ihn zurück und sprach: »Werter Meister, bleibt getrost ein paar Tage hier! So sagt es doch der Volksmund: ›Vollenden ist schwieriger als beginnen‹: Ich kann mir nicht erlauben, euch vor der Feier zur Vollendung meines Gelübdes auf die Weiterreise zu geleiten.«

Angesichts dieses frommen Ansinnens kam Tripitaka schließlich nicht umhin zu bleiben. Es waren schon sechs, sieben Tage vergangen, als der Junker endlich vierundzwanzig buddhistische Mönche aus der Umgebung kommen ließ, um

die Zeremonien zur Einlösung seines Gelübdes zu veranstalten. Die Mönche verbrachten erst drei, vier Tage mit dem Abfassen von Texten und der Wahl eines günstigen Datums, und nachdem man schließlich drei Tage und Nächte durchgefeiert hatte, drängte es Tripitaka so sehr zum Tempel des Donnergrollens, dass er sich fest entschlossen an den Junker wandte, um Abschied zu nehmen.

»Ihr habt es aber eilig, werter Meister«, meinte dieser, »ich muss Euch wohl verstimmt haben, weil ich Euch wegen der Zeremonie nicht genügend Beachtung zukommen ließ!«

»Wir haben Euch große Umstände gemacht«, entgegnete Tripitaka, »wir wissen gar nicht, wie wir Euch das alles vergelten sollen! Von Verstimmung ist gar keine Rede. Das Problem ist nur, dass ich damals beim Verlassen unserer Hauptstadt auf die Frage des Kaisers von China, wann ich wohl zurückkehren würde, fälschlicherweise gesagt habe, drei Jahre sollten wohl ausreichen. Nun wurden wir aber unterwegs so oft aufgehalten, dass bereits vierzehn Jahre verflossen sind! Und ob wir die Heiligen Schriften auch wirklich erhalten werden, wissen wir immer noch nicht. Für die Rückkehr brauchen wir ja auch noch einmal zwölf bis dreizehn Jahre, das kommt bereits einem Verstoß gegen das kaiserliche Edikt gleich; wie darf ich mir eine solche Sünde aufbürden! Bitte, werter Junker, lasst geringen Mönch ziehen! Sobald wir die Schriften haben, werden wir Eure Residenz gerne wieder aufsuchen und dann etwas länger bleiben. Wäre das nicht auch gut?«

Bajie konnte es nicht lassen, sich einzumischen, und rief: »Meister, das ist nicht eben taktvoll! Da hat der werte Junker nun in seinem wohlhabenden Haus ein Gelübde eingelöst und will uns in aller Aufrichtigkeit beherbergen; wir könnten doch problemlos ein Jahr hierbleiben! Wozu denkt Ihr immer nur ans Gehen? Wollt Ihr all die leckeren Speisen stehen lassen, nur um wieder von Tür zu Tür betteln zu gehen? Wo sollen wir unterwegs noch mal so gastfreundliche Hausherren und Hausfrauen finden?«

»Schwachkopf!« fuhr ihn der Priester an, »denkst immer nur ans Essen; zu welchem Ziel wir diese Reise unternehmen, ist dir gleichgültig! Wie ein Tier in seiner ersten menschlichen Inkarnation. Wenn ihr hier dem Genuss frönen wollt, gehe ich morgen alleine weiter!«

Als Pilger seinen Meister mit solch strenger Miene sah, packte er Bajie, hieb ihm mit beiden Fäusten auf den Schädel und schimpfte: »Du undankbarer Tölpel! Nur deinetwegen ist der Meister jetzt mit uns unzufrieden!«

Wutschnaubend stand Bajie neben ihm, wagte aber nichts mehr zu sagen. Wohlmeinend versuchte der Junker Tripitaka zu beschwichtigen und sprach lächelnd: »Beruhigt Euch, werter Meister. Geduldet Euch heute noch ein wenig; für morgen will ich Flaggen und Trommeln vorbereiten und Euch mit Nachbarn und Verwandten das Abschiedsgeleit geben.«

Doch nun kam die Frau des Hauses und fragte: »Werter Meister, wie viele Tage wohnt Ihr schon bei uns?«

»Bereits einen halben Monat«, antwortete Tripitaka.

Da erklärte die Frau: »Dann mag diese Hälfte als Verdienst des Junkers gelten, die andere Hälfte werde ich mit dem, was ich von meinen Näharbeiten erspart habe, übernehmen.«

Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Dong mit seinem Bruder hinzutrat und sprach: »Werte Meister! Während der vierundzwanzig Jahre, in denen unser Vater Mönche verköstigt hat, ist nie ein halbwegs anständiger Mensch gekommen. Nun, da wir das Glück haben, unser Gelübde erfüllt zu wissen und göttliche Mönche bewirten zu dürfen, scheint es uns, als würde ein schäbiges Strohhaus auf einmal in prachtvollem Glanz erstrahlen. Wir beide sind zwar jung und wissen nicht viel von den karmischen Zusammenhängen, doch haben wir öfters sagen hören: ›Was der Mann sät, erntet der Mann; was die Frau sät, erntet die Frau; wer aber nichts sät, der erntet auch nichts.‹ Da nun Vater und Mutter beide nach gutem Karma streben, möchten auch wir Brüder mit dem wenigen, was wir erspart haben, die werten Meister einen halben Monat bewirten, bevor wir euch verabschieden müssen.«

Da sprach Tripitaka: »Allein schon die holde Gunst der Frau des Hauses darf ich nicht anzunehmen wagen; wie könnte ich noch dazu dies Angebot der tugendhaften Gebrüder annehmen? Darauf kann ich nicht eingehen; ich muss jetzt unter allen Umständen aufbrechen. Ich bitte Euch inständig um Verzeihung!«

Als die Mutter und ihre Söhne merkten, dass er nicht von seinem Willen abzubringen war, fühlten sie sich gekränkt und meinten: »Da wollen wir ihn mit bester Absicht bewirten, er aber besteht stur darauf, zu gehen! Dann soll er doch gehen, wozu uns noch mit ihm abgeben?«

Sie wandten sich ab und gingen hinein. Wie der Junker nun Meister und Schüler in missvergnügter Stimmung sah, wagte er sie nicht länger zum Bleiben zu bitten. Er ging aus der Gebetshalle hinaus und beauftragte seine Schreiber, Bekannten und Verwandten die Einladung zu schicken, man möge sich morgen früh zur Abschiedsfeier für den Meister aus China einfinden. Dann ließ er die Köche ein reiches Festmahl zubereiten und gab gleichzeitig den Auftrag, bunte Flaggen zu besorgen, Trommler und Musikanten anzuheuern und buddhistische und daoistische Mönche einzuladen. Die Zeit, zu der alles bereitstehen sollte, wurde auf die vormittägliche Doppelstunde Si festgesetzt. Die Diener nahmen ihre Aufträge entgegen und traten ab. Bald nahte auch schon der Abend, und nach dem Abendmahl legte man sich schlafen.

Doch seht, wie nun die Diener geschäftig hin und her eilen und von oben nach unten ihre Anweisungen erteilen!

Der emsige Betrieb dauerte bis in den frühen Morgen, und als die Doppelstunde Si anbrach, stand alles bereit. Priester und Schüler waren früh aufgestanden, hatten ihre Reisebündel geschnürt, das Pferd gesattelt und warteten nur noch darauf, endlich aufbrechen zu können.

Der Junker lud sie in die große Halle im hinteren Teil des Hauses, wo wiederum ein üppiges Festmahl bereitstand, noch exquisiter als alles, was sie bisher in der Speisehalle genossen hatten. Gerade als der Priester sich vor dem Junker dankend verneigen wollte, trafen die Gäste ein. Die Nachbarn, Verwandten und Freunde, die am Vortag eingeladen worden waren, traten alle zusammen vor den Priester und verneigten sich, um anschließend ihre Plätze einzunehmen. Am unteren Ende der Halle spielten Zithern und Mundorgeln auf, und am oberen Ende, wo das Festgelage stattfinden sollte, erklang Saitenmusik und Gesang. Die Festtafel war in der Tat von außergewöhnlicher Pracht.

Nachdem alles vorüber war, bedankte sich der Priester beim Junker und allen Anwesenden, und man machte sich zum Aufbruch bereit. Vor den Toren standen bunte Flaggen und Baldachine in ordentlichen Reihen aufgestellt, Trommler und

Musikanten standen bereit sowie je eine Gruppe buddhistischer und daoistischer Mönche. Man ließ den Priester und seine Schüler die Spitze des Zuges einnehmen und setzte sich zum Schall von Trommeln und Trompeten unter wehenden Flaggen in Bewegung. Von allen Seiten strömten Menschen herbei, Sänften und Pferde folgten dem Zug, und alle wollten sehen, wie der Junker Kou den chinesischen Priester verabschiedete. Es war ein Prunk ohnegleichen.

Auf der einen Seite sangen die Buddhisten ihre Litaneien, auf der andern Seite bliesen Daoisten ihre mystischen Melodien, so geleitete man die Pilgernden zum Stadttor hinaus, bis zum Zehnmeilen-Pavillon, wo abermals ein vegetarisches Festmahl bereitstand, bei dem alle die Becher erhoben und einander zum Abschied zutranken.

Mit Tränen in den Augen sprach der Junker: »Meister, wenn ihr auf dem Rückweg seid, müsst ihr unbedingt noch einmal ein paar Tage bei uns wohnen, das würde mir einen Herzenswunsch erfüllen!«

Tief gerührt sprach Tripitaka: »Wenn ich auf dem Seelenberg Buddha erblicke, werde ich als Erstes Eure große Gunst preisen, werter Junker! Auf dem Rückweg werden wir gewiss wieder bei Euch vorbeikommen und uns in Dankbarkeit vor Euch niederwerfen.«

Im Gespräch hatten sie weitere zwei, drei Meilen zurückgelegt, und nun bat der Priester inständig, Abschied zu nehmen. Da brach der Junker in lautes Wehklagen aus und kehrte um. So war es in der Tat:

Er gelobte, Mönche zu bewirten,

Um in die Erleuchtung einzugehen,

Doch es war ihm nicht gegeben,

Buddha Tathagata selbst zu sehen.

Doch wenden wir uns den Pilgernden zu, die bald weitere fünfzig Wegmeilen zurückgelegt hatten, als es zu dunkeln begann.

»Es ist spät«, bemerkte der Priester, »wo sollen wir übernachten?«

Bajie rümpfte seine Schnauze und rief: »Das habt Ihr nun vom Weiterziehen! Reis und Tee lasst Ihr stehen, und in dem Haus, wo es so schön kühl war, wollt Ihr nicht bleiben. Und wenn es nun regnet in der Nacht, was dann?«

»Elendes Sündenvieh«, schimpfte Tripitaka, »schon wieder beklagst du dich! So heißt es doch: ›In der Hauptstadt ist es schön, doch ist dies nicht der Ort zu weilen.‹480 Sobald wir, so unser Schicksal will, endlich vor Buddha treten und die Heiligen Schriften erhalten haben, werden wir nach China zurückkehren und beim Kaiser vorsprechen, dann kannst du dich jahrelang aus der Hofküche vollfressen, bis du platzt, du sündiges Tier! Zum Gespenst eines Überfressenen wirst du dann!«

Der Tölpel kicherte, wagte aber nichts mehr zu erwidern. In der Ferne konnte Pilger an der Landstraße einige Gebäude ausmachen, und er wandte sich an den Meister: »Da vorn können wir ruhen.«

Doch als der Priester ankam, sah er, dass es sich um einen verfallenen Torbogen handelte. Auf einer verwitterten Holztafel waren vier Schriftzeichen zu lesen: » 華光行院 – Kloster des Padmaprabha«. Der Priester stieg vom Sattel und sprach: »Bodhisattva Padmaprabha war ein Jünger des

Flammenbuddhas der Fünf Lichter. Weil er den Dämonenkönig des Giftfeuers besiegt hatte, wurde er des Amtes enthoben und zum Göttlichen Minister der Fünffachen Offenbarung gemacht. Es muss bestimmt noch jemand da sein, der sich um den Altar kümmert.«

Also gingen sie hinein. Drinnen aber fanden sie alles in Ruinen, selbst die noch vorhandenen Mauern standen schief. Weit und breit war keine Menschenseele, und alles war von Gras und Unkraut überwachsen. Sie wandten sich zum Gehen.

Doch in der Zwischenzeit hatte sich eine finstere Wolke über ihnen zusammengeballt, aus der es jetzt in Strömen zu regnen begann. Da blieb ihnen nichts übrig, als unter Mauerresten Schutz zu suchen, und so drängten sie sich denn so gut es ging an eine geschützte Stelle und wagten kein lautes Wort zu sagen, aus Furcht, irgendwelche Ungeheuer könnten auf sie aufmerksam werden. Im Kauern und Stehen verbrachten sie eine mühselige Nacht und taten kein Auge zu.

Ach! So war es in der Tat:

Im Frieden liegt versteckt sein Gegenteil,482

In höchster Freude trifft noch Trauer ein.

Und da wir nicht wissen, was am folgenden Morgen auf sie zukam, lasst uns das nächste Kapitel anhören.