Wie Tripitaka und seine Schüler im nächtlichen Regen zwischen den Ruinen des Padmaprabha-Klosters ausharrten, sei einstweilen dahingestellt. Stattdessen wollen wir uns einer Horde Banditen zuwenden, die sich in der Gemeinde Diling, Präfektur Tongtai, herumtrieb und von Raub und Plünderung lebte. Diese Räuber nämlich unterhielten sich gerade darüber, wer wohl der reichste oder wer der zweitreichste Mann der Stadt sei, denn sie planten ihren nächsten Überfall.
Einer meinte: »Wir brauchen keine großen Untersuchungen anzustellen; die im Hause Kou haben doch heute jenem Priester aus China ein derart luxuriöses Geleit gegeben, dort wird einiges an Gold und Silber zu holen sein. Gerade jetzt bei diesem nächtlichen Regen, wenn auf den Straßen keiner aufpasst und in den Vierteln keine Patrouille gemacht wird, passt es wunderbar, oder?«
Die Räuber frohlockten und trabten gleich, mit Waffen und Fackeln gerüstet, in den Regen. Beim Hause Kou schlugen sie das Tor ein und stürmten mit lautem Kriegsgeheul ins Innere, wo sich Männer und Frauen, Alte und Junge zu verstecken suchten, wo es nur irgend möglich war, die Mutter kroch unters Bett, der Junker drückte sich hinter die Tür, während Liang, Dong und die anderen Söhne und Töchter zu allen Seiten davonstoben. Die Räuber aber, mit Säbeln und Fackeln bewaffnet, räumten nach Lust und Laune alles aus, was sie an Gold, Silber, Schmuck, Kleidern und Hausrat finden konnten. Schließlich trat der Junker, dem es um die Sachen leid war, todesmutig hinter der Tür hervor und rief den Räubern jammernd zu: »Große Könige! Begnügt euch doch mit dem, was ihr benötigt; lasst ein paar Kleider hier, damit dem alten Manne etwas übrig bleibt für das Grab!«
Ohne darauf einzugehen, rannten die Räuber auf ihn zu und stießen den Junker Kou mit einem Tritt in die Scham zu Boden. Ach, der Arme:
Benommen schwebten drei Lichtseelen
Schon dem Totenreich entgegen,
Und die sieben Schattenseelen
Schieden traurig aus dem Leben.483
Die Räuber aber kletterten mit ihrem Diebesgut über die Stadtmauer und liefen die ganze Nacht im strömenden Regen nach Westen. Im Hause Kou aber wagte sich, nachdem die Räuber weg waren, ein Diener hervor, und da fand er den Junker tot am Boden. Aufschluchzend schrie er: »O Himmel! Der Herr ist erschlagen worden!«
Schon beugten sich alle weinend über die Leiche und klagten bitterlich. Gegen die vierte Nachtwache kam der Mutter plötzlich jener chinesische Priester in den Sinn, dem sie es noch immer verargte, dass er ihr Angebot abgelehnt hatte. Nur weil sie den so prunkvoll verabschiedet hatten, war dieses Unglück geschehen! Missgunst stieg in ihr auf, und sie sann darauf, den vier Mönchen etwas heimzuzahlen. Da fasste sie Kou Liang am Arm und sprach: »Ach, mein Sohn, lass uns nicht länger weinen. Nun hat euer Vater doch wirklich Tag für Tag Mönche bewirtet, und da fällt er zur Vollendung seines Gelübdes einer Horde todbringender Mönche in die Hände!«
»Aber Mutter, warum denn todbringende Mönche?« fragte dieser.
»Als die Diebe gewaltsam eingedrungen sind, habe ich mich unter dem Bett versteckt und konnte sie im Schein der Fackeln beobachten. Was glaubst du, wer es war? Der mit der Fackel war der Priester aus China, der mit dem Dolch war der Eber Bajie; Gold und Silber hat jener Sandmönch eingesackt, und derjenige, der euren Vater erschlagen hat, war Pilger Sun!«
Im Glauben, sie spräche die Wahrheit, riefen die beiden Söhne: »Wenn Ihr, Mutter, das gesehen habt, muss es so sein! Schließlich kennen sie nach dem halben Monat unser Haus inund auswendig, und Reichtum ist ja eben verführerisch. Also
haben sie den nächtlichen Regen genutzt, wieder hierherzukommen. Doch dass sie uns nicht nur ausgeraubt, sondern auch noch unseren Vater erschlagen haben, ist entsetzlich niederträchtig! Sobald der Tag anbricht, werden wir in der Präfektur eine Verlustanzeige einreichen und gegen sie Anklage erheben.«
»Wie sollen wir die Anklage schreiben?« fragte Dong.
»So wie Mutter es gesagt hat«, erwiderte Liang:
»Der Priester hielt die Fackel,
Bajie rief zum Töten auf,
Sandmönch raubte Gold und Silber,
Pilger Sun erschlug den Vater.«
So redete man aufgeregt durcheinander, bis schließlich der Morgen anbrach, die einen den Sarg besorgten und die anderen zur Präfektur gingen, um Anzeige zu erstatten. Nun verhielt es sich so, dass der Präfekt von Tongtai ein höchst tugendsamer Mann war, der seit langem einen guten Ruf hatte. An jenem Morgen hatte er sich gerade auf den Richterstuhl gesetzt und draußen bereits die Klagetafel aufgestellt, als die Gebrüder Kou mit der Tafel hereinkamen, vor dem Präfekten niederknieten und riefen: »Hoher Herr! Wir erstatten Anzeige gegen Räuber wegen Einbruch mit Mord!«
Der Präfekt nahm ihr Schreiben entgegen. Nachdem er es gelesen und eingehend nachgefragt hatte, gab er an die hundertfünfzig berittenen und scharf bewaffneten Schutzleuten Befehl, dem chinesischen Priester und seinen Schülern nachzupreschen.
Doch wenden wir uns wieder Meister und Schülern zu, die bis zum Morgengrauen in den Klosterruinen ausgeharrt hatten und nun endlich wieder auf der Landstraße gen Westen strebten. Nun befanden sich aber jene Räuber, die nachts über die Stadtmauer geklettert waren, just auf derselben Straße und hatten sich etwa zwanzig Meilen westlich des Padmaprabha- Klosters in einer Mulde versteckt, um Gold und Silber untereinander aufzuteilen. Noch bevor sie damit fertig waren, erblickten sie auf der Landstraße plötzlich den chinesischen Priester und seine Schüler. Schon erwachte ihre Gier von neuem.
»Das ist doch jener Mönch, der gestern verabschiedet worden ist!« meinte einer, auf den Priester weisend.
Da riefen alle lachend: »Der kommt gerade recht, wie bestellt! Wir machen ohnehin unfromme Geschäfte, und wer weiß, was die nach ihrer langen Reise und vor allem, nachdem sie so lange bei den Kous gewesen sind, alles an Schätzen bei sich haben! Wir brauchen ihnen bloß den Weg abzuschneiden, dann plündern wir ihre Reisekasse, nehmen das Pferd und teilen alles untereinander auf!«
Schon packten die Räuber ihre Waffen und stürmten mit lautem Gebrüll auf die Landstraße. In einer Reihe aufgestellt, schrien sie: »Halt, ihr Mönche! Her mit dem Geld, oder ihr seid des Todes!«
Vor Schreck begann Tripitaka auf dem Pferd wild mit den Armen zu fuchteln, Pilger aber lachte nur und meinte: »Ach Meister, fürchtet Euch doch nicht. Ich alter Sun will sie gleich ein bisschen ausfragen.«
Er trat vor, wölbte grüßend die Hände vor der Brust und fragte: »Was macht ihr da, meine Herren?«
»Dieser Kerl ist wohl nicht ganz gescheit«, brüllte einer der Räuber, »wagt uns noch zu fragen! Hast du keine Augen im Kopf, dass du nicht siehst, dass wir große Könige sind? Bring sofort alles Geld, dann lassen wir euch laufen.«
Pilger lächelte freundlich und sprach: »Dann seid ihr also Wegelagerer.«
Wütend riefen die Räuber: »Tötet ihn!«
Pilger tat erschrocken und rief: »Große Könige! Ich bin ein Mönch vom Lande und kann mich nicht so gut ausdrücken; verzeiht, wenn ich euch beleidigt haben sollte! Was Geld angeht, könnt ihr euch an mich wenden, die andern braucht ihr gar nicht zu fragen, ich bin der Geldverwalter. Alles, was fürs Sutrenlesen, von Almosen oder Spenden an Geldern hereinkommt, ist in diesem Bündel; Ein- und Ausgänge der Finanzen gehen über mich. Der auf dem Pferd ist zwar mein Meister, doch er kann bloß Sutren lesen, auf alltägliche Dinge versteht er sich nicht. Der mit dem dunklen Gesicht ist ein Bursche, den ich unterwegs mitgenommen habe, er verpflegt das Pferd. Und den anderen mit der langen Schnauze habe ich für die Reise als Kuli angestellt, der kann bloß Lasten tragen. Lasst die drei erst mal durch, dann überlasse ich euch die Reisekasse, die Kleider und die Reisschalen.«
Wie die Räuber dies vernahmen, meinten sie: »Ein anständiger Kerl, dieser Mönch. Wenn das so ist, sollst du am Leben bleiben. Die anderen drei sollen alle Gepäckstücke ablegen, dann lassen wir sie durch.«
Pilger wandte sich um und zwinkerte den anderen zu. Da warf Sandmönch die Gepäckstange nieder und führte Tripitaka, das Pferd am Halfter, mit Bajie weiter gen Westen. Pilger aber beugte sich, als wollte er die Bündel öffnen, nahm aber gleichzeitig eine Handvoll Erde und warf sie mit einer Zauberformel hoch. Es war ein Bannzauber, und so blieben auf den Ruf »Halt!« die insgesamt über dreißig Räuber allesamt mit aufgesperrten Augen und hängenden Armen stehen, unfähig zu sprechen oder sich zu regen. Pilger aber sprang auf die Straße und rief seinem Meister zu: »Kommt! Kommt zurück!«
Der Priester wandte sein Pferd zu ihm und fragte: »Was ist, Wukong?«
»Schaut Euch mal die Räuber an, was sagt Ihr nun?«
Bajie schubste einen und rief: »He, du Räuber! Warum regst du dich nicht?«
Der Räuber aber schien wie bewusstlos und gab keine Antwort.
»Sieht ziemlich benebelt aus«, bemerkte Bajie.
Pilger lachte: »Die hab ich alter Sun mit einem Zauber festgebannt. Meister, steigt ab und setzt Euch ein bisschen. So sagt es doch der Volksmund: ›Es gibt wohl zu Unrecht Gefangene, doch nicht zu Unrecht Freigelassene.‹ Los, Brüder, legt mal alle Banditen lang und fesselt sie, dann werde ich sie verhören.«
Schon zupfte er sich ein paar Pelzhaare aus und machte daraus dreißig Stricke, mit denen allen Banditen Hände und Füße zusammengebunden wurden. Dann sprach er die Formel zur Auflösung des Bannes, worauf die Räuber allmählich zu Bewusstsein kamen.
Da schrie Pilger mit der Stange in der Hand: »Diebesgesindel! Wie viele seid ihr, und wie viele Jahre lebt ihr schon von diesem Geschäft? Wie viele Sachen habt ihr geraubt? Habt ihr Mord begangen? War das euer erstes Delikt, das zweite, das dritte? Gesteht die volle Wahrheit!«
»Hoher Herr!« ächzten die Räuber, »wir sind nicht Gewohnheitsdiebe; wir kommen alle aus gutem Hause, nur haben wir aus mangelnder Begabung Gut und Erbe aufgebraucht, drum haben wir kein Geld mehr. Weil wir hörten, wie reich der Junker Kou sei, sind wir gestern Abend bei ihm eingebrochen und haben ein bisschen Gold, Silber und Kleider erbeutet. Das wollten wir gerade unter uns verteilen, als wir auf einmal die hohen Herren kommen sahen. Ein paar von uns wussten, dass ihr diejenigen seid, die gestern von Kou verabschiedet wurden, und bei dem schweren Gepäck haben wir gedacht, ihr hättet sicher Kostbarkeiten dabei. Der Mensch ist nie zufrieden mit dem, was er hat, drum haben wir euch dann den Weg abgeschnitten. Wir konnten ja nicht wissen, dass Ihr, hoher Herr, so große magische Kräfte habt, dass ihr uns fesseln konntet. Hoher Herr, bitte lasst Barmherzigkeit walten, nehmt die gestohlenen Sachen und lasst uns am Leben!«
Als Tripitaka hörte, dass es sich um Diebesgut aus dem Hause Kou handelte, erschrak er heftig. Schnell stand er auf und sagte: »Wukong, der Junker Kou ist doch ein rundum wohltätiger Mensch, wie kann ihm nur ein solches Unheil geschehen?«
»Weil er solchen Prunk zur Schau stellte, als er uns das Geleit gab«, lachte Pilger. »Das fällt doch den Leuten ins Auge, darum haben Banditen Hand angelegt. Immerhin sind sie ja nun auf uns gestoßen, so können wir ihnen die Sachen abnehmen.«
Tripitaka sprach: »Wir sind den Kous zu tiefem Dank verpflichtet. Am besten bringen wir ihnen die Wertsachen gleich zurück!«
Pilger war einverstanden, und so ging er mit Bajie und Sandmönch zu der Mulde, wo das Diebesgut lag, und sie luden alles aufs Pferd. Bajie hieß er ein Bündel Gold und Silber tragen, und Sandmönch übernahm das Gepäck. Am liebsten hätte Pilger die ganze Räuberbande erschlagen, doch aus Furcht, der Meister könnte es ihm wieder übelnehmen, fing er schließlich mit einem leichten Schütteln seine Pelzhaare wieder auf, so dass die Räuber Hände und Füße freibekamen, sich aufrappelten und ins Gehölz davonstoben. Der Priester aber trat den Rückweg an, um dem Junker seine Sachen zurückzugeben. Das war ja nun nicht anders, als wenn eine Motte sich ins Feuer stürzt: Es wurde ihm zum Verhängnis.
Während Meister und Schüler ihres Weges gingen, gewahrten sie plötzlich, wie ein Heer mit gezückten Speeren und Säbeln auf sie zupreschte.
Erschrocken fragte Tripitaka: »Seht nur, meine Schüler, was soll das denn bedeuten, all diese Waffen?«
»Da haben wir nun das Unglück«, meinte Bajie, »das sind doch die Räuber, die wir eben laufenließen! Nun haben sie sich mit anderen zusammengerottet und kommen uns angreifen!«
»Das kann keine Räuberhorde sein«, wandte Sandmönch ein. »Ältester Bruder, schau du mal genauer hin!«
Da raunte Pilger Sandmönch zu: »Es hängt wieder ein Unglücksstern über dem Meister. Es müssen offizielle Soldaten sein, die nach den Räubern fahnden!«
Bald waren die Soldaten da, stellten sich sogleich geschlossen um sie herum und schrien: »Das sind ja nette Mönche, rauben erst die Leute aus und spazieren danach hier herum!«
Schon machten sich die Soldaten gemeinsam ans Werk. Sie zerrten Tripitaka vom Pferd, legten ihn und dann auch Pilger und die anderen beiden Schüler in Stricke, worauf jeder an einer Tragstange von zwei Soldaten aufgebuckelt wurde. So führte man sie mitsamt Pferd und Gepäck in die Stadt zurück. So sah das nun aus:
Tripitaka bebt vor Angst,
Sprachlos und von Tränen voll;
Eber Bajie murrt und mault,
Hegt im Herzen seinen Groll.
Sandmönch murmelt vor sich hin,
Innerlich doch sehr bedrückt;
Pilger kichert nur und sinnt,
Welche List er nun ausheckt!
Flugs brachten die Soldaten die Mönche in die Stadt, führten sie zur zuständigen Behörde und erklärten: »Verehrter Herr, Eure Soldaten haben die Banditen festgenommen!«
Der Präfekt, der in der Halle thronte, erteilte die Belohnung, nahm die erbeuteten Gegenstände in Augenschein und benachrichtigte die Familie Kou, die Sachen abzuholen. Dann ließ er Tripitaka und die anderen vor sich führen und sprach: »Ihr Mönche behauptet, ihr kämet aus dem fernen Osten und wolltet im Westen Buddha huldigen. Dabei seid ihr nur Räuber und Einbrecher!«
Da sprach Tripitaka: »Möge der hohe Herr uns anhören! Geringe Mönche sind keine Räuber; dies ist aus unserem Reisepass zu ersehen. Weil uns Junker Kou einen halben Monat lang beherbergte, wofür wir ihm äußerst dankbar sind, haben wir den Räubern, denen wir unterwegs begegnet sind, das Diebesgut entwendet, um es im Sinne unserer Dankbarkeit der Familie Kou zurückzubringen. Entgegen aller Erwartung wurden wir jedoch von Euren Soldaten festgenommen, die uns dann fälschlicherweise für Diebe hielten. Wir sind wirklich keine Diebe; möge der hohe Herr dieser Sache auf den Grund gehen!«
Der Präfekt aber rief: »Elendes Pack! Da seid ihr von der Streitmacht festgenommen worden und sucht euch mit Dankbarkeit herauszureden! Warum bringt ihr denn die Räuber nicht mit, wenn ihr sie getroffen haben wollt? Warum seid nur ihr da? Lest die Schrift, die Kou Liang eingereicht hat, darin wird auf eure Namen Anklage erhoben! Und da erdreistet ihr euch noch, euch rechtfertigen zu wollen!«
Tripitaka las die Anklageschrift und war zu Tode erschrocken. Dann rief er Wukong zu: »Warum hilfst du nicht, uns zu verteidigen?«
»Die Beweise liegen vor, was hilft es?« versetzte Pilger.
»So ist es!« rief der Präfekt. »Angesichts dieser Beweise lässt sich nichts abstreiten!« Und er rief seinen Untergebenen zu: »Bringt die Schädelschnüre! Erst werden diesen kahlköpfigen Banditen die Schädel eingeschnürt, dann kriegen sie eine Tracht Prügel!«
Da sann Pilger: »Auch wenn das Unglück meinem Meister vorbestimmt ist, darf ich ihn nicht leiden lassen.«
Schon legten die Schergen Schnürbänder bereit. Da rief er: »Hoher Herr, bitte verschont jenen Mönch! Ich war es, der gestern Nacht bei den Kous eingebrochen ist; ich war es auch, der die Fackel hielt, den Dolch benutzte, raubte und mordete. Ich bin der Anführer, Ihr braucht nur mich zu schlagen. Es reicht, wenn Ihr mich allein festhaltet.«
Da gab der Präfekt Befehl, diesem Mönch zuerst den Kopf zu schnüren. Gemeinsam legten die Schergen Hand an und stülpten Pilger das Schnürband über den Kopf, doch als sie es enger zogen, machte es »ratsch!« und das Band zerriss. Sie legten ein zweites an, zogen an, und schon war es wieder entzwei. So ging es drei, vier Mal, ohne dass Pilgers Kopfhaut auch nur einen Kratzer davontrug. Als sie abermals ein neues Band holen wollten, hörte man plötzlich, wie jemand meldete: »Ehrwürdiger Herr! Der Hofrat Chen ist eingetroffen; der hohe Herr möge ihn vor dem Stadttor in Empfang nehmen!«
Da rief der Präfekt seinen Bütteln zu: »Steckt die Diebe in den Kerker und bewacht sie gut. Nach dem Empfang der Obrigkeit wird das Verhör weitergeführt.«
Also stießen die Folterknechte Tripitaka und seine Schüler in den Kerker; Bajie und Sandmönch schulterten auch das Gepäck mit hinein.
»Meine Schüler, was geht hier vor?« rief Tripitaka.
»Geht nur rein, Meister«, lachte Pilger, »geht einfach rein! Hier bellt kein Hund, das ist doch ganz lustig.«
Ach die Armen! Alle vier wurden in eine Kerkerzelle gedrängt, auf Folterpritschen an Bauch, Stirn und Brust festgeschnürt, und dann begannen die Büttel wild auf sie einzuschlagen. Tripitaka konnte die Schmerzen nicht ertragen und schrie: »Wukong! Was tun wir bloß!«
»Die hauen uns nur, weil sie Geld wollen«, meinte Pilger, »so heißt es doch im Volksmund: ›Wenn’s gutgeht, mach es dir schön fein, wenn’s schlechtgeht, setz Moneten ein.‹ Es reicht, wenn wir ihnen ein bisschen Geld geben.«
»Woher soll ich denn Geld nehmen?« rief Tripitaka verzweifelt.
»Wenn nicht, geht auch ein Kleid. Gebt einfach Eure Robe.«
Das gab Tripitaka einen Stich ins Herz. Doch die Schläge waren unerträglich, und so rief er schließlich: »Wie du willst, Wukong!«
»Werte Herren«, rief Pilger, »ihr braucht nicht länger zu schlagen. In unserem Gepäck ist eine brokatene Priesterrobe, die ist Gold wert. Macht die Bündel auf und nehmt sie mit!«
Als die Büttel dies hörten, machten sie sich über das Bündel her. Anfangs fanden sie nur ein paar Kleidungsstücke, doch nichts von Wert. Erst zuletzt entdeckten sie, eingepackt in mehrere Lagen Pergamentpapier, etwas Glitzerndes und merkten sofort, dass es sich um eine Kostbarkeit handeln musste. Sie nahmen das Gewand heraus und sahen:
Prächtig ausgeschmückt mit Perlen
Buddhas Schätze hier in Füllen,
Drachenmuster auf den Knöpfen,
Phönixe die Robe schmücken!
Alle wollten einen Blick erhaschen, bis am Ende der Kerkermeister aufmerksam wurde, herbeigelaufen kam und schrie: »Was soll dieser Radau?«
Die Büttel knieten vor ihm nieder und sprachen: »Väterchen, eben hat unser Vorgesetzter diese Mönche heruntergeschickt, es sind Banditen. Nach ein paar Schlägen haben sie uns dieses Gewand gegeben. Nun wäre es doch zu schade, wenn wir es zerteilen würden, aber wenn nur einer es kriegt, hätten die anderen nichts davon. Glücklicherweise seid Ihr gekommen, möget Ihr die Entscheidung fällen!«
Der Kerkermeister betrachtete das Gewand und sah, dass es eine Priesterrobe war. Da machte er das Gepäck auf, fand das Passdokument und darin die Siegel und Unterschriften von Königen aller Herren Länder. Da rief er: »Ein Glück, dass ich gekommen bin, sonst hättet ihr noch etwas angestellt. Diese Mönche sind keine Banditen; lasst mir die Finger von diesem Kleid! Morgen, wenn der hohe Herr die Befragung weiterführt, werden wir gewiss mehr erfahren.«
Als die Büttel dies hörten, packten sie alles wieder ein und reichten es dem Kerkermeister zur Verwahrung.
Allmählich brach die Dämmerung an, vom Trommelturm erklangen die ersten Schläge, und die Nachtwächter machten ihren Gang. Pilger harrte bis zum frühen Morgen, als es drei Viertel nach der vierten Nachtwache schlug. Wie er die anderen fest schlafen sah, sann er: »Diese Nacht im Kerker war dem Meister vorbestimmt; nur deshalb hab ich alter Sun noch nichts gesagt und keinen Zauber angewendet. Doch nun ist die vierte Nachtwache um, sein Leid bald ausgestanden. Jetzt muss ich die nötigen Vorkehrungen treffen, dass wir hier rauskommen, sobald es Tag wird.«
Er verkleinerte sich, bis er aus den Gürteln der Folterpritsche schlüpfen konnte, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Flugheuschrecke und surrte durch eine Ritze zwischen den Dachziegeln ins Freie. Draußen leuchteten die Sterne am Himmel, und der Mond schien hell, so dass er eine gute Sicht hatte, und so flog er geradewegs dem Hause Kou entgegen. Etwas weiter westwärts an derselben Straße fiel ihm ein Hauseingang auf, der hell erleuchtet war, da surrte er hin und schaute. Es waren Leute, die Tofu herstellten. Ein alter Mann fachte gerade das Feuer an, während ein altes Mütterchen die Sojamilch durch ein Tuch drückte. Da begann der Alte zu reden und meinte: »Mutter! Der Kou, der hat ja Söhne und Geld gehabt, aber ein langes Leben war ihm nicht vergönnt. Ich hab doch als Kind mit ihm auf derselben Schulbank gesessen, dabei bin ich fünf Jahre älter als er. Sein Vater, der alte Ming, der hatte damals noch keine tausend Mu Ackerland. Hat auch bisschen Geld verliehen, aber die Zinsen dann doch nicht gekriegt. Als Kou zwanzig war, ist der alte Ming gestorben, da hat er selbst den Haushalt geführt; eigentlich war das sein Glück. Dann hat er sich eine Frau genommen, das war die Tochter vom Zhang Wang, die nannte man als Kind ›Nadelörchen‹, aber die hat ihn richtig reich gemacht. Seit sie in seinem Haus war, hat er immer reiche Ernte eingefahren, der Geldverleih lief gut, wo er anlegte, fiel Rendite ab; was er auch tat, er verdiente dran. Die haben heute sicher mindestens hunderttausend an Vermögen. Als er dann vierzig wurde, hat er sich besonnen und wollte was Gutes tun. Hat angefangen, zehntausend Mönche zu beköstigen. Und jetzt ist er gestern Nacht einfach von Banditen umgebracht worden. Der Arme ist doch dieses Jahr erst grad vierundsechzig geworden, da hätte er so schön den ganzen Besitz genießen können. Dass ihm seine Wohltätigkeit kein besseres Schicksal gebracht hat! Stattdessen musste er vorzeitig sterben; es ist ein Elend!«
Pilger hatte sich alles angehört. Inzwischen war es kurz nach der fünften Nachtwache. Da surrte er ins Haus der Kous hinein, wo in der Haupthalle bereits der Sarg aufgebahrt war. Am Kopfende waren Räucherwerk, Früchte und Blumen aufgestellt, und die alte Frau saß weinend daneben. Nun sah er, wie die beiden Söhne herantraten und sich weinend verneigten, dann stellten die zwei Schwiegertöchter je eine Schale Reis als Opfergabe hin. Pilger ließ sich am Kopfende nieder und hüstelte. Entsetzt warfen die Schwiegertöchter die Arme hoch und liefen davon. Kou Liang und sein Bruder aber beugten sich kniend vornüber und riefen, ohne eine Regung zu wagen: »Vater, was ist?«
Die Mutter hingegen schlug forsch mit der Hand auf den Sarg und rief: »Lebste noch, alter Junker?«
Da sprach Pilger mit der Stimme des Junkers: »Ich lebe nicht mehr.«
Den Söhnen standen die Haare zu Berge. Da nahm die Mutter allen Mut zusammen und fragte: »Aber Junker, warum sprichst du denn?«
»König Yama hat Geisterboten geschickt, mich hierherzuführen und mit euch zu reden«, sprach Pilger. »Er sagt, Nadelörchen Zhang habe Unschuldige durch Lügen ins Verderben gezogen.«
Wie das Mütterchen nun ihren Kindernamen hörte, kniete sie bestürzt nieder, schlug die Stirn auf den Boden und sprach: »Ach guter Alter, in den alten Tagen erinnerst du dich noch an meinen Kindernamen! Aber was für Lügen sollen welche Unschuldigen ins Verderben gebracht haben?«
Da rief Pilger mit gestrenger Stimme: »Was war das für ein ›Der Priester hielt die Fackel, Bajie rief zum Töten auf, Sandmönch nahm die Schätze, Sun erschlug den Vater‹? Weil du gelogen hast, müssen jetzt gute Menschen leiden! Die vier hohen Herren aus dem chinesischen Kaiserreich sind auf ihrem Weg den Räubern begegnet, haben ihnen die Beute abgenommen und wollten sie uns in bester Absicht bringen. Du aber hast eine falsche Aussage gemacht und unsere Söhne geschickt, sie anzuzeigen. Nun hat die Verwaltung den Fall nicht weiter untersucht und sie eingekerkert; darob sind der Kerkergott, der Erdgeist und der Stadtgott so entsetzt, dass sie die Sache König Yama gemeldet haben. Darum hat König Yama mich von einem Geisterboten hierherführen lassen, damit ihr so schnell wie möglich dafür sorgt, dass die Mönche aus dem Kerker herauskommen. Andernfalls, hat er mir gesagt, soll ich einen Monat lang im Haus herumgeistern, bis im ganzen Anwesen keiner mehr übrig bleibt, Hühner und Hunde eingeschlossen!«
Da flehten die Gebrüder Kou unter vielen Stirnaufschlägen: »Vater, bitte kehrt zurück, tut um Himmels willen unserer Familie nichts an! Sobald der Tag anbricht, werden wir bei der Verwaltung eine Erklärung einreichen. Wir hoffen, dass diese anerkannt wird und man Euch zurückruft, auf dass die Lebenden und die Toten ihre Ruhe haben!«
Pilger forderte sie auf, Totengeld zu verbrennen, und rief: »Ich gehe!«
Nun setzte sich die ganze Familie zusammen und verbrannte Totengeld. Pilger aber schlug mit seinen Flügeln und surrte geradewegs zum Anwesen des Präfekten, wo er hinunterspähte und sah, dass in einem der Zimmer bereits Licht angezündet war; der Präfekt musste also schon aufgestanden sein. In der Haupthalle fiel Pilger in der Mitte der Rückwand ein Bild auf, das einen Beamten zeigte, der auf einem Schimmel saß, daneben mehrere Gefolgsleute. Der Beamte hielt einen blauen Schirm über sich aufgespannt und trug einen Klappstuhl in der Hand. Ohne zu wissen, um was für eine Geschichte es sich handelte, landete Pilger auf dem Bild. Da kam der Präfekt aus seinem Zimmer und begann in gebeugter Haltung das Gesicht zu waschen. Pilger gab ein lautes Räuspern von sich. Der Präfekt fuhr zusammen, lief verängstigt ins Zimmer zurück, und als er schließlich fertig gekämmt und eingekleidet wieder herauskam, entzündete er vor dem Bild ein Räucherstäbchen, verneigte sich und sprach: »Seliger Onkel Jiang Qianyi auf dem Ahnenthron! Dank der schützenden Tugend meiner Vorfahren habe ich, Neffe Jiang Kunsan, die Prüfung ersten Ranges bestanden und bekleide heute das Amt des Präfekten. Täglich bringe ich Euch morgens und abends Weihrauch und Kerzen dar; wie kommt es, dass heute plötzlich Eure Stimme erklingt? Bitte macht uns keinen Spuk im Hause, es würde dies die Familie sehr erschrecken.«
Pilger kicherte in sich hinein und dachte: »Dann ist das Bild zu Ehren seines Onkels aufgehängt!« Also ergriff er die Gelegenheit und rief: »Kunsan, werter Neffe! Wie konntest du, der du unter Obhut deiner Vorfahren aufrichtigen Sinnes als Beamter waltest, gestern nur so unwissend handeln und vier Mönche ohne weitere Untersuchungen als Räuber einsperren lassen? Diese Tat hat den Kerkergott und den Erdgeist so beunruhigt, dass sie bei König Yama vorsprachen. Dieser hat nun einen Geisterboten beauftragt, mich hierherzuführen, damit ich zu dir spreche und dafür sorge, dass du der Sache auf den Grund gehst und die Mönche so schnell als möglich befreist. Ansonsten wollen sie dich zum Verhör in die Unterwelt bestellen.«
Diese Worte flößten dem Präfekten mächtig Angst ein. Schließlich antwortete er: »Kehrt zurück, werter Onkel, Euer Neffe wird sogleich die Amtsstube betreten und sie auf der Stelle freilassen.«
»Wenn dem so ist«, sprach Pilger, »dann opfere jetzt Totengeld; ich werde König Yama gleich Bericht erstatten.«
Der Präfekt entzündete abermals Räucherstäbchen, verbrannte Totengeld und verbeugte sich dankend. Pilger aber surrte hinaus und sah, dass der Himmel im Osten schon heller wurde. Da flog er zur Kreisstadt Diling, wo er in einer Amtshalle alle Kreisbeamten bei einer Versammlung vorfand. Da dachte er bei sich: »Wenn ich hier als Heuschrecke spreche und dabei entdeckt werde, käme der Pferdefuß zum Vorschein; das wäre der Sache nicht dienlich.« Da verwandelte er sich in der Höhe zu einem großen Dharmakörper und streckte einen Fuß in die Halle hinein, dass sie fast ausgefüllt war. Gleichzeitig rief er: »Hört gut zu, ihr Amtsträger! Ich bin der Schweifende Wandergeist; der Jadekaiser hat mich ausgesandt, euch zu melden, dass im Kerker eurer Präfektur buddhistische Pilgermönche zu Unrecht festgehalten werden. Die Götter aller drei Sphären sind darob beunruhigt, darum habe ich den Auftrag, euch diese Meldung zu bringen, damit die Pilgermönche so schnell als möglich freigelassen werden. Ich soll, falls ihr noch zu säumen wagt, jeden Amtsträger hier in der Präfektur und in der Kreisstadt zu Tode treten, ringsum alles Volk zerstampfen und die ganze Stadt in Schutt und Asche legen!«
Entsetzt knieten Beamte und Büttel der Kreisverwaltung nieder und riefen: »Hoher Heiliger, bitte kehrt zurück. Wir werden sogleich in die Präfektur gehen und den geschätzten Präfekten in Kenntnis setzen, damit er die Pilger freilässt. Aber verschont uns um alles in der Welt, wir sind zu Tode erschrocken!«
Da stellte Pilger den Zauber ein, verwandelte sich wieder in eine Flugheuschrecke und surrte in den Kerker zurück, wo er sich wie zuvor in die Gürtel der Folterpritsche zwängte.
Doch wenden wir uns nun dem Präfekten zu, der inzwischen seine Amtsstube betreten und die Klagetafel draußen aufgestellt hatte, als auf einmal die Brüder Kou unter lauten Rufen mit der Tafel hereinkamen und ein Schreiben mit der Bitte um Einstellung der Anklage einreichten. Ungehalten rief der Präfekt: »Gestern habt ihr eine Verlustanzeige erstattet, und ich habe die Diebe verhaften lassen, und jetzt kommt ihr wieder mit einer Bitte um Einstellung?«
Unter Tränen berichteten die beiden, wie ihnen die Stimme ihres Vaters erschienen sei, und schlossen mit den Worten: »Wir bitten den hohen Herrn um gnädiges Entgegenkommen!«
Als der Präfekt dies hörte, dachte er bei sich: »Ihr Vater ist ja eben erst gestorben, dass seine Seele erscheint, ist so weit nachvollziehbar. Mein Onkel aber ist vor bald sechs Jahren verschieden; wie kommt es, dass heute früh auch er mir erschien und mich die Mönche freisprechen hieß? Da muss es sich wahrhaftig um ein großes Unrecht handeln!«
Er war noch ganz in diese Gedankengänge versunken, als auf einmal der Kreisvorsteher von Diling mit seinen Beamten eintraf. Alle rannten herein und riefen wild durcheinander: »Verehrter hoher Herr, ein Unheil! Eben hat der Jadekaiser den Schweifenden Wandergeist auf Erden gesandt, und der sagte, Ihr solltet auf der Stelle die Mönche freilassen, die bei Euch im Kerker sitzen, denn sie seien keine Räuber, sondern schriftenholende Buddhajünger. Falls Ihr auch nur ein bisschen säumen solltet, droht er alle Amtsträger zu zertreten und die Stadt mitsamt der Bevölkerung in Schutt und Asche zu legen!«
Der Präfekt erblasste. Sogleich ließ er den Kerkermeister eilends eine Befehlstafel beschriften, dann wurden die Gefangenen geholt.
Sorgenvoll meinte Bajie: »Wer weiß, wie sie uns heute wieder traktieren!«
»Ich gebe dir mein Wort, dass sie uns kein Haar krümmen«, lachte Pilger. »Ich alter Sun habe alles perfekt organisiert. Geht in der Halle bloß nicht in die Knie; die werden uns in allen Ehren Sitzplätze anbieten. Ihr könnt dann zuschauen, wie ich sie abfertige.«
Er kam nicht weiter, denn nun waren sie bereits in der Amtshalle und wurden auch schon von Amtsträgern aller Ränge aus Präfektur und Kreisstadt in Empfang genommen.
»Heilige Mönche!« rief der Präfekt, »als ihr gestern eingetroffen seid, war ich zum einen mit dem Empfang der Obrigkeit beschäftigt, zum anderen lag das Diebesgut vor, daher kamen wir leider nicht dazu, euch näher zu befragen.«
Der Priester verneigte sich mit gefalteten Händen und berichtete nun ausführlich, wie sich alles zugetragen hatte. Einhellig stimmten ihm die Beamten zu und riefen: »Ja, es war ein Unrecht! Was für eine Schande!«
Doch nun trat Pilger vor, rollte zornig seine Augen und schrie: »Und unser Schimmel, unser Gepäck? Gebt uns sofort alles zurück! Heute müsste ich euch mal ins Verhör nehmen! Überlegt euch mal, was für eine Strafe ihr verdient dafür, dass ihr rechtschaffene Bürger als Diebe zu verleumden wagt!«
Dieses grimmige Auftreten jagte jedem Beamten Furcht und Schrecken ein. Unverzüglich ließ man Pferd und Gepäck bringen und übergab ihnen alle Sachen.
Seht, wie die drei Schüler nun zornig auffahren, während die Beamten die Verantwortung auf die Kous zu schieben suchen!
Beschwichtigend rief Tripitaka: »Meine Schüler, das ist der Sache auch nicht dienlich. Lasst uns erst zum Hause Kou gehen, um zu kondolieren und auch um herauszufinden, wer uns eigentlich als Diebe verleumdet hat.«
»Ihr habt recht«, stimmte Pilger zu, »wartet, ich alter Sun will erst den Toten auferwecken, dann können wir ihn fragen, wer ihn ermordet hat.«
Mitten in der Halle half Sandmönch Tripitaka in den Sattel, dann drängten sie unter lauten Rufen nach draußen. Auch die zahlreichen Präfektur- und Kreisbeamten begaben sich einer nach dem anderen zum Hause Kou, wo die bestürzten Gebrüder Kou sie am Eingang unter Stirnaufschlägen willkommen hießen. Drinnen fanden sie die Halle, wo die Leiche aufgebahrt war und die Familie hinter einem Vorhang weinend und klagend den Sarg umstand.
»Hör auf zu heulen, du Lug und Trug stiftendes Weib!« rief Pilger, »warte nur, bis ich alter Sun deinen Mann gerufen habe! Dann wollen wir schauen, wer ihn umgebracht hat. Du sollst dich schämen!«
Die Beamten hielten Pilgers Worte für einen Scherz, doch nun rief Pilger: »Werte Herren, bitte geruht einen Moment Platz zu nehmen; ich bin gleich wieder da.«
Schon sprang er zur Tür hinaus, sah zum Himmel auf und schoss empor. Da begriffen die Anwesenden, dass er ein Unsterblicher war, der auf Wolken fliegen konnte, und so nahm jeder Räucherstäbchen zur Hand und verneigte sich ehrfürchtig. Der Große Heilige aber schoss unter vielen Wolkenüberschlägen in die Welt der Finsternis, wo er sich geradewegs in die Senluo-Halle stürzte. Erschrocken traten die Zehn Höllenkönige vor und fragten nach seinem Anliegen.
»Wer von euch hat den Geist des Kou Hong eingezogen, der im Kreise Diling in der Präfektur Tongtai Mönche beköstigte? Schnell, macht ihn ausfindig und gebt ihn mir mit!«
Da sprach König Qinguang: »Der wohltätige Kou Hong wurde nicht von einem Geisterboten geholt, er ist von selbst gekommen. Er traf den Goldgewandeten Knaben des Bodhisattvakönigs Ksitigarbha, der hat ihn mitgenommen, bei König Ksitigarbha vorzusprechen.«
Pilger rief einen kurzen Abschiedsgruß und sauste weiter zum Palast der Smaragdenen Wolken, wo er König Ksitigarbha fand und berichtete, was sich zugetragen hatte.
König Ksitigarbha aber sprach: »Das Erdenleben des Kou Hong sollte der Bestimmung nach an dieser Stelle enden; sein Schicksal wollte es, dass er nicht auf dem Krankenlager sterben würde. Weil er aber so wohltätig war, habe ich ihn zum
Verwalter der Aufzeichnungen heilsamer
Schicksalsverbindungen ernannt. Da Ihr nun eigens gekommen seid, Großer Heiliger, will ich sein Erdenleben um ein Dutzend Jahre verlängern. Er mag mit Euch gehen, Großer Heiliger.«
Der Goldgewandete Knabe führte Kou Hong vor Pilger, und dieser erklärte: »Ihr seid von einem Räuber mit einem Fußtritt getötet worden und befindet Euch jetzt im Palast des Bodhisattvakönigs Ksitigarbha. Ich alter Sun bin eigens gekommen, Euch ins Diesseits zurückzuführen, damit das Geschehnis aufgeklärt werden kann. Da der Bodhisattva Euch
vergönnt, zurückzukehren, und gar Euer Erdenleben verlängert, braucht Ihr erst in zwölf Jahren wieder hierherzukommen.«
Der Junker vollzog tiefe Verbeugungen und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Pilger aber dankte dem Bodhisattva und verabschiedete sich. Mit einem Atemhauch löste er den Junker in Luft auf, steckte ihn in seine Ärmeltasche und kehrte zurück in die Sphäre der Lebenden. Alsbald senkte er seine Wolke und kam ins Haus zurück, wo er Bajie den Sarg aufstemmen hieß. Gleichzeitig stieß er die Seele in den Körper, so dass dieser wieder zu atmen begann und ins Leben zurückkehrte. Bald stieg der Junker aus dem Sarg, warf sich vor dem Priester und dessen Schülern auf die Knie und rief unter ehrerbietigen Stirnaufschlägen: »Meister, o Meister! Ich bin eines unverdienten Todes gestorben; dank sei Euch, der Ihr ins Totenreich gekommen seid, mich wieder ins Leben zu rufen! Euch verdanke ich ein neues Leben!«
Bald stieg der Junker aus dem Sarg und warf sich vor dem Priester und dessen
Schülern auf die Knie.
So sprach er in einem fort seinen Dank aus. Als er schließlich ringsum die vielen Amtsträger gewahrte, warf er sich erneut zu Stirnaufschlägen nieder und rief: »Wie kommt es, dass all die geehrten hohen Herren in unserem Hause sind?«
Da berichtete ihm der Präfekt, was sich alles ereignet hatte, und der Junker sprach immer noch kniend: »Hohe Herren! In der Tat sind die vier heiligen Mönche zu Unrecht angeklagt worden. In jener Nacht war eine Bande von über dreißig Räubern da; sie hatten Fackeln und Stangen und raubten alles aus. Beim Versuch, mit ihnen zu verhandeln, wurde ich von einem von ihnen mit einem Fußtritt getötet. Was könnte dies auch mit den vier verehrten Mönchen zu tun haben?« Er rief nach seiner Frau und fragte: »Wie konntest du nur eine verleumderische Klage einreichen? Bitte die hohen Herren um einen Schuldspruch!«
Da warfen sich alle Angehörigen auf die Knie und schlugen die Stirn auf den Boden. Der Präfekt jedoch ließ Milde walten und sah von weiteren Befragungen ab. Schließlich ließ Junker Kou Hong ein reiches Festmahl zubereiten und entlohnte die Präfektur- und Kreisbeamten für ihre hohe Gunst. Diese aber gingen, ohne zu säumen, zu ihren Ämtern zurück. Tags darauf wurde das Schild, das die Verköstigung von Mönchen ankündigte, von neuem aufgehängt und Tripitaka zum Verweilen gebeten. Da dieser sich standhaft weigerte, lud man abermals Verwandte und Bekannte ein, bereitete Flaggen und Fahnen vor und gab der Pilgerschaft wie zuvor ein großes Abschiedsgeleit.
Oho! So war es in der Tat:
Es kann die weite Erdenwelt
Gar schlimme Sachen bergen,
Doch das hohe Himmelszelt
Missachtet nicht die Guten.
Festen Sinnes schreiten sie
Auf Buddhas lichten Wegen;
Der Seelenberg allein ist Ziel,
Das Tor zum höchsten Segen!
Und da wir nicht wissen, ob sie von hier aus zu Buddha gelangten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.