Wie berichtet, hatten sich der chinesische Priester und seine Schüler vom Junker Kou verabschiedet und kamen abermals auf die Landstraße. Wahrhaftig, hier war das Buddhaland des Westens, ganz anders als alles, was sie bisher gesehen hatten. Es gab Blumen und Gräser aus Jaspis und Edelsteinen, uralte Zypressen und tiefdunkle Kiefern, und wo sie auch hinkamen, waren alle wohltätig und spendeten Mönchen Almosen. An jedem Berg konnte man Menschen sehen, die sich meditierend der Vervollkommnung hingaben, in Wäldern wurden Heilige Schriften vorgetragen. So gingen Meister und Schüler Tag für Tag von früh bis spät ihres Weges. Nachdem sie sechs, sieben Tage gepilgert waren, fiel ihnen eine Gruppe stattlicher Bauwerke und vielstöckiger Pagoden in den Blick. So war es in der Tat:
Himmelwärts wohl hundert Fuß
Sie zum Silberfluss sich recken;
Nach entrückten Höhen strebend,
Wie um Sterne sich zu pflücken.
Wenn des Kranichs Botschaft kommt,
Der alte Baum schon herbstlich steht;
Trifft des Phönix Schreiben ein,
Kühl der Abendwind schon weht.485
Tripitaka deutete mit der Peitsche zu den Bauten und rief: »Wukong, was für ein schöner Ort!«
»Meister«, entgegnete Pilger, »vor falschen Bildern und Statuen habt Ihr Euch immer unbedingt verneigen wollen; warum mögt Ihr denn heute, da wir am wahren Ort vor dem wirklichen Buddha stehen, nicht einmal vom Pferd steigen?«
Auf diese Worte sprang Tripitaka bestürzt vom Sattel. Als sie bald darauf am Eingang der hohen Bauwerke standen, gewahrten sie einen Daoistenknaben, der ihnen, an den Torbogen gelehnt, zurief: »Sind die Ankömmlinge etwa die Schriftenholer aus dem Osten?«
Der Priester sah genauer hin, konnte aber nicht ausmachen, wer es war. Doch der Große Heilige hatte ihn längst erkannt und rief seinem Meister zu: »Das ist der Große Goldhäuptige Unsterbliche vom daoistischen Kloster der Jadenen Wahrheit am Fuß des Seelenberges. Er ist hier, uns zu empfangen!«
Da erst ging Tripitaka ein Licht auf; er trat vor und grüßte höflich.
Der Unsterbliche lächelte: »Da seid Ihr ja endlich, heiliger Priester. Bodhisattva Guanyin hat mich schön verulkt. Vor zehn Jahren, als sie mit Buddhas goldenem Edikt aufbrach, um im Osten einen Schriftenholer zu suchen, meinte sie, in zwei, drei Jahren müsste dieser wohl hier ankommen. Nun habe ich Jahr für Jahr auf Euch gewartet, ohne auch nur die geringste Nachricht zu erhalten. Euch heute anzutreffen hätte ich nicht gedacht.«
Tripitaka faltete die Hände vor der Brust und sprach: »Dank sei Euch, Großer Unsterblicher, für Euren herzlichen Empfang! Ich bin gerührt, äußerst gerührt!«
Nun betraten alle vier mit Pferd und Gepäck die
Klosteranlage, und jeder vollzog vor dem Großen Unsterblichen die Begrüßungsriten. Dieser ließ Tee und Speisen auftischen und schickte dann einen Klosterknaben, duftendes Badewasser zu wärmen, damit die heiligen Mönche ein reinigendes Bad nehmen konnten, bevor sie Buddhas Boden betraten. So war es in der Tat:
Der Weg vollbracht, das Werk getan,
Es steht ein reines Bad bereit;
Das innere Wesen, zahm und rein,
Kehrt zur himmlischen Lauterkeit.
Hundert Leiden, tausend Mühen
Dürfen heut endgültig ruhen;
Neun Geboten, drei Hingaben486
Kann Erneuerung geschehen.
Frei fürwahr von Ungeheuern
Sie hier Buddhas Land betreten;
Nun, da alle Not vergangen,
Schauen sie des Buddha Pforten.
Rundum sind sie nunmehr rein,
Schmutz und Staub sind abgetan;
In den Urgrund kehrt ihr Sein,
Nimmt den ewigen Körper an.487
Nachdem Meister und Schüler ihr Bad genommen hatten, ging der Tag allmählich zur Neige, und so verbrachten sie die Nacht im Kloster der Jadenen Wahrheit.
Tags darauf kleidete sich Tripitaka um, legte seine brokatene Robe an, setzte den Priesterhut auf und trat mit dem Priesterstab in der Hand in die Tempelhalle, um sich vom Großen Unsterblichen zu verabschieden. Dieser lachte und meinte: »Gestern in schäbiger Kutte, heute in frischem Glanz! In dieser Ausstattung macht Ihr Euch wahrhaftig wie ein echter Buddhasohn.«
Tripitaka verneigte sich und wollte sich zum Gehen wenden, da sagte der Große Unsterbliche: »Wartet, ich will Euch ein Stück begleiten.«
»Nicht nötig«, versetzte Pilger, »ich alter Sun kenne den Weg.«
»Ihr kennt nur den Wolkenweg. Der heilige Mönch kann noch nicht auf Wolken schweben; er muss auf dem eigentlichen Weg hingehen.«
»Ihr habt recht«, stimmte Pilger bei, »ich alter Sun war ja schon öfter hier, doch immer nur auf Wolken; diesen Boden hab ich tatsächlich noch nie betreten. Nun, wenn es einen eigentlichen Weg gibt, mögt Ihr ihn uns weisen. Meinen Meister drängt es sehr, vor Buddha zu treten, dann werden wir auch nicht unnötig aufgehalten.«
Lächelnd führte der Unsterbliche den Priester am Arm und geleitete damit Meister Sandal zur Pforte des Dharma. Nun stellte sich heraus, dass der Weg gar nicht vom Klosterportal wegführte, sondern direkt durch die mittlere Halle über den hinteren Ausgang zu erreichen war. Dort wies der Große Unsterbliche mit der Hand zum Seelenberg und sprach: »Seht, heiliger Priester, dort oben am Himmel, inmitten jener heilvollen regenbogenfarbenen Strahlen und des vielfältig schimmernden Dunstes, dort auf dem Geiergipfel vom Seelenberg, sind Buddhas heilige Gefilde.«
Der Priester blickte empor und vollzog eine tiefe Verbeugung.
»Ach Meister«, lachte Pilger, »hier ist noch längst nicht der Ort, sich zu verbeugen! Ihr kennt doch das Wort: ›In den
Bergen zieht der Weg sich hin, als würd’ man rückwärtsreiten.‹ Von hier aus ist es noch weit, wozu schon mit Beten anfangen? Denkt bloß, wie viele Stirnaufschläge wir machen müssten, wenn wir so auf den Gipfel klettern wollten!«
Da sprach der Unsterbliche: »Heiliger Priester, Ihr befindet Euch nun mit dem Großen Heiligen, dem Marschall Tianpeng und dem General Gardinenroller bereits in den Glücklichen Gefilden und seht den Seelenberg. Dann gehe ich jetzt zurück.«
Tripitaka verabschiedete sich mit einer Verneigung und ging seines Weges. Gemessenen Schrittes führte der Große Heilige den Priester und die anderen voran. Nach fünf, sechs Meilen gelangten sie an einen reißenden Strom, dessen Wogen sich tosend und schäumend überschlugen. Er mochte an die acht, neun Meilen breit sein. Ringsum war kein Mensch zu sehen.
Verängstigt meinte Tripitaka: »Wukong, hat uns vielleicht der Große Unsterbliche gar nicht den richtigen Weg gewiesen? Wie sollen wir je über dieses Wasser gelangen, das so breit und wild daherströmt, und weit und breit kein Schiff in Sicht?«
»Doch, genau das ist der richtige Weg!« lachte Pilger. »Schaut, dort drüben ist eine große Brücke. Nur wenn Ihr sie überquert, könnt Ihr die Wahre Frucht erreichen!«
Der Priester ging mit den anderen hin und schaute. Vor der Brücke stand eine Tafel, auf der in drei Schriftzeichen geschrieben stand: » 凌雲渡 – Wolkenhoher Übergang«. Nun stellte sich heraus, dass es nur ein dünner Baumstamm war. In der Tat:
Was von ferne in den Lüften
Einem jadenen Balken glich,
Ist von nah ein schmaler Stecken,
Überm Wasser nur ein Strich.
Eine Planke, schmal und glatt,
Fürwahr schwierig zu beschreiten,
Es sei denn, man wär’ ein Gott,
Könnte über Wolken gleiten!
Tripitaka rief erschrocken: »Wukong, diese Brücke ist nicht für Menschen gemacht, lass uns einen anderen Weg suchen!«
»Doch, doch!« gab Pilger lachend zurück, »genau das ist der Weg!«
»Wenn das der Weg ist«, meinte Bajie, »wer soll sich da drüberwagen? Ein derart breiter Strom mit schäumenden Wogen, darüber nichts als ein dünner, glitschiger Balken, wie soll man da hinüberkommen?«
»Bleibt stehen und schaut mal, wie ich alter Sun das mache«, rief Pilger. Schon holte er ein paar Schritte aus, sprang auf den Steg und tänzelte schwankend hinüber. Im Nu war er auf der anderen Seite, winkte und rief: »Kommt her, kommt her!«
Entmutigt winkte der Priester ab. Bajie und Sandmönch bissen sich auf die Finger und murmelten: »Schwer, schwer, schwer!«
Schließlich lief Pilger über die Brücke zurück, zerrte Bajie hin und rief: »Komm mit, Tölpel!«
Bajie aber warf sich platt auf den Boden und rief: »Das ist viel zu glitschig! Das geht gar nicht! Verschone mich, lass mich über Wind und Nebel fliegen!«
Pilger aber packte ihn und sprach: »Wo denkst du hin? Glaubst du etwa, an einem solchen Ort wäre es dir erlaubt, einfach so rumzufliegen? Nur wenn du über diese Brücke gehst, wirst du ein Buddha.«
»Bruder«, ächzte Bajie, »ob Buddha oder nicht, hier komm ich wirklich nicht rüber!«
Während die beiden aneinander zerrten und zankten, tauchte am Oberlauf ein Boot auf, von wo jemand rief: »Überfahrt! Überfahrt!«
Glücklich rief der Priester: »Hört auf zu streiten, meine Schüler, da kommt ein Fährschiff!«
Alle drei blickten hinüber und gewahrten auf einmal, dass es eine bodenlose Barke war. Pilger mit seinen feurigen Goldaugen hatte längst erkannt, dass es der Empfangsbuddha war: Namo Buddha Ratnadhvaja. Doch er behielt das Geheimnis für sich und rief nur: »Kommt hierher!«
Einen Augenblick später legte die Barke am Ufer an. Da rief Tripitaka erschrocken: »Wie wollt Ihr mit diesem kaputten Boot jemanden hinüberführen?«
Da sprach der Buddha: »Meine Fähre
Hat schon großen Ruhm genossen,
Als das Urchaos aufbrach;
Da ich sie hinüberführe,
Bleibt es so auch heute noch.
Auch wenn Wind und Wogen toben,
Wird sie fest und sicher bleiben;
Ohne Kummer, ohne Sorgen
Wird der Körper leicht hintreiben.
Unbefleckt vom Erdenstaube
Geht er in die Leerheit ein,
Wird äonenlange Zeiten
Heiter und gelassen sein.
Schwerlich überquert ein Boot
Bodenlos die weite See;
Doch seit jeher führt es schon
Wesen der Erlösung zu!«
Da faltete der Große Heilige die Hände und sprach: »Habt Dank für die große Gunst, meinen Meister zu empfangen! Meister, steigt auf! Seine Barke hat zwar keinen Boden, aber sie ist fest und stabil, geht auch bei Wind und Wetter nicht unter.«
Als der Priester immer noch zögerte, stieß ihn Pilger am Nacken voran. Der Meister verlor den Halt und fiel ins Wasser, doch schon hatte ihn der Fährmann hochgezogen, und nun stand er in der Barke. Während er noch sein Gewand auswrang und Pilger rügte, stieg Pilger mit Sandmönch und Bajie, Pferd und Gepäck ebenfalls ein, und alle drängten sich an die Bootswand. Sachte stieß der Buddha seine Barke vom Ufer ab. Da trieb vom Oberlauf eine Leiche auf den Wellen heran. Der Priester war sehr erschrocken.
»Fürchtet Euch nicht, Meister«, lachte Pilger, »das wart einst Ihr!«
»Fürchtet Euch nicht, Meister«, lachte Pilger, »das wart einst Ihr!«
Bajie und Sandmönch klatschten in die Hände und riefen ebenfalls: »Ja, ja, das wart Ihr!«
Und der Fährmann sprach im Rhythmus seines Ruderliedes: »Ja, das wart Ihr, gratuliere, gratuliere!«
Binnen kurzem hatten sie leicht und sicher den Wolkenhohen Übergang der Unsterblichen überquert. Da wandte sich Tripitaka nach vorn und sprang leichten Fußes ans andere Ufer.
Ein Gedicht besagt:
Abgestreift die äußere Hülle
Dieses Fleisch und dies Gebein,
Innigste Verbundenheit
Ist im Ursprungsgeist daheim.
Heute ist der Weg vollendet,
Buddhas sollen sie nun werden;
Reingewaschen ist der Staub
Aller Wahrnehmung auf Erden.488
Das war nun also tatsächlich jene zeitlose Unendlichkeit: in vollkommener Weisheit das andere Ufer erreichen.489
Als die vier vom Ufer zurückblickten, war die bodenlose Barke verschwunden. Jetzt erst verriet Pilger, dass es der Empfangsbuddha gewesen war. In plötzlicher Erkenntnis wandte sich Tripitaka um und bedankte sich stattdessen bei seinen Schülern.
»Wir brauchen einander nicht zu danken«, meinte Pilger, »wir haben uns doch alle gegenseitig unterstützt. Wir haben es dem Meister zu verdanken, dass er uns dazu bewogen hat, der Lehre beizutreten und uns der Vervollkommnung zu widmen, und jetzt haben wir ja tatsächlich die Rechte Frucht erlangt! Unser Meister wiederum hat dank uns und dank Buddhas Kraft glücklich seinen irdischen Leib abstreifen können. Schaut nur, Meister, all die Blumen und Gräser, Kiefern und Bambusstauden, all die Paradiesvögel, Phönixe, Kraniche und Hirsche in dieser wunderbaren Umgebung! Und das im Vergleich zu jener Welt, in der so viele dämonische Wesen in Erscheinung treten! Welche ist von Heil und welche von Übel?«
Tripitaka dankte in einem fort. Anschließend schritten sie leicht und frei den Seelenberg hinan und erblickten bald den ehrwürdigen Tempel des Donnergrollens. So sah er aus:
Hoch strebt er zum Himmel auf,
Wurzelnd im Sumeru-Berg;
Prachtvoll wie die Gipfelkuppen
Mit bizarrem Felsengrat.
Unter Felsabhängen blühen
Jadegräser, Jaspisblumen;
An gewundnen Pfaden reifen
Purpurpilze, Orchideen.
Stupas sind zu sehen,
Udumbaras duften!490
Golden leuchten Dächer hell
Mit gepaarter Ziegelschicht;
Blendend strahlt das Mauerwerk
Mit Achat in herrlicher Pracht.
Unermesslich viele Hallen
Gleich wie Blüten oder Perlen;
So weit auch das Auge reicht:
Edle Türme und Kapellen!
Von der Himmelskönigshalle
Scheint der Morgenröte Hauch;
Wo die Schutzgottheiten stehen,
Lodern Purpurflammen auf!
So war es in der Tat:
In den herrlichen Gefilden,
Scheint der Himmel wie erneuert;
Wenn die Wolken ruhig gleiten
Ist’s, als ob der Tag fortdauert.
Hier dringt Erdenstaub nicht ein,
Alles Schicksal ist vorbei;
Groß sind diese Dharmahallen,
Ewiglich von Leiden frei!
Erlöst und erleichtert erreichten Meister und Schüler den Gipfel des Seelenberges. Hier sahen sie:
Mönche und Nonnen in Reihen
Unter Zypressen-Alleen,
Zwischen smaragdenen Kiefern
Lauter Gläubige stehen.
Der Priester verneigte sich grüßend, worauf die Mönche,
Nonnen, Laienbrüder und Laienschwestern sprachen: »Heiliger Priester, Ihr braucht Euch hier nicht zu verneigen. Wenn Ihr Shakyamuni gesehen habt, können wir uns gerne noch unterhalten.«
»Ja, das ist noch viel zu früh«, lachte Pilger, »lasst uns zuerst den auf dem höchsten Throne ehren.«
Leichtfüßig und beschwingt folgte der Priester Pilger zum Tempel des Donnergrollens. Am Portal wurden sie von zwei Diamantwächtern empfangen, die ihnen zuriefen: »Da seid Ihr also, heiliger Priester!«
»Ja«, sprach Tripitaka mit einer leichten Verneigung, »Jünger Xuanzang ist hier.« Nach dieser Antwort wollte er eintreten, doch der Diamantwächter sprach: »Wartet einen Augenblick, heiliger Priester. Gestattet, dass wir Euch anmelden, bevor Ihr eintretet.«
Einer der Diamantwächter meldete die Nachricht vom Eingangsportal an die Vier Großen Diamantwächter beim zweiten Tor weiter, diese wiederum leiteten sie zum dritten Tor, hinter dem sich die heiligen Mönche befanden, die dem höchsten Altar dienten. Diese eilten nun zur Haupthalle und meldeten Tathagata, dem höchsten edlen Buddha Shakyamuni: »Die Schriftenholer aus dem chinesischen Kaiserreich sind da!«
Der Buddha freute sich sehr. Unverzüglich rief er die Acht Bodhisattvas, die Vier Diamantwächter, die fünfhundert Arhats und dreitausend Genien, die Elf Strahlenden Sterne und Achtzehn Schutzgötter der Klöster herbei und hieß alle in zwei langen Reihen Spalier stehen, dann ließ er den Priester auf höchstes Geheiß vorladen. Gemessenen Schrittes trat Tripitaka in würdevoller Haltung zusammen mit Wukong, Wuneng, Wujing, Pferd und Gepäck durch das Portal hinein. So war es in der Tat:
Kühn entschlossen nahm er einst
Des Kaisers hohen Auftrag an,
Ging nach Abschied vor dem Thron
Mit dem Reisepass voran.
Stieg frühmorgens aus dem Tal
Hoch in Tau und Dunst hinein,
Legte sich zur Dämmerstunde
Neben Wolken auf den Stein.
Pilgerte in weite Fernen
Über Tausende von Strömen;
Schritt mit forschem Priesterstab
Aus zu meilenweiten Höhen.
Dem Gewinn der Wahren Frucht
Galt sein Sinnen und sein Beten;
Heute endlich kann er nun
Vor Tathagata treten!
Nun gelangten die vier Pilgernden in die Haupthalle und
warfen sich vor Buddha nieder. Nachdem sie die Stirnaufschläge beendet hatten, verneigten sie sich auch zu beiden Seiten, und anschließend vollführte ein jeder
achtungsvoll die dreimalige Umschreitung Buddhas. Daraufhin knieten sie abermals vor Buddha nieder und brachten ihm ihr Reisedokument dar. Buddha sah es durch, gab es Tripitaka wieder zurück, und dieser bedankte sich, indem er mit dem Haupt den Boden berührte. Dann wandte er sein Wort an den Erhabenen und sprach: »Euer Jünger Xuanzang ist auf Geheiß des Kaisers von China aus weiter Ferne zu Eurem kostbaren Berg gereist, um ehrfurchtsvoll die Wahren Schriften zu erbitten, mit welchen allen Lebewesen geholfen werden kann. Möge Ahnherr Buddha uns die hohe
Gunst gewähren, besagte Schriften baldmöglichst zu übergeben, damit wir sie in unser Reich bringen können.«
Jetzt erst öffnete Tathagata seinen gütigen Mund und sprach in tiefer Barmherzigkeit zu Tripitaka: »Die östlichen Gefilde, wo du herkommst, gehören zum Kontinent Jambudvipa. Auf jener Erde, unter dem hohen Himmel, gibt es vielgestaltige Dinge und massenweise Menschen, doch sie sind beherrscht von Gier und Mordlust, Trieb und Wahn, Lug und Trug, weil sie die buddhistische Lehre nicht achten und sich nicht dem Guten zuwenden. Sie verehren weder die drei Gestirne noch die fünf Getreidesorten, allenthalben mangelt es an den Pflichten der Fürstentreue und der Kindesliebe, an Gerechtigkeit und an Menschenliebe, stets betrügen sich die Menschen selbst, sind voller Geiz, töten und schlachten und begehen zahllose Sünden. Ihre Frevel und Missetaten haben derart jedes Maß überstiegen, dass schließlich die Hölle entstanden ist. So stürzen sich nun die Menschen auf Ewigkeiten in die Unterwelt, müssen dort schreckliche Qualen und großes Leid abbüßen und werden am Ende als Tiere wiedergeboren. Viele jener Wesen mit Pelz und Hörnern sind solche, die mit ihrem Leibe Buße tun und ihr Fleisch für Menschen zum Verzehr hergeben müssen. Und jene, die auf ewig in der Avici-Hölle491 schmachten müssen und keine Erlösung finden, erleiden dies aus denselben Gründen. Zwar
begründete bei Euch Konfuzius seine Lehre der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Ethik und Weisheit, und die
Herrscher aller Dynastien bestrafen Vergehen mit Gefangenschaft, Exil, Erhängen oder Enthauptung, aber dennoch verharren die Menschen in ihrer Verblendung, lassen sich gehen und kennen keinerlei Tabus! Darum habe ich hier nun das Tripitaka, die drei Körbe Heiliger Schriften. Sie vermögen die Menschen aus Kummer und Not zu erlösen und über die Ursachen vergeltender Schicksalsschläge aufzuklären. Das Tripitaka enthält einen Korb mit Dharma-Schriften über die Naturgesetze des Himmels, einen Korb mit Sastra- Schriften über die Gegebenheiten der Erde und einen dritten Korb mit Sutra-Schriften zur Erlösung der Seelen. Sie sind aufgeteilt in 35 Kategorien, welche insgesamt 10 144 Schriftrollen umfassen. Fürwahr, dies ist der Pfad zur Vollendung der Wahrheit, das Tor zum wahrhaft Guten! Es gibt nichts unter dem Himmel und auf den vier Kontinenten, was nicht darin aufgezeichnet wäre, ob aus der Himmels- oder der Erdkunde, über Menschen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände oder Ereignisse. Da Ihr aus weiter Ferne hierher gepilgert seid, will ich Euch all dies mitgeben. Allerdings sind die Menschen bei Euch ungehobelt und einfältig; sie verleumden das wahre Wort und vermögen das tiefe Geheimnis meiner Lehre nicht zu erkennen.« Nun rief er seine Jünger Ananda und Kasyapa herbei und sprach zu ihnen: »Führt die vier Mönche unter die Schatzpagode und offeriert ihnen erst eine Klostermahlzeit. Nach dem Essen öffnet ihr die Schatzkammer und entnehmt allen 35 Kategorien meines Tripitakas ein paar Schriften für sie, auf dass diese in den östlichen Gefilden in Umlauf kommen und die Gnade der Allmacht auf ewig eingeschrieben werde.«
Wie geheißen führten die erhabenen Jünger die vier Pilgermönche zur besagten Pagode. Alles war von den erlesensten Schätzen und Kostbarkeiten erfüllt, die sich in tausendfältigen Varianten vor ihnen ausbreiteten. Schon sahen sie die Götter, welche für die Opfergaben zuständig waren, eine Klostermahlzeit aufstellen. Da gab es alle nur erdenklichen Götterspeisen und Leckerbissen, himmlische Tränke und Früchte, unzählige Delikatessen, mit irdischen Dingen nicht zu vergleichen. Meister und Schüler verneigten sich zum Dank und begannen nach Lust und Laune zu speisen. So war es in der Tat:
Golden strahlen edle Schätze
Leuchtend in die Augen;
Feine Düfte edler Speisen
Sind kaum zu beschreiben.
Tausende von hohen Hallen,
Welch ein Anblick wunderbar;
Buddhas Götterklänge schallen,
Dringen klar und rein ins Ohr.
Der profanen Hülle ledig,
Wird er ohne Alter sein,
Der Unsterblichen Getränke
Flößen langes Leben ein.
Unzählbare Not und Pein
Musste er einst überwinden;
Heute jedoch glänzt sein Ruhm,
Froh darf er den Weg vollenden!
Diesmal kam Bajie richtig zu seinem Genuss, und auch Sandmönch konnte sich erlaben. An Buddhas Stätte standen ihnen so viele erquickende Speisen bereit, wie sie nur essen mochten. Die beiden erhabenen Jünger leisteten ihnen beim Essen Gesellschaft, und als sie fertig waren, begab man sich zur Schatzkammer. Die Tür wurde geöffnet, sie traten ein und schauten. Alles strahlte in tausendfältigem Schimmer, ganz
von einer heilvollen Aura umhüllt; zahllose
regenbogenfarbene Nebelschleier und glückverheißende Wolken wogten ringsum auf und ab, und in den Regalen lagen in wertvollen Schatullen die Heiligen Schriften. Auf roten Etiketten stand in klarer Regelschrift geschrieben, um welche Schriften es sich handelte. Es waren die folgenden:
Nirvana Sutra
748 Rollen
Bodhisattva Sutra
1021
Rollen
Akasagarbha Sutra
400 Rollen
Surangama Sutra
110 Rollen
Gesammelte Sutras vom Gewahrsein der
Gunst
50 Rollen
Sutra der Entschiedenheit
140 Rollen
Schatzkorb Sutra
45 Rollen
Avatamsaka Sutra
500 Rollen
Sutra der Verehrung Tathagatas
90 Rollen
Mahaprajnaparamita Sutra
916 Rollen
Mahaprabhasa Sutra
300 Rollen
Adbhutadharma Sutras
1111
Rollen
Vimalakirti Sutra
170 Rollen
Die drei Sastras
270 Rollen
Diamant-Sutra
100 Rollen
Saddharma Sastra
120 Rollen
Buddhacaritakavya Sutra
800 Rollen
Fünf Drachen Sutra
32 Rollen
Bodhisattva-Vinaya Sutra
116 Rollen
Mahasamghata Sutra
130 Rollen
Makara Sutra
350 Rollen
Lotos-Sutra
100 Rollen
Yoga-Sutra
100 Rollen
Sutra der Kostbaren Ewigkeit
360 Rollen
Westhimmel-Sastra
130 Rollen
Sanghika Sutra
156 Rollen
Diverse Sutras zum Buddhareich
1950
Rollen
Sraddhotpada Sastra
1000
Rollen
Sutra der Erlösung durch Weisheit
1080
Rollen
Sutra der Kostbaren Macht
1280
Rollen
Sutra der Ursprungshalle
850 Rollen
Sutra der Texte zur rechten Disziplin
120 Rollen
Großes Pfauen-Sutra
220 Rollen
Vijnaptimatratasiddhi Sastra
100 Rollen
Abhidharma-Kosa Sastra
200 Rollen
Nachdem Ananda und Kasyapa dem Priester alle Titel der Heiligen Schriften gezeigt hatten, sprachen sie zu ihm: »Heiliger Mönch, der Ihr aus dem fernen Osten hierhergereist seid; was für Geschenke habt Ihr mitgebracht? Lasst sehen, dann werden wir Euch die Schriften geben.«
Als Tripitaka dies hörte, sprach er: »Jünger Xuanzang hat einen allzu weiten Weg hinter sich. Ich habe nichts mitgebracht.«
Die beiden Erhabenen lachten: »Na schön! Da kommt er mit leeren Händen daher, und wir sollen ihm Schriften zur Verbreitung über viele Generationen überreichen! Wollt Ihr etwa unsere Nachfahren hungern lassen?«
Pilger, der ihr kleinliches Verhalten beobachtete und merkte, dass sie die Schriften nicht herausrücken wollten, konnte sich nicht halten und rief: »Kommt, Meister, das melden wir Tathagata und lassen ihn die Schriften eigenhändig überreichen.«
»Schweig!« fuhr ihm Ananda über den Mund, »glaubst du etwa, dies wäre ein Ort, wo du dich frech aufführen kannst? Kommt her und nehmt eure Schriften.«
Bajie und Sandmönch mahnten Pilger zur Zurückhaltung. Dann folgten sie den beiden Jüngern und nahmen die Schriften in Empfang. Eine Rolle nach der anderen legten sie zu ihrem Gepäck und luden alles auf den Pferderücken; zuletzt schnürten sie noch zwei Packen zusammen, welche Bajie und Sandmönch an Tragstangen aufschulterten.
Anschließend traten sie abermals vor den höchsten Thron, vollzogen Stirnaufschläge und bedankten sich bei Tathagata. Auf dem Weg nach draußen machten sie vor jedem Buddha und jedem Bodhisattva eine zweimalige Verbeugung, und beim Eingangsportal verneigten sie sich auch noch vor allen Mönchen und Nonnen, Laienbrüdern und Laienschwestern. So nahmen sie Abschied und traten ihren Rückweg an.
Doch lasst uns noch aus der Schatzkammer berichten, wo nämlich der Uralte Buddha Dipamkara, der »Anzünder der Leuchte«, mitangehört hatte, wie die Schriften übergeben worden waren. Ihm war sofort klar, dass Ananda und Kasyapa den Pilgern in Tat und Wahrheit unbeschriebene Schriftrollen mitgegeben hatten. Da sann er im Stillen: »Die Lebewesen im Osten sind so verblendet, dass sie Schriften ohne Worte unmöglich verstehen können. Hätte dann der heilige Priester seine ganze Reise nicht umsonst gemacht?«
Also fragte er: »Wer ist bei Throne zuständig?«
Sogleich trat der ehrwürdige Weiße Recke vor, und der Uralte Buddha sprach: »Bitte eile dem chinesischen Priester nach und nimm ihm die unbeschriebenen Schriftrollen weg,
damit er nochmals zurückkommt, um beschriebene Schriftrollen zu holen.«
Unverzüglich ging der ehrwürdige Weiße Recke aus dem
Tempel des Donnergrollens, entfaltete draußen seine göttlichen Kräfte und stieg in einem Sturmwind in die Höhe.
Der Priester aber, der seines Weges ging, gewahrte auf einmal, wie ein duftender Windstoß brausend heranstürmte. Da er es für ein glückliches Omen Buddhas hielt, war er nicht weiter auf Vorsicht bedacht, doch plötzlich krachte es, aus den Lüften kam eine Hand herunter, hob die Lasten sachte vom Pferderücken und trug sie davon. Entsetzt schrie Tripitaka auf und schlug sich verzweifelt mit der Faust an die Brust. Pilger aber schoss pfeilschnell nach oben. Wie der Weiße Recke Pilger kommen sah, riss er aus Angst, dieser könnte in blinder Wut seine Stange zücken und ihn am Ende gar verletzen, das Bündel auf und ließ die Schriften in den Staub hinunterfallen. Als Pilger sah, wie die Schriften vom Wind zerstreut wurden, ließ er von einer Verfolgung ab und senkte seine Wolke, um sich um die Schriften zu kümmern. Wie der Weiße Recke nun Wind und Nebel einstellte und sich in den Tempel begab, um beim Uralten Buddha Bericht zu erstatten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Als Bajie die Schriften fallen sah, machte er sich mit Pilger daran, sie einzusammeln, schulterte alles auf und kam zu Tripitaka. Unter Tränen rief dieser: »Ach, meine Schüler! Sogar in diesen paradiesischen Gefilden gibt es schlimme Dämonen, die uns betrügen und schädigen!«
Sandmönch nahm die eingesammelten Schriften entgegen und blätterte ein wenig. Doch da war ja alles leer, ohne ein halbes Schriftzeichen! Bestürzt hielt er Tripitaka die Schriftrolle hin und sprach: »Meister! In dieser Schriftrolle steht nichts geschrieben.«
Pilger öffnete eine weitere Rolle, doch auch diese war unbeschriftet. Da hieß ihn Tripitaka, alles durchzuschauen. Rolle um Rolle war nichts als weißes Papier!
Der Priester tat einen tiefen Seufzer und sprach: »Im Osten ist uns wahrhaftig kein Glück vergönnt! Was nützt es, wenn wir leere Rollen mitbringen? Wie könnten wir damit je vor den Kaiser zu treten wagen? Es käme dies einem Betrug am Herrscher gleich, darauf steht die Todesstrafe!«
Pilger aber hatte die Sache längst durchschaut. Er sprach zu Tripitaka: »Meister, keine Frage, das ist wegen dieser üblen Kerle, Ananda und Kasyapa. Die wollten Geschenke von uns, und weil wir keine hatten, gaben sie uns nur diese leeren Rollen. Gehen wir sofort zurück und zeigen die beiden beim Tathagata wegen Betrug und Erpressung an!«
»Ja, genau!« fiel Bajie ein. Also machten sie kehrt und eilten ungehalten zum Tempel des Donnergrollens. Bald standen sie am Eingang, wo die Anwesenden sie mit übereinandergewölbten Händen begrüßten und lachend fragten: »Kommt der heilige Priester, um die Schriften umzutauschen?«
Tripitaka nickte dankend. Die Diamantwächter ließen sie ungehindert eintreten, und so gelangten sie direkten Weges in die Haupthalle.
Da wetterte Pilger lauthals drauflos: »Tathagata! Unser Meister und wir Schüler haben unsägliche Mühen durchlitten, bis wir endlich hier angelangt sind, wo Ihr den Befehl erteilt habt, uns die Schriften mitzugeben. Doch Ananda und Kasyapa haben uns erpressen wollen, und weil wir nicht darauf eingegangen sind, haben sie gemeutert, uns betrogen und uns absichtlich Schriftrollen mit unbeschriebenem weißem Papier gegeben! Was sollen wir damit anfangen? Wir bitten Tathagata, diese Sache ins Reine zu bringen.«
Buddha aber lächelte und sprach: »Dass euch die beiden nach Geschenken fragten, ist mir schon bekannt. Doch es ist nun einmal so, dass die Heiligen Schriften nicht ohne weiteres übergeben werden und man sie nicht mit leeren Händen bekommt. Als einst die Mönche und Nonnen hinabsteigen wollten, um bei Ehrwürden Zhao in Sravasti die Heiligen Schriften zu rezitieren, damit es seiner Sippschaft wohlergehe und seine Ahnen Erlösung fänden, kriegten sie dafür nur drei und ein Drittel Scheffel Gold- und Silberkörner. Ich habe ihnen vorgeworfen, dass sie ihre Sache derart billig verkauften, denn wo bliebe sonst noch Geld für unsere Nachfahren übrig! Weil ihr heute mit leeren Händen gekommen seid, habt ihr eben leere Schriften erhalten. Eigentlich sind leere Schriften die ›Wahre Schrift ohne Worte‹, das ist auch sehr gut. Für die Menschen bei euch im Osten, die so unwissend und verblendet sind, kann man nur diese geben.«
Nun rief er nach Ananda und Kasyapa und sprach zu ihnen: »Holt sofort aus jeder Abteilung ein paar Wahre Schriften mit Worten und meldet mir anschließend die genaue Anzahl!«
Also führten die beiden Erhabenen die Pilgermönche abermals in die Schatzkammer des Schatzpavillons, wo sie aber wie zuvor den Priester um Geschenke baten. Da Tripitaka nichts besaß, was er ihnen hätte anbieten können, hieß er schließlich Sandmönch, seine purpurgoldene Almosenschale aus dem Gepäck zu nehmen, brachte sie mit beiden Händen dar und sprach: »Euer Jünger hat einen langen Weg der Not und Entbehrung hinter sich, daher war es wirklich nicht möglich, Geschenke mitzuführen. Diese Schale aber hat mir der Kaiser von China eigenhändig überreicht, und damit habe ich auf der ganzen Reise um Speise gebeten. So will ich euch nun diese Schale geben, als ein kleines Zeichen der Dankbarkeit. Mögen die Erhabenen uns jene Wahren Schriften verleihen, die auch wirklich beschriftet sind, damit wir des Kaisers Erwartungen nicht enttäuschen und die Mühen unserer langen Reise nicht umsonst gewesen sind!«
Ananda nahm die Schale mit verhaltenem Lächeln entgegen. Die danebenstehenden Wächter der Schatzpagode und die Götter der Schatzkammer schubsten sich an, zwickten einander in die Wange, tippten einander auf die Schulter, schnippten leise mit den Fingern, schürzten die Lippen und murmelten grinsend vor sich hin: »Wie unverschämt, von Schriftenholern Geschenke zu verlangen!«
Dies machte nun Ananda so verlegen, dass er das Gesicht verzog, die Schale aber hielt er fest in seinen Händen. Schließlich ging Kasyapa in die Kammer, um die Schriften auszusuchen; eine Rolle nach der anderen überprüfte er und reichte sie Tripitaka.
»Schaut alles genau an«, schärfte dieser seinen Schülern ein, »dass es nicht noch einmal so ist wie zuvor!«
Die Schüler sahen jede einzelne Rolle durch, und tatsächlich, alles war beschriftet. Insgesamt erhielten sie 5048 Schriftrollen, was einem Drittel des ganzen Tripitakas Heiliger
Schriften entsprach. Nachdem sie alles ordentlich
zusammengeschnürt hatten, banden sie es auf den Pferderücken, und was übrig blieb, wurde für die Tragstange gebündelt, die sich Bajie aufschulterte. Dann führte Pilger das Pferd am Halfter, Sandmönch trug das Gepäck, Tripitaka nahm seinen Priesterstab, und so traten sie in großer Freude vor Tathagata.
So war es in der Tat:
Die drei Körbe Wahrer Schriften
Bringen grenzenlosen Segen;
Lächerlich ist doch Ananda,
Geizig nur des Geldes wegen!
Dank sei Buddha Dipamkara
Für den Tausch der leeren Rollen,
Auf dass sie im fernen Osten
Neu verbreitet werden sollen!
Nun bestieg der Buddha seinen hohen Lotosthron und hieß die erhabenen Arhats Drachenbezwinger und Tigerbändiger, die
wolkenförmigen Klangsteine anzuschlagen und alle
dreitausend Buddhas, Genien, Diamantwächter und Bodhisattvas, die fünfhundert Arhats, achthundert Mönche und Nonnen sowie alle jüngeren und älteren Erhabenen und heiligen Geistlichen aus allen Himmeln und Grotten, gesegneten Landen und geheiligten Bergen einzuladen. Wer selbst einen Thronsitz hatte, wurde auf seinen Platz gebeten, während die anderen sich zu beiden Seiten in Reihen aufstellten. Alsbald erscholl ringsum himmlische Musik in klaren göttlichen Melodien, derweil sich der ganze Himmel mit glückverheißendem Licht und heilvollen Dunstschleiern erfüllte.
Nachdem alle Buddhas eingetroffen waren und sich vor Tathagata verbeugt hatten, wandte sich dieser an Ananda und Kasyapa und fragte: »Wie viele Schriften habt ihr ihnen mitgegeben? Lasst mich die genaue Anzahl wissen.«
Da begannen die beiden Erhabenen mit ihrer Aufzählung und sprachen: »Folgendes soll dem chinesischen Kaiserhof übergeben werden:
Nirvana Sutra
400 Rollen
Bodhisattva Sutra
360 Rollen
Akasagarbha Sutra
20 Rollen
Surangama Sutra
30 Rollen
Gesammelte Sutras vom Gewahrsein der
Gunst
40 Rollen
Sutra der Entschiedenheit
40 Rollen
Schatzkorb Sutra
20 Rollen
Avatamsaka Sutra
81 Rollen
Sutra der Verehrung Tathagatas
30 Rollen
Mahaprajnaparamita Sutra
600 Rollen
Mahaprabhasa Sutra
50 Rollen
Adbhutadharma Sutras
550 Rollen
Vimalakirti Sutra
30 Rollen
Die drei Sastras
42 Rollen
Diamant-Sutra
1 Rolle
Saddharma Sastra
20 Rollen
Buddhacaritakavya Sutra
116 Rollen
Fünf Drachen Sutra
20 Rollen
Bodhisattva-Vinaya Sutra
60 Rollen
Mahasamghata Sutra
30 Rollen
Makara Sutra
140 Rollen
Lotos-Sutra
10 Rollen
Yoga-Sutra
30 Rollen
Sutra der Kostbaren Ewigkeit
170 Rollen
Westhimmel-Sastra
30 Rollen
Sanghika Sutra
110 Rollen
Diverse Sutras zum Buddhareich
1638
Rollen
Sraddhotpada Sastra
50 Rollen
Sutra der Erlösung durch Weisheit
90 Rollen
Sutra der Kostbaren Macht
140 Rollen
Sutra der Ursprungshalle
56 Rollen
Sutra der Texte zur rechten Disziplin
10 Rollen
Großes Pfauen-Sutra
14 Rollen
Vijnaptimatratasiddhi Sastra
10 Rollen
Abhidharma-Kosa Sastra
10 Rollen
Von allen 35 Kategorien der Heiligen Schriften am Lager haben wir insgesamt 5048 Rollen genommen und dem heiligen Priester zur Verbreitung im fernen Osten überreicht. Inzwischen liegt alles reisefertig in Packlasten verteilt. Sie warten nur noch darauf, sich bei Euch bedanken zu dürfen.«
Tripitaka und seine Schüler banden das Pferd an, legten die Packen nieder, und nun verbeugte sich jeder mit gefalteten Händen vor Buddha.
Da wandte sich Buddha an Tripitaka und sprach: »Diese Heiligen Schriften sind von unermesslichem Segen. Obschon sie unsere Ansicht darstellen, handelt es sich in Wirklichkeit um den Kern aller drei Religionen. Wenn Ihr nun auf Euren Kontinent Jambudvipa zurückkehrt und dort allen Wesen diese Schriften offenbart, sollen diese niemals achtlos behandelt werden. Nur wer ein reinigendes Bad genommen und gefastet hat, soll diese Schriften aufschlagen. Schätzt sie hoch und nehmt sie ernst! Sie enthalten das tiefe Geheimnis, wie der Mensch unsterblich werden und das große Dao vollenden kann, es ist eine wunderbare Lehre über die große Schöpferkraft der Natur!«
Tripitaka bedankte sich mit einem tiefen Stirnaufschlag und gelobte, sich an Buddhas Worte zu halten. Anschließend ehrten sie Buddha abermals mit dreimaliger Umschreitung des Altars und traten schließlich mit den Heiligen Schriften ab. Beim Durchschreiten der drei Tore bedankten sie sich auch noch einmal bei allen Heiligen.
Nachdem Tathagata den Priester verabschiedet und die Versammlung zur Schriftenübergabe aufgelöst hatte, trat von der Seite Bodhisattva Guanyin vor Buddha, faltete die Hände und sprach: »Seit ich einst auf Euer goldenes Edikt in den Osten ging, um einen Schriftenholer zu suchen, sind vierzehn Jahre verflossen, das sind insgesamt 5040 Tage. Nun fehlen noch acht Tage bis zur Übereinstimmung mit der Anzahl der überreichten Schriften. Ich bitte um Erlaubnis, nun das Goldene Edikt zurückgeben zu dürfen.«
»Ihr habt recht gesprochen«, erwiderte Buddha freudig, »das Goldene Edikt kann zurückgegeben werden.« Und er befahl den Acht Großen Diamantwächtern: »Entfaltet eure göttlichen Kräfte und führt den heiligen Priester heim in den Osten, damit er die Wahren Schriften verbreite. Anschließend sollt ihr den heiligen Priester wieder in den Westhimmel bringen. Dies muss innerhalb von acht Tagen geschehen, damit die Anzahl der Tage mit den Schriftrollen eines Korbes übereinstimmt. Es ist keine Zeit zu verlieren!«
Bald hatten die Diamantwächter den Priester eingeholt und riefen ihm zu: »Folgt uns, Schriftenholer!«
Da stiegen der Priester und seine Schüler leicht und frei in die Lüfte und schwebten mit den Diamantwächtern auf Wolken voran. So war es in der Tat:
Das Herz erkennend und das Wesen schauend,
Schreiten sie zu Ahnherrn Buddha vor;
Endlich ist das Werk getan, der Weg vollendet,
Zum Himmel schweben sie nun hoch empor!
Da wir aber nicht wissen, wie sie im Osten die Heiligen Schriften verbreiteten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.