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099 Neunmal Neun vollbringt die Zahl, Dämonisches ist abgetan / Dreimal Drei erfüllt das Werk, der Weg kehrt sich zur Wurzel

Wie berichtet wurde, führten die Acht Diamantwächter Tripitaka zurück, doch sei dies hier nicht weiter ausgeführt. Denn beim zweiten Toreingang im Tempel des Donnergrollens traten nun die Fünf Genien der Himmelsrichtungen, die Vier Zeitgötter, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger sowie die Schutzgötter aller Klöster auf Bodhisattva Guanyin zu und sprachen: »Wir alle haben auf Euer Geheiß dem heiligen Priester stets im Verborgenen schützend beigestanden. Nun, da seine Pilgerreise vollendet ist und Ihr, Bodhisattva, Buddhas Goldenes Edikt zurückgegeben habt, hoffen wir ebenfalls auf die Erlaubnis, Euch das gesegnete Edikt zurückzugeben.«

»Das sei euch erlaubt«, sprach die Bodhisattva freudig und fragte: »Wie steht es denn um den Wandel des Herzens des chinesischen Priesters und seiner Schüler auf dieser Pilgerreise?«

»Fürwahr, sie sind von frommem Herzen und aufrechtem Sinn! Eurem durchdringenden Blicke kann dies nicht entgangen sein. Allerdings musste dieser Priester unsäglich viel Leid durchmachen. Eure Jünger haben all das Unheil, das ihm auf seiner Reise widerfahren ist, mit Sorgfalt aufgelistet. Hier ist das Verzeichnis seiner Leiden.«

Die Bodhisattva las alles durch. Darin stand geschrieben:

1. Verbannung von Meister Goldzikade auf Erden;

2. Knapp verhinderte Tötung nach der Geburt;

3. Aussetzung im Fluss im Alter von einem Monat;

4. Suche nach Verwandten und Vergeltung des

Unrechts;

5. Begegnung mit einem Tiger nach Verlassen der

Stadt;

6. Fall in eine Grube und Verlust der Gefolgsleute;

7. Leid am Doppelgabelberg;

8. Leid auf dem Grenzberg;

9. Pferdetausch in steiler Schlucht;

10. Nächtlicher Brand;

11. Verlust der Priesterrobe;

12. Aufnahme von Bajie;

13. Behinderung durch den Gelbwinddämon;

14. Anrufung von Bodhisattva Lingji;

15. Schwer überwindbarer Sandfluss;

16. Aufnahme von Sandmönch;

17. Offenbarung der Vier Heiligen;

18. Kloster der Fünf Weiler;

19. Schwierige Rettung des Ginsengbaumes;

20. Vertreibung des Herzaffen;

21. Irrgang im Wald der Schwarzen Kiefern;

22. Briefzustellung im Lande Baoxiang;

23. Verwandlung in einen Tiger am Königshof;

24. Begegnung mit Dämonen vom Flachdachberg;

25. Aufhängung in der Lotosgrotte;

26. Rettung des Herrschers von Schwarzhahnland;

27. Verkörperung durch einen Dämon;

28. Begegnung mit Ungeheuer auf dem Heulberg;

29. Erfassung des heiligen Mönchs durch

Sturmwind;

30. Schädigung des Herzaffen;

31. Bitte an Heilige zur Unterwerfung des Dämons;

32. Versinken im Schwarzwasser;

33. Land der Trägen Wagen;

34. Die große Wette;

35. Bann der Daoisten und Rückkehr der Buddhisten;

36. Behinderung durch großes Gewässer;

37. Fall in den Fluss zum Himmel;

38. Offenbarung mit dem Fischkorb;

39. Der Dämon vom Goldbeutel-Berg;

40. Vergeblicher Beistand der Himmelsgötter;

41. Erfragen des Ursprungs bei Buddha;

42. Vergiftung durch Wasser;

43. Heiratszwang im Frauenland Xiliang;

44. Leiden in der Pipa-Grotte;

45. Zweite Vertreibung des Herzaffen;

46. Schwer erkennbarer Rhesusaffe;

47. Behinderung durch Flammenberg;

48. Auftreiben des Palmfächers;

49. Bändigung eines Dämonenkönigs;

50. Auskehren der Pagode im Land der Dankopfer;

51. Schatzrückführung und Rettung der Mönche;

52. Poesie auf dem Dornenkamm;

53. Notlage im Kleinen Tempel des Donnergrollens;

54. Bedrängnis der Himmelsgötter;

55. Behinderung durch Khakidreck;

56. Tätigkeit als Arzt in Purpurien;

57. Heilung einer schweren Krankheit;

58. Bändigung eines Ungeheuers und Rettung der

Königin;

59. Verwirrung durch die Sieben Gefühle;

60. Verletzung durch den Vieläugigen;

61. Behinderung am Löwenberg;

62. Ungeheuer in drei Gestalten;

63. Unglück in der Dämonenstadt;

64. Bitte an Buddha um Aufnahme der Dämonen;

65. Rettung der Kinder im Lande Bhiksu;

66. Unterscheidung von Wahr und Falsch;

67. Rettung eines Ungeheuers im Kiefernwald;

68. Krankheit in der Klosterzelle;

69. Gefangenschaft in der Bodenlosen Grotte;

70. Schwieriger Gang durch Dharmaverderb;

71. Dämon im Nebelgebirge;

72. Regenmachen in der Grafschaft der Phönixgötter;

73. Verlust der Waffen;

74. Das Rechenfest;

75. Unheil am Bambusberg;

76. Leid in der Grotte der Finsterblüte;

77. Verfolgung der Rhinozerosse;

78. Heiratsantrag in Indien;

79. Gefangenschaft in Tongtai;

80. Abstreifen der leiblichen Hülle am Wolkenhohen

Übergang.

So war es in der Tat:

Alle Genien und Götter

Ihm stets beigestanden waren,

Dennoch muss der heilige Mönch

Der Dämonen Leid erfahren.

Es erstreckte sich die Reise

Hundertundachttausend Meilen;

Fehlerlos ist auf der Liste

Eingetragen jedes Leiden.

Nachdem die Bodhisattva alles durchgelesen hatte, verkündete sie: »Im Buddhismus erfolgt der Eintritt in die Wahrheit nach der Zahl von Neun mal Neun. Nun hat aber der heilige Priester erst achtzig Leiden durchgemacht. Zur Vollendung der Summe fehlt noch ein Leid!«

Auf der Stelle befahl sie den Genien, die Diamantwächter einzuholen und noch ein letztes Leid zu verursachen. Unverzüglich schossen die Genien auf Wolken gen Osten, hatten nach einem Tag und einer Nacht die Acht Diamantwächter eingeholt und flüsterten ihnen ins Ohr: »Es verhält sich so und so; haltet euch strikt an die Weisung der Bodhisattva und zögert nicht.«

Da stellten die Diamantwächter ihren Wind ein und ließen die vier Mönche mitsamt Pferd und Gepäck zur Erde fallen.

Oho! So war es in der Tat:

Neun mal Neun kehrt in die Wahrheit,

Dieser Weg ist wirklich schwer;

Nur beständig fester Wille

Öffnet das geheime Tor.

Wichtig ist das stete Üben,

Bis Dämonen ganz verschwinden;

So erst wird Vervollkommnung

Heim zur Rechten Lehre finden.

Führe diesen großen Auftrag

Mit Beharrlichkeit zum Ziel;

Halte nie die Heiligen Schriften

Für bedeutungsloses Spiel!

Seit jeher sind sie im Innern

Mit dem Cantong Qi verbunden;494

Fehlt es nur um Haaresbreite,

Kommt das Elixier abhanden!

Als Tripitakas Füße die Erde berührten, erschrak er sehr. Bajie brach in Gelächter aus und rief: »Na schön, na schön, da haben wir’s: Wer zu sehr eilt, kommt zu spät!«

»Wahrscheinlich sollen wir hier eine Pause machen, weil wir so schnell geflogen sind«, mutmaßte Sandmönch.

Pilger meinte: »Es ist, wie der Volksmund sagt: Zehn Tage saß er tatenlos im Sande, dann machte er an einem Tag neun Strände.«495

»Lasst die müßigen Sprüche, ihr drei«, versetzte Tripitaka, »versucht lieber herauszufinden, welcher Ort das ist.«

Pilger spähte in alle Richtungen und rief schließlich: »Ja, genau, da sind wir! Meister, hört doch, wie das Wasser rauscht.«

»Dann sind wir wohl bei deinem früheren Zuhause«, meinte Bajie zu Sandmönch.

»Nein, das war der Sandfluss«, versetzte Pilger, »hier ist der Fluss zum Himmel.«

»Dann schau doch mal, an welchem Ufer wir uns befinden«, sprach Tripitaka.

Pilger schoss in die Lüfte und sah sich um, kehrte gleich darauf zurück und meldete: »Meister, wir sind am westlichen Ufer.«

»Ja, ich erinnere mich«, rief Tripitaka nun, »am östlichen Ufer lag doch das Dorf der Sippe Chen. Dort hatten sie dir die Rettung ihrer Kinder zu verdanken. Dann wollten sie Schiffe bauen, um uns hinüberzuführen, doch glücklicherweise kam eine weiße Schildkröte und führte uns ans andere Ufer. Ich weiß noch gut, wie menschenleer am westlichen Ufer alles war. Doch was sollen wir jetzt tun?«

»Da heißt es immer, man dürfe nicht schwindeln«, warf Bajie ein, »und dann stellt sich heraus, dass sogar Diamantwächter schwindeln. Die haben doch von Buddha die Weisung erhalten, uns in den Osten zu führen; warum lassen sie uns jetzt auf halbem Weg im Stich? Nun stecken wir schön in der Tinte. Wie kommen wir bloß rüber?«

»Bruder«, meinte Sandmönch, »unser Meister hat seine sterbliche Hülle abgelegt, diesmal wird er sicher nicht ins Wasser fallen. Lassen wir doch den ältesten Ordensbruder mit uns zusammen den Meister mit Magie hochheben und durch die Lüfte führen.«

Pilger aber lächelte und sprach: »Nein, so geht das nicht. Durch die Lüfte geht nicht.«

Weshalb er das wohl sagte? Wäre er bereit gewesen, eine Magie anzuwenden, hätte er den Meister problemlos über Tausende von Flüssen tragen können! Es war allein deshalb, weil er bereits verstanden hatte, dass noch ein Leid fehlte, um die Summe von Neun mal Neun zu vollenden, und dass sie nur deshalb hier aufgehalten wurden.

Also gingen Meister und Schüler langsam voran und unterhielten sich, bis sie zum Strom gelangten. Weit und breit war keine menschliche Spur zu sehen, und es gab auch nirgendwo ein Schiff. Wie sie nun unschlüssig dastanden, hörten sie plötzlich eine Stimme rufen: »Heiliger Priester! Kommt, hierher!«

Überrascht blickten sie auf. Es war wieder jene große weiße Schildkröte, die nun am Ufer den Kopf herausstreckte!

»Werter Meister!« rief sie, »ich habe jahrelang auf Euch gewartet. Endlich seid Ihr da!«

Pilger rief lachend: »Alte Schildkröte, schon damals haben wir deine Mühe in Anspruch genommen, und nun dürfen wir dich wieder treffen!«

Tripitaka, Bajie und Sandmönch waren überglücklich.

»Alte Schildkröte«, meinte Pilger nun, »wenn du wirklich gewillt bist, uns zu dienen, dann komm ans Ufer!«

Die Schildkröte gab sich einen Ruck und kroch empor. Da ließ Pilger das Pferd auf den Rückenpanzer führen, Bajie hockte sich wie damals hinter das Pferd, der Priester stand links daneben und Sandmönch rechts. Pilger aber setzte den einen Fuß auf den Hals der Schildkröte, den anderen auf ihren Kopf und rief: »Dann bring uns schön sachte hinüber, alte Schildkröte!«

Da stieß sich das Tier mit allen vieren vom Ufer ab und glitt so sicher über das Wasser, als wäre es fester Boden. So strebte es mit vier Mönchen und einem Pferd auf dem Rücken dem östlichen Ufer entgegen. Wahrhaftig, so war es nun:

Des Dharmas tiefstes Wunder

In ungeteilter Wahrheit wohnt;

Alle Dämonen sind bezwungen,

Mensch und Himmel sind erkannt.

Erstmals zeigt sich heute nun

Das ursprüngliche Gesicht,

Die Ursachen dieses Körpers

Sind zur Ganzheit nun vollbracht.

In der allerhöchsten Weisheit

Frei sie ungehindert schweben;

Im neunfachen Elixier

Sie sich unbegrenzt bewegen.496

Lasten tragend mühsam pilgern,

Davon sei nicht mehr die Rede;

Glücklich treffen sie am Heimweg

Die Schildkröte am Gestade.

Eine geraume Weile wurden sie von der alten Schildkröte sicher über den breiten Strom geführt, und gegen Abend näherten sie sich dem östlichen Ufer. Auf einmal sprach die Schildkröte: »Werter Meister, damals habe ich Euch doch gebeten, im Westhimmel Buddha Tathagata wegen meiner Vollendung zu fragen. Habt Ihr gefragt, wie lange es noch dauert, bis ich endlich einen menschlichen Körper erlangen kann?«

Nun hatte ja aber der Priester, seit er zum Seelenberg gelangt war, seine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich auf Buddha und die Heiligen Schriften gerichtet; alles andere hatte er nicht weiter bedacht. Darum hatte er natürlich auch nicht gefragt, wann die alte Schildkröte zur Vollendung finden würde. Er wusste keine Antwort zu geben. Die Schildkröte verstand, dass er nicht gefragt hatte, machte einen Schwenk, und – husch! – war sie abgetaucht. Alle vier mitsamt Pferd und Schriften fielen ins Wasser.

Oho! Da war es nun ein Glück, dass der Priester seine leibliche Hülle abgestreift und den Großen Weg vollendet hatte, sonst wäre er gewiss wie beim letzten Mal auf den Grund gesunken. Ein Glück war es auch, dass das Pferd ja eigentlich ein Drache war und auch Bajie und Sandmönch im Wasser gut zurechtkamen. Unter lautem Gelächter half Pilger dem Priester mit einer Magie aus dem Wasser und führte ihn ans östliche Ufer. Nur waren jetzt die Packen mit den Schriftrollen, Kleider, Zaumzeug und Sattel völlig durchnässt.

Als Meister und Schüler gerade erst das Ufer erreicht hatten und ihre Sachen in Ordnung zu bringen begannen, brauste plötzlich ein heftiger Windstoß heran. Der Himmel verfinsterte sich, es begann zu blitzen und zu donnern, Sand und Kieselsteine fegten herbei. Erschrocken hielt Tripitaka die Schriftenbündel fest, Sandmönch drückte die Tragstange darauf, und Bajie fasste das Pferd am Halfter. Pilger hingegen wirbelte seine Stange mit beiden Händen im Kreise herum und stand ihnen zu allen Seiten schützend bei. Der Wind und das Gewitter rührten nämlich von ein paar finsteren Dämonen, welche ihnen die errungenen Heiligen Schriften entreißen wollten. Sie mussten sich die ganze Nacht über dagegen wehren, bis bei Tagesanbruch endlich Ruhe eintrat. Der Priester, bis auf die Haut durchnässt, fragte schlotternd: »Wukong, was ist da geschehen?«

»Meister«, entgegnete Pilger, »Ihr versteht einfach die Zusammenhänge nicht. Dass Ihr diese Heiligen Schriften dank unserem Schutz erlangen konntet, bedeutet nicht weniger, als Himmel und Erde das Geheimnis der Schöpfung zu entreißen! Damit sind wir so beständig wie das Prinzip des Universums, so leuchtend wie Sonne und Mond. Wir genießen ewige Jugend, und unsere transzendenten Dharma-Körper sind unvergänglich. Dies missgönnen uns Götter und Geister und versuchen uns das Erlangte heimlich zu entreißen. Nun waren aber die Schriften erstens ganz durchnässt, zweitens konntet Ihr sie mit Eurem wahren transzendenten Körper festhalten, und drittens hab ich alter Sun sie mit dem Wesen der reinen Yang-Kraft beschützt. Außerdem nimmt gegen Morgen die Yang-Kraft ohnehin zu, und so ist es ihnen am Ende doch nicht gelungen, uns etwas zu entreißen.«

Da fiel es Tripitaka, Bajie und Sandmönch wie Schuppen von den Augen. Bald stand die Sonne hoch am Himmel, und sie trugen die Heiligen Schriften auf ein höher gelegenes Felsplateau. Dort öffneten sie die Bündel und legten die Schriften zum Trocknen an die Sonne.

Bis heute ist an jenem Ort der Fels zu sehen, auf dem die Heiligen Schriften trockneten.

Sie legten dann auch ihre Kleider und Schuhe zum Trocknen aus. Die einen standen daneben, die anderen setzten sich. So war es in der Tat:

Dieser Leib aus reinem Yang

Nimmt die Sonne in Empfang,

Nimmer wagen die Dämonen

Sich so tollkühn zu benehmen.

Hier, wo diese Schriften liegen,

Spuren an dem Felsen blieben;

Wer ist wohl seit tausend Jahren

Noch an diesen Ort gefahren?

Alle Schriften wurden durchgesehen und Band für Band an die Sonne gelegt. Auf einmal bemerkten sie, dass am Ufer ein paar Fischer auf sie zukamen. Der eine schien sie zu kennen und rief: »Werte Meister! Ihr seid doch vor einigen Jahren hier durchgepilgert, um im Westen Heilige Schriften zu holen?«

»So ist es«, meinte Bajie, »warum kennt Ihr uns?«

»Wir kommen aus dem Dorf der Sippe Chen«, erklärte der Fischer.

»Ist das weit?« fragte Bajie.

»Zwanzig Meilen südlich über diese Ebene, und ihr seid da.«

»Meister!« rief Bajie, »lassen wir die Schriften doch im Dorf der Sippe Chen fertigtrocknen! Dort kriegen wir eine gute Unterkunft und was Rechtes zu essen. Außerdem können die Leute dort gleich noch unsere Kleider stärken. Das wäre doch gut, oder?«

»Nein, wir bleiben hier«, bestimmte Tripitaka. »Sobald die Schriften trocken sind, packen wir alles ein und machen uns auf den Rückweg.«

Während die Fischer südlich über die Ebene weitergingen, trafen sie den alten Herrn Chen Cheng und riefen: »Hoher Herr, die Meister sind wieder da, die Euch vor einigen Jahren wegen dem Kinderopfer geholfen haben!«

»Wo sind sie denn?« fragte dieser.

»Dort drüben, sie trocknen auf dem Fels ihre Schriften!«

Da lief Chen Cheng mit einigen Pächtern über die Ebene, kniete vor ihnen nieder und rief: »Werte Meister! Nun seid ihr also mit den Heiligen Schriften zurück und habt eure Aufgabe vollendet! Warum kommt ihr nicht bei uns zu Besuch; was steht ihr da draußen herum? Kommt zu uns nach Hause!«

»Sobald die Schriften trocken sind, kommen wir gerne«, meinte Pilger.

»Warum sind die Heiligen Schriften und die Kleider der werten Herren denn so nass geworden?« wollte Chen Cheng wissen.

Tripitaka sprach: »Damals konnten wir diesen Strom ja dank einer weißen Schildkröte überqueren, und diese hat uns auch jetzt ans östliche Ufer geführt. Doch als wir schon fast drüben waren, fragte sie mich nach einer Sache, die ich bei Buddha hätte nachfragen sollen. Weil ich dies versäumt habe, ist sie abgetaucht, und so fielen wir alle ins Wasser.«

Anschließend erzählte er der Reihe nach, was sich alles ereignet hatte. Weil Chen Cheng so inständig um einen Besuch bat, blieb Tripitaka schließlich nichts übrig, als die Schriften

einzusammeln. Leider blieben einige Rollen des Buddhacaritakavya Sutra am Fels kleben, so dass die letzten Abschnitte abrissen. Darum ist dieses Sutra bis heute unvollständig, und auf jenem Felsen sind noch immer Spuren der Schriftzeichen zu sehen.

Bedauernd meinte Tripitaka: »Das ist unsere Schuld. Wir haben uns nicht gut genug darum gekümmert.«

»Nein, das liegt nicht daran«, warf Pilger lachend ein. »Es liegt an der Unvollständigkeit der Welt. Dass diese Sutren, die so schön vollständig waren, jetzt angerissen sind, entspricht dem tiefen Geheimnis der Unvollständigkeit. Wie könnte dies mit menschlicher Kraft je erreicht werden?«

Nachdem alles eingesammelt war, gingen sie mit Chen Cheng ins Dorf hinüber. Dort verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, und binnen kurzem strömten Alt und Jung herbei, die Pilgermönche zu sehen. Kaum hatte Chen Qing davon erfahren, stellte er einen Altar mit Weihrauch auf und stand ihnen am Eingang zum Empfang bereit, während er Trommler und Trompeter aufspielen ließ. Als die Pilgernden schließlich eintrafen, geleitete er sie in sein Anwesen und rief die ganze Sippschaft heraus, sich zu verneigen und ihnen für die damalige Rettung der Kinder zu danken. Dann ließ er Tee und vegetarische Gerichte auftischen, doch Tripitaka fühlte kein Verlangen mehr nach irdischem Essen, seit er die göttlichen Speisen bei Buddha genossen hatte. Nur weil die beiden Alten inständig bittend darauf bestanden, musste er schließlich ihnen zuliebe etwas zu sich nehmen.

Der Große Heilige, der seit jeher keine gekochten Gerichte zu sich nahm, sagte bald: »Es reicht.« Auch Sandmönch aß nicht viel, und selbst Eber Bajie schaufelte nicht wie ehedem, sondern legte die Schale bald nieder.

»Tölpel, du isst auch nichts mehr?« wunderte sich Pilger.

»Ich weiß gar nicht, was los ist«, meinte Bajie, »hab wohl eine Magenverstimmung.«

Nun wurde abgeräumt, und die beiden Alten wollten wissen, wie das Schriftenholen vonstattengegangen sei. Tripitaka berichtete ausführlich, was sich alles ereignet hatte, und wollte sich dann verabschieden. Doch wie hätten die beiden Sippen ihn ohne weiteres ziehen lassen können!

»Wir verdanken euch die Rettung unserer Kinder«, sprachen sie, »diese hohe Gunst ist mit nichts zu begleichen. Wir haben eigens einen Tempel errichtet, den ›Tempel der Lebensrettung‹; dort bringen wir euch stets Weihrauch und Kerzen dar.«

Nun rief er die geretteten Kinder Chen Guanbao und Yicheng Jin, sich mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und bat dann, den Tempel zu besichtigen. Tripitaka aber öffnete die Schriftenbündel und rezitierte vorab in ihrem Hause einen Abschnitt des »Sutra der Kostbaren Ewigkeit«. Anschließend begab man sich in den Tempel, wo die Chens wiederum eine Mahlzeit aufgetischt hatten, und noch bevor sie sich setzen konnten, liefen schon andere herbei, sie zum Essen einzuladen. Es wollte gar kein Ende nehmen. Tripitaka, der die Leute auch nicht einfach abweisen wollte, kam ihnen so gut es ging entgegen.

Der Tempel war ganz ordentlich gebaut. Tripitaka besah sich alles, und in einer oberen Etage fand er gar Statuen von sich und seinen Schülern.

»Sehr schön, ganz gut«, lobte er. Dann ging er nach unten, wo vorn und hinten im Tempel noch mehr Leute mit Einladungen warteten.

»Was ist eigentlich mit dem einstigen Tempel des Großen Königs?« wollte Pilger wissen.

»Den haben wir noch im selben Jahr abreißen lassen«, erklärten die Dorfältesten. »Werter Meister, seit wir diesen Tempel hier errichtet haben, gedeiht das Korn Jahr für Jahr, immer fahren wir gute Ernte ein. Das haben wir eurem Segen zu verdanken!«

»Das sind doch nur die Gaben des Himmels«, lachte Pilger, »was soll das mit uns zu tun haben? Doch von nun an wollen wir euch und eure Gegend segnen, auf dass ihr viele Nachkommen habt, das Vieh gedeiht und Regen und Wind alle Jahre günstig sind.«

Dankbar verbeugten sich die Dorfleute zu tiefen Stirnaufschlägen. Da kamen von allen Seiten Leute mit Obst und Speisen daher; es schien nicht mehr enden zu wollen.

»Du meine Güte!« lachte Bajie. »Damals, als wir hätten essen können, kam keine Einladung, und jetzt, da wir gar nichts mehr zu essen brauchen, kommt eine Familie nach der anderen!«

Inzwischen war die Nacht angebrochen, und Tripitaka hütete die Heiligen Schriften, ohne sie auch nur einen Augenblick zu verlassen. Schließlich setzte er sich, meditierend und die Schriften hütend, in das untere Stockwerk des Tempels.

Kurz vor Mitternacht flüsterte er: »Wukong, die Leute hier wissen, dass unser Weg vollendet und das Werk vollbracht ist. Doch heißt es nicht seit jeher: ›Wahre Menschen geben sich nicht preis; die sich preisgeben, sind nicht Wahre Menschen‹? Ich fürchte, dass wir hier zu lange aufgehalten werden und die große Sache in Verzug kommt!«

»Ihr habt recht, Meister«, stimmte ihm Pilger zu. »Lasst uns noch in dieser Nacht, wenn alle tief schlafen, still und unbemerkt aufbrechen.«

Er weckte Bajie und Sandmönch, die sofort verstanden, worum es ging. Leise nahmen alle ihre Sachen und gingen zum Ausgang. Das Tempeltor war mit einem Schloss versehen, doch Pilger öffnete es mit Magie, und so machten sie sich auf den Weg nach Osten. Plötzlich hörten sie aus halber Höhe die Acht Großen Diamantwächter rufen: »Kommt zu uns, ihr Entlaufenen!«

Plötzlich hörten sie aus halber Höhe die Acht Großen Diamantwächter rufen:

»Kommt zu uns, ihr Entlaufenen!«

Kaum hatte Tripitaka dies vernommen, schwebte er in einem duftenden Windstoß empor. So war es in der Tat:

Es ist das Elixier vollbracht,

Er kennt den wahren Kern;

Voller Kraft im ewigen Sein

Huldigt er dem inneren Herrn.

Und da wir nicht wissen, wie er schließlich zum Kaiser von China kam, lasst uns das nächste Kapitel anhören.